Atheismus

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Spotlight

Filmcasino 13.3. 2016

USA 2015
Regie: Tom McCarthy

Ein exzellenter Film, obwohl er kürzlich den Oscar bekam. Das an historische Gegebenheiten angelehnte Dokumentardrama beschreibt die Aufdeckung des riesigen kirchlichen Kindermissbrauchsskandals in Boston durch Spotlight, einem Team an investigativen Journalisten des Boston Globe. Ästhetisch ist die Stärke des Films, dass er auf alle sich bei diesem Thema aufdrängenden billigen Tricks verzichtet, sondern statt dessen differenziert auf die Nuancen setzt. Der Inhalt wird überwiegend durch Dialoge vorangetrieben. Es ist nicht nur verdienstvoll, einem breiten Publikum vor Augen zu führen, dass die Kirche seit Jahrzehnten (und mit großer Wahrscheinlichkeit seit Jahrhunderten) als eingeschworene Pädophilenmafia agiert: Klerikaler Kindesmissbräuche sind keine Einzelfälle, sondern ein systematisch vertuschtes Massenphänomen.

Das zweite Verdienst von Spotlight ist es, die Wichtigkeit von investigativem Qualitätsjournalismus in Aktion zu zeigen. Angesichts der kommerziellen Krise der Qualitätspresse wird man das wohl später einmal als cineastischen Nachruf sehen.

ISIL – Zwei Analysen

Nach den Anschlägen in Paris ist auch in den sogenannten seriösen Medien viel Unfug zu lesen. Im Fernsehen geben sich Terrorspezialisten mit unklarer Qualifikation die Studioklinken in die Hand. Deshalb hier der Hinweis auf zwei hervorragende Analysen, welche die aktuelle Situation und die Hintergründe sehr differenziert darstellen.

Der erste Artikel ist kürzlich im Blog der New York Review of Books erschienen: Paris: The War ISIS Wants von Scott Atran und Nafees Hamid:

As our own research has shown—in interviews with youth in Paris, London, and Barcelona, as well as with captured ISIS fighters in Iraq and Jabhat an-Nusra (al-Qaeda) fighters from Syria—simply treating the Islamic State as a form of “terrorism” or “violent extremism” masks the menace. Dismissing the group as “nihilistic” reflects a dangerous avoidance of trying to comprehend, and deal with, its profoundly alluring mission to change and save the world. What many in the international community regard as acts of senseless, horrific violence are to ISIS’s followers part of an exalted campaign of purification through sacrificial killing and self-immolation. This is the purposeful violence that Abu Bakr al-Baghdadi, the Islamic State’s self-anointed Caliph, has called “the volcanoes of Jihad”—creating an international jihadi archipelago that will eventually unite to destroy the present world to create a new-old world of universal justice and peace under the Prophet’s banner.

Der beste mir bekannte, sehr ausführliche Text über ISIS ist aus der März-Ausgabe von The Atlantic: What ISIS Really Wants von Graeme Wood. Auszüge daraus habe ich hier schon einmal zitiert. So lange sich die Politik nicht auf dieses intellektuelle Niveau begibt, werden keine adäquaten Gegenstrategien entwickelt werden können.

Koran

Viel wird über den Koran gesprochen und geschrieben: Gelesen hat ihn meiner Erfahrung nach allerdings niemand – Moslems und Islamforscher einmal ausgenommen. Ich will mir deshalb durch eine Komplettlektüre ein eigenes Bild machen. Ich lese den Koran wie alle alten Bücher als einflussreicher Klassiker und mache damit keinen Unterscheid zum Alten Testament oder zu Herodots Historien.

Der erste Leseeindruck: Dieses Buch ist fest in der arabischen Kultur des siebten Jahrhunderts verwurzelt. Wie auch in Genesis spielt sich alles vor dem kulturellen Hintergrund einer Nomadengesellschaft ab. So kommen im Text jede Menge Kamele vor und der Koran räumt die Existenz von Dschinn ein, also jener arabischen Geister, die man von Tausendundeine Nacht her kennt. Diese Einbettung in den soziohistorischen Kontext ist für eine neue Religion als Anknüpfungspunkt selbstverständlich unverzichtbar, sonst wären die potenziellen neuen Gläubigen gleich von Anbeginn an überfordert. Auch das „naturwissenschaftliche“ Niveau der Welterklärung geht über den damaligen Wissenstand nie hinaus. Allah setzt als Faktor immer dort ein, wo das Alltagswissen aufhört. Zwei Beispiele dazu mögen genügen. Warum erschuf Allah die Berge? Als eine Art Briefbeschwerer für die Erde:

Und wir setzten festgründete Berge in die Erde, damit sie nicht schwankte mit ihnen.
[Sure 21]

Er trägt auch persönlich zur kosmischen Statik bei:

Und er hält den Himmel, daß er nicht auf die Erde falle, es sei denn mit seiner Erlaubnis.
[Sure 22]

Der zweite Haupteinfluss auf den Koran sind die biblischen Schriften, deren Themen und Figuren ständig erwähnt werden, und fester Bestandteil der rhetorischen Strategie sind. Dabei gibt es auch Stellen, etwa über Jesus und seine frühen Jahre, welche sich in dieser Form nicht im Neuen Testament finden. Besonders eng sind die Gemeinsamkeiten beim apokalyptischen Weltbild. Mohammed spricht wie Jesus oft vom letzten Gericht, und die Vernichtung der Welt ist als Drohung ständig im Hintergrund präsent.

