Die Kultur der Kulturrevolution
Personenkult und politisches Design im China von Mao Zedong
Museum für Völkerkunde 23.4.
Die Ausstellung wurde vom ehemaligen ORF Journalisten Helmut Opletal kuratiert, aus dessen Sammlung auch viele der gezeigten Gegenstände stammen. Gezeigt werden in erster Linie Alltags-Kultobjekte, welche den Personenkult rund um Mao dokumentieren. Anstecker, Tassen, Spielzeug, Büsten und vieles mehr füllen die Vitrinen. Ergänzt wird dieser Kern durch Kontextinformationen rund um die Kulturrevolution. Wer auf den Videos sieht, wie große Statuen Maos jubelnd durch die Straßen geschoben wird, der kann sich nur über so viel Dummheit wundern, Mao als Vertreter der Gleichheitsideal zu idealisieren.
Die Ausstellung vermittelt ausgezeichnet, wie grotesk der Personenkult rund um Mao war, und mit welchen offenkundig absurden Mitteln Ideologien im Alltag funktionieren. Aufklärung in Aufstellungsform ist immer begrüßenswert. Bis 19.9.
Tipps für eine Wien-Reise
Kulturinteressierte fragen mich oft nach Empfehlungen für eine Wien-Reise. Deshalb fasse ich die wichtigsten an dieser Stelle einmal zusammen. Vollständigkeit ist nicht angestrebt. Meine aktuelle Kulturberichterstattung findet sich in der Kategorie Wien.
Museen
Kunsthistorisches Museum
Eine der großen europäischen Gemäldegalerien mit einer Vielzahl exzellenter Bilder. Das Gebäude versteht man am besten als Teil des Museums: Als großartiges Monument der Ringstraßenarchitektur. Der Schwerpunkt liegt auf der italienischen und niederländischen Malerei. Die vor einigen Jahren sehr geschmackvoll umgestaltete Antikensammlung ist ein weiterer Höhepunkt. Eine ägyptische Sammlung und ein Münzkabinett sind ebenfalls im Haus am Ring untergebracht. Aktuelle Ausstellungen runden das Programm ab.
Naturhistorisches Museum
Direkt gegenüber des Kunsthistorischen Museums gelegen. Wer die großen naturwissenschaftlichen Museen (von München bis New York) bereits kennt, könnte sich einen Besuch aus inhaltlichen Gründen sparen. Die einschlägigen Themengebiete findet man anderen Orts besser & frischer präsentiert. Das NHM ist aber trotzdem einen Besuch wert: Es ist das Museum eines Museums. Die Räume mit den gediegenen alten Holzschaukästen und das Gebäude haben eine Atmosphäre, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, wenn man einen Sinn für diese Dinge hat.
Einen enthusiastischen Besuch dokumentiert Florian Freistetter in diesem Blogbeitrag.
Das Museumsquartier spielt eine Doppelrolle in der Stadt. Einerseits sind dort mehrere Museen und eine Reihe von Kultureinrichtungen untergebracht. Andererseits ist es einer der beliebtesten urbanen Treffpunkte in der Innenstadt. Wenn das Wetter mitspielt, sind dort hunderte Bobos in freier Wildbahn zu beobachten.
Das Leopold Museum hat eine (nach meinem Geschmack) sehr divergente Sammlung mit sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt dort aber so viel Hochkarätiges zu sehen (Klimt!), das man einen Besuch auf jeden Fall in Erwägung ziehen sollte.
Im MUMOK findet man die größte Sammlung moderner Kunst in Wien. Die Auswahl ist eklektizistisch und entbehrt großer Höhepunkte. Ausnahme ist die sehr umfangreiche Sammlung rund um den Wiener Aktionismus. Die Ausstellungen konnten mich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher nicht begeistern.
Bestattungsmuseum
Etwas schwer zugänglich (Öffnungszeiten und nur mit Führung zugänglich) und auch nicht sehr groß, ist es trotzdem ein Höhepunkt der Wiener Museumslandschaft, speziell wenn man sich für die morbide Seite der Stadt interessiert. Man bekommt einen schönen Einblick in den Wiener Todeskult.
