Sachbücher

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Florian Coulmas: Die Kultur Japans

Im Oktober steht eine Japan-Studienreise an. Da mir die japanische Kultur und Geschichte vergleichsweise fremd ist, bedarf dieses Unterfangen einer umfassenden Vorbereitung. Die Lektüre von Coulmas Die Kultur Japans war ein erster Schritt dazu. Der Autor ist als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo ein ausgewiesener Fachmann. Sein Buch liest sich denn auch mehr als ein Fachbuch denn als eines der üblichen mit Anekdoten gewürzten Sachbücher über fremde Länder. Coulmas beginnt mit anthropologischen und ethnographischen Begriffserklärungen und macht uns erst einmal mit seiner Methodologie bekannt. In vier großen Teilen bringt er seinen Lesern danach die japanische Zivilisation näher: Verhalten und soziale Beziehungen; Werte und Überzeugungen; Institutionen (Kultur und Struktur) und Materielle Kultur.

Die Gratwanderung zwischen der zeitgenössischen und der historischen Kultur des Landes gelingt Coulmas gut, wobei der Schwerpunkt auf einer geschichtlichen Betrachtungsweise liegt. Die Kapitel über Religion belustigen mich insofern als auch die japanischen Kleriker wie alle anderen weltweit ihr Geschäft auf Profitmaximierung ausrichten. Beispielsweise muss man für einen Toten eine Woche nach dessen Ableben einen posthumen Namen für die Geisterwelt wählen. Während die Standardversion einigermaßen erschwinglich ist, wird für luxuriöse Variante des Ehrentitels von buddhistischen Priestern bis zu eine Million Yen verlangt.

Durch das gesamte Alltagsleben zieht sich die strukturelle Trennung zwischen „westlich“ und „japanisch“. Von der Ernährung bis zur Architektur bestimmt diese Dichotomie das Denken der Japaner stark. So gibt es nicht nur unterschiedliche Wörter für westliche und japanische Nudeln. Diese findet man im Supermarkt auch in unterschiedlichen Regalen. Wichtig ist es ebenfalls zu wissen, dass die Ästhetik eines japanischen Raumes auf die Augenhöhe eines am Boden sitzenden ausgerichtet ist. Während viele die japanische Firmenkultur eine anthropologische Fundierung unterstellen, zeigt Coulmas, dass hier auch historisch kontingente Faktoren am Werke sind, die mit der Situation nach dem Zweitem Weltkrieg zu tun haben. Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Nach der Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen Buches ist man der japanischen Mentalität schon eine Stufe näher.

Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)

Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Diego de Landa: Bericht aus Yucatan

Diego de Landa (1524-1579) schrieb 1566 einen der wichtigsten Quellentexte über die frühe Kolonialzeit in Mexiko. Er lebte etwa dreißig Jahre auf Yucatán und hatte deshalb viel Erfahrung mit den Sitten und Gebräuchen der Maya. Eines der faszinierendsten Kapitel ist deshalb das Fünfte: „Lebensweise und Religion der Mayas“, wo de Landa auch ausführlich auf die gruselige Praxis der Menschenopfer eingeht. Für den aktuellen Leser weniger faszinierend sind die ausführlichen geographischen Beschreibungen. Als Missionar und erster Bischof des Landes was de Landa natürlich nicht unparteiisch. Er hatte im Gegenteil viele fanatische Züge und organisierte etwa Bücherverbrennungen von Maya-Literatur. Der Hauptgrund, warum heute nur noch sehr wenige Maya-Codices existieren, etwa der berühmte in Dresden.

Wissenschaftsgeschichtlich hat der Bericht ebenfalls eine außerordentliche Bedeutung. Er galt nämlich lange Zeit als verschollen und wurde erst 1863 in der Madrider Biblioteca de la Academia de Historia wiederentdeckt. Diese Wiederentdeckung war quellentechnisch die Voraussetzung für die Entzifferung der Maya-Schrift. Über das beste Buch zu diesem Thema gibt es eine eigene Notiz. De Landas Buch enthält einen ausführlichen Beitrag über das Maya-Alphabet ohne den wir die Mayaschrift bis heute nicht lesen könnten.

