Skeptizismus

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Bart Ehrman: God’s Problem

Über Bart Ehrman schrieb ich an dieser Stelle schon öfters, ist er doch einer der lesenswertesten Relgionskritiker und Bibelwissenschaftler (im richtigen Sinn des Wortes). In God’s Problem nimmt er sich des in der Tat größten Problems an, das nicht nur die christliche Religion dem denkenden Menschen stellt: Wie passt das monotheistische Gottesverständnis mit dem Leiden auf der Welt zusammen? Die Theodizee steht also im Mittelpunkt.

Ehrman beleuchtet das Problem und die traditionellen Erklärungen aus vielen Perspektiven. Er beschäftigt sich besonders ausführlich mit den diversen Rechtfertigungsversuchen des Leidens im Alten und Neuen Testament. Davon gibt es eine ganze Reihe und für den Bibelfesten ist es keine Überraschung, dass diese widersprüchlich sind. Nebenbei ist das Buch auch eine Art Weltanschauungs-Biographie, da Ehrman keinen Hehl daraus macht, dass es nicht zuletzt das Theodizeeproblem war, das ihn vom Glauben abbrachte. Zusätzlich zu seiner in anderen Büchern ausführlich dokumentierten Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments.

Wer sich für Religionskritik interessiert und nachlesen will, wie klassische theologische Erklärungen hier ins Leere laufen, der wird God’s Problem mit Gewinn lesen.

Bart Ehrman: God’s Problem. How the Bible Fails to Answer Our Most Important Question – Why We Suffer (HarperOne)

Klimawandel

Als Skeptiker verfolgt man die Klimawandel-Debatte insofern aufmerksam als man nicht einer Hysterie aufsitzen will, die so gerne von den Medien geschürt wird. Nicholas Stern scheint mir aber gute Argumente bei der Hand zu haben, warum man politisches Handeln in dieser Frage nicht mehr auf die lange Bank schieben soll:

At the same time, we must recognize that predictions must be in terms of risks, uncertainties, and probabilities. There is uncertainty about future emissions, about the possibilities of absorption of greenhouse gases by the land, forests, and oceans, about the magnitude of warming from changes in greenhouse gas levels, and about the effects on local climates around the world. The issue for policy is how to manage risk, taking account of strong scientific evidence that the risks are potentially very large. These are not small probabilities of something nasty, but large probabilities of something catastrophic.

To deny the urgency of strong action in the face of all the evidence is unscientific, irrational, and dangerous. It is unscientific because it dismisses sound science and evidence built over a long period. It is irrational because such denial would require more than just querying some aspects of the science. It would require great confidence both that the scientific findings are wrong and that the risks are small, since the consequences of being mistaken in assuming that the science is right or that it is wrong would be very different.

Acting as if the scientific evidence were wrong would lead us to concentrations of carbon dioxide carrying immense risks if the science were right. Acting as if the scientific findings were right might lead us to excessive investment in developing low-carbon technologies and protecting forests if the findings turned out to be wrong; but these actions are nevertheless likely to have very substantial other benefits in energy security, energy efficiency, biodiversity, and so on. Finally, denying the urgency of strong action is dangerous because the process by which emissions become concentrated has a ratchet effect, and delay in action results in higher concentrations and a more difficult “starting point.”

There is much more scientific work to do, and many uncertainties are likely to remain, but the evidence is overwhelming that the risks are large and that delay will be dangerous. The weight of this theory and evidence is no doubt why those who deny that greenhouse gases cause climate change have to resort to tactics similar to those used a few decades ago to dispute the impact of smoking on health. One such tactic is to find one or two weak or erroneous scientific papers among the many thousands of good ones and use them as an implied smear on all the rest. Another is to make use of the irrational argument that the remaining uncertainties imply that the best hypothesis is to assume that the risks are negligible. Another is to try to deliberately confuse trends and cycles. There will be cycles and random events but the underlying trend is strong. And as in the case of smoking, there are powerful vested interests ready to fund the sowing of the seeds of doubt.