Wie beim Christentum stützt sich die Missionierungsarbeit auf drei Faktoren: Erstens, die bereits angesprochene Erklärung des derzeit Unerklärlichen durch den neuen Gott. Zweitens die Verheißung eines sensationellen Paradieses, wenn man sich bekehrt und den neuen Regeln der Religion folgt. Drittens die Drohung mit der Hölle. Sehr hübsch ist, dass den letzten Punkt der Koran sogar explizit einräumt:

Und demzufolge sandten wir ihn als arabischen Koran nieder und durchsetzen ihn mit Drohungen, auf daß sie gottesfürchtig würden.
[Sure 20]

Die Großartigkeiten des Paradies und der Grusel der Hölle werden oft erwähnt, teils in ritualistisch sich wiederholenden Formulierungen:

Aber für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer geschnitten, gegossen wird siedendes Wasser über ihre Häupter, das ihre Eingeweide und ihre Haut schmilz; und eiserne Keulen sind für sie bestimmt.
[Sure 22]

Siehe, Allah führt jene, die glauben, in Gärten durcheilt von Bächen. Geschmückt sollen sie sein in ihnen mit Armspangen von Gold und Perlen, und ihre Kleidung darinnen soll aus Seide sein.
[Sure 22]

Beides wird immer wieder unmittelbar gegenüber gestellt.

Zusätzlich wird regelmäßig versucht, ein Gefühl von Dankbarkeit zu evozieren, indem Mohammed betont, dass Allah für das Wohlergehen der Nomadengesellschaft sorgt:

Und in dem Wechsel von Nacht und Tag und in der Versorgung, die Allah vom Himmel hinabsendet, durch die er die Erde nach ihrem Tode erweckt, und in dem Wechsel der Winde sind Zeichen für ein verständiges Volk.
[Sure 45]

Literarisch spannend ist die einzigartige Kommunikationssituation des Koran: Allah spricht nicht nur direkt zu seinem Propheten Mohammed, sondern gibt ihm wie ein moderner PR-Berater ständig konkrete Anweisungen, was er seinen Arabern sagen soll. Oft in der Form, wenn sie dir X sagen, dann antworte mit Y. X sind dabei meist zu erwartende Einwände, die gegen eine neuen Religionsgründer vorgebracht werden können.

In Form und Struktur ist der Koran einzigartig. So sind die Suren entgegen der Chronologie angeordnet: Die frühen Suren beschließen das Buch, die späten Suren stehen am Anfang. Erstere sind kurz und greifen immer wieder auf poetische Stilmittel zurück. Letztere sind längere Abhandlungen mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftliche Regeln. Die moslemische Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend größer und komplexer, weshalb der Bedarf an normativen Regeln rapide gestiegen war.

Ein großer Unterschied zum Alten Testament oder zu den hinduistischen Epen ist das Fehlen größerer narrativer Strukturen. Es gibt keine einzige längere Erzählung im Koran. Abraham, Mose und Kollegen werden zwar oft erwähnt, aber nur immer kurz, um den Beleg für eine religiöse Forderung zu liefern. Gleichzeitig fehlt den Suren – trotz unterschiedlicher thematischer Schwerpunkte – jegliche Abwechslung, weshalb sich literarisch schnell Langeweile einstellt. Auch unterschiedliche Genres wie im Alten Testament (Geschichtserzählung, Gesetze, Propheten, Sprichwörter usw.) finden sich nicht.

Der Koran ist demgegenüber für die Rezitation ausgelegt, was nicht nur zur mündlichen Tradition arabischer Nomadenstämme passt, sondern sich selbst in der Übersetzung noch durch zahlreiche formelhafte Wiederholungen zeigt.

In der Öffentlichkeit gibt es das eingespielte Medienritual, dass zwischen Islamismus und Islam immer dann unterschieden wird, wenn neue Terroranschläge zu beklagen sind. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, wird dann ritualartig von allen Seiten betont. Es wird auch in Abrede gestellt, dass das islamistische ISIS-Kalifat auf dem Islam basiere. Liest man den Koran aber unter der moslemischen Voraussetzung, dass es das unmittelbare Wort Gottes ist, und deshalb eine nicht zu hinterfragende Handlungsanleitung, ist dieser Distanzierungsreflex leider falsch.