Globenmuseum
Einer meiner Lieblingsorte in der Stadt! Im Stockwerk eines Stadtpalais in der Herrengasse untergebracht, enthält das Museum eine der besten Globensammlungen. Es verirren sich meist nur wenige Besucher hin, was sehr zur Atmosphäre beiträgt. Wer sich für Kartographie interessiert, bekommt eine Fülle von Informationen zum Thema. Die alten Globen sind auch ästhetisch sehr ansprechend.
Prunksaal der Nationalbibliothek
Pflichtbesuch für Bücherfreunde. Punkt.
Römermuseum
Das Römermuseum ist institutionell Teil des Wienmuseums . Im Wien Museum am Karlsplatz gibt es eine Dauerausstellung zur Wiener Geschichte und meist sehr ansprechend gemachte aktuelle Ausstellungen. Das Römermuseum bietet dem an der Antike Interessierten eine sehr gute Möglichkeit, exemplarische Ausgrabungen aus der Römerzeit anzusehen. Informationen zur Stadtgeschichte runden die Fundstücke ab.
Heeresgeschichtliches Museum
Ein Unikum in der Wiener Museumslandschaft. Man flaniert durch eine höchst skurrile Mischung aus Geschichts- und Militärverklärung mit kritischen Einsprengseln. Dem Kenner erschließen sich deshalb interessante Einsichten über das vergangene und gegenwärtige Österreich.
Theater & Oper
Es gibt drei Opernhäuser (und eine freie Szene) in Wien sowie jede Menge Theater. Als Besucher sollte man die besten Häuser kennenlernen, also die Wiener Staatsoper (meist konservative Inszenierungen bei hohem musikalischen Niveau) und das Burgtheater. Hier ist speziell die kleinere Bühne, das Akademietheater, sehr empfehlenswert. Aber auch die experimentellen Bühnen des Hauses, das Kasino und das Vestibül bieten meist spannendes Theater.
Für das Burgtheater kann man online am 20. jedes Monats die Karten für das Folgemonat bestellen. Bei der Staatsoper beginnt der Vorverkauf immer genau einen Monat vor einer Vorstellung. In meinen Theater-Notizen stelle ich aktuelle Inszenierungen vor.
Stadt-Orte
Die Innenstadt (Erster Bezirk) ist ein furioses Freiluftmuseum. Ausführliche Erwanderung mit einem guten Reiseführer empfohlen! Die Ringstraße entlang zu spazieren, ist auch kein Fehler.
Auf keinem Fall entgehen lassen sollte man sich den Naschmarkt. Multikultureller Flair und sehr beliebte Bobo-Freiluftzone. Authentisch multikultureller geht es auf dem Brunnenmarkt zu.
Der Zentralfriedhof liegt etwas außerhalb, ist aber ein für Wien sehr symbolischer Ort. Neben “Ehrengräbern” der Kulturprominenz, ist vor allem der jüdische Teil des Friedhofs sehr sehenswert. Historische Denkanstöße sind dabei ebenso garantiert wie eine solide Portion Wiener Morbidität.
Die Uno-City ist aus zwei Gründen besuchenswert. Erstens war die Errichtung dieses Stadteils eines der größeren Architektur-Projekte in den letzten Jahrzehnten und es ist der einzige Ort in Wien, der eine (bescheidene) Wiener Skyline bietet (z.B. vom Donaupark aus). Zweitens ist Wien ja eine Stadt mit vielen internationalen Organisationen und die UNO deren prominenteste. Wer sich dafür interessiert, sollte eine Führung durch die UNO machen. Man lernt dann nicht nur einen meist übermotivierten jungen UNO-Mitarbeiter kennen, sondern bekommt auch noch ein Design-Museum präsentiert. Die Inneneinrichtung ist im Stil der 1970er gehalten und wirkt heutzutage ziemlich schräg.
