Wien

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Puccini: La Fanciulla del West

Wiener Staatsoper 30.11. 2016

Regie und Licht: Marco Arturo Marelli
Dirigent: Mikko Franck

Marco Arturo Marelli | Bühnenbild
Dagmar Niefind | Kostüme

Minnie: Eva-Maria Westbroek
Sheriff Jack Rance: Tomasz Konieczny
Dick Johnson (Ramerrez): José Cura
Nick: Joseph Dennis
Ashby: Alexandru Moisiuc

Ein Western als italienische Oper? Puccini wagt dieses Experiment. Gewöhnungsbedürftig ist es auf jeden Fall, passt der italienische Operngesang mental doch so gar nicht zum Wilden Westen, wo wir spätestens seit dem Italowestern wortkarge Antihelden erwarten. Dieser Kontrast macht natürlich den großen Reiz des Werks aus. Wie schon in Madame Butterfly spielt Puccini hier gekonnt die Karte des Exotischen aus. Viele Elemente des Wilden Westens sind großzügig vertreten: Whisky, Goldsucher, Sheriff & Banditen, eine Wirtin mit Herz. Angereichert ist das Libretto freilich noch mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Narrativ ist das für eine Oper durchaus gekonnt zu Papier gebracht.

Die Inszenierung zählt zu den gelungensten, die derzeit in der Staatsoper zu sehen sind. Sie setzt auf einen gemäßigten Realismus (auch in den Kostümen), was gut zur Atmosphäre des Stückes passt. Musikalisch ist der Abend ebenfalls hervorragend. Speziell Konieczny kannte ich bisher nur als exzellenten Wagnersänger und hätte nicht gedacht, dass er auch im italienischen Fach so gut glänzen kann.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Ayad Akhtar: Geächtet

Burgtheater 27.11. 2016

Regie: Tina Lanik

Amir: Fabian Krüger
Emily: Katharina Lorenz
Issac: Nicholas Ofczarek
Jory: Isabelle Redfern
Abe: Christoph Radakovits

Ein schwieriger Theaterabend. Das liegt weder am exzellent agierendem Ensemble noch am plausibel reduziertem Bühnenbild. Auch die Inszenierung leistet gute Arbeit, obwohl das teils langsame Tempo nicht immer zu diesem schnellen Genre passt.

Es ist das Stück selbst, mit dem ich ein Problem habe. Es setzt sich provokant mit dem Islam auseinander, was natürlich den großen internationalen Erfolg erklärt. Ein sehr erfolgreicher New Yorker Anwalt, der ursprünglich als Moslem aus Pakistan kam, verleugnet sowohl seine Herkunft als auch seine Religion zugunsten der Karriere. Er ist mit einer islamophilen amerikanischen Künstlerin verheiratet, während er den Islam radikal kritisiert. Ins Spiel kommt dann mit Isaac noch ein jüdischer Galerist und schon haben wir die dramaturgisch gewünschte explosive Mischung.

Das Drama ist ein Konversationsstück und steht in der Tradition von Who is afraid of Virgina Woolf?, erinnert aber ebenso an die Bühnenerfolge der Yasmina Reza. Wobei Geächtet nicht an einem Abend spielt, sondern sich zeitlich länger erstreckt. Der Ablauf ist aber derselbe: Hier ist es Amir, dessen Leben am Ende völlig ruiniert ist. Als Zuseher stellt man sich nun die Frage, nach dem Grund für diesen moralischen und nervlichen Zusammenbruch und hier drängt sich – auch dank der Wortspenden Isaacs – eine unerfreuliche Interpretation auf: Der lange verleugnete „barbarische“ Moslem bricht in ihm durch. Frei nach dem Motto: Einmal Moslem, immer Moslem. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass sich Amirs junger Verwandter Abe parallel zu einem Islamisten wandelt. Das Stück wandelt damit auf einem unerfreulich schmalen Grat zwischen (sehr!) berechtigter Islamkritik und populistischer Islamophobie.

Ferdinand Schmalz: der herzerlfresser

Akademietheater 25.11. 2016

Regie: Alexander Wiegold

gansterer andi: Merlin Sandmeyer

acker rudi: Johann Adam Oest

fauna florentina: Irina Sulaver

pfeil herbert: Sebastian Wendelin

fußpflege irene: Peter Knaack

Mental eingestellt und vorbereitet bin ich auf Shakespeares Coriolan als ich im Akademietheater erfahre, dass sie wegen des Bühnenunfalls eines der Protagonisten vom Vortag als Ersatz Schmalz‘ herzerlfresser spielen. Ein unerwarteter vierhundertjähriger Sprung in die österreichische Gegenwartsdramatik also.

