Athen

Tom Holland: Persian Fire

Die Zeiten, in denen humanistisches Wissen Allgemeingut war, sind bereits länger vorbei. Dabei gibt es kaum etwas Wichtigeres als ein solides Wissen über die Antike um die Gegenwart verstehen zu können. Viele bis heutige gültige Muster wurden damals begründet. Das reicht von den intellektuellen Grundlagen der westlichen Zivilisation bis hin zur Geopolitik. Wer Herodot, Thukydides oder Platon richtig zu lesen vermag, der wird über deren Aktualität verblüfft sein.

Höchst erfreulich ist es deshalb, wenn der Historiker Tom Holland mit Persian Fire ein Buch vorlegt, das zwei Dinge vereint: Den aktuellen Stand der Forschung mit einer spannenden Schreibweise. Höhepunkt des Werkes sind die Perserkriege, also die berühmten Schlachten zwischen Griechen und Persern. Auf dem Weg dorthin beschreibt Holland die beiden Zivilisationen so anschaulich, dass selbst Unvorbelastete danach einen lebendigen Einblick in die klassische Welt der Antike haben. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Wurden die Spartaner früher in den humanistischen Gymnasien noch als Ausbund von Tapferkeit und Männlichkeit gepriesen, stellt Holland deren Dummheit und Brutalität in den Mittelpunkt – ohne ihre militärischen Leistungen zu schmälern. In Wahrheit waren die Spartaner ja reaktionäre Fanatiker, wie heute die Isis oder die Taliban, deren Alltagskultur auf Gehirnwäsche und Gewalt beruht.

Das Perserreich war das erste multikulturelle und multireligiöse Imperium. Ein Lehrstück, dass ein großes Reich nur mit Toleranz funktionieren kann. Wenn ich mir ansehe, in welchem traurigen Zustand der Mittlere Osten heute ist, dann kann man nur auf einen neuen Darius hoffen. Ansonsten wird die Region über die nächste Jahrzehnte im Chaos versinken.

Persian Fire liest sich wie ein spannender historischer Roman. Empfehlenswert ebenso für Freunde der Antike wie für Einsteiger. Für mich war es auch ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung meiner Iranreise. Nachdem ich die englische Originalausgabe las, kann ich nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen.

Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus) / Deutsche Ausgabe

Neues über den Parthenon

Der kritischen Rezension Mary Beards in The New York Review of Books nach, ist Joan Breton Connellys neues Buch The Parthenon Enigma nur bedingt überzeugend. Ich finde ihre These aber trotzdem interessant, versucht Connelly doch eine komplette Neuinterpretation der berühmten Elgin Marbles:

The pivot of her argument is a reinterpretation of the sculpted frieze that once circled the entire building above the colonnade. With its array of galloping horsemen, charioteers, offering-bearers, and sacrificial animals, this has usually been identified as a representation of the procession that took place at the regular religious festival of the Panathenaia, making its way to the Acropolis in celebration of the goddess Athena. Connelly rejects this, to argue instead that the subject of the frieze is a myth of early Athens. What we see, she claims, are the preliminaries to a human sacrifice, when the daughter of one of the legendary kings of the city, Erechtheus, is sacrificed to ensure Athenian victory over an invading army. The procession depicts the celebrations that honored the girl’s noble act of self-sacrifice. It is not, in other words, a human scene at all, but a moment drawn from myth, and—to modern eyes—a shocking one at that.

Connelly’s interpretation centers on the puzzling scene (now in the British Museum) originally aligned with the main entranceway of the temple, apparently the culmination of the procession. It shows an adult male figure exchanging a large piece of cloth with a child, who may be either a boy or a girl. The clearest diagnostic feature for the sex of the child is its bare buttock protruding from a loose robe—and a large amount of art-historical time and energy has been fruitlessly expended over the past decades in comparing this buttock to those of other girls and boys in classical art, with (unsurprisingly) no definitive answer.

Next to the man, and with her back to him, stands an adult woman, facing two girls who carry stools on their heads. The traditional reading of the frieze, which goes back to the famous study of James Stuart and Nicholas Revett in the late eighteenth century, connects this with the presentation of a newly woven robe (peplos) to Athena—the high point of special, grander Panathenaiac celebrations, which took place every four years. This would mean that we are seeing the child (boy or girl) handing over the new peplos to some male religious official (perhaps the archon basileus, or “King Archon”), while behind him a priestess receives from other young cult servants the stools—on which she and her male partner will later sit.

Victor Davis Hanson: A War Like No Other

„How the Athenians and Spartans Fought the Peloponnesian War“. Random House (Amazon Partnerlink)

Mit Militärgeschichte im Speziellen habe ich mich bisher nie im Detail beschäftigt, und so war auch mein Interesse am antiken Griechenland und speziell an Thukydides ausschlaggebend, diese Studie von Hanson zu lesen. Nach der Lektüre steht fest: Die Beschäftigung mit Kriegsdetails kann sehr erhellend sein, wenn man sich für die Natur des Menschen interessiert. Liest man Hansons düsteres Buch über die brutale Art und Weise, wie Athener und Spartner sich gegenseitig umbrachten, bleibt vom klassisch humanistischen Ideal der Antike nichts mehr übrig.

