Wien

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Robinson Crusoe – Projekt einer Insel

Burgtheater 4.5. 2012

Regie: Jan Bosse
Bühnenbild: Stéphane Laimé

mit
Ignaz Kirchner
Joachim Meyerhoff

Auf Joachim Meyerhoffs Initiative entstand dieser schräge Abend zu einem der berühmtesten Klassiker der Weltliteratur. Der Aufwand für diese Inszenierung ist enorm: Die Zuschauer sitzen auf der umgebauten Bühne, während sich Meyerhoff und Kirchner im Zuschauerraum austoben. Das darf durchaus wörtlich verstanden werden, wird doch ein Teil des Zuschauerraums, der als Insel figuriert, durch Robinsons Zivilisierungsaktivitäten zerlegt. Es werden Sitze aufgeschlitzt, Türen ausgehängt, Armlehnen abgebrochen. Dem naiveren Teil des amüsiert-entsetzten Publikums sei gesagt: Zu diesem Behufe wurde extra ausrangierte Sitze montiert. Es wurde also nur Sperrmüll beschädigt.

Die Idee, das Burgtheater konkret als Insel zu nehmen, trägt gut. Der Abend erhält dadurch eine zusätzliche Dimension, nämlich die Auseinandersetzung mit Theater und Hochkultur, was auch explizit thematisiert wird.

Insgesamt wirkt der Abend wie eine Mixtur aus brutalem Naturalismus, so hüpft Meyerhoff als Robinson mit langem Bart auch mal splitternackt durch den Saal, Monty Python und Loriot. Die Waage neigt sich aber sehr zu Monty Python, zumal der Naturalismus an Monty Python and the Holy Grail erinnert, und viel Absurd-Groteskes zu sehen ist. Ignaz Kirchner unterstützt Meyerhoff furios als Vater und Freitag.

Eine sehr originelle Angelegenheit. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, dass Meyerhoff solche Projekte nur deshalb macht, damit er in 10 Jahren wieder lustigen Stoff für weitere Teile seiner Autobiographie hat.

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Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch

Akademietheater 25./26.2. 2002

Teile 1-6:

Amerika, Zuhause in der Psychiatrie, Die Beine meiner Großmutter, Theorie und Praxis, Heute wärst du zwölf, Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Seit Joachim Meyerhoff Mitglied des Burgtheater-Ensembles ist, schätze ich ihn als großartigen Schauspieler. Ich gehe sogar so weit, ihn zu den besten Könnern seines Faches zu zählen, die ich je auf der Bühne sah. Während sich viele Schauspieler Spezialgebiete suchen, ist Meyerhoff von ungewöhnlicher Wandlungsfähigkeit. Sein Mephisto etwa war brillant.

Alle Toten fliegen hoch war ein am Burgtheater von Meyerhoff ins Leben gerufenes “Privatprojekt”, nämlich die Auseinandersetzung mit seiner Biographie in theatralischer bzw. literarischer Form. Als originelles Format wählte er eine Variante der szenischen Lesung. Ab und zu spielt Meyerhoff eine Szene oder greift zu illustrierenden “Requisiten” aus seinem Leben. Den erste Teil gibt es auch als Buch: Amerika. Das nächste Buch ist in Arbeit. Als Abschluss konnte man nun alle sechs Teile an einem Wochenende im Akademietheater sehen: Knapp 12 Stunden lang.

Das Ergebnis ist frappant! Meyerhoff ist nicht nur ein ausgesprochen begnadeter Erzähler, der über viele Stunden sein Publikum mit seinen lebenssatten Schilderungen fesselt, sondern auch ein Humorist ersten Ranges. Die Funken, die er aus seiner Biographie schlägt, sind oft hochgradig komisch. Es gibt freilich auch viele tragische und groteske Momente. Am Ende fühlt man sich fast als Teil seiner Familie. Seine scheinbar ausschließlich privaten Anekdoten transzendieren diese Privatheit, wenn er über die Krankheiten und das Sterben von Angehörigen erzählt.

Ich habe mich schon lange nicht mehr über so viele Stunden auf so hohem Niveau unterhalten gefühlt. Es bleibt zu wünschen, dass sich Joachim Meyerhoff weitere literarische Projekte vornimmt.

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Klangforum Wien

Wiener Konzerthaus 15.2. 2002

Dirigent: Jean Deroyer
Flöte: Eva Furrer

«Vexationen»
Pierre Boulez: Mémoriale (… explosante-fixe … Originel) (1985)
Morton Feldman: Instruments II (1975)
Olga Neuwirth: … miramondo multiplo … (2007)
Beat Furrer: Time out (1995)
Friedrich Cerha: Bruchstück, geträumt (2009)

Wie viele Städte weltweit gibt es, in denen große Konzertsäle bis auf den letzten Platz mit einem avantgardistischen Musikprogramm gefüllt werden? Wien zählt ohne Zweifel zu diesem elitären Kreis. Das Klangforum Wien ist freilich auch eines der weltbesten Ensembles für moderne klassische Musik und genießt in dieser ästhetisch wichtigen Nische einen ähnlichen Rang wie die Wiener Philharmoniker beim klassischen Repertoire.