Die Handlung des Stücks spielt in der (steirischen?) Gegenwart, knüpft aber an eine gespenstische Mordserie an, welche das Mürztal vor knapp 250 Jahren heimsuchte, wobei der Titel schon die Pointe verrät: Es treibt ein kannibalistischer Frauenmörder sein Unwesen. In der Gegenwart finden die Morde kurz vor der Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums statt, weshalb der Bürgermeister die Taten zu vertuschen versucht. Gleichzeitig werden die teils seltsamen Liebesbeziehungen der fünf Protagonisten ausgelotet. Die Trostlosigkeit der Provinz darf als Topos der österreichischen Literatur natürlich auch nicht fehlen.

So eine Inhaltsangabe wird dem Theaterabend aber nicht gerecht, weil die Ästhetik stark auf Artifizialität beruht. Nicht nur ist die Sprache eine Kunstsprache und werden manche Figuren ins Groteske überhöht. Auch das Bühnenbild, welches ausschließlich aus herabhängenden „Glitzerlianen“ besteht, verstärkt diese Abstraktheit.

Insgesamt ein erfreulicher Theaterabend, was nicht zuletzt an der überzeugenden schauspielerischen Leistung liegt.

100 Meisterwerke des Kunsthistorischen Museums

Diese gelungene Serie ist eine Kooperation des Kunsthistorischen Museums mit ORF III. Hier nur der kurze Hinweis, dass die ersten 50 Folgen auf You Tube zu sehen sind.

Wie alles begann – Von Galaxien, Quarks und Kollisionen

Naturhistorisches Museum 2.11. 2016

Eine kleine, aber feine Ausstellung. Sie führt den Besucher nicht nur in wichtige kosmologische, astrophysikalische Themen ein, sondern auch in die Teilchenphysik. Optisch und didaktisch ist die Darstellung sehr ansprechend. Nicht nur werden beeindruckende Hubble-Aufnahmen hübsch präsentiert. Es gibt auch die Videosimulation einer „Reise“ durch das Weltall, in der man beispielsweise die Milchstraße durchquert. Auch der Urknall ist so zugänglich dargestellt, wie das für ein so komplexe Ereignis möglich ist: Man kann an der Entstehung des Universums quasi entlang entgehen. Das CERN bekommt ebenfalls eine ausführliche Station. (Bis 1.5.)

Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr

Unteres Belvedere 1.11. 2016

Die neue Herbstausstellung im Unteren Belvedere versucht, einen anderen Blick auf die Epoche des Biedermeier zu werfen. Es ist ja überhaupt fraglich, inwieweit „Biedermeier“ ein adäquater kunsthistorischer Epochenbegriff ist. Im angelsächsischen Raum bevorzugt man für diese Periode bekanntlich „realism“. Die Schau zeigt anhand vieler Werke, dass in dieser Epoche nicht nur jene Idyllen gemalt wurden, welche man als Klischee dem Biedermeier gerne zuschreibt. Freilich finden sich auch solche darunter, etwa die brave Familie im biederen Heim. Das Schaffen des Ferdinand Georg Waldmüller steht im Mittelpunkt, dem wohl wichtigsten österreichischen Maler dieses Zeitraums. Man wagt aber auch einen Blick über den Tellerrand: Maler der benachbarten Kronländer sind ebenso präsent. Auch ausgewählte Möbelstücke fehlen nicht.

Die Werkauswahl ist durchaus gelungen. Die Ausstellung scheitert aber daran, ihre Ausgangsthese plausibel zu machen. Diese wird nämlich außer im Titel und in den Begleitinformationen nirgends explizit thematisiert. So wirkt das Thema mehr als Vorwand, gute Bilder an die Wand zu hängen, denn als genuine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. (Bis 12.2.)

Michelangelos Sixtinische Kapelle in Wien

Votivkirche 2.11. 2016

Sich mit dem großartigen Michelangelo zu beschäftigen ist naturgemäß eine begrüßenswerte Angelegenheit. Deshalb stehe ich diesem Ausstellungsprojekt prinzipiell positiv gegenüber als ich die Votivkirche betrete. Zu sehen sind dort große Reproduktionen aus der Sixtinischen Kapelle in akzeptabler Qualität. Man kann sich die meisten Bilder also aus einer Nähe ansehen, wie das sonst schwer möglich wäre. Allerdings sind die Bilder in zwei vergleichsweise engen Gängen gegenüber aufgehängt, so dass man sie leider nicht aus einer größeren Entfernung betrachten kann. Der Audioguide stellt die knapp vierzig Bilder ausführlich vor, legt den Schwerpunkt für meinen Geschmack aber zu sehr auf inhaltliche und theologische Aspekte. Die Ästhetik Michelangelos kommt dabei deutlich zu kurz.