Interessant für Bücher- und Architekturfreunde ist die Hauptbücherei der Stadt Wien. Nicht in der renommiertesten Gegend errichtet, hat es das Bahnhofsviertel in mehrerer Hinsicht aufgewertet. Ein gelungener Bibliotheksbau!
Lohnend auch eine Beschäftigung mit dem Roten Wien. Wer sich dafür interessiert, erkundet es am besten mit Inge Podbreckys Stadtführer Rotes Wien.
Ein Ort mit sehr eigenem Flair ist auch der Narrentum, Verzeihung, ich meine natürlich das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Die gruseligsten Ausstellungsgegenstände sind seit einigen Jahren aber nur noch mit Führung zugänglich. Bei heraufgesetzter Ekelschwelle einen Besuch wert.
Für Literaturfreunde ist natürlich ein Besuch der Strudlhofstiege im 9. Bezirk unverzichtbar. Der Neunte ist nicht nur “der” Doderer-Bezirk in Wien. Auch der Wiener Kreis hat sich überwiegend in dieser Stadtgegend herumgetrieben.
Kaffeehäuser
An tollen Kaffeehäusern besteht in Wien kein Mangel. Ich selbst bin in der Innenstadt sehr gerne im Cafe Engländer oder im Cafe Museum. In der erweiterten Naschmarkt-Gegend wäre das Cafe Sperl ein weiterer Klassiker.
Lokale
Wien ist auch ein kulinarisches Eldorado, wo man im Vergleich zu anderen Großstädten sehr gut essen kann, ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen. Sehr gute Lokaltipps gibt es online beim Falter: Wien, wie es isst…. Meine Empfehlung wäre nach den Besten des Bezirks zu suchen, in dem man übernachtet.
Zwei meiner Stammlokale mit sehr guter Küche sind: Zum Alten Fassl. Klassisches Wiener Beisl mit Wiener Küche auf hohem Niveau. Wer asiatische Küche schätzt, wird an der authentischen Kochkunst im On Restaurant seine Freude haben.
Unterkunft
Empfehlen kann ich die sehr zentral gelegene und geschmackvolle Pension Museum. Man ist in wenigen Minuten zu Fuß beim Kunsthistorischen Museum und an der Ringstraße.
Reise-Zeit
Die Museen und Kaffeehäuser, Opernhäuser und Theater sind natürlich ganzjährig ausgezeichnet besuchbar. Meine Lieblingsmonate für Wien sind Mai und September.
Wien-Literatur
Meine Lieblingsromane über Wien sind:
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege
Thomas Bernhard: Alte Meister
Reise-Literatur
Felix Czeike: DuMont Kunst Reiseführer Wien
Der ausführlichste Reiseführer zu allen kulturellen Themen. Kenntnisreich und anspruchsvoll.
Erich Klein: Denkwürdiges Wien
Geschichtlich orientierte Spaziergänge mit vielen spannenden Hinweisen, die man kaum in eineM anderen Reiseführer findet. Wer sich für das politische Wien interessiert, ist mit dem Buch bestens aufgehoben.
Für aktuelle Veranstaltungstipps, Kulturberichte etc. besorgt man sich in Wien angekommen am besten den aktuellen Falter. Erscheint jeden Mittwoch neu und zählt “nebenbei” auch zu den besten Printmedien in Österreich.
[Letztes Update: 27.12.11]
Kroetz: Stallerhof
Kasino des Burgtheaters 26.4.
