Egon Friedell an Anton Kuh

Sehr geehrter Herr,

überrascht stelle ich fest, dass Sie meine bescheidene Erzählung „Kaiser Josef und die Prostituierte“ unverändert, nur unter Hinzufügung der drei Worte „von Anton Kuh“ im „Querschnitt“ veröffentlicht haben.

Es ehrt mich selbstverständlich, dass Ihre Wahl auf meine kleine, launige Geschichte gefallen ist, da Ihnen doch die gesamte Weltliteratur seit Homer zur Verfügung gestanden hat.

Ich hätte mich deshalb gerne revanchiert, aber noch Durchsicht Ihres ganzen Oeuvres fand ich nichts, worunter ich meinen Namen hätte setzen mögen.

Egon Friedell

Nägel mit Köpfen

Filmcasino 10.3. 2013

Österreich 2012
Regie: Marko Doringer

Warum dreht man einen Film? Sieht man einmal von der schnöden Mammonproduktion des Mainstreams ab, sind es üblicherweise zwei Gründe: Man will der Welt etwas Merk-würdiges mitteilen oder man will ein Kunstwerk schaffen, also mit ästhetischen Mitteln etwas Neues schaffen. Im Idealfall glückt beides. Dem Marko Doringer gelingt beides nicht. Er scheint in der Filmkunst ein Mittel zu sehen, die Welt mit seinen banalen Beziehungsproblemen zu belästigen. Nägel mit Köpfen ist ein von der Filmförderung geförderter Privattherapiefilm. Der Film kreist in überwiegend banalen, dokumentarfilmähnlichen Einstellungen um mehrere Beziehungen. Unhinterfragt stehen in allen Fällen biedermeierlich-brave Beziehungswerte im vordergründig im Hintergrund. Selbst das schwule Pärchen in Belgrad träumt von einem Spießerleben. Der Film transzendiert diese Themen nicht, sondern klebt an der Banalität wie eine Fliege am Fliegenpapier. Ein langweiliger, überflüssiger Film. Im Gegensatz übrigens zu Doringers Erstling Mein halbes Leben.

Satyajit Ray: Pather Panchali (1955)

Der erste „realistische“ Film aus Indien genießt bis heute höchstes Renommee. Geschult am italienischen Neorealismus und mit bescheidenen 3000 Dollar als Budget drehte Ray einen teils ultrarealistischen, teils lyrischen Streifen über das Leben in einem indischen Dorf. Wir Indienreisenden sehen gleich, dass sich das Dasein dort kaum geändert hat. Es wird immer noch Wasser in denselben Gefäßen aus den Brunnen geholt und die Existenz ist heute noch mühsamer als damals.
Im Mittelpunkt von Pather Panchali steht das Geschwisterpaar Apu und seine ältere Schwester Durga. Der Vater will Schriftsteller werden, was das Schicksal selbstverständlich durch zunehmende Verarmung bestraft. Herausragend sind die Close-Ups auf Charaktergesichter jeglichen Alters. Die großen Themen des Lebens kommen alle vor, was den Film eine archaische Aura gibt.

Pather Panchali (DVD)

Reise-Notizen: Marokko

Dezember/Januar 2012/13

Eigentlich wollte ich über Weihnachten zum ersten Mal Fuß auf den afrikanischen Kontinent südlich der Sahara setzen: Eine Expeditionsstudienreise nach Äthiopien war gebucht. Sie wurde mangels Teilnehmer abgesagt, und ich werde versuchen, sie im Herbst nachzuholen. Eine Alternative war mit Marokko schnell gefunden. Das Land stand schon lange auf der Wunschliste und gerade nach dem Übergang des arabischen Frühlings in den arabischen Herbst ist Nordafrika ein interessantes Ziel.