Diego de Landa: Bericht aus Yucatan. (Reclam Taschenbuch)

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World

Die Migrationsdebatte ist nicht nur von Polarisierung und Hass geprägt. Auf den einschlägigen rechtsradikalen Social Media Kanälen sind sogar eine Art von Fälscherwerkstätten entstanden, welche Erfundenes zur Diskreditierung Geflohener in Umlauf bringen. Auf der mir sympathischen flüchtlingsfreundlichen Seite werden potenzielle unerwünschte Migrationsfolgen mental aber auch gerne ausgeblendet. Eine nüchterne, objektive Betrachtungsweise findet man selten. Diesen Versuch unternimmt der Oxford Ökonom Paul Collier in Exodus. Dieser objektivierende Ansatz ist an sich sehr erfreulich, und man wünscht sich, dass der Professor viele Nachahmer finden möge. Er stößt mit seinem Projekt allerdings auf ein grundsätzliches Problem: Es gibt noch zu wenige Studien, Daten & Fakten, um eine zwingende Analyse zu liefern.

Trotzdem schildert Collier einige soziale Mechanismen der Migration sehr überzeugend. Ein Beispiel dafür wäre der Zusammenhang zwischen der Größe der Diaspora und der Migrationsrate. Dass eine große Diaspora einen Migrationsanreiz für Angehörige derselben Kultur darstellt, ist nahe liegend. In Kombination mit der Tatsache, dass die Integration in die Gastgesellschaft desto langsamer wird, je größer die Diaspora ist, ergibt eine brisante Einsicht. Interessant sind ebenfalls seine Beobachtungen, die negativen Auswirkungen zu starker Migration auf die Heimatländer betreffend.

Manche Aspekte des Buchs sind allerdings problematisch. Das betrifft vor allem das Kernargument über die negativen Folgen der Migration: Der Erfolg europäischer Gesellschaften sei in einem jahrhundertelangen Prozess entstanden, welche zu einem gemeinsamen Wertekatalog und zur Bereitschaft gegenseitiger Solidarität geführt habe. Als Beispiel für die gelebte Solidarität bringt Collier die Bereitschaft, für Sozialleistungen zu zahlen. Diese Bereitschaft des „mutual regard“ sieht der Professor nun durch zu viel Migration bedroht:

Mutal regard is valuable for the trust that supports cooperation and the empathy that supports cooperation and the empathy that supports redistribution. The habits of trust and empathy among very large groups of people are not natural but have grown as part of the process of achieving prosperity; immigrants of poor countries are likely to arrive with less of a presupposition to trust and emphathize with others in their new society.
[72/73]

Ohne diese Annahme wäre Colliers kritischer Blick auf die Migration schnell zahnlos, weil er an vielen Stellen einräumen muss, dass es wenige Studien gibt, welche einen negativen Effekt von Migranten auf ihre Gastgesellschaften belegen. Umgekehrt gibt es mehr Studien, welche positive Effekte betonen. Collier tendiert in seinem Buch dazu, die positiven Studien vorschnell abzutun, und einige Einzelstudien, welche negative Effekte belegen, dafür überzubewerten. Wissenschaftstheoretisch liegt es ohnehin auf der Hand, dass man mit einer einzigen Studie sehr vorsichtig sein muss. Für Erkenntnissicherheit ist es meist unabdingbar, eine Metaanalyse über viele Studien zu veranstalten. Collier steht bei seinem zentralen Aspekt des „mutual regard“ vor dem Problem, dass kaum Studien gibt, welche seine Hypothese stützen. Zu wenig, um seine gesamte Argumentation valide darauf zu stützen.

