Bruckner: Symphonie Nr. 8

Wiener Musikverein 9.6.
Cleveland Symphony Orchestra
Christoph von Dohnany

Obwohl ich (vor allem bei den Salzburger Festspielen) schon viele amerikanische Orchester hörte, erstaunt mich immer wieder deren technische Perfektion. Das Cleveland SO bildet hier keine Ausnahme. Bruckners monumentale Achte wurde makellos dargeboten: differenzierte Streicher, höchst präzise Blechbläser. Die Interpretation fand einen gelungenen Kompromiss zwischen Analytizität und Emotionalität. Abgesehen von zwei (!) spontanen Handyeinsätzen, ein gelungener Konzertabend.

Kairo, Menschenrechte und Iran

Wer sich analytisch kompetent und abseits des oberflächlichen Mediengeschehens über das Weltgeschehen informieren will, kommt an der New York Review of Books nicht vorbei. Drei aktuelle Beispiele:

In der Ausgabe 10/2002 beschreibt Caroline Moorehead („Lost in Cairo“*) das Elend afrikanischer Flüchtlinge in Kairo und eine völlig überforderte UNHCR-Bürokratie. Setzt man die zwei, drei ausführlich geschilderten Schicksale in Bezug auf die Millionen Betroffenen und die fast völlige Ignoranz der „Ersten Welt“, liegt es auf der Hand, dass hier politisch (und ökonomisch!) radikale Maßnahmen notwendig wären.
Im selben Heft zieht Michael Ignatieff anläßlich von drei Neuerscheinungen eine zeitgeschichtliche Bilanz der Menschenrechtsbewegung („The Rights Stuff“*). Angesichts des Anti-Terror-Kriegs sieht diese naturgemäß düster aus. Er räumt auch mit dem Mythos auf, die Amerikaner seien in der Vergangenheit die treibende Kraft in Sachen „human rights“ gewesen:

America reticence about human rights must be emphasized, because it is so often argued that the modern ascendancy of human rights is inseparable from the rise of American global hegemony. „Human Rights and the End of Empire“, Brian Simpson’s long and extremely thorough account of the emergence of the European Convention of Human Rights – the most effective rights enforcement regime in the world – makes the same point: Americans were bystanders.

Christopher de Bellaigue schließlich, dessen Artikel („Who Rules Iran?“) im Gegensatz zu den beiden anderen online zu finden ist, zeigt anhand der islamischen Kaderschmiede des Shia Seminars in Qom, wie das klerikale Regime für seinen Nachwuchs sorgt. Auch sonst erfährt man einiges über das politische Innenleben Irans.

* Die beiden Artikel sind Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

Martin Walser: Tod eines Kritikers. Roman

Manuskript

Wann las ich zuletzt ein so abstoßend schlechtes Buch? Als „Referenz“ fallen mir nur die Werke des unsäglichen Robert Schneider ein, den unvergesslichen Schöpfer von „Kunigunde, der Hirschkuh“.

Walsers Roman ist buchstäblich auf allen Ebenen missglückt, ein beeindruckendes Kunstwerk des schlechten Geschmacks. Man ist bei der Lektüre hin und her gerissen, ob man sich auf die stupende literarische Unfähigkeit des Autors konzentrieren oder das Augenmerk doch lieber auf die in dem Text enthaltenden kläglichen „Geistes“ergießungen richten soll, die sich auf einem Niveau des Stumpfsinns bewegen, das man in Deutschland lange nicht mehr lesen konnte.

Thomas Assheuer versucht in der ZEIT eine Analyse dieses „geistigen“ Gehalts:

Denn Der Tod eines Kritikers ist die konsequente Durchführung eines ästhetischen und politischen Programms, aus dem Walser nie einen Hehl gemacht hat und dessen Mischung aus Friedrich Nietzsche und dem französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoît seit langem im Vollbild vorliegt. Welche geistigen Wahlverwandtschaften darüber hinaus noch bestehen, ist keine Entdeckung, von der man der Welt erst heute Mitteilung machen müsste. Denn auch für Ernst Jünger war der „Monotheismus eine tausendjährige Inzucht“, und auch er wollte den gordischen Knoten der jüdisch-christlichen Moral durchschlagen, damit Deutschland erhobenen Hauptes den Fesseln der westlichen Schuldmoral entsteige. Damals hatte Frank Schirrmacher den alten Ernst Jünger wie einen Halbgott verehrt; doch was Jüngers Antijudaismus angeht, wird er die Differenz zu Walser mit der Lupe nicht finden. Es gibt sie nicht.

So gelungen der Assheuer-Artikel in vieler Hinsicht ist, Walser in einem Atemzug etwa mit Ernst Jünger zu nennen, wäre als wollte man einen schlammigen Moorsee mit einem Meer vergleichen. Eine passendere Vergleichskategorie sind „Kolbenheyer, Grimm und Johst“ auf die Assheuer ebenfalls zu sprechen kommt. Walsers Roman fischt in den trübsten Gewässern der deutschen Geistesgeschichte, daran besteht kein Zweifel.