Wie alle religiösen Texte, ist auch der Koran polyvalent: Man findet für fast jede Auffassung ein passendes Zitat. Es ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept einer Weltreligion, dass sie möglichst unterschiedliche Zielgruppen bedienen kann, und die Basistexte ohne Schwierigkeit selbst logisch widersprüchliche Aussagen stützen. Die Bibel ist dafür ein ebenso exzellentes Beispiel. Die einzig intellektuell zulässige Vorgehensweise wären hier Meta-Interpretationsregeln, die für alle Textstellen gelten, und die es weder für das Christentum noch für den Islam gibt. Ergebnis: Man bewirft sich ad infinitum mit sich widersprechenden Textstellen bei null Erkenntnisgewinn. Man denke hier an die theologische Bibelinterpretation: Wenn es genehm ist, nimmt man eine Textstelle wörtlich. Wenn nicht, versteht man sie im symbolisch.

Wie ist das also jetzt mit dem Jihad und den Ungläubigen?

Es gibt nur wenige Stellen, die sich mit gutem Willen als Toleranz gegenüber Ungläubigen verstehen lassen:

Siehe, Allah ist vergebend, verzeihend.

[…]

Siehe, Allah ist wahrlich gütig gegen die Menschen und barmherzig.
[Sure 22]

Demgegenüber steht eine Vielzahl von ausgesprochen aggressiven Stellen auf die sich Islamisten völlig berechtigt berufen können, wenn sie ihrem unappetitlichen Handwerk nachgehen. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:

Es gibt keine Stadt, die wir nicht vernichten wollen vor dem Tag der Auferstehung oder doch mit strenger Strafe strafen wollen; das ist in dem Buch verzeichnet.
[Sure 17]

Wahrlich, Allahs Haß ist größer als euer Haß gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.
[Sure 40]

Und wenn ihr einen Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.
[Sure 47]

Aus historischer Perspektive kann man diese Aggressivität einerseits mit dem Kampfesethos der damaligen Stammesgesellschaften erklären. Andererseits mit dem Status als kleine, verfolgte religiöse Minderheit, die deshalb rhetorisch überkompensiert. Gefährlich wird es allerdings, wenn heute solche Stellen als Handlungsanweisung wörtlich genommen werden.

Das gilt auch für die sozialen Regeln, welche der Koran vorschreibt. Für das siebte Jahrhundert waren sie teilweise sozialrevolutionär. Das Almosengebot etwa etablierte erstmals ein religiös vorgeschriebenes soziales Netz für (verstoßene) Frauen, Waisen und Arme. Selbst die heute archaisch wirkenden Regeln für Frauen, waren in Zeiten, wo sie als Eigentum des Mannes galten, progressiv. Fortschrittliche Moslems transponieren das deshalb in ihre Forderung, soziale islamische Regeln heute müssten genauso ihrer Zeit voraus sein wie damals jene des Mohammed.

So lange 1,7 Milliarden Moslem den Koran allerdings buchstäblich als Wort Gottes verstehen, wird die Menschheit vor einer schwer zu lösenden Herausforderung stehen.

Koran.. Übersetzt von Max Henning.

ISIS und der Islam

Oft hört man dieser Tage die naive Behauptung, ISIS hätte nichts mit dem Islam zu tun, obwohl die Protagonisten sich wörtlich auf den Koran beziehen und die religiös Verantwortlichen eine Ausbildung in islamischer Theologie haben. The Atlantic, eine linksliberale Zeitschrift wohlgemerkt, räumt in ihrer aktuellen Titelgeschichte mit diesem Unfug auf. Graeme Woods umfangreiche und gut recherchierte Analyse What ISIS Really Wants gehört zum Besten, was bisher über ISIS publiziert wurde:

The reality is that the Islamic State is Islamic. Very Islamic. Yes, it has attracted psychopaths and adventure seekers, drawn largely from the disaffected populations of the Middle East and Europe. But the religion preached by its most ardent followers derives from coherent and even learned interpretations of Islam.

Virtually every major decision and law promulgated by the Islamic State adheres to what it calls, in its press and pronouncements, and on its billboards, license plates, stationery, and coins, “the Prophetic methodology,” which means following the prophecy and example of Muhammad, in punctilious detail. Muslims can reject the Islamic State; nearly all do. But pretending that it isn’t actually a religious, millenarian group, with theology that must be understood to be combatted, has already led the United States to underestimate it and back foolish schemes to counter it. We’ll need to get acquainted with the Islamic State’s intellectual genealogy if we are to react in a way that will not strengthen it, but instead help it self-immolate in its own excessive zeal.

(…)

Centuries have passed since the wars of religion ceased in Europe, and since men stopped dying in large numbers because of arcane theological disputes. Hence, perhaps, the incredulity and denial with which Westerners have greeted news of the theology and practices of the Islamic State. Many refuse to believe that this group is as devout as it claims to be, or as backward-looking or apocalyptic as its actions and statements suggest.

Their skepticism is comprehensible. In the past, Westerners who accused Muslims of blindly following ancient scriptures came to deserved grief from academics—notably the late Edward Said—who pointed out that calling Muslims “ancient” was usually just another way to denigrate them. Look instead, these scholars urged, to the conditions in which these ideologies arose—the bad governance, the shifting social mores, the humiliation of living in lands valued only for their oil.

