Zeitgeschehen

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Iran – Vom widersprüchlichen Alltag einer säkularen Theokratie

Erschienen in „Literatur und Kritik 489/490 (November 2014).

„Ist das nicht gefährlich?“ – Das war die häufigste Frage, die ich vor meiner dreiwöchigen Iranreise zu hören bekam. Da ich mich in der Vergangenheit oft religionskritisch geäußert hatte, sahen mich einige Freunde bereits kurz nach der Einreise gesteinigt. Stünde im Iran auf Atheismus nicht die Todesstrafe? Die meisten Europäer haben ein ausschließlich negatives Bild vom Iran. Aus teilweise guten Gründen, wenn man an die desaströse Menschenrechtslage dort denkt. Die knapp siebentausend Kilometer, die ich durch Persien fuhr, belehrten mich allerdings eines Besseren: Der Alltag der Menschen ist ganz anders als wir im Westen meinen. Eine differenziertere Sichtweise ist dringend notwendig.

Meine Reise führt mich im Mai von Teheran aus gegen den Uhrzeigersinn erst zu den Reisfeldern des Kaspischen Meeres und in den Norden des Landes, wohin sich nur selten Touristen verirren. Der nördlichste Punkt ist die armenische Thaddäuskirche, in der Nähe der türkisch-armenischen Grenze. Nach dem kurdischen Gebiet im Westen fahren wir mit vielen Zwischenstopps Richtung Süden nach Schiras. Die Stadt selbst ist ein Höhepunkt jeder Iranreise und Ausgangspunkt für die Besichtigung von Persepolis. Die südwestlichste Ecke der Reise ist die Wüstenstadt Bam, welche Ende 2003 von einem verheerenden Erdbeben vernichtet wurde. Weitere wichtige Stationen sind Yasd und selbstverständlich Isfahan, ein Höhepunkt jeder Iranreise.

Die erste große Überraschung: Das Leben in der Theokratie ist wesentlich weniger religiös geprägt als ich es erwartete. Reist man in die Türkei oder nach Marokko packt man am besten Ohrstöpsel ein, um von den Muezzinen nicht frühmorgens aus dem Schlaf gerissen zu werden. Im Iran fällt mir erst nach einigen Tagen auf, dass ich bisher noch keinen einzigen Gebetsruf gehört habe. Das wird sich erst am Ende der Reise in Isfahan ändern. Im Gegensatz zu den Sunniten sehen die Schiiten ihre religiösen Pflichten entspannt. Sie legen Gebete pragmatisch zusammen, sodass sie mit drei statt fünf Gebeten auskommen. Im Iran wollte unsere Fahrer kein einziges Mal eine Gebetspause einlegen. In der offiziell säkularen Türkei erlebte ich Fahrer, die vehement auf ihre Gebetspausen pochten. Im öffentlichen Leben konnte ich ebenfalls keine Einschränkungen wegen der Gebetszeiten beobachten. Selbst am heiligen Freitag haben nicht wenige Geschäfte geöffnet.

Ich kann diesen entspannten religiösen Alltag nur schwer mit meinem Wissen über das Ritual des jährlichen Ashurafestes zusammenbringen, während dessen sich schiitische Jungen und Männer vor vielen Zuschauern einer oft blutigen Selbstgeißelung unterziehen, um des Märtyrertods von Hussein ibn Ali zu gedenken. Es gibt im Iran auch kaum etwas, das öffentlich präsenter wäre als der Märtyrerkult: Die Toten des Kriegs mit dem Irak werden in unzähligen Tafeln gefeiert. Auf jeder dieser Tafeln ist ein großes Foto der meist sehr jung Getöteten. Aufgestellt sind sie neben der Straße, sodass man während einer längeren Fahrt durch besiedeltes Gebiet oft gespenstisch an tausenden von Toten vorbeifährt.

