Bigger Than Live. 100 Jahre Hollywood
Jüdisches Museum Wien 9.1.11
Eine jüdische Erfahrung ist der weitere Untertitel dieser Ausstellung. Viele Größen Hollywoods waren ja bekanntlich Juden, nicht wenige davon stammten aus Mitteleuropa. Die Schau zeigt höchst anschaulich die Geschichte Hollywoods in 24 Stationen aus überwiegend jüdischer Perspektive, die allerdings sehr breit ist. Jeder Abschnitt wird durch eine Tafel eingeleitet, ein Ausstellungsführer gibt Informationen über einzelne Exponate. Auf Leinwänden werden jeweils kurze Filmausschnitte ausgezeigt, welche zum jeweiligen Thema passen. Ich jedenfalls war sehr erfreut auf Charlie Chaplin, die Marx Brothers, Billy Wilder und Woody Allen zu treffen, um nur einige meiner Filmfavoriten zu nennen. Der historische Kontext kommt ebenfalls nicht zu kurz. So wird der konservative Geschmack der frühen Studiobosse und dessen Niederschlag in familienfreundlichen Filmen ebenso angesprochen wie die antikommunistische Hetze unter dem Vorsitz des Chefhysterikers Joseph McCarthy. Die letztendlich erfolgreichen Filmrebellen der späten Sechziger und Siebziger bekommen auch ihren Platz. Man erfährt auch viele Fakten: In Hollywood etwa wurden zwischen 1911 und 2010 insgesamt 42.714 Langfilme produziert, davon 11.167 Stummfilme.
Insgesamt eine toll kuratierte, spannend aufgezogene und informative Ausstellung für alle Filmfreunde! (Bis 15.4.)
Altenberg Trio
Musikverein 20.12.
Johannes Brahms
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 H – Dur, op. 8; 1. Fassung 1854 Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 H – Dur, op. 8; 1. Fassung 1854
Franz Schubert
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Es – Dur, D 929; ungekürzte Fassung des Autographs Trio für Klavier, Violine und Violoncello Es – Dur, D 929; ungekürzte Fassung des Autographs
Das Altenberg Trio versteht es meisterlich, aus bekannten Werken neue Funken zu schlagen, ohne sich zu weit vom musikalischen Gehalt zu entfernen. Brahms komponierte die erste Fassung des Werks 1854 und überarbeitete sie 1891 noch einmal. Die vier Sätze sind ausgesprochen abwechslungsreich.
Spannend war an diesem Abend aber vor allem Schuberts berühmtes Klaviertrio D 929, welches meiner Meinung zu den schönsten musikalischen Werken überhaupt zählt, und das ich nun erstmals in dieser ungekürzten Fassung hörte. Etwa 55 Minuten lang, wirkte vor allem der letzte Satz noch stärker als in der kürzeren Fassung. Das Spätwerk von Schubert halte ich für eine der großartigsten ästhetischen Leistungen der gesamten Kulturgeschichte. Die Interpretation des Altenberg Trios ist höchst empfehlenswert.
Tolstoi: Krieg und Frieden
Kasino des Burgtheaters 10.1./8.12.
Regie: Matthias Hartmann
mit
Elisabeth Augustin
Stefanie Dvorak
Sabine Haupt
Yohanna Schwertfeger
Mareike Sedl
und
Franz Csencsits
Sven Dolinski
Ignaz Kirchner
Peter Knaack
Fabian Krüger
Oliver Masucci
Rudolf Melichar
Udo Samel
Moritz Vierboom
[8.12.] Nach der im letzten Januar gesehen “Generalprobe” nun also die “Premiere”. Die Unterschiede halten sich in Grenzen. Einiges wird etwas mehr herausgearbeitet, anderes zurückgenommen. Die multimediale Inszenierung wirkt noch professioneller. Auch beim zweiten Mal bestätigte sich mein Eindruck: Es war einer meiner besten Theaterabende überhaupt.
[10.1.] Während an manchen Bühnen schnell zusammeninszenierte Stücke pompös Premiere feiern, reagiert bei diesem gelungenen Theaterprojekt das Understatement: Es wird als öffentliche Probe verkauft. Dabei sind die fünf Stunden des Abends so penibel vorbereitet wie ein Diner für die beste Gesellschaft St. Petersburgs.
