Hagen Quartett

Wiener Konzerthaus 30.1. 2013

«Beethoven-Zyklus»

Ludwig van Beethoven:

Streichquartett a-moll op. 132 (1825)
Streichquartett e-moll op. 59/2 (1805-1806)

Es ist nicht das erste Beethoven-Konzert des Hagen Quartetts, aber der berühmte Funke will und will nicht überspringen. Im Vergleich zu anderen mir gut bekannten Interpretationen, etwa des Alban Berg oder des Emerson String Quartetts, kommt mir ihre Herangehensweise an Beethovens Kammermusik oberflächlich vor. Ich formuliere das bewusst vorsichtig. Vielleicht überhöre ich ja was?

Beethovens Spätwerk war eine der größten Kreativitätsexplosionen der Kulturgeschichte. Das Hagen Quartett spielt nun gerade die stillen Passagen aber mit einer solchen Routine herunter, dass dieses Aufregende der Musik in meinen Ohren völlig verloren geht. Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, dass sich der Hagen-Quartett-Zyklus und ich Ende dieser Saison einvernehmlich scheiden lassen. Das Sorgerecht für Beethoven werde in diesem Falle jedoch ich beanspruchen!

Jacques Tati: Playtime (1967)

Tati gehört zu jenen wenigen Künstlern, die eine völlig unverwechselbare Kunstsprache schufen. Seine Filme sind buchstäblich unvergleichlich. So setzen sie ausschließlich auf das Bild und auf Geräusche: Dialoge gibt es nicht. Trotzdem schließt Tati hier nicht einfach an die Stummfilmzeit an, sondern entwickelt eine hoch artifizielle Filmästhetik, die man in Playtime hervorragend studieren kann. Tati ließ dafür buchstäblich eine moderne Stadt nachbauen, überwiegend in Grautönen und verwandten Farbschattierungen gehalten. Seine Helden schickt er in dieses fremde, ultramoderne Paris und lässt sie dort melancholisch-komische Abenteuer erleben.

Alles sieht modern und effizient aus, nur wollen sich die Menschen partout nicht komplikationslos in diese sterile Welt einfügen. Vieles in diese Welt ist auch nur edle Fassade. Geht man einen Raum weiter, hängen die Kabel aus der Wand und man betritt eine Baustelle. An diesem Bruch entsteht die Komik, die wesentlich subtiler ist als beispielsweise jene von Charlie Chaplin, der in einigen seiner Filme eine ähnliche Agenda hatte. Ein faszinierender Film über die Moderne also. Tati ist der Kafka des Films.

Jacques Tati Collection (4 DVDs)

Cäsar muss sterben

Filmcasino 3.2. 2013

Italien 2012

Regie: Paolo und Vittorio Taviani

Es ist ja immer so leicht gesagt, dass kaum jemand besser als Shakespeare die menschliche Natur ins Mark getroffen hat und seine Werke deshalb so zeitlos und universell gültig sind. Cäsar muss sterben zeigt grandios, was damit gemeint ist. Eine Gruppe Schwerverbrecher in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis probt den Julius Caesar und man merkt sofort, wie der Stoff, die Figuren und vor allem die Sprache sie trifft. Filmästhetisch ist das erstklassig umgesetzt, überwiegend in schwarz-weiss mit vielen (extremen) Nahaufnahmen. Shakespeare packt die Knackis und das Shakespeare-Spiel der Knackis packt die Kinobesucher. Der junge Italiener neben mir vergaß nach einiger Zeit sogar die volle Popcorntüte in seiner Hand. Vermutlich der beste Shakespeare-Film, den ich bisher sah. Der Goldene Löwe auf der letzten Berlinale ist hoch verdient.

Rossini: La Cenerentola

Wiener Staatsoper 29.1. 2013

Regie: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Jesús López-Cobos

Don Ramiro: Dmitry Korchak
Dandini: Vito Priante
Don Magnifico: Alessandro Corbell
Angelina: Tara Erraught
Alidoro: Ildebrando D`Arcangelo
Clorinda: Valentina Nafornita
Tisbe: Margarita Gritskova