Die Jugend lässt sich von dieser seltsamen Staatsideologie allerdings nur noch bedingt gängeln. In der Öffentlichkeit hält man pro forma zwar die Regeln ein, aber oft mit einer provokanten Lässigkeit. Ängstliche Touristinnen sind konservativer gekleidet als progressive Iranerinnen. Das Kopftuch ist manchmal so weit nach hinten gerutscht, dass man es kaum mehr sieht. Das gilt allerdings überwiegend für Teheran und die Großstädte, während man in der Provinz häufig noch dem Tschador begegnet. Im wohlhabenden Norden der Hauptstadt sieht man viele junge Frauen am Steuer, das Smartphone am Ohr. Ein Bild, das im nahen Saudi-Arabien völlig undenkbar wäre. Es ist bemerkenswert, dass das totalitäre Saudi-Arabien im Westen medial weniger kritisiert wird als der Iran mit seinem vergleichsweise liberalen Straßenleben.

Dieser Alltag wirft auch ein bedenkenswertes Schlaglicht auf die berüchtigte Scharia. Theoretisch kann man für Ehebruch gesteinigt werden, eine der grausamsten Hinrichtungsformen. Die notwendigen vier Augenzeugen sind in der Praxis natürlich schwer aufzutreiben. Wie mir international erfahrene Teheraner aber nachdrücklich versichern, unterscheidet sich das Sexualleben in ihrer Stadt nicht wesentlich von dem in westlichen Hauptstädten. Würde die Scharia wirklich praktiziert, müsste man halb Teheran steinigen. Ähnlich ist es mit dem Alkohol. Uns Einreisenden werden am internationalen Imam Khomeini Flughafen Peitschenhiebe für das Schmuggeln von Alkohol angedroht. Es gibt aber ein Netz von oft armenischen Schwarzhändlern, bei denen man Alkohol zumindest in Teheran telefonisch mit praktischer Hauszustellung bestellen kann. Armenier zählen im Iran zu den geschützten religiösen Minderheiten. Die Toleranz geht so weit, dass ihnen die Herstellung von Alkohol offiziell erlaubt ist – so lange sie ihn nicht verkaufen. Im Iran gibt es alle westlichen Vergnügungen, allerdings müssen sie in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Es spielt keine Rolle, ob ich mich in einer Großstadt oder auf dem Land aufhalte: Ich werde sofort angesprochen. Nach einem herzlichen „Welcome!“ folgt sofort die Frage: „How do you like Iran?“. Schnell wird mir klar, wie schmerzlich die Iraner unter dem schlechten internationalen Ruf ihres Landes leiden. Schau uns an und rede mit uns! Sehen wir aus wie fanatische Islamisten und Selbstmordattentäter? Sind wir nicht ebenso gebildet und normal wie ihr Europäer? Sobald ich anfange, meine positiven Eindrücke zu formulieren, fällt speziell den jungen Iranern sichtbar ein Stein vom Herzen. In Gesprächen wird schnell deutlich, wie stolz sie auf ihre Jahrtausende alte Kultur sind. Sie wollen als eine der wichtigsten Kulturnationen der Weltgeschichte anerkannt werden, gleichberechtigt mit Ägypten, Griechenland oder Italien. Gerne betonen sie ihr Indoeuropäertum, manchmal mit einem nicht zu überhörenden chauvinistischen Unterton, und grenzen sich strikt gegen die Araber ab. Ein unerfreulicher Nebeneffekt dieser Mentalität ist der institutionelle Rassismus, mit dem die afghanischen Flüchtlinge im Lande zu kämpfen haben.

Viele Iraner scheinen mir völlig resistent gegen die Ideologie ihres Staats zu sein. Seit Jahrzehnten werden sie beispielsweise zum Hass gegen den USA erzogen. Unter den zahllosen Flaggen, die in den Hotels zur Dekoration verwendet werden, sehe ich nirgends eine einzige amerikanische. Die männliche Jugend auf der Straße ist trotzdem durch den American Way of Life geprägt und trägt auffällige amerikanische Marken, wenn sie es sich leisten kann. Ein Arzt in Isfahan wirbt auf seinem Schild prominent mit „from the U.S.A“. Unter vier Augen redet man selbst mit völlig Fremden Klartext. Im Park einer Provinzstadt spricht mich auf Englisch ein Physiker an. Er lobt zuerst ausführlich Deutschland und dessen Wirtschaft, zählt anerkennend prominente deutsche Physiker auf, und fährt fort: „Aber es gab auch sehr böse Deutsche wie Hitler.“ Nachdem er sich kurz umsieht, ob jemand in Hörweite steht folgt geflüstert der ebenso mutige wie problematische Satz: „Khomenei war unser Hitler.“

