Die Jammerbranche

So bezeichnet Veit Heinichen den Buchhandel. Seine in der ZEIT publizierte Analyse geht von einer These aus: Die Krise ist hausgemacht.

Eine Ursache des Umsatzrückgangs sehe ich in der Preispolitik der Verlage. Taschenbücher sind in den letzten Jahre von Jahr zu Jahr teurer geworden, die Preisdifferenz zu gebundenen Bücher schwindet immer mehr. Bei mir führt das dazu, dass ich weniger Taschenbücher kaufe, öfters zu gebundenen Ausgaben greife, und mehr als früher auf den antiquarischen Buchmarkt ausweiche. Ein Beispiel sind die Rowohlt Monographien, die vor einem Jahr noch DM 12,90 kosteten und nun für 8,50 Euro zu haben sind. Früher sammelte ich fast alle Neuerscheinungen, heute wähle ich sehr genau aus.

Arthur Schnitzler: Erzählungen

Fischer TB, Sonderausgabe (Amazon Partnerlink)

Was soll man über Schnitzler schreiben? Seine Erzählungen sind sprachlich und psychologisch von ungebrochener Frische, die besonders auffällt, wenn man sie mit anderen zeitgenössischen Hervorbringungen vergleicht (etwa von Stefan Zweig).
Anne-Catherine Simon veröffentlichte kürzlich Schnitzlers Wien (ISBN 3-85431-278-4; 14,90.-), das sich mit den wichtigen biographischen und literarischen Orten des Autors auseinandersetzt.

Karl Popper

Zum 100. Geburtstag gibt es eine Reihe von Aktivitäten, so einen Kongress in Wien [ORF] und Sonderausgaben seines Verlages. Seine Bedeutung als Philosoph wird von vielen Geisteswissenschaftlern nach wie vor unterschätzt. Das hängt zu einem guten Teil mit dem mangelnden Verständnis der modernen Naturwissenschaften zu zusammen, auf der Poppers wohl größte Leistung, seine Anfang der dreißiger Jahre formulierte Wissenschaftstheorie aufbaut. Dass auch die ins Absurde verzerrte „Interpretation“ seiner Philosophie durch die Frankfurter Schule eine Rolle spielt, versteht sich von selbst. (Siehe Adorno und der Positivismus)

Die ersten Bände der neuen Thomas-Mann-Ausgabe

Von meiner lokalen Buchhandlung informiert, holte ich die ersten fünf Bände ab (Buddenbrooks Text- und Kommentarband; Essays I 1893-1914 und Kommentarband; Briefe I 1889-1913 mit integriertem Kommentar*).

Der erste Eindruck ist ein sehr solider, man muss MRR hier zustimmen. Die Verarbeitung ist hervorragend, was sich natürlich im Preis niederschlägt. Mehr nach Lektüre der Bände, ich werde wohl mit dem Briefband anfangen, da das einen aufschlussreichen Vergleich mit den eben gelesenen Kafka-Briefen aus dem gleichen Zeitraum ermöglicht.

* Siehe auch meine gesammelten Beiträge zur GKFA auf koellerer.de

Das Ende der Bestenliste

Gemeint ist nicht die Liste als Liste, sondern die dazugehörige Sendung des SWR, Die Bestenliste, wohl die beste Literatursendung. Zwar sind immer wieder einmal Beiträge und Autoreninterviews misslungen, dafür garantierte die Bestenliste eine hochkarätige Buchauswahl. Ab Herbst wird es eine neue Sendung geben:

Sehr geehrter Herr Koellerer,

die monatliche Bücher-Bestenliste des SWR bleibt bestehen. Die gleichnamige Sendung wird durch ein zweiwöchiges Buchmagazin ersetzt. Wir haben im Juli und August Sendepause und werden die Zeit nutzen, ein neues Konzept umzusetzen, das dann ab September ausgestrahlt werden wird. Einzelheiten kann ich Ihnen noch nicht nennen, dafür bitte ich um Verständnis. In jedem Fall wird die monatliche Bücher-Bestenliste in der neuen Sendung ihren Platz haben, das Angebot soll aber erweitert werden: so sollen auch Sachbücher, eventuell Hörbücher besprochen werden oder z. B. neue Literaturverfilmungen.