Dieses Konzert zeigte das einmal mehr sehr deutlich. Nicht nur war die Stückauswahl exzellent, die konzentrierte Präzision der Musiker war beeindruckend. Wie der Titel Vexationen bereits andeutet, lag der Schwerpunkt auf einer ruhigen, ab und zu schrägen Klangfläche, wofür ja speziell Morton Feldmann berühmt ist, nur selten unterbrochen durch größere Dynamik. Die exzellente Wiener Komponistin Olga Neuwirth glänzte in ihrer Komposition mit ironischen Anklängen an die klassische Tradition.

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Shakespeare: Romeo und Julia

Burgtheater 7.2. 2012

Regie: David Bösch

Romeo: Daniel Sträßer
Julia: Yohanna Schwertfeger
Bruder Lorenzo: Branko Samarovski
Mercutio: Fabian Krüger
Benvolio: André Meyer

Eine für aktuelle Burgtheater-Verhältnisse provokante Inszenierung, in der fröhlich geflucht, gekotzt und geplanscht wird. David Bösch wählt einen ironischen Klamaukstil für seine Inszenierung, der sich allerdings gut argumentieren lässt. Die jugendlichen Aristokraten der italienischen Stadtstaaten hatten ja tatsächlich oft Unfug im Kopf und waren überwiegend testosterongesteuert. Diese Tunichtgut-Kultur transferiert Bösch plausibel in ein aktuelles Setting. Der ironische Unterton ist ein passender Kontrapunkt gegen die pathetische Liebestragödie. Für meinen Geschmack war der Klamaukfaktor allerdings zu hoch und die Kampfszenen (ein grandioser Fabian Krüger) zu lang. Vor allem, wenn man sie in Bezug zu den vielen gestrichenen Szenen setzt. Das Finale beeindruckt dagegen vorbehaltlos. Der Reaktion des überwiegend jungen Publikums auf dem zweiten Mittelrang nach, trifft Bösch deren Geschmack aber ausgezeichnet.

Im Zentrum des Bühnenbilds ist ein See zu sehen, der durch einen kreuzförmigen Übergang in vier Quadrate geteilt wird, und der in fast jeder Szene als Planschbecken dient. Darüber thront in der Mitte ein rechtwinkliger Kasten, der auf und ab schweben kann, und ebenso als Balkon wie als Grab dient.

Eine ungewöhnliche, sehenswerte Inszenierung mit einigen Schwächen.

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Die Österreichische Nationalbibliothek und Google

Die Österreichische Nationalbibliothek lässt von Google 600.000 Bücher digitalisieren. Max Kaiser beschreibt das Projekt in Liber Quarterly unter dem Titel Putting 600,000 Books Online (PDF).

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Tennessee Williams: Endstation Sehnsucht

Burgtheater 4.2. 2012

Regie: Dieter Giesing

Blanche: Dörte Lyssewski
Stella: Katharina Lorenz
Stanley: Nicholas Ofczarek
Mitch: Dietmar König

Das 1947 uraufgeführte Südstaaten-Drama ist ein höchst publikumswirksames Stück. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann, dessen Vertrag kürzlich verlängert wurde, setzt für die große Bühne des Hauses letzthin fast ausschließlich auf Publikumsmagneten und scheut sich auch vor schlechtem Boulevard wie Woody Allens Eine Mittsommernachts-Sex-Komödie nicht zurück. Im neuen Burgtheater-Magazin wird das Publikum um Geduld gebeten. Jeder wird es sehen können in den nächsten Monaten…

Der Fairness halber sei erwähnt, dass auf den kleineren Bühnen des Hauses (Kasino!) oft exzellentes Theater geboten wird. Mehr ästhetischer Wagemut wäre aber auch für das Burgtheater zu wünschen.

Endstation Sehnsucht ist ein packendes Psychodrama. Blanche Dubois kreuzt unerwartet bei Ihrer Schwester Stella auf, die aus dem vornehmen Familien-Gutshaus ins Bett eines Alpha-Proleten mit polnischem Migrationshintergrund flüchtete: Stanley Kowalski. Zwischen der (scheinbar) kultivierten Blanche und dem (offensichtlich) unkultivierten Stanley beginnt ein Konflikt, der am Ende in einer Vergewaltigung endet. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass Blanche alle belog, und sich seit einiger Zeit als eine Art bessere Prostituierte durchs Leben schlägt. Nicholas Ofczarek gibt einen so überzeugenden Proleten, dass die Grenze zur Karikatur ab und zu überschritten wird. Ein Hauch Ironie und Ambivalenz hätte nicht geschadet!

