Maynard Solomon: Beethoven

Im Zuge einer intensiven Wiederbeschäftigung mit Beethoven las ich Solomons Biographie. Es hätte inzwischen neuere Lebensbeschreibungen gegeben, aber die Empfehlung kam von zuverlässiger Seite. In der Tat handelt es sich um eine sorgfältige, exzellent recherchierte Arbeit, die Beethovens zahlreiche dunkle Seiten nicht ausklammert. Wie die meisten großen Künstler, hatte der Komponist viele unsympathische Züge. So trieb er etwa seinen Neffen zu einem Selbstmordversuch, indem er ihn von seiner Mutter gerichtlich zwangsentfernen ließ, oder er gab sich implizit aus Eitelkeit immer als Adliger aus, obwohl davon keine Rede sein konnte. Dieses und noch vieles mehr bringt Solomon ausführlich zur Sprache.

Solomon analysiert Beethovens musikalische Entwicklung in separaten Kapiteln, was der Lesbarkeit sehr förderlich ist. Seine Ausführungen sind auch für Laien gut nachvollziehbar, ohne dass er formale Aspekte außer Acht ließe.

Einschränkend ist nur ergänzen, dass Solomon immer wieder die psychoanalytische Brille aufsetzt, wenn er gewisse Lebenssituation interpretiert. Dieser akademische Aberglaube schadet der Biographie aber nur bedingt, da sich deren Anwendung erfreulicherweise in Grenzen hält.

Maynard Solomon: Beethoven (Schirmer)

Neue James-Joyce-Biographie

Gordon Bowker schrieb eine neue Biographie über James Joyce. Ein willkommener Anlass für Fintan O’Toole in der New York Review of Books einen lesenswerten Essay über den berühmten Iren zu schreiben: Joyce: Heroic, Comic.

Joyce wird bekanntlich gerne als Literaturheiliger stilisiert. O’Toole nimmt diese Mythen kritisch unter die Lupe:

Much of it, however, is nonsense. Joyce had his share of human suffering—the physical pain of his malfunctioning eyes and the emotional pain of watching his beloved daughter Lucia descend into mental disturbance. But this is the kind of suffering that is inflicted by life, not by art. Had Joyce stayed in that bank in Rome, glaucoma and cataracts would not have spared him the agony and semiblindness that made his later decades so difficult. And however nicely it serves as a moral tale of the curse of great creativity, there is no evidence that Lucia’s illness was related to her father’s obsessive dedication to his writing. The children of farmers and dentists can suffer from schizophrenia too. The attempt to make these vicissitudes into a price that Joyce paid for his art, like Prometheus tormented for stealing the fire, is often irresistible but nonetheless deplorable.

As for hunger, Joyce was hardly the first student to have to miss a few meals in Paris (where he briefly studied medicine when he was twenty-one). Bowker reports his reduction to such basic fare as “hard-boiled eggs, cold ham, bread and butter, macaroni, figs and cocoa”—not exactly starvation rations. Thereafter, there is precious little evidence that Joyce ever had a sustained period when he could not afford to eat or did not have a roof over his head. He had to work at some boring jobs before he became famous—the bank in Rome, teaching English in Trieste—but neither is likely to have been more dispiriting than, say, Leopold Bloom’s attempts, in Ulysses, to sell advertising for newspapers.

Far from being doomed to poverty by his art, Joyce was extraordinarily blessed with patronage. The idea of him “suffering…financial dependency for much of his life” is very funny. Which of us would not embrace such suffering? Bowker, following Ellmann, records that by 1923 alone, Harriet Weaver had given Joyce, out of pure admiration for his talent, £21,000—the equivalent of not far off a million dollars in today’s money. Economically, if not spiritually, Joyce was a minor member of the imperial rentier class, living off Weaver’s family investments in the Pacific, Canada, and Johannesburg. He also got money from the British government, from Edith Rockefeller McCormick, and, of course, from friends and family, especially his unfortunate younger brother, Stanislaus, from whom he relentlessly leeched money during the Trieste years. He even earned significant royalties from Sylvia Beach’s famous edition of Ulysses, before the book was unbanned in the US and Britain: 120,000 francs, enough, in provident hands, to rent a good apartment in Paris for about six years. Yet “please wire 2,000 francs tomorrow without fail” is as characteristic an expression of Joyce the man as “riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay” is of Joyce the artist.