Politik und die Bibel

Christliche Fundamentalisten berufen sich heute noch gerne auf das Alte Testament zur Rechtfertigung ihres ideologischen Weltbilds. Wie irrational das ist, zeigt hübsch der folgende offene Brief des J. Kent Ashcraft an die ultrakonservative Kommentatorin Dr. Laura Schlesinger (Mai 2000):

Dear Dr. Laura,

Thank you for doing so much to educate people regarding God’s Law. I have learned a great deal from your show, and I try to share that knowledge with as many people as I can. When someone tries to defend the homosexual lifestyle, for example, I simply remind him that Leviticus 18:22 clearly states it to be an abomination. End of debate.

I do need some advice from you, however, regarding some of the specific laws and how to best follow them.

a) When I burn a bull on the altar as a sacrifice, I know it creates a pleasing odor for the Lord ( Lev 1:9 ). The problem is my neighbors. They claim the odor is not pleasing to them. Should I smite them?

b) I would like to sell my daughter into slavery, as sanctioned in Exodus 21:7 . In this day and age, what do you think would be a fair price for her?

c) I know that I am allowed no contact with a woman while she is in her period of menstrual uncleanliness ( Lev 15:19-24 ). The problem is, how do I tell? I have tried asking, but most women take offense.

d) Lev. 25:44 states that I may indeed possess slaves, both male and female, provided they are purchased from neighboring nations. A friend of mine claims that this applies to Mexicans, but not Canadians. Can you clarify? Why can’t I own Canadians?

e) I have a neighbor who insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly states he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself?

f) A friend of mine feels that even though eating shellfish is an Abomination ( Lev 11:10 ), it is a lesser abomination than homosexuality. I don’t agree. Can you settle this?

g) Lev 21:20 states that I may not approach the altar of God if I have a defect in my sight. I have to admit that I wear reading glasses. Does my vision have to be 20/20, or is there some wiggle room here?

h) Most of my male friends get their hair trimmed, including the hair around their temples, even though this is expressly forbidden by Lev 19:27 . How should they die?

i) I know from Lev 11:6-8 that touching the skin of a dead pig makes me unclean, but may I still play football if I wear gloves?

j) My uncle has a farm. He violates Lev 19:19 by planting two different crops in the same field, as does his wife by wearing garments made of two different kinds of thread (cotton/polyester blend). He also tends to curse and blaspheme a lot. Is it really necessary that we go to all the trouble of getting the whole town together to stone them? ( Lev 24:10-16 ) Couldn’t we just burn them to death at a private family affair like we do with people who sleep with their in-laws? ( Lev. 20:14 )

I know you have studied these things extensively, so I am confident you can help.

Thank you again for reminding us that God’s word is eternal and unchanging.

Your devoted disciple and adoring fan.

Die Türkei wird autoritär

Lange Zeit war die Türkei zu Recht für ihren Säkularismus berühmt. Die Trennung zwischen Staat und Religion war strikter als in vielen europäischen Ländern. Der seit 2003 regierende Recep Tayyip Erdogan hat dieses aufgeklärte Staatswesen inzwischen erfolgreich unterminiert und bietet ein weiteres hübsches Lehrstück, dass Religion und Demokratie prinzipiell nicht kompatibel sind: Erstens bedürfen Demokratien eines starken Minderheitenschutzes, wohingegen Religionen von Natur aus andersgläubige Minderheiten ausgrenzen. Zweitens ist eine Religion mit einer Demokratie erkenntnistheoretisch inkompatibel: Während sich die gewählten Repräsentanten in einer Demokratie nach dem besten aktuellen Wissen für das Wohl ihrer Bürger einsetzen sollen, arbeiten Religionen mit vordefinierten „Wahrheiten“, die sie gerne Schriften entnehmen, die in analphabetischen Nomadenkulturen entstanden sind.

The Economist übernimmt in dieser Woche ehrenamtlich die Aufgabe, Ministerpräsidenten Erdogan einige grundsätzliche Dinge über Demokratie beizubringen:

The basic idea of a democracy is that the voters should pick a government, which rules as it chooses until they see fit to chuck it out. But although voting is an important democratic right, it is not the only one. And winning an election does not entitle a leader to disregard all checks on his power. The majoritarian world view espoused by Mr Erdogan and leaders of his ilk is a kind of zombie democracy. It has the outward shape of the real thing, but it lacks the heart.

Wohin diese Minderheitenverachtung führt, zeigt sich nicht nur in der Tatsache, dass in der Türkei weltweit am meisten Journalisten im Gefängnis sitzen. Auch die Bilanz der Protestniederschlagung spricht für sich:

According to the Turkish Medical Doctors Association, at least 7,000 protesters and more than a dozen journalists have been injured since the violence began. Five people have died; several are in a critical condition.

Meanwhile, a witch hunt for so-called provocateurs has begun. Hundreds of demonstrators have been detained. Human-rights groups say many have been jailed for such “crimes” as carrying food to the Gezi commune. Doctors who tended the wounded, lawyers who defended them and others whom Mr Erdogan denounces as part of a global conspiracy against his government have been nabbed. AK vigilantes also attacked an opposition-party office in Istanbul.