Die Lufthansa hatte mit dem Winterflugplan den Direktflug nach Casablanca eingestellt, Royal Air Maroc wäre nur noch zu horrenden Preisen zu buchen gewesen, so dass ich wider besseres Wissen mit Iberia fliege. Service und Komfort ist so schlecht wie erwartet. Man sollte wirklich nur im Notfall in diese überdimensionalen Sardinendosen steigen. Nach einer Nacht beginnt die große Rundreise. Wir werden knapp 3000 Kilometer in fünfzehn Tagen zurücklegen und die wichtigsten Landesteile und Städte des Landes besuchen, mit der Ausnahme des Nordens. Ich hatte mir Marokko als trockenes, verstepptes Land vorgestellt, ähnlich wie Ägypten außerhalb der Nilgegend. Weit gefehlt! Nördlich des Atlas ist Marokko zumindest im Winter so grün wie Zentraleuropa. Landwirtschaft und Weinberge sind zu sehen. Die marokkanischen Weine sind unerwartet gut, eine der positiven Spätfolgen der französischen Kolonialzeit.

Die erste Station ist gleich die berühmteste: Marrakesch. Der Gauklerplatz am späteren Sonntagnachmittag ist zum Bersten voll, anders als einen Tag darauf. Nebst kulinarischen Köstlichkeiten aller Art und Fallensteller für Touristen (mit Affen!) sind tatsächlich jede Menge Einheimische auf dem Platz. Gaukler sieht man zwar nur wenige, aber um die legendären Geschichtenerzähler bilden sich große Menschentrauben, was nicht nur für Literaturwissenschaftler spannend zu beobachten ist. Wer den Orient kennenlernen will, der setze sich für ein paar Stunden mit einem Minztee in ein Straßencafe am Rande des Jemaa el Fna, und beobachte das Treiben dort. Dem Bazar der Stadt ist bereits sehr anzusehen, dass Marrakesch das wichtigste Touristenziel des Landes ist.

Ganz anders noch der riesige Souk von Fes, den ich schon gegen Ende der Reise besuche. Auf 15 labyrinthischen Quadratkilometern bekommt man einen authentischen „mittelalterlichen“ Eindruck. Nirgends auf der Welt sah ich bisher so viele traditionelle Handwerker bei der Arbeit. Neben Schneidern, Schustern, Bäckern und so weiter gibt es Metallbearbeitung in bester Qualität. Was die Waren angeht, wundere ich mich, wie wenig chinesischen Ramsch man sieht, der ja inzwischen weltweit die Märkte dominiert.

Von Marrakesch fahre ich jedoch erst einmal weiter an die Atlantikküste. Essaouira ist ein sehenswerter Küstenort mit einem Fischerhafen, an dem die moderne Zeit ebenso spurlos vorübergegangen ist wie am Bazar der Stadt. Schwere Befestigungen am Atlantik erinnern an die Kolonialzeit und den Sonnenuntergang erlebe ich am Atlantikstrand. Agadir ist dagegen ein im Winter heruntergekommen wirkender klassischer Badeort. Es ist mir ein Rätsel, wieso Menschen an solchen Orten ihre Urlaubszeit verbringen. Den Atlantik sollten wir erst am Ende der Reise in Rabat wiedersehen.

