Privatbibliothek: Neuzugänge

Es sind inzwischen einige Bücher nachzutragen. Was die (vielen) Ebooks angeht, die in meine virtuelle Privatbibliothek wandern, werde ich zukünftig hier eine Auswahl posten. Überwiegend jene, die ich tatsächlich zu lesen beabsichtige bzw. für besonders interessant erachte.

Roberto Rossellini: Viaggio in Italia (1954)

Rossellini drehte den Film mit seiner Gattin Ingrid Bergman. Sie spielt in diesem Ehefilm die Gattin des wohlhabenden Alexander Joyce. Das Paar fährt nach Neapel, und die ungewöhnliche Muße lässt den Entfremdungsprozess der letzten Jahre ans Tageslicht treten. Kurz: Eine Beziehungsbildungsreise nach Italien, dem vorgeblich idealen Ort für Selbstfindung, wie wir spätestens seit Goethes Italienreise wissen. In edlem Schwarz-Weiss gehalten illustriert Rosselini die emotionalen Wendepunkte mit filmisch grandios eingefangenen Bildern klassischer Kultur. Die Kamera tanzt beispielsweise um die phänomenalen Skulpturen des archäologischen Museums in Neapel. Die Ausgrabungen von Pompeji dienen als beziehungsreiche Kulisse. Das eröffnet einen enormen semantischen Raum, der die Beziehungsgeschichte ins Universale transzendiert. Schade nur, dass sich am Ende ein happy end abzeichnet.

Journey to Italy (DVD)

Wagner: Parsifal

Wiener Staatsoper 2.4. 2015

Dirigent: Adam Fischer
Amfortas: Michael Volle
Gurnemanz: Stephen Milling
Parsifal: Johan Botha
Kundry: Angela Denoke
Titurel: Ryan Speedo Green
Klingsor: Boaz Daniel

Ein in allen Belangen erfreulicher Abend. Das Staatsopernorchester war glänzend disponiert und das Vokalensemble erlaubte sich keine Schwächen. Michael Volle als Amfortas hatte eine besonders fulminante schauspielerische Präsenz auf der Bühne.

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Wiener Staatsoper 31.3. 2013

Dirigent: Franz Welser-Möst / James Pearson
Regie: Christine Mielitz

Amfortas: Tomasz Konieczny
Gournemanz: Kwangchul Youn
Parsifal: Christian Elsner
Kundry: Evelyn Herlitzius
Klingsor: Wolfgang Bankl

Es war ein turbulenter Opernabend: Franz Welser-Möst hatte einen Kreislaufkollaps. Er kollabierte jedoch nicht am Dirigentenpult, wie heute in den Medien zu lesen ist, sondern er dirigierte bis zur ersten Pause und verließ dann völlig normal den Orchestergraben. Es sprang nach einer guten Stunde Pause Solokorrepetitor James Pearson ein, der die Aufführung rettete und hervorragend fortsetzte. Ich weiß nicht, ob er schon einmal am Pult stand. Wenn nicht, sollte man ihm nun regelmäßig diese Chance geben.
Schon vorher war der Abend nicht vom Glück verfolgt, sagte doch Jonas Kaufmann als Parsifal krankheitshalber ab. Dankenswerterweise sprang Christian Elsner ein, der gesanglich eine gute Leistung brachte, aber optisch so gar kein Parsifal ist (Phänotyp Otfried Fischer!). Erinnerte mich an stark übergewichtige Opernsänger, welche als Fidelio einen Halbverhungerten singen müssen.
Musikalisch war der Abend trotz des Dirigentenwechsels exzellent. Schon lange nicht mehr hörte ich das Staatsopernorchester so hervorragend spielen. Als Wiener Philharmoniker sind die Musiker an gelungenen Konzertabenden nicht besser. Der Staatsopernchor war ebenfalls gut in Form und trotz der langen Wagnerstrapaze hielten auch die Sänger bis zum Ende ihr hohes Niveau.

Die Inszenierung von Christine Mielitz ist für die Wiener Staatsoper erfrischend modern. Selbst Videoprojektionen kamen zum Einsatz, die ich allerdings von meinem Platz in der ersten Reihe der Galerie nur teilweise sehen konnte. Mielitz findet immer wieder starke, wirkungsvolle Bilder. Als Beispiel sei das erste Gral-Ritual genannt, während dessen sich die Bühne hebt und im Untergrund der Chor singt. Auch die Schlussszene ist beeindruckend, wo die Ritter wie heruntergekommene Soldaten nach einer Schlacht auf der Bühne liegen. Damit schafft Mielitz eine Brückenschlag vom fantastischen Universum der Oper in die Realität des Krieges.

