Neue Kategorien

Es gibt ab sofort drei bereits gut gefüllte neue Notizen-Kategorien: Archäologie, Edition und Religion.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Nach längerer Pause ist endlich wieder einmal ein Band der großen Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe erschienen! Tranströmer will ich mir nach dem diesjährigen Nobelpreis etwas näher ansehen. Über den kleinen Band Gerd Hofmanns stolperte ich auf der Buch Wien 11.

mordslust

Dieser Artikel ist die Langfassung des in the gap Nr. 120 erschienen Artikels.

Warum ist das Böse so verabscheuungswürdig und besitzt dennoch so eine Faszination? Vier neue Bücher beschreiben Ursachen, ohne dem wahren Bösen wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Böse fasziniert die Menschen seit sie begannen, über ihre Rolle im Universum nachzudenken. Wirft man einen Blick auf den Buchmarkt, ist diese Faszination ungebrochen. Eine Fülle von Neuerscheinungen zum Thema füllen die Regale. Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton versucht, das Böse aus einer philosophisch-kulturgeschichtlichen Perspektive zu behandeln. Eugen Sorg nähert sich von der anderen Seite: Als Vertreter des Roten Kreuzes während des Balkankriegs war er handfest mit den dort begangenen Gräueltaten konfrontiert und leitete aus diesen Erlebnissen seine provokanten Thesen ab. Zwei Neuerscheinungen schildern sehr eindringlich die Praxis des Bösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in Bloodlands zum ersten Mal gleichzeitig in einer Monographie ausführlich die Massenmorde an Zivilisten, welche die Schergen Stalins und Hitlers mit erschreckendem Enthusiasmus ausführten. Reichliches Anschauungsmaterial liefern in Soldaten die Sönke Nietzel und Harald Welzer herausgegebenen und kommentierten Protokolle von abgehörten deutschen Kriegsgefangen.

Kannibalismus und Sonderkommandos

Liest man im Detail über Taten, die man gemeinhin als „böse“ beschreibt, stellt sich schnell Fassungslosigkeit ein. Snyder schildert etwa minuziös die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe in der Ukraine und spart auch das tabuisierte Thema des Kannibalismus nicht aus. 2,5 Millionen Menschen verhungerten. Zahlreiche Belege zeigen, dass Familien eigene Kinder „opferten“, sie also kochten und gemeinsam aßen, um später trotzdem zu verhungern. Bekannter ist das Wüten der deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa, wo viele die von ihren Vorgesetzten vorgegeben Mordquoten ebenso übererreichen wollten, wie heute ein braver Angestellter die Zielvorgaben seiner Firma.

Natürlich drängt sich hier die Frage nach dem Warum auf. Je schrecklicher die Taten, desto bohrender die Frage. Jede Religion versucht, das Problem des Bösen auf ihre Weise zu lösen, gerne auch mit personifizierten bösen Gottheiten. Satan wurde im Christentum mit dieser Aufgabe betraut, unterstützt vom Konzept der Erbsünde. Über die berühmte Theodizee-Frage, wie ein allgütiger und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen logisch kompatibel sein könne, streiten sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten.
Die wichtigste Frage wird in der aktuellen Debatte aber kaum gestellt: Ist der Begriff des Bösen überhaupt erkenntnisrelevant? Betrachtet man das Phänomen aus erkenntnisgeschichtlicher Perspektive kann man diese Antwort nur verneinen. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass DAS BÖSE als Abstraktum existiert. Hier wird ein religiöses Konzept unkritisch in eine säkulare Debatte übertragen. Ergebnis sind substanzlos Spekulationen, die nicht widerlegbar sind, und damit keinen Erkenntniswert besitzen. Aussichtsreicher dürften weitere sozialpsychologische und neurologische Studien sein. Die Hirnforschung brachte in den letzten Jahren auch viel neues Wissen darüber, wie Religion im Kopf „funktioniert“.

