Afrikanische und äthiopische Buchtipps gesucht

Im Dezember breche ich zu einer Expeditionsstudienreise nach Äthiopien auf. Zur Vorbereitung möchte ich noch eine Reihe an Büchern lesen. Falls also jemand Empfehlungen (Literatur, Sachbücher, Reiseberichte…) zu Afrika, bzw. spezieller, Äthiopien hat, bitte hier als Kommentar kund tun. Filmempfehlungen sind natürlich ebenfalls erwünscht.

Bibliomane John Sutherland

John Sutherland kam mir erst kürzlich unter, obwohl er in englischsprachigen Literaturzirkeln offenbar ziemlich bekannt ist. Nach allem, was ich bisher las, scheint er mir eine Art englischer Rolf Vollmann zu sein, der jede Menge Bücher über Bücher schrieb.

In der aktuellen New York Review of Books wird sein jüngstes Werk besprochen, genauer: verrissen, das sich unter dem Titel Lives of the Novelists: A History of Fiction in 294 Lives vielen angelsächsischen Autoren annimmt.

Rezensent Robert Gottlieb lässt allerdings kaum ein gutes Haar an dem Buch, wie schon der Beginn seiner Kritik deutlich macht:

It’s hard to say which are more remarkable, the inflated ambitions of this enormous book, its actual achievements, or the perversities with which the author has undermined them. An admired academic—Emeritus Lord Northcliffe Professor of Modern English Literature at University College London and former longtime faculty member at the California Institute of Technology—and a widely read literary journalist, John Sutherland has set out to give us the Lives of the Novelists (English-language novelists, that is). Or as he puts it in his subtitle, “A History of Fiction in 294 Lives.” The self-congratulatory nod to Samuel Johnson’s magnificent Lives of the English Poets is as embarrassing as it is presumptuous.

Weitere bibliomane Bücher John Sutherlands:

Love, Sex, Death & Words: Surprising Tales from a Year in Literature

Bestsellers: A Very Short Introduction

Dickens Dictionary

50 Literature Ideas You Really Need to Know

How Literature Works: 50 Key Concepts

Der Harvard Book Store wird zur Druckerei

Traditionelle Buchhandlungen tun sich mit der aktuellen Entwicklung rund um Ebooks schwer. Speziell in den USA steigt der Umsatzanteil bei Ebooks rasant. Das geht natürlich auf Kosten der klassischen Buchhandlung. Der Harvard Book Store geht deshalb neue Wege bietet einen Buchdruckservice an. Mehr als 3 Millionen Titel können innerhalb weniger Minuten direkt in der Buchhandlung gedruckt werden. Wie das funktioniert, kann man sich auf You Tube ansehen: Video 1 und Video 2.

Joyce Carol Oates über Charles Dickens

Für die New York Review of Books No. 13/2012 schrieb Joyce Carol Oates den lesenswerten Essay The Mystery of Charles Dickens. Anlass ist Claire Tomalins neue Dickens-Biographie, die auch bei mir einen prominenten Platz in meinem Stapel ungelesener Bücher einnimmt.

Is Dickens the greatest of English novelists? Few would contest that he is the most English of great English novelists, and that his most accomplished novels—Bleak House, Great Expectations, Little Dorrit, Dombey and Son, Our Mutual Friend, and David Copperfield—are works of surpassing genius, thrumming with energy, imagination, and something resembling white-hot inspiration; his gift for portraiture is arguably as great as Shakespeare’s, and his versatility as a prose stylist is dazzling, as in this famous opening of Bleak House:

„London. Michaelmas Term lately over, and the Lord Chancellor sitting in Lincoln’s Inn Hall. Implacable November weather. As much mud in the streets, as if the waters had but newly retired from the face of the earth, and it would not be wonderful to meet a Megalosaurus, forty feet long or so, waddling like an elephantine lizard up Holborn Hill. Smoke lowering down from chimney-pots, making a soft black drizzle, with flakes of soot in it as big as full-grown snow-flakes—gone into mourning, one might imagine, for the death of the sun….

Fog everywhere. Fog up the river, where it flows among green aits and meadows; fog down the river, where it rolls defiled among the tiers of shipping, and the waterside pollutions of a great (and dirty) city. Fog on the Essex marshes, fog on the Kentish heights.“

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

August Strindberg: Inferno

Nach den diversen Jubiläumsfeierlichkeiten wollte ich wieder einiges von Strindberg lesen. Inferno war aber gleich ein kompletter Reinfall. Der mehr oder weniger autobiographische Roman spielt in Paris. Die erzählten Ereignisse sind aber entweder nur mäßig interessant oder intellektuell ärgerlich, wie alles, was in Richtung der seltsamen alchimistischen Experimente geht, die ja auch Strindberg selbst beschäftigten. Das wäre nun alles zu tolerieren, wäre der Text gut geschrieben. Er ist aber sowohl stilistisch als auch formal so schlicht wie dessen Inhalt. Ich brach die Lektüre deshalb ab.

