Thomas-Bernhard-Forschung

Oliver Jahraus bespricht auf IASL zwei neue Bücher über den Autor, wovon sich eines ausführlich mit seinem Nachlass beschäftigt.

The Reader’s Companion to World Literature

Signet Classics Paperback (Amazon Partnerlink)

Ein 800-Seiten-Lexikon über die Weltliteratur für gut 18 Euro, da kann man nur wenig falsch machen. Habe es gerade bestellt und werde darüber berichten.

Günter Grass: Im Krebsgang

Endlich wieder ein lesbarer Grass! Nach dem verunglückten “Mein Jahrhundert” und dem nicht nur formal problematischen “Ein weites Feld” findet Grass wieder zu seinem alten Erzähltalent zurück. Durch zahlreiche Anspielungen nimmt er auf die Danziger Trilogie Bezug.

Uneingeschränkte Lesefreude will trotzdem nicht aufkommen. Zwar konnte Grass eine Reihe der literarischen Probleme lösen, die durch den schwer darstellbaren Gustloff-Stoff gegeben waren. So ermöglicht die Konstruktion eines Journalisten als durch ein alter ego von Günter Grass beauftragter Ghostwriter eine gewisse Distanz. Ferner wird der Vereinahmung des Buches durch Neonazis durch deren explizite Thematisierung vorgebeugt.

Allerdings ist das Buch keine Novelle, und mich verblüfft, dass dieses Gattungsproblem in den Feuilletons bis jetzt kaum thematisiert wurde. Man könnte zwar die historisch motivierte Ermordung eines sich fälschlicherweise als Juden ausgebenden Antifaschisten durch Konrad, dem in die rechte Szene abgedrifteten Sohn des Ich-Erzählers, als “unerhörte Begegebenheit” im Sinn der Novellentheorie gelten lassen. Die Erzählweise, die der Titel zurecht als Krebsgang ankündigt, und die auf diverse, nicht immer befriedigend zu Ende ausgeführte Digressionen setzt, widerspricht der Novellenform vom Prinzip her. Auch ein Leitmotiv (wie noch in Katz und Maus) ist nicht auszumachen. Die Bezeichnung wurde wohl deshalb gewählt, weil einige Handlungsstränge für einen Roman zu dünn geraten sind (etwa der über den russischen U-Boot-Kommandanten).

Trotzdem sehr lesenswert und das gelungenste Werk von Grass seit “Das Treffen in Telgte” (1979).

Günter Grass: Im Krebsgang. Novelle (dtv)

Klassiker-Verlage (14): Stroemfeld

Ein Verlag, der in den letzten Jahren das deutschsprachige Editionswesen maßgeblich prägte. Die Faksimile-Ausgabe der Werke Franz Kafkas beispielsweise ist immer noch der Anlass für heftige Debatten.

Eine Übersicht der von Stroemfeld veranstalteten Edition ist online zu finden.

Klassiker-Verlage (13): Carl Hanser

Die auch von mir sehr geschätzte Münchner Goethe-Ausgabe zeigt, was Hanser beim Verlegen von Klassikern zu leisten vermag. Die unübliche chronologische Anordnung der Werke hat sich sehr bewährt, der Kommentar ist erstklassig, da er sachlich informiert und keiner germanistischen “Schule” anhängt.

Auch die zahlreichen anderen Editionen brauchen sich nicht zu verstecken, jüngeren Bücherkäufern durch die zahlreichen preisgünstigen Lizenzausgaben bekannt, die in den letzten Jahren bei Zweitausendundeins und in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen sind.

Hermann Böhlaus Nachfolger in Weimar schließt

Der Weimarer Verlag wird ab sofort nur noch in Stuttgart residieren [Buchhandel.de via Internetarchiv].

Rowohlt wird Goldmann!

Das schließe ich zumindest aus der neuen Taschenbuch-Vorschau: Bücher wie “Pure Lust. Sexuelle Phantasien der Deutschen” und “Feuer und Flamme. Eine erotisches Lesebuch” werden die Kassen sicher klingeln lassen.

Wagner: Der Ring der Nibelungen

Georg Solti, Wiener Philharmoniker

Je länger man sich mit dem Ring auseinandersetzt, desto faszinierter steht man der ungeheuerlichen, vielschichtigen Komplexität gegenüber. Musikalisch schon aufgrund der Länge von annähernd 15 Stunden nur schwer zu überblicken, inhaltlich so polyvalent, dass die üblichen Fronten im Wagner-Streit beinahe komisch wirken, wenn auf der Seite der Verehrer oder Verächter eindeutige Lesarten kanonisiert und eifrig verteidigt werden.

Es gibt in der Kulturgeschichte nur wenige Leistungen, die mit der monomanischen Wagners vergleichbar sind: Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinische Kapelle beispielsweise, dessen große Fläche die semantische Komplexität ebenfalls exponentiell steigert, zieht man “normale” Gemälde zum Vergleich heran.

Ausschlaggebend ist hier natürlich nicht der Umfang des Werkes, sondern das durchgehaltene hohe Niveau der kreativen Leistung. Man bräuchte jeweils mehrere Monate Zeit, um sich adäquat mit ihnen zu beschäftigen.

Schiller: Maria Stuart

Burgtheater 13.2.02
Regie: Andrea Breth
Elisabeth: Elisabeth Orth
Maria Stuart: Corinna Kirchhoff
Graf von Leicester: Michael König
Mortimer: Nicholas Ofczarek

Kompositorisch eines seiner besten Stücke, Privates und Öffentliches, Psychologisches und Politisches werden brillant ausbalanciert. Andrea Breth verläßt sich erfolgreich auf die Sprache Schillers und lieferte eine – im besten Sinn des Wortes – klassische Inszenzierung von Maria Stuart.

Eine der besten Burgtheater-Aufführungen der letzten zwei Jahre.

Goethe: Ästhetische Schriften

Diese Ausgabe basiert auf Text und Kommentar der Frankfurter Ausgabe und wurde von mir als Leseausgabe angeschafft. Der sechste Band versammelt u.a. auf etwa 200 Seiten (ohne Kommentar) zentrale ästhetische Schriften Goethes, die von einer klugen Auswahl zeugen und einen brauchbaren Überblick geben.

Der Kommentar erschien mir im Vergleich zur Münchner Ausgabe etwas knapp, aber durchaus nützlich. Sehr störend die Anpassung an die moderne Orthographie – ein generelles Ärgernis bei Ausgaben des Deutschen Klassikerverlags.

Es ist immer wieder beeindruckend sich vor Augen zu führen, auf welche Höhe die ästhetische Reflexion in Weimar angelangt war. Das ist im Falle Goethes als “formales” Lob zu verstehen, also als Aussage über das erfreulich hohe Abstraktionsniveau der diskutierten Fragen. Denn auch in Kunstfragen ging es Goethes Thesen nicht anders als mit denen über die Naturwissenschaften, er traf oft – auch für zeitgenössische Verhältnisse – am Kern der Sache vorbei.

Goethe: Ästhetische Schriften (Insel-Jubiläumsausgabe, Band 6)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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