Zu Lebzeiten Rossinis waren die Wiener in dessen Opern so vernarrt, dass sich Beethoven höchst selbst darüber mokierte. Nach Jahrzehnten bringt nun die Staatsoper La Cenerentola wieder auf die Bühne. Mit dem Märchen vom Aschenputtel hat der Stoff nur noch die Grundkonstellation gemein, die berühmten Details (Ball, vergessener Schuh) fehlen. Sven-Eric Bechtolf inszeniert das Stück als ironische Sozialkomödie. Das von Korruption und Bereicherungskriminalität gezeichnete Sittenbild zeigt den Zusehern, dass ihre politische Kaste in Österreich mit Gaunerbaronen aus Fantasiekönigreichen viele Gemeinsamkeiten aufweist. Elemente der Inszenierungen erinnern an eine Farce, so trägt der Chor einen wesentlichen Beitrag zur Komik bei, indem beispielsweise Männer als Frauen herausgeputzt sind (wie man das von Monty Python her kennt). Überhaupt spielt die Choreografie eine zentrale Rolle. Ich kenne kaum eine Oper mit so vielen und so langen Ensemblegesängen.

In der ersten Hälfte war ich skeptisch, ob dieses Konzept aufgeht, am Ende war ich davon überzeugt. Musikalisch war der Abend ebenfalls gelungen. Das gesangliche Niveau war durchgehend gut und nicht nur Alessandro Corbell als Schmierenbaron überzeugte durch schauspielerische Komik. Eine Bereicherung des Wiener Repertoires.

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Eine der wichtigeren Funktionen der Literatur ist es, hinter die oberflächliche Fassade der Menschen zu blicken. Anstatt analytisch in die Tiefe zu blicken, klebt ein guter Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur jedoch an der Oberfläche und konzentriert sich auf Beziehungsbefindlichkeiten und ähnlichen Kram. Eine höchst erfreuliche Ausnahme ist deshalb das erste Buch des Jonas Lüscher. Eine kurze Novelle, die allerdings intellektuell mehr auf das Papier bringt als so mancher dicke Roman.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der wohlhabende Unternehmer Preising ist geschäftlich in Tunesien. Seine Geschäftspartnerin besitzt mehrere Luxushotels im Land. In ihrem Berberzelt-Ressort in der Wüste wird Preising bequem untergebracht. Eine große Gruppe junger, reicher Finanzschnösel aus London ist ebenfalls anwesend. Ein Pärchen dieser Finanzschickeria bildet sich ein, unbedingt in der Wüste mit großem Tam-Tam heiraten zu müssen. Im Hintergrund dräuen katastrophale Finanzprobleme in England. In der Hochzeitsnacht bricht das englische Finanzsystem zusammen. Die in ihren Luxuszelten hockende Finanzelite ist geschockt und die dünne Schicht der Zivilisation zerbröselt in kurzer Zeit.

Lüschers Thema ist damit in erster Linie ein anthropologisches: Was muss passieren, damit scheinbar wohlerzogene junge Menschen in die Barbarei kippen? Nicht viel, wenn man den einzigen Lebensinhalt nur in Geld und Status zu finden weiß. Zusätzlich schafft es Lüscher viele weitere aktuelle Themen in sein kleines Buch zu packen und zwar ohne dass es hineingestopft wirkt: Der arabische Frühling ist ebenso präsent wie Kinderarbeit in tunesischen Sweatshops. Überhaupt gelingt es der Novelle gut, Tunesien und deren Einwohner authentisch einzufangen.

Formal agiert Lüscher überwiegend geschickt. Preising erzählt seine Geschichte „live“ einem Freund, der bei Bedarf als Kommentierungs- und Entschleunigungsinstanz eingreifen kann. Allerdings hält Lüscher diese Perspektive nicht immer durch und arbeitet ab und zu mit auktorialen Einschüben, die aus diesem Rahmen fallen. Die plumpen jungen Engländer bekommen ein Gegengewicht durch interessante Figuren und deren Perspektiven, als da sind die Eltern des Bräutigams: eine kluge Englischlehrerin und ein Soziologieprofessor, der sich am Ende allerdings auch zum Affen macht.

Der Autor findet einige beeindruckende Bilder, etwa eine Gruppe toter und sterbender Kamele um einen Touristenbus. Er traut der Kompetenz seiner Leser aber nicht über den Weg, weshalb er Preising einmal explizit sagen lässt, dass Kamele in seiner Geschichte als Symbole fungieren.

Aber das sind Nebensächlichkeiten. Lesen!

