Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben

Karlheinz Rossbacher prägte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Generationen von Salzburger Germanistikstudenten. Ich zähle selbst dazu: Nicht nur besuchte ich in den neunziger Jahren eine Reihe von Rossbachers Seminaren, er betreute auch meine Diplomarbeit und meine Dissertation. So sind einige literarische Themen seines neuen Buches für mich alte Bekannte. Erwähnt sei seine Vorliebe für Goethe, aber auch jene für die Kriminalliteratur. Überrascht dagegen war ich von vielen biographischen Einsichten, die jetzt im Nachhinein einige Ecken erhellen, die während meines Studiums dunkel geblieben sind.

Rossbacher hat keine klassische Gelehrten-Autobiographie geschrieben. Lesen und Leben ist eine Essaysammlung. Angeordnet sind die Texte alphabetisch, wobei jeder Buchstabe durchaus mehrmals vorkommen darf. Ohne dies überprüft zu haben, bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass die Literatur über das Leben dominiert. Die Frage, ob ein Professorenleben eine autobiographische Aufarbeitung verdient, spricht Rossbacher zu Beginn selbst an. Eine typisches zentraleuropäisches Problem, wenn man sich das umfangreiche akademische Memoirenwesen aus dem angelsächsischen Raum vor Augen hält. Das autobiographisch-literarische Doppelkonzept zeugt von Bescheidenheit, an vielen Stellen hätte man gerne noch mehr gewusst.

Dabei ist Rossbacher die angelsächsische Welt nicht fremd. Heute sind Fernreisen für junge Menschen eine Selbstverständlichkeit. Als Rossbacher 1963 als dreiundzwanzigjähriger Fulbright-Stipendiat den Atlantik überquerte, war es noch eine Besonderheit. Dieses erste Zusammentreffen mit einer anderen Kultur gibt viele Denkanstöße. Wie sehr dieser amerikanische „Kulturschock“ auch zwanzig Jahre später einen aus der Provinz stammenden jungen Menschen noch beeinflussen kann, zeigt als weiteres Beispiel Alle Toten fliegen hoch: Amerika des Schauspielers Joachim Meyerhoff.

Amerikanische Literatur spielt in Lesen und Leben eine prominente Rolle. Schon zu Beginn beim Buchstaben B stoßen wir auf Bulkington, ein Essay, der sich gut eignet, Rossbachers Vorgehensweise zu illustrieren. Ausgehend von der Jugendlektüre einer stark gekürzten Ausgabe des Moby Dick und nach dem Einstreuen vieler interessanter Lesefrüchte von Brecht bis Canetti, macht uns Rossbacher schließlich mit der Figur des Seemanns Bulkington bekannt, die mir vor vielen Jahren bei meiner Lektüre des Romans gar nicht aufgefallen war. Ich besuchte freilich auch kein Seminar über die amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts wie Rossbacher damals an der University of Kansas, über das ebenfalls ein kurzer Exkurs zu lesen ist. Nach diesen wohldosierten Abschweifungen landen wir wieder beim Seemann Bulkington, den der Ich-Erzähler des Romans, Ishmael, vor seiner Ausfahrt mit Kapitän Ahab in einem Gasthaus trifft. Das kurze Kapitel 23 des Moby Dick ist ihm gewidmet und Rossbacher arbeitet sowohl die Bedeutung Bulkingtons als Menschentyp als auch seine strukturelle Funktion in dem Riesenroman heraus. Dabei hat die Passage nur etwa 40 Zeilen – ein Beispiel, wie es Rossbacher immer wieder gelingt, aus hervorragend beobachteten und oft übersehenen Details größere Zusammenhänge herzustellen.

