Django Unchained

USA 2012
Regie: Quentin Tarantino

Dr. King Schultz: „How do you like the bounty hunting business?“ – Django: „Kill white people and get paid for it? What’s not to like?“

Tarantino, der Spezialist für hübsch in Szene gesetzte Blutbäder und zynische Dialoge, versucht sich in Django Unchained im Western Genre. Genauer: Er nimmt Genrekonventionen zum Ausgangspunkt, um diese in seine Richtung zu erweitern. Es ist eine Western-Oper (drei Stunden!) und es wundert mich nicht, dass Tarantino nun sogar im Gespräch dafür ist, in Bayreuth Wagner zu inszenieren. Es gibt sogar eine Reihe expliziter Wagner-Allusionen (Brünnhilde!). Als Opernfreund drückt diese Form der Ästhetik bei mir natürlich auf die richtigen Knöpfe, speziell wenn sie mit exzellentem Sarkasmus und edel-ironischen Sprachduktus garniert sind, wie sie Christoph Waltz als Kopfgeldjäger Dr. King Schultz grandios exekutiert.

Tarantino setzt auch dieses Mal seine Gewaltästhetik paradox ein, um den Amoralismus der amerikanischen Sklaverei zu geißeln. Drastisch zeigt er diverse Grausamkeiten und hält seinen Landsleuten ein unerfreuliches Spiegelbild vor Augen. Leonardo DiCaprio spielt hervorragend einen besonders unergötzlichen Plantagenbesitzer, der sich unter anderem die Zeit dadurch vertreibt, dass er Sklaven bis zum Tode kämpfen lässt. Die erste Hälfte fand ich überzeugender als die zweite, wo es einige Längen gibt. Gegen Ende fällt der Film noch mal ab. Trotzdem für mich einer der besten Filme des Regisseurs.

Kafka: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten

Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf.

Ich wundere mich eben selbst, wie wenige Notizen es hier über Franz Kafka gibt, obwohl er zu meinen Favoriten zählt. Der Grund dafür ist einfach: Meine ausführliche, auch akademische Beschäftigung mit ihm war in den neunziger Jahren, also bevor ich alle meine Lektüren in Notizen verwandelte.

Es gibt sicher keinen Autor über den mehr Haarsträubendes geschrieben worden wäre als über Kafka. Deutungsexperten aller Couleur stürzten sich auf seine Texte wie Eisenspäne auf einen Elektromagneten. Der Kardinalfehler der Kafkalektüre besteht darin, seine Texte in eine der gängigen Schubladen stecken zu wollen, wie es hermeneutische Spießer seit Jahrzehnten versuchen. Dabei ist das korrekte Kafkalesen nicht schwer: Man muss sich auf die Mehrdeutigkeiten der Texte einlassen und ihre Fremdheit akzeptieren. Kurz: Ihnen literarischen Respekt entgegen zu bringen anstatt sie mit diversen textlichen Folterwerkzeugen zu bearbeiten.

Ein Landarzt versammelt die gedruckten kleineren Arbeiten Kafkas, die zu seinen Lebzeiten erschienen sind, und basiert auf der Kritischen Ausgabe. Nirgends ist Kafka ja seltsamer als in seiner kürzeren Prosa. Liest man die Romane, so gewöhnt man sich trotz aller Seltsamkeiten schnell an den fiktionalen Kosmos. Auch Leser sind Gewohnheitstiere. Bei den Erzählungen und parabelartigen Texten bleibt dafür keine Zeit: Kaum tastet man sich in die Textwelt hinein, schon ist man am Ende angelangt. Je kürzer, desto nachhaltiger ist dieser Effekt. In der Mitte zwischen den Romanen und den Parabeln stehen die Erzählungen mittlerer Länge wie Die Verwandlung und In der Strafkolonie. Letztere halte ich für eines der besten Werke Kafkas, kombiniert er darin doch seine „unmenschliche“ literarische Ästhetik inhaltlich mit einem schonungslosen Blick auf die Natur des Menschen. Kafka ist einer der wenigen Autoren, die mit großer Leichtigkeit hinter die dünne menschliche Zivilisationsfassade blicken. Deshalb wird er seit Jahrzehnten als großer Prophet gefeiert. Dabei war seine Kernkompetenz nicht die Prophetie, sondern sein anthropologischer Röntgenblick.