Wie kann man eine so “verrückte Idee” haben, einen etwa 1600seitigen Roman auf die Bühne zu bringen? mag sich mancher fragen. Gibt es nicht schon genügend schlechte Verfilmungen? Matthias Hartmann versucht das anscheinend Unmögliche, und das Publikum ließ sich fünf Stunden lang in den Bann ziehen. Selbstverständlich kann man in dieser Zeit nur einen kleinen Teil des Romans veranschaulichen, aber die Auswahl der Kapitel ist so geschickt und die Darstellung der Romanfiguren so überzeugend, dass man tatsächlich einen hervorragenden Eindruck von Tolstois Monumentalwerk erhält.
Die Inszenierung ist irgendwo zwischen einer szenischen Lesung und einer Dramatisierung des Textes angesiedelt. Alle wichtigen Figuren werden durch Schauspieler verkörpert, wobei einige mehrere Figuren spielen. Die schauspielerische Leistung war exzellent. Teilweise werden Szenen gespielt, aber oft sprechen die Figuren schlicht Tolstois Beschreibungen. D.h. sie berichten in der dritten Person von sich. Was künstlich klingt, funktioniert auf der Bühne hervorragend. Das Bühnenbild besteht aus einem langen Tisch (zusammengestellt aus vielen kleinen Tischen) und jeder Menge Stühle, die auf verblüffende Art und Weise als Requisiten eingesetzt werden. Multimediale Technik und Livemusik kommen ebenfalls zum Einsatz. Zur Orientierung wird die Seitenzahl auf die Wand geworfen, so dass man immer weiß, wo die eben gezeigten Szenen im Roman angesiedelt sind.
Tolstois fesselnde Erzählkunst wird damit so kreativ in einen Theaterraum transferiert, dass ich gerne noch viel Weltliteratur in dieser Form sehen würde. Ein aufwändiges, originelles, berührendes, witziges, kurzweiliges Theaterprojekt. Unbedingt ansehen.
René Magritte
Albertina 7.12.
Eigentlich wollte ich diese Schau auslassen, weil ich durch die große Zahl an Blockbuster-Ausstellungen in der Albertina zunehmend genervt bin. Ein großer Name jagt den nächsten, was zwar für in Wien Wohnenden Vorteile hat, aber die im Hintergrund stehende Besuchermaximierungsstrategie schreckt ab. Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.
Das wäre in diesem Fall ein Fehler gewesen. Magritte zählt zum Kernbestand jedes Posterladens, was eine unbefangene Annäherung erschwert. Desto erfreulicher, dass man in der mehr als 150 Werke umfassenden Ausstellung auch einen unbekannteren Maler kennenlernen kann: Zeichnungen sind ebenso zu sehen wie Gebrauchskunst. Die bekanntesten Werke zählen zum Spätwerk, etwa die gesichtslosen Männer. Ich wusste aber nicht, dass Magritte auch einmal im Stile Renoirs malte. Beispiele findet man ebenfalls in der Ausstellung.
Wer Magrittes Bilder nur in Reproduktion kennt, wird sich wundern, dass die Originale weniger glatt und glänzend sind. Die Sujets wirken deshalb noch hintergründiger als im Hochglanz. (Bis 26.2.)
Schimmelpfennig: Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes
Akademietheater 1.12.
Regie: Roland Schimmelpfennig
Liz: Christiane von Poelnitz
Frank: Tilo Nest
Martin:Peter Knaack
Karen:Caroline Peters
Wäre diese Vorstellung nicht Teil meines Akademietheater-Abonnements gewesen, hätte ich angesichts meiner bisherigen schlechten Erfahrungen mit Roland Schimmelpfennig von einem Besuch seines neuen Stückes abgesehen. So hatte ich nun wenigstens die Möglichkeit, mein Urteil über ihn zu bestätigen.
Die dramaturgische Idee ist ohne viel Federlesens von einem amerikanischen Klassiker übernommen: Who’s Afraid of Virginia Woolf? Zwei Ehepaare zerfleischen sich unter zunehmenden Alkoholeinfluss. Auch das Erfolgsstück (und neuerdings Film) Der Gott des Gemetzels verwendet dieses Verfahren.
Schimmelpfennig lässt zwei Mediziner-Ehepaare gegeneinander antreten. Karen und Martin kommen eben von einem sechsjährigen humanitären Einsatz in Afrika zurück. Sie mussten ein Kind nach Ausbruch von Unruhen zurücklassen, was der Kern des auf der Bühne abgehandelten Problems ist. Liz und Frank schickten nämlich jahrelang Geld für die medizinische Versorgung des Mädchens und sind über die Entwicklung der Ereignisse naturgemäß geschockt.
