Schiller über Herzogin Amalia

Brief an Christian Gottfried Körner vom 28. Juli 1787:

Sie selbst hat mich nicht erobert. Ihre Physiognomie will mir nicht gefallen. Ihr Geist ist äuserst borniert, nichts interessiert sie als was mit Sinnlichkeit zusammenhängt, diese gibt ihr den Geschmack den sie für Musik und Mahlerei und dgl. hat oder haben will. Sie ist selbst Componistin, Göthens Erwin und Elmire ist von ihr gesetzt.

Thomas Bernhard: Über allen Gipfeln ist Ruh

Theater in der Josefstadt am 28.9.02
Regie: Wolf-Dietrich Sprenger
Moritz Meister: Joachim Bißmeier
Anne: Traute Hoess

Eine alles in allem solide österreichische Erstaufführung. Wolf-Dietrich Sprenger entschloss sich diese Komödie auch als solche spielen zu lassen. So durfte Traute Hoess ihr komödiantisches Talent ausgiebig zur Geltung bringen. Im Vergleich mit ihr und mit Bißmeier in der Hauptrolle blieben die Nebenfiguren eher blass.

Wie in so vielen Werken Bernhards steht ein „Geistesmensch“ im Mittelpunkt. Hier handelt es sich aber weder um einen monomanischen Intellektuellen wie in „Alte Meister“ noch um einen verrückten Monomanen wie im „Kalkwerk“. Moritz Meister ist ein unsympathischer, antisemitischer Dampfplauderer. Desto mutiger von Bernhard sich trotzdem auch selbst in der Figur zu reflektieren. Das Stück ist eine gelungene Abrechnung mit dem unbegabten, pseudogebildeten Großschriftsteller.

Bibliothek: Neuzugänge

Reiseliteratur, regulär erworben.

  • Walter M. Weiss: Niederösterreich. Geschichte und Kunst des österreichischen Kernlandes (Dumont Kunst-Reiseführer; erst kürzlich erschienen)
  • Ric Burns u.a.: New York. Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute (Frederking & Thaler bzw. Knopf; reichbebildertes Großformat. Rezension im Büchermarkt vom 27.9)
  • Der Kosovo-Krieg weltgeschichtlich betrachtet

    Es ist semantisch fragwürdig, von einem „humanitären“ Krieg zu reden. Die Kritiker dieser Aktion sind zwar schnell mit einer Fülle von Verschwörungstheorien bei der Hand, bleiben aber auffällig stumm, wie sie mit Abertausenden Flüchtlingen in Albanien und der notorischen Massaker im Kosovo fertig geworden wären.

    István Deak weist* in seinem jüngsten Artikel für die New York Review of Books (14/2002), The Crime of the Century, auf einen bisher vernachlässigten Aspekt hin. Fast alle größeren ethnischen Vertreibungen in Europa wurden nachträglich legitimiert, den Kosovaren wurde erstmals eine Rückkehr ermöglicht:

    As far as I can judge, the recent NATO military intervention in Yugoslavia, which led to the large-scale repatriation of the expelled Kosovo Albanians, is unprecedented in European history; it may prefigure a fundamental shift in international policy and the practices of great powers. Before that event […] the response of such great powers as the Soviet Union, Great Britain, the US, and France was to encourage, or at least to condone, and to legitimize, ethnic cleansing.

    Der Artikel setzt sich ausführlich mit den übelsten Kapiteln des letzten Jahrhunderts auseinander. Erwähnenswert, dass sich Kleriker nach wie vor großer Verdienste erfreuen, wenn es um die massenhafte Ermordung ihrer Mitmenschen geht:

    […] In „God’s Name“ [Genoicide and Religion in the Twentieth Century, edited by Omer Bartov and Phyllis Mack] is able to describe, among other things, the appalling part that Rwandan Catholic clerics, especially monks and nuns, had in the slaughter of nearly a million Tutsis in the early 1990s. This inevitably evokes the memory of the Franciscan monks in Croatia and Bosnia during World War II, some of whom enthusiastically participated in the persecution of the Orthodox Serbs.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Von den Höhen und Tiefen des Wiener Kulturlebens

    Eine der größten Bereicherung des Wiener Musiklebens ist das Klangforum Wien, das für die neue Musik einen ähnlichen Stellenwert besitzt wie die Wiener Philharmoniker für die klassische Musik allgemein.

    Am Dienstag (24.9.) gab es ein Sonderkonzert für Abonnenten und etwa 40 UNO-Botschafter. Der Enthusiasmus, der hier der neuen Musik entgegenbracht wurde, ist angesichts der ästhetischen Komplexität des Gebotenen besonders erfreulich.