Hanson vertritt die These, dass der Peloponnesische Krieg der erste prototypische Bürgerkrieg auf europäischen Boden war, in dem sämtliche Regeln für ein ziviles Zusammenleben außer Kraft gesetzt wurden. So gab es in der griechischen Gesellschaft nicht nur einen militärischen Ehrenkodex und Regeln für den Umgang mit Zivilisten, sondern bekanntlich auch zahlreiche religiöse Tabus. Im Laufe des Krieges galten diese kulturellen Übereinkünfte nicht mehr: Boten und „Diplomaten“ wurden ermordet, Zivilisten zu Zehntausenden hingerichtet und Leichen als Mittel der Erpressung eingesetzt. Wer Sophokles‘ „Medea“ kennt, weiß wie wichtig die Bestattung eines Leichnams für die Griechen war.

Hoplitenschlachten gab es vergleichsweise wenige, Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung dagegen von beiden Seiten in kaum noch überschaubarem Ausmaß. Widerwärtig müssen die antiken Seeschlachten (und generell auch die Schifffahrt) auf Tiremen gewesen sein. Hanson legt einen besonderen Schwerpunkt auf diesen Aspekt. Diese gewaltigen Schlachten am Mittelmeer, wo quasi zwei Städte (mehrere zehntausend Soldaten und Ruderer) auf dem Wasser zusammenstießen, forderten eine enorme Zahl an Todesopfern.

Gleichzeitig blühte in Athen die Kultur. An einem Tag gab es Euripides im Theater, am anderen wurde in der Versammlung demokratisch beschlossen, die Bewohner einer eroberten Stadt zu töten. Wer sich dieses alltägliche Zusammenspiel von Hochkultur und Barbarei bewusst macht, wird weniger ratlos und ziemlich desillusioniert vor der „dunklen“ Seite der europäischen Geschichte stehen. Thukydides war der Meinung, die Menschen ändern sich vor allem in diesen Dingen nicht. Bis heute scheint er Recht zu haben.

Reise-Notizen: Athen (1)

Wer einen Eindruck von den Menschenmassen bekommen will, die sich letzten Samstag durch das Akropolis-Museum schoben, mag an den Times Square in Manhattan denken. Das gilt nicht nur für die schiere Zahl an homo sapiens pro Quadratmeter, sondern auch für die Art der Fortbewegung. Streben auf dem Times Square die Menschen weder nach links noch nach rechts blickend ihren Zielen zu, verhält sich das mit den Touristenmassen ganz ähnlich: Gelangweilt lassen sie sich durch die wenigen und viel zu kleinen Räume des Museums schieben, um den Interessierten die Sicht zu versperren. Trotzdem sollte man das Museum auf keinen Fall versäumen, sind dort doch eine Reihe von Meisterwerken der griechischen Kunst zu sehen (Kalbträger!). Idealer Besuchszeitpunkt wäre vermutlich zwischen November und Januar.

Eine Wohltat deshalb das Keramikos-Museum. Obwohl auch dort Erstklassiges zu sehen ist, etwa ein 2002 gefundener Kuros, hochqualitative Grabreliefs und eine klug ausgewählte Vasensammlung, sind nur wenige Besucher anzutreffen. Deutlich mehr sind es naturgemäß im berühmten Archäologischen Nationalmuseum, was einer ausgiebigen Besichtung jedoch keinen Abbruch tat. Bei meinem letzten Aufenthalt in Athen war es wegen Renovierung geschlossen, so dass ich zum ersten Mal mit dieser antiken Kunstfülle konfrontiert wurde. Ein Höhepunkt reiht sich an den nächsten, für eine ausführliche Besichtigung würde man mindestens zwei Tage benötigen. Weniger für die umfangreiche Skulpturensammlung, sondern wegen der Vielzahl an Vasen aus allen Perioden und der vielen kleinen Bronzen. Besonders faszinierend ist die prähistorische Sammlung: Die von Schliemann gefundenen mykenischen Schätze zeugen von einer erstaunlichen Kunstfertigkeit der ersten griechischen Hochkultur. Die Sammlung mit den seltsam modern wirkenden kykladischen Kunstwerken wäre alleine schon eine Athenreise wert.

Von der Agora in Athen…

… sind neue Ausgrabungen zu vermelden: Yahoo via Archive.org oder dieser Archäologen-Bericht vom August 2004.

[Die Links dieses Eintrags wurden im November 2009 aktualisiert.]

Das neue Akropolis-Museum…

…in Athen hat erbitterte Debatten ausgelöst. BBC Korrespondent Richard Galpin berichtet ausführlich darüber.