Wer auf der Suche nach einer aktuellen Antwort zu Terry Eagletons Abhandlung über Das Böse greift, wird enttäuscht werden. Weder die inhaltliche Analyse des Phänomens noch die dafür angewandte Methodik ist überzeugend. Inhaltlich hält der Marxist das Böse für eine metaphysische Angelegenheit und nähert sich dem Begriff durch einen kulturwissenschaftlichen Parforce-Ritt durch die Weltliteratur, um schließlich bei Freuds Todestrieb erschöpft abzusteigen. Am überzeugendsten ist Eagleton, wenn er den aktuellen Sprachgebrauch rund um das Böse untersucht. Am Ende freilich steht der Leser bei schlechter Sicht im Nebel des kulturwissenschaftlichen Jargons und ist um kaum eine Erkenntnis reicher.

Der Mensch – ein böses Wesen?

Neue Denkanstöße gibt dagegen Eugen Sorgs polemisch-provokantes Buch Die Lust am Bösen. Die Hauptthese verrät bereits der Untertitel: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Sorg hält den aktuellen Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema für hochgradig naiv. Bei jeder abscheulichen Tat werde sofort nach externen Ursachen gesucht. Wenn die klassischen Erklärungsmuster (schwere Kindheit; Missbrauch; Armut…) versagen, etwa wenn Amokläufer oder Terroristen aus vorbildlichen Verhältnissen zu ihrem gut geplanten Werk schreiten, herrsche Ratlosigkeit. Laut Sorg wolle die Gesellschaft nicht wahr haben, dass es beim Menschen eine gattungstypische Veranlagung zum Bösen gäbe. Untersuchungen wie das berühmte Milgram-Experiment belegten dies ebenso, wie die im Fall der Versuchung völlig unterschiedliche Reaktionen von Nachbarn aus ähnlichen Verhältnissen. Der eine werde ohne Zwang zum Folterknecht, der andere riskiere sein Leben, um selbst „Feinden“ zu helfen. Beispiele aus dem Balkankrieg machen diese Behauptung plausibel. Im letzten Drittel des Buches widerspricht Sorg aber implizit seiner eigenen These über die Autonomie des Bösen: Er wendet sich der Beschimpfung des Islams zu. Zwar halte auch ich es für sehr aufschlussreich, die Rolle von Religionen als Gewaltkatalysator zu untersuchen, aber wenn Sorg nun die islamische Welt ebenso undifferenziert wie wutentbrannt der Gewaltverherrlichung zeiht, sucht er nun selbst genau nach den externen Ursachen für das Böse, die er kurz zuvor als Erklärungsversuch noch scharf zurück weist.

Die unerfreuliche anthropologische Hypothese, dass Menschen immer wieder gerne aus Spaß quälen und töten, belegen auch die Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten in dem Buch Soldaten. So meinte bereits im Juli 1940 ein Oberleutnant der Luftwaffe: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Eines vieler Beispiele. Falsch scheint auch die Annahme zu sein, die Verrohung eines Soldaten brauche viel Zeit. Ein Aufklärer bei der Luftwaffe empfand bereits nach vier Tagen sein Mordhandwerk als „Vorfrühstücksvergnügen“.

Ideologie ist fehl am Platz

Verteilt man weltanschauliche Zensuren, so steckt man diese Auffassung natürlich schnell ins konservative Eck. Wie die Beispiele zeigen, gibt es aber jede Menge Fakten, welche die Existenz von Gewalt um der Gewalt willen belegen. Der reaktionärer Umtriebe unverdächtige Jan Philipp Reemtsma spricht hier von autotelischer Gewalt.

Statt jeden Täter automatisch als Opfer seiner Umstände zu entschuldigen, sollte die Frage nach der individuellen Verantwortung nie reflexartig ausgeblendet werden. Die Idee von der Freiheit und Autonomie des Individuums war und ist eine fortschrittliche. Die in konservativen Kreisen beliebte Forderung, unverbesserliche böse Menschen gehörten möglichst hart bestraft, ist ebenfalls durch Fakten schnell als Kurzschluss überführt. In den USA etwa ist die Kriminalitätsrate trotz drakonischer Strafen signifikant höher als in EU-Staaten mit liberalem Strafrechtssystem. Das richtige Rezept ist hier, den anthropologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, aber darauf gesellschaftspolitisch pragmatisch statt ideologisch zu reagieren.