Faszinierend ist es, wie vielfältig die „kleinen“ Texte Kafkas sind, obwohl man sie sofort als Kafkatexte erkennt. Ihnen genügend Zeit zu geben ist ebenso wichtig wie mit den Mehrdeutigkeiten leben zu können.

Franz Kafka: Ein Landarzt: und andere Drucke zu Lebzeiten (Fischer Taschenbuch)

Die Notizen in „Die Presse“

Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen.

Aus dem Artikel Kritik im Netz: „Laszive“ Bibel, „labernder“ Goethe vom 5. Januar 2013.

In Marokko unterwegs

Die nächsten gut zwei Wochen bin ich auf einer Marokko-Studienreise: Hier die Reiseroute. Ein paar Livefotos wird es in diesem Album geben. Ansonsten die übliche Reiseberichterstattung auf Twitter.

Exzellente Einführung in die englische Geschichte

Regelmäßige Notizenleser kennen meine Wertschätzung für das Angebot der Great Courses. In den letzten Monaten hörte ich einerseits Jennifer Paxtons Vorlesung über das England des Mittelalters und sah mir die 48 Teile des großen Englandkurses von Rupert Buchholz an. Beide sind didaktische Referenz, was spannende Geschichtsvermittlung angeht, ohne sachlich Kompromisse einzugehen.

Jennifer Paxton: Story of Medieval England: From King Arthur to the Tudor Conquest (TTC Audio Lectures, 18h)

Rupert Bucholz: History of England from the Tudors to the Stuarts (TTC Video Lectures, 24h)

Empfehlungen: Great Courses – die besten Kurse

Letztes Update am 20.11. 2016

Die Great Courses habe ich hier schon einmal im Allgemeinen empfohlen. An dieser Stelle will ich nun konkreter werden und einige der Kurse auflisten, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe die meisten als Audioversionen gehört, mit Ausnahmen wie Kunstgeschichte und ein paar anderen.

Seit kurzem gibt es die Kurse auch als Video-Downloads. DVD-Bestellungen waren wegen Zollgebühren etc. bisher mühsam.

Vorab noch der Hinweis: Die Listenpreise erscheinen relativ hoch. Es geht aber jeder Kurs regelmäßig „On Sale“ und wird dann für einen Bruchteil des Listenpreises angeboten.

Notizen über einzelne Kurse finden sich hier.

Antike:

History of Ancient Egypt
Ancient Greek Civilization
The Persian Empire
Greek and Persian Wars
Peloponnesian War
History of Ancient Rome
Emperors of Rome
Rome and the Barbarians
History of the Ancient World: A Global Perspective

Geschichte:

Big History. The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
Foundations of Western Civilization I & II
Story of Medieval England: From King Arthur to the Tudor Conquest
History of England from the Tudors to the Stuarts
Italian Renaissance
War, Peace, and Power: Diplomatic History of Europe, 1500–2000
Origins and Ideologies of the American Revolution
Living the French Revolution and the Age of Napoleon
History of the United States, 2nd Edition
History’s Greatest Voyages of Exploration
Maya to Aztec: Ancient Mesoamerica Revealed

Kunst:

How to Look at and Understand Great Art.
A History of European Art
Great Artists of the Italian Renaissance

Literatur:

Masterpieces of Ancient Greek Literature
Dante’s Divine Comedy

Musik:

Bach and the High Baroque
Great Masters: All 10 Great Masters (Set)
How to Listen to and Understand Great Music
How to Listen to and Understand Opera
Operas of Mozart

Naturwissenschaften:


Your Deceptive Mind: A Scientific Guide to Critical Thinking Skills
Einstein’s Relativity and the Quantum Revolution: Modern Physics for Non-Scientists, 2nd Edition
Nature of Earth: An Introduction to Geology
Origins of Life
Understanding the Human Body: An Introduction to Anatomy and Physiology
Dark Matter, Dark Energy: The Dark Side of the Universe

Philosophie:

Great Minds of the Western Intellectual Tradition, 3rd Edition
Plato, Socrates, and the Dialogues
Plato’s Republic
Machiavelli in Context

Religionswissenschaft:

Old Testament
Historical Jesus
The New Testament
Lost Christianities: Christian Scriptures and the Battles over Authentication
Exploring the Roots of Religion

Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Schon lange war kein Literaturnobelpreisträger politisch so umstritten wie Mo Yan. Chinakenner Perry Link beschäftigt sich in der New York Review of Books No. 19/2012 ausführlich mit dem Autor: Does This Writer Deserve the Prize? Die politische Kritik scheint durchaus berechtigt zu sein:

Some criticized the Nobel committee, but their main criticism was of Mo Yan himself, primarily for some of his recent political choices. At the opening ceremonies of the Frankfurt Book Fair in October 2009, he read an officially vetted speech in which he claimed that literature should be above politics; but, when Chinese authorities ordered a boycott of a session where the freethinking writers Dai Qing and Bei Ling appeared, Mo Yan joined the walkout, later explaining that he “had no choice.”