Sozialgeschichte und Soziologie sind zwei akademische Schwerpunkte Rossbachers. Die Wechselwirkung zwischen Sozialgeschichte und Literatur, untersuchte er etwa am Beispiel der kritischen Heimatliteratur in Österreich. Innerhofers Roman Schöne Tage ist ein prominenter Vertreter dieses Genres. Aus der Soziologie holt sich Rossbacher immer wieder methodische und analytische Werkzeuge für die Literaturwissenschaft. Norbert Elias große Studien dienen als Ideengeber.
Ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass in Lesen und Leben diese beiden Fächer ebenfalls eine Rolle spielen und zwar bei der Auswahl der autobiographischen Erlebnisse. So sind die am ausführlichsten geschilderten Lebensstationen meist auch sozialgeschichtlich von hoher Bedeutung. Rossbachers Kindheit in Kärnten hatte nämlich eine große Besonderheit: Er war Protestant.

Das Aufwachsen als religiöser Außenseiter in der Kärntner Provinz schildert Rossbacher so ausführlich und schonungslos wie man das von der österreichischen Antiheimatliteratur her kennt:

Den katholischen Religionsunterricht in der Hauptschule besorgte ein Kaplan, dessen lose Hand ihm den Namen „Watschenkaplan“ eingetragen hatte. Von diesem Mann erhielt ich eines Tages, auf dem Gehsteig vor der Schule, ganz plötzlich, aus dem sprichwörtlich heiteren Himmel, einen Schlag ins Gesicht, ein Mittelding zwischen Ohrfeige und Faustschlag, ohne das dem irgendetwas vorangegangen war. Er schlug zu, ich schrie auf. So einfach war das bei diesem Vorgänger jener Prügelkleriker, die gegenwärtig serienweise auffliegen.

Von frühester Kindheit an als Teil einer Minderheit aufzuwachsen, schärft den Blick für Differenzen und regt von Anfang an zum Nachdenken an. Die Literaturgeschichte ist voll mit Beispielen, wie Außenseiter aller Art bei Büchern landen. Sei es als Autoren, sei es als (professionelle) Leser. So gesehen mag diese Erfahrung der Diaspora (wie dieser Abschnitt betitelt ist) einen Grundstein für Rossbachers spätere Karriere gelegt haben.

Einer Minderheit anzugehören, hieß aber nicht automatisch, im Alltag nicht akzeptiert zu werden. Der junge Protestant wurde beispielsweise zum Klassensprecher gewählt. Allerdings hießen Klassensprecher damals in Kärnten noch „Klassenführer“. Es sind diese aufschlussreichen Details, welche Lesen und Leben so interessant machen.

Das Buch gibt selbstverständlich auch Einblicke in das akademische Leben Österreichs. Obwohl es sicher eine Menge an Material gegeben hätte, bringt Rossbacher nur wenige Beispiele. Etwa über seine Schwierigkeiten als Vorstand des Salzburger Germanistikinstituts, eine Gefälligkeitsberufung zu verhindern. Der Fall zog sich über viele Jahre hin und landete schließlich beim Verwaltungsgerichtshof. Der besser qualifizierte Bewerber durfte die Stelle behalten, die Gefälligkeitskandidatin zog den Kürzeren.

Zurück zur Literatur! Quer durch das Persönliche Alphabet bekommt selbst der erfahrene Büchermensch jede Menge spannende Leseanregungen. Die Klassiker kommen zwar nicht zu kurz, aber man staunt über die Vielfalt der angesammelten Lesefrüchte. Ludwig Anzengruber, der französische Schriftsteller Alain oder die kroatische Essayistin Dubravka Ugrešic seien exemplarisch herausgegriffen. Als ich Lesen und Leben zuklappe, habe ich eine lange Liste mit Büchern neben mir liegen, die ich alle am liebsten sofort läse. Die vornehmste Aufgabe des Literaturwissenschaftlers ist es ja, die Menschen zum verständnisvollen Lesen zu motivieren.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben. Ein persönliches Alphabet (Otto Müller Verlag)

Erschienen in Literatur und Kritik Nr. 473/474 (Mai 2013).

Hier erstveröffentlicht am 7. April 2013.