Joyce’s bouts of poverty were the consequence not of artistic self-denial, but of flagrant improvidence—a trait he inherited, along with a fine singing voice, a fund of tall stories and lurid phrases, and a taste for drink—from his feckless father John. To the life of the poète maudit, he preferred the life of Reilly. In his later years, it is true, he spent a lot of his money on medical bills for himself and Lucia, but a lot more of it went on extravagant meals, good wines, flamboyant tips, taxis, grand hotels, Chanel dresses, and fur coats. His was a peculiarly luxurious form of poverty.

Hier noch der Link zu meiner Ulysses-Notiz.

Elfriede Jelinek: Winterreise

Akademietheater 4.10. 2012

Regie: Stefan Bachmann

mit
Dorothee Hartinger
Gerrit Jansen
Simon Kirsch
Melanie Kretschmann
Rudolf Melichar
Barbara Petritsch

Klavier: Felix Huber
Sänger: Jan Plewka

In meinem CD-Regal steht eine Vielzahl von Winterreise-Interpretationen, weil ich Schuberts Liederzyklus für einen Höhepunkt der Musikgeschichte halte. Deshalb war ich sehr gespannt auf Jelineks Auseinandersetzung damit. Die musikalische Interpretation zählt sicher zu den außergewöhnlichsten, die ich hörte. Jan Plewka sang die ausgewählten Lieder leise, treffend, allerdings nicht wie ein klassischer Liedsänger, sondern wie ein Folkmusiker.

Zwischen den musikalischen Einlagen gibt es einen, ich bin versucht zu sagen: klassischen, Jelinek-Text, den unterschiedliche Schauspieler sprechen. Eine inhaltliche Zusammenfassung wäre müßig, der österreichische Korruptionssumpf jedenfalls kommt nicht zu kurz. Die grandios-grotesken schauspielerischen Aktivitäten finden auf einer steilen Rampe statt, auf der sie sich an einer Seilwinde angeschlossen auf und ab bewegen. Höhepunkt ist das furiose Finale, dass ans Sportstück erinnert und Österreich treffend boshaft als debiles Schlager- und Sportland charakterisiert.

Das Ergebnis ist ein höchst sprach- und bildmächtiger Theaterabend. Damit hat das Akademietheater neben den Gespenstern eine weitere „perfekte“ Inszenierung im Repertoire.

Klangforum Wien

Konzerthaus 1.10. 2012

Dirigent: Enno Poppe

Programm «Spanien»

Hèctor Parra: Moins qu’un souffle, à peine un mouvement de l’air
Alberto Posadas:L a lumière du noir
Elena Mendoza: Fragmentos de teatro imaginario (2009)
Francisco Guerrero Marín: Anemos C (1975)

Der Auftakt des neuen Zyklus war von gewohnt erstklassigem Niveau. Das erste Konzert war spanischen Komponisten gewidmet. Francisco Guerrero Marín etwa ist in Spanien ein bekannter Komponist (insofern zeitgenössische Komponisten „bekannt“ sein können), allerdings in Mitteleuropa nur selten zu hören. Was seine Kompositionen so interessant macht, ist sein abstrakter Ansatz, Natur und Kunst zusammenzubringen, und zwar nicht durch naturähnliche Laute, sondern durch die mathematische Beschreibung der Natur inspiriert. Eine Art naturwissenschaftlicher Tonsetzer, wenn man so will. „Anemos“ bedeutet denn auch Wind und die Besetzung mit Schlagzeugen und Blasinstrumenten passt konzeptuell hervorragend.

Hèctor Parras Stück wurde von Marie NDiayes Roman Drei starke Frauen angeregt, wie man in einer ausführlichen Erläuterung im Programmheft nachlesen kann. Höchst abwechslungsreiche Klangfarben bot Elena Mendozas Stück Fragmentos de teatro imaginario, die mit musikalischen Elementen arbeitet als seien es Schauspieler.