Der Stoff ist gut gewählt, das Stück scheitert aber an der Umsetzung. Einerseits weiß man von Anfang an durch die dramaturgische Struktur, wie sich das Stück entwickeln wird. Andererseits verfällt Schimmelpfennig in störende Manierismen. So lässt er immer wieder undifferenziert und unvariiert Passagen wiederholen. Wenige Male kann das witzig sein, als Dauereinrichtung nervt es nur, und ist dem komplexen moralischen Thema ebenso unangemessen wie die uninspirierte Dialogführung.
Ein selten langweiliger Theaterabend.
Klangforum Wien
Konzerthaus 5.12.
Dirigent: Sylvain Cambreling
Sopran: Tora Augestad
Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du Temps (1940-1941)
Gérard Grisey: Quatre Chants pour franchir le Seuil (1997-1998)
Zwei dem Tod gewidmete Werke standen auf dem letzten Programm des Klangforum Wiens. Olivier Messiaen komponierte dieses Quartett im Kriegsgefangenlager Görlitz. Die Instrumente richteten sich also nach der Verfügbarkeit anderer Musiker vor Ort, und das waren ein Klarinettist, ein Geiger und ein Cellist. Messiaen selbst war am Klavier. Entstanden ist ein höchst eindrucksvolles Werk, das man auch ohne das religiöse Programm rein musikalisch würdigen kann. Jede Instrumentenstimme bekommt gleichberechtigt einen großen Tonraum zur Verfügung, so dass man von eingebetteten Soli bzw. Duetten sprechen könnte. Die vier Mitglieder des Klangforums spielten das Stück in bester kammermusikalischer Manier: eindringlich und makellos.
Nur knapp 15 Jahre alt war die zweite Komposition des Abends: Gérard Grisey kurz vor dessen Tod fertig gestellte Gesangskomposition. Die von Tora Augestad mit wunderbarem Nachdruck gesungen Texte stammen aus sehr divergenten Quellen, darunter Inschriften aus ägyptischen Sarkophagen und Stellen aus dem Gilgamesh-Epos. Grisey entfaltet ein weites Spektrum an Klängen, von quasi-harmonischen Passagen, die an geistliche Musik erinnern, bis zu dynamischen, kakophonen Ausbrüchen. Das Klangforum glänzte wie immer mit technischer Präzision und Cambreling mit interpretatorischer Schlüssigkeit.
Ein museales Wintermärchen
Im Kunsthistorischen Museum ist derzeit eine kunstgeschichtlich spannende Ausstellung zu sehen: Wintermärchen. Zusammengetragen wurden Werke zum Thema Winter. Vom ersten Winterbild des alten Breughel bis zu einer Schlitteninstallation des Joseph Beuys wandert man durch Jahrhunderte an Kunstgeschichte. Viele Bilder kommen aus dem eigenen Haus, ergänzt durch zahlreiche Leihgaben aus aller Welt. Meine persönlichen Höhepunkte waren die Geburts- und Kreuzigungsszenen, welche kreative Künstler in ein Winterszenario versetzten. Die Ausstellung lässt zusätzlich zur Landschaftsmalerei kaum ein Genre aus: Religiöses und Mythologisches gibt es ebenso zu sehen wie Stilleben, Portraits, Marine- und Kriegsmalerei. Sogar ein Aristokratenschlitten fehlt nicht, um zu illustrieren, dass sich der Wiener Adel früher gerne mit distinguierten Schneefahrten vergnügte.
Ich war bereits zweimal in der Ausstellung. Eine dringende Empfehlung! (Bis 8.1.)
Rossini: L’Italiana in Algeri
Wiener Staatsoper 25.11
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Mustafà, Bey von Algerien: Ildar Abdrazakov
Lindoro, ein junger Italiener, Lieblingssklave des Mustafa: Maxim Mironov
Isabella, italienische Dame: Stella Grigorian
Elvira: Chen Reiss
Zulma: Rachel Frenkel
Haly: Hans Peter Kammerer
Taddeo: Alfred Šramek
Rossini komponierte diese opera buffa für das Publikum in Venedig, wo sie 1813 sehr erfolgreich uraufgeführt wurde. Es war seine zweite Oper für Venedig. Das Thema hat für eine komische Oper immer noch aktuelle Anklänge: L’Italiana in Algeri spielt wie Mozarts Entführung aus dem Serail im Orient. Der Bey von Algerien kommt im Libretto nicht gut weg, wird er doch als ebenso dummer wie geiler Haremsinhaber dargestellt. Man fühlt sich unwillkürlich an Gaddafi und Konsorten erinnert. Selbstverständlich wird Mustafa von der entführten Italienerin Isabella intellektuell (und nur intellektuell!) aufs Kreuz gelegt.
