Neues zur Erkenntnistheorie

Es gibt sie immer noch, jene monomanen Philosophen, die unbeeindruckt von akademischen Gewohnheiten ihren Forschungen nachgehen. Einer davon ist Brian O’Shaughnessy, der mit „Consciousness and the World“ (Oxford University Press) 700 engbedruckte Seite zu diesem Thema vorlegt. Thomas Nagel hat es für die New York Review of Books (6/2002) rezensiert*, zeigt sich vom Detailreichtum der Studie beeindruckt und rät potenziellen Interessenten dringend, sich nicht von dem Umfang des Buches abschrecken zu lassen:

[…] because the book offers a great deal of insight about the most conspicuous and least thing in the universe – ourselves. If we are to make progress over the long term in understanding how mind fits into the world, it will take detailed phenomenological investigations like O’Saughnessy’s as well as research on the brain and on behavior.

Michael Siebler: Troia. Mythos und Wirklichkeit

Reclam UB (Amazon Partnerlink)

Es ist kein kleines Kunststück in einem schmalen Band einen Überblick über die Troia-Forschung zu geben. Siebler fasst nicht nur die archäologische Geschichte der Ausgrabungen auf Hisarlik zusammen, sondern liefert auch einen kurzen, aber prägnanten Überblick über die Homer-Forschung. Schon bald wird klar, dass er in dem aktuellen Streit auf der Seite Manfred Korfmanns steht, dessen Forschungsarbeit er – durchaus nachvollziehbar – sehr positiv bewertet, indem er die wichtigsten Ergebnisse derselben präsentiert.

Klassiker-Verlage (17): Penguin Classics

Sechzehn deutschsprachige Verlage waren es, die in nennenswertem Umfang „klassische“ Bücher verlegen. Die Penguin Classics sind das Aushängeschild der angelsächsischen Verlagszene, was die Veröffentlichung von „great books“ angeht. Quantitativ gehört sie mit 1600 Titeln zu den umfangreichsten Klassiker-Reihen. Die Editionsqualität ist in der Regel ebenso solide wie die Übersetzungen. Eine vergleichbare Reihe auf Deutsch würde den hiesigen Buchmarkt bei weitem attraktiver machen.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas

Kafka hasste seinen Vater und nahm zeitlebens seine Mahlzeiten mit der Familie ein. Er war höchst lärmempfindlich, klagte ständig eloquent darüber, und bewohnte viele Jahre lang ein Durchgangszimmer (!) in der elterlichen Wohnung, obwohl er sich dank seines Brotberufs jederzeit eine eigene ruhige Wohnung hätte leisten können. Oft fällt es schwer, Kafkas Verhalten verstehen.

Die Lebensgeschichte Kafkas zu schreiben, gehört sich zu den größeren Herausforderungen der Biographenzunft. Der in Berlin geborene und 1933 in die USA emigrierte Ernst Pawel wagte den Versuch und legte das Ergebnis 1984 vor: „The Nightmare of Reason. The Life of Franz Kafka“. Den Kennern sei es gleich gesagt: Neue Erkenntnisse sind in dem Buch nicht zu finden. Wer sich jedoch mit einer ausführlichen (500 eng bedruckte Seiten), in weiten Teilen soliden und gut lesbaren Biographie zufrieden gibt, wird nicht enttäuscht werden.

Der historische Kontext, der Freundeskreis, Prag (…) werden kompetent und prägnant beschrieben. Vergebens sucht man dagegen viele Klischees, etwa das des lebensfremden, blind durch das Leben stolpernden Dichters. Diese Einschätzung wird üblicherweise den Briefen und Tagebüchern entnommen, und Kafka hat sich selbst tatsächlich so beurteilt. Pawel stellt diesen zermürbenenden Selbstzweifeln eine objektive Sicht entgegen: Kafka leistete als Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt hervorragende Arbeit, bekam ausgezeichnete Zeugnisse, wurde regelmäßig befördert und mit immer wichtigeren Aufgaben betraut. Von praktischer Lebensunfähigkeit im Beruf also keine Spur.