(Quelle: New York Review of Books No. 11/2010)

“Astrologie ist Unsinn”

So betitelt Astronom Florian Freistetter seinen lesenswerten Artikel über einen der größten Aberglauben unserer Zeit. Wer sich für Naturwissenschaften interessiert, sollte seine Beiträge regelmäßig lesen.

Apple zensiert James Joyces’ “Ulysses”

Es ist seit längerer Zeit kein Geheimnis mehr, dass Apple in seinem App Store mit rigider Hand Zensur ausübt. Betroffen sind davon nicht nur nackte Brüste, die bekanntlich in Amerika im Gegensatz zu Gewalt aller Art als großes moralisches Übel gelten. Auch Religionskritik oder politische Karikatur wurde verboten. Einen Überblick hat die n-tv Onlineredaktion zusammengestellt.

Jetzt ist davon auch die Web-Comic-Adaption eines der besten je geschriebenen Bücher betroffen, was hier nachzulesen ist. Höchste Zeit für alle Leser, sich von den Produkten dieses Konzerns zu verabschieden.

Nordkorea in Wien – ein Augenzeugenbericht

Museum für angewandte Kunst 25.5.

Blumen für Kim Il Sung heißt die seltsame Ausstellung, die Peter Noever nach Wien in sein Museum holte. Der göttliche Kim Il Sung spielt die Hauptrolle, weshalb man natürlich am Eingang einen Metalldetektor passieren muss. Im ersten Stock sitzen zwei fröhlich wirkende Asiaten (gute Tarnung?), und der Gedanke liegt nahe, dass der nordkoreanische Geheimdienst seinen großen Führer (gut, dessen Abbilder) natürlich nicht ohne Begleitschutz ins feindliche Ausland schickt. In der Ausstellung steht sich das Sicherheitspersonal selbst im Weg und man sähe gerne das Vertragswerk, das die Ausstellungsmodalitäten regelt.

Höhepunkt des Wahnsinns sind die Schnüre, welche die Portraits Kim Il Sungs weiträumig absperren: Niemand soll der selbsternannten Erlaucht zu nahe treten. Zu sehen ist er in allen Situationen des besorgten Landesvaters: Mit Arbeitern, Bauern, Kindern etc., von denen jeweils wohlgenährte Exemplare abgebildet sind, welche die Künstler offenbar trotz der Hungersnöte im Land als Modell auftreiben konnten.

Die Bilder selbst sind so weit vom westlichen Kunstverständnis entfernt, dass man sie zum Anlass für ein längeres kunstphilosophisches Traktat nehmen könnte, mit Schwerpunkt auf dam Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Der Sachverhalt ist weniger eindeutig als man denkt. Die Beschäftigung mit der Kunst der Renaissance vor und während der Toskanareise führte deutlich vor Augen, dass viele der größten Maler auch brav ihren Auftraggeber gehorchen mußten. Man hielt sich an den Renaissancehöfen auch gerne gut bezahlte Hofhumanisten.

Diese Art der totalitären Ästhetik erinnerte mich jedenfalls sehr an meine Reise durch Turkmenistan.

Das MAK erlaubt seinen Besuchern also eine Erfahrung zu machen, die man sonst nur auf entlegeneren Reiserouten geboten bekommt. Fakt ist aber auch, dass man mit dieser Kooperation eines der übelsten Regime international aufwertet.

[30.4.]: Der Economist berichtet ausführlich über die aktuelle Situation in Nordkorea.

“The Corrupt Reign of Emperor Silvio”

So der Titel von Alexander Stilles bedrückendem Portrait über die politische Situation in Italien, die er hübsch eine „whore-ocracy“ nennt. Der Artikel ist leider kostenpflichtig.

