Sachbücher

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Seth Stephens-Davidowitz: Everybody Lies. What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are.

Große Teile der Sozialwissenschaften basieren auf Umfragen. Wann immer man etwas über Einstellungen oder Verhalten wissen will, wird ein im Idealfall statistisch repräsentatives Sample befragt. Die zahlreichen methodischen Probleme dabei sind inzwischen gut bekannt, und es gibt auch eine Reihe von statistischen Techniken sie wieder auszugleichen. Psychologen dagegen arbeiten gerne mit ihren Studenten als Versuchskaninchen, also überwiegend mit weißen Menschen aus der Mittelschicht.
Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte stehen nun ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung: Die Milliarden Suchanfragen im Internet. Es stellt sich nämlich heraus, dass viele Menschen Google Dinge anvertrauen, die sie sonst selbst vor engen Verwandten und Freunden geheim halten.

The microscope showed us there is more to a drop of water than wie can see. The telescope showed us there is more to the night sky than we think we see. And new, digital data now shows us there is more to human society than we think we see.
[S. 16]

Seth Stephens-Davidowitz war Datenanalyst bei Google und zeigt in diesem spannenden Buch an zahlreichen Beispielen, welche neuen Erkenntnisse man durch die Analyse von Suchanfragen gewinnen kann. Es sei gleich gesagt: Misanthropen werden sich schnell bestätigt fühlen. Was Seth-Davidowitz zu heiklen Themen wie Rassismus und Sexismus herausfindet, lässt einen schnell die Haare zu Bergen stehen. Das Standardnarrativ in den USA lautet, dass der radikale Rassismus seit den fünfziger Jahren stark abgenommen hätte, und es primär nur noch impliziten Rassismus gäbe. Wie falsch das ist, zeigt Stephens-Davidowitz durch eine Auswertung, wo und wie oft nach „nigger jokes“ gesucht wird. Millionen (!) weiße Amerikaner suchen danach. Ein weiteres Beispiel: Eltern fragen Google viel öfters danach, ob ihr Sohn hoch begabt ist, als ihre Tochter. Das gilt auch für andere Themen, die mit Intelligenz verbunden sind. Umgekehrt suchen Eltern bei ihren Töchtern viel öfters als bei ihren Söhnen nach Dingen, die mit dem Aussehen in Verbindung stehen.
Der Autor beschränkt sich nicht auf Google als Quelle, sondern nutzt auch die Suchen auf Pornoseiten. Ein verstörendes Ergebnis hier ist, wie viele Frauen nach Gewaltpornographie suchen, in denen Frauen gedemütigt werden.

So wie es also aussieht, haben wir damit nun geschichtlich erstmals die Möglichkeit, unseren Mitmenschen so direkt ins Hirn zu sehen wie bisher noch nie. Wie hässlich das Ergebnis sein wird, zeigen diese wenigen Beispiele. Einen wichtigen Aspekt thematisiert Stephens-Davidowitz allerdings zu wenig, nämlich den demokratiepolitischen. Denn die beschriebene anthropologische Erkenntnismaschine ist nicht in der Hand von Universitäten, sondern von wenigen Internetkonzernen. Sie können damit die menschliche Natur durchleuchten und in Folge manipulieren, wie niemand zuvor in der Weltgeschichte. Strengere Regeln wären auch deshalb politisch dringend angebracht.

Seth Stephens-Davidowitz: Everybody Lies. What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are (Bloomsbury)

Ein Klassiker wird besichtigt

Erschienen in „Literatur und Kritik“ September 2017

Robert Musil – eine neue Gesamtausgabe und ein neues Handbuch

Robert Musil zählt nicht zu den meist gelesenen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Auch für Verleger gab es immer schon lukrativere Autoren. Während Thomas Mann oder Thomas Bernhard aufwändig gemachte Werkausgaben bekamen, mussten wir Freunde des Mann ohne Eigenschaften uns lange mit jahrzehntealten Ausgaben begnügen. Die letzte Gesamtausgabe erschien 1978 und wurde seitdem immer wieder editorisch kritisiert. Wir nahmen die mangelnde Lesefreundlichkeit ebenso hin, wie die für Leser sehr verwirrende Anordnung des Nachlasses. Zwar gibt es für die Literaturwissenschaft seit 2009 die mit viel editorischem Sachverstand neu herausgegebene digitale Klagenfurter Ausgabe. Doch dieser neue Textstand wurde bis jetzt nicht gedruckt.