Neuzugang: The New York Review Abroad

Regelmäßige Leser wissen, dass ich ein großer Freund der New York Review of Books bin. Warum? Das kann man in dieser Empfehlung nachlesen.

Zum 50. Geburtstag dieses grandiosen intellektuellen Projekts ist nun eine Anthologie erschienen: The New York Review Abroad. Fifty Years of International Reportage.

Möge die Zeitschrift viele Abonnenten und das Buch viele Käufer finden.

Wagners Ring an einem Abend

Wiener Volksoper 2.6. 2013

Dirigent: Jac van Steen
Erzähler: Robert Meyer
Wotan/Wanderer: Alexander Trauner
Loge: Jeffrey Treganza
Alberich: Michael Kraus
Siegmund/Siegfried: Endrik Wottrich
Sieglinde: Ursula Pfitzner
Brünnhilde: Irmgard Vilsmaier

Als vorläufig letzten Akt meines privaten Wagner-Jubiläums besuche ich noch die Volksoper. Nach dem furiosen Ring der Staatsoper ist meine Erwartungshaltung bescheiden: In erster Linie interessieren mich die geistreichen Zwischentexte Loriots einmal live zu hören und Robert Meyer ist tatsächlich der passende Interpret dafür.

Die Überraschung des Abends: Unter der Leitung Jac van Steens spielt das Orchester des Hauses einen wunderbaren Wagner! In der Staatsoper saß ich in so mancher Repertoireaufführung mit deutlich schlechterem Niveau. Gesanglich war die Leistung sehr unterschiedlich. Während die meisten eine ganz passable Interpretation gaben, konnte mich Alexander Trauner als Wotan am wenigsten überzeugen.

Scientology: The Story

So der Titel des Artikels von Diane Johnson, welche anlässlich zweier Neuerscheinungen hinter die Kulissen der Sekte blickt. Lawrence Wright, der für seine gut recherchierten Bücher bekannt ist, legt mit Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief eine ausführliche Hintergrundrecherche vor.

Wie bei allen Religionen, geht es auch bei Scientology vor allem um das liebe Geld:

To climb up to the bridge in Scientology is expensive, perhaps in proportion to what the church thinks you can afford and find worth the expense. Some people go into bankruptcy to stay, some balk and leave, but Scientology is a moneymaking outfit, like Avon or Herbalife, getting revenue by giving each person a bonus for recruiting others to the sales force, so that besides conviction, there’s a financial incentive to serve the group. Participants’ earnings—“stats”—are expected to be always rising, or else they face punishment and demotion.

The Hollywood actor Jason Beghe estimates that he spent nearly $1 million on Scientology donations, material, and courses. One of Wright’s principal informants, Paul Haggis, a successful and talented television and screen writer and director (Casino Royale, Crash), also spent a considerable fortune.

Gelesen im Mai

Paris: Museen

April 2013

Neun Tage Paris, heißt natürlich: Jede Menge Museen! Wien ist zwar auch eine Museumsstadt, verblasst aber doch gegen Paris, was Quantität und Qualität des gezeigten angeht.

Louvre

An meinem Besuchstag ist das Museum ungenießbar. Zuletzt erlebte ich solche Besuchermassen in den Vatikanischen Museen. Speziell vor den berühmten Exponaten ist ein Menschenauflauf, so dass es kaum möglich ist, eines davon in Ruhe zu betrachten. Das war bei meinem Louvre-Besuch deutlich besser. Ich werde meine nächste Paris-Reise so legen, dass weniger Touristen zu erwarten sind (November) und dann auch die entlegeneren Öffnungszeiten am Abend nutzen.