Auch die Wertschätzung des kulturellen und historischen Erbes passt wieder so gar nicht zum Bild eines islamistischen Landes. Man muss nicht an die durch die sunnitischen Taliban zerstörten Buddhastatuen im afghanischen Bamiyan denken, um sich das Bilderverbot des Islam ins Gedächtnis zu rufen. Im Gegensatz dazu erfreuen sich die „heidnischen“ bilderreichen Altertümer im schiitischen Iran von allen Seiten größter Wertschätzung. Nicht nur von den Iranern, die sehr stolz auf ihre Vergangenheit sind, selbst der theokratische Staat kümmert sich kompetent um diese Kulturschätze. Ich habe selten so sorgfältig kuratierte Provinzmuseen besucht wie im Iran. Als Beispiel sei das Azarbaidjan-Museum in Tabriz genannt, der Provinzhauptstadt Ostazarbaidjans.
Zu den Höhepunkten der altpersischen Kultur zählen neben dem Persepolis auch viele figurative Reliefs und Grabstätten. Überall treffe ich inländische Touristen, die ihre Kulturdenkmäler bewundern.
Außer Armenien habe ich noch nie ein Land bereist, in dem die Menschen so stolz auf ihre Sprache und ihre Literatur sind. Überall sind Straßen und Plätze nach persischen Klassikern benannt. Ihre Statuen sind omnipräsent. Böse Zungen behaupten, in iranischen Haushalten gäbe es mehr Hafiz- als Koranausgaben. Diese Dichterverehrung geht allerdings weit über das Ästhetische hinaus: Sie werden fast wie Propheten verehrt. Man verspricht sich von ihren Gedichten konkrete Lebenshilfe. Literarische Hauptpilgerstätte ist Shiraz, wo die Mausoleen der Dichter Hafiz und Saadi stehen. Ich war zuerst skeptisch als ich hörte, fast jedes frisch vermählte Paar wolle das Hafiz-Denkmal besuchen. Vor Ort sehe ich dann tatsächlich viele junge Pärchen, die für ein Foto posieren. Teenager beiderlei Geschlechts stehen ehrfürchtig um Hafiz‘ Sarkophag herum und legen andächtig beide Hände darauf. Ich stelle mir kurz hunderttausende deutschsprachige Teenager vor, die nach Weimar pilgern, um ihren Goethe zu besuchen. Was für uns unvorstellbar ist, ist im Iran Alltag.

Die Wirtschaft des Landes leidet unter den Sanktionen, welche der Westen wegen des iranischen Atomprogramms verhängte. Das besagen diverse Statistiken und auch die hohe Inflationsrate spricht eine deutliche Sprache. Fährt man durch das Land, passt das Gesehene nur bedingt zu diesen Informationen. So ist die Verkehrsinfrastruktur Irans vorbildlich. Wir fuhren viele tausende Kilometer auf perfekt ausgebauten Autobahnen. Selbst die ASFINAG könnte hier in Sachen Schlaglochfreiheit noch einiges lernen. Wo die Sanktionen gut greifen, das ist der Autoimport. Westliche Autos auf persischen Straßen sieht man kaum, mit der Ausnahme von alten Peugots, weil es hier früher eine langjährige Kooperation mit Frankreich gab. Die Hotels sind für ein orientalisches Land ebenfalls in einem hervorragenden Zustand. Viele wurden in den letzten Jahren neu errichtet. Ich sehe immer wieder still gelegte Baustellen, aber es wird im ganzen Land intensiv gebaut. In den Geschäften findet man viele asiatische Markenprodukte, etwa von LG und Samsung. Wer sich das leisten kann, ist eine andere Frage.
Anders als von mir angenommen, sind selbst die Ladenöffnungszeiten liberaler als in Österreich. Geschäfte dürfen bis Mitternacht offen halten. In den Städten wird das auch ausgenutzt: Die Straßen sind bis nach Mitternacht belebt. So manches österreichische Städtchen würde das Straßenleben einer iranischen Kleinstadt beneiden.