The interior minister, Muammer Guler, plans to clamp down on social media. The battle has moved online, with Mr Erdogan’s perceived enemies being inundated with menacing tweets. (Your correspondent has been called a “dirty Armenian” and “a slut”.) The screws will be further tightened under a bill to give the national spy agency sweeping powers to monitor citizens. Not that anyone would know: reporting on the bill has been banned.

Scientology: The Story

So der Titel des Artikels von Diane Johnson, welche anlässlich zweier Neuerscheinungen hinter die Kulissen der Sekte blickt. Lawrence Wright, der für seine gut recherchierten Bücher bekannt ist, legt mit Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief eine ausführliche Hintergrundrecherche vor.

Wie bei allen Religionen, geht es auch bei Scientology vor allem um das liebe Geld:

To climb up to the bridge in Scientology is expensive, perhaps in proportion to what the church thinks you can afford and find worth the expense. Some people go into bankruptcy to stay, some balk and leave, but Scientology is a moneymaking outfit, like Avon or Herbalife, getting revenue by giving each person a bonus for recruiting others to the sales force, so that besides conviction, there’s a financial incentive to serve the group. Participants’ earnings—“stats”—are expected to be always rising, or else they face punishment and demotion.

The Hollywood actor Jason Beghe estimates that he spent nearly $1 million on Scientology donations, material, and courses. One of Wright’s principal informants, Paul Haggis, a successful and talented television and screen writer and director (Casino Royale, Crash), also spent a considerable fortune.

Adolf Hitler: Mein Kampf

An alle Nazis, die tatsächlich Google bedienen können: Geht euer Hirn suchen.

Es war die wohl anstrengendste Lektüre meines Lebens, handelt es sich doch um eines der schlechtest geschriebensten Bücher deutscher Sprache. Mein Kampf ist allerdings ein Druckwerk, das ständig in vielen Kontexten erwähnt wird, aber außer von ein paar Historikern und ein paar alphabetisierten politischen Idioten von niemandem gelesen wird. Es dauerte mindestens ein halbes Jahr bis ich das Buch in kleinen Portionen zu Ende hatte. Ich halte hier einige meiner Leseeindrücke fest.

Oft war ich angeekelt, aber immer wieder auch verblüfft, mit welcher instrumentalen Intelligenz Hitler bei der Umsetzung seiner Ideologie zu Wege ging. Je dümmer und abstoßender die Ideen, desto pragmatischer und perfider seine Pläne. Stil und Anlage von Mein Kampf zeugen freilich auf allen Ebenen von mangelnder intellektueller Disziplin: Die Themen in den Kapiteln werden lose assoziativ aneinander gereiht, so wie sie Hitler anscheinend gerade in den Kopf kamen. Begriffe werden oft falsch und inkonsequent verwendet. Bilder sind schief und klischeehaft. Der Stil ist ein seltsames Amalgam aus archaischem Deutsch und wüster Polemik. Die Struktur des Buches entbehrt dessen, was er für deutsche Jungen so wortreich fordert: Disziplin.

Hitler als dummen Spinner zu verniedlichen greift aber zu kurz. Diese Schublade dient in erster Linie dazu, eine Auseinandersetzung mit dem politischen Phänomen Hitler zu vermeiden.

Hitler beschreibt nach Elternhaus und Kindheit seine Zeit in Wien als Hilfsarbeiter auf dem Bau und muss bereits früh seinen Zeitgenossen gehörig auf den Senkel gegangen sein:

Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch über ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst herunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien. zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu folgen.

Man stelle sich den Verlauf des 20. Jahrhunderts vor, hätte der brave Bauarbeiter dem jungen Adolf tatsächlich einen Schubs gegeben…

Erstaunlich ist, wie besessen Hitler von Österreich ist. Bereits im zweiten Satz des ersten Kapitels ist vom wünschenswerten Anschluss an Deutschland die Rede. Die beiden folgenden Kapitel sind Wien gewidmet, an dem er als die Hauptstadt eines Vielvölkerreiches natürlich kein gutes Haar lässt.

Aber: Nicht alles an Wien sei schlecht! Hitler wäre heute beispielsweise ebenso empört wie die ÖVP, erführe er von der Eliminierung des „Dr.-Karl-Lueger-Rings“:

Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen Bürgermeisters erwachte die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben. Der letzte große Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, zählte offiziell nicht zu den sogenannten „Staatsmännern“; aber indem dieser Dr. Lueger als Bürgermeister der „Reichshaupt- und Residenzstadt“ Wien eine unerhörte Leistung nach der anderen auf, man darf sagen, allen Gebieten kommunaler Wirtschafts- und Kulturpolitik hervorzauberte, stärkte er das Herz des gesamten Reiches und wurde aber diesen Umweg zum größeren Staatsmann, als die sogenannten „Diplomaten“ es alle zusammen damals waren.

Interessant auch, wie sehr Hitlers Populismus dem aktueller Hetzer gleicht. Vergleicht man Hitlers Obsessionen etwa mit jenen des Heinz-Christian Strache, konstatiert man bald: Es sind immer dieselben thematischen Leerstellen, welche diese politischen Bauernfänger füllen. Beklagt Hitler die „Tschechisierung“ und die „Verjudung“ Wiens sind es bei der FPÖ die Türken und die Islamisierung, welche Wien ruinieren. Schimpft Hitler auf die „gemischtsprachliche Gefahrenzone“, verlegt die FPÖ dieses „Problem“ in die Wiener Klassenzimmer.