Musée d’Orsay

Hier mache ich eine sehr interessante Erfahrung: Ich kann mich wieder für Impressionisten begeistern. Vor einigen Jahren konnte ich – nach vielen Impressionistenausstellungen – kaum mehr welche ansehen. Ich beschloss eine „Impressionisten-Diät“ und siehe da, ich war wieder sehr fasziniert von dem modernen Farbspiel und der Ästhetik dieser jungen Wilden. Die Sammlung scheint nur aus Hauptwerken zu bestehen. Der umgebaute alte Bahnhof passt gut zu den grandiosen Kunstvorstellungen der dort gezeigten Epochen.

Centre Pompidou

Der abenteuerlichste Museumsbesuch insofern als eine auf dem Vorplatz vergessene Tasche zu einer Großabsperrung inklusive Entschärfungskommando führt, und wir erst danach die berühmte Außenrolltreppe benutzen durfen. Die Sammlung ist in den oberen Stockwerken untergebracht und setzt zeitlich nach dem Musée d‘ Orsay ein, also nach den Impressionisten. Der Bestand ist durchaus eindrucksvoll. Das Museum of Modern Art in New York dürfte mehr erstklassige Werke haben, aber an zweiter oder dritter Stelle kommen sicher die Pariser.

Musée Rodin

Ohne Zweifel eines der schönsten Museen der Welt. Das liegt weniger an der als Ausstellungsgebäude genutzten Villa, sondern am Skulpturenpark. Die besten Werke Rodins sind malerisch im Park verteilt. Dazwischen viele Bänke. Müsste man keinen Eintritt bezahlen, wäre es eine Referenz in Sachen Kunst im öffentlichen Raum. Für uns Literaturfreunde ist speziell die künstlerische Auseinandersetzung Rodins mit Pariser Autoren interessant, etwa Balzac und Hugo.

Musée de l’Orangerie

Hauptattraktion der in den Tuilerien gelegenen Orangerie sind die berühmten riesigen Seerosenbilder Monets. Wenn man sie im Detail betrachtet, fällt auf, wie unterschiedlich Monet sie malte. Speziell der Abstraktionsgrad variiert. Einige der Bilder sind deutlich gegenständlicher als die anderen.

Diese Häuser kannte ich bereits von früheren Parisbesuchen, die beiden nächsten sind für mich hervorragende Neuentdeckungen.

Musée de Cluny

Ausschließlich dem Mittelalter ist diese Institution gewidmet. Herausragend ist nicht nur die Sammlung, von den wiederentdeckten Notre-Dame-Skulpturen bis hin zu den grandiosen Wandteppichen, sondern vor allem auch das alte Gebäude. Das Museum wurde im Hôtel des Abbés de Cluny untergebracht. Ein authentisches Ambiente ist damit garantiert. Ich sah bisher kein besseres Mittelaltermuseum.

Musée du quai Branly

2006 eröffnet ist es das ethnologische Museum in Paris. Spannend ist die Innenarchitektur, die teils verspielt, teils ikonographisch auf die Sammlung Bezug nimmt. So betritt man sie, indem man durch ein ausgetrocknetes „Flussbett“ geht auf dessen Boden Begriffe projiziert werden. Die ausgestellten Kunstgegenstände sind nach geographischen Kulturregionen (Afrika, Ozeanien…) gegliedert und enthalten viele schöne Stücke. So kann ich mich dort mit religiöser Malerei aus Äthiopien vertraut machen, mein nächstes Reiseziel. Die Exponate sind didaktisch auch gut aufbereitet.

Teil 1: Paris urban
Teil 3: Paris Ausflüge

Die schönsten deutschen Bücher 2013

Die Stiftung Buchkunst kürte wieder die schönsten Bücher des Jahres 2013! Kein einziges Buch aus Österreich dabei, was viel über die hiesige Verlagslandschaft aussagt.

Béla Tarr: Sátántangó (1994)

Wer die Filme des Aki Kaurismäki für deprimierend oder jene des Ingmar Bergman für trostlos hält, den wird Sátántangó überraschen. Gegen dessen düstere Stimmung wirken die beiden Genannten fast wie Anfänger. Mehr als sieben Stunden dauert dieses deprimierende Werk in schwarz-weiß. Eine heruntergekommene ungarische Kolchose mit noch heruntergekommeneren ehemaligen Bewirtschaftern soll verkauft werden. Schon die erste lange Kamerafahrt zeigt den Ort als unschönes Schlammloch und die schäbigen Häuser.

