Sachbücher

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Christopher Clark: Die Schlafwandler

Lange habe ich an den 900 Seiten dieser gründlichen Studie über den Beginn des Ersten Weltkriegs gelesen. Nicht weil das Buch tröge geschrieben wäre, sondern weil man sich für die vielen Details, die Christopher Clark hier ausbreitet, die notwendige Zeit nehmen muss:

Das vorliegende Buch setzt sich zum Ziel, die Julikrise von 1914 als ein modernes Ereignis, als das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten. Es befasst sich weniger mit der Frage, warum der Krieg ausbrach, als damit, wie es dazu kam.

Der Historiker zeigt bereits im ersten Kapitel diese Komplexität, indem er die innenpolitischen Turbulenzen beschreibt, die Serbien in den Jahrzehnten vor dem Kriegsausbruch beherrschen. Gefolgt von einer hübsch Das Reich ohne Eigenschaften betitelten Abschnitt über das k.u.k Österreich. Danach schließen sich die beiden umfangreichen Hauptteile des Buches an, die sich erst mit der Situation in Europa und danach mit der Krise beschäftigen.

Stellt man sich der Tatsache dieser Komplexität, tritt die bei Historikern und der Öffentlichkeit so beliebte Schuldfrage schnell in den Hintergrund. Deutschland kommt in Clarks Darstellung deutlich besser weg als in der bisherigen Historiographie, Russland weniger vorteilhaft. Was mich am meisten beeindruckt, ist die von Clark aufgedeckte Willkürlichkeit in den Entscheidungsapparaten der Regierungen. Man spricht gedankenlos ja schnell von „Deutschland“, „Frankreich“, „Russland“ oder „Serbien“ als seien diese Länder handelnde Personen. In Wahrheit entstehen in jedem Regierungsapparat Entscheidungen, die weniger von der Sachlage, sondern oft mehr von menschlichen Eitelkeiten geprägt sind. Stärker noch als Weltanschauungen können Karrierepläne, Neid, Liebesgeschichten usw. eine maßgebliche Rolle spielen. Diese Sicht blickt auf das andere Ende der Skala, wo abstrakte historische Strukturen und Kräfte den Gang der Geschichte beeinflussen. Hier kann ein morgendlicher Frühstücksstreit eines Außenministers die Weltgeschichte verändern.

Die chaotischen Interventionen der Monarchen, die ambivalente Beziehung zwischen Staatsdienst und Militär, der Wettstreit unter einflussreichen Politikern in Systemen, die sich durch eine geringe Solidarität unter Ministern oder Kabinettsmitgliedern auszeichneten, sowie die Agitation eine Massenpresse vor einem Hintergrund immer wiederkehrender Krisen und erhöhter Spannungen wegen Sicherheitsfragen – all dies verwandelte diese Jahre in eine Phase beispielsloser Unsicherheit in den internationalen Beziehungen.

Diese von Clark brillant vorgeführte Kontingenz des historischen Geschehens ist die eigentliche Lehre der Schlafwandler: Kleinigkeiten können in komplexen System katastrophale Folgen haben. Verstärkt wird das durch mangelnde Kommunikation, wofür die Julikrise ebenfalls reichhaltiges Anschauungsmaterial liefert. Deshalb kann man dieses Buch allen aktuellen Entscheidungsträgern nur dringend ans Hirn legen. Wir leben ja wieder in einer volatilen weltpolitischen Situation, wo eine vergleichbare Kombination von Eitelkeiten und Kleinigkeiten eine Weltkrise auslösen könnten. Hoffen wir, dass zukünftige Historiker keine dicken Studien über den Ausbruch des dritten Weltkriegs werden schreiben müssen.

Christopher Clark: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. (Deutsche Verlagsanstalt)

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Eine der Hauptaufgaben von Philosophen ist es, anscheinende Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, und dadurch grundsätzliche Reflexionen auszulösen. Unter den zeitgenössischen Denkern gibt es nur wenige, die das so gut beherrschen wie John Gray, Professor für European Thought an der London School for Economics. Eine seiner provokanten Kernthesen lautet, dass viele scheinbare säkulare Institutionen und Weltanschauungen in Wahrheit tief vom Christentum geprägt sind, und deshalb pseudoreligiöse Züge aufweisen. In meiner Notiz über Grays Buch Blackmass beschreibe ich diese Auffassung ausführlicher.

