Rowohlt wird Goldmann!

Das schließe ich zumindest aus der neuen Taschenbuch-Vorschau: Bücher wie “Pure Lust. Sexuelle Phantasien der Deutschen” und “Feuer und Flamme. Eine erotisches Lesebuch” werden die Kassen sicher klingeln lassen.

Wagner: Der Ring der Nibelungen

Georg Solti, Wiener Philharmoniker

Je länger man sich mit dem Ring auseinandersetzt, desto faszinierter steht man der ungeheuerlichen, vielschichtigen Komplexität gegenüber. Musikalisch schon aufgrund der Länge von annähernd 15 Stunden nur schwer zu überblicken, inhaltlich so polyvalent, dass die üblichen Fronten im Wagner-Streit beinahe komisch wirken, wenn auf der Seite der Verehrer oder Verächter eindeutige Lesarten kanonisiert und eifrig verteidigt werden.

Es gibt in der Kulturgeschichte nur wenige Leistungen, die mit der monomanischen Wagners vergleichbar sind: Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinische Kapelle beispielsweise, dessen große Fläche die semantische Komplexität ebenfalls exponentiell steigert, zieht man “normale” Gemälde zum Vergleich heran.

Ausschlaggebend ist hier natürlich nicht der Umfang des Werkes, sondern das durchgehaltene hohe Niveau der kreativen Leistung. Man bräuchte jeweils mehrere Monate Zeit, um sich adäquat mit ihnen zu beschäftigen.

Schiller: Maria Stuart

Burgtheater 13.2.02
Regie: Andrea Breth
Elisabeth: Elisabeth Orth
Maria Stuart: Corinna Kirchhoff
Graf von Leicester: Michael König
Mortimer: Nicholas Ofczarek

Kompositorisch eines seiner besten Stücke, Privates und Öffentliches, Psychologisches und Politisches werden brillant ausbalanciert. Andrea Breth verläßt sich erfolgreich auf die Sprache Schillers und lieferte eine – im besten Sinn des Wortes – klassische Inszenzierung von Maria Stuart.

Eine der besten Burgtheater-Aufführungen der letzten zwei Jahre.

Goethe: Ästhetische Schriften

Diese Ausgabe basiert auf Text und Kommentar der Frankfurter Ausgabe und wurde von mir als Leseausgabe angeschafft. Der sechste Band versammelt u.a. auf etwa 200 Seiten (ohne Kommentar) zentrale ästhetische Schriften Goethes, die von einer klugen Auswahl zeugen und einen brauchbaren Überblick geben.

Der Kommentar erschien mir im Vergleich zur Münchner Ausgabe etwas knapp, aber durchaus nützlich. Sehr störend die Anpassung an die moderne Orthographie – ein generelles Ärgernis bei Ausgaben des Deutschen Klassikerverlags.

Es ist immer wieder beeindruckend sich vor Augen zu führen, auf welche Höhe die ästhetische Reflexion in Weimar angelangt war. Das ist im Falle Goethes als “formales” Lob zu verstehen, also als Aussage über das erfreulich hohe Abstraktionsniveau der diskutierten Fragen. Denn auch in Kunstfragen ging es Goethes Thesen nicht anders als mit denen über die Naturwissenschaften, er traf oft – auch für zeitgenössische Verhältnisse – am Kern der Sache vorbei.

Goethe: Ästhetische Schriften (Insel-Jubiläumsausgabe, Band 6)

Platon über Konfliktmanagement

Immer noch bin ich mir unschlüssig darüber, ob es faszinierend oder doch eher deprimierend ist, wie wenig sich menschliche Verhaltensweisen in den – sagen wir einmal – letzten 2500 Jahren verändert haben. So passt folgende Empfehlung aus dem siebten Brief Platons erschreckend genau auf den Nahost-Konflikt:

[...] dann muss ein jeder, dem göttliche Gnade auch nur ein Fünkchen richtiger Einsicht beschieden hat, sich sagen, daß an ein Ende der unseligen Leiden für die an diesen Aufruhrbewegungen Beteiligten nicht zu denken ist, ehe nicht folgender Grundsatz zur Herrschaft gelangt:

Die in den Kämpfen obsiegende Partei muss sich lossagen von der leidigen Gewohnheit durch Verbannungen und Hinrichtungen ihren feindseligen Gefühlen Ausdruck zu geben und die Rache an den Feinden zu ihrer Aufgabe zu machen; vielmehr müssen die Sieger lernen sich selbst zu beherrschen und müssen Gesetze geben, die allen zugute kommen und nicht weniger den Interessen der Besiegten als dem eigenen Interesse dienen. [Platon, Siebenter Brief 337 St.]

Natürlich wird diese Einsicht heute von Israels Regierenden ebensowenig beherzigt wie damals von Platons Landsleuten an die er diese Worte richtete. Das Zitat belegt auch, dass der explizite Verzicht auf Rache, nicht erst durch das Christentum vertreten wurde. Diese Form der rationalen Konfliktlösung durch Interessenausgleich ist dem naiven Kinderglauben des Neuen Testaments selbstverständlich vorzuziehen und zeigt wieder einmal die Regressivität des christlichen Denkens.

Bücherfrühling (10): Metzler, Spektrum

Fontane: Grete Minde

Aufbau TB (Amazon Partnerlink)

Historische Novellen sind heikel, denn man muss eine adäquate Sprache dafür finden, ohne in manierierte Anachronismen zu verfallen. Fontane gelingt das in “Grete Minde” ausgezeichnet und er schuf damit einen Klassiker des Genres.

Wiener Bücherbörse

Alle zwei Monate findet sie statt und bringt zahlreiche Antiquare mit Bücherkäufern zusammen, nach eigenen Angaben werden ca. 100.000 Bücher angeboten, was mir etwas übertrieben erscheint. Es gibt dort eine Reihe von guten Gelegenheiten, meine Bibliothek ist wieder um sieben Bücher reicher:

Aryeh Neier: The Military Tribunales on Trial

The New York Review of Books 2/2002

Oft wurde es konstatiert, aber man kann es nicht oft genug wiederholen: Durch die Aushöhlung der Menschenrechte innerhalb der USA spielt man den Terroristen direkt in die Hände, deren Taten als Vorwand herhalten müssen, um die “unteilbaren” Rechte in bequeme Stücke zu zergliedern.

Neier, Präsident des Open Society Institutes, nimmt die geplanten Militärtribunale zum Anlass, um die Vorgehensweise der amerikanischen Regierung einer heftigen Kritik zu unterziehen. Dabei bleibt er völlig sachlich, argumentiert zuerst instruktiv vom internationalen Recht ausgehend, um schließlich eine Reihe von politischen Argumenten anzuschließen. Ein wichtiger Beitrag zur Menschenrechtslage in den USA.

Rezensionen

Günter Franzen muss ein einflußreicher Kritiker sein, darf er doch seine Kritik der neuen Grassnovelle sowohl in der Literarischen Welt als auch in der ZEIT publizieren. Peinlich das :-)

Ebenfalls in der Literarischen Welt eine kritische Würdigung des kleinen Troja-Bandes von Michael Siebler.

Erwähnenswert ist auch noch das Porträt des Verlagers Jason Epsteins in der NZZ.

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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