Rembrandt – Tizian – Bellotto: Eine Mogelpackung

Winterpalais 26.7. 2015

Große Künstlernamen ziehen bekanntlich Zuschauermassen an, weshalb Museen gerne Blockbuster-Ausstellungen veranstalten. Diese sind ausgesprochen aufwändig und teuer zu organisieren. Das geht auch anders, dachte man sich wohl im Belvedere. In Wahrheit gibt es nämlich von den namensgebenden Künstlern im Winterpalais nur wenig zu sehen. Tiefpunkt dieser Mogelpackung ist Rembrandt, von dem genau ein einziges Bild (!) zu finden ist, das nicht einmal ihm persönlich, sondern seinem Umkreis zugeschrieben wird.

Dabei ist die Grundidee, der mit Geist und Glanz der Dresdner Gemäldegalerie untertitelten Schau eine erfreuliche: Man will Meisterwerke eines anderen prominenten Museums zugänglich machen. Es sind denn auch einige hochkarätige Bilder dabei, wie Tizians Dame in Weiß. Die Beleuchtungsverhältnisse sind – zumindest bei meinem Besuch heute – allerdings oft nicht optimal. Die Deckenlampen spiegeln sich an so mancher Schutzglasscheibe. Wer nicht auch die tollen Barockräumlichkeiten des Winterpalais sehen will, kann sich diese Ausstellung wirklich sparen. Es finden sich bessere Bilder jeglicher Kategorie im Kunsthistorischen Museum.
(Bis 8.11.)

Jacquie McNish, Sean Silcoff: Losing the Signal – The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry

Mein Berufsleben war mehrere Jahre eng mit BlackBerry verknüpft, weshalb ich das Buch sofort nach dessen Erscheinen las. Jacquie McNish und Sean Silcoff beschreiben den riskanten Aufstieg von Research in Motion, wie die Firma lange hieß, von ihrer Zeit als kleines Startup über den Aufstieg zu einer der erfolgreichsten Technologiefirmen bis hin zum rasanten Abstieg nach Beginn des Smartphone Booms. Gut recherchiert und basierend auf vielen Interviews mit den damals Beteiligten liest sich der Titel spannend wie ein Technologiekrimi. Einerseits erfährt man viel über die Anfänge des mobilen Zeitalters einschließlich der wichtigsten Protagonisten (Motorola, Nokia, Apple, Google…). Andererseits bekommt einen exzellenten Einblick wie volatil Erfolge in dieser Branche eigentlich sind.

Jacquie McNish, Sean Silcoff: Losing the Signal: The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry (Flatiron Books)

Koran

Viel wird über den Koran gesprochen und geschrieben: Gelesen hat ihn meiner Erfahrung nach allerdings niemand – Moslems und Islamforscher einmal ausgenommen. Ich will mir deshalb durch eine Komplettlektüre ein eigenes Bild machen. Ich lese den Koran wie alle alten Bücher als einflussreicher Klassiker und mache damit keinen Unterscheid zum Alten Testament oder zu Herodots Historien.

Der erste Leseeindruck: Dieses Buch ist fest in der arabischen Kultur des siebten Jahrhunderts verwurzelt. Wie auch in Genesis spielt sich alles vor dem kulturellen Hintergrund einer Nomadengesellschaft ab. So kommen im Text jede Menge Kamele vor und der Koran räumt die Existenz von Dschinn ein, also jener arabischen Geister, die man von Tausendundeine Nacht her kennt. Diese Einbettung in den soziohistorischen Kontext ist für eine neue Religion als Anknüpfungspunkt selbstverständlich unverzichtbar, sonst wären die potenziellen neuen Gläubigen gleich von Anbeginn an überfordert. Auch das „naturwissenschaftliche“ Niveau der Welterklärung geht über den damaligen Wissenstand nie hinaus. Allah setzt als Faktor immer dort ein, wo das Alltagswissen aufhört. Zwei Beispiele dazu mögen genügen. Warum erschuf Allah die Berge? Als eine Art Briefbeschwerer für die Erde:

Und wir setzten festgründete Berge in die Erde, damit sie nicht schwankte mit ihnen.
[Sure 21]

Er trägt auch persönlich zur kosmischen Statik bei:

Und er hält den Himmel, daß er nicht auf die Erde falle, es sei denn mit seiner Erlaubnis.
[Sure 22]

Der zweite Haupteinfluss auf den Koran sind die biblischen Schriften, deren Themen und Figuren ständig erwähnt werden, und fester Bestandteil der rhetorischen Strategie sind. Dabei gibt es auch Stellen, etwa über Jesus und seine frühen Jahre, welche sich in dieser Form nicht im Neuen Testament finden. Besonders eng sind die Gemeinsamkeiten beim apokalyptischen Weltbild. Mohammed spricht wie Jesus oft vom letzten Gericht, und die Vernichtung der Welt ist als Drohung ständig im Hintergrund präsent.

Wie beim Christentum stützt sich die Missionierungsarbeit auf drei Faktoren: Erstens, die bereits angesprochene Erklärung des derzeit Unerklärlichen durch den neuen Gott. Zweitens die Verheißung eines sensationellen Paradieses, wenn man sich bekehrt und den neuen Regeln der Religion folgt. Drittens die Drohung mit der Hölle. Sehr hübsch ist, dass den letzten Punkt der Koran sogar explizit einräumt:

Und demzufolge sandten wir ihn als arabischen Koran nieder und durchsetzen ihn mit Drohungen, auf daß sie gottesfürchtig würden.
[Sure 20]

Die Großartigkeiten des Paradies und der Grusel der Hölle werden oft erwähnt, teils in ritualistisch sich wiederholenden Formulierungen:

Aber für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer geschnitten, gegossen wird siedendes Wasser über ihre Häupter, das ihre Eingeweide und ihre Haut schmilz; und eiserne Keulen sind für sie bestimmt.
[Sure 22]

Siehe, Allah führt jene, die glauben, in Gärten durcheilt von Bächen. Geschmückt sollen sie sein in ihnen mit Armspangen von Gold und Perlen, und ihre Kleidung darinnen soll aus Seide sein.
[Sure 22]

Beides wird immer wieder unmittelbar gegenüber gestellt.

Zusätzlich wird regelmäßig versucht, ein Gefühl von Dankbarkeit zu evozieren, indem Mohammed betont, dass Allah für das Wohlergehen der Nomadengesellschaft sorgt:

Und in dem Wechsel von Nacht und Tag und in der Versorgung, die Allah vom Himmel hinabsendet, durch die er die Erde nach ihrem Tode erweckt, und in dem Wechsel der Winde sind Zeichen für ein verständiges Volk.
[Sure 45]

Literarisch spannend ist die einzigartige Kommunikationssituation des Koran: Allah spricht nicht nur direkt zu seinem Propheten Mohammed, sondern gibt ihm wie ein moderner PR-Berater ständig konkrete Anweisungen, was er seinen Arabern sagen soll. Oft in der Form, wenn sie dir X sagen, dann antworte mit Y. X sind dabei meist zu erwartende Einwände, die gegen eine neuen Religionsgründer vorgebracht werden können.

In Form und Struktur ist der Koran einzigartig. So sind die Suren entgegen der Chronologie angeordnet: Die frühen Suren beschließen das Buch, die späten Suren stehen am Anfang. Erstere sind kurz und greifen immer wieder auf poetische Stilmittel zurück. Letztere sind längere Abhandlungen mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftliche Regeln. Die moslemische Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend größer und komplexer, weshalb der Bedarf an normativen Regeln rapide gestiegen war.