Heresies ist dagegen eine thematisch gruppierte Anthologie von Zeitschriftenartikeln, die zu Beginn des Jahrtausends erschienen sind. Zusätzlich zur erwähnten Extension des Religiösen spielt in vielen Essays auch Grays illusionsloses Menschenbild eine Schlüsselrolle. Ethisch habe die Menschheit seit Jahrtausend nichts hinzugelernt, weshalb man auch scheinbar großartige Fortschrittsideologien kritisch hinterfragen müsse. Marxismus und Neoliberalismus sind für Gray nur zwei Seiten derselben Medaille, nämlich ein von anthropologischen Fakten befreites Wunschdenken.

Die Schärfe von Grays Verstand zeigt sich in vielen seiner im engeren Sinn politischen Artikel. Er sagt das Desaster des Irakkriegs und die Destabilisierung des Nahen Ostens mit einer erschreckenden Präzision voraus.

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Gay Robins: The Art of Ancient Egypt

Mein Faible für englischsprachige kunsthistorische Bücher bestätigt sich einmal mehr: Gay Robins ausführlicher Überblick über die altägyptische Kunst ist hervorragend lesbar, obwohl sie oft ins Detail geht. Nach einer ausführlichen Einführung – Understanding ancient Egyptian art – geht sie chronologisch vor. Gay fängt mit der frühen dynastischen Epoche an und endet einige Jahrtausende später bei den Ptolemäern. Die vielen Abbildungen sind jeweils ausführlich erläutert. Zu den Klischees der Kunstgeschichtsschreibung gehört, dass die altägyptische Kunst ästhetisch immer völlig stabil geblieben sei. Es stimmt auch, dass man sie selbst als Laie sofort erkennt, auch wenn die Artefakte 3000 Jahre auseinander liegen. Trotzdem gab es – im größeren ästhetischen Rahmen – jede Menge Veränderungen. Das kann man anhand Gays Vorgehensweise ausgezeichnet nachvollziehen, weil sie immer wieder dieselben Themen (Grabbauten, Skulpturen…) in den unterschiedlichen Phasen behandelt. Bisher das beste Buch über ägyptische Kunst, das ich in Händen hielt.

Gay Robins: The Art of Ancient Egypt. (The British Museum Press)

Bildbände über Angkor

Wenn man sich auf eine Reise nach Angkor vorbereitet, bedarf es visueller Hilfen. Der preiswerte Band von Marilia Albanese leistete mir dabei große Dienste, zumal das Buch die Bilder mit ausführlichen Texten zu allen Aspekten der Khmer-Kultur abrundet. In einer künstlerisch und finanziell anderen Liga spielt der Band von Jaroslav Poncar. Hier gibt es nur vergleichsweise kurze Einführungstexte zu den jeweiligen Tempelanlagen, denen dann eine Menge grandioser Schwarz-Weiß-Fotos folgen. Nirgends habe ich die Tempel Angkors schöner abgebildet gesehen als in diesem fantastischen Bildband. Auch für Sofareisende bestens geeignet.

Marilia Albanese: Angkor (Krone)

Jaroslav Poncar: Angkor. Eine Hommage an die Götter in Stein. (Edition Panorama)

Reiseliteratur Vietnam und Kambodscha

Alle zur Reisevorbereitung von mir gelesenen Sachbücher bekommen wie immer eigene Notizen. Einige davon sind ja bereits online. Unterwegs verwendete ich den gut gelungenen Dumont Kunstreiseführer von Martin H. Petrich. Diese Reihe ergänze ich seit einigen Jahren immer gerne mit den Rough Guides im Ebook-Format am Tablet über die entsprechenden Länder, die mir mehr zu sagen als Lonely Planet. Hier finde ich auch immer die Tipps für die inhaltliche Reisevorbereitung (Literatur, Filme…) gut gelungen.