Die Bücher

  • Terry Eagleton: Das Böse. (Ullstein)
  • Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle, vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer)
  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist (Nagel & Kimche)

Ein Spaziergang durch die Buch Wien 11

Der deplorable Zustand der österreichischen Verlagslandschaft ist gut bekannt und oft beklagt. Wer sich davon ein persönliches Bild machen will, der kann dies auf der Buch Wien tun. Winzig wirkt die Ausstellungshalle, wenn man die Größe anderer Buchmessen kennt. Die einheimischen Verlage präsentieren ihr Druckwerk. Das Publikum heute waren überwiegend Schulklassen. Der beachtlichste Menschenauflauf galt dem kochenden Koch am Kochbuchstand. Großspurig nennt man sich Internationale Buchmesse, es ist aber kein einziger renommierter ausländischer Verlag präsent. Den größten Stand hat Saudi-Arabien inne, wo das Ministry for Islamic Affairs seine rückschrittliche fundamentalistische Propaganda betreibt. Ein paar Schritte weiter werden offizielle russische Schriften präsentiert. Hübsch dazwischen passend der Stand von Radio Stephansdom.

Nun bin ich gegen Zensur jeder Art und auch die saudi-arabischen Spezialisten für Menschenrechtsverletzungen sollen ihre Bücher präsentieren dürfen. Es muss aber die Frage erlaubt sein, ob das im Zentrum der Halle und in dieser Größe sein muss. Das „Internationale“ dieser Messe beschränkt sich, so weit ich es auf meinem Rundgang heute sah, auf staatliche Stände, im besten Fall noch von Kulturinstituten.

Am sympathischsten sind die Kojen der ambitionierten kleineren Verlage. Auf diesem Sektor wird tolle Verlagsarbeit gemacht. Mittlere Häuser, also klassische Publikumsverlage, gibt es in Österreich kaum. Daran tragen auch die österreichischen Autoren eine Mitschuld: Viele werden von kleinen Verlagen hier entdeckt und wandern dann sofort in Richtung Hanser, Suhrkamp und Co. ab, sobald sie bekannt sind. Klassisches Investieren in neue Autoren zahlt sich für die einheimischen Verleger damit kaum aus. Ohne staatliche Verlagsförderung könnte man in ein paar Jahren die Buch Wien vermutlich in einer größeren Altbauwohnung abhalten. Ebooks spielten erwartungsgemäß keine Rolle. Man ist ja in der Provinz und unter sich. (Bis 13.11.)

Eine Frage an die Smartphone-Nutzer

Ich sehe in der Statistik, dass inzwischen ziemlich viele Notizen-Leser via Smartphone / Handy hier lesen. Ist das zufriedenstellend lesbar derzeit oder soll ich noch ein „mobiles Plugin“ installieren? Antworten idealerweise hier als Kommentar bzw. gerne auch als Mail an c.koellerer@gmx.net.

Uncle Tom’s Cabin

Der berühmte Anti-Sklaverei-Roman von Harriet Beecher Stowe zählt bekanntlich zu den meist gelesenen Büchern des 19. Jahrhunderts. In den USA ohnehin, aber auch Tolstoi, Lenin oder van Gogh wurden von dem Klassiker geprägt. David S. Reynolds schrieb nun mit Mightier Than the Sword: Uncle Tom’s Cabin and the Battle for America eine Art Rezeptionsgeschichte.

Kenntnisreich rezensiert wird das Buch von Christopher Bentley in der New York Review of Books.

Oberes Belvedere: Die neue Hängung

Das Obere Belvedere beherbergt die zweitwichtigste „klassische“ Gemäldesammlung in Wien nach dem Kunsthistorischen Museum. Der Bestand erstreckt sich vom Mittelalter bis zur klassischen Moderne (Klimt!). Vor einiger Zeit ordnete man die Bilder neu an. Heute hatte ich die erste Gelegenheit, die neue Hängung anzusehen. Der kleine mittelalterliche Bereich im Erdgeschoss blieb meiner Erinnerung nach gleich. Dort ist der großartige Znaimer Alter (ca. 1440-1450) zu sehen. Ein holzgeschnitzter Flügelaltar mit einer für diese Epoche überraschenden Fülle an realistischen Figuren, die nur ein großer Menschenkenner geschaffen haben kann.