Als ich nach drei Wochen wieder zurück in Teheran bin, weiß ich, wie einseitig die westliche Berichterstattung über den Iran ist. Im Mittelpunkt steht immer nur die schreckliche Staatsideologie des Landes. Wer sehen will, wie wenig relevant dieser Unfug für den Alltag von Millionen Iranern ist, der muss sich selbst vor Ort ein eigenes Bild machen: Der Iran ist von allen bisher von mir bereisten orientalischen Ländern das „europäischste“.

Stephen Kinzer: All the Shah’s Men

Das zentrale Ereignis des Buches ist der CIA-Putsch gegen die iranische Regierung des Mohammed Mossadegh‘ im Jahr 1953. Der konkrete Ablauf der Ereignisse liest sich spannend wie ein Thriller. Kinzer gelingt aber weit mehr als eine gut geschriebene Schilderung historischer Tatsachen. Er stellt einen überzeugenden Konnex zwischen der Kolonialgeschichte des Iran und den aktuellen Ereignissen im Mittleren Osten her. Die Geschichte der US-Interventionen in dieser Weltgegend führen ja tatsächlich von einem Desaster zum nächsten. Legte der CIA-Putsch eine Grundlage für die spätere sogenannte „islamische Revolution“, so war die letzte Intervention im Irak ein wichtiger Katalysator für die aktuelle Katastrophe dort.

Eine Schlüsselrolle für die iranische Unzufriedenheit spielte die arrogante und inhumane britische Kolonialpolitik, die selbst bei der amerikanischen Politik damals auf immer größeres Unverständnis stieß. Was die Anglo-Persian Oil Company damals im Iran aufführte, war eine prototypische kolonialistische Schmierenkomödie.

Vom Genre her ist All the Shah’s Men ein ebenso gut recherchiertes wie gut geschriebenes Sachbuch, das auch vor Polemik nicht zurückschreckt. Nichts also für Leser, die ausschließlich ausgewogene akademische Kost bevorzugen. Für alle anderen eine klare Leseempfehlung.

Stephen Kinzer: All the Shah’s Men: An American Coup and the Roots of Middle East Terror (Wiley)

Edward Snowden & Glenn Greenwald

Es gibt nur wenige lebende Menschen, die sich um Demokratie und Menschenrechte so verdient machen, wie Edward Snowden und sein Sprachrohr Glenn Greenwald. Anlässlich des neuen Buches von Glenn Greenwald – No Place to Hide – und weiterer Neuerscheinungen schreibt Sue Halpern für die New York Review of Books nicht nur eine exzellente Zusammenfassung der aktuellen Erkenntnisse, sondern nimmt Greenwald auch vor amerikanischen Kritikern in Schutz:

This critique of Greenwald’s journalistic ethics from the left is bookended by the one that has come from the right, understandably, and from the center, quite vociferously. Michael Kinsley’s „New York Times“ review of „No Place to Hide“ is emblematic of the illiberal bluster that has moved the debate from the message—the extensive, often arbitrary, and sometimes criminal activities of the United States spying apparatus—to the messenger, with personal attacks on Greenwald for working with Snowden to bring those activities to public scrutiny. In these formulations, Greenwald is a narcissist, a scofflaw, a traitor, a dogmatist, a self-proclaimed ruthless revolutionary, while those who find value in his reporting are, at best, fools.

Peyman Javaher-Haghighi: Iran, Mythos und Realität

Auf der Suche nach einem guten Buch über die aktuelle Situation im Iran stieß ich auf diese Studie von Peyman Javaher-Haghighi. Der Titel verspricht nicht zu viel: Es gelingt dem Autor tatsächlich ein sehr differenziertes, ungeschöntes Bild der Situation des Landes zu zeichnen. Inhaltlich konzentriert sich Javaher-Haghighi auf die Zeit seit der islamischen Revolution. Schon das erste Kapitel zeigt, dass diese Revolution in Wahrheit so islamisch gar nicht war, sondern überwiegend auch durch soziale und wirtschaftliche Faktoren dominiert wurde. Khomenei selbst versprach den Iranern Verbesserungen aller Art, selbst wenn sie gegen seine Ideologie gerichtet waren. So kündigte er an, die Gleichberechtigung der Frauen fördern zu wollen, während er das Gegenteil plante.