Martin H. Petrich: Vietnam. Kambodscha und Laos. Tempel, Klöster und Pagoden in den Ländern am Mekong (Dumont Kunstreiseführer)

Emma Boyle, Gavin Thomas: The Rough Guide to Cambodia (Rough Guides)

Ron Emmons: The Rough Guide to Vietnam (Rough Guides)

Jacquie McNish, Sean Silcoff: Losing the Signal – The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry

Mein Berufsleben war mehrere Jahre eng mit BlackBerry verknüpft, weshalb ich das Buch sofort nach dessen Erscheinen las. Jacquie McNish und Sean Silcoff beschreiben den riskanten Aufstieg von Research in Motion, wie die Firma lange hieß, von ihrer Zeit als kleines Startup über den Aufstieg zu einer der erfolgreichsten Technologiefirmen bis hin zum rasanten Abstieg nach Beginn des Smartphone Booms. Gut recherchiert und basierend auf vielen Interviews mit den damals Beteiligten liest sich der Titel spannend wie ein Technologiekrimi. Einerseits erfährt man viel über die Anfänge des mobilen Zeitalters einschließlich der wichtigsten Protagonisten (Motorola, Nokia, Apple, Google…). Andererseits bekommt einen exzellenten Einblick wie volatil Erfolge in dieser Branche eigentlich sind.

Jacquie McNish, Sean Silcoff: Losing the Signal: The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry (Flatiron Books)

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason

Als das Buch im Jahr 2000 erschien, las ich es zum ersten Mal. Für den zweiten Durchgang wählte ich die Hörbuchfassung, die etwa achtzehn Stunden lang ist. Der Untertitel A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance führt in die Irre: Von den 430 Buchseiten beschäftigen sich nur gut 40 mit der Zeit nach der Spätantike. In Wahrheit handelt es sich also um eine Einführung in die antike Philosophie. Wer sich bisher nur oberflächlich damit beschäftigte, wird mit dem Buch seine Freude haben. Gottlieb verzichtet auf technischen Jargon und umreißt die Kernkonzepte gut. Wie so viele angelsächsische Sachbücher, ist The Dream of Reason einfach gut geschrieben. Die einzelnen Philosophen werden in unterschiedlicher Qualität und Tiefe abgehandelt: Platons Werk hätte durchaus einen größere Breite verdient, da konzentriert sich Gottlieb vor allem auf den Staat. Aristoteles dagegen wird deutlich umfassender präsentiert.

Wer sich intensiv auf die Philosophiegeschichte einlassen will, dem empfehle ich das mehrbändige Werk des Frederick Copleston.

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance (Hörbuch)

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam

Vor meiner Vietnam-Reise im Januar begonnen, las ich es erst in den letzten Monaten langsam zu Ende. Es ist sicher eines der besten Bücher über den Vietnamkrieg, lässt es doch Beteiligte zu Wort kommen, nämlich die amerikanischen Soldaten. Die Anthologie versammelt ausgewählte Briefe, welche diese Soldatenkinder (viele unter 20 Jahre alt) an ihre Familien und Freunde schrieben. Die teilweise haarsträubende Lektüre gibt nicht nur einen Einblick in den Kriegsalltag auf amerikanischer Seite, sondern ist auch ein vernichtendes Dokument dessen, was Kriege mit Menschen machen:

My morale is not the best because my best buddy was killed the day before yesterday. I was standing 20 feet from him and a 60-mm mortal exploded next to him. He caught a piece of shrapnel in the head. I carried him over to the aid station where he died. I cried my eyes out. I have seen death before but nothing as close as this […] I think with the destruction I have seen in the past week I have aged greatly. I feel like an old man now. I am not as happy-go-lucky as before, and I think more maturely now.

I’m sick of facing, every day, a new bunch of children ripped to pieces. They’re just kids – eighteen, nineteen years old! It stinks! Whole lives ahead of them – cut off. I’m sick of death of it. I’ve got to get out of here.