Erfrischend auch Pawels mangelnde Ehrfurcht vor der akademischen Kafka Forschung. Abwegige Interpretation weist er zurück, hält sich lieber an das Werk als an von außen an den Text herangetragene Theorien. Allerdings geschieht dieses Zurückweisen mehr aus Instinkt denn als theoretischer Einsicht, was für das Buch insgesamt gilt. Die einzige Theorie, auf die Pawel (erfreulicherweise sehr selten) zurückgreift ist die Psychoanalyse, wenn es um Kafkas Familienkonstellation geht. Manchmal neigt Pawel auch zu wenig nachvollziehbaren Pauschalurteilen, was der Klappentext wohl mit dem Adjektiv „meinungsfreudig“ zu kaschieren versucht.

Fazit: „Das Leben Franz Kafkas“ ist ein gelungenes Beispiel für das angloamerikanische Genre der Biographie. Sie eignet sich nicht nur für Literaturinteressierte, die aus unbegreiflichen Gründen die Welt Kafkas noch nicht betreten haben, sondern lohnt die Lektüre auch für dezidierte Kafka-Leser.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie (rororo)

David Hume (1711-1776)

Die Philosophie der Aufklärung war und ist eine höchst komplexe Angelegenheit, was von den Verächtern derselben gerne übersehen wird, da sich auf imaginäre Konstruktionen besser einschlägt als auf eine in ihrer Heterogenität durchaus gemeinsame Züge aufweisende Denkrichtung.

Einer der herausragendsten Denker der Aufklärung war der Schotte David Hume, dessen Bedeutung in der Entwicklung der empiristischen Philosophie gar nicht überschätzt werden kann. Bewertet man philosophische Leistungen ist nicht immer nur das konkrete Ergebnis in Form von Theorien entscheidend (auch hier hat Hume Beachtliches geleistet), sondern auch die Art und Weise, wie diese Erkenntnisse gewonnen werden, die Methode des Denkens. Es klingt wie eine Binsenweisheit, ein Philosoph müsse ohne Vor-Urteile sine ira et studio seiner Tätigkeit nachgehen. Die Philosophiegeschichte zeigt jedoch, dass diese Herangehensweise nicht immer wie wünschenswert befolgt wurde.

Bei Hume war sie weit ausgeprägt, und sein Versuch, eine empirische Erkenntnistheorie von Grund auf zu erstellen, gehört zu seinen größten Verdiensten. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist in „An Enquiry in Human Understanding“ nachzulesen. Schritt für Schritt setzte er das menschliche Erkenntnisvermögen basierend auf „impressions“ (Sinneswahrnehmungen) und „ideas“ zusammen, ließ nur gelten, was sich evidenterweise herleiten ließ. Diese „Sturheit“ beeindruckte nicht nur Kant ungemein – Hume gab Kant den Anstoß zur Entwicklung seiner kritischen Philosophie -, sondern führte ihn zu einer seiner größten intellektuellen Leistungen: der Analyse der Induktion und der Kauslität. Hume zeigt so Schritt für Schritt die logische Unzulässigkeit von Schlüssen, die von vergangenen Erfahrungen auf zukünftige schließen (das berühmte Induktionsproblem). Er konnte ebenso nachweisen, dass von empirischen Prämissen ausgehend, das Prinzip der Kausalität nicht (im strengen logischen Sinn) beweisbar ist.

Beides ein (bis heute nachwirkender) schwerer Schlag für die Wissenschaft und einer von vielen Belegen dafür, dass der Kurzschluss „Aufklärung – Wissenschaft – viele Übel der Menschheit“ von einer ebenso beeindruckenden wie hartnäckigen Kurzsichtigkeit zeugt. Die besten und kompetentesten Kritiker der rationalen Weltanschauung bedienten sich selbst rationaler und empirischer Methoden – und trugen dadurch maßgeblich zum geistigen Fortschritt bei.

Humes Erkenntnistheorie eignet sich auch zur Veranschaulichung einer weiteren Leistung: Er hatte keine Scheu vor anthropologischen Überlegungen. So schädlich prinzipiell die Vermengung von psychologischen und philosophischen Fragestellungen ist, so progressiv war sie geistesgeschichtlich zur Zeit Humes. Es seien zwei Beispiele genannt: 1. Hume führte die globale, unreflektierte Anerkennung des Kausalitätsprinzips auf psychologische Mechanismen zurück (was knapp 200 Jahre später die Experimente der Gestaltpsycholgen belegten). 2. Er lehnte („Of the Original Contract“) die damals von Locke und anderen vertretenen sozialphilosophischen „Vertragstheorien“ als nicht nur historisch falsch und naiv ab, sondern setzte ihnen plausible anthropologische Erklärungsversuche – die Entstehung von höher entwickelten Gesellschaften aus der Keimzelle der Familie – gegenüber.

Hume folgte seinen skeptischen Gedanken, wohin sie ihn führten, auch wenn die Ergebnisse aus Sicht (s)eines empirisch-aufgeklärten Weltbildes oft wenig erfreulich waren. Kant hat Humes Denkschärfe berechtigterweise bewundert. Die Beschäftigung mit seinen Werken eignete sich hervorragend als Einstieg in die Philosophie der Aufklärung.

Bibliothek: Neuzugänge

  • Baedeker: Österreich (Baedeker, 9. Auflage 2000 bzw. 12. Auflage 2009)
  • Franz Kafka: Briefe 1900-1912 (S. Fischer; kommentierte Ausgabe; 50 Euro)
  • Klaus Wagenbach: Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch (Wagenbach SALTO; sehr schöne Ausgabe)
  • Klaus Wagenbach: Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben (Wagenbach Paperback bzw. gebunden; antiquarisch erworben)
  • Samuel Beckett: Glückliche Tage (suhrkamp taschenbuch, dreisprachige Ausgabe)
  • The New York Review of Books und die Religion

    Die Ausgabe 5/2002 der NYRB hat einen ungewöhnlichen Schwerpunkt: Religion. Freeman J. Dyson beschäftigt sich mit den seltsamen Endzeitvisionen des John Polkinghorne und dessen argumentativen Verrenkungen:

    The way a scientific argument goes is typically as follows: We have a number of theories to explain what we have observed. Most of the theories are probably wrong or irrelevant. Then somebody does a new experiment or a new calculation that proves that Theory A is wrong. As a result, Theory B now has a better chance of being right. The way a theological argument goes is the other way round. We have a number of theories to explain what we believe. Different theologians have different theories. Then somebody, in this case Polkinghorne, declares that Theory A is right. As a result, Theory B now has a better chance of being wrong.

    Die weltlichen Eskapaden eines amerikanischen ZEN Gurus schildert* Frederick Crews anhand des Buches von Michael Downing: „Shoes Outside the Door. Desire, Devotion, and Excess at San Francisco Zen Center“. Erhellende Einblicke für an Religionspathologie Interessierte sind gewährleistet. Erfreuliches hat auch Beinahe-Jesuit Garry Wills über den Niedergang des Jesuiten-Ordens zu berichten*. Es gäbe kaum mehr Nachwuchs, weshalb immer mehr weltliche Lehrer eingestellt werden müssten.

    Die unrühmliche Rolle des Vatikans bei der Entstehung des modernen Antisemitismus schließlich steht im Mittelpunkt des Aufsatzes von Owen Chadwick. David I. Kertzer schrieb ein materialreiches Sachbuch zum Thema: „The Popes Against the Jews: The Vatican’s Role in the Rise of Modern Anti-Semitism“.

    * Die Artikel sind mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Grass, Schlink und Co.

    Die peinlichen Versuche, aus Grass einen Revisionisten zu machen und Schlinks außergewöhnlichen Roman „Der Vorleser“ aus der Literatur zu verbannen kommentiert Volker Hage in einem ausführlichen Artikel beim „Spiegel“.

    Pulitzer Preise 2002

    Die New York Times hat eine nützliche Übersichtsseite zusammengestellt, auf der sich auch Links zu den Rezensionen der ausgezeichneten Bücher befinden.

    Der österreichische PEN Club

    Er spielte keine unwichtige Rolle im österreichischen literarischen Leben, weshalb das anzuzeigende umfangreiche Buch von Roman Rocek über den Club eine wichtige Lücke schließt. Siehe die Besprechung bei IASLOnline.

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    (Diagonal vom 9. März 2013)

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