Protestantismus oder Nationalismus?

Eine nach wie vor geschätzte Theorie über die Entstehung des modernen Kapitalismus ist jene Max Webers, der viele Schlüsselprozesse dieser Entwicklung auf den Einfluss des Protestantismus zurückführt.

Eine alternative Erklärung schlägt Liah Greenfeld in „The Spirit of Capitalism: Nationalism and Economic Growth“ vor: Der Nationalismus sei die treibende Kraft gewesen. Robert Skidelsky vergleicht* diese beiden Erklärungsansätze in der Nr. 4/2003 der New York Review of Books und zeigt die Schwächen von Greenfelds Überlegungen auf. Sein erstes Argument sei zitiert:

First, it is far from clear how nationalism is supposed to produce the individual behavior necessary for economic growth. Weber’s theory of the Protestant ethic postulates a functional relationship between frugality (self-denial) and capital accumulation

[…]

Why should nationalism make people more systematically frugal or, for that matter, enterprising – as opposed to more systematically warlike? Greenfeld herself admits it does not have to.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Neue Klassiker-Ausgaben

Schön, dass sich ab und zu doch Neues tut. Zu vermelden sind zwei neue Übersetzungen: Thukydides „Der peloponnesische Krieg“ [Perlentaucher] und eine neue Auswahl aus Pierre Bayles „Historischem und Kritischem Wörterbuch“* [Perlentaucher], einem zentralen Werk der Frühaufklärung.

* „Historisches und kritisches Wörterbuch: Eine Auswahl der philosophischen Artikel“ TEIL 1 und TEIL 2.

Klangforum Wien (Cage, Zender,…)

Konzerthaus 8.4.
Dirigent: Hans Zender
John Cage: Ryoanji (1983-85)
Hans Zender: Cabaret Voltaire (2001/02)
Roman Haubenstock-Ramati: Credentials or „Think, Think Lucky“ (1960)
Olivier Messiaen: Couleurs de la cité céleste (1963)

Kommt man aus dem vergleichsweise absurden Berufsleben direkt in den Konzertsaal, fällt der Übergang zu einer Vertonung von dadaistischen Gedichten nicht schwer. Hans Zender setzte sechs „sinnlose“ Gedichte Hugo Wolfs in Töne, und machte dies ebenso souverän wie die heikle Bearbeitung von Schuberts „Winterreise“, die ich vor einigen Jahren in Salzburg hörte.

Dazu hervorragend passend Haubenstock-Ramatis Vertonung des berühmten Monologs von Lucky aus „Warten auf Godot“. Salome Kammer setzte ihre Stimme beeindruckend flexibel und differenziert ein. Ein ausgesprochen gelungener Abschluss dieses Konzertzyklus.

Edvard Munch

Albertina 12.4.

Die kürzlich nach jahrelangen Umbauarbeiten neu eröffnete Albertina hat nun genügend Platz für große Sonderausstellungen und stellt dies eindrucksvoll mit einer großen Munch-Ausstellung unter Beweis. Die Museen in Oslo müssen fast leer geräumt sein, angesichts der Fülle wichtiger Bilder.

„Der Schrei“ ist im Original so beeindruckend, dass er sich seinen Ikonenstatus redlich verdient hat. Wer kunsthistorisches Lehrbuchwissen überprüfen möchte, erhält ausreichend Gelegenheit. Die Ähnlichkeiten mit späteren expressionistischen Malern sind frappant, einige der Portraits könnte ebenso Kokoschka gemalt haben.

Das Konzept der Ausstellung ist ebenso überzeugend, wie die neuen Räumlichkeiten. Wer Munch noch nicht in Oslo gesehen hat, sollte diese Gelegenheit unbedingt wahrnehmen!

Massenkultur an der Universität

Einer der Auswege aus dem literaturwissenschaftlichen Methodenchaos scheint vielen ein bewusster Pluralismus zu sein: Man nehme möglichst viele widersprüchliche Theorien, und verwende eklektizistisch, was gerade passend erscheint.

Robert Scholes folgt in seinem neuen Buch, „The Crafty Reader“ genau diesem Prinzip und wird Mark Bauerlein in Philosophy and Literature 2/2002 entsprechend kritisiert.

Vorher jedoch schildert Bauerlein ausführlich seine theoretischen Erlebnisse in den achtziger Jahren, womit wir beim Titel dieser Notiz wären:

Allied with the political attacks on theory, and esteemed even lower, were critiques of the humanities as a bastion of high culture. Polemics such as Andrew Ross’s „No Respect: Intellectuals and Popular Culture“ treated literature departments as conservative enclaves blind to the cultural realities of the public sphere. Humanities professors guarded a narrow white-male canon with spurious notions of taste and truth, they argued, while popular culture did the real work of social progress. In the „voices emerging from popular culture and voices articulating political thoughts and feelings of all sorts“ as one book puts it, lay the genuine force of critique and the academic ideology that excluded them on high culture grounds was but another reactionary strategy

[…]

To speak of academia as a repressive society in relation to mass culture was absurdly disproportionate. Mass culture was an elephantine monster, the humanities a shrinking refuge. Every year students entered our composition classes with less book learning and more MTV/ESPN savvy. To object to literature departements keeping sitcoms and romance ficton from the curriculum was to give in to the trend. Ross and others acted as if they were leading a lonely fight against the monolithic power of the Establishment, but in truth they were backed by a tidal wave of media and consumerism. We came to graduate school to escape the onslaught. The only reason they pushed mass culture on an hemmed-on university, we decided, was that they preferred watching television to reading books, but wanted to retain the prestige and comfort of academic life.