Die Kunst des Zwitscherns

Die medial Aufgeschlossenen denken bei diesem Buchtitel zuerst an Twitter. Weit gefehlt! Der bei Residenz erschienene Essayband nimmt sich des Zwitscherns umfassend an. Der Autor und Biologe Helwig Brunner beleuchtet das Vogelzwitschern sorgfältig von allen Seiten, und liefert nebst den wichtigsten Fakten diverse interdisziplinäre Abgrenzungsversuche. Erwähnt seien Lyrik, Linguistik und Musik.
Kathrin Passig veranstaltet einen Schnellkurs in Sachen Twitter und unterteilt ihren Beitrag völlig überflüssigerweise in 140-Zeichen-Häppchen. Wer von Twitter nichts weiß, wird mit dem notwendigen Grundlagenwissen versorgt. Weitergehende theoretische Reflexion? Fehlanzeige!
Amüsant dagegen ist der Beitrag des Wiener Essayisten Franz Schuh über das Zwitschern im alkoholischen Sinne. Er liefert nicht nur einen autobiographischen Einblick in die Trinkgewohnheiten österreichischer Intellektueller (keine Namen!), sondern weiß auch geistreich von Harald Juhnke und Hans Falladas Trinker zu berichten.
In Buchform wirken die drei Essays trotz der Einleitung des Thomas Macho etwas disparat. Es fehlt ein roter Faden zwischen den Kapiteln.

[Geschrieben für The Gap]

Helwig Brunner, Kathrin Passig, Franz Schuh: Die Kunst des Zwitscherns (Residenz)

Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Burgtheater 30.9. 2012

Regie: Michael Schachermaier

Astragalus, der Alpenkönig/Christian Glühwurm: Johannes Krisch
Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer: Cornelius Obonya
Sophie, seine Frau/Marthe Glühwurm: Regina Fritsch
Malchen, seine Tochter aus dritter Ehe/Salchen: Liliane Amuat
August Dorn, ein junger Maler/Franzl: Peter Miklusz
Herr von Silberkern, Sophies Bruder: Dietmar König
Lischen, Malchens Kammermädchen: Stefanie Dvorak
Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf/Christian Glühwurms Großmutter: Johann Adam Oest

Als sei Matthias Hartmann bei seinem Wiener Publikum noch nicht beliebt genug, setzt er nun noch eines drauf und Wiener Volksstücke auf den Spielplan. An der Inszenierung und der schauspielerischen Leistung gibt es nichts auszusetzen. Ebenso wenig an dem musikalischen Rahmen (live!). Wenn man ein Volksstück unkritisch als Volkstück auf die Bühne bringen will, dann kann man es wohl nicht besser machen als Michael Schachermeier. Es ist komisch, es gibt ein paar nette Effekt und auch etwas Selbstironie. Das Publikum war deshalb naturgemäß sehr erfreut, es will ja nicht immer durch anspruchsvolle ästhetische Konzepte belästigt werden, schon gar nicht am Sonntagabend. So saß ich denn in dieser Aufführung und stellte mir ständig die Frage: Zu welchem Zweck? Man braucht kein Burgtheater, um solche Stücke auf die Bühne zu bringen. Eine Verschwendung von ästhetischen Ressourcen.

Neue Klassiker-Übersetzungen

In der FAZ widmet sich Andreas Platthaus in Alter Kunstwerkmeister, steh uns bei! dem vom Carl Hanser Verlag ausgelösten Phänomen der vielen neuen Klassikerübersetzungen und zählt praktischerweise auch die Neuerscheinungen des Herbstes auf:

Edls Arbeit an Flauberts berühmtestem Roman, erschienen bei Hanser, Eva Hesses Lebensprojekt, die „Cantos“ von Ezra Pound ins Deutsche zu bringen (Arche), Alexander Nitzbergs Übersetzung von Bulgakows „Meister und Margerita“ (Galiani), Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ in der Übertragung von Werner Schmitz (Rowohlt) und Nathanael Wests „Miss Lonely Hearts“ in der von Dieter E. Zimmer (Manesse). Und das ist nur ein Teil der Flut solcher Neuübersetzungen. Rathjens Version von „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, Gontscharows „Oblomow“ von Vera Bischitzky (Hanser), Faulkners „Als ich im Sterben lag“ von Maria Carlsson (Rowohlt) oder Virginia Woolfs „Orlando“ von Melanie Walz (Suhrkamp) stammen gleichfalls aus diesem Jahr. Alle haben sie große Begeisterung ausgelöst.

Da verzeihen wir ihm doch, dass er uns Bildungsbürger für so leicht durchschaubar hält:

Und sie verkaufen sich gut. Der neue „Oblomow“ etwa ist kein billiges Buch; es kostet 34,90 Euro, ältere Übersetzungen des umfangreichen Werks gibt es schon für weniger als zehn, von preisgünstigen Angeboten in Antiquariaten ganz zu schweigen. Aber der Hanser Verlag, dem wir den neuen Trend verdanken (und auch große Teile seines Erfolgs), seit er vor zwölf Jahren Burkhard Kroebers Übertragung von Alessandro Manzonis „IPromessi Sposi“ herausbrachte und damit nicht nur den literarischen Anspruch, sondern auch sein bis heute gültiges Erscheinungsbild für die Klassiker-Neuübersetzungen festlegte – Dünndruck, Leineneinband, Fadenbindung, handliches Format, verstärkter Schutzumschlag -, hat richtig darauf spekuliert, dass sich qualitätsvoll produzierte Bücher gerade in Zeiten der wachsenden Konkurrenz durch elektronische Publikationen beim avisierten Publikum durchsetzen. Dieses Publikum ist ein bildungsbürgerliches, und man darf es in diesem Fall beruhigend nennen, dass es offenbar so leicht auszurechnen ist.