Hitler fordert ein „ein rassereines Volk, das sich seines Blutes bewußt ist“, Strache plakatiert „Mehr Mut für unser ‚Wiener Blut'“. Man könnte eine hübsche Seminararbeit über die Gemeinsamkeiten des Wienbildes in Mein Kampf mit dem der FPÖ verfassen.

Nach dem Kapitel über Wien, „die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande“, schwärmt Hitler über München als Gegenpol:

Eine deutsche Stadt!! Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden. Am meisten aber zog mich die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek usw. an.

Man könnte seitenweise über Hitlers wirres Weltbild und dessen Herkunft schreiben. Wenn er sich in Furor gegen die Demokratie redet, geht das Spektrum von Aspekten, die Platon im Staat anspricht bis hin zu Polemiken, die man auch heute noch an Stammtischen hört.

Die Frage, wie Hitler seine schäbige Ideologie so erfolgreich in die Praxis umsetzen konnte, beantworten zu einem Teil jene Passagen, die sich mit politischer Organisation und Propaganda beschäftigen. Was mich vor allem verblüffte ist, dass man viele von Hitlers Empfehlungen auch heute noch in Marketing-Lehrbüchern lesen kann. Warum? Weil sie funktionieren:

Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiet des Geschäftes oder der Politik liegen, trägt den Erfolg in der Dauer und gleichmässigen Einheitlichkeit ihrer Anwendung.

Er schreibt davon, wie wichtig simple Botschaften sind, die lange und dauerhaft gehämmert werden. Politische Propaganda soll sich immer am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren. Ähnlich handhaben das die FPÖ und andere Rechtspopulisten bis heute für ihre Wahlkampfslogans.

Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herrchen laufend interessante Abwechslung zu verschaffen, sondern zu überzeugen, und zwar die Masse zu überzeugen. Diese aber braucht in ihrer Schwerfälligkeit immer eine bestimmte Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen bereit ist, und nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr Gedächtnis schenken.

Kurz: Auch ein Trottel muss es noch verstehen können. Das bringt mich zu einem weiteren frappanten Aspekt des Buches: Hitlers Verachtung der Masse. Mein Kampf ist voll von abschätzigen Bemerkungen über die Dummheit des Volkes. Wenn man bedenkt, dass jedes Hochzeitspaar ein Exemplar des Buches geschenkt bekam, in dem sie als „Massenvertreter“ oft explizit als Dummköpfe ersten Ranges bezeichnet werden, entbehrt das nicht der Ironie.

Erwähnenswert ist auch, dass Hitler die katholische Kirche in vielen Belangen immer wieder als vorbildlich preist. Wie die Kirche an ihren Dogmen will Hitler unbeirrt an seinen nationalsozialistischen Grundsätzen festhalten:

Auch hier hat man an der katholischen Kirche zu lernen. Obwohl ihr Lehrgebäude in manchen Punkten, und zum Teil ganz überflüssigerweise, mit der exakten Wissenschaft und der Forschung in Kollision gerät, ist sie dennoch nicht bereit, auch nur eine kleine Silbe von ihren Lehrsätzen zu opfern. Sie hat sehr richtig erkannt, daß ihre Widerstandskraft nicht in einer mehr oder minder großen Anpassung an die jeweiligen wissenschaftlichen Ergebnisse liegt, die in Wirklichkeit doch ewig schwanken, sondern vielmehr im starren Festhalten an einmal niedergelegten Dogmen, die dem Ganzen erst den Glaubenscharakter verleihen.

Oder wenn er über die für ihn wichtige Einbindung der Masse des Volkes schreibt:

Hier kann die katholische Kirche als vorbildliches Lehrbeispiel gelten. In der Ehelosigkeit ihrer Priester liegt der Zwang begründet, den Nachwuchs für die Geistlichkeit statt aus den eigenen Reihen immer wieder aus der Masse des breiten Volkes holen zu müssen. Gerade diese Bedeutung des Zölibats wird aber von den meisten gar nicht erkannt. Sie ist die Ursache der unglaublich rüstigen Kraft, die in dieser uralten Institution wohnt. Denn dadurch, daß dieses Riesenheer geistlicher Würdenträger sich ununterbrochen aus den untersten Schichten der Völker heraus ergänzt, erhält sich die Kirche nicht nur die Instinkt-Verbundenheit mit der Gefühlswelt des Volkes, sondern sichert sich auch eine Summe von Energie und Tatkraft, die in solcher Form ewig nur in der breiten Masse des Volkes vorhanden sein wird. Daher stammt die staunenswerte Jugendlichkeit dieses Riesenorganismus, die geistige Schmiegsamkeit und stählerne Willenskraft.

Hier dürfte einer der Schlüssel dafür liegen, warum sich der Vatikan mit Hitler im Zweifelsfall immer so wunderbar verstanden hat.

