Thomas Nagel über den Subjektivismus

Die These “Alles ist subjektiv” muß unsinnig sein, denn sie müßte ihrerseits entweder subjektiv oder objektiv sein. Objektiv kann sie aber nicht sein, denn sonst wäre sie im Falle der Wahrheit falsch. Subjektiv kann sie auch nicht sein, denn sonst würde sie keine objektive Behauptung ausschließen, unter anderem auch nicht die Behauptung, daß sie selbst objektiv falsch sei. Einige Subjektivisten, die sich womöglich als Pragmatisten gerieren, präsentieren ihren Subjektivismus vielleicht so, daß er sogar auf sie selbst zutrifft. Doch in diesem Fall bedarf der Subjektivismus keiner Erwiderung, denn er ist dann nichts weiter als eine Schilderung der dem Subjektivisten genehmen Äußerungen. Sollte uns der Subjektivist überdies auffordern, ihm beizupflichten, brauchen wir keinen Grund für unsere Ablehnung zu nennen, denn einen Grund beizupflichten hat er nicht genannt.

Diese Art von Einwänden ist uralt, aber dennoch scheint es stets von neuem nötig sein, sie zu wiederholen.

[Thomas Nagel: Das letzte Wort, Reclam UB. S. 24f.]

Uralt in der Tat, aber schön zusammengefasst.

Christopher Marlowe: Der Jude von Malta

Burgtheater 23.1.02
Regie: Peter Zadek
Gert Voss, Paulus Manker, Mareike Sedl, Ignaz Kircher uva.

Rückblickend drängt sich hartnäckig das Wort harmlos auf, wenn man ein treffendes Adjektiv für die Inszenierung sucht. Zadek legte eine routinierte Regiearbeit ohne Überraschungen vor. Schauspielerisch gab es kaum etwas auszusetzen. Das Drama vom Rachefeldzug des reichen Juden hat naturgemäß antisemitische Untertöne, die durch die freizügig geübte Kritik am Christentum und Islam allerdings etwas relativiert werden. Dieser religionskritische Aspekt ist noch der interessanteste, reicht aber auch nicht aus, um die Aufnahme in einen aktuellen Spielplan zu rechtfertigen.

W.G. Sebald

So ungern ich einen Link auf das postmoderne Modeblättchen Literaturkritik.de setze, dieser Nachruf von Franz Loquai rechtfertigt eine Ausnahme von der Regel.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentlemen

Übersetzer: Michael Walter

Höchste Zeit war es, den Roman zum zweiten Mal zu lesen, erstmals in der zurecht gelobten Übersetzung von Michael Walter. Ursprünglich wollte ich nur zwei, drei der neun Bücher lesen, schaffte es aber beim besten Willen nicht, vor dem Ende aufzuhören.
Die Souveränität, mit der Sterne über seine erzähltechnischen Mittel verfügt ist immer wieder frappierend. Noch heute sind die Nachwehen seiner Innovationen zu erkennen und es gibt nur wenige Bücher, welche die Romankunst so stark revolutionierten wie der “Tristram Shandy”. Was den Humor angeht, haben einige Stellen inzwischen etwas Patina angesetzt, aber das schadet dem Werk nicht bzw. wird durch die immer noch treffenden philosophischen Digressionen wett gemacht.

Laurence Sterne: Tristram Shandy (Fischer TB)

Bücherfrühling 2002 (8) : Rowohlt

Schon der Begleitbrief ist abschreckend:

Es gibt neue Verlags-Logos, es gibt ein vollkommen neues Vorschaukonzept. Betrachten Sie beides als Teil einer groß angelegten Offensive – für eine neue Übersichtlichkeit bei Rowohlt.

Das neue Programm ist in der Tat übersichtlich, ein überschaubarer Einheitsbrei an Büchern im neuen verschwommenen Einheitsdesign der Buchgestaltung. Nur wenige Titel ragen hervor, darunter ein paar “alte” Rowohlt-Autoren aus Amerika.

