Beethoven

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Beethoven: Fidelio

Wiener Staatsoper 10.4. 2013

Dirigent: Adam Fischer
Regie: Otto Schenk

Florestan: Lance Ryan
Leonore: Anja Kampe
Don Pizzaro: Falk Struckmann
Don Fernando: Clemens Unterreiner
Rocco: Walter Fink

Eines steht fest: Meine Toleranz für diese verstaubten Aufführungen a la Otto Schenk sinkt von Vorstellung zu Vorstellung. Erfreulicherweise gibt es an der Wiener Staatsoper nun auch eine Reihe von passablen „modernen“ Inszenierungen, welche jene Museumsstücke noch älter aussehen lassen als sie Jahre auf dem Buckel haben. Im Sinne eines konsistenten Gesamteindrucks sollten die Opernverantwortlichen diese ästhetischen Ladenhüter zügig durch Neuinszenierungen ersetzen.
Musikalisch war der Abend mäßig, was in erster Linie am uninspiriert spielenden Staatsopernorchester lag. Vor allem die erste Hälfte war orchestral enttäuschend, das letzte Drittel deutlich besser. Die gesangliche Leistung hob sich positiv davon ab, auch wenn mich Lance Ryan als Florestan nur bedingt überzeugen konnte. Das Libretto des Fidelio ist ebenfalls kein Meisterwerk. So lobenswert das Pathos gegen Tyrannei und Menschenrechte ist, so naiv ist die Hoffnung auf Rettung durch aufgeklärte Feudalherrscher. Musikalisch hat Beethoven einige deutlich hörbare Anleihen bei Mozarts Zauberflöte genommen.

Hagen Quartett

Konzerthaus 12.10. 2012

«Beethoven-Zyklus»

Ludwig van Beethoven:

Streichquartett D-Dur op. 18/3 (1799)
Streichquartett A-Dur op. 18/5 (1799)
Streichquartett Es-Dur op. 127 (1822-1825)

Mein erstes Livekonzert mit dem Hagen Quartett. Nun reicht ein Konzert nicht aus, um prinzipielle Schlüsse über die Interpretationsweise eines Ensembles zu ziehen. Mir kam ihre Spielweise aber sehr unprätentiös vor. Oft profilieren sich Kammerensembles ja durch eine besonders originelle (z.B. „aggressive“) Spielweise, was durchaus gut funktionieren kann. An diesem Abend stand aber Beethovens grandiose Streichquartettmusik im Mittelpunkt, nicht die Musiker. Eine Wohltat im aktuellen Konzertbetrieb. Bin auf die weiteren Konzerte gespannt und werde berichten, ob sich der erste Eindruck bestätigt.

Maynard Solomon: Beethoven

Im Zuge einer intensiven Wiederbeschäftigung mit Beethoven las ich Solomons Biographie. Es hätte inzwischen neuere Lebensbeschreibungen gegeben, aber die Empfehlung kam von zuverlässiger Seite. In der Tat handelt es sich um eine sorgfältige, exzellent recherchierte Arbeit, die Beethovens zahlreiche dunkle Seiten nicht ausklammert. Wie die meisten großen Künstler, hatte der Komponist viele unsympathische Züge. So trieb er etwa seinen Neffen zu einem Selbstmordversuch, indem er ihn von seiner Mutter gerichtlich zwangsentfernen ließ, oder er gab sich implizit aus Eitelkeit immer als Adliger aus, obwohl davon keine Rede sein konnte. Dieses und noch vieles mehr bringt Solomon ausführlich zur Sprache.

Solomon analysiert Beethovens musikalische Entwicklung in separaten Kapiteln, was der Lesbarkeit sehr förderlich ist. Seine Ausführungen sind auch für Laien gut nachvollziehbar, ohne dass er formale Aspekte außer Acht ließe.

Einschränkend ist nur ergänzen, dass Solomon immer wieder die psychoanalytische Brille aufsetzt, wenn er gewisse Lebenssituation interpretiert. Dieser akademische Aberglaube schadet der Biographie aber nur bedingt, da sich deren Anwendung erfreulicherweise in Grenzen hält.

Maynard Solomon: Beethoven (Schirmer)

Goethe und Zelter: Briefwechsel

Goethes Briefwechsel mit Schiller zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Trotzdem las ich erst jetzt die berühmte zweite Korrespondenz mit dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter (1758-1832). Eine Grund dafür war der Umfang: Die beiden wechselten 30 Jahre lang Briefe, was in der Münchner Ausgabe einen 1200seitigen Band ergibt. Dazu kommt ein ebenso dicker wie kenntnisreicher Kommentarband.