Regie: David Bösch
Staller; Branko Samarovski
Stallerin: Barbara Petritsch
Beppi: Sarah Viktoria Frick
Sepp: Johannes Krisch
Während meines Studiums las ich einige der kritischen Volksstücke des Franz Xaver Kroetz, fand sie nicht uninteressant und legte sie ad acta. Eine Fehleinschätzung, wie die aktuelle Inszenierung des Stallerhof im Kasino zeigt. David Bösch setzt auf bei den Figuren auf einen scheinbar naturalistischen Ansatz, was sich vor allem in Kleidung und Gehabe der Figuren zeigt. Sarah Viktoria Frick spielt die zurückgebliebene Beppi mit einem authentischen Verve, der schon nach den ersten Minuten überzeugt und verblüfft. Eine brillante schauspielerische Leistung, weil Frick ihre Figur nie bloßstellt. Kroetz reduzierte Sprache spiegelt die Beschränktheit seiner Figuren wieder. Vieles in dem Stück könnte auf der Bühne in Voyeurismus oder in Peinlichkeiten abgleiten. An keiner einzigen Stelle ist das der Fall. Auch der Sepp des Johannes Krisch ist grandios!
Trotz der scheinbaren Schlichtkeit eröffnet die Inszenierung einen beeindruckenden symbolischen Resonanzboden. Aus einem provinzkritischen Volksstück wird eine Anklage gegen gesellschaftliche Zustande allgemein. Das Kroetz-Stücke das zu leisten vermögen, war meine wichtigste Erkenntnis des Abends.
Theater in Perfektion.
Schnitzler: Professor Bernhardi
Burgtheater 24.4.
Regie: Dieter Giesing
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann
Dr. Bernhardi, Professor für interne Medizin, Direktor des Elisabethinums: Joachim Meyerhoff
Dr. Ebenwald, Professor für Chirurgie, Vizedirektor: Roland Koch
Dr. Cyprian, Professorin für Nervenkrankheiten: Caroline Peters
Dr. Pflugfelder, Professor für Augenkrankheiten: Udo Samel
Dr. Filitz, Professor für Frauenkrankheiten: Oliver Masucci
Dr. Löwenstein, Dozent für Kinderkrankheiten: Martin Schwab
Professor Dr. Flint, Unterrichtsminister: Nicholas Ofczarek
Hofrat Dr. Winkler, im Unterrichtsministerium: Branko Samarovski
Es gibt Momente im Theater, wo fast alles passt: Ein hochkarätiger und aktueller Klassiker trifft auf ein erstklassiges Ensemble und einen verständnisvollen Regisseur. “Professor Bernhardi” (1912) ist ein kritisches Gesellschaftsdrama, das die Machtmechanismen der k.u.k. Gesellschaft am Beispiel des Antisemitismus seziert. Bernhardi verweigert einem Priester aus humanistischen Gründen, den Zugang zu einer sterbenden Kranken, die deshalb glücklich, aber ohne Sakrament stirbt. Die Wiener Gesellschaft und die Wiener Politik bauscht das zu einem Skandal auf, in dem Bernhardis Judentum natürlich eine wichtige Rolle spielt. Das Parlament spielt dabei eine unrühmliche Rolle, wie meist zu dieser Zeit. Nachzulesen im höchst informativen Buch Hitlers Wien von Brigitte Hamann. Schnitzler arbeitet diese Skandalisierungsmechanik gut heraus, prinzipiell funktioniert das heute noch sehr ähnlich.
Die Stärke des Schnitzlerischen Stücks ist, dass es auf leisen Sohlen daher kommt. Es fehlen “starke Momente” wie man sie etwa bei Hauptmann oder Ibsen fände. Die Wirkung auf den Zuseher wird dadurch größer. Meyerhoffs Interpretation des Bernhardi unterstützt diesen dramaturgischen Kunstgriff. Er legt den Professor nicht als Opfer an, sondern arbeitet auch die unangenehmen, rechthaberischen Seiten seines Charakters gut heraus. Das unterstreicht die Differenziertheit des Stücks. Auch die anderen Schauspieler legen eine Glanzleistung hin. Die rhetorischen Duelle zwischen Meyerhoff und Ofczarek sind hier an erster Stelle zu nennen.
Die Regie setzt mutig auf ungestörtes Sprechtheater. Eine der besten Inszenierungen seit längerer Zeit.
Aiwasowski: Maler des Meeres
Bank Austria Kunstforum 26.4.