Ging man früher durch das Museum, hatte man am Ende den Eindruck, man hätte vor allem (zu) viel Biedermeier-Malerei gesehen. Das neue Konzept beugt diesem ungerechten Urteil vor. Die Anordnung ist zwar nach wie vor chronologisch. Sie wurde aber durch thematische Zusammenstellungen samt Erläuterungen ergänzt. Das macht einen Rundgang abwechslungsreicher und informativer als bisher. Gleichzeitig wurden viele Werke aus dem Depot geholt. Man erkennt sie an einem roten Ausrufezeichen neben der Beschreibung. Das neue Ausstellungskonzept ist sehr überzeugend. Selbst ohne Bilder wäre freilich das fulminante Gebäude des Lukas von Hildebrandt eine Besichtigung wert. Übrigens ist diese Kunstsammlung einer der seltenen Orte, wo man in Ruhe einen van Gogh ohne Menschentrauben ansehen kann.

Dantes Vision

Dommuseum 8.11.

Wenn ich irgendwo „Dante“ lese, renne ich natürlich sofort in diese Richtung, selbst wenn sie mich ins Wiener Dommuseum führt. Die Göttliche Komödie zählt zu meinen Lieblingsbüchern, einige Notizen darüber gibt es selbstverständlich auch.

Ziel der Ausstellung mit dem Untertitel Durch die Hölle zum Licht ist es, künstlerische Auseinandersetzungen mit dem berühmten Buch aus dem 20. und 21. Jahrhundert zu zeigen. Im Mittelpunkt steht der Zyklus des deutschen Malers Theodor Zeller (1900 – 1986). Dessen figürliche Ästhetik wird freilich weder der Großartigkeit des Textes noch der Komplexität von dessen Inhalten gerecht. Es handelt sich um eine unreflektierte Illustrationsmalerei, welche die Grenze zum Kitsch nicht nur streift.

Ganz anders die wenigen Arbeiten des Russen Valery Kharitonov. Hier ist die Hölle so plastisch auf die Leinwand gebracht, dass sie teilweise wegen des dicken Farbauftrags reliefartig wirken. Wenigstens witzig sind die Bilder Markus Vallezas. So versucht er beispielsweise das Paradies in einer einzigen, hoch verdichteten Radierung zusammenzufassen, wobei die einzelnen Stationen durchnummeriert sind. Er nennt das Werk Himmelspizza.

Der Besuch der Ausstellung ist vor allem aus Meta-Interesse empfehlenswert. Zumindest mir war diese – teils fragwürdige – Art der Dante-Rezeption bisher unbekannt. Gleichzeitig bekommt man einen kunsthistorischen Einblick, wie weit heruntergekommen die katholische Kunst des 20. Jahrhunderts sein muss, wenn Maler wie Theodor Zeller auf das Podest gehoben werden müssen. Eine erbärmliche Sache, wenn man bedenkt, welche Meisterwerke der Katholizismus vom Mittelalter bis zum Barock inspirierte. (Bis 28.1.)

Die Notizen sind gehackt worden

Am 1.11.2011 um ca. 1:30 MEZ wurden die Notizen gehackt.
Die letzte Datenbanksicherung vom 16. Oktober habe ich wieder eingespielt.

Da es laut Internetprovider keine jüngere Datenbanksicherung gibt, darf nun wieder kommentiert werden.

Der Webadmin 01.11.2011 20:11 MEZ

In Südamerika unterwegs

Für knapp drei Wochen bin ich nun in Südamerika unterwegs, und zwar in Peru, Bolivien, Buenos Aires, Iguazu und Rio de Janeiro. Ich plane ausführlich via Twitter zu berichten. Fotos von unterwegs sind in einem öffentlichen Facebook-Album zu finden. Dort gibt es auch eine Karte mit der Reiseroute.

Kommentar-Freischaltungen bei “Erstkommentierern” dauern deshalb länger als sonst.

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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