    Herausragend Xenakis‘ „Psappha“ für Schlagzeug solo (1976), brillant interpretiert von Björn Wilker. Von bestimmter Seite wird der Sinn und Zweck von musikalischer Virtuosität regelmäßig hinterfragt. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Sie ist notwendig, um (möglichst) viele musikalische Ideen adäquat umsetzen zu können. Handwerkliche Schwächen der ausführenden Musiker führen direkt zu ästhetischen Einschränkungen des Komponisten. Virtuosität zu verachten können sich also nur jene Musikrichtungen erlauben, die ästhetisch zweitklassig sind. Xenakis zehnminütiges Stück enthält mehr rhythmischen Einfallsreichtum als ein paar Jahre Popmusik zusammen. Das muss ab und zu gesagt werden :-)

    Von einem erstklassigen Konzert zu einer letztklassigen Theateraufführung (26.9.). Das wäre nicht weiter schlimm, ereignete sich letzteres nicht ausgerechnet im Burgtheater. Rostands „Cyrano de Bergerac“ stand auf dem Spielplan, einem Stück, dessen Grad an Überflüssigkeit direkt proportional mit der Peinlichkeit der Inszenierung Sven-Eric Bechtolfs ist. Klaus Maria Brandauer (Hauptrolle) hat hoffentlich auch schon bessere Tage erlebt. Ich habe in der Pause fluchtartig das Theater verlassen.

    Sergiu Celibidache (2)

    Nach den allgemeinen Bemerkungen gestern einige besonders herausragende CDs:

  • Beethoven: Symphonie Nr. 4 und Nr. 5 (EMI 7243 5 56521 2 6)
  • Beethoven: Symphonie Nr. 7 und Nr. 8 (EMI 7243 5 56841 2 7)
  • Brahms: Ein deutsches Requiem & Symphonie Nr. 1 (EMI 7243 5 56843 2 5)
  • Bruckner: Alle Symphonien
  • Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (EMI 7243 5 56526 2 1)
  • Warnen möchte ich vor der Interpretation von Bartoks „Konzert für Orchester“. Bartoks Musik verträgt sich meiner Auffassung nach grundsätzlich nicht mit Celibidaches interpretatorischen Ansatz.

    Albert Meier: Karl Philipp Moritz

    Reclam Literaturstudium (Amazon Partnerlink)

    Es ist immer wieder eine Freude, solide literaturgeschichtliche Monographien zu lesen. Der deutschsprachige Buchmarkt ja nicht gerade reich an Titeln dieses Genres.
    Albert Meier beschreibt sachlich und informativ Leben und Werk des Autors, der hoffentlich inzwischen kein Geheimtipp mehr ist. Es sollte sich herumgesprochen haben, dass „Anton Reiser“ zu den herausragenden Romanen (nicht nur) des 18. Jahrhunderts zählt.

    Besonders ausführlich analysiert Meier die ästhetischen Schriften Moritz‘, die einen wesentlichen Beitrag zur Literaturtheorie der Weimarer Klassik leisteten.

    Bibliothek: Neuzugänge

  • Knut Hamsun: Romane (2 Bände, Buchclub-Ausgabe, antiquarisch erworben)
  • Gert Richter (Hrsg.): Geschichte der Weltliteratur. Dichtung und Unterhaltungsliteratur in Europa und Amerika von der Antike bis zur Gegenwart (Bertelsmann, München 1978; antiquarisch erworben)
  • Werner Jobst: Die Siedler von Carnuntum. Bernsteinhändler, Kaiserpriester und Legionäre am Donaulimes (Ausstellungskatalog 2002 mehr zu Carnuntum demnächst in diesem Programm)
  • Neue Tolstoi-Monographie

    Der norwegische Slawist Geir Kjetsaa legt eine Monographie Leo Tolstois vor. In der Büchermarkt-Sendung vom 19. September* wird das Buch mit dem Titel „Lew Tolstoj. Dichter und Religionsphilosoph“ (Katz Verlag) vorgestellt.

    Neue Kafka-Biographie

    Fünfzehn Jahre lang soll Reiner Stach an der auf drei Bände angelegten Biographie gearbeitet haben. Der erste Band, „Die Jahre der Entscheidungen“, soll demnächst erscheinen. [Perlentaucher]

    Addendum Jan. 2010: Mittlerweile gibt es einen zweiten Band, „„Die Jahre der Erkenntnis“.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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