Paulus Hochgatterer: Wildwasser

rororo (Amazon Partnerlink)

Nachdem mir „Caretta Caretta“ sehr gefiel, lag der Griff zu „Wildwasser“ nahe, das als Jugendbuch vermarktet wird. Auch hier steht ein Jugendlicher im Mittelpunkt. Der Junge macht sich mit dem Rad auf die Suche nach seinem verschollenen Vater, eine „Bildungsreise“ der eigenen Art. Einige der von Hochgatterer eingesetzten Mittel (Aufzählung von Marken-Artikeln etc.) wirken weniger authentisch als in „Caretta Caretta“.

Trotzdem lesenswert, da sehr untypisch für die österreichische Gegenwartsliteratur.

Nabokov: Lushins Verteidigung. Roman

rororo (Amazon Partnerlink)

Je mehr Romane ich von Nabokov lese, desto seltsamer kommen mir seine Bücher vor. Zuerst bin ich (fast) immer von seiner erzählerischen Brillanz hingerissen. Die Bilder stimmen ebenso wie der Erzählton. Sein „Zeitmangement“ ist furios, diverse Rückblenden sind überraschend stimmig und strukturell raffiniert eingebettet: eine makellose Oberfläche.

Warum also bleibt so oft ein schaler Eindruck zurück? Als tränke man einen hervorragenden entkoffeinierten Darjeeling, der Geschmack ist da, die Wirkung fehlt. Trotz der Subtilitäten, die Nabkov zahlreich in seinen Texten versteckt, bleibt er irgendwie an der Oberfläche hängen. Aalglatte Perfektion ist eventuell doch zu wenig.

Heine, Kerr und Kafka

Die neue Literatur und Kunst-Beilage der NZZ* ist wieder einmal so interessant, dass man sie verlinken muss.

* Addendum Jan. 2010: Der Link führt auf aktuelle Beiträge von LuK.

Wien: Eine Stadt der Neuen Musik?

Schon während des letzten „Wien Modern“-Festivals hatte ich den Verdacht, dass es hier ungewöhnlich viele Menschen gibt, die sich für Neue Musik interessieren. Der Ansturm ist sogar so groß, dass es für entsprechende Abonnement-Reihen Wartelisten gibt (wie sonst für die Wiener Philharmoniker). Es gelang mir deshalb im ersten Anlauf nicht, den Zyklus des Klangforum Wiens zu abonnieren: Die ersten beiden Kategorien sind ausverkauft.

Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur

Hanser bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Mehr als hunderttausend Exemplare dieses Buches wurden inzwischen verkauft, höchst ungewöhnlich für einen Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur. Es lag der Gedanke nahe, dass Schlaffer im Sog der Schwanitz-Mode (Bildung für Anfänger) zum Bestseller-Autor wurde. Handelt es sich also um eine schauderhafte „Literaturgeschichte für Gestresste“?

Die Lektüre zerstreut zumindest diese Befürchtungen. Schlaffer kennt die Geschichte der deutschen Literatur und hätte einen sprachlich hervorragenden, kondensierten Überblick über ihre Entwicklung schreiben können. Das wollte er offenbar nicht, denn als gelernter Geisteswissenschaftler ist er darauf trainiert, originelle Thesen zu produzieren. Originalität genießt in den schönen Wissenschaften nach wie vor einen höheren Stellenwert als das vergleichsweise langweilige Kriterium der empirischen Überprüfbarkeit.

Nur ein Beispiel dazu: Die Bedeutungslosigkeit der mittelalterlichen Literatur zeigt sich für Schlaffer darin, dass sie kaum rezipiert wurde. Hält man dieser These die internationale Wirkungsgeschichte der Werke Richard Wagners entgegen, bleibt kaum mehr etwas von ihr übrig. Dass Wagner nur en passent erwähnt wird, versteht sich von selbst.

Schlaffers bereits aus dem Titel ersichtliche Kernaussage lautet: Literatur von Weltgeltung gab es in Deutschland nur während der Klassik und Romantik sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alles andere bleibe weit hinter der Literatur anderer Länder zurück.

Auch hier argumentiert Schlaffer vor allem aus der Rezeptionsperspektive. Eine explizite ästhetische Diskussion sucht man vergebens, so als gäbe es gerade in Fragen literarischer Wertung keinen theoretischen Rechtfertigungsbedarf (und keine hervorragenden Studien dazu etwa die von Simone Winko).

Das Wesen der deutschen Literatur will Schlaffer ebenfalls ergründen. Das enge Verhältnis zur Religion sei das Hauptmerkmal der deutschen Literatur. Als Beleg dafür werden hinreichend bekannten Fakten aus der deutschen Literaturgeschichte angeführt, von Luther über den Pietismus bis hin zur Rolle des protestantischen Pfarrhauses. Selbst für Freunde gewagter Induktionsschlüsse, ein ziemlich dürftige Ausgangsbasis.

Die dümmste These bezieht sich auf die Literatur nach 1945. Schlaffer ist sich nicht zu Schade, die political correctness für die mangelnde Qualität der deutschen Belletristik der letzten 50 Jahre verantwortlich zu machen. Die Last der politischen Moral sei so drückend gewesen, dass diese gute Bücher unmöglich machte (wobei wir immer noch nicht wissen, was nach Schlaffer gute von schlechter Literatur unterscheidet).