Ein großer Unterschied zum Alten Testament oder zu den hinduistischen Epen ist das Fehlen größerer narrativer Strukturen. Es gibt keine einzige längere Erzählung im Koran. Abraham, Mose und Kollegen werden zwar oft erwähnt, aber nur immer kurz, um den Beleg für eine religiöse Forderung zu liefern. Gleichzeitig fehlt den Suren – trotz unterschiedlicher thematischer Schwerpunkte – jegliche Abwechslung, weshalb sich literarisch schnell Langeweile einstellt. Auch unterschiedliche Genres wie im Alten Testament (Geschichtserzählung, Gesetze, Propheten, Sprichwörter usw.) finden sich nicht.

Der Koran ist demgegenüber für die Rezitation ausgelegt, was nicht nur zur mündlichen Tradition arabischer Nomadenstämme passt, sondern sich selbst in der Übersetzung noch durch zahlreiche formelhafte Wiederholungen zeigt.

In der Öffentlichkeit gibt es das eingespielte Medienritual, dass zwischen Islamismus und Islam immer dann unterschieden wird, wenn neue Terroranschläge zu beklagen sind. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, wird dann ritualartig von allen Seiten betont. Es wird auch in Abrede gestellt, dass das islamistische ISIS-Kalifat auf dem Islam basiere. Liest man den Koran aber unter der moslemischen Voraussetzung, dass es das unmittelbare Wort Gottes ist, und deshalb eine nicht zu hinterfragende Handlungsanleitung, ist dieser Distanzierungsreflex leider falsch.

Wie alle religiösen Texte, ist auch der Koran polyvalent: Man findet für fast jede Auffassung ein passendes Zitat. Es ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept einer Weltreligion, dass sie möglichst unterschiedliche Zielgruppen bedienen kann, und die Basistexte ohne Schwierigkeit selbst logisch widersprüchliche Aussagen stützen. Die Bibel ist dafür ein ebenso exzellentes Beispiel. Die einzig intellektuell zulässige Vorgehensweise wären hier Meta-Interpretationsregeln, die für alle Textstellen gelten, und die es weder für das Christentum noch für den Islam gibt. Ergebnis: Man bewirft sich ad infinitum mit sich widersprechenden Textstellen bei null Erkenntnisgewinn. Man denke hier an die theologische Bibelinterpretation: Wenn es genehm ist, nimmt man eine Textstelle wörtlich. Wenn nicht, versteht man sie im symbolisch.

Wie ist das also jetzt mit dem Jihad und den Ungläubigen?

Es gibt nur wenige Stellen, die sich mit gutem Willen als Toleranz gegenüber Ungläubigen verstehen lassen:

Siehe, Allah ist vergebend, verzeihend.

[…]

Siehe, Allah ist wahrlich gütig gegen die Menschen und barmherzig.
[Sure 22]

Demgegenüber steht eine Vielzahl von ausgesprochen aggressiven Stellen auf die sich Islamisten völlig berechtigt berufen können, wenn sie ihrem unappetitlichen Handwerk nachgehen. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:

Es gibt keine Stadt, die wir nicht vernichten wollen vor dem Tag der Auferstehung oder doch mit strenger Strafe strafen wollen; das ist in dem Buch verzeichnet.
[Sure 17]

Wahrlich, Allahs Haß ist größer als euer Haß gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.
[Sure 40]

Und wenn ihr einen Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.
[Sure 47]

Aus historischer Perspektive kann man diese Aggressivität einerseits mit dem Kampfesethos der damaligen Stammesgesellschaften erklären. Andererseits mit dem Status als kleine, verfolgte religiöse Minderheit, die deshalb rhetorisch überkompensiert. Gefährlich wird es allerdings, wenn heute solche Stellen als Handlungsanweisung wörtlich genommen werden.

Das gilt auch für die sozialen Regeln, welche der Koran vorschreibt. Für das siebte Jahrhundert waren sie teilweise sozialrevolutionär. Das Almosengebot etwa etablierte erstmals ein religiös vorgeschriebenes soziales Netz für (verstoßene) Frauen, Waisen und Arme. Selbst die heute archaisch wirkenden Regeln für Frauen, waren in Zeiten, wo sie als Eigentum des Mannes galten, progressiv. Fortschrittliche Moslems transponieren das deshalb in ihre Forderung, soziale islamische Regeln heute müssten genauso ihrer Zeit voraus sein wie damals jene des Mohammed.