Zelter war Goethes Ansprechpartner für Musikalisches. Er vertonte regelmäßig dessen Lyrik und lieferte jede Menge Auftragskompositionen nach Weimar, nicht zuletzt für das von Goethe geleitete Theater. Die Musik ist damit der Generalbass des Briefwechsels. So ist es kein Zufall, dass Goethes Schilderung seines einzigen Zusammentreffens mit Beethoven für Zelter geschieht. Schnell entwickelt sich eine enge Brieffreundschaft. Zu Beginn ist Zelter hier natürlich der sich geschmeichelt Fühlende und auch der um die Gunst des berühmten Freundes buhlende Briefpartner. In Laufe der Jahre emanzipiert sich die Beziehung allerdings, wenn Zelter auch nie auf intellektueller Augenhöhe wie Schiller mit Goethe kommuniziert.

Erwartungsgemäß sind die Briefe eine biographische Fundgrube für an Goethe Interessierte. Die Hauptfigur der Korrespondenz ist aber Zelter. Wir lernen einen Berliner Intellektuellen der Goethe-Zeit in seinem Umfeld kennen: Seine musikalischen Projekte, seine Erfolge und Niederlagen als Kulturmanager, seine zahlreichen privaten Tragödien, seine Selbstzweifel am eigenen Werk, seine finanziellen Probleme. Als Zugabe bekommt man das Berliner Kulturleben durch einen kompetenten Beobachter geschildert. Und welchen Beobachter! Zelter schildert etwa Berliner Theateraufführungen mit einem brillanten süffigen Sarkasmus, aufgrund dessen man seine Kritiken sogar über heute völlig vergessene Stücke gerne liest. Damit entwickelt er sich rasch zu Goethes privaten Kulturkorrespondenten aus dem großen Berlin. Gleichzeitig stellt er die Versorgung des Freundes mit den unverzichtbaren Teltower Rübchen sicher, die pünktlich jeden Herbst nach Weimar expediert werden.

Ein weiterer Höhepunkt ist Zelter als Reiseschriftsteller. Gerade im Alter reist er öfters durch Deutschland und unterhält Goethe und uns mit großartigen Berichten. Als Beispiel Auszüge über seinen Aufenthalt in Wien im Sommer 1819:

Man sieht hier recht warum dies Volk nicht politisch ist. Es will jede Minute leben und genießen und das tuts. Die Politik kommt von der langen Weile und geht zur langen Weile […]

Das österreichische Volk ist von der gefälligsten Naivität und scheidet sich so rein ab von den sogenannten höheren Ständen, daß diese im eigentlichen Nachteil erscheinen. Wenn z.E. das österreichische Deutsch kein gutes Deutsch wäre, so ist es doch gewiß eine Sprache worin man sich mit einer Leichtigkeit bewegt wie der Fisch im Wasser […]

Letzhin ist Bethofen in sein Speisehaus gegangen; so setzt er sich an den Tisch, vertieft sich und nach einer Stunde ruft er den Kellner: Was bin ich schuldig? – Ewr. Gnaden haben noch nichts gessen, was soll ich denn bringen? – Bring was Du willst und laß mich ungeschoren! – […]

In Wien kann man alles finden nur keine Langeweile. Wer sich hergeben will findet die wahre Menschheit […] Die Bevölkerung ist unendlich: viele geistliche Orden, alle Nationen, alle Frauen alles alles, Alt und jung ist überall, man weiß nicht wo die Menschen alle herkommen, hingehen und doch geht jedes seinen Gang. Die Kirchen sind den ganzen Tag voll. Sonnabend war das Leopoldsstädter Theater so angefüllt daß man die Füße nicht setzen konnte […]

Von der Schönheit der griechischen Frauen welche man hier nicht selten sieht wäre viel zu sagen: es ist das Edelste was meine Augen gesehn haben. Die vollkommenste Klarheit der Karnation; Gliederbau, Embonpoint, Portement – alles das sind Worte, man muß es sehen. Und Augen – ja da kriegt man Augen. Dafür sehn denn die Kerls aus wie große Spanferkel. Daß solch ein Kerl solch ein Weib unter sich haben soll!

Goethe ließ die Reisebriefe immer wieder ins Reine schreiben und als Broschüren binden. Ich habe es sehr genossen, die Sommermonate in Gesellschaft von Goethe und Zelter zu verbringen. Für Klassikerfreunde eine Pflichtlektüre.

Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser)

Beethoven

Lewis Lockwood, Musikwissenschaftler in Harvard, veröffentlichte 2003 ein neues Standardwerk zu Beethoven. Mit vielen Jahren Verspätung wurde sein Buch jetzt ins Deutsche übersetzt. Die ZEIT hat es ausführlich rezensiert.

Wiener Philharmoniker / Thielemann

Konzerthaus 13.11.