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C.H. Beck)

Gelesen im Dezember und Januar

Tom Standage: History of the World in 6 Glasses

Wer sich für Getränke interessiert, wird an diesem Buch seine Freude haben. Standage hatte nämlich die originelle Idee, eine Weltgeschichte aus der Perspektive der jeweils wichtigsten Flüssigkeiten zu schreiben. Auftakt macht das Bier, das in Mesopotamien und Ägypten eine herausragende Rolle spielte und sogar als Währung Verwendung fand. Standage beschreibt jeweils die Entstehung und Verwendung des Getränks, um dann Bezüge zur (Kultur-)geschichte der jeweiligen Epoche herzustellen. Eines sei aber gleich klar gestellt: Wer geschichtlich bewandert ist, der wird nichts Neues erfahren. Geboten wird eine solide und präzise Zusammenfassung. Viele Fakten rund um die Getränke waren mir allerdings völlig neu.

Nach dem Bier kommt der Wein an die Reihe und damit die Griechen und die Römer. Der Abschnitt über die Spirituosen beschäftigt sich zu einem überwiegenden Teil mit der Rolle des Hochprozentigen (Rum!) während der Entdeckungsreisen und danach. Beim Kaffee stellt Standage die Aufklärung und die Entstehung der modernen Geschäftswelt in London in den Mittelpunkt, während der Tee sich natürlich mit China, Indien und dem britischen Empire beschäftigt.

Sehr aufschlussreich ist der letzte Teil des Buches über die Entstehung und Verbreitung von Coca-Cola quer durch die Welt. Nicht nur beschreibt Standage zu Beginn die schräge Welt der „Medizin“getränke im 19. Jahrhundert, sondern es gelingt ihm auch gut, den symbolischen Wert dieser koffeinhaltigen Flüssigkeit für die USA und den Rest der Welt herauszuarbeiten. Mit welchem Aufwand Coca-Cola während des Zweiten Weltkrieges an die amerikanischen Soldaten verteilt wurde, ist kaum zu glauben. Nach dem Krieg war Coca-Cola Teil des Kulturkampfes. So warnten die österreichischen Kommunisten dringend für der ersten Abfüllanlage in Österreich. Sie könne jederzeit in eine Atombombenfabrik umgewandelt werden!

Ein informatives, unterhaltsames Sachbuch. Allerdings kein historisches Meisterwerk.

Tom Standage: History of the World in 6 Glasses (Frank R Walker Co)

Abbas Kiarostami: Close-Up (1990)

Mein erster iranischer Film war gleich ein herausragendes cineastisches Erlebnis. Es ist nicht überraschend, dass Close-Up bei Filmenthusiasten einen so guten Ruf genießt, beschäftigt er sich doch intensiv mit der Filmkunst an sich, und das auf eine sehr raffinierte Art und Weise. Im Mittelpunkt steht der arme Hossein Sabzian, der plötzlich den Entschluss fasst, sich als den berühmten Filmregisseur Mohsen Makhmalbaf auszugeben. Er überredet eine wohlhabende Familie, ihr Haus für einen Filmdreh zur Verfügung zu stellen, und genießt nicht nur die ihm entgegen gebrachte Wertschätzung, sondern identifiziert sich immer stärker mit der Rolle. Schließlich wird er entlarvt und vor Gericht gestellt.

Als Zuseher sieht man die Geschichte überwiegend in Rückblenden, wenn Sabzian dem Richter seine Geschichte erzählt. Der Verdacht der Familie ist natürlich, dass er das Haus für einen Raub auskundschaften wollte. Sabzian gelingt es aber schließlich die Beteiligten von seinem Film-Enthusiasmus zu überzeugen.

Über die Handlung legt sich zwangsläufig die Identitätsthematik und im Verlauf des Films verschwimmt immer mehr, wer Sabzian eigentlich ist. Ebenfalls wird kritisch hinterfragt, wie die iranische Gesellschaft mit vordefinierten Rollenmustern umgeht. Hinzu kommt, dass diese Geschichte tatsächlich passiert ist, und die damals Beteiligten sich im Film selbst spielen, was dem Ganzen noch einen ironischen Kontrapunkt aufsetzt und ein ausgesprochen vielschichtiges Kunstwerk ergibt.

Close-Up (DVD)

Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez

Akademietheater 24.1. 2013

Regie: Luc Bondy

mit
Dörte Lyssewski
Jens Harzer

Edelkitsch! Kurz auf eine Formel gebracht: Handke = Stifter + Dummheit.

Reise-Notizen: Kärnten

September 2012

Kärnten ist Österreichs lustigstes Bundesland. Eine erstklassige Parodie. Wo fängt man an? Bei der Landeshauptstadt Klagenfurt, die als einzige Provinzhauptstadt der Welt keine Stadtbibliothek besitzt? Bei der korrupten Politikerklasse, die das Land wie zu Feudalzeiten als Selbstbedienungsladen versteht? Bei der Bevölkerung, die viele Jahre Jörg Haider als Landeshauptmann (wie die Ministerpräsidenten in Österreich heißen) wählte und vergötterte? Selbst heute gibt es noch Haider-Gedenkstätten, obwohl es inzwischen selbst kognitiv Benachteiligten klar sein sollte, wie sehr der Mann dem Land schadete.