Die Stärke des Buchs liegt in der faktenreichen Dokumentation seiner Thesen. Javaher-Haghighi argumentiert überwiegend auf dem Boden der Tatsachen. Trotzdem macht er aus seiner Verachtung für das theokratische Regime keinen Hehl. Er rückt viele Klischees über den Iran zurecht und problematisiert plausibel die Übernahme westlicher Begriffe auf das Land. In Wahrheit ist die Bevölkerung und Kultur des Iran ja sehr differenziert und komplex, so dass sich die Reduktion auf „islamisch“ eigentlich von selbst verbietet. Es handelt sich um eine von der Struktur her kapitalistische Gesellschaft, die von einer anachronistischen Theokratie regiert wird.

Besonders ausführlich beschreibt Javaher-Haghighi auch die zahlreichen sozialen (Protest-)bewegungen im Iran, über die im Westen nur selten geschrieben wird. Trotz des akademischen Unterbaus, ist der Text exzellent zu lesen. Wer sich für den Iran interessiert, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Peyman Javaher-Haghighi: Iran, Mythos und Realität. Staat und Gesellschaft jenseits von westlichen Sensationsberichten.

Zwei kurze Ö1-Kommentare

Für die Sendung des 1. März bat mich Ö1, diese kurze Rubrik zu übernehmen. Hier der Text meiner beiden Kommentare:

Diagonal warnt
…vor Städten ohne Stadtbibliothek.

Seit der Antike gehört zu einer anständigen Stadt eine anständige Bibliothek. Deshalb finanzieren seit Ewigkeiten weltweit alle Hauptstädte Stadtbibliotheken, oft mit zahlreichen Außenstellen, um die Nahversorgung mit Büchern und Medien zu gewährleisten. Sie sind unverzichtbare kommunale Kulturzentren für Kinder und Erwachsene. Sagte ich alle Hauptstädte? Alle Hauptstädte bis auf eine: Klagenfurt. Natürlich gibt es Bibliotheken in Klagenfurt, etwa jene der Arbeiterkammer. Oder die Universitätsbibliothek, auf deren Webseite es eine einladende „Zustimmungs- und Haftungserklärung für Minderjährige“ gibt. Ein Ersatz für eine echte kommunale Stadtbibliothek sind allerdings beide nicht.

Diagonal empfiehlt
…die amerikanische Teaching Company

Zwei Dinge wissen wir Bildungsbürger sicher: Die Amerikaner sind alle ungebildet, und mit humanistischer Bildung lässt sich kein Geld verdienen. Die amerikanische Teaching Company beweist das Gegenteil: Im Angebot sind etwa 500 vielstündige Vorlesungen aus allen Wissensgebieten. Man kann sie sich per Post schicken lassen oder im Internet laden. Darunter 12 Stunden über die Geschichte der alten Perser, 24 Stunden über europäische Kunst oder 24 Stunden über Johann Sebastian Bach. Diese Kenntnisse bringen bestimmt keinen Wettbewerbsvorteil im amerikanischen Kapitalismus. Es gibt bei der Teaching Company weder Prüfungen noch Zertifikate. Trotzdem verkaufte sie seit 1990 mehr als 10 Millionen dieser Vorlesungen. Nicht nur in Sachen Didaktik könnten hier europäische Universitäten viel von dieser amerikanischen Firma lernen.

Timothy Snyder über die Ukraine

Aktualisiert am 9. März.

Als einer der besten Kenner der ukrainischen Geschichte ist Timothy Snyder ein plausibler Analyst der aktuellen Ereignisse. Sein letztes, dunkles Buch besprach ich im Rahmen dieser Sammelrezension. Für die New York Review of Books schrieb er in den letzten zwei Wochen drei sehr lesenswerte Beiträge.

In Fascism, Russia and the Ukraine beleuchtet er unter anderem die ideologischen Hintergründe der von Putin forcierten Euroasischen Union:

The strange thing about the claim from Moscow is the political ideology of those who make it. The Eurasian Union is the enemy of the European Union, not just in strategy but in ideology. The European Union is based on a historical lesson: that the wars of the twentieth century were based on false and dangerous ideas, National Socialism and Stalinism, which must be rejected and indeed overcome in a system guaranteeing free markets, free movement of people, and the welfare state. Eurasianism, by contrast, is presented by its advocates as the opposite of liberal democracy.