Hinzu kommt, dass er bis zum Ende seiner Ausführungen die historische Dimension vernachlässigt. Die Weltgeschichte ist voller Beispiele, wo unterschiedlichste Kulturen mit hinreichend „mutual regard“ zusammenlebten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, vom Perserreich bis zu den Ottomanen. Deshalb wird man bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Collier implizit eine nationalistische Gesellschaftsauffassung voraussetzt, welche seine Urteile beeinflusst.

Angesichts der teils dürftigen Faktenlage und Colliers regelmäßiger methodischer Selbstreflexion, schadet das Exodus aber nur bedingt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Migrationsdebatte.

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World (Oxford University Press)

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code

Ein bemerkenswertes Buch, das Leser mit unterschiedlichen Interessen anspricht. Primär geht es um einen Wissenschaftskrimi, nämlich der Entzifferung der Mayaschrift, deren Bedeutung in einer Reihe mit der Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen steht. Gleichzeitig ist es ein Lehrstück in Sachen Wissenschaftssoziologie. Die korrekten Hypothesen über das Wesen der Mayaschrift wurden nämlich lange aktiv von Eric Thompson unterdrückt, dem führenden Mayaforscher seiner Generation, weil sie seinen eigenen (falschen) Theorien widersprachen. Ein Musterbeispiel dafür, wie Wissenschaft nicht funktionieren soll. So stammten wichtige Einsichten von einer Wissenschaftlergruppe aus Leningrad, deren Ideen mit antikommunistischen Kalten-Kriegs-Argumenten vom Tisch gewischt wurden. Es standen also politische und persönliche Interessen statt wissenschaftliche im Mittelpunkt.

Einige der Elemente dieser Geschichte entbehren nicht der Ironie. So war ein erst im 19. Jahrhundert entdecktes Manuskript Diego de Landas dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu einer Entzifferung kommen konnte, enthielt es doch die einzige Übersicht über das Maya-Alphabet. Gleichzeitig war Diego de Landa während seiner Zeit bei den Maya als fanatischer Bischof dafür verantwortlich, dass die meisten Maya-Bücher verbrannt worden. Heute gibt es kaum noch Exemplare. Eines davon ist der berühmte Dresden Kodex.

Anders als es der Titel verspricht, gibt es aber auch noch eine breitere Perspektive auf das Themenfeld. Es enthält die wichtigsten grundlegenden Informationen über die Geschichte und Kultur der Maya, weshalb es sich auch als allgemein einführende Lektüre eignet.

Michael D. Coe war als Forscher immer wieder selbst in die Entzifferung der Mayaschrift involviert und kennt viele der Protagonisten. Dieser Aspekt gibt dem Buch eine persönliche Note, die man in historischen Darstellungen nur selten findet.

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code (Thames and Hudson)

Bill Bryson: Shakespeare. The World as Stage

Über kaum einen Autor wurde mehr geschrieben als über Shakespeare. Egal wie esoterisch das Thema: Man findet gleich mehrere Bücher dazu. Angesichts dieser Flut an Sekundärliteratur ist nichts schwieriger als eine gute Einführung zu schreiben. Genau das gelingt Bill Bryson in diesem schmalen Büchlein. Er neigt weder zur Hagiographie noch zur übertriebenen Originalitätssucht – bekanntlich zwei sehr populäre Verfehlungen unter Shakespeare-Autoren. Ihm gelingt es im Gegenteil gerade die düstere biographische Quellenlage und die exotischsten Theorien über den Autor auf einer Metaperspektive darzustellen. Dieses Claimants betitelte Kapitel über angebliche Autoren der Werke Shakespeares ist einer der Höhepunkte des Buches. Ein gut geschriebenes, geistreiches kleines Buch.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (als Hörbuch)

Norman Hammond: The Maya

Diese Einführung in die Archäologie, Geschichte und Kultur der Maya ist eines der Bücher, welche ich als Vorbereitung für meine Mexiko/Guatemala-Studienreise las. Hammond ist selbst britischer Archäologe mit einschlägiger Mesoamerikaerfahrung und dadurch bestens qualifiziert für diese Aufgabe. The Maya ist eine der populäreren Bücher zum Thema, weshalb es auch in einer schönen bibliophilen Ausgabe der Folio Society zu haben ist, welche ich las. „Populär“ heißt aber in diesem Fall nicht, dass Hammond hier Kompromisse macht. Einige der Kapitel gleiten immer wieder ins Spezialistenhafte ab, was in meinen Augen freilich kein Schaden ist.