Das letzte Zitat ist von einer Krankenschwester im Kriegseinsatz. Es sind nicht alle Briefe so brutal, aber auch jene, wo ein junger Mensch seine Lebensträume beschreibt und anschließend steht „KIA (Killed in action) x weeks later“ sind keine Gute-Laune-Lektüre.

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam (ReAnimus Press)

Peter Scholl-Latour: Der Tod im Reisfeld

Von meiner Rückkehr aus Indochina inspiriert, beginne ich mit dem Tod im Reisfeld als Nachbereitung der Studienreise, und bereue es schnell. Scholl-Latour ist zwar ein guter Beobachter, aber er hat für einen Sachbuchautor ein kleines Manko: Er kann nicht schreiben!

Einen derart unbeholfenen Stil dürfte man so schnell nicht wieder finden. Der Text trieft so sehr von sprachlichen Klischees, dass man Karl May im Vergleich posthum noch für den Literaturnobelpreis vorschlagen will. Scholl-Latour hat ein seltenes Talent immer die schlechtesten Adjektive auszusuchen. So vielen „finsteren“ Typen bin ich schon lange nicht mehr begegnet. Schlechte Sprache ist oft ein Indikator für schlechtes Denken: Auch das bestätigt sich. Weder abstrahiert der Autor noch merkt man, dass er sich mit Literatur zum Thema beschäftigt hätte. Kurz: Der schlecht geschriebene Erlebnisbericht eines Erwachsenen.

Peter Scholl-Latour: Der Tod im Reisfeld (Ullstein)

Doug Saunders: Arrival City

Die besten Sachbücher verändern unser Weltbild grundlegend: Arrival City ist eines davon. Doug Saunders revolutioniert unser Bild von Slums. Wir Vielgereisten kennen sie, diese schäbigen Wohnviertel am Rande von Städten. Die Stadtverwaltungen ignorieren oft die Bedürfnisse ihrer Bewohner, da sie illegal in der Stadt leben: Es gibt keine offizielle Infrastruktur.

Aus westlicher Perspektive sind Slums ein Hort der Armut und des menschlichen Versagens. In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt: Sie sind die Transformationsmotoren der modernen Großstädte und Ankunftskatalysatoren für Millionen Menschen, die vom Dorf in die Städte ziehen. Doug Saunders beschreibt diesen Prozess in seinem inspirierenden Buch. Seine Vorgehensweise ist dabei eine doppelte: Er bereist Ankunftsstädte, wie er Slums sehr treffend nennt, auf der ganzen Welt. Dabei ist er nicht nur in Entwicklungsländern unterwegs, sondern auch in Berlin, Paris oder Los Angeles. Er spricht mit vielen Menschen und erzählt ihre Schicksale nach, wobei er in jedem der zehn Kapitel einen unterschiedlichen Schwerpunkt setzt. Zusätzlich zu dieser reportagenhaften Vorgehensweise kommen noch Passagen, die sich mit der Urbanismus- und Migrationsforschung beschäftigen und die in Saunders eigene Thesen münden. Insgesamt eine sehr gut lesbare Mixtur.

Für uns Europäer besonders spannend sind jene Abschnitte, die sich mit der gescheiterten Zuwanderung in unseren Kontinent beschäftigen. Am Beispiel Berlin Kreuzberg arbeitet Saunders heraus, was man im Umgang mit Migranten alles falsch machen kann. Ein gut funktionierende Ankunftsstadt zeichnet sich nämlich unter anderem dadurch aus, dass sie entweder für viele Menschen eine Durchlaufstation in Richtung Mittelstand ist oder durch Legalisierung (Möglichkeit der Bewohner, Eigentum zu erwerben) ihren ursprünglichen Slumcharakter verliert.

Am Ende der Lektüre bleibt Bewunderung für die Slumbewohner: Es sind überwiegend innovative, kreative und energiereiche Menschen. Eine Bereicherung für jede Stadt.

Ein sehr gutes Buch, das sich mit einem indischen Slum beschäftigt, habe ich hier besprochen.

Doug Saunders: Arrival City (Büchergilde Gutenberg)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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