Insgesamt wirkt das Projekt auf mich lieblos kuratiert. Vor dem Eingang läuft ein Video, ansonsten gibt es ein paar Tafeln mit überschaubarem Informationsgehalt. Dabei böte die Digitaltechnik heute so viele Möglichkeiten zur Veranschaulichung. Angesichts dieses Gesamtpaket fast 20 Euro Eintritt zu verlangen, grenzt an eine Unverschämtheit. (Bis 4.12.)

Sex in Wien & Chapeau

Wien Museum 25.10. 2016

Den Absperrungsbändern nach gibt es für Sex in Wien üblicherweise einen großen Andrang. Bei meinem werktäglichen Besuch ist die Schau von einer Handvoll Pensionisten und ein paar kichernden Mädchen bevölkert. Der neue Direktor Matti Bunzl will seine Ära offenbar um jeden Preis mit einem Publikumserfolg starten. Dabei ist das Thema ein wiengeschichtlich durchaus Interessantes. Obwohl in die Ausstellung nur Erwachsene dürfen, hält sich der Voyeurismus in Grenzen. Die Wiener Sexualgeschichte wird thematisch ausgebreitet und aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Auch sozialkritische Faktoren fehlen nicht, etwa kirchliche Missbrauchsskandale, Ehepolitik und Empfängnisverhütung. Wie verkrampft man mit dem Thema in den sechziger Jahren umging zeigen hübsch zeitgenössische ORF-Beiträge. Mich amüsiert auch die dort zu hörende Philippika gegen Freud von einem seiner weiblichen Opfer. Ansonsten reiht sich die Ausstellung in Sachen akzeptabler Qualität gut in die bisherige Reihe der kulturgeschichtlichen Wienausstellungen des Hauses ein. (Bis 22.1.)

Eine ungewöhnliche historische Perspektive nimmt auch Chapeau ein. Das Ziel verrät der Untertitel: Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes. In thematischen Gruppen werden die semantischen und sozialen Implikationen von Hüten aller Art dargestellt. Von revolutionären Kappen bis hin zu Uniformhelmen. Durchaus erhellend. (Bis 30.10.)

Carl Laufs, Wilhelm Jacoby: Pension Schöller

Burgtheater 30.10. 2016

Regie: Andreas Kriegenburg

Philipp Klapproth: Roland Koch
Ulrike Sprosser, Witwe, seine Schwester: Alexandra Henkel
Ida, ihre Tochter: Alina Fritsch
Franziska, ihre Tochter: Marta Kizyma
Alfred Klapproth: Tino Hillebrand
Ernst Kissling, Maler, Alfreds Freund: Martin Vischer
Fritz Bernhardy: Michael Masula
Josephine Krüger, Schriftstellerin: Christiane von Poelnitz
Schöller, ehemaliger Musikdirektor: Bernd Birkhahn
Amalie Pfeiffer, seine Schwägerin: Sabine Haupt
Friederike, ihre Tochter: Aenne Schwarz
Eugen Rümpel: Max Simonischek
Gröber, Major a.D.: Dietmar König
Jean, Zahlkellner: Sabine Haupt

Etwa alle zwei Jahre gibt das Burgtheater einer Zwangsneurose nach, nämlich leichte Kost auf die große Bühne zu bringen. Ebenso regelmäßig entsteht dadurch keine Theaterkunst, sondern eine Theaterkatastrophe. Ich ergreife deshalb in der Pause nach deutlich über zwei Stunden die Flucht.

Diese Mal verwendet man zu diesem Behufe einen modern modifizierten Schwank-Klassiker aus dem Jahr 1890. Die üblichen Mittel der Boulevardkomödie werden reichlich eingesetzt, von Sprachfehlern über Verwechslungsgags bis hin zu skatologischem und sexistischem Humor. Weniges davon ist wirklich komisch. Am besten sind noch die Burgschauspieler, die dreieinhalb Stunden ihren Unfug und Slapstick treiben dürfen, was sie durchaus auf hohem Niveau machen.

Ansonsten ein schwer zu rechtfertigender Burgtheater-Missbrauch. Dass sich Andreas Kriegenburg für diese niveaulose Trottelei nicht zu schade war, wird seinem Ruf schaden.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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