  • José Saramago: Das Zentrum (Rowohlt, 3/2002; 23.- Euro bzw. rororo)
  • Paul Auster: Das Buch der Illusionen (Rowohlt, 7/2002; 20.- Euro)
  • Thomas Pynchon: [Romane in neuer Ausstattung] (rororo, 5/2002)
  • Christopher R. Browning: Der Weg zur Endlösung. Entscheidungen und Täter (rororo, 6/2002; 9.- Euro)
  • Michael Töteberg: Rainer Werner Fassbinder (rororo Monographie, 5/2002; 8,50.- Euro)
  • Veit Jakobus Dieterich: Die Reformatoren (rororo Monographie; 10/2002; 8,50.- Euro)
  • Heinrich Vormweg: Günter Grass (rororo Monographie, 9/2002; 8,50.- Euro)
  • Reise nach Kandahar

    Filmcasino am 19.1.
    Regie: Moshen Makhmalbaf

    Das Bedürfnis der Menschen zu verstehen, was in Afghanistan passiert, scheint groß zu sein. Anders läßt sich der große Andrang selbst zur Spätvorstellung nicht erklären. Der Film bietet nicht viel Neues, man weiß bereits, dass Frauenrechte inexistent sind, das Land vermint ist und manche Aspekte der afghanischen Kultur archaisch anmuten. Generell belegt er sehr schön, dass Religion(en) zu den größten Plagen der Menschheit gehören, aber das ist ebenfalls keine revolutionäre Erkenntnis.

    Der Film vergrößert das Wissen um die dortige Situation also nur marginal. Auch formal überzeugt das Werk nur teilweise, emotional freilich verläßt man das Kino durchaus beeindruckt.

    John G. Dunne: The Hardest War

    The New York Review of Books 20/2001

    Es gibt verschiedene publizistische Wege, sich kritisch mit dem Kriegsgeschehen in Afghanistan auseinanderzusetzen. Die NYRB bringt einen Artikel*, der den Leser detailliert mit Kriegsgrausamkeiten konfrontiert, allerdings mit den wenig ins historische Bewusstsein gedrungenen Schlachten im Pazifik während des 2. Weltkriegs.

    Es wird ausgiebig aus Memoiren von Soldaten zitiert, die teils unglaubliche Erlebnisse schildern. Dadurch öffnet sich ein Abgrund zwischen realem Kriegsgeschehen und wohlfeilem Patriotismus. Eine publizistische Glanzleistung.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Italienische Reisen

    Österreichische Gemäldegalerie im Belvedere

    Die Wiener Kunstsammlungen sind meist in architektonisch ansprechenden Ambiente zu sehen, so auch die Österreichische Gemäldegalerie im Oberen Belvedere, erbaut von Lukas von Hildebrand 1721-23, und eine der schönsten Barockanlagen ihrer Art.

    Die Ausstellung versammelt italienische Landschaftsbilder österreichischer und ungarischer Maler, die zwischen 1770 – 1830 entstanden sind. Die Anordnung der Bilder folgt verschiedenen Kriterien, meist hängen sie nach geographischen Gesichtspunkten (Rom, Venedig, Neapel). Seltener sind thematische Räume, wie der Saal mit den Vesuvausbrüchen, der allerdings in schönem Kontrast mit den Beginn der Ausstellung steht, an dem arkadische Naturidyllen gezeigt werden.

    Literarische Welt

    So ungenießbar “Die Welt” als Zeitung ist, die wöchentliche Literaturbeilage erweist sich als zuverlässiger Begleiter durch die Höhen und Tiefen des Literaturbetriebs. So verreisst Ulrich Weinzierl den neuen Roman von Peter Handke – “Von Botho Strauß zu Peter Handke ist’s nur ein Gedankensprung, nicht weiter als vom anschwellenden zum geschwollenen Bocksgesang” -, portraitiert Wieland Freund die Verlegerin Antje Kunstmann und lobt Martin Ebel den Abschluss der neuen Brief-Edition von Clara und Robert Schumann.

    Klassiker-Verlage (11): Hermann Böhlaus Nachfolger Weimar

    Der Verlag mit dem eigenartigen Namen zeichnet sich auf dem Gebiet der Klassiker-Edition vor allem mit der großen Schiller “Nationalausgabe” aus. Wichtig auch die Ausgabe mit Goethes “Amtlichen Schriften”, von der Neuauflage der Sophienausgabe gar nicht zu reden.

    Viel Martin Luther bietet die derzeit für 3542 Euro erhältliche Sonderedition der Weimarer Ausgabe (120 Bände). Alles mehr für den Spezialisten denn für den durchschnittlichen Bücherkäufer gedacht.

    • RSS Feed for Posts
    • RSS Feed for Comments
    • Twitter
    • XING
    • Facebook

    “Die Presse” meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

    Flattr

    Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen.

    Aktuell in Arbeit

    Letzte Kommentare

    Tweets

    • Ich wünsche allseits abstruse Albträume! Speziell allen!
      3 Stunden
    • Die Welt ist ja in Wahrheit eine einzige Dauerwerbesendung für uns Misanthropen.
      4 Stunden
    • Die Nieren von 150 Schülern ergeben einen Banker-Bonus. Das ist doch eine einmalige Okkasion.
      4 Stunden

    Aktivste Kommentatoren