„Solide“ ist das Wort, welches mir bei der Beurteilung der Studie am meisten in den Sinn kommt. Nicht, weil ich den Inhalt als Experte selbst beurteilen könnte, sondern was die traditionelle Konzeption angeht. So gibt es erwartungsgemäß Kapitel über geschichtliche Epochen, Subsistence and Settlement, Politics and Kingship oder Architecture and Art, um nur einige zu nennen.

Wer sich für die Maya interessiert, kann damit nichts falsch machen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass das Buch bereits 1988 (leicht ergänzt 1994) publiziert wurde. Die Mayaforschung in den letzten zwanzig Jahren brachte eine Vielzahl neuer Ergebnisse, die hier naturgemäß alle fehlen.

Norman Hammond: The Maya (Folio Society)

Aaron James: Assholes. A Theory

Das Buch ist auf zwei Ebenen amüsant: Für uns gelernte Philosophen, weil Aaron James das Handwerkszeug der akademischen Philosophie auf das profane Thema „Assholes“ anwendet. Für alle anderen bleibt die systematische Auseinandersetzung mit diesem mühsamen Menschenschlag ebenso informativ wie amüsant.

James beschreibt nach einigen Präliminarien sein Untersuchungsgebiet wie folgt:

To summarize, then, our three requirements for a good theory of assholes are as follows. We are looking for (1) a stable trait of character, (2) that leads a person to impose only small or moderate material costs upon others, (3) but that nevertheless qualifies the person as morally repugnant.

Wie es sich gehört, gruppiert der Autor die Betroffenen danach in Untergruppen. Er geht selbstverständlich auch auf Gegenargumente gegen seine Hypothesen ein und bezieht sich immer wieder auf die Empirie, indem er konkrete Beispiele bespricht, etwa Trump lange vor seiner aktuellen Prominenz. In der zweiten Hälfte versucht Aaron Empfehlungen zu geben, wie man mit „Assholes“ im Alltag am besten fertig wird. Da besteht ab und zu die Gefahr des Abgleitens in Richtung einer (intelligenten!) Lebensberatungsliteratur.

Jedenfalls der erste mir bekannte ernsthafte philosophische Beitrag zu diesem gerade heute so aktuellen anthropologischen Problem.

Aaron James: Assholes. A Theory (Nicholas Brealey)

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie

Erschienen in „Literatur und Kritik“ Mai 2016

Die meisten Leser Thomas Bernhards kennen dessen Leben aus seinen autobiographischen Schriften, die in fünf Teilen zwischen 1975 und 1982 veröffentlicht wurden. Nicht in chronologischer Reihenfolge: Die frühesten Erinnerungen erscheinen unter dem Titel „Ein Kind“ erst als letztes Buch der Reihe. Bereits während meines Germanistikstudiums in Salzburg versuchte Hans Höller in den neunziger Jahren, Fakten und Fiktion in der Autobiographie des Autors zu unterscheiden und publizierte 1993 schon früh eine Rowohlt Monographie über ihn. Eine weit umfangreichere Arbeit legt nun der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer vor, der sich auch durch die Herausgabe einiger Bände in der kürzlich abgeschlossenen Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags Verdienste um den Autor erwarb und ein wichtiger Protagonist der Bernhard-Forschung ist. Leicht wurde ihm sein Projekt nicht gemacht: Der Nachlass-Verwalter Peter Fabjan und Stiefbruder Bernhards verbot ihm bedauerlicherweise aus unveröffentlichten Briefen zu zitieren, oder die mit Fabjan geführten Gespräche zu verwenden. Mittermayer war deshalb auf die öffentlich zugänglichen Quellen angewiesen. So greift er oft auf die Nachlass-Publikation „Meine Preise“ zurück.