Dank des Jung & Jung Verlags hat sich diese Situation nun grundlegend geändert. Seit Herbst 2016 erscheint dort eine auf dem wissenschaftlich abgesichertem Klagenfurter Text eine neue Edition in Buchform. Sie ist auf zwölf Bände angelegt, wobei angesichts des riesigen Textkonvoluts zu erwarten ist, dass sich die Briefe nicht in einem einzigen Band unterbringen lassen werden. Bis jetzt sind die ersten drei Bücher erschienen, die sich alle, wie auch noch die nächsten, ausschließlich dem „Mann ohne Eigenschaften“ widmen. Rowohlt war für dieses Prestigeprojekt übrigens nicht zu gewinnen, und ließ damit einen seiner wichtigsten Klassiker im Stich. Auch andere bekannte Verlage zierten sich. Mit Jochen Jung hat das Projekt erfreulicherweise einen der engagiertesten deutschsprachigen Verleger auf seiner Seite.

Die Salzburger Ausgabe ist als „Hybridausgabe“ angelegt. Begleitend zur Buchausgabe steht unter musilonline.at eine digitale Anlaufstelle zu Verfügung. Dort wird man nicht nur den kompletten Text finden, sondern auch Entwürfe und Faksimiles der ca. zehntausend Manuskripte aus dem Nachlass. Letztere werden als Bilddateien allen Interessierten zur Verfügung stehen. Geplant ist auch eine neue Form des Kommentars, der sowohl vom Umfang als auch von der Art der Präsentation her viel mehr Möglichkeiten als ein gedruckter Kommentarband bietet. Beispielsweise ist ein interaktives Wiki angedacht.

Für die ambitionierte Musil-Leserin ist fast gleichzeitig mit der neuen Salzburger Ausgabe ein umfangreiches Musil-Handbuch erschienen. Auf über tausend Seiten dokumentiert die Musil-Forschung darin ihre bisherigen Ergebnisse. Die Herausgeber Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf entschieden sich für die Umsetzung eines ungewöhnlich innovativen Ansatzes. Während sich die meisten vergleichbaren Nachschlagewerke auf Leben, Werk und Wirkung konzentrieren, legt das Musil-Handbuch einen überproportionalen Fokus auf den Kontext. Zu erwartende Informationen über die Zeitgeschichte oder die Moderne sind ausführlich vertreten. Artikel über Natur- und Technik/Ingenieurwissenschaften oder Mathematik, Logik, Geometrie, Wahrscheinlichkeitstheorie sind ebenso enthalten wie beispielsweise einer über Kriminologie und Rechtswissenschaft. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Diese Entscheidung der Herausgeber ist aus mehreren Gründen sehr erfreulich. Einerseits spiegelt die Vielfalt der abgehandelten Themengebiete den einzigartigen geistigen Kosmos der Werke Musils wider, speziell des „Mann ohne Eigenschaften“. Dieser Roman ist eine beeindruckende geistige Bestandaufnahme des frühen 20. Jahrhunderts, weshalb er ohne die Handbuch-Beiträge über Stadt, Krieg oder Mode nicht zu verstehen wäre. Aber auch die Essays behandeln eine ungewöhnlich große Vielfalt an Themen.
Andererseits scheut man sich vor Grenzüberschreitungen zurück. Die Musil-Forschung selbst kann ja unmöglich ein so weites Themenspektrum abdecken, weshalb man diverse Fachleute zur Mitarbeit ersuchte, die wiederum keine Musilexperten sind. Das ergibt oft frische Perspektiven auf den Autor. Hervorzuheben ist auch, dass die Autoren am Ende eines Artikels etwaige Forschungslücken thematisieren. Diese Fülle an Forschungswünschen wird noch viele Generationen von Nachwuchs-Germanisten mit literaturwissenschaftlichen Arbeitsvorschlägen versorgen.

Ein gutes Beispiel für diese methodische Offenheit ist Werner Michlers Artikel über Biologie/Tiere. Damit kommt mit den Animal Studies ein neuer interdisziplinärer Ansatz zu Wort. Der Interessierte erfährt nicht nur viel Konkretes über Musils biologisches Weltbild und seine „darwinistischen“ Lektüren, sondern erhält gleichzeitig einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven, welche das Thema aufwirft. Zusätzlich zu den bei Musil nachweisbaren klassischen literarischen Verwendungsarten von Tieren, die wie in Fabeln zur ethischen Reflexion anregen, setzt Musil Tiere auch immer wieder zur metaphorischen Figurencharakterisierung ein.