In the past year, Italy’s political life has come to resemble some strange cross between a Mexican soap opera and Suetonius‘ description of the imperial excesses of the Caesars. First there were the revelations of Prime Minister Silvio Berlusconi’s peculiar relationship with Noemi Letizia, a teenage girl from Naples who called him „Papi,“ prompting speculation about whether she was his illegitimate daughter or an underage lover. „I wish she was his daughter!“ Berlusconi’s wife, Veronica Lario, commented; she asked publicly for a divorce, saying that she could no longer stay with a man who „frequented minors“ and „was not well.“

Next there were the photographs of the bacchanalia with topless girls and pantless politicians at Berlusconi’s pleasure palace villa in Sardinia, recalling images of Tiberius at Capri. Finally, there was the case of the call girls attending Berlusconi’s parties at the presidential palace in Rome, many of them paid by a Southern Italian businessman interested in winning government contracts for his health care business.
[…]

Neues aus dem katholischen Religionswesen

Kirche mahnt Blogger ab (!)
Callboys im Vatikan
Regensburger Domspatzen durch Missbrauch traumatisiert
100 Kinder im Kloster Ettal gequält
Missbrauch im katholischen Elitegymnasium

etc. etc. etc.

Menschenopfer gestern und heute

Zufällig stieß ich heute auf zwei Geschichten, die einen weiten historischen Bogen zu einem Thema spannen, das unsere Säugetierart nicht von von ihrer besten Seite zeigt. In der aktuellen Ausgabe von National Geographic (January 2010) ist ein lesenswerter Artikel über Ahnenverehrung und die Begräbnissitten in China. Titel Restless Spirits, leider nicht online verfügbar. Darin heißt es über die religiös motivierten Menschenoper zur Shang-Zeit (1600-1045):

An archaeologist once told me that he counted 60 different ways a person could be killed during a Shang ceremony.

Eine beeindruckende Fantasie beim Töten von Menschen! Zum empörten Naserümpfen besteht aber kein Anlass. In Afrika werden aufgrund eines weit verbreiteten Hexenaberglaubens ebenfalls viele Mitmenschen gewaltsam ins Jenseits befördert. Das war heute bei der BBC im Beitrag Witch-doctors reveal extent of child sacrifice in Uganda nachzulesen:

„They capture other people’s children. They bring the heart and the blood directly here to take to the spirits… They bring them in small tins and they place these objects under the tree from which the voices of the spirits are coming,“ he said.
Asked how often clients brought blood and body parts, the witch-doctor said they came „on average three times a week – with all that the spirits demand from them.“

So viel an dieser Stelle zur menschlichen Lernkurve.

Religion und Evolution

Seit einigen Jahren wird die Frage heftig diskutiert, inwieweit man das Entstehen der Religion evolutionstheoretisch erklären kann. Nicholas Wade setzt sich damit in seinem Buch The Faith Instinct: How Religion Evolved and Why it Endures auseinander. Eine lesenswerte Rezension findet sich im Economist:

Whatever Darwin’s personal sensibilities, Mr Wade is convinced that a Darwinian approach offers the key to understanding religion. In other words, he sides with those who think man’s propensity for religion has some adaptive function. According to this view, faith would not have persisted over thousands of generations if it had not helped the human race to survive. Among evolutionary biologists, this idea is contested. Critics of religion, like Richard Dawkins and Steven Pinker, suggest that faith is a useless (or worse) by-product of other human characteristics.

[…]

These objections aside, this is a masterly book. It lays the basis for a rich dialogue between biology, social science and religious history. It also helps explain a quest for collective ecstasy that can take myriad forms.

Über aktuelle Ersatz-Religionen

Theories of modernization are not scientific hypotheses but theodicies – narratives of providence and redemption – presented in the jargon of social science. The beliefs that dominated the last two decades were residues of the faith in providence that supported classical political economy. Detached from religion and at the same time purged of the doubts that haunted its classical exponents, the belief in the market as a divine ordinance became a secular ideology of universal progress that in the late twentieth century was embraced by international institutions.

[…]

Despite its claim of scientific rationality, neoliberalism is rooted in a teleological interpretation of history as a process with preordained destination, and in this as in other respects it has a close affinity with Marxism.

John Gray: Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia S. 105ff.

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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