Der Film wird in Kapiteln erzählt, die teils sehr artifiziell angelegt sind. Die Kameraeinstellungen sind oft so eigenwillig, dass sich eine Reflexion über die Form aufdrängt. Die Sprache der Bauern ist oft vulgär, die Stimme des Erzählers oft poetisch-literarisch. Der Handlung ist durch verschobene Zeitebenen nicht ohne weiteres zu folgen. Nach einiger Zeit taucht die charismatische Erlöserfigur Irimiás auf, der den paar Bewohnern ein tolles neues Leben auf einer Musterfarm verspricht und sie wie ein neuer Moses aus ihrer Kolchose führt. Nicht, ohne ihnen vorher ihr Geld abzunehmen, versteht sich.

Als zusätzliche Ebene kommt noch das Spitzeltum dazu. Offenbar arbeitete Irimiás für die Polizei. Auch der Doktor der Kolchose, eine furiose Alkoholikerfigur, schreibt brav seine völlig belanglosen Spionageberichte.

Béla Tarr wurde für seinen Film vom gleichnamigen Roman László Krasznahorkais inspiriert, den ich nun natürlich lesen werde.

Insgesamt eines meiner nachhaltigsten Filmerlebnisse überhaupt, obwohl ich mir Sátántangó in drei Teilen ansah. Ein vielschichtiges, dystopisches Meisterwerk erster Ordnung.

Satantango (DVD)

Der Ring des Nibelungen

Wiener Staatsoper
Das Rheingold, 12.5. 2013
Die Walküre, 15.5. 2013
Siegfried, 19.5. 2013
Götterdämmerung 22.5. 2013

Dirigent: Franz Welser-Möst
Regie: Sven-Eric Bechtolf

Wotan: Tomasz Konieczny
Alberich: Wolfgang Bankl
Mime: Gerhard A. Siegel
Fafner / Hunding: Ain Anger
Loge: Norbert Ernst
Siegmund: Simon O`Neill
Sieglinde: Camilla Nylund
Brünnhilde: Nina Stemme
Fricka: Mihoko Fujimura
Siegfried: Stephen Gould
Hagen: John Tomlinson
Gunther: Boaz Daniel
Gutrune: Caroline Wenborne
uvm.

Selbst Intellektuelle werfen Wagner gerne vor, seine Musik sei nationalistisch, aufhetzend, kurz: politisch völlig unerträglich. Wenn ich dann nachfrage, stellt sich fast immer heraus, der Betreffende kennt keine einzige (!) Wagner-Oper, weiß aber, die Nazis seien begeisterte Wagnerianer gewesen.

Wagners Hauptwerk, Der Ring des Nibelungen, könnte in Wahrheit nicht weiter von diesen Unterstellungen entfernt sein: Es ist eines der abgründigsten und düstersten Werke der Kulturgeschichte. Macht- und Geldgier, Raub und Diebstähle, Ausbeutung und Sklavenarbeit, Mord und Betrug prägen die Geschichte. Am Ende steht die Apokalypse, kein tausendjähriges Reich. Die Erlöserfigur, der junge Siegfried, ist ein peinlicher pubertärer Volltrottel. Der Ring reiht sich ein in die besten misanthropen und dystopischen ästhetischen Produktionen des Abendlandes. Er ist hellsichtig rätselhaft wie die Werke Kafkas und brutal erbarmungslos wie die besten Bilder des Hieronymus Bosch. Wer die vier Opern unbedingt auf politische Motive durchforsten will, der wird viel Progressives finden. Das Nibelungenreich unter Alberichs Fuchtel ist eine böse Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung von Arbeitern. Bis heute hoch aktuell, wenn man an Foxconn und Co. denkt. Die Institution der Ehe wird ausgesprochen negativ dargestellt. Die entsetzliche Strafe, die Wotan der ungehorsamen Brünnhilde zugedenkt ist: Hausfrau zu werden.