Das Handbuch räumt auch mit einer Reihe von Klischees auf, die sich teilweise bis heute halten. Ein Beispiel ist die Mär von Musil als unpolitischem Schriftsteller. Klaus Amann arbeitet in seinem Beitrag „Politik und Ideologie“ prägnant heraus, dass es sich dabei um ein großes Missverständnis handelt. Die Ursache desselben liegt im Kern darin, dass Musil den Begriff „unpolitisch“ in ästhetischen Zusammenhängen synonym mit „autonom“ verwendet. Tatsächlich spricht er sich literaturtheoretisch für eine Trennung von Politik und Literatur aus: „Schlechte Kunst wird durch gute Tendenz nicht besser“, schreibt er einmal in sein Tagebuch. Übersehen wird dabei, dass seine Autonomie und analytische Distanz zu den Ideologien aller Couleur ebenso eine dezidierte politische Haltung ist, wie sein anthropologisches Theorem der menschlichen Gestaltlosigkeit, mit dessen Hilfe er das weite Spektrum der menschlichen Verhaltensmuster von der Barbarei zur Philanthropie zu beschreiben versucht. Gerade in unserer Zeit, in der unterschiedliche Lager wieder virtuell und real in gegenseitigem Hass schwelgen, wirkt Musils Forderung nach geistiger Unabhängigkeit und klarer Analyse als ein sehr modernes politisches Statement.

Robert Musil: Gesamtausgabe in 12 Bänden. Herausgegeben von Walter Fanta. (Jung und Jung)

Birgit Nübel / Norbert Christian Wolf (Herausgeber): Robert-Musil-Handbuch (De Gruyter)

Josef Kreiner (Herausgeber): Geschichte Japans

Die Geschichte Japans war mir im Gegensatz zu jener Chinas nur kursorisch bekannt. Eine denkbar schlechte Voraussetzung für die geplante Studienreise. Dieses für Reclam-Verhältnisse dicke Buch (522 Seiten!) schuf dessen nun erste Abhilfe. Geschrieben von einem Expertenkollektiv, die sich allerdings an strenge Gliederungsvorgaben halten: Einem Epochenüberblick folgen bei den neun Kapitel eine Zeittafel, bevor schließlich der Zeitraum in thematischen Abschnitten erschlossen wird. Abgedeckt die komplette Geschichte des Landes, von der Urgeschichte bis ins 21. Jahrhundert.

Hauptverdienst des Buches ist sicher die akademische Fundierung des Berichteten, ohne auf Kosten der Lesbarkeit zu gehen. So werden ab und zu auch die Forschungsgeschichte, Kontroversen und die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Japanologie angesprochen. Für Einsteiger wie mich wird mit vielen Klischees aufgeräumt, etwa dass für Samurai immer das Schwert die wichtigste Waffe war (lange war es der Bogen) oder dass die Meiji-Restauration aus dem Nichts kam (es gab eine wichtige vorindustrielle Phase).

Ansonsten werde ich bei der Lektüre in vielen meiner bisherigen Erkenntnisse bestätigt. Vom ständigen Gebrauch der Religion und Ideologie für den Machterhalt bis hin zum in der japanischen Geschichte immer wieder beobachtbaren Phänomen, dass Planwirtschaft zu Wirtschaftskrisen führt. Noch länger als im Westen wird die Hochkultur primär von einer kleinen Hofelite getragen. Eine bürgerliche Kultur entsteht erst deutlich später als in Europa.

Empfehlenswert für alle Geschichts- und Asien-Interessierte – auch wenn keine Japan-Reise ansteht.

Josef Kreiner (Hrsg.): Geschichte Japans (Reclam Sachbuch)

Carlo Rovelli: Sieben kurze Lektionen über Physik

Für Laien über Physik zu schreiben, ist nicht einfach. Carlo Rovelli, Professor für Theoretische Physik an der Uni Marseille, versucht sich gleich am Meisterstück: Eine Kurzeinführung in die komplexesten Themen der Physik für Menschen ohne Vorkenntnisse. Das gelingt ihm auch durchaus passabel. Gravitation, Quanten und Kosmologie sind nur drei seiner Themen. Vieles ist dem Wissenschaftsinteressierten natürlich bekannt, trotzdem sieht man neue Zusammenhänge und bekommt neue Einsichten. Über Quantengravitation etwa erfahre ich viel Neues. Rovelli stellt seine theoretischen Steckenpferde allerdings etwas irreführend so dar, als seien sie bereits physikalischer Mainstream, was allerdings gar nicht zutrifft. Auch wenn er ins Philosophische abdriftet und etwa plötzlich über Heidegger schwadroniert, schadet das dem Buch mehr als es ihm nützt. Trotzdem habe ich selten eine so konzise und gut verständliche Darstellung von Einsteins Relativitätstheorien gelesen.