Reise-Skizzen Griechenland (1): Athen

Griechenland wird derzeit generalsaniert. Die bekannten Denkmäler sind durch Gerüste umstellt, wenn nicht überhaupt zur Restaurierung komplett abtransportiert – wie der Nike Tempel auf der Akropolis.

Sogar das Nationalmuseum wurde komplett geschlossen und man frägt sich, warum die Athener nicht wenigstens die herausragendsten Werke an anderer Stelle zugänglich machen. Der Grund für diese Renovierungswut ist schnell gefunden: Während der Olympischen Spielen 2004 will sich das Land in neuem Glanz präsentieren. Ein Jahr darauf wäre also ein idealer Termin für eine ausführliche Griechenland-Reise.

Athen selbst gehört zu den fußgängerfeindlichsten Städten, die mir bis jetzt begegnet sind. Achtspurige Straßen wälzen sich durch das Zentrum, sporadisch von Ampeln unterbrochen, deren Grünphasen für Fußgänger selbst Kurzstreckenläufern kaum ausreichen dürften. Es versteht sich, dass diese Autolawinen direkt um viele berühmte Monumente kreisen, denen die Smogspuren deutlich anzusehen sind.
Eine Seite am Fuß der Akropolis wurde kürzlich verkehrsberuhigt und in eine Flaniermeile mit beeindruckenden Ausblicken verwandelt. Der berühmte Hügel selbst ist erwartungsgemäß beeindruckend, man lese die Details in dem von mir empfohlenen Reiseführer Lambert Schneiders nach.

Seltsam aufschlussreich sind die neoklassizistischen Bauten der Stadt, wie man sie aus München oder Wien kennt. Der von Theophil Hansen konzipierten Athener Nationalbibliothek etwa ist die Ähnlichkeit mit dem von ihm erbauten Wiener Parlament deutlich anzusehen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass der antiseptische Stil dieser Bauten deutlich von den bunten Bauten der Antike abweicht. Man steht in Athen staunend vor der aus dem Norden reimportierten architektonischen Umsetzung der sachlich oft falschen Antikenrezeption der deutschen Klassik.

Christian Meier: Athen

„Ein Neubeginn der Weltgeschichte“

btb bzw. Siedler Verlag (Amazon Partnerlinks)

Siebenhundert engbedruckte Seiten über die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert v.C. zu schreiben, ist angesichts der zunehmenden Spezialisierung in der Geschichtswissenschaft ein bemerkenswertes Unterfangen. Die Monographie ist denn auch keine akademische Publikation, sondern versteht sich als ein „klassisches“ Werk der erzählenden Geschichtsschreibung.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Christian Meier, Althistoriker in München, dafür Kollegenschelte einstecken musste. Nicht ganz zu Unrecht, verzichtet er doch komplett auf Anmerkungen. Auch eine Bibliographie sucht man vergebens, sieht man von Literaturhinweisen im Nachwort ab.

Trotz dieser Kritikpunkte hat das Buch zahlreiche Verdienste. Zweifellos handelt es sich um einen der interessantesten und für die europäische Geschichte prägendsten Zeitabschnitte, so dass eine umfassende, allgemeinverständliche Darstellung eine wichtige Lücke schließt. Meiers Monographie behandelt Teile der Vorgeschichte und die Geschichte des klassischen Athens im Detail, analysiert die Sonderstellung Athens und versucht, die Ursachen für die Entstehung der Demokratie zu erläutern. Bei der Lektüre dieser erklärenden Passagen würde man sich oft eine klarere Thesenbildung wünschen, man hat manchmal den Eindruck, Meier umkreise wichtige Aspekte, ohne sie direkt anzusprechen.

Eine Stärke des Buches ist die Einbeziehung der Tragödien und Komödien. Meier bettet die Stücke in den historischen und sozialen Kontext ein, versteht sie als Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse, und erzielt dadurch oft (nicht immer) einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Demgegenüber kommt die geistesgeschichtliche Dimension (besser: Revolution) viel zu kurz. Die Bedeutung der griechischen Philosophie und Wissenschaft auf die Weltgeschichte hätte eine ebenso umfangreiche Behandlung verdient wie die Herausbildung der ersten Demokratie.

Insgesamt neigt sich die Waagschale jedoch zum Positiven, die vielen Lesestunden lohnen sich durchaus. Dem deutschen Buchmarkt wären viele vergleichbare Publikationen zu anderen wichtigen historischen Themen zu wünschen.

Antike im Web (2): The Ancient City of Athens

Prof. Kevin T. Glowacki und Prof. Nancy L. Klein von der Idiana University haben für ihre Studenten die eigenen Foto-Archive für das Web aufbereitet. Die kommentierten Aufnahmen zeigen alle wichtigen antiken Denkmäler Athens aus den verschiedensten Perspektiven.

Besonders erwähnenswert ist der kurze, aber prägnante Artikel Topography & Monuments of Athens.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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