Die Vielfältigkeit Marokkos zeigt sich in den Berglandschaften. Ich besuche den Anti-Atlas, den Atlas und den Mittleren Atlas. Diese Gebirge sind so unterschiedlich als seien sie auf anderen Kontinenten. Man kann das gut anhand der Farben beschreiben. Der Anti-Atlas ist überwiegend beige und sandfarben, wie einige Bilder des Paul Klee. Große, cremefarbene Quader liegen monolithisch in der Landschaft. Lehmbauten alter Berberstämme hängen an den Wänden. Ganz anders im Atlas. Dort gibt es viele Schluchten an deren Boden pittoreske Oasen liegen, in denen sich völlig unpittoresk arme Kleinbauern mit ihren tierbetriebenen Pflügen abquälen. Hinter den Feldern die traditionellen Lehmdörfer. Dazwischen immer öfters modern gebaute Häuser. Die Landbevölkerung zieht zum Arbeiten in die Stadt und lernt das moderne Bauen kennen. Kehrt man später mit Geld in sein altes Dorf zurück, dann baut man modern! Die Nachbarn wollen nicht als rückständig gelten und ziehen nach. Meine Prognose: In zwanzig Jahren wird man das klassische Berberlehmdorf nur noch auf Fotos bewundern können. Doch zurück zu den optischen Eindrücken! Scheint die Sonne schillern die hohen Bergwände dieser Schluchten in vielen Farben. Ganz so als wollte die Geologie uns zurufen: Auch ich bin Kunst! Viele Landschaftsformen erinnern an den Westen der USA. Weniger monumental vielleicht, aber sehr nah verwandt.
Der Mittlere Atlas wiederum erinnert an Zentraleuropa. Wälder gibt es dort und selbst ein Skigebiet. Ich bin im Winter dort und marokkanische Kinder beim Schlittenfahren anzutreffen zerstört ein weiteres Orientklischee des Reisenden aus Europa.
Um das Landschaftliche abzuschließen, sei noch die Sahara erwähnt. Wir Studienreisenden sehen freilich nur den Rand der Wüste, doch für ein kleines Wüstenerlebnis reicht es, wenn man sich die Mühe macht über ein paar Dünen zu stapfen, um dort alleine den Sonnenuntergang beobachten zu können.

Während der Reise sehe ich sehr viel islamische Architektur. Ich kenne Koranschulen und Moscheen bereits aus zahlreichen anderen Ländern, die Paläste und Agadire (Speicherburgen) sind für mich neu. Wirklich alt ist freilich nichts. Was aus Lehm gebaut ist, muss jährlich nachgebessert werden. Europäische Patina darf man in Marokko also nicht erwarten. Der Prunk der Prachtbauten steht jedenfalls wie überall auf der Welt in starkem Kontrast zur Armseligkeit der Dörfer.

Abschließend noch ein paar Worte zur Politik. Außer einigen kleineren Demonstrationen zog der arabische Frühling spurlos an dem Land vorüber. Das liegt an der klugen Politik des Königs, Mohammed VI. Zwar ist die Monarchie immer noch ein absolute, aber im Vergleich zu seinem tyrannischen Vater ist Mohammed VI. ein aufgeklärter Herrscher, der sogar ein wenig an die europäischen gekrönten Aufklärer wie Joseph II. erinnert. In den letzten Jahren stärkte er die Zivilgesellschaft, gab Frauen mehr Rechte und baute die Infrastruktur des Landes aus. Was die Straßen angeht, kann ich das nach den vielen Kilometern kreuz und quer im Land durchaus bestätigen. Gleichzeitig geht der König konsequent gegen Islamisten und andere „Unruhestifter“ vor. Eine Mischung, die zwar aus westlicher Sicht nicht sympathisch ist, dem Land aber eine in dieser Weltregion beneidenswerte Stabilität beschert.

„Notizen“ in Ö1

Die heutige Diagonal-Sendung ist mit meiner Beteiligung entstanden: Zum Thema: Bücher – Das Ende der Gutenberg-Galaxis?.

Friedrich Murnau: Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922)

Filmcasino 3.3. 2013
Akkordeon Festival

Live:
Stefan Sterzinger (Akkordeon)
Franz Schaden (Bass)

Die freie Adaptierung des Dracula Romans von Bram Stoker ist der wohl bekannteste frühe Horrorfilm der Filmgeschichte, auch wenn die Gruseleffekte beim zeitgenössischen Publikum oft in Komik umkippen. Murnau lehnt sich an diverse Vampirmythen an, bringt aber auch mir unbekannte Aspekte hinein, etwa, dass Nosferatu Heimaterde mitnehmen muss als er sein Gruselschloss in Transylvanien verlässt. Der Film wurde für damalige Verhältnisse mit viel Aufwand gedreht. Stefan Sterzinger und Franz Schaden entschieden sich für eine abstrakte Begleitung anstatt auf billige Horroreffekte zu setzen. Das tat dem Gesamteindruck sehr gut, weil damit die für heutiges Empfinden überzogene Horrorstummfilmästhetik musikalisch gedämpft wurde.