Kurz: Ein hoch interessantes Reiseziel.

Ich quartiere mich direkt am Wörthersee ein und fahre eine Woche bei strahlendem Sonnenschein kreuz und quer durch das Bundesland. Der Kontrast zwischen den unzähligen malerischen Seen, der erhabenen Berglandschaft und dem geistigen Zustand des Landes könnte kaum größer sein. Unterwegs fragt man sich ständig, kann es wirklich so schlimm sein? Viele Dinge fallen auf. So empfehle ich dringend, ein besonderes Augenmerk auf die Kriegerdenkmäler in Kärnten zu richten. Symbolisches Pathos, wohin man blickt. Poetische Höhepunkte eingeschlossen: „Mehr als unser Leben / konnten wir nicht geben“ („Künstlerstadt“ Gmünd) sei im Land der Ingeborg Bachmann hervorgehoben. Schließlich der Mann an der Kasse im Stiftsmuseum in Millstatt. „In dreißig Jahren wird ganz Österreich islamisch sein“ doziert er der Dame an der Kasse. Wien sei bereits zu 95% islamisch, doch, doch, das habe ihm ein Geistlicher kürzlich bestätigt. Worauf die Kassendame trocken erwidert: „Alles ändert sich. Das stört ich mich nicht.“

Kulturell hat Kärnten einiges zu bieten. Eine meiner ersten Wege am Wörthersee führt mich selbstverständlich zum Mahler Komponierhäusl, wo ich den Wächter von seinem kleinen Nickerchen aufschrecke. Mahlers Naturenthusiasmus fand in der Wörtherseeidylle natürlich jede Menge Futter. Nach der Zahl der Gäste befragt, meint er, dass nur noch wenige Menschen Mahlers Werkstatt aufsuchen. Einheimische so gut wie nie, aber ab und zu kämen musikinteressierte Touristen wie ich.

Die größte Überraschung war das in der Pampa gelegene Museum Liaunig. Der Gegend angemessen würde man ein Folklore- oder ein Bauernmuseum erwarten. In Wahrheit handelt es sich um eines der geschmackvollsten Museen für moderne Kunst, die ich bisher sah. Der Industrielle Herbert W. Liaunig trug Zeit seines Lebens eine exquisite Sammlung zusammen. Schwerpunkt ist die österreichische Kunst seit 1950, aber es gibt auch viele herausragende internationale Stücke. Für diesen Kunstschatz ließ er – in Sichtweite seines Wohnschlosses – ein Museum in einen Hügel bauen. Die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden jährlich wechselnd mit Themenausstellungen bespielt. Zugänglich ausschließlich per Führung. Die Ausstellungshalle ist lichtdurchflutet und erinnert an eine riesige Industriehalle, was architektonisch ausgezeichnet zur modernen Kunst passt. Die Qualität und die hochwertige Präsentation ist so gut gelungen, dass das Wiener MUMOK dagegen wie ein Provinzhaus wirkt.

Der zweite kulturelle Höhepunkt der Reise ist das archäologische Museum in Globasnitz an der slowenischen Grenze, das sich sowohl mit dem ostgotischen Gräberfeld aus der Völkerwanderungszeit in der Nähe beschäftigt als auch mit der über dem Ort gelegenen Kultstätte Hemmaberg. Das kleine Museum ist anschaulich gestaltet, besitzt exquisitere Mosaiken als manche großen Häuser und ist deshalb unbedingt einen Besuch wert. Das gilt auch für die Ausgrabungen am Hemmaberg, ein früher Pilgerort mit gut erhaltenen Resten. Vieles wurde inzwischen allerdings so restauriert, dass man die Restauration nicht vom Vorgefundenen unterscheiden kann. Das ist alles andere als „state-of-art“ in der Archäologie und man fragt sich, wer dafür verantwortlich ist.

Wer sich für Archäologie interessiert, sollte auf keinen Fall den Magdalensberg auslassen. Das drei Hektar große Freiluftmuseum gibt nicht nur viele Einblicke in eine kleine römische Handelsstadt um die Zeitenwende, mit Fokus auf die damalige Eisenproduktion, sondern ebenfalls einen grandiosen Ausblick auf das Zollfeld.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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