The Eurasian ideology draws an entirely different lesson from the twentieth century. Founded around 2001 by the Russian political scientist Aleksandr Dugin, it proposes the realization of National Bolshevism. Rather than rejecting totalitarian ideologies, Eurasianism calls upon politicians of the twenty-first century to draw what is useful from both fascism and Stalinism. Dugin’s major work, The Foundations of Geopolitics, published in 1997, follows closely the ideas of Carl Schmitt, the leading Nazi political theorist. Eurasianism is not only the ideological source of the Eurasian Union, it is also the creed of a number of people in the Putin administration, and the moving force of a rather active far-right Russian youth movement. For years Dugin has openly supported the division and colonization of Ukraine.

Im gestern veröffentlichten Blogbeitrag Ukraine: The Haze of Propaganda analysiert Synder die russische Desinformationskampagne:

Interestingly, the message from authoritarian regimes in Moscow and Kiev was not so different from some of what was written during the uprising in the English-speaking world, especially in publications of the far left and the far right. From Lyndon LaRouche’s „Executive Intelligence Review“ through Ron Paul’s newsletter through „The Nation“ and „The Guardian“, the story was essentially the same: little of the factual history of the protests, but instead a play on the idea of a nationalist, fascist, or even Nazi coup d’état.

In fact, it was a classic popular revolution. It began with an unmistakably reactionary regime. A leader sought to gather all power, political as well as financial, in his own hands. This leader came to power in democratic elections, to be sure, but then altered the system from within. For example, the leader had been a common criminal: a rapist and a thief. He found a judge who was willing to misplace documents related to his case. That judge then became the chief justice of the Supreme Court. There were no constitutional objections, subsequently, when the leader asserted ever more power for his presidency.

Im dritten Teil vertieft Snyder und weist überzeugend die Putschpropaganda zurück:

Parliament declared that he had abandoned his responsibilities, followed the protocols that applied to such a case, and continued the process of constitutional reform by itself. Presidential elections were called for May, and a new government was formed. The prime minister is a liberal conservative, one of the two deputy prime ministers is Jewish, and the governor of the important eastern province of Dnipropetrovsk is the president of the Congress of Ukrainian Jewish Organizations. Although one can certainly debate the constitutional nuances, this process was not a coup. And it certainly was not fascist. Reducing the powers of the president, calling presidential elections, and restoring the principles of democracy are the opposite of what fascism would demand. Leaders of the Jewish community have declared their unambiguous support for the new government and their total opposition to the Russian invasion.

Joshua Greene: Moral Tribes

Der Harvard-Sozialwissenschaftler Joshua Greene schrieb ein exzellentes ethisches Buch. Es erfüllt zwei Ziele gleichzeitig: Erstens zeigt es, wie intelligent man heute naturwissenschaftsgestützt über moralische Fragen nachdenken kann. Zweitens bringt es inhaltlich ausgesprochen spannende Aspekte in die zeitgenössische Debatte über Moral ein.

Der Zweck des Buches in den Worten des Autors:

This book is an attempt to understand morality from the ground up. It’s about understanding what morality is, how it got here, and how it’s implemented in our brains. It’s about understanding the deep structure of moral problems as well as the differences between the problems that our brains were designed to solve and the distinctivly modern problems we face today.

Der zentrale Ausgangspunkt von Greenes Argumentation ist, dass das menschliche Hirn zwei unterschiedliche moralische Modi hat. Der „automatische“ entstand früh in der menschlichen Evolution und ist eng mit Emotionen verknüpft. Er regelt das Zusammenleben in einer Gruppe. Empathie, Sinn für Fairness, aber auch Rachsucht (als Abschreckung gegen Übervorteilung) usw. ermöglichen uns bis heute in Gruppen ein geregeltes Zusammenleben. Leider hat diese instinktive Seite unserer Moral einen entscheidenden Nachteil: Sie funktioniert nicht gruppenübergreifend. Ganz im Gegenteil: Die Mechanismen, welche das Zusammenleben im unmittelbaren Umfeld fördern, lösen schädliche Abgrenzungen gegen andere Gruppen aus. Das ist durch eine Vielzahl von psychologischen Experimenten und inzwischen auch neurologisch gut belegt.
Der zweite Modus ist der Manuelle. Hier reagieren wir nicht mehr instinktiv, sondern entscheiden moralische Fragen durch Überlegung. Für dieses Überlegen und die darauf folgenden Entscheidungen ist allerdings ein Kriterienkatalog notwendig.