Wer die Ästhetik Thomas Bernhards verstehen will, kann anhand der Autobiographie bereits ein Kernelement kennenlernen: Bernhard gibt der Fiktion immer Priorität über die Fakten, wenn es seine Literatur künstlerisch besser macht. Überhaupt inszeniert er sein Autorenleben gerne für das Publikum, ganz so als sei es eines seiner Theaterstücke. Mittermayer bringt dafür zahlreiche Beispiele aus allen Lebensphasen des Autors.

Ein wichtiges Ereignis im Leben des jungen Thomas Bernhard war etwa der Wechsel vom Salzburger Staatsgymnasium am Grünmarkt zu einer Kaufmannslehre in der berüchtigten Scherzhauserfeldsiedlung. Was wissen wir über die Fakten? Die schulischen Leistungen des Jungen waren nicht die besten, er musste die zweite Klasse nach einer verpatzten Latein-Nachprüfung wiederholen. Zusätzlich waren die ökonomischen Umstände seines Vormunds Emil Fabjan angespannt. Nachdem sich die Leistung nicht besserte, erfolgte die Abmeldung vom Gymnasium am 1. April 1947. Fiktional in „Der Keller“ verarbeitet macht der Autor daraus eine spontane, autonom getroffene existenzielle Entscheidung des Jungen: „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung, diesen Begriff in die entgegengesetzte Richtung hatte ich mir auf dem Weg in das Arbeitsamt immer wieder vorgesagt, immer wieder in die entgegengesetzte Richtung…“. Aus dieser – in seiner üblichen Manier übertriebenen – literarischen Entgegensetzung zwischen der bürgerlichen Welt des Gymnasiums und der Welt der Außenseiter in der Scherzhauserfeldsiedlung wird ein wichtiges strukturelles Grundprinzip des Buches. Eine schlichte Wiedergabe der Fakten hätte diesen ästhetischen Effekt nie erzeugen können.

Bernhard hat dieses Grundprinzip seines Schaffens nicht verschwiegen. Mittermayer unterbricht die Lebensbeschreibung immer wieder, um Bernhards Literaturauffassung zu schildern. Die zentralen Zeugnisse davon werden ausführlich zitiert. So zum wichtigen Begriff der Künstlichkeit im von Ferry Radax 1970 gedrehten Film „Drei Tage“: „In meinen Büchern ist alles künstlich, das heißt, alle Figuren, Ereignisse, Vorkommnisse spielen sich auf einer Bühne ab, und der Bühnenraum ist total finster.“

Ein Beispiel für Bernhards Selbststilisierung aus einer viel späteren Zeit ist seine Film-Aussage 1984 zu Krista Fleischmann: „Ich hab‘ immer aus eigenem Antrieb gelebt, hab‘ nie eine Subvention g’habt, es hat sich um mich nie jemand gekümmert, bis heute nicht.“ Mittermayer widerlegt diese Aussage mühelos anhand belegbarer staatlicher Förderungen.

Eine Stärke der Biographie Mittermayers ist es, diese Bezüge zwischen Biographie, Ästhetik und Rezeption regelmäßig herauszuarbeiten. Er stützt damit seine zu Beginn des Buches formulierte Auffassung: „Bernhards Literatur ist ohne Bezugnahme auf die Biografie nicht zu verstehen – Bernhards Literatur jedoch ist aus seiner Biographie nicht zu erklären“.

Speziell die Wirkungsgeschichte ist Mittermayer immer wieder ein Anliegen. Den Werkbeschreibungen, egal ob es sich um einen Prosatext oder um eine Theateraufführung handelt, folgt eine kurze Rezeptionsgeschichte. Dafür greift der Biograph nicht nur auf die Rezensionen der führenden Blätter zurück, sondern verweist immer wieder auch auf die literarische Wirkung Bernhards. Am Ende der Lektüre ist man also auch darüber im Bilde, welche Autoren im In- und Ausland Bernhard maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst hat. Zu nennen wären hier etwa William Gaddis oder Don DeLillo.