Carlo Rovelli: Sieben kurze Lektionen über Physik. (Rowohlt)

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century

Wie schnell eine Demokratie ins Wanken geraten kann zeigt die Wahl des Donald Trump zum Präsidenten der USA. Man kann lange darüber debattieren, was niedriger sei: Trumps Intelligenz oder seine moralischen Standards? Egal wie die Antwort darauf ausfällt, es handelt sich um einen politischen Tiefpunkt in der Geschichte des Westens.
Timothy Snyder, ein Kenner der dunkelsten Seite der europäischen Geschichte packt die Lehren dieser Zeit in sein kurzes Buch On Tyranny, das sich primär an (junge) Amerikaner richtet und ihnen anhand von zwanzig Beispielen erläutert, wie schnell eine Demokratie in eine Diktatur kippen kann, und wie man sich am besten dagegen wehrt.

Es folgen drei Beispiele. Diese „Lessons“ werden dann jeweils historisch begründet.

Lesson 9: Be kind to your language.
Avoid prononouncing the phrases everyone else does. Think up your own way of speaking, even if only to convey that thing you think everyone is thinking. Make an effort to seperate yourself from the internet. Read books.

Lesson 10: Believe in truth.
To abandon facts is to abandon freedom. If nothing is true, then no one can critize power, because there is no basis upon which to do so. If nothing is true, then all is spectacle. The biggest wallets pays for the most blinding lights.

Lesson 18: Be calm when the unthinkable arrives.
Modern tyranny is terror management. When the terrorist attack comes, remember that authoritarians exploit such events in order to consolidate power. The sudden disaster that requires the end of checks and balances, the disolution of opposition parties, the suspension of freedom of expression, the right to fair trial, and so on, is the oldest trick in the Hitlerian book. Don’t fall for it.

Für Nr. 18 liefert Erdogan ja in der Türkei seit einem Jahr den besten Anschauungsunterricht.

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century. (The Bodley Head)

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler

Das Fehlen großer Staatsmänner und politischer Persönlichkeiten wird dieser Tage oft beklagt. Deshalb mutet es tatsächlich seltsam an, dass eines der größten politischen Talente Österreichs weitgehend unbekannt ist. Man kennt selbstverständlich seinen Namen und verbindet mit ihm die Entstehung der hiesigen Sozialdemokratie, aber dann wird das Wissen über Adler schnell sehr dünn.

Robert Misik will diesem Skandalon mit seinem kleinen Büchlein abhelfen. Es handelt sich um kein klassisches Sachbuch, eher um ein persönliches Porträt, dessen Kapitel auf unterschiedliche Aspekte von Viktor Adlers Lebensleistung fokussieren. Die durch seine Philanthropie verursachten finanziellen Dauerprobleme werden ebenso thematisiert wie seine Beziehungen zu den anderen Größen der internationalen Arbeiterbewegung. Beeindruckend ist auch aus heutiger Sicht, wie sich Victor Adler von ideologischen Extremen fernhält, und immer dafür kämpft, Fanatismus durch Pragmatismus zu ersetzen.

Sehr hübsch auch die vielen treffenden Zitate Adlers, welche Misik immer wieder einstreut:

Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.

An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.

In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht.

Das Buch macht tatsächlich Lust darauf, sich intensiver mit Victor Adler zu beschäftigen. Allerdings hätte es gut und gerne den doppelten Umfang haben können.

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler (Picus)

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende

Viel wird wieder geredet vom christlichen Abendland. Europa sei nun mal christlich geprägt. Das ist auf einer Ebene natürlich völlig korrekt, auf einer anderen Ebene aber völlig falsch. Korrekt ist es beispielsweise, was die Architektur und Teile der Kunstgeschichte betrifft. Falsch hingegen ist es, wenn man damit die geistes- und kulturgeschichtliche Entwicklung Europas meint. So ist auch niemand der Christlichen-Abendland-Fasler in der Lage auf Nachfrage zu präzisieren, was er eigentlich meine.