Warum man Thukydides lesen soll

Von ihm wird hier demnächst noch öfters die Rede sein. Den Auftakt soll Jens Jessens schönes Plädoyer bilden, warum Thukydides eine ideale Urlaubslektüre darstellt:

Zu den unvergänglichen Vorurteilen zeitgenössischer Lebenspraxis gehört die Meinung, für den Urlaub seien nur leicht lesbare Schmöker geeignet. Manches spricht dafür, dass diese Maxime von notleidenden Buchhändlern ausgegeben wurde, die ihre Ladenhüter des angelsächsischen Humorgewerbes abstoßen wollten. In Wahrheit ist nichts enttäuschender, als in den Ferien, wenn endlich der Kopf frei geworden ist, mit Büchern umzugehen, die leichter zu durchschauen sind als die örtlichen Bustarife. Um den nahrhaften Lesewiderstand eines Thukydides, der mühelos für drei Wochen reicht, auch nur annähend mit Krimis und Arztromanen zu erreichen, müsste man mindestens zwei Dutzend von ihnen mitnehmen, und es ist leicht einzusehen, dass sich die Charterfluggesellschaften gegen solches Übergepäck sperren.

Quelle: „Zeit“ via Internetarchiv Wer hat Angst vor Thukydides?

Bücherherbst 2002 (2): Suhrkamp, Insel

Wie schon im letzten Bücherfrühling werde ich auch aus den Herbst-Vorschauen einige besonders bemerkenswerte Neuerscheinungen auswählen und hier kurz auflisten. Unvollständigkeit und Willkürlichkeit sind garantiert :-)

P.S. Dass kein einziger Titel der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft erwähnt wird, liegt daran, dass es keiner verdient. Das neue Lektorat hat es inzwischen erfolgreich geschafft, die Reihe geistig einzuschläfern.

  • Hans-Ulrich Treichel: Der irdische Amor. Roman (Suhrkamp bzw. Suhrkamp TB; 7/2002; 20 Euro in der gebundenen Ausgabe)
  • Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden (Suhrkamp 7/2002; broschiert; 30 Euro)
  • John Rawls: Geschichte der Moralphilosophie (Suhrkamp, 7/2002 20 Euro gebunden bzw. [Addendum Jan. 2010] nun auch stw :-))
  • Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur (Suhrkamp Taschenbuch 3/2003; 1000 Seiten; 20 Euro)
  • Hans-Joachim Simm (Hrsg.): Zauber und Wunder. Die Märchen der Welt (Insel 9/2002; 800 Seiten; 25 Euro)
  • Dante: Die göttliche Komödie (Insel 8/2002; Übersetzt von Friedrich von Falkenhausen; 37 Euro in der gebunden Ausgabe bzw. Insel TB)
  • Dieter Borchmeyer: Richard Wagner (Insel 7/2002; 600 Seiten; 55 Euro)
  • Nikolaus von Kues: Vom Frieden zwischen den Religionen (Insel 9/2002; 20 Euro)
  • Thomas Bernhard: Elisabeth II.

    Burgtheater 26.6.02
    Herrenstein: Gert Voss
    Richard: Ignaz Kirchner
    Regie: Thomas Langhoff

    Eine späte österreichische Erstaufführung. Auf den ersten Blick stimmt die Inszenierung: Gert Voss gibt sein Bestens (was bekanntlich viel ist), Ignaz Kircher ergänzt ihn (wie immer) ausgezeichnet. Das Bühnenbild erinnert an Peymanns legendären „Heldenplatz“.

    Trotzdem ergeben viele gelungene Einzelheiten kein stimmiges Ganzes. Man sieht sich das Stück an und denkt: solide Burgtheater-Arbeit (was nicht wenig ist). Ästhetischer Mehrwert wird ebensowenig geboten wie ein tiefere intellektuelle Auseinandersetzung mit Bernhard. Das Burgtheater gibt sich auf hohem Niveau geistig bewegungslos.

    Die Jammerbranche

    So bezeichnet Veit Heinichen den Buchhandel. Seine in der ZEIT publizierte Analyse geht von einer These aus: Die Krise ist hausgemacht.

    Eine Ursache des Umsatzrückgangs sehe ich in der Preispolitik der Verlage. Taschenbücher sind in den letzten Jahre von Jahr zu Jahr teurer geworden, die Preisdifferenz zu gebundenen Bücher schwindet immer mehr. Bei mir führt das dazu, dass ich weniger Taschenbücher kaufe, öfters zu gebundenen Ausgaben greife, und mehr als früher auf den antiquarischen Buchmarkt ausweiche. Ein Beispiel sind die Rowohlt Monographien, die vor einem Jahr noch DM 12,90 kosteten und nun für 8,50 Euro zu haben sind. Früher sammelte ich fast alle Neuerscheinungen, heute wähle ich sehr genau aus.

    Arthur Schnitzler: Erzählungen

    Fischer TB, Sonderausgabe (Amazon Partnerlink)

    Was soll man über Schnitzler schreiben? Seine Erzählungen sind sprachlich und psychologisch von ungebrochener Frische, die besonders auffällt, wenn man sie mit anderen zeitgenössischen Hervorbringungen vergleicht (etwa von Stefan Zweig).
    Anne-Catherine Simon veröffentlichte kürzlich Schnitzlers Wien (ISBN 3-85431-278-4; 14,90.-), das sich mit den wichtigen biographischen und literarischen Orten des Autors auseinandersetzt.

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    „The Gap“ meint:

    "Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
    (Februar 2016)

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