Eine Leseempfehlung für das Buch spreche ich nicht aus, obwohl man aus ihm jede Menge über politischen Fanatismus lernen kann. Warum man sich vor Mein Kampf so sehr fürchtet, dass man es vom Buchmarkt fern hält, leuchtet mir allerdings nicht ein. Dieses riesige Konvolut an schlecht geschriebenen Sätzen läsen heute ebenso viele Menschen wie zu Hitlers Lebzeiten, wo es in jedem Haushalt stand: niemand. Die Dummheit und Bosheit springt einem auf jeder Seite entgegen, insofern sollte man ihm als Abschreckung eigentlich möglichst viele Leser wünschen.

Mein Kampf ist übrigens nicht verboten, es wird mit Hilfe des Urheberrechts unter Verschluss gehalten, was man in Zur Rechtslage von »Mein Kampf« von Giesbert Damaschke nachlesen kann.

Christopher Hitchens: Arguably

Die New York Times zählt diese Essaysammlung des im letzten Dezember verstorbenen Publizisten Christopher Hitchens zu den zehn besten Büchern des Jahres 2011. Deshalb fing ich an, in den Band hineinzulesen, obwohl mir Hitchens Atheismus-Buch (Notiz) aufgrund dessen Selbstverliebtheit nicht sehr gefallen hatte.

Es bestätigte sich schnell: Jeder verdient eine zweite Chance. Hitchens schreibt in dem 800 Seiten dicken Wälzer geistreich und unterhaltsam über eine Fülle von Themen: Literatur und Klassiker gehören dazu. Seine Essays über die amerikanischen Gründerväter, Mark Twain, Edmund Burke, Gustave Flaubert oder Victor Klemperer – um eine willkürliche Auswahl zu treffen – sind kenntnisreich, ohne krampfhaft originell sein zu wollen. Selbst für Kenner sind immer wieder neue Aspekte dabei. Seine religiösen und atheistischen Artikel sind aufgrund ihrer Polemik eine amüsante Lektüre. Hitchens kann sich aber ebenso überzeugend über übereifrige Weinkellner in der gehobenen Gastronomie echauffieren. Als politisch Reisender ist er ein exzellenter Beobachter. Dass er Risiken nicht scheut, zeigt sein Bericht über das Waterboarding, dem er sich, trotz gesundheitlicher Probleme, freiwillig unterzog.

Wenn man sich nicht für alles interessiert, sucht man sich am besten die relevanten Themen heraus. Für mich zählt Hitchens damit zu den lesenswertesten Literatur- und Kulturpublizisten seiner Generation.

Christopher Hitchens: Arguably: Selected Essays. (Twelve)

Der große Religionskritiker Jean Meslier (1664-1729)

Eine meiner größten Buchentdeckungen der letzten Jahre ist das furiose Testament des Jean Meslier. Zwar kannte ich ihn dem Namen nach schon seit meiner Studienzeit als Vertreter der französischen Frühaufklärung, zu einer näheren Beschäftigung mit ihm inspirierten mich aber erst Philipp Bloms Böse Philosophen.

Die erste Überraschung: Eine der brillantesten Religionskritiken der Geistesgeschichte wurde von einem Pfarrer geschrieben! Welche großartige Ironie! 1664 geboren schlug Meslier eine klassische klerikale Karriere ein. Obwohl er von seinem Bischof mehrmals wegen Aufsässigkeiten bestraft wurde, übte er Zeit seines Lebens brav sein Amt aus. So nachlässig wie möglich, wie er in seinen ketzerischen Memoiren betont. Er ist ein brillanter Kopf und durchschaut das Kirchen- und Adelswesen, welches die Armen in Frankreich gemeinsam unter der Knute hält. Ab 1719 setzt er sich bis zu seinem Tode 1729 fast jeden Abend hin und schreibt sein Memoir of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier nieder. Das Ergebnis ist ein hochgradig intelligenter und origineller Text, wie ihn die Geistesgeschichte bis dahin noch nicht kannte. Ein Geistesverwandter war Montaigne, dessen Essais er oft zitiert und dessen Art des Schreibens und Denkens ihn sehr beeinflusste.

Das Faszinierende an dem knapp sechshundert Seiten langen Buch ist seine Vielfalt: Scharfsinnige philosophische Argumente wechseln sich mit furioser Polemik ab. Das Tempo variiert. Man spürt in jeder Zeile die Empörung des Jean Meslier über die argen Zustände in der Welt. Trotz dieses Ärgers ist sein Denken scharf wie ein Rasiermesser. Das Testament ist eine Enzyklopädie der Religionskritik. Alle bis heute gültigen Argumente gegen Religion im allgemeinen sowie gegen das Christentum im speziellen werden mustergültig dargelegt: Die zahllosen textimmanenten Widersprüche in der Bibel und die gescheiterten Versuche der Theologen, diese weg zu interpretieren. Die zahlreichen schamlosen Übernahmen des Christentums aus anderen Religionen und das Abstreiten dieser Diebstähle. Die abstrusen Dogmen. Die verlogene Ethik. Die unzähligen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis.