Das Stück wird handwerklich (Charakterdarstellung!) auf der für dieses tragische Kammerspiel eigentlich viel zu großen Bühne hervorragend heruntergenudelt. Die Inszenierung ist auf uninspirierte Weise klassisch. Am Ende fühlt man sich passabel unterhalten. Ein erstklassiges Theatererlebnis sieht anders aus.

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Gounod: Faust

Wiener Staatsoper 2.2. 2012

Dirigent: Alain Altinoglu
Regie: Stephane Roche
Le Docteur Faust: Jonas Kaufmann
Méphistophélès: Albert Dohmen
Valentin: Adrian Eröd
Marguerite: Inva Mula

Faust (1859) ist das bekannteste Werk des Franzosen Charles Gounod. Ein spannendes Projekt, das als “urdeutsch” geltendes Stück als französische Oper auf die Bühne zu bringen. Zumal er sogar patriotische Soldatenchöre integriert. Wie im jüngsten Faust-Film, konzentriert sich auch Gounod vor allem auf die Gretchen-Tragödie. Das ist insofern erstaunlich als der Komponist Philosophie und Theologie studierte, ihm also der intellektuelle Gehalt des Stücks eigentlich interessiert haben müsste.

Musikalisch erinnert die Oper an italienisches Belcanto: Eine schöne Melodie jagt die nächste. Lange Arien, Ensembles und Chorszenen sind sehr auf Effekt arrangiert. Das Ergebnis ist ein kulinarisch ergiebiger Opernabend, speziell wenn die Aufführung auf musikalisch so erfreulichem Niveau gegeben wird, wie in diesem Fall. Die Inszenierung war (dem Bühnenbild nach) modern, allerdings ohne irgendwelche Akzente zu setzen.

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Woody Allen: Eine Mittsommernachts-Sex-Komödie

Burgtheater 20.1. 2012

Regie: Matthias Hartmann

Andrew: Michael Maertens
Adrian: Dorothee Hartinger
Maxwell:Roland Koch
Dulcy: Esmée Liliane Amuat
Leopold: Martin Schwab
Ariel: Sunnyi Melles

Woody Allen ist einer meiner bevorzugten Filmemacher. Von seinen mehr als 50 Filmen kenne ich alle, die meisten sah ich mehrfach. Ich schicke das voraus, weil ich seine Mittsommernachts-Sex-Komödie für ein ausgesprochen schlechtes Stück halte, das auf einer guten Bühne nichts verloren hat.

Zwar gibt es ein paar nette Pointen, aber ansonsten trieft die Komödie mit Klischees. Die märchenhafte Konzeption passt nicht zu vielen “realistischen” Motiven, weshalb der Text oft wie schlechte Esoterikpropaganda wirkt.

Schade, schade, schade, diese erstklassige Besetzung für einen so miesen Text zu verwenden. Welche Theaterverschwendung!

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Verdi: Un ballo in maschera

Staatsoper 12.1.

Dirigent: Philippe Auguin
Regie: Gianfranco de Bosio

Gustav III: Neil Shicoff
Graf René Ankarström: Leo Nucci
Amelia, seine Gattin: Barbara Haveman

In den Jahren nach 1857 komponiert, setzte Verdi bei der Handlung ganz auf den Zeitgeschmack. So manches erinnert an die Romane Walter Scotts und die gothic novel. Dämonische Wahrsagerinnen kommen ebenso zum Zuge wie mitternächtliche Friedhöfe auf denen Galgen stehen. Die Popularität der Oper überrascht also nicht, zumal Verdi auch musikalisch brilliert.

Der Abend in der Staatsoper war leider nicht brillant. Neil Shicoff war indisponiert und sang die Partie des Gustav III. merklich geschwächt. Auch das Staatsopernorchester ließ sich Zeit, um auf Touren zu kommen. Ansonsten war die vokale Leistung aber superb.

Die Inszenierung war eine museale, was ich zunehmend weniger aushalte. Am besten gelang noch der Maskenball am Ende: Kostüme (Farben!), Masken und die Choreographie waren beeindruckend.

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Ein Wiener Bibliomane

Ein sehr schönes Porträt des Wiener Büchersammlers Wolfgang Telesklav kann man in der Wiener Zeitung nachlesen. Bald 30.000 Bücher nennt Telesklav sein eigen und sammelt immer noch intensiv weiter.

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