Ludwig van Beethoven:
Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93
Ouverture zu «Egmont» op. 84
Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Christian Thielemann ist wohl derzeit die kontroverseste Person des Klassikbetriebs. Man könnte meinen, er würde immer direkt aus der Mitte des vorherigen Jahrhunderts anreisen, wenn er den Konzertsaal betritt. Wilhelm Furtwängler ist denn auch sein dezidiertes Vorbild. Er verkörpert also den klassischen Kapellmeister alten Zuschnitts, und das dürfte ein Grund dafür sein, warum er im Streit von München weggeht.

Seine Ästhetik ist entsprechend. Die Debatten der letzten Jahrzehnte rund um die historische Aufführungspraxis ignoriert er hartnäckig. Er interpretiert das klassisch-romantische Repertoire wie er es für richtig hält. Diese künstlerische Sturheit finde ich nicht unsympathisch.

So sah ich schon lange nicht mehr so viele Musiker auf dem Podium, die Beethoven spielen. Thielemann setzte pointiert auf die fulminanten Effekte, an denen gerade die Siebte und Achte ja nicht arm sind. Als „Kontrapunkt“ konzentrierte er sich auch sehr auf die leisen Passagen, ließ auch immer wieder längere Pausen zu. Transparanter kann man Beethoven in dieser Großbesetzung wohl nicht geben.

Pluralität im Konzertbetrieb ist nichts Schlechtes. Wenn es denn „konservative“ Ästhetik sein soll, dann wenigstens auf höchstem Niveau. Thielemann scheint sich das vorgenommen zu haben und er ist auf gutem Weg dahin.

Zyklus Alban Berg Quartett: 3. Konzert

Beethoven: Chellosonaten op. 5/1, op. 102/1, op. 102/2
Violoncello: Valentin Erben
Klavier: Helmut Deutsch
Konzerthaus 14.11.

Die Gegenüberstellung einer frühen mit den beiden späten Chellosonaten Beethovens gaben einen schönen Eindruck über die phänomenale Weiterentwicklung des kammermusikalischen Stils des Komponisten. Die Interpretationen waren vergleichsweise zurückhaltend angelegt, was einige temperamentvolle „Ausbrüche“ durchaus nicht ausschließt. Eine sehr erfreuliche Darbietung.

Alban Berg Quartett (Haydn, Janácek,…)

Haydn: Streichquartett C-Dur Hob. III/77
Janá?ek: Streichquartett Nr. 1
Beethoven: Streichquartett f-moll op. 95
Konzerthaus 16.2.

Wie das auf das ABQ zugeschnittene Programm schon vermutet läßt: Es war ein großartiges Konzert, und ich fürchte das mir langsam die positiven Adjektive dafür ausgehen. Besonders gut in Form Gerhard Schulz (2. Violine), der energischer als sonst an die Stücke heranging.

Alban Berg Quartett (Schnittke, Beethoven)

Schnittke: Streichquartett Nr. 4 (1989)
Beethoven: Streichquartett cis-moll op. 131
Konzerthaus 27.1.

Schnittke komponierte sein viertes Streichquartett für das Alban Berg Quartett, und es gehört zum Abgründigsten, was ich von Schnittke bisher hörte. Die Stimmung des Werkes ist düster, und schöpft die Möglichkeiten an Dynamik und Klangfarben eines Streichquartetts bis in Extreme aus.

Wenn das ABQ Beethoven spielt, gehört das regelmäßig zu den Höhepunkten des Wiener Konzertlebens. Auch diesmal ließ die Interpretation nichts zu wünschen übrig, auffallend allerdings, dass sich die Furiosität der vier Musiker in der zweiten Hälfte noch einmal deutlich steigerte.

Sergiu Celibidache (2)

Nach den allgemeinen Bemerkungen gestern einige besonders herausragende CDs:

  • Beethoven: Symphonie Nr. 4 und Nr. 5 (EMI 7243 5 56521 2 6)
  • Beethoven: Symphonie Nr. 7 und Nr. 8 (EMI 7243 5 56841 2 7)
  • Brahms: Ein deutsches Requiem & Symphonie Nr. 1 (EMI 7243 5 56843 2 5)
  • Bruckner: Alle Symphonien
  • Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (EMI 7243 5 56526 2 1)
  • Warnen möchte ich vor der Interpretation von Bartoks „Konzert für Orchester“. Bartoks Musik verträgt sich meiner Auffassung nach grundsätzlich nicht mit Celibidaches interpretatorischen Ansatz.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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    • Der Mensch gewöhnt sich schnell an jegliche Annehmlichkeit und wird schnell wieder unzufrieden. Einer der Gründe für d. Demokratiemüdigkeit. 3 Stunden
    • RT @GeorgeTakei: What does the eclipse mean for your horoscope? Nothing. Relative positions of celestial objects bear no relation to your personal fortunes. 3 Stunden
    • Seit diese Sprengstoffwesten so populär geworden sind, fallen diese Jack-Wolfskin-Jackenträger ja gar nicht mehr so negativ auf wie früher. 3 Stunden