Anstatt wie sonst auf bekannte Namen zu setzen, will das Kunstforum mit der aktuellen Ausstellung den vor allen Russland und der Ukraine berühmten Marine-Maler Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817 – 1900) auch hierzulande bekannt machen. Tatsächlich sah ich bisher kaum so effektive und technisch perfekte Meeresgemälde wie die von Aiwasowski gemalten. Das Meer auf seinen Bildern hat eine so strahlende Leuchtkraft, dass Zeitgenossen verlangten, hinter die Gemälde zu sehen, wo sie Laternen oder andere “Tricks” vermuteten.
Aiwasowskis Bilder sind voll romantischem Pathos und setzen schamlos auf die Schiffsbruch-Metaphorik. Boshaft könnte man ihn als Boulevard-Maler auf höchstem technischen Niveau bezeichnen. Deshalb ist es auch fehl am Platz, ihn mit William Turner zu vergleichen, was offenbar ein Topos in der Aiwasowski-Rezeption ist. Richtig ist, dass auch Turner sehr furiose und effektvolle Marinemalerei betrieb. Seine ästhetische Entwicklung war aber eine völlig andere. Während Aiwaskowski bis zu seinem Tod überwiegend seiner realistischen Technik verhaftet blieb, entwickelte sich Turners Spätwerk formal immer mehr in Richtung Abstraktion. Turner zählte zu seiner Zeit zur formalen Avantgarde. Ihn nur aufgrund der Thematik mit Aiwasowski zu vergleichen, kratzt höchstens an der Oberfläche.
Die Bilder der Ausstellung sind jedenfalls sehr beeindruckend. Man kann sich nur schwer wieder von ihnen trennen. Wer nicht regelmäßig in die Eremitage kommt, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. (Bis 10.7.)
Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen
Wiener Staatsoper
Das Rheingold 6.4.
Die Walküre 7.4.
Siegfried 10.4.
Götterdämmerung 13.4. (Franz Welser-Moest)
Musikalische Leitung: Adam Fischer
Regie: Sven-Eric Bechtolf
Wotan: Juha Uusitalo
Alberich:Tomasz Konieczny
Siegmund:Christopher Ventris
Sieglinde: Edith Haller
Brünnhilde: Eva Johansson
Mime: Wolfgang Schmidt
Siegfried: Stephen Gould
Gunther: Markus Eiche
Hagen: Eric Halfvarson
uvm.
Wien bietet als meines Wissens einzige Stadt weltweit die Möglichkeit, jedes Jahr mindestens einmal den kompletten Ring anzuhören, inzwischen ein Fixtermin für mich. Gesanglich war die aktuelle Aufführungsreihe unter den besten je gehörten. Je öfter ich diese sechszehn Stunden Musik höre, desto interessanter erscheinen sie. Strukturelle und musikalische Details werden nach und nach klarer. Die Bewunderung für die enorme künstlerische Leistung des Richard Wagner steigt von Jahr zu Jahr.
Alle Hauptrollen wurden auf exzellentem Niveau gesungen. Besonders herausragend waren Juha Uusitalo (Wotan), Eva Johansson (Brünnhilde) und Stephen Gould (Siegfried). Letzterer sang selbst den langen Siegfried bis zum Ende so frisch und ausgeruht als wäre er nicht schon viele Stunden auf der Bühne gestanden. Siegfried war zweifellos der musikalische Höhepunkt des Zyklus.
Die Orchesterleistung war leider inhomogen. Schwach im Rheingold, guter Durchschnitt in der Walküre und schließlich eine sehr gute Leistung in den beiden letzten beiden Teilen. Für sie war Franz Welser-Moest angekündigt. Auch wenn er letztendlich nur Götterdämmerung dirigierte, hat sich diese Planung offensichtlich auch schon sehr positiv auf die Besetzung des Orchestergrabens bei Siegfried ausgewirkt. Das bestätigt meine Hypothese, dass es in der Wiener Staatsoper für eine exzellente Leistung nicht in erster Linie auf den musikalischen Leiter ankommt, sondern welche Musiker am Abend im Graben sitzen.
