Skeptizismus

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Frederick Crews: The New Attack on Evolution

The New York Review of Books 15 und 16/2001

Aus europäischer Perspektive wirkt der heftige Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten in den USA ziemlich skurill. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass es in Amerika dringend notwendig ist, sich dieser Bewegung der Gegen-Aufklärung publizistisch entgegenzustellen.

Nichts anderes macht Frederick Crews, wenn er sich mit einer neuen, sich gemäßigt gebenden Variante beschäftigt, der sogenannten Theorie des Intelligent Design, die zwar einige evolutionäre Vorgänge durchaus einräumt, aber Gott als Ursprung dafür postuliert.

Im ersten Teil diskutiert Crews eine Fülle von affirmativen Veröffentlichungen über diese “Theorie”. Selbstverständlich fällt es ihm leicht, auf die zahlreichen Argumentationsschwächen hinzuweisen:

The proper way to assess any theory is to weigh its explanatory advantages against those of every extant rival. Neo-Darwinian natural selection is endlessly fruitful, enjoying corroboration from an imposing array of disciplines, including paleontology, genetics, systematics, embryology, anatomy, biogeography, biochemistry, cell biology, molecular biology, physical anthropology, and ethology. By contrast, intelligent design lacks any naturalistic causal hypotheses and thus enjoys no consilience with any branch of science. Its one unvarying conclusion— “God must have made this thing”— would preempt further investigation and place biological science in the thrall of theology.

Even the theology, moreover, would be hobbled by contradictions. Intelligent design awkwardly embraces two clashing deities—one a glutton for praise and a dispenser of wrath, absolution, and grace, the other a curiously inept cobbler of species that need to be periodically revised and that keep getting snuffed out by the very conditions he provided for them. Why, we must wonder, would the shaper of the universe have frittered away thirteen billion years, turning out quadrillions of useless stars, before getting around to the one thing he really cared about, seeing to it that a minuscule minority of earthling vertebrates are washed clean of sin and guaranteed an eternal place in his company? And should the God of love and mercy be given credit for the anopheles mosquito, the schistosomiasis parasite, anthrax, smallpox, bubonic plague…? By purporting to detect the divine signature on every molecule while nevertheless conceding that natural selection does account for variations, the champions of intelligent design have made a conceptual mess that leaves the ancient dilemmas of theodicy harder than ever to resolve.

Der zweite Teil setzt sich allgemein mit neuen Publikationen über das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft auseinander.

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Hegel und die Sklaverei

…oder über die seltsamen Erklärungsansätze des Thomas Mießgang

(Literaturen 11/2001)

Es gibt einen intellektuellen Typus, der die einmal gelernten theoretischen Kategorien immer brav anwendet, egal wie unpassend oder anachronistisch sie bei nüchterner Betrachtung sind. Ist etwas erklärungsbedürftig, wird beispielsweise ein postmoderner Theoretiker aus seiner irrationalen Idylle gerissen und herbeizitiert. Darf es etwas Klassischeres sein, liegt auch Freud oder – wie in diesem Fall – Hegel nicht fern.

Mießgang schreibt eine Reportage über die ehemalige Sklaveninsel Gorée. Lobenswerterweise zitiert er einige wichtige Bücher zum Thema sowie den hier am 4. September empfohlenen Artikel von David Brion Davies. Doch sobald er das Vorgedachte verläßt und selbst zu denken anfängt, klingt das so:

Vielleicht kann man die Geschichte des internationalen Sklavenhandels als universalistische Großprojektion der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik verstehen: Wenn sich ein Muster in der Geschichte des Menschenraubs erkennen läßt, dann das eines unglücklichen, in sich entzweiten Bewusstseins, das sich nach der Synthetisierung sehnt. So [So?!; CK] entstanden gerade in jenen Nationen, deren Herren Millionen von Knechten produzieren, etwa in Großbritannien und den USA, Bewegungen, die die Sklaverei bekämpften und schließlich deren Abschaffung erzwingen konnten.

Um es mit Hegel zu sagen: es handelt sich um eine geschichtsteleologische Entwicklung hin zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein, “das sich seiner selbst als der Realität gewiß ist”, da es erkennt, “daß alle Wirklichkeit nichts anderes ist, als es.” [S. 8]

So viel ontologischen Unsinn eines offenbar selbst sehr unglücklichen analytischen Bewusstseins, bedarf eigentlich keines Kommentars, ebensowenig die “Plattformen des Seins” , die auf der armen Insel “aus Mangel an geografischer Ausdehnung übereinander geschichtet werden.” (S. 10). Das sind die amüsanten Auswüchse einer intellektuellen Kultur, deren Vertreter bei komplexen Problemen immer sofort Hegel oder Freud einfallen, anstatt beispielsweise Frege oder Popper, von naturwissenschaftlichen Theorien ganz zu schweigen.

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Bemerkungen zum Islam (2)

Die Absurdität der Wahrheitsansprüche der Religionen wird sofort evident, wenn man sich mit deren Entstehung beschäftigt. Der Islam ist hier keine Ausnahme. Bereits kurz nach dem Tod Mohammeds begannen diverse Spaltungsbewegungen und Sektenbildungen. Konträre Interpretationen von Texten, historische Verfälschungen je nach ideologischer Präferenz und Verbrämung sozialer Machtverhältnisse als religiöse “Gesetze” prägen das Bild. Als Beleg genannt seien nur Mu’tazilah, eine rationaler Theologie verpflichtete Schule, und die völlig unterschiedliche mystische Bewegung des Sufismus.