Jean Meslier verwendet in erster Linie simple Logik zur Entlarvung. Dabei argumentiert er, trotz seiner Wut, mit einer intellektuellen Sorgfalt, die bewundernswürdig ist. Viele seiner Argumente setzen von innen an: Er greift religiöse Behauptungen auf und widerlegt sie intrinsisch. Er baut kein atheistisches Kartenhaus daneben auf, sondern zieht solange die Karten aus dem religiösen Kartenhaus, bis es zusammenstürzt. Ein weitere Strategie ist eine historische: Er stellt das Christentum in den geschichtlichen Kontext mit anderen Religionen und geschichtlichen Entwicklungen. Schließlich zeigt er immer wieder überzeugend auf, welchen wahren Interessen die Religion dient und wie diese zur Machterhaltung von Monarchen und Tyrannen systematisch verwendet wird.

Das Testament ist sorgfältig systematisch aufgebaut. Meslier beginnt mit seiner grundsätzlichen Hypothese:

All religions are nothing but errors, illusion, and imposture.
[Kapitel 3]

Das insgesamt 97 Kapitel umfassende Buch besteht nun aus acht Beweisen, die Meslier in extenso ausführt. Er fängt immer allgemein mit einer These an und belegt diese dann, in dem er in den Folgekapiteln immer mehr ins Detail geht. Seine acht „Beweise“ sind:

First Proof: Of the vanity and falsity of religions, which are all human inventions.

Second Proof: Of the vanity and falsity of said religion: Faith, which is blind belief that serves as the foundation of all religions, is only a principle of errors, illusions and impostures.

Third Proof: Of the vanity and falsity of religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called visions and divine revelations.

Fourth Proof: Of the vanity and falsity of said religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called prophecies of the Old Testament.

Fifth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion drawn from the errors of its doctrine and morality.

Sixth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion, taken from the abuse, the unjust persecutions, and the tyranny of the rulers, which it tolerates or authorizes.

Seventh Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the falsity of the opinion of men concerning the so-called existence of gods.

Eighth Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the men’s opinion about the spirituality and immortality of their souls.

Das Ergebnis ist eine umfassende Entlarvung der Religion an sich und gleichzeitig ein gewaltiges Plädoyer für Humanität, Aufklärung und Vernunft. Kein Wunder also, dass die Kirche das Buch mit aller Macht verfolgte. Voltaire gab eine auf seine Auffassungen hin völlig verfälschte Kurzausgabe heraus. Ansonsten zirkulierte das Testament lange in Form illegaler Kopien. So manche Aufklärer bedienten sich großzügig aus seinem intellektuellen Fundus, ohne Quellenangabe versteht sich. Erst 1864 erschien eine vollständige Ausgabe, herausgegeben von Rudolf Charles. Ich las die 2009 bei Prometheus Books erschienene, erste vollständige Übersetzung ins Englische. Es gab in den letzten vierzig Jahren zwei deutschsprachige Ausgaben, die aber nur noch sehr teuer antiquarisch zu bekommen sind. Eine Neuauflage wäre dringend überfällig!

Jean Meslier zählt zu den größten Aufklärern der abendländischen Geschichte. Bevor Kant noch geboren war lebte er dessen Maxime „Sapere aude!“ allein und einsam in der französischen Provinz und schrieb eines der fulminantesten Enthüllungsbücher der Geistesgeschichte.

Doch ich lasse ihn das Testament am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen. Gegen Mesliers Aufruf zur Empörung im letzten Kapitel seines Buches, zitiert ist nur der Anfang, wirkt das Pamphlet des Stéphan Hessel wie der Text eines schüchternen Schulbuben:

All these arguments are as conclusive as they can be: it is enough to pay just a little attention to see the evidence. And so it cleary demonstrated, by all these arguments I have put forth above, that all religions of the world are, as I said at the beginning of this writing, only human inventions, and that everything they teach us or make us believe are only errors, illusions, lies, and impostures invented by scoffers, swindlers, and hypocrites to deceive men, or by shrewd and crafty politicians to hold men in check and do whatever they want to the ignorant people (who blindly and foolishly believe everything they are told comes from God) and claim that it is useful and expedient to make men believe in the same thing, on the pretext, as they say, that is „necessary that the common man not know very many truths and that he believe in many falsehoods.
And since these kind of errors, illusions, and impostures are the source and cause of countless evils, abuses, and viciousness in the world, and that even the tyranny, which makes so many people groan on the earth, also tries hard to hide itself under this attractive but false and detestable pretext of religion, I am very right to say that this hodgepodge of religion and political laws, such as there are at present, were in fact only mysteries of iniquity.
[Kapitel 96]

Jean Meslier: Testament. Memoirs of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier (Prometheus Books)
[Die am besten zugängliche und lieferbare Ausgabe]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier (Suhrkamp 1976)
[Hochpreisig antiquarisch zu bekommen]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier. Herausgegeben von Hartmut Kraus (Hintergrund)
[Lizenzausgabe der Suhrkamp-Ausgabe durch einen Kleinverlag]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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