Reise-Skizzen Griechenland (3): Epidauros, Nauplia

Das Asklepieion in Epidauros war das Zentrum eines antiken Kurortes, zu dem sich verzweifelte Kranke aus der griechischen Welt aufmachten, um endlich von ihren Leiden geheilt zu werden. Es liegt entsprechend malerisch in einer sanft hügeligen Landschaft, und weist die Überreste einer Reihe von Einrichtungen auf, wie sie auch heute an solchen Orten noch üblich sind, ein Konzerthaus etwa.

Höhepunkt ist unbestritten eines der am besten erhaltenen griechischen Theater. Die Ränge umfassen 17.000 Plätze, die alle von einer phänomenalen Akkustik profitieren. Selbst in den obersten Rängen hört man, wenn jemand im Zentrum unten eine Münze fallen läßt. Zusätzlich zur Theateraufführung (es wird immer noch als solches im Sommer genutzt) hat man einen netten Ausblick auf die Umgebung.

Nach der Befreiung Griechenlands wurde der junge bayerische Otto zum König ernannt (nach zähem diplomatischen Ringen). Die erste Hauptstadt war nicht das damals unansehnliche Athen, sondern Nauplia, eine der hübschesten Städte am Mittelmeer, die ich bis jetzt besuchte. Die Schönheit ist allerdings direkt proportional zur Verschlafenheit (28.000 Einwohner).

Dante-Übersetzungen

Ab und zu erhält man erfreulich informative E-Mails, kürzlich beispielsweise von Boris Kalies. Es folgt ein längeres Zitat von Boris:

Unter den Übersetzungen die ich miteinander verglichen habe hat mir die von Karl Vossler am besten gefallen.Sie hebt sich deutlich von den anderen ab. Ohne italienisch zu können vermute ich mal, dass es sich um eine etwas freiere Übersetzung handelt, die anderen haben gewisse Gemeinsamkeiten im Vokabular, die hier nicht zu finden sind. Vielleicht haben die anderen Übersetzer auch einfach nur voneinander abgeschrieben, wer weiß….

Was mir an Vossler vor allem gefällt ist die Verständlichkeit und die intensivere Bildsprache. Verständlich deswegen, weil es sich flüssig lesen läßt ohne an antiquierten Formulierungen hängenzubleiben, wie bei mehreren der anderen Kandidaten.Und Bildsprache, nun, ein kleiner Vergleich:

Vossler:
Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe,
da mich ein dunkler Wald umfing und ich,
verirrt, den rechten Weg nicht wiederfand.

Gmelin:
Grad in der Mitte unsrer Lebensreise
Befand ich mich in einem dunklen Walde,
Weil ich den rechten Weg verloren hatte.

Bei Gmelin sind das alles nur recht einfache Aussagen, während Vossler wesentlich mehr Information in einen Vers packt und damit die meinem ästhetischem Empfinden nach schöneren Bilder erzeugt.

Bei Ida und Walther Wartburg, bei mir abgeschlagen auf Platz 2, heißt es:
Wohl in der Mitte unsres Lebensweges
geriet ich tief in einen dunklen Wald,
so daß vom graden Pfad ich verirrte.

Das ist etwas besser als Gmelin, aber reicht keinesfalls an Vossler heran. Mit den anderen Übersetzungen verhält es sich ähnlich, als Negativbeispiel möchte ich nur noch Friedrich Freiherr von Falkenhausen anführen:

Mittwegs auf unsres Lebens Reise fand
In finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen,
Weil mir die Spur von graden Wege schwand.

Die anderen Übersetzungen die ich mir angesehen habe, König Johann von Sachsen und Wilhelm Hertz, sind da irgendwo mitten drin, jedenfalls nicht herausragend. Die Vossler-Übersetzung fand ich am besten, noch dazu gibt es die in einer wunderschönen dreibändigen Ausgabe bei der WBG.

Der verbotene Blick

Bis zum 31.10. kann man diese Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek noch besuchen. Gezeigt werden Erotica (im weitesten Sinn des Wortes) aus den diversen Sammlungen des Hauses, darunter auch einige wunderschöne Inkunablen, etwa der „Metamorphosen“ Ovids.

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

Büchergilde Gutenberg bzw. rororo (Amazon Partnerlink)

Es sollte wirklich keinen Nobelpreis benötigen, um diesen Roman zu lesen. Gekauft hatte ich das Buch bereits vor mehreren Jahren…

Soweit man das nach einen einzigen Buch beurteilen kann, scheint Kertész kein unwürdiger Nobelpreisträger zu sein. Aus ästhetischer Perspektive ist eines der schwierigsten Probleme, zu einem Stoff eine adäquate Form zu finden. Ein heikleres literarisches Thema als der Holocaust, dürfte kaum existieren. Der Kunstgriff Kertész‘, seinen Roman aus der (gar nicht so) naiven Perspektive eines fünfzehnjährigen Jungen zu erzählen, der seine Eindrücke ziemlich unbedarft schildert, löst diese (für manche unüberwindliche Schwierigkeit) sehr souverän.

Auf den Leser wirkt das Buch viel ergreifender als potenzielle Alternativen.