Parsifal ist Wagners insofern anspruchsvollste Oper, als sie rätselhaft ambivalenter ist als alle anderen seiner Werke. Zwar wird sie gerne rund um Ostern aufgeführt und in der neuen Inszenierung der Salzburger Osterfestspiele darf sich sogar eine Jesusfigur ständig auf der Bühne herumtreiben, aber das Stück lässt sich nicht auf eine Apologie des Christentums reduzieren. Dafür gibt es viel zu viele mythologische und heidnische Elemente. Eher setzt Wagner seine Mythenexploration am Beispiel des Christentums fort, mit sehr viel Spielraum in andere symbolische Welten hinein. Dieser schwer zu bändigende fiktionale Raum ist, neben der Musik natürlich, der eigentliche Reiz des Parsifal.

Gelesen im März

Nestroy: Der Talisman

Akademietheater 21.3. 2013

Regie: David Bösch

Titus Feuerfuchs: Markus Meyer
Frau von Cypressenburg: Kirsten Dene
Emma, ihre Tochter: Liliane Amuat
Constantia: Maria Happel
Flora Baumscheer: Regina Fritsch
Plutzerkern: André Meyer
Monsieur Marquis: Dietmar König
Spund: Branko Samarovski
Salome Pockerl: Sarah Viktoria Frick
Christoph: Bernhard Mendel

Obwohl mir die Verdienste Nestroys und Raimunds bewusst sind, bin ich kein großer Freund des Wiener Volkstheaters. Vieles bleibt, trotz des stellenweise brillanten Sprachwitzes Nestroys, an der Oberfläche. Üblicherweise inszeniert man diese Stücke deshalb auf einer Skala von romantisch-märchenhaft bis augenzwinkernd-ironisch. Völlig anders geht David Bösch, einer der besten derzeit in Wien arbeitenden Regisseure, diesen Talisman an. Man fühlt sich an naturalistische Inszenierungen der Stücke Gerhard Hauptmanns erinnert. Die Bühne ist schäbig, die Armut buchstäblich mit Dreck verschmiert. Das mühselige Leben im Feudalismus wird nicht durch komödiantische Elemente ins komisch Bequeme transponiert.

Dieses Verankern in der Realität ist eine ästhetische Wohltat und wertet Nestroys Sozialkritik enorm auf. Das Ergebnis ist die intelligenteste Herangehensweise an Nestroy, die ich bisher auf dem Theater sah. Zumal Bösch seinen Ansatz nicht übertreibt und die Starbesetzung ihre komischen Qualitäten voll ausspielen kann.

Götterdämmerung im Gemeindebau

Geschrieben für „The Gap“. Hier geht es zum Originalartikel.

Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ ist bekanntlich das Nonplusultra der Hochkultur. Konsequent das im Wagnerjahr im Gemeindebau aufzuführen. Christian Köllerer war dort.

Jedes Jahr pilgert die Prominenz nach Bayreuth. Weniger um Wagner zu hören, sondern um dort seine Kultiviertheit öffentlich zur Schau zu stellen. Dieses Jahr werden es noch mehr werden: Der Kulturbetrieb hat anlässlich seines 200. Geburtstags ein Wagnerjahr ausgerufen. Jede Oper weltweit, die es sich leisten kann, führt heuer den Ring auf. So entbehrt es selbstverständlich nicht der Ironie, sich diesem Spektakel ausgerechnet im Wiener Gemeindebau zu widmen. Das Theater Rabenhof lud zum kompletten Ring in vier Teilen. Während die Aufführung der vier Stücke jede Oper an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bringt, bewältigt das kleine Theater das Mammutspektakel mit Leichtigkeit: Ein Schauspieler und eine Handvoll Musiker sind für den kompletten Zyklus ausreichend.