Balzac: Pierrette. Roman

Man kann der Trivialliteratur vieles vorwerfen, das Größte ihrer Verbrechen ist zweifellos, dass sie das Talent von Balzac beeinträchtigt hat: Das jahrelange Schreiben von Dutzendware hat sich auf viele seiner Werke durchgeschlagen.

In „Pierette“ beispielsweise wird die Grenze zur Sentimentalität, diplomatisch formuliert, gelegentlich gestreift. Eine durchdachte Romankonstruktion gibt es kaum, der Roman setzt in mehreren langen, linearen Rückblenden an, um die Vorgeschichte zu erzählen. Ziemlich spät erst, wird das eigentliche Thema des Buches begonnen.

Das ungeheure Talent Balzacs zeigt sich daran, dass er trotz allem ein lesenswertes Buch geschrieben hat. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, die Schärfe seiner Figurenzeichnung, und schließlich das realistische, unsentimentale Ende, der Tod des misshandelten Kindes Pierrette, belegen das mehr als genug.

Balzac: Pierette (Insel Taschenbuch)

Unbekannte Fragmente des Nibelungenliedes? (2)

Inzwischen ist eine heftige Diskussion darum entbrannt, der aktuelle Stand läßt sich beim „Standard“ nachlesen. Auch Faksimiles sind inzwischen online.

Verdi: La Traviata

Wiener Staatsoper 5.4.
Musikalische Leitung: Arco Armiliato
Inszenierung: Oto Schenk
Violetta Valéry: Anna Netrebko
Giorgio Germont: Dalibor Jenis
Alfredo Germont: Tito Beltrán

Konservative Operninszenierung sind in Wien die Regel. Wer daran zweifelt, möge einen Blick auf die Spieldauer dieser „La Traviata“ Aufführung werfen, ich besuchte die 236. Vorstellung. Sieht man davon ab (aber wer kann das schon), gab es wenig daran auszusetzen.
Musikalisch kann man das nicht behaupten, erkrankte doch Michael Schade kurzfristig und wurde durch Tito Beltrán als Alfredo ersetzt, der so deutlich unter dem Niveau der anderen Beteiligten sang, dass man beinahe schon Mitleid mit ihm bekommen konnte. Glänzend das Wiener Debut von Anna Netrebko als Violetta, herausragend die Duette zwischen ihr und Dalibor Jenis im zweiten Akt.

Reise-Notizen Sizilien (2): Der Dom von Monreale

Im 12. Jahrhundert aus politischen Motiven in der Nähe Palermos errichtet, gelang ein Bauwerk von beeindruckender Symbolik. Außen in der Art eines normannischen Wehrdoms gehalten, innen geschmückt mit einer kaum zu überschaubaren Fülle kunstvoller byzantinischer Mosaiken(zyklen), die Szenen aus dem alten und neuen Testament nacherzählen, und von der Kirche (auch) zu pädagogischen Zwecken verwendet wurden. Die Mosaiken laufen reihenweise um das komplette Kirchenschiff und sind ungemein detailreich ausgeführt, man bräuchte viele Stunden, um sie in Ruhe anzusehen.

Angefangen vom Grundriss des Doms über die mit biblischen Motiven verzierten Türen bis hin zum Chor, der zwei Throne enthält, einen für den Bischof, einen höheren für den Kaiser, wird hier (in Kombination mit den Mosaiken) das mittelalterliche Weltbild symbolisch in ein monumentales Bauwerk gegossen. Sollte man sich ansehen, wenn man in der Nähe ist :-)

Religion und Fortschritt

Viel spricht für die These, dass Religion dem Fortschritt mehr schadet als nützt, zählen Kleriker doch meist zu den konservativsten Gesellschaftsgruppen. Einen Beleg dafür liefern neue archäologische Entdeckungen und darauf aufbauende Theorien, über die Dirk Krausse in Spektrum der Wissenschaft 2/2003 berichtet.

Thema des Artikel ist die Romanisierung der Kelten im Anschluss an den gallischen Krieg.

Krausse schildert* ausführlich den zivilisatorischen Mehrwert dieses Prozesses, brachten die Römer doch viele neue Kulturtechniken mit. Wer sträubte sich wohl am meisten dagegen? Richtig, die Druiden:

Es ist denkbar, dass die keltische Priesterschaft, die offensichtlich als einzige gesellschaftliche Gruppe aktiven Widerstand gegen die fortschreitende kulturelle Assimilation leistete, eine entscheidende Rolle in den Aufständen der Jahre 69/70 n.Chr. spielte.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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