Damit sind wir bei einer der faszinierendsten Fragen angelangt: Wie war es möglich, dass diese Dystopie bei Nationalisten solchen Anklang fand? Die Antwort liegt selbstverständlich im Menschen Wagner und seinen unappetitlichen Anschauungen begründet. Wagner, der Antisemit, dem Juden zu seinem Durchbruch verhalfen. Wagners Werke sind aber ironischerweise nicht nur viel intelligenter als seine Schriften, sie widerlegen diesen Unfug sogar. Wenn es um Ästhetik geht, sind Kunstwerke immer unabhängig von ihrem Schöpfer zu bewerten. Wären Newtons Bewegungsgesetze weniger elegant, wenn er ein Raubmörder gewesen wäre? Sympathische Kunstschaffende, die Großes geleistet haben, gibt es wenige. Läse, hörte oder sähe man nur noch von moralisch einwandfreien Menschen hervorgebrachte Werke, bliebe kaum etwas übrig.

Die ästhetische Leistung Wagners kann niemand in Frage stellen, der sich mit dem Ring einmal in Ruhe beschäftigt. Nicht nur schuf Wagner eine völlig neue Kunstform und war damit einer der wichtigsten Avantgardisten des 19. Jahrhunderts. Eine so dichte, funktionierende musikalische und semantische Struktur über fünfzehn Stunden Musik zu ziehen, ist in der Kulturgeschichte eine einmalige Leistung.

Es war zu erwarten, dass sich die Wiener Staatsoper zum 200. Jahrestag Wagners, besonders große Mühe geben würde. Tatsächlich war diese Aufführung musikalisch mit Abstand die beste, die ich bisher hörte. Franz Welser-Möst brachte das Staatsopernorchester zu Höchstleistungen. Sensationell war die sängerische Leistung. Tomasz Konieczny war ein famoser Wotan, dessen Energie schier unbegrenzt zu sein schien. Nina Stemme war als Brünnhilde in Höchstform. Besser kann man diese Partie nicht singen. Norbert Ernst gab, meiner Erinnerung nach zum ersten Mal, den Loge und brillierte. Simon O`Neill als Siegmund und Camilla Nylund als Sieglinde leiteten Die Walküre exzellent ein. Der Siegfried des Stephen Gould war ebenfalls Referenz.
Die ersten drei Opern des Zyklus waren musikalisch phänomenal. Das hätte weltweit wohl niemand besser hinbekommen als die Wiener Staatsoper. Auf hohem Niveau enttäuscht hatte mich aber die Götterdämmerung, welche in der Wiener Presse sehr gelobt wurde. Orchestral war auch sie exzellent (trotz eines Riesenpatzers bei den Bläsern) und die bereits gelobten Sänger waren sehr gut. Mein Eindruck wurde allerdings vor allem durch John Tomlinson getrübt. Er fiel nicht nur stimmlich deutlich von den anderen ab, seine schauspielerische Leistung beschränkte sich auf das Aufreißen des Mundes und auf das Herumfuchteln mit dem Speer. Auf mich wirkte er mit seinem weißen Bart wie eine missglückte Nikolaus-Satire: Von Dämonie keine Spur. Auch der Staatsopernchor sang hörbar unpräzise.

Die Inszenierung wird auch beim wiederholten Male sehen nicht besser. Speziell, wenn Pferdefiguren auf der Bühne sind, winkt der Kitsch jedes Mal freundlich in den Zuschauersaal.

Ohne die beiden musikalischen Schwachpunkte, hätte es eine musikalische Referenzleistung sein können. Insgesamt jedenfalls eine großartige Leistung aller Beteiligten.

Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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