Solo-Germanengötterspiel

Geräuschfetischist Stefan Kaminski wagt sich nämlich alleine an das Großprojekt. Er nennt sein Format „Live-HörSpiel-Theater“. Auf der Bühne im T-Shirt vor mehreren Mikrophonen sitzend und eingerahmt von diversen Instrumenten und Gegenständen zur Klangerzeugung, spielt er alle (!) Rollen des Rings selbst. Der Schlüssel dafür ist Kaminskis gewaltige Stimmen- und Gestenvielfalt. Egal, ob der böse Zwerg Alberich seine Hasstiraden anstimmt oder die frustrierte Fricka Wotan in den Ohren liegt: Kaminski erweckt sie stimmlich zum Leben. Sein Spektrum reicht vom genuin Bösen bis zum parodistisch Lächerlichen. Das Spektakel begleitet Kaminski selbst mit Geräuschen. Das Plätschern der Rheintöchter, das Pferdetrampeln der Walküren oder die brennende Götterburg am Ende, alles wird von ihm live simuliert. Dabei bedient sich Kaminski Wagners Methode des Leitmotivs. Während Wagner allen Figuren und vielen Motiven des Rings eine Tonfolge zuweist, macht Kaminski das mit Geräuschen, Gesten und Requisiten. Wenn er als Loge spricht, wird das immer von einem brennenden Zündholz begleitet, Hagen durch ein rhythmisches Klopfen angekündigt oder Wotans Speer von ihm in Händen gehalten.

Unterstützung bei der Geräuscherzeugung und der musikalischen Untermalung bekommt Kaminski von zwei bis drei Musikern, die ebenfalls auf der Bühne sind. Dieses Konzept ist ausgesprochen originell und funktioniert überraschend gut, auch wenn sich der Originalitätsfaktor nach den ersten zwei Teilen merklich abnutzt. Das Publikum hängt trotz der komplizierten Geschichte und der seltsamen Sprache Wagners an Kaminskis Lippen. Zu Beginn versichert er glaubwürdig, dass er ein Wagnerfan geworden sei. Ein großes Verdienst seines Ringprojekts ist es sicher, opernferne Menschen erstmals mit Wagners monumentalem Werk zu konfrontieren. Es wäre interessant zu wissen, ob sich jetzt einige der Rabenhof-Besucher im Mai auch in die Wiener Staatsoper wagen, wo der Zyklus im Mai wieder komplett auf dem Programm steht.

Wager-Slapstick

Wie viel Wagner ist in Kaminskis Ring? Musikalisch finden sich einige der wichtigsten Motive verfremdet wieder. Ansonsten scheut sich Kaminski nicht, Wagners Musik durch eigene zu ersetzen. Viele musikalische Genres kommen zum Zug, vom Rap bis zum Schnulzenschlager, der das Duett zwischen Brünnhilde und Siegfried am Ende des dritten Teils parodiert.

In der Oper ist der „Ring des Nibelungen“ etwa sechzehn Stunden lang und damit eines der längsten und komplexesten Werke der Musikgeschichte. Die Komplexität der musikalischen Struktur beschäftigte inzwischen mehrere Generationen von Musikwissenschaftlern. Wagner gelingt es, zwingende musikalische Bezüge zwischen Elementen herzustellen, welche fünfzehn Stunden weit auseinander liegen. Einigen Komponisten gelingt diese Verknüpfung in kurzen Symphoniesätzen oft nur mit Tricks. Selbst wenn man Kunst und Literatur hinzunimmt, gibt es kaum Beispiele von vergleichbarer ästhetischer Dichte. Was bleibt davon bei Kaminski übrig?

Nimmt man die Länge ist seine Bearbeitung auf fünf Stunden gekürzt. Inhaltlich lässt Kaminski wenig aus: Die Handlung des Mythos wird gut transportiert. Auch hier nimmt sich der Stimmkünstler viele Freiheiten, kehrt aber immer wieder zum Libretto zurück, das gesprochen freilich oft unfreiwillig komischer klingt als wenn es in der Oper gesungen wird. Wagners Musik macht die Figuren eigentlich erst zu dem, was sie sind. Diese Dimension fehlt hier zwangsläufig. Es fällt auch auf, dass Kaminski immer wieder auf Slapstick zurückgreift, selbst wenn es so gar nicht zu Wagners Werk passt. Im „Rheingold“ wird Wotan ein zahnloser Greis, im „Siegfried“ ein hemmungsloser Säufer. Beides stößt natürlich auf Enthusiasmus im Publikum, nimmt dem Ringmythos aber ein grundlegendes tragisches Moment. Allerdings ist es angesichts der Rezeptionsgeschichte des Rings – Hitler war ein großer Wagnerfan – auch völlig legitim, einmal das Pathos aus dem Zyklus zu nehmen.