In December 2009, after the announcement of Liu Xiaobo’s unexpectedly harsh prison sentence of eleven years, Cui Weiping, a film scholar, conducted a telephone survey of more than a hundred prominent Chinese intellectuals to get their responses. Many, at personal risk, expressed disgust and told Cui she could publish what they said. Mo Yan, who also gave permission to publish what he said, said, “I’m not clear on the details, and would rather not comment. I have guests at home right now and am busy.”

But most galling to Mo Yan’s critics was his agreement, in June 2012, to join in a state-sponsored project to get famous authors to hand-copy Mao Zedong’s 1942 “Talks at the Yan’an Forum on Literature and Art” in celebration of their seventieth anniversary. These “Talks”—which were the intellectual handcuffs of Chinese writers throughout the Mao era and were almost universally reviled by writers during the years between Mao’s death in 1976 and the Beijing massacre in 1989—were now again being held up for adulation. Some of the writers who were invited to participate declined to do so. Mo Yan not only agreed but has gone further than others to explain that the “Talks,” in their time, had “historical necessity” and “played a positive role.”

Economist: Best Books 2012

Inzwischen hat auch The Economist seine Buchempfehlungen 2012 vorgelegt und fast das Bücherjahr so zusammen:

The best books of 2012 were about Richard Burton, Titian, Rin Tin Tin, the revolution in Iran, the great famine in China, secret houses in London, good oil companies, bad pharma and management in ten words.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Reisevorbereitungsliteratur, die Neuübersetzung eines meiner Lieblingsklassikers sowie ein kunstgeschichtliches Standardwerk seien hervorgehoben.

    Gratis bekommen:

  • Heiko Hooge: Äthiopien. Tipps für individuelle Entdecker (Iwanowski’s)
  • Vis-á-Vis: Paris (Dorling Kindersley)
  • Regulär erworben:

  • Engelbert Kirschbaum: Lexikon der christlichen Ikonographie. Acht Bände (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
  • Iwan Gontscharow: Oblomow. Roman in vier Teilen (Wissenschaftliche Buchgesellschaft / Carl Hanser)
  • Martin Müller: Goethes merkwürdige Wörter. Ein Lexikon (Lambert Schneider)
  • Helga Ewert: Die Krim. Fasziniernde Landschaften auf der südlichen Krim (Gaasterland)

Gillo Pontecorvo: La Battaglia di Algeri (1966)

Was mich beim Ansehen am meisten faszinierte war weniger die ästhetisch und handwerklich hervorragende Umsetzung des Films oder die intelligenten Anleihen an den Expressionismus, sondern die unglaubliche Aktualität des Films.
Die Geschichte erzählt den Aufstand in Algier gegen die französische Besatzungsmacht. Obwohl die Brutalitäten der Franzosen ausführlich gezeigt werden, inklusive einiger unter George W. Bush wieder zu neuen Ehren gekommenen Foltertechniken, werden die Franzosen nicht plump dämonisiert. Die Pariser Perspektive der Ereignisse kommt nicht zu kurz. Ausbalanciert wird die Handlung weiter dadurch, dass die Terrorakte der FLN gegen die Zivilbevölkerung ebenso auf die Leinwand kommen. Dass die Protagonisten beider Seiten als Menschen statt als politische Strohpuppen charakterisiert werden, verschärft die Wirkung der moralischen Kalamitäten. Kurz: Ein narrativ sehr intelligenter Film.
Die Tragödie entfaltet sich fast stereotyp und der Vergleich zum Irak oder zu Afghanistan drängt sich auf. Hätte man amerikanischen Politikern und Militärs diesen Film rechtzeitig gezeigt: Vielleicht hätten sie es sich doch noch einmal anders überlegt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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