Das wäre nun zwar bedauerlich, aber nicht weiter überraschend, denn es fanden und finden sich immer Autoren, die diesen publizistischen Markt bedienen. Der eigentlich Skandal besteht darin, dass dieses Buch eine Reihe von Verteidigern gefunden hat. Das Buch gehört mit zu den inhumansten Werken meiner Lesegeschichte. Ehrl-König wird nicht als Mensch dargestellt, sondern in einer monströsen Weise stilisiert, ein macht- und sexbesessenes Monster, das unterstützt von New Yorker Intellektuellen der tiefen deutschen Literatur den Dolch in den Rücken stößt. Ein Un-Mensch ganz in der Tradition der antisemitischen Propaganda. Selbstverständlich wird in diesen Zusammenhängen auch die „Aufklärung“ denunziert, wussten wir doch schon immer, dass das Weltjudentum für diesen Verrat an der bodenwüchsigen deutschen Kultur verantwortlich ist.

Was geschah in Camp David?

Wies Arafat im Sommer 2000 tatsächlich ein ungemein großzügiges Angebot Baraks zurück und verschuldete dadurch die Zuspitzung des Konflikts? Oder war die Offerte gar nicht so generös, wie heute ständig behauptet wird?

Dieser Frage widmet sich die ausführliche Debatte in der New York Review of Books. Erfreulicherweise entschloss sich die Redaktion, alle Beiträge online zu stellen. Es begann mit dem langen, skeptischen Aufsatz Camp David von Hussein Agha und Robert Malley (der im US Team am Verhandlungsort war) und wird in der aktuellen Ausgabe (10/2002) mit einem von Benny Morris kommentierten Barak-Interview fortgesetzt. Auch eine A Reply to Ehud Barak findet man dort. Eine Weiterführung der Debatte ist angekündigt.

Bibliothek: Neuzugänge

  • Adolf H. Borbein (Hrsg.): Das alte Griechenland. Kunst und Geschichte der Hellenen (Bertelsmann; opulenter Bildband; 25 Euro; sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis)
  • Leon Battista Alberti: The Use and Abuse of Books (Waveland; ein Buch-Traktat aus der Renaissance; „De Commodis litterarum atque incommodis“)
  • Philip Roth: The Dying Animal (Vintage Paperback)
  • Brockhaus in einem Band (B. 2002; Werbegeschenk)
  • Enthusiastisches über Paulus Hochgatterer

    Franz Haas ist völlig hingerissen [Perlentaucher] von „Über Raben“, dem neuen Roman des Autors. Dieser schreibe „Literatur, die in Österreich zum Besten der letzten Jahre zählt“, ein Urteil, das durchaus diskussionswert ist.

    Noch einmal: Alberti

    Graftons Monographie wird in der aktuellen „Literatur und Kunst“ – Beilage der NZZ vorgestellt.

    Bibliothek: Neuzugänge

    Ein schweres Zweitausendeins-Paket ist angekommen, darunter auch das Reclam-Paket (50 UBs), auf das ich später separat eingehen werde. Hier einmal die „normalen“ Bücher, darunter viele Okkasionen, obwohl es schade ist, dass Manesses Bibliothek der Weltgeschichte verramscht werden muss…

  • Gustave Flaubert: Das Wörterbuch der Gemeinplätze (Haffmans; Nachwort von Julian Barnes)
  • Philip Roth: Mein Mann, der Kommunist (Hanser; gebunden)
  • Henry Louis La Grange (Herausgeber): Ein Glück ohne Ruh‘. Die Briefe Gustav Mahlers an Alma (Siedler; gebunden; erste Gesamtausgabe)
  • Harold Bloom: Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen (Berlin; gebunden; fast 1100 Seiten)
  • Niccolo Machiavelli: Geschichte von Florenz (Manesse Bibliothek der Weltgeschichte, gebunden)
  • Katharina die Große/Voltaire: Monsieur – Madame. Der Briefwechsel zwischen der Zarin und dem Philosophen (Manesse Bibliothek der Weltgeschichte; gebunden)
  • Theodor Herzl: Der Judenstaat (Manesse Bücherei; gebunden)
  • Goethes Tagebücher

    Band II der historisch-kritischen Ausgabe, rezensiert von Ursula Homann.

    Fontane: Graf Petöfy. Roman

    Aufbau TB (Amazon Partnerlink)

    Gemeinhin zählt man dieses Buch nicht zu Fontanes größten literarischen Leistungen, und man tut gut daran. Einige zentrale Handlungselemente wie der Ehebruch wirken vergleichsweise „unterdeterminiert“, gerade im Vergleich zu ähnlichen Motiven in „Effi Briest“.

    „Graf Petöfy“ ist der einzige Roman des Autors, der teilweise in Wien spielt. Ein siebzigjähriger Graf und Theaternarr heiratet eine junge Schauspielerin. Das Unheil nimmt erwartungsgemäß seinen Lauf. Die Lektüre lohnt sich durchaus, so gibt es einige hervorragende Dialoge zu entdecken. Außerdem kann man von Fehlern guter Autoren einiges lernen :-)

    • RSS Feed for Posts
    • RSS Feed for Comments
    • Twitter
    • XING
    • Facebook

    „The Gap“ meint:

    "Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
    (Februar 2016)

    Flattr

    Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen.

    Aktuell in Arbeit

    Tweets

    Aktivste Kommentatoren