Doderer: Die Merowinger oder Die totale Familie.

dtv (Amazon Partnerlink)

Ein eigenartiges Lektüreerlebnis. Ich kann mich an keinen Roman erinnern, bei dem meine Bewertung so oft zwischen Extremen schwankte. Sehr positiven Urteile (skurril, einfallsreich, höchst originell, singulär…) standen abwechselnd negative (langatmig, an den Haaren herbeigezogen, überladen, zu viele Wiederholungen…) gegenüber.
Ein endgültiges Verdikt soll auch an dieser Stelle auch nicht gesprochen werden. “Die Merowinger” stehen in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur jedenfalls ziemlich einmalig da, was an sich schon für eine große kreative Leistung spricht. Die Art des Humors erinnert stellenweise frappierend an Monty Python. Bereue es nicht, das Buch gelesen zu haben.

Hans Magnus Enzensberger und die Naturwissenschaften

Nicht immer klingt es hohl, wenn das schöne Wort auf die exakten Wissenschaften trifft. Dieter E. Zimmer rezensiert den neuen Essayband des Autors:

Keinen Augenblick lang hört HME auf die verwirrenden Sirenengesänge der wissenschaftskritischen Postmodernisten, die den Naturwissenschaften genau diese ihre tendenziell objektive Gültigkeit absprechen und jede wissenschaftliche Erkenntnis am liebsten für ein subjektives sozialpsychologisches Konstrukt halten würden, einen Text mehr, an dem sie ihre akrobatischen Dekonstruktionskünste auslassen können.

Shakespeare: Viel Lärm um Nichts

Theater an der Josefstadt am 7.4.02
Regie: Marcello de Nardo
Michael Dangl, Valentin Schreyer, Sandra Cervik, Herbert Föttinger

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie eine 400 Jahre alte Komödie ein heutiges Theaterpublikum in den Bann zu ziehen vermag. Voraussetzung sind natürlich ausgezeichnete Schauspieler und eine plausible Inszenierung. Das Bühnenbild war vergleichsweise abstrakt (eine Art Rampe mit zwei Ebenen, ideal auch zum Herumturnen). Marcello de Nardo siedelte die Handlung im Mafiamilieu an, ohne seine Inszenzierung penetrant darauf aufzubauen. Musikalisch sorgten Liebesschnulzen diverser Musiksparten regelmäßig für ironische Distanz.

Wolfgang Beck und sein Verlag

Porträtiert von Wieland Freund in der “Welt”.

Kafka und Bücher

(Aus: Pawel, Das Leben Franz Kafkas, S. 184f.)

Es wahrte eine innere Distanz zu seinen Mitmenschen, war aber dennoch selten allein: man muß immer wieder die Rolle der Lektüre in Kafkas Leben betonen. Bücher waren seine wahren Lehrer, seine intimsten Freunde, manchmal allerdings auch seine gefährlichsten Feinde. “Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses”, schrieb er 1903 an Oskar Pollak.

Er liebte Bücher, liebte es, sie anzufassen oder sie einem Schaufenster ausgestellt zu sehen. Brod berichtet, daß Kafka seines Wissens nach niemals Bücher aus der reichhaltigen Bibliothek der “Lesehalle” ausgeliehen habe, aber die alten kleinen staubigen Buchhandlungen der Stadt gehörten zu seinen liebsten Aufenthaltsorten, und sein ganzes Leben lang suchte er in Verlagsprospekten nach Lektüre, die ihn interessieren konnte. In anderer Beziehung sparsam, manchmal sogar ausgesprochen geizig, ließ er sich zu Extravaganzen hinreißen, wenn es um Bücher ging – und er hatte kein schlechtes Gewissen dabei [beneidenswert :-); CK]. Seinen Freunden gegenüber war er ausgesprochen großzügig; er überreichte ihnen gerne einen mit Bedacht ausgewählten Roman oder einen Band Gedichte als Geschenk. Aber er war kein Sammler, seine Gier wurde nicht durch antiquarische Raritäten oder schöne Einbände geweckt, sondern durch den Text, der sich zwischen den Buchdeckeln fand. Er kaufte die Bücher nicht nur, er las sie auch.