So lange 1,7 Milliarden Moslem den Koran allerdings buchstäblich als Wort Gottes verstehen, wird die Menschheit vor einer schwer zu lösenden Herausforderung stehen.

Koran.. Übersetzt von Max Henning.

Montaigne analysiert die Griechenlandkrise

Die Untertanen eines im Geben maßlosen Fürsten werden maßlos im Fordern. Nicht die Billigkeit machen sie zu ihrer Richtschnur, sondern das Beispiel. Wir hätten oft wahrhaftig allen Grund, über unsre Unverschämtheit zu erröten […]

Schon im Wort „Freigebigkeit“ schwingt ja „Freiheit“ mit. Ginge es nach uns, hätten wir nie genug: Das Empfangene zählt nicht mehr – man liebt Freigebigkeit nur im Futur. Je mehr sich deshalb ein Fürst im Schenken verausgabt, desto ärmer wird er an Freunden.

Wie könnte er auch Wünsche jemals befriedigen, die mit ihrer Erfüllung wachsen? Wer seine Gedanken nur auf das Nehmen richtet, hat keinen mehr übrig für das, was er genommen hat. Nichts kennzeichnet die Begehrlichkeit so sehr wie Undank.“
[Drittes Buch, Über Wagen]

Privatbibliothek: Neuzugänge

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason

Als das Buch im Jahr 2000 erschien, las ich es zum ersten Mal. Für den zweiten Durchgang wählte ich die Hörbuchfassung, die etwa achtzehn Stunden lang ist. Der Untertitel A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance führt in die Irre: Von den 430 Buchseiten beschäftigen sich nur gut 40 mit der Zeit nach der Spätantike. In Wahrheit handelt es sich also um eine Einführung in die antike Philosophie. Wer sich bisher nur oberflächlich damit beschäftigte, wird mit dem Buch seine Freude haben. Gottlieb verzichtet auf technischen Jargon und umreißt die Kernkonzepte gut. Wie so viele angelsächsische Sachbücher, ist The Dream of Reason einfach gut geschrieben. Die einzelnen Philosophen werden in unterschiedlicher Qualität und Tiefe abgehandelt: Platons Werk hätte durchaus einen größere Breite verdient, da konzentriert sich Gottlieb vor allem auf den Staat. Aristoteles dagegen wird deutlich umfassender präsentiert.

Wer sich intensiv auf die Philosophiegeschichte einlassen will, dem empfehle ich das mehrbändige Werk des Frederick Copleston.

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance (Hörbuch)

Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita fehlt auf keiner Liste mit den bedeutendsten Klassikern der Weltliteratur und ist gleichzeitig einer der wichtigsten religiösen Texte des Hinduismus. Ursprünglich war es kein eigenes Buch, sondern Teil des indischen Riesenepos Mahabharata. Trotz (oder aufgrund?) seiner Kürze von 700 Versen zählt dieser Auszug zu den meist gelesenen und beliebtesten hinduistischen Texten.

Wie so viele Epen beschäftigt sich auch der Mahabharata mit einem großen Krieg. Zu Beginn der Bhagavad Gita finden wir den Helden Arjuna zwischen zwei feindlichen Heeren, die für ihn ein moralisches Dilemma darstellen: Er hat Familie und Freunde auf beiden Seiten:

O day of darkness! What evil spirit moved our minds when for the sake of an earthly kingdom we came to this field of battle ready to kill our own people?
[1, 45]

Was geschieht, wenn ein Mensch moralische Bedenken hat? Es kommt ein Gott und versucht ihm dieses Zaudern auszureden. Denn Religion ist ja bekanntlich jene Kraft, die gute Menschen am besten für böse Taten motiviert. Konkret ist das hier Krishna, der praktischerweise auch seinen Streitwagen lenkt:

Think thou also of thy duty and do not waver. There is no greater good for a warrior than to fight in a righteous war.
[2, 31]

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Religion war es immer, das Volk für die Herrschenden zu mobilisieren. So offen wie hier wird das aber nur selten ausgesprochen.