Die Missionierungsaktivitäten der vor allem dem islamischen Mystizismus verpflichteten Mönche, führte zu weiteren Verfälschungen. Denn es erwies sich – wie auch beim Christentum – als sehr zweckmäßig lokalen (Aber-)Glauben zu tolerieren bzw. sogar zu integrieren. Das erklärt die immer noch vorhandenen enormen Unterschiede in der religiösen Alltagskultur islamischer Länder (z.B. zwischen Arabien und Indonesien).

Allein diese Vielfalt führt den religiösen Wahrheitsanspruch erkenntnistheoretisch ad absurdum. Abstrakter gilt das natürlich für alle Weltreligionen, vertreten sie doch zahlreiche sich widersprechende Dogmen, die sich gegenseitig ausschließen. Deshalb ist es schon aus logischen Gründen unsinnig, religiöse Dogmen als Erkenntnisquelle auch nur in Erwägung zu ziehen.

Das größte Verdienst der islamischen Kultur ist philosophischer Natur. Es gab erstaunlich früh eine Reihe von Philosophen, ohne deren Einfluss die (abendländische) Geistesgeschichte anders verlaufen wäre. Bekannt sind vor allem Avicenna und Averroes sowie die Rezeptionsgeschichte der griechischen Philosophie, die über die Werke islamischer Gelehrter zurück nach Europa fand.

Weniger weiß man von anderen Denkern, etwa von Ibn Bajjah (gestorben 1138), der schon früh die Philosophie von der Theologie emanzipieren wollte und den erkenntnistheoretischen Wert der Wissenschaften betonte:

Philosophy, he claimed, is the only way to the truly blessed state, which can be achieved only [!] by going through theoretical science, even though it is higher than theoretical science [...] He is contemptuous of allegories and imaginative representation of philosophic knowledge, silent about theology [!], and shows no concern with improving the multitude’s opinions and way of life. [Britannica (1997) Band 22 S. 27]

Mir fehlt der Überblick über die geistesgeschichtlichen Forschungsgebiete an den moderneren islamischen Universitäten. Es wäre aber sehr zu wünschen, dass diese Geschichte des aufgeklärten Islam in Forschung und Lehre angemessen berücksichtigt wird.

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Postmoderne Dummheiten: Jacques Derrida zu den Terroranschlägen

Frankfurt – Der französische Philosoph Jacques Derrida, der am Samstag in der Paulskirche von Frankfurt den Theodor-W.-Adorno-Preis (703.500 Schilling) erhielt, fühlt sich nach den Terroranschlägen in seiner Philosophie der Dekonstruktion, in der es keine absolute Wahrheit und keinen letzten Sinn gibt, bestätigt. (dpa)

Dabei würde ein Blick in seine Bücher genügen, um die Existenz von Sinn-losigkeit an sich grandios zu belegen. Seine anderen Thesen sind bereits ein paar tausend Jahre alt, aber das scheint ihn ja nicht zu stören: Marketing statt Philosophie ist angesagt.

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KlassikAkzente Nr. 2/2001

Verzweifelt muss sie sein, die klassische Plattenindustrie, angesichts der eigenartigen Versuche, die Verkaufszahlen zu heben. Der Titel der KlassikAkzente – das Werbemagazin von Universal Classics (DGG, Decca, Philips) – preist die neue Crossover-CD der Deutschen Grammophon an, nämlich eine Gemeinschaftsproduktion von Anne Sofie von Otter und Elvis Costello:

Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Elvis Costello, dem intellektuellen Postpunk-Barden mit hochkulturellen Absichten, und Anne Sofie von Otter, der klaren Stimme aus dem Norden.

Frau von Otter über ihre ästhetische Strategie:

Ich musste die ganze klassische Ausbildung außen vor lassen…und mich quasi in die Situation versetzen, wenn ich zu Hause bin. Da stehe ich auch nicht in der Küche und schmettere mit meiner Opernstimme.

Das ist sicher ein spannendes Hörerlebnis, Postpunk-Barde und Küchenstimme…

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Merkheft Nr. 171

Das neue Merkheft steht zum Download* bereit und bietet neben den bei Zweitausendeins üblichen Skurrilitäten – Gefühle und der Sinn des Lebens. Wer sich von Gefühlen leiten läßt, gehorcht in Wahrheit seiner Vernunft – auch wieder Interessantes, beispielsweise:

  • Arno Schmidt: Das erzählerische Werk bis 1970 für DM 29.- (statt unlizenziert DM 320.- bei Haffmans
  • Cervantes: Gesamtausgabe 4 Bände diesmal für DM 35.-

Das Durchblättern des Merkheftes ist wie immer amüsant, so wird Short Cuts 4 von Gilles Deleuzes unter dem Titel “Kleine Bücher großer Denker” angepriesen, anstatt korrekt unter “Angeblich große Bücher kleiner Denker”. Der geneigte 2001-Kunde bekommt auch einen kleinen Vorgeschmack:

Philosophie ist eine schöpferische Kunst, nicht weniger als Malerei und Musik. Sie erschafft Begriffe. Begriffe sind keine Allgemeinheiten, nicht einmal Wahrheiten. Sie haben mit dem Singulären zu tun, mit dem Neuen, mit dem, was einen trifft.

Natürlich sind Begriffe per definitionem Allgemeinheiten und natürlich wird hier die formal-logische Revolution der letzten 100 Jahre furios ignoriert, aber das kennt man ja aus dieser geistigen Ecke :-)

* Link führt zum datumsmäßig unabhängig jeweils aktuellen “Merkheft”.

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