[…]

Brod zählt einige von Kafkas frühen Lieblingsautoren auf: Goethe, Thomas Mann, Hesse und Flaubert, dazu eine Reihe von deutschen Klassikern des neunzehnten Jahrhunderts, Hebbel zum Beispiel, Fontane und Stifter […] Selbstverständlich wandelte sich Kafkas Geschmack im Laufe seines Lebens und seine Leidenschaft für Schriftsteller wie Flaubert, Hofmannsthal, Dickens, Dostojewkski, später Goethe, Kleist und Kierkegaard, bezeugt sein geistiges Wachstum.

António Lobo Antunes

In der aktuellen ZEIT-Literaturbeilage hat Martin Lüdke anläßlich zweier neuer Übersetzungen (“Fado Alexandrino”, “Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht”) einiges Interessante über Antunes zu sagen:

Hut ab! Das ist Weltliteratur. Eine portugiesische comédie humaine, mit den Mitteln des späten 20. Jahrhunderts erzählt, kompromisslos mit Rücksicht nur auf das, was erzählt werden muss. Aber rücksichtslos gegen den Leser […] António Lobe Antunes hat sich einmal dafür entschuldigt, dass er “nicht undeutlicher geworden” sei. Diese Unschärfe ist also nicht nur gewollt, sondern das präzise Resultat seines umständlichen Verfahrens. Nicht nur Menschen und Schicksale gehen auf diese Weise in die Erinnerung des Lesers ein, sonder weit mehr.

Fanpost

Ekkehard Knörer, der gerade auf dem Nachttisch mit Heidegger das Denken lernt, interessante Hypothesen über die semantische Codierung meiner neuronalen Netze aufstellt & seinen Urlaub diese Woche lobenswerterweise in Wien verbringt, hat nicht nur meine gestrigen Notizen, sondern auch einen halben Antunes-Roman gelesen. Mehr ist anscheinend nicht notwendig, um vor einem der besten europäischen Autoren zu warnen.

Mein Ratschlag an alle Mitlesenden: Kauft Euch das “Handbuch der Inquisitoren” und urteilt selbst.

Das flämische Stillleben

Kunsthistorisches Museum im Palais Harrach; 2.4.

Eine eindrucksvolle Sammlung an niederländischer Malerei hat das KHM für diese Ausstellung zusammengetragen. Wer sich einen Überblick über dieses Genre verschaffen will, sollte unbedingt einen Besuch einplanen. Die Exponante sind teilweise thematisch (z.B. Prunkstillleben, memento mori), teilweise nach den herausragendsten Künstlern (z.B. Jan Brueghel d. Jüngeren) angeordnet.

Die technische Perfektion ist meist ebenso beeindruckend wie die frappierende botanische und zoologische Präzision. Das Spiel zwischen buntem Alltag und allegorischen Symbolen übt einen eigenartigen Reiz auf den Betrachter aus.

Das Palais Harrach wäre alleine schon einen Besuch wert, nicht nur weil es als Vorlage für das Palais Leinsdorf im “Mann ohne Eigenschaften” diente.

Bibliothek: Neuzugänge

  • Paulus Hochgatterer: Caretta, Caretta. Roman (rororo, in den letzten Jahren vielgelobter öster. Autor)
  • Bertelsmann: Bertelsmann Weltaltlas. . Das neue Bild der Erde (Bertelsmann Werbegeschenk)
  • Gianluca Ranzini: Atlas des Universums. Sonnensysteme, Galaxien, Sternenbilder (Bertelsmann Werbegeschenk)
  • Roman Sandgruber:Illustrierte Geschichte Österreichs (Pichler, Werbegeschenk; bunt und populär)
  • Newton in Begleitung

    Nun gibt es auch einen “Cambridge Companion to Newton” (ISBN 0521656966; 22$). Wurde höchste Zeit!

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    “Die Presse” meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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