Den Rest des Buches versucht Krishna nun Arjuna zu überzeugen, dass er unbedingt kämpfen muss. Er verwendet dazu unterschiedliche Strategien und beginnt mit den religiösen Kernkonzepten des Hinduismus, etwa der Reinkarnation. Später kommen weitere grundlegende Prinzipien zur Sprache, so das Kastensystem.

Krishna überzeugt Arjuna, indem er ihm die Kompatibilität seiner spirituellen Pflichten mit denen seines Alltags aufzeigt. Die Botschaft ist klar: Du kannst ein normales Leben führen und trotzdem deine religiösen Pflichten erfüllen. Das dürfte – neben der attraktiven literarischen Form – einer der Gründe für die große Popularität der Bhagavad Gita sein.

Eingestreut findet man hübsche Sätze wie diese:

From passion comes confusion of mind, then loss of remembrance, the forgetting of duty. From this loss comes the ruin of reason, and the ruin of reason leads man to destruction.
[2, 63]

Gelesen habe ich den Klassiker in einer wunderschönen bibliophilen Ausgabe der Londoner Folio Society.

The Bhagavad Gita. (Folio Society)

Gelesen, Gehört & Gesehen

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam

Vor meiner Vietnam-Reise im Januar begonnen, las ich es erst in den letzten Monaten langsam zu Ende. Es ist sicher eines der besten Bücher über den Vietnamkrieg, lässt es doch Beteiligte zu Wort kommen, nämlich die amerikanischen Soldaten. Die Anthologie versammelt ausgewählte Briefe, welche diese Soldatenkinder (viele unter 20 Jahre alt) an ihre Familien und Freunde schrieben. Die teilweise haarsträubende Lektüre gibt nicht nur einen Einblick in den Kriegsalltag auf amerikanischer Seite, sondern ist auch ein vernichtendes Dokument dessen, was Kriege mit Menschen machen:

My morale is not the best because my best buddy was killed the day before yesterday. I was standing 20 feet from him and a 60-mm mortal exploded next to him. He caught a piece of shrapnel in the head. I carried him over to the aid station where he died. I cried my eyes out. I have seen death before but nothing as close as this […] I think with the destruction I have seen in the past week I have aged greatly. I feel like an old man now. I am not as happy-go-lucky as before, and I think more maturely now.

I’m sick of facing, every day, a new bunch of children ripped to pieces. They’re just kids – eighteen, nineteen years old! It stinks! Whole lives ahead of them – cut off. I’m sick of death of it. I’ve got to get out of here.

Das letzte Zitat ist von einer Krankenschwester im Kriegseinsatz. Es sind nicht alle Briefe so brutal, aber auch jene, wo ein junger Mensch seine Lebensträume beschreibt und anschließend steht „KIA (Killed in action) x weeks later“ sind keine Gute-Laune-Lektüre.

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam (ReAnimus Press)

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Das Literaturrezept des Michelle Houellebecq war schon immer banal: Man nehme ein provokantes Thema, verpacke es in schlichte Form und Sprache, und profitiere anschließend von dem dadurch entstandenen Empörungsbestseller. Vorsichtshalber packe man noch deftige Sexszenen in den Text. Dieses Mal funktionierte dieses Verfahren noch besser als sonst, überschnitt sich die Veröffentlichung doch wunderbar mit dem islamistischen Attentat auf die Redaktion des Charlie Hebdo.

Die Idee von Unterwerfung ist diesem Fall sogar eine originelle: Eine islamische Partei gewinnt 2022 demokratisch eine Wahl in Frankreich und baut das Land danach in eine moslemkompatible Gesellschaft um. Nahe gebracht werden uns diese Ereignisse von Francois, einem Literaturprofessor, der durch seine Dissertation über Huysman akademischen Ruhm erntete. Huysman und sein Werk ist denn auch eine strukturelle Metaebene, die regelmäßig thematisiert wird, und deren intellektuelle Klimmzüge der Roman auch dringend nötig hat, um nicht vollends in die Trivialität abzurutschen.