Gelesen im September

Der syrische Bürgerkrieg

In deutschsprachigen Medien findet man wenige Hintergründe über den Konflikt in Syrien, was einer der Gründe ist, warum ich angelsächsische Medien bevorzuge. (Was soll man lesen?). Einen ausgezeichneten Überblick über den Konflikt in Syrien, inklusive Einbettung in den historischen Kontext, liefert Max Rodenbeck in The Agony of Syria (NYRB No. 59).

Syria, too, has experienced sinister symmetries. Soon after France grabbed the territory as a share of its spoils from World War I, an insurrection among the proud Druze of the Houran region in the south quickly spread elsewhere. The colonial government countered this challenge with a mix of sweet propaganda and extreme violence. Depicting their foes as sectarian fanatics, the French posed as patrons of progress and as the noble guarantors of peace between Syria’s diverse sects. Yet they also worked hard to sharpen the schism they warned of. Arming and empowering favored groups, they brutalized others with summary executions, the burning of crops, and the razing of villages.

The counterinsurgency culminated with a brazen demonstration of destructive power that effectively terrorized Syria’s propertied class into submission. In October 1925 French artillery and aircraft bombarded Damascus for two days, leaving 1,500 dead and much of the Syrian capital in ruins; the large, incongruously grid-patterned section of the Old City known simply as al-Hariqa—The Fire—today serves as a memorial to that conflagration. In May 1945, French forces again shelled Damascus indiscriminately, killing more than six hundred people in what proved a vain attempt to reassert control following the end of World War II.

Deutschland und die europäische Krise

Für die New York Review of Books No. 59 schrieb George Soros einen kenntnisreichen Artikel über die Ursachen der wirtschaftlichen Krise in Europa: The Tragedy of the European Union and How to Resolve It. Er beleuchtet darin vor allem auch die fragwürdige Rolle Deutschlands und zeigt Auswege aus der Krise auf. Eine lesenswerte Lektüre für alle, die an der Zukunft Europas interessiert sind!

I have been a fervent supporter of the European Union as the embodiment of an open society—a voluntary association of equal states that surrendered part of their sovereignty for the common good. The euro crisis is now turning the European Union into something fundamentally different. The member countries are divided into two classes—creditors and debtors—with the creditors in charge, Germany foremost among them. Under current policies debtor countries pay substantial risk premiums for financing their government debt, and this is reflected in the cost of financing in general. This has pushed the debtor countries into depression and put them at a substantial competitive disadvantage that threatens to become permanent.

[…]

The German public finds it extremely difficult to understand that Germany is foisting the wrong policy on Europe. The German economy is not in crisis. Indeed, until now Germany has actually benefited from the euro crisis, which has kept down the exchange rate and helped exports. More recently, Germany enjoyed extremely low interest rates, and capital flight from the debtor countries has flooded Germany with capital, at the same time as the “periphery” has had to pay hefty risk premiums for access to funds.

This is not the result of some evil plot but an unintended consequence of an unplanned course of events. German politicians, however, have started to figure out the advantages it has conferred on Germany and this has begun to influence their policy decisions. Germany has been thrust into a position where its attitude determines European policy. So the primary responsibility for a policy of austerity pushing Europe into depression lies with Germany. As time passes, there are increasing grounds for blaming Germany for the policies it is imposing on Europe, while the German public is feeling unjustly blamed. This is truly a tragedy of historic significance. As in ancient Greek tragedies, misconceptions and the sheer lack of understanding have unintended but fateful consequences.

If Germany had been willing at the outset of the Greek crisis to extend the credit that was offered at a later stage, Greece could have been rescued. But Europe did only the minimum necessary to avoid a collapse of the financial system and that was not enough to turn the situation around. The same happened when the crisis spread to the other countries. At every stage the crisis could have been arrested and reversed if Germany had been able to look ahead of the curve and been willing to do more than the minimum.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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