In der 25jährigen Geschichte der Literatursendungen im SWR hat es immer wieder Wechsel in der Konzeption gegeben. Das Wichtigste jedoch ist, dass weiterhin ein Platz für die Literatur im Fernsehen bestehen wird.

Mit freundlichen Grüßen
Ute Bergmann
SÜDWESTRUNDFUNK/FS Akt. Kultur

Bibliothek: Neuzugänge

  • Thomas Mann: Buddenbrooks (S. Fischer; Große kommentierte Frankfurter Ausgabe (GKFA); 2 Bände)
  • Thomas Mann: Essays I 1893-1914 (S. Fischer; GKFA; 2 Bände)
  • Thomas Mann: Briefe I 1889-1913 (S. Fischer; GKFA; 2 Bände)
  • Vladimir Nabokov: Lushins Verteidigung (Roman, rororo; Übersetzer: Dieter E. Zimmer)
  • Lambert Schneider: Peloponnes. Mykenische Paläste, antike Heiligtümer und venzianische Kastelle in Griechenlands Süden (Dumont Kunstreiseführer; Köln 2001)
  • Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur (Hanser bzw.dtv; Kauf war leider unvermeidlich :-))
  • Münchner Philharmoniker (Mozart, Mahler)

    Mozart: Symphonie C-Dur, KV 338
    Mahler: Symphonie Nr. 6 a-Moll
    Wiener Musikverein 16.6.
    Münchner Philharmoniker
    James Levine

    Ich weiß nicht, was mich mehr ärgern soll, die alles in allem sehr effekthascherische Mahler-Interpretation Levines oder meine Reaktion darauf: ich fand sie mitreissend. Mag man auch denken, Pierre Boulez‘ Herangehensweise sei „ästhetisch korrekter“, mag man das Übertreiben ins Dämonische erkennen, mag man schließlich der Auffassung sein, Mahlers Werke seien auch ohne interpretatorische Überspitzung wirkungsmächtig genug, der Abend war trotzdem fulminant.

    Seit Dezember beschäftige ich mich nicht selten mit Celibidache und den Münchner Philharmonikern, ein Orchester das ich bis dahin sträflich unterschätzte. Im Konzert hörte ich sie gestern zum ersten Mal und fand meine Einschätzung bestätigt, nämlich dass sie definitiv in die erste Reihe der orchestralen Klangkunst gehören. Selten habe ich ein Orchester so enthusiastisch gesehen, freilich sitze ich auch selten in der ersten Parterreloge, wo man einen ausgezeichneten Blick auf das Geschehen hat. Levine trieb das Orchester mit seinen gemurmelten „wonderfuls“ offenbar tatsächlich zu Höchstleistungen an.

    Die sechste Symphonie, 1904 entstanden, gehört zu den düstersten Kompositionen Mahlers. Pessimismus und Verzweiflung dominieren. Man stellt sich die Frage, warum in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg viele Werke geschaffen wurden, die man heute gerne als „prophetisch“ bezeichnet. Kafkas Texte wären ein weiteres Beispiel, oder Musils „Törleß“. Darauf eine Antwort geben zu wollen, erscheint aussichtslos, vermutlich hängt es aber mit einem adäquaten Verständnis der menschlichen Natur zusammen.

    Franz Kafka: Briefe 1900-1912

    S. Fischer (Amazon Partnerlink)

    Eine vorbildliche Briefedition. Sorgfältig kommentiert, mit einer Reihe von Faksimiles versehen (etwa von Kafka verschickten Ansichtskarten), außerdem handwerklich gut verarbeitet, so dass die 50 Euro pro Band gut angelegt sind.