Ein weiterer Vorzug sind die unprätentiösen Beschreibungen der Werke Bernhards. Es gibt ja nicht wenige Lebensbeschreibungen, die sich stilistisch lesen als hätte sie der Beschriebene selbst verfasst. Mittermayers sachlicher Stil setzt dagegen einen wohltuenden Kontrapunkt zum Hyperbolismus Bernhards. Das gilt auch für die Interpretationen des Germanisten: Sie bewegen sich immer nahe am Text und sind nie literaturtheoretisch überladen. Damit zeigen sie auch dem literaturwissenschaftlich nicht vorbelasteten Leser, wie man sich der Komplexität der Texte so nähern kann, dass man Erkenntnisgewinne erzielt. Erfreulich auch, dass Mittermayer auf noch nicht publizierte Texte aus dem Nachlass eingeht. Ab 1957 arbeitet Bernhard etwa an dem Prosatext „Schwarzach Sankt Veit“ zu dem sich ein 296 Seiten langes Typoskript findet. Die Geschichte zweier Brüder enthält zahlreiche Bezüge auf Bernhards Jugend. David ist Gerichtsreporter in Salzburg, war vorher Kaufmannslehrling und will Sänger werden, ganz so wie der junge Thomas Bernhard. Man kann nur hoffen, dass aus dem unveröffentlichtem Nachlass bald ein veröffentlichter wird.

Komplexität und Stilisierung sind ebenfalls wichtige Stichworte für Bernhards Sozialleben. Das vom Autor gerne gezeichnete Selbstbild des einsamen Einzelgängers, der sich in seinem Ohlsdorfer Vierkanthof von der gehassten Außenwelt abschottet, hat zwar einen wahren Kern. Richtig ist aber ebenso, dass Bernhard während seines Lebens immer intensiv für ihn wichtige soziale Beziehungen pflegt. Das beginnt mit dem idolisierten Großvater Johannes Freumbichler, der als gescheiterter Heimatschriftsteller seine Familie als Patriarch tyrannisiert. Bernhards Start ins Leben war in vielen Dimensionen schwierig: Er war arm, krank und hatte in der Familie kaum Unterstützer. Bereits als jungem Menschen gelang es ihm aber, sich ein nützliches Netzwerk im Kulturbetrieb aufzubauen. Carl Zuckmayer fördert ihn schon früh. Etwas später kommt dann noch das Ehepaar Lampersberg hinzu, das Bernhard in die österreichische Avantgardeszene einführt, und die er dann viel später mit seinem Roman „Holzfällen“ zu einer Klage provoziert. Der wichtigste Lebensmensch für ihn war Hedwig Stavianicek, 36 Jahre älter als er und zu Beginn auch ein Ersatz für die früh gestorbene Mutter. Sie lernten sich Anfang der fünfziger Jahre kennen als sich Bernhard wegen seiner Tuberkolose in der Lungenheilstätte St. Veit aufhält. Mittermayer beschreibt in seiner Biographie ausführlich weitere Bekanntschaften Bernhards und deutet an einer Stelle auch an, dass sich Bernhards sexuelle Vorlieben nicht nur auf Frauen beschränken, ohne das allerdings näher auszuführen.

Die große Leistung von Mittermayers Buch ist es, dass sie uns einen soliden Vergleich zwischen dem Menschen Thomas Bernhard und dem Schriftsteller Thomas Bernhard ermöglicht. Wer bisher nur Bernhards Werk und das darin entworfene Selbstbild kennt, wird über viele Tatsachen seines Lebens erstaunt sein, speziell was seine Kindheit und seine ersten Schritte als Journalist und Autor in Salzburg angeht.

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie (Residenz)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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