Kaminski ON AIR
Ring des Nibelungen
Rabenhof Theater, 19. – 23. März
Mit Hella von Plötz, Natascha Zickerick, Stefan Brandenburg, und Sebastian Hilken.

Götterdämmerung im Gemeindebau

Mein Artikel über Stefan Kaminsiks Ring-Projekt im Wiener Rabenhoftheater ist online.

Ebooks und Bibliotheken

Die Angst geht um unter den Verlagen. Wer wird noch Bücher kaufen, wenn man sich Ebooks bequem und gratis aus seiner Stadtbibliothek holen kann? Man muss ja nicht einmal mehr die Wohnung verlassen! The Economist fasst in Folding shelves die aktuelle Situation zusammen:

No country has a settled policy on e-lending. Britain has ordered a review; the results are expected soon. Other governments are waiting for publishers to set their terms. In America, where around three-quarters of public libraries lend e-books, each of the “big six” publishers has a different policy. Simon & Schuster refuses to make e-books available to public libraries at all. HarperCollins’s e-books expire after they have been lent 26 times. At the 80 libraries where Penguin is offering a pilot e-lending programme, licences for its e-books expire after a year. Other publishers want to apply the limitations of printed books to digital ones. For example, some want public libraries to replace e-books periodically, just as they have to do with real books that get dirty and torn.

Gorki: Kinder der Sonne

Deutsches Theater Berlin (Gastspiel)
Burgtheater 16.3. 2013

Regie: Stephan Kimmig

Pawel Fjodorowitsch Protassow: Ulrich Matthes
Lisa, seine Schwester: Katharina Schüttler
Jelena Nikolajewna, seine Frau: Nina Hoss
Dmitrij Sergejewitsch Wagin: Peter Jordan
Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj: Alexander Khuon
Melanija, seine Schwester: Katrin Wichmann
Jegor, Schlosser und Hausmeister: Markus Graf

Gorkis Stück kannte ich bisher nicht, was sich als Fehler herausstellt, ist es doch eine sehr intelligente Auseinandersetzung mit sozialen und wissenschaftlichen Zeitproblemen. Viele gesellschaftliche Herausforderungen des alten Russland sind heute in Europa wieder erstaunlich aktuell. Etwa die zunehmende intellektuelle und materielle Kluft zwischen „unten“ und „oben“ samt gegenseitigem Unverständnis. Kimmig aktualisiert das Stück moderat. So beschäftigt sich der Wissenschaftler Pawel Fjodorowitsch Protassow nicht mit Chemie, sondern mit Gentechnik.
Der Zuseher wird Zeuge wie sich eine Gruppe Intellektueller gekonnt emotional zerlegt, während außerhalb ihres abgeschotteten Refugiums eine Seuche tobt. Wir dürfen dabei natürlich an Boccaccio denken. Die Inszenierung ist zurückhaltend auf die Schauspieler und die Themen konzentriert. Schön auch, dass sich Ulrich Mattes nach seinen Filmerfolgen noch Zeit für die Bühne nimmt. Intelligentes Theater, von dem es derzeit viel zu wenig gibt.

Der Manesse-Verleger im Interview

Der Manesse Verlag ist nach wie vor einer der wichtigsten Klassikerverlage im deutschsprachigen Raum. Verlagsleiter Horst Lauinger gab der Zeit ein Interview:

ZEIT ONLINE: Jetzt kann man einwenden: Manesse gehört zu Random House, ist ein Konzernverlag. Wenn Sie Verluste machen, fallen Sie weich.
Lauinger: Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Jedes große Unternehmen, egal in welcher Branche, wird mittlerweile nach dem Profitcenter-Prinzip geführt. Das heißt: Jede zum Konzern gehörende Einheit muss für sich selbst bestehen können. Es ist also durchaus nicht so, dass, wenn zum Beispiel der Blessing-Verlag mit dem neuen Schirrmacher-Buch Erfolg hat, ich davon in der Querfinanzierung etwas abbekomme. Querfinanzieren kann ich mich nur selbst, mit Manesse-Erfolgen. Man hat bei Random House selbstverständlich eine gewisse Renditeerwartung. Die muss ich nicht zu hundert Prozent erfüllen. Aber die schwarze Null am Ende des Jahres ist das Mindeste. Und das gelingt uns seit Jahren recht passabel.

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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