Kunsthistorisches Museum: Ausstellungen
al-Fann. Kunst der islamischen Welt aus der Sammlung al-Sabah, Kuwait (bis 19.4.)
Schaurig Schön – Ungeheuerliches in der Kunst (bis 1.5.)
Ein Besuch im Kunsthistorischen Museum ist angesichts der großartigen Sammlung immer lohnenswert. Derzeit aber aufgrund von mehreren Sonderausstellungen besonders. Keine “offizielle” Ausstellung, aber in der Gemäldegalerie wurde in einem Saal eine barocke Hängung nachvollzogen, d.h. mehrere Reihen eng gehängter Bilder neben und übereinander, wie man das aus entsprechenden Bildern kennt, die Sammler aus der Barockzeit in ihrer Galerie zeigen. Die Bilder sind überwiegend “klassisch niederländisch” und enthalten Leihgaben. Diesen Kunstraumeindruck sollte man sich auf keinem Fall entgehen lassen.
In Wien gibt es bekanntlich keine nennenswerte Sammlung mit islamischer Kunst. Deshalb sollte man die Gelegenheit nutzen, und sich die hochkarätige Auswahl aus der Sammlung al-Sabah ansehen. Sie ist didaktisch als Einführung konzipiert. Man findet wenige, aber gut ausgewählte und sehr anschauliche Kunstwerke, die thematisch angeordnet sowie mit guten Erläuterungen versehen sind (Kalligraphie, Geometrie, figürliche Darstellungen….). Man schlendert durch die islamische Kunstgeschichte als durchblätterte man einen guten Kunstband, nur dass man hier vor Originalen steht.
Schaurig Schön lebt überwiegend vom eigenen Bestand des KHM und stellt Werke thematisch zu mythologischen Figuren zusammen. Als wäre die Ausstellung dazu gedacht, meine eben laufende zweite Lektüre der Metamorphosen des Ovid zu illustrieren. Gemälde, Skulpturen und Kunsthandwerk zu Sphinx, Phönix, Einhorn, Drache und ähnliches Getier ist zu sehen. Eine kleine, lehrreiche, vergnügliche Sache. Sie zeigt, dass man nicht für jede Ausstellung auf viele Leihgaben zurückgreifen muss.
Eine Jahreskarte für das KHM bekommt man übrigens für nur 29 Euro.
Burgporträts
Burgtheater 2.4.
Regie und Konzept: Michael Laub
mit
Elisabeth Aref
Claudia Durstberger
Monika Höflinger
Mavie Hörbiger
Petra Morzé
Christiane von Poelnitz
Irene Rottensteiner
Kinga Walus
Michaela Wimmer
Eine sympathische Idee, einmal am Burgtheaterbetrieb Beteiligte auf die große Bühne des Hauses zu bitten. In Porträts von unterschiedlicher Länge präsentieren sich Komparsen, eine Platzanweiserin, ein Mitglied der Burgtheaterfeuerwehr, ein Mitarbeit der Kantine, und viele andere mehr, mit oft erstaunlichem Talent und Bühnenpräsenz. Am wenigsten beeindrucken die Profis wie Maria Happel oder Christiane von Poelnitz. Die “Kleindarsteller” gehen aus sich heraus, demonstrieren ihr Können, und ergeben erstaunlich intime Einblicke in ihr Leben. Von psychischen Problemen bis hin zum Drehen von Heimpornos. Laub wandelt hier auf einen schmalen Grad, der ihn vom Voyeurismus trennt. Fragwürdig auch, das ständige Herauf- und Herablassen unterschiedlich gefärbter Lein- und Stoffwände als Hintergrund.
Der Abend wäre im Kasino sicher besser aufgehoben gewesen. Wer sich für das Burgtheater interessiert, sollte sich ein eigenes Bild von dem Projekt machen.
Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Burgtheater 19.1.