Wie es sich für eine opera buffa gehört, sind auch die anderen Figuren als komische Typen gezeichnet (Taddeo!), so dass sich letzten Endes fast ein Gleichgewicht zwischen Orient und Okzident herstellt. Mustafa versucht ja auch wie ein zivilisierter Osmane seine Isabella zu verführen, und wendet keine Gewalt an.
Das Libretto wirkt heute noch amüsant, wozu auch die Inszenierung beiträgt, die sehr erfolgreich auf die komischen Elemente setzt. Die schauspielerische Leistung des Ensembles war in dieser Hinsicht exzellent. Musikalisch war der Abend ebenfalls sehr gelungen. Das Staatsopernorchester spielt in einer kleinen Besetzung sehr präzise. Alle Sängerinnen und Sänger waren gut in Form.
Rossini gilt als der wichtigste Begründer des Bel Canto. Deshalb sind seine frühen Opern auch musikhistorisch sehr interessant.
21er Haus: Das neue Museum
Ein weiteres Museum in Wien ist eine gute Nachricht. Das dem Belvedere angegliederte Haus für zeitgenössische Kunst füllt das ehemalige 20er Haus mit neuem Leben, das in der jüngeren Kulturgeschichte Wiens eine wichtige Rolle spielte. Für 32 Millionen Euro wurde das Haus saniert und vor einigen Tagen neu eröffnet. Das Gebäude ist beeindruckend, allerdings als Ausstellungsort nicht unproblematisch. Speziell im lichtdurchfluteten Raum im Erdgeschoß, bei dem riesige Fensterfronten die Wände ersetzen, könnte die Aussicht und Raumwirkung samt Aussicht der Kunst die Schau stellen.
Deshalb sind die Kunstwerke auch im oberen Stockwerk untergebracht. Hier erlauben die Fenster dank weißer Färbung keinen Ausblick. Durch die umlaufende Galerie mit Blick nach unten ist der Raumeindruck abwechslungsreich. Ausstellungen für aktuelle Kunst könnten hier ein passendes Ambiente finden.
Abgesehen von der nicht sehr umfangreichen Wotruba-Galerie im Keller, krankt das 21er Haus derzeit an einer für ein Museum ungewöhnlichen Symptomatik: Es gibt kaum Kunstwerke, und die der Eröffnungsausstellung Schöne Aussichten sind nicht mal beschriftet. Man bat eine Reihe von Künstlern künstlerisch auf das neue Haus zu reagieren. Am Interessantesten ist Peter Koglers Video-Installation mit Künstlerportraits.
Die Eintrittsgebühr versteht man besser als Architektur-Eintritt. Eine Buchhandlung mit aktuellen Kunstbüchern befindet sich im Foyer des Hauses. Für Januar ist die nächste Ausstellung angekündigt.
Altenberg Trio
Musikverein 15.11.
Esther Haffner, Viola
Franz Schubert
Trio für Klavier, Violine und Violoncello B-Dur, D 898
Johannes Brahms
Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 1 g-Moll, op. 25
Viele Jahre lang, spielte das Alban Berg Quartett die Hauptrolle in meiner Kammermusik-Nahversorgung. Ich hatte ihren Wiener Zyklus abonniert bis sie sich Ende 2007 auflösten. Das Altenberg Trio könnte ein würdiger Nachfolger sein, zumindest diesem ersten Konzert nach. Das berühmte Schubert-Trio wurde makellos und beeindruckender Präzision gespielt. Schubert schrieb das Quartett bekanntlich in seinem letzten Lebensjahr 1828. Aufgeführt wurde es vom ersten “professionellen” Klaviertrio der Musikgeschichte, die sich 1827 zusammenfanden: Ignaz Schuppanzigh, Joseph Lincke und Carl Maria von Bocklet.
Nach der Pause ergänze Esther Haffner (Viola) das Ensemble zum Streichquartett. Brahms Quartett in g-moll zeigt, dass Brahms Bemühen, aus dem Schatten Beethovens zu treten, letztendlich sehr erfolgreich war. Obwohl er einiges von Beethoven übernimmt, ist es ein eigenständiger Parforce-Ritt an musikalischen Ideen und endet in einem furiosen Finale (beeinflusst von Roma-Musik).
Das Klavier klang bei beiden Stücken etwas zu dominant, das kann aber auch an meinem Sitzplatz (ganz vorne links) gelegen haben. Freue mich schon auf die nächsten Konzerte des Altenberg Trios.




Letzte Kommentare