Greene argumentiert gut, warum die klassischen Begründungen von Moral nicht funktionieren: Religion, Vernunft und Wissenschaft seien als Metamoral ungeeignet. Für ihn gibt es nur einen plausiblen Ansatz, den eines gemäßigten Utilitarismus, den er „deep pragmatism“ nennt. Ich bin nun kein Experte für philosophische Ethik, weil ich während meines Philosophiestudiums Wissenschaftstheorie, Ästhetik und Philosophiegeschichte als Schwerpunkte interessanter fand. Trotzdem las ich mich durch einige Klassiker und bin bisher auf keine bessere Rechtfertigung des Utilitarismus gestoßen als Moral Tribes. Ein Grund dafür ist Greenes sehr pragmatischer, unideologischer Zugang zum Thema und die plausible Anknüpfung an neurowissenschaftliche Forschung. Ein weiterer Grund ist seine intelligente Kritik an den Alternativen.

Die anregendsten Abschnitte des Buchs für mich sind jene, in denen er über das Konzept der (Menschen-)Rechte schreibt. Er weist nach, dass Rechte (auf Leben, auf Selbstbestimmung usw.) heutzutage als polemische Kampfbegriffe benutzt werden, welche jegliche Diskussion abwürgen. „Rechte“ seien oft unberechtigte Rationalisierungen der eigenen Position. Sie haben für Greene nur eine sinnvolle Funktion: Als Schutzschild zur Verteidigung moralischer Errungenschaften (z.B. Ablehnung der Sklaverei), brächten uns bei der Problemlösung zwischen ideologisch verfeindeten Lagern aber keinen Deut weiter.
Den Hauptunterschied zwischen den aktuellen Lagern sieht er auf der Skala Individualismus – Kollektivismus. Überwinden will er ihn durch eine neue Metamoral, welche den manuellen Moralmodus benutzt und die auf allseits akzeptierten Kriterien beruht. Dafür schlägt er in utilitaristischer Manier vor: Vorzuziehen ist, was empirisch nachweisbar die besten Konsequenzen hat:

One’s happiness is the overall quality of one’s experience, and to value happiness is to value everything that improves the quality of experience, for oneself and for others – and especially for others whose lives leaves much room for improvement.

Greene argumentiert empirisch fundiert und in einer klaren, für jeden verständlichen Sprache. Besser wird zeitgenössisches Philosophieren nicht. Ich kann an dieser Stelle seine Theorie nur kurz andeuten, was dem sorgfältigen Gedankengangs seines Buches unrecht tut.

Joshua Greene: Moral Tribes: Emotion, Reason and the Gap Between Us and Them (Atlantic Books)

Iran – Rückblick und aktuelle Entwicklung

Im Mai werde ich drei Wochen den Iran bereisen, weshalb mich die Iran-Berichterstattung derzeit besonders interessiert. Jessica T. Mathews schreibt in der New York Review of Books einen exzellenten Artikel darüber, wie sich die Beziehung zwischen dem Iran und der USA entwickelten, um danach auf die aktuelle Situation einzugehen.

Sie weist auch auf die Risiken eines militärischen Angriffs hin:

Even the strongest proponents of air strikes against Iran’s known nuclear facilities do not argue that the result would guarantee anything more than a delay—perhaps two years or somewhat longer—in Iran’s program. Facilities can be rebuilt and physicists and engineers would continue to have the expertise needed to make nuclear weapons. After years of effort, Iran can now make at home most of what it needs to build a bomb.

When the program is rebuilt after an attack there would be no IAEA inspectors and no cameras to monitor its advance, since monitoring depends on cooperation. As outsiders attempted to track the reconstituted program and prepare for another round of attacks, they would know far less than we do today about the scale, scope, and location of what is happening.

The political consequences would be longer lasting. An attack is likely to unite the country around the nuclear program as never before. The hardest of Iran’s ideological hard-liners would be strengthened against those who had advocated restraint and reconciliation, thereby radicalizing and probably prolonging clerical rule. Following air strikes, it would be easy for Iranian leaders to make the case that the country faces unrelenting international enmity and must acquire nuclear weapons in order to deter more attacks.