Regie: Michael Thalheimer
Bühnenbild: Olaf Altmann
Johanna Dark, Leutnant der Schwarzen Strohhüte: Sarah Viktoria Frick
Pierpont Mauler, Fleischkönig: Tilo Nest
Cridle, Fleischfabrikant: Oliver Masucci
Graham, Fleischfabrikant: Roland Koch
Vorarbeiter, Arbeiterführer: Hermann Scheidleder
Mein Verhältnis zu Brecht ist seit vielen Jahren zwiespältig. Seine Sprachkunst ist beachtlich und die Idee des epischen Theaters kann ich aus der Zeit heraus gut nachvollziehen, allerdings halte ich die meisten Stücke aufgrund der aufdringlichen Belehrsamkeit für ausgesprochen langweilig anzusehen. Das liegt natürlich vor allem an der völlig gescheiterten Kommunikationssituation. Brecht schrieb seine Stücke für Arbeiter, aber in den Theatern saßen und sitzen überwiegend andere Gesellschaftsschichten. Gleichzeitig bieten viele seiner Theatertexte kaum anderen Ebenen, die “einspringen” könnten. Dafür sind sie inhaltlich zu monodimensional.
Diese Heilige Johanna der Schlachthöfe ist ein gutes Anschauungsbeispiel. Die Inszenierung ist nämlich ausgezeichnet und erinnert im Einsatz des Chors an antike Tragödien. Das Bühnenbild wird mit furiosen multimedialen Effekten aufgewertet. Die Schauspieler geben die Figuren als eine gelungene Mischung aus Realismus und “Künstlichkeit”. Trotzdem fand ich den Abend über weite Strecken langweilig, wenn nicht sogar peinlich. Dass Brecht ausgerechnet die scheinheiligste Schillerfigur für sein Anliegen aus der Mottenkiste holt und dann verkitscht-naseweise Reden halten läßt, die dem bösen Fleischfabrikanten selbstverständlich sein Gewissen beunruhigen, hat aus heutiger Sicht bestenfalls einen parodistischen Wert.
Wiener Symphoniker
Konzerthaus 14.1.
Dirigent: Fabio Luisi
Klavier: Ivo Pogorelich
Sergej Rachmaninow:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-moll op. 18 (1900-1901)
Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-moll op. 98 (1884-1885)
Wie konnte es zu dieser Klangkatastrophe kommen? Rachmaninows 2. Klavierkonzert gehört zu den Ohrwürmern des Konzertbetriebs. Böse Zungen sagen auch, es lebe überwiegend von einer leeren Virtuosität auf Kosten der musikalischen Substanz. Da haben sich Herr Luisi und Herr Pogorelich nun gedacht: Wir bürsten diese ausgeleierte Nummer gegen den Strich und spielen es so wenig ohrwurmig wie nur irgendwie möglich! Ivo Pogorelich machte auf alten Wilden und hämmerte pubertär auf dem schlecht klingenden Klavier herum: Wilde Tempi, atonale Einschübe. Als wollte er Glenn Gould nach einem Gehirnschlag parodieren. Begleitet wurde dieser Unfug von einem undifferenzierten Klangbrei der Wiener Symphoniker.
Nun kann ich die Idee, ein Stück “frech” zu interpretieren, durchaus nachvollziehen. Es gibt hier aber ein weites Spektrum. Die Skala reicht von subtiler Ironie und Distanzierung bis bin zu der an diesem Abend versuchten Holzhammermethode. Für letztere braucht man allerdings ein musikalisches Format, von dem die Beteiligten des Abends meilenweit entfernt waren. Das Publikum beklaschte ausgiebig und brav, was vom Ohrwurm übrig blieb.
Nach der Pause gab es noch eine, höflich formuliert, drittklassig interpretierte Brahms-Symphonie zu hören. Imposant waren alleine die Soli der Holzbläser. Ansonsten ebenfalls eine mehr als peinliche Angelegenheit für den Wiener Konzertbetrieb. Die Wiener Symphoniker werden jetzt wieder für einige Jahre gemieden.




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