Hans J. Fröhlich: Schubert. Eine Biographie

rororo (Amazon Partnerlink)

Das Ärgerlichste am regelmäßigen Lesen sind die vielen schlechten Bücher, auf die man immer wieder stößt. Diese Schubert-Biographie kann einen ob der „analytischen“ Zumutungen beinahe fassungslos machen. Fröhlichs „Methode“ läßt sich am besten noch vulgärhermeneutisch nennen, gelegentlich psychoanalytisch ergänzt. Eine völlig ungenießbare Mixtur also.

Lesbarer sind die biographischeren Kapitel, passabel etwa, was er über Schuberts Ringen mit der Operngattung schreibt. Wer etwas über Schubert lesen will, meide dieses Buch. Kann mir jemand bessere Alternativen empfehlen?

Anthropologie und Kunstgeschichte

Spannend wird es, wenn ein Doyen der Anthropologie (Clifford Geertz) ein Buch über „primitive“ Kunst eines Doyens der Kunstgeschichte (E.H. Gombrich) kritisiert* (The New York Review of Books 14/2002). Bekanntlich kann Gombrich mit gewissen avantgardistischen Kunststilen wenig anfangen, passen diese doch nur schlecht in seine Theorie des Fortschritts der bildenden Kunst.

Ähnlich schwierig erklärbar ist aus seiner Perspektive die Vorliebe für „primitive“ Kunst. In „A Preference for the Primitive: Episodes in the History of Western Taste and Art“ [Paperback/Hardback] setzt er sich mit diesem Thema auseinander. Geertz freilich kann er damit nicht überzeugen.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Klassiker-Verlage (24): Jokers

Jokers.de und Jokers.at

Zugegeben kein Verlag, aber doch eine nette Quelle, um günstig an diverse Klassiker-Ausgaben zu kommen. Das gilt auch für wissenschaftliche Literatur und Kunstbücher. Bekanntlich werden ja nicht die schlechten Bücher verramscht :-)

Schnitzler: Anatol

Akademietheater 17.10.02
Regie: Luc Bondy
Anatol: Michael Maertens
Max: Klaus Pohl
Else: Petra Morzé
Gabriele: Angela Winkler

Der Selektionsprozess der Literaturgeschichte ist unbarmherzig. Wie viele „brisante“ Stücke aus den fünfziger und sechziger Jahren (Dürrenmatt! Frisch!) wirken heute verstaubt? Frisch, modern, intelligent dagegen „Anatol“.

Diese Adjektive passen auch auf Luc Bondys Inszenierung, der das Stück stilsicher auf die Bühne brachte. Seine Regie zeigt alle Facetten des Stücks, von stupender Komik (Abschiedssouper) über schwebende Melancholie (Weihnachtseinkäufe) bis hin zur (durch einen Blick in den leeren Bühnenraum gebrochenen) Tragik (Anatols Größenwahn).

Der „Soundtrack“ erinnerte stellenweise stark an Woody-Allen-Filme. Tatsächlich läßt sich Anatol unschwer als Vorläufer eines modernen Stadtneurotikers erkennen.
Schauspielerisch war der Abend ebenfalls sehr gelungen. Der Norddeutsche Michael Maertens spielte den „Wiener“ Anatol plausibel als verträumten Melancholiker. Hervorragend auch Klaus Pohl als Freund Max.

Ansehen!

Quartals-Archiv

Spät aber doch, das dritte Notizen-Quartal als eigene Datei auf koellerer.de

Reise-Skizzen Griechenland (2): Alt-Korinth und Mykene

Wer sich von Athen aus dorthin auf den Weg macht, muss den Isthmos überqueren und kann als beeindruckende Ingenieurleistung den Kanal (1893) bewundern. In der Antike haben Griechen und Römer vergeblich versucht, eine künstliche Schiffverbindung zu schaffen. Wer heute diese Gesteinsmassen sieht, die dafür bewegt werden mussten, den verwundert nicht, dass die antike Technik daran scheitern musste.

Die zentrale strategische Lage Alt-Korinths läßt sich immer noch gut erkennen, und es ist einleuchtend, dass ausgerechnet dort eine der mächtigsten griechischen Städte entstand. Der Erhaltungszustand der Monumente ist nicht sehr gut, sieht man von den Überresten eines archaischen Tempels ab.

Besucht man die klassischen Stätten in Griechenland, sollte man ausreichend vorbereitet sein. Denn ohne Wissen um den (kultur)geschichtlichen Kontext der Stätten (und/oder einen guten Führer) wirken die antiken Überreste an sich nicht sehr beeindruckend. Es ist deshalb notwendig, das Gesehene durch Vor-Wissen zu ergänzen, damit man einen faszinierenden Eindruck von damals erhält.

Mykene war einer der Höhepunkte der Reise. Auf einen steinübersäten Hügel gelegen (und deshalb gar nicht so leicht zu ersteigen) kann man die Überreste der mykenischen Baukunst bewundern. Schwere Steinbögen (Löwentor!) zeugen ebenso von umfangreichen Statik-Kenntnissen wie eine aus strategischen Gründen angelegte unterirdisch Zisterne. Die Wasserquelle Mykenes wäre im Falle einer Belagerung außerhalb der soliden Stadtmauern gelegen. Deshalb sah man sich genötigt das Wasser unterirdisch in die Stadt zu führen. Wieder einmal ein Beleg für die These, dass technischer Fortschritt oft Hand in Hand mit „kriegerischen“ Bedürfnissen geht.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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