Politik und die Bibel

Christliche Fundamentalisten berufen sich heute noch gerne auf das Alte Testament zur Rechtfertigung ihres ideologischen Weltbilds. Wie irrational das ist, zeigt hübsch der folgende offene Brief des J. Kent Ashcraft an die ultrakonservative Kommentatorin Dr. Laura Schlesinger (Mai 2000):

Dear Dr. Laura,

Thank you for doing so much to educate people regarding God’s Law. I have learned a great deal from your show, and I try to share that knowledge with as many people as I can. When someone tries to defend the homosexual lifestyle, for example, I simply remind him that Leviticus 18:22 clearly states it to be an abomination. End of debate.

I do need some advice from you, however, regarding some of the specific laws and how to best follow them.

a) When I burn a bull on the altar as a sacrifice, I know it creates a pleasing odor for the Lord ( Lev 1:9 ). The problem is my neighbors. They claim the odor is not pleasing to them. Should I smite them?

b) I would like to sell my daughter into slavery, as sanctioned in Exodus 21:7 . In this day and age, what do you think would be a fair price for her?

c) I know that I am allowed no contact with a woman while she is in her period of menstrual uncleanliness ( Lev 15:19-24 ). The problem is, how do I tell? I have tried asking, but most women take offense.

d) Lev. 25:44 states that I may indeed possess slaves, both male and female, provided they are purchased from neighboring nations. A friend of mine claims that this applies to Mexicans, but not Canadians. Can you clarify? Why can’t I own Canadians?

e) I have a neighbor who insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly states he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself?

f) A friend of mine feels that even though eating shellfish is an Abomination ( Lev 11:10 ), it is a lesser abomination than homosexuality. I don’t agree. Can you settle this?

g) Lev 21:20 states that I may not approach the altar of God if I have a defect in my sight. I have to admit that I wear reading glasses. Does my vision have to be 20/20, or is there some wiggle room here?

h) Most of my male friends get their hair trimmed, including the hair around their temples, even though this is expressly forbidden by Lev 19:27 . How should they die?

i) I know from Lev 11:6-8 that touching the skin of a dead pig makes me unclean, but may I still play football if I wear gloves?

j) My uncle has a farm. He violates Lev 19:19 by planting two different crops in the same field, as does his wife by wearing garments made of two different kinds of thread (cotton/polyester blend). He also tends to curse and blaspheme a lot. Is it really necessary that we go to all the trouble of getting the whole town together to stone them? ( Lev 24:10-16 ) Couldn’t we just burn them to death at a private family affair like we do with people who sleep with their in-laws? ( Lev. 20:14 )

I know you have studied these things extensively, so I am confident you can help.

Thank you again for reminding us that God’s word is eternal and unchanging.

Your devoted disciple and adoring fan.

Detroit – Ruin of a City

Filmcasino 12.1. 2014

USA 2005
Regie: Michael Chanan & George Steinmetz

Ein strahlender Wintersonnentag in Wien und die Wiener stürmen das Filmcasino trotzdem wie einen Dönerladen nach der Hungersnot. Die Logistik brach zusammen, der Dokumentarfilm konnte erst eine halbe Stunde später starten. Zuvor gab es noch die kurze Einführung eines Verantwortlichen, dessen Gebaren man sich wohl am besten mit einigen Bier zum Sonntagswienerschnitzel erklärt.

Der Film selbst bringt viele sehenswerte Materialien über Detroit, greift dafür allerdings uninspiriert auf die üblichen Genrekonventionen zurück. Anders als der Titel andeutet, liegt der Schwerpunkt des Streifens auf der Geschichte der Stadt und den Fordwerken. Die Gegenwart wird vor allem durch ausgiebige Autofahrten mit Interviews und Gesprächen mit Experten abgedeckt. Einer der Hypothesen, die aufgestellt werden: Wäre Detroit eine weiße Großstadt gewesen statt eine „schwarze“, hätte es die Politik nie so weit kommen lassen.
Wie Detroit zur amerikanischen Dekadenzikone und zum Verfallssymbol geworden ist, hätte ich mir ausführlicher analysiert gewünscht. So ist der Film mehr ein Beitrag zu diesem Phänomen als eine adäquate Aufarbeitung dieser spannenden Dimension.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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