Houellebecq wählt für seinen Helden praktischerweise die Ich-Perspektive, um den reaktionären Nebel, den das Buch verbreitet, auf seine Figur abschieben zu können. Wer jedoch die zahlreichen Interviews zum Erscheinen des Romans in Deutschland liest, weiß, dass der Autor viele Ansichten seiner Romanfiguren teilt.

Formal ist Unterwerfung schlicht: Paris bleibt – wie die meisten anderen Handlungsorte – eine Pappkulisse für die formulierten Thesen. Kennt man die grandiosen Parisromane der französischen Literatur, dann wird dieser Mangel besonders offensichtlich. Gleichzeitig ist Houellebecq bequem: Das Buch strotzt vor unwahrscheinlichen Zufällen. So fährt Francois fluchtartig in ein französischen Dorf wo er – Zufall! – einen für die Handlung wichtigen Bekannten wieder trifft. Derartige plumpe narrative Tricks findet man in Unterwerfung zuhauf.
Selbst wenn man sich auf die fiktionalen Prämissen des Autors einlässt, stellt man zahlreiche Ungereimtheiten in seiner Erzählwelt fest. Als Beispiel sei die Reaktion der Franzosen auf die Bildung einer islamischen Regierung genannt: Quasi über Nacht ändern sich alle Kleidungsgewohnheiten und selbst muslimischen Studentinnen sieht man den Triumph sogar schon vor der Regierungsbildung an:

Vielleicht war es auch die Haltung der Studentinnen in Burka, die sich selbstsicherer und gemächlicher als sonst [!] in Dreierreihen über die Gänge bewegten, ohne die Wände zu berühren, als herrschten sie bereits über das Territorium.

Danch geht es blitzschnell:

Alle [!] Frauen trugen Hosen.

Während sich also der Alltag islamisiert und die Universitäten vorübergehend geschlossen werden, bleibt eines beim Alten: Francois kann sich über das Internet nach wie vor Damen eines Escort-Service bestellen. Das widerspricht zwar allem, was im Roman beschrieben wird, aber Herr Houellebecq braucht in seinen Büchern – siehe oben – natürlich immer einen Vorwand für saftige Sexszenen. Da darf die fiktionale Wahrscheinlichkeit gerne einmal auf der Strecke bleiben.

Abschließend noch einige Worte zur Qualität der Religionskritik in Unterwerfung. Ich nehme selbst bei diesem Thema bekanntlich kein Blatt vor den Mund, aber die Niveaulosigkeit der Islamkritik in dem Text ist abstoßend, obwohl die Vorzüge der Religion von missionarischen Figuren am Ende wortreich gepriesen werden. Das lässt sich am besten am Punkt der Polygamie festmachen. Was macht der Pariser Mann von Macht sofort nach der Konvertierung zum Islam, wenn er die Gelegenheit hat? Er nimmt Kinder als Zweitfrauen:

Das ist Aicha, meine neue Ehefrau. Sie wird sich sehr schämen, weil Sie sie nicht unverschleiert hätten sehen sollen […] Sie ist gerade fünfzehn geworden.

[…]

Und ich musste zwangsläufig an seinen Lebensstil denken: eine vierzigjährige Ehefrau für die Küche und eine fünfzehnjährige für andere Dinge…

Houellebecq verwendet Sex in Bezug auf die Moslems analog wie Antisemiten das Geld in Bezug auf Juden: Polemisch, diffamierend und die Wahrheit entstellend. Als Kontrast gibt es im Buch dafür christlich-mystischen Erlösungskitsch.

Die deutschsprachige Literaturkritik wird sich einmal dafür in Grund und Boden schämen, dass sie dieses Machwerk überwiegend positiv besprochen hat.

Michel Houellebecq: Unterwerfung (Dumont)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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