Wohlwollend könnte man noch vertreten, dass das Christentum & die Kirche als Gegner all jener europäischen Werte wichtig war, welche heute Europa im Kern ausmachen: Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, Selbstbestimmungsrecht des Individuums und viele andere mehr. Sie alle wurden gegen den heftigen Widerstand der Kirche durchgesetzt. Die Inquisition, die bisher erfolgreichste Terrororganisation der Weltgeschichte, wurde gegründet, um diese von uns heute so geschätzten Fortschritte zu verhindern. Wo immer die Kirche in der Gegenwart noch die Möglichkeit hat, wird dieser Feldzug gegen die Freiheit mit aller Kraft fortgesetzt. Polen ist nicht das einzige Beispiel.

Weitet man die analytische Linse auf die kulturgeschichtliche Entwicklung, sieht man schnell, das die betreffenden Politiker schlicht nicht wissen, auf welchen Fundamenten ihre Kultur beruht. Hier kommt nun Rolf Bergmeiers Buch ins Spiel, der ausführlich und wissenschaftlich fundiert belegt, wie wichtig die arabische Kultur für die Entwicklung von Europas Kultur und Wissenschaft war. Die geistigen und urbanen Zentren im Mittelalter waren nämlich alle in arabischer Hand. Von Bagdad bis Cordoba blühte in diesen Jahrhunderten das Geistesleben. Die antike Überlieferung verdanken wir ebenso arabischen Gelehrten wie die Grundlagen der Naturwissenschaften, die wie im Fall der Medizin dann in Europa über Jahrhunderte benutzt, aber nicht weiterentwickelt wurde.

Christlich-abendländische Kultur spannt ein weites historisches Spektrum auf, beginnend mit dem oft verklärten Frühchristentum:

Jedenfalls gärt und rumort es im 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden. Mit einer Mischung aus Hochnäsigkeit und Feindschaft blicken rund achtzig christliche Gruppen und Grüppchen aufeinander herab, und die Quellen jener Jahre sind voll von gehässigen Beiträgen und Verwünschungen der Bischöfe untereinander.
[S. 25]

Bergmeier argumentiert das ausführlich anhand vieler Quellen und Fakten. Besonders lesenswert sind seine Gegenüberstellungen zwischen dem christlichen und abendländischen Mittelalter:

Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen, um ein Gespür für das Bildungsgefälle zu bekommen: Wenige hundert Handschriften pro Bibliothek in den Klöster- und Kirchenbibliotheken im lateinischen Mitteleuropa gegenüber Hunderttausenden in Kairo, Toledo, Cordoba oder im antiken Rom.
[S. 70]

Er erlaubt sich immer wieder gut formulierte Polemiken und Seitenhiebe, was dem Buch aber deshalb nicht schadet, weil der Kern der Ausführungen exzellent in vielen Fußnoten wird.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende (Alibri)

Florian Coulmas: Die Kultur Japans

Im Oktober steht eine Japan-Studienreise an. Da mir die japanische Kultur und Geschichte vergleichsweise fremd ist, bedarf dieses Unterfangen einer umfassenden Vorbereitung. Die Lektüre von Coulmas Die Kultur Japans war ein erster Schritt dazu. Der Autor ist als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo ein ausgewiesener Fachmann. Sein Buch liest sich denn auch mehr als ein Fachbuch denn als eines der üblichen mit Anekdoten gewürzten Sachbücher über fremde Länder. Coulmas beginnt mit anthropologischen und ethnographischen Begriffserklärungen und macht uns erst einmal mit seiner Methodologie bekannt. In vier großen Teilen bringt er seinen Lesern danach die japanische Zivilisation näher: Verhalten und soziale Beziehungen; Werte und Überzeugungen; Institutionen (Kultur und Struktur) und Materielle Kultur.

Die Gratwanderung zwischen der zeitgenössischen und der historischen Kultur des Landes gelingt Coulmas gut, wobei der Schwerpunkt auf einer geschichtlichen Betrachtungsweise liegt. Die Kapitel über Religion belustigen mich insofern als auch die japanischen Kleriker wie alle anderen weltweit ihr Geschäft auf Profitmaximierung ausrichten. Beispielsweise muss man für