August Strindberg: Inferno (tredition)

Reise-Notizen: Maribor, Sarajewo & Mostar

Beruflich war ich oft auf dem Balkan unterwegs, so dass ich diese Weltgegend inzwischen gut kenne. Die einzige Ausnahme war Bosnien. Zeit für eine Kurzreise nach Sarajewo also. Einen Zwischenstopp legten wir in der Kulturhauptstadt Maribor ein. Kommt man als unvorbereiteter Kulturtourist nach Maribor ist das Angebot enttäuschend. Zwar gab es einige „Events“ in der Stadt (Bodypainting etc.), ansonsten war aber kaum etwas geboten. Dafür war die schönste Stelle der Stadt, die Flusspromenade, durch ein selten hässliches Konglomerat an Sponsoringhütten verunstaltet. Wir fuhren am nächsten Morgen gerne Richtung Sarajewo weiter.

Die Fahrt durch Nordbosnien, also durch den serbischen Teil, barg die erste große Überraschung. Erwartet hatte ich wenig Infrastruktur, kaputte Straßen und Schafherden. In Wahrheit sind die überregionalen Straßen dort besser in Schuss als so manche in Österreich. Auch das ängstliche Tanken kurz nach der Grenze stellte sich als lächerlich heraus: In jedem Dorf gibt es eine Tankstelle. Vermutlich bin ich noch nie auf einer Straße mit so vielen Tankstellen gefahren wie auf dieser in Bosnien. Selbstverständlich sieht man jede Menge von grotesk wirkenden Industrieanlagen bzw. -ruinen am Straßenrand. Generell wirkt das Land zumindest an den Hauptverkehrsrouten entlang nicht so arm wie ich das erwartet hätte. Um das Straßenthema abzuschließen: Die Route von Sarajewo nach Mostar ist ebenfalls in einem besseren Zustand als so manche andere Strecke in Mitteleuropa. Dabei führt sie überwiegend durch schwieriges Terrain und man musste viele Brücken und Tunnels bauen.

Sarajewo! Dass es sich hier um eine muslimische Stadt handelt, merkt man eigentlich nur an den Moscheen, deren Gebetsrufe übrigens wesentlich dezenter erfolgen als in allen anderen mir bekannten islamischen Ländern. Die Menschen sind europäisch gekleidet (kurze Hosen und Röcke!) und auch sonst sieht man vieles, was in anderen vom Islam geprägten Ländern unvorstellbar wäre. Die Türkei einmal ausgenommen.

Die Altstadt Sarajewos ist schnell besichtigt. Kriegsschäden und sozialistische Bausünden sieht man nicht wenige, trotzdem wirkt die Innenstadt überwiegend saniert. Das Straßenleben ist südländisch und speziell im Basarviertel, das eigentlich mehr einer europäischen Restaurantmeile ähnelt, tobt das urbane Leben. Eine durch und durch sympathische Stadt. Das Nationalmuseum hatte leider geschlossen, es gibt aber eine Reihe kleinere Museen und Gedenkstätten, die man besichtigen kann. Darunter auch jene, welche dem berühmtesten Attentat der Stadt gewidmet ist.

Im Hinterkopf hatte ich natürlich immer den Balkankrieg. Wenn man im Zentrums Sarajewos steht und sich vorstellt, dass mehr als hundert Geschütze von den Hügeln auf die Stadt feuerten, entwickelt man unweigerlich antiserbische Gefühle.

Die Fahrt nach Mostar ist sehr malerisch. Man fährt durch Gebirgstäler und an Seen entlang. Mostar selbst wirkt orientalischer als Sarajewo. Zu diesem Eindruck trug freilich die trockene Hügellandschaft bei, in deren Mitte die Stadt liegt. In der Gasse die zu und von der berühmten Brücke führt fühlte ich mich an die Fremdenverkehrsumtriebigkeit der Salzburger Getreidegasse erinnert. Sobald die Tagestouristen abziehen, wird es ruhiger.

Bosnien ist eine Reise wert.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga

Darf ein deutschsprachiger Autor nach dem famosen Lenz des Georg Büchner eine weitere Erzählung über J.M.R. Lenz schreiben? Selbstverständlich! Vor allem, wenn es sich um ein Sprachtalent wie Gert Hofmann handelt. Hofmanns Erzählung setzt dort ein, wo Büchner aufhört, und beschreibt Lenz‘ Rückkehr nach Riga zu seiner Familie. Er trifft dort nach vielen Jahren auf seinen pedantischen, harten Vater und dieser auf seinen überdrehten, dem Wahnsinn nahen Sohn. Hofmann setzt das sprachlich zurückhaltend (also im Vergleich zu Büchner unexpressiv) in Szene, ist dabei aber höchst präzise. Rückblenden arbeiten die vergangenen Erlebnisse des jungen Lenz auf, wobei auch hier der Schwerpunkt auf der Vater-Sohn-Beziehung liegt.

Das Ergebnis ist eine sehr runde Erzählung. Sie erschien erstmals 1984 und wurde kürzlich von der kleinen Edition Kammweg wieder aufgelegt.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga. (Edition Kammweg) [leider vergriffen, daher noch ein Link zur Reclam-Ausgabe]

Gelesen im Juli

Shakespeare im British Museum

Hier darf der Hinweis auf die große neue Ausstellung des British Museum nicht fehlen: Shakespeare: Staging the World. Sähe ich sehr gerne, werde aber bis Ende November wohl nicht nach London kommen, und begnüge mich deshalb mit den Ausstellungsberichten, etwa in der NZZ und im The Economist.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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