Gelesen im Februar

Stirbt die ISBN?

The Economist berichtet in Book-keeping über das mögliche Sterben der ISBN:

But publishing is changing. Self-published writers are booming; sales of their books increased by a third in America in 2011. Digital self-publishing was up by 129%. This ends the distinction between publisher, distributor and bookshop, making ISBNs less necessary.

Alternatives are appearing, too. Amazon has introduced the Amazon Standard Identification Number (ASIN). Digital Object Identifiers (DOI) tag articles in academic journals. Walmart, an American supermarket chain, has a Universal Product Code (UPC) for everything it stocks—including books. Humans are also getting labels: the Open Researcher and Contributor ID system (ORCID) identifies academics by codes, not their names. And ISBNs are not mandatory at Google Books.

Carl Theodor Dreyer: Gertrud (1964)

Schwer zu sagen, ob Gertrud ein Meisterwerk des Films und ein Meisterwerk des Kitsches ist. Für den Streifen spricht: Er ist ein Unikat. Kammerspielartig wird in dem Film mit überwiegend gedrechselten Sätzen über Gefühle geredet und geredet und geredet. Gertrud, Angehörige der dänischen Oberschicht, will ihren Mann verlassen, was gleich zu Beginn wortreich besprochen wird. Grund dafür ist ein junger Musiker, der Gertrud aber nur als Abenteuer sieht. Schließlich tritt noch ein alter, enttäuschter Verehrer auf, natürlich ein berühmter Dichter. In schwarz-weißen Innenräumen regiert das Sentiment. Die Länge der Einstellungen erinnert wie die Dialoglastigkeit an das Theater. Filmgeschichtlich ein spannender Film, aber kein für mich gedrehter.

Gertrud (DVD)

Die bösen Banken

Die Naiven unter uns hatten gehofft, dass nach dem Teilzusammenbruch des Finanzsystems seit 2008 die Politik aufwachen, und den Banken regulatorisch so fest auf die Finger klopfen würde, dass weitere Multimilliardensubventionen seitens Steuerzahler überflüssig werden. Ein paar Verschärfungen gab es, speziell in den USA, aber die grundsätzliche Situation ist unverändert: Die nächste Krise kommt bestimmt und sie wird weit katastrophaler sein als die letzte. Gibt es derzeit eine spannendere Frage für den Journalismus als jene, wie es den Banken heute wirklich geht? Eine exzellenten, sehr ausführlichen Artikel publizierte die Februar-Ausgabe von The Atlantic: What’s Inside America’s Banks? von Frank Partnoy und und Jesse Eisinger:

Some four years after the 2008 financial crisis, public trust in banks is as low as ever. Sophisticated investors describe big banks as “black boxes” that may still be concealing enormous risks—the sort that could again take down the economy. A close investigation of a supposedly conservative bank’s financial records uncovers the reason for these fears—and points the way toward urgent reforms.

Die beiden decken zwei Dinge auf: Erstens haben die Investoren selbst nicht mehr Vertrauen als die Occupy-Bewegung in die Banken. Das System funktioniert also von innen heraus nicht mehr. Zweitens zeigen sie anhand der angeblich konservativsten amerikanischen Bank Wells Fargo im Detail anhand deren Geschäftsbericht, wie nichtssagend die Zahlen darin sind, wenn es um Risiken geht. Die Zeit in die Lektüre des langen Artikels ist sehr gut investiert.

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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