    Viele der Briefe kennt man schon, es finden ja immer wieder die selben berühmten Zitate Eingang in Monographien und Biographien. Während die erste Hälfte des Buches einen ziemlich großen Zeitraum abdeckt, wird der zweite Teil mit den Briefen aus dem Herbst und Winter 1912 bestritten. Monomanisch beschickt Kafka Felice Bauer mit Briefen, oft mehrere mehrseitige Schreiben pro Tag. Das Lesen dieser Ergüsse verlangt einem einiges an Geduld ab, sehr viele Zeilen beschäftigen sich damit, wann welcher Brief angekommen ist (oder nicht), wann wer welche Briefe schreiben soll usw.

    Ästhetisch spannend dagegen die Passagen, die sich mit Kafkas literarischer Arbeit beschäftigen. Nur wenige Autoren der Weltliteratur dürften dem Schreibzwang als Kunstzwang so verfallen gewesen sein. Wer sich für die psychologische Seite des Kunstschaffens interessiert, wird kaum ergiebigere Quellen finden als Kafkas Briefwechsel.

    Bruckner: Symphonie Nr. 8

    Wiener Musikverein 9.6.
    Cleveland Symphony Orchestra
    Christoph von Dohnany

    Obwohl ich (vor allem bei den Salzburger Festspielen) schon viele amerikanische Orchester hörte, erstaunt mich immer wieder deren technische Perfektion. Das Cleveland SO bildet hier keine Ausnahme. Bruckners monumentale Achte wurde makellos dargeboten: differenzierte Streicher, höchst präzise Blechbläser. Die Interpretation fand einen gelungenen Kompromiss zwischen Analytizität und Emotionalität. Abgesehen von zwei (!) spontanen Handyeinsätzen, ein gelungener Konzertabend.

    Kairo, Menschenrechte und Iran

    Wer sich analytisch kompetent und abseits des oberflächlichen Mediengeschehens über das Weltgeschehen informieren will, kommt an der New York Review of Books nicht vorbei. Drei aktuelle Beispiele:

    In der Ausgabe 10/2002 beschreibt Caroline Moorehead („Lost in Cairo“*) das Elend afrikanischer Flüchtlinge in Kairo und eine völlig überforderte UNHCR-Bürokratie. Setzt man die zwei, drei ausführlich geschilderten Schicksale in Bezug auf die Millionen Betroffenen und die fast völlige Ignoranz der „Ersten Welt“, liegt es auf der Hand, dass hier politisch (und ökonomisch!) radikale Maßnahmen notwendig wären.
    Im selben Heft zieht Michael Ignatieff anläßlich von drei Neuerscheinungen eine zeitgeschichtliche Bilanz der Menschenrechtsbewegung („The Rights Stuff“*). Angesichts des Anti-Terror-Kriegs sieht diese naturgemäß düster aus. Er räumt auch mit dem Mythos auf, die Amerikaner seien in der Vergangenheit die treibende Kraft in Sachen „human rights“ gewesen:

    America reticence about human rights must be emphasized, because it is so often argued that the modern ascendancy of human rights is inseparable from the rise of American global hegemony. „Human Rights and the End of Empire“, Brian Simpson’s long and extremely thorough account of the emergence of the European Convention of Human Rights – the most effective rights enforcement regime in the world – makes the same point: Americans were bystanders.

    Christopher de Bellaigue schließlich, dessen Artikel („Who Rules Iran?“) im Gegensatz zu den beiden anderen online zu finden ist, zeigt anhand der islamischen Kaderschmiede des Shia Seminars in Qom, wie das klerikale Regime für seinen Nachwuchs sorgt. Auch sonst erfährt man einiges über das politische Innenleben Irans.

    * Die beiden Artikel sind Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

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    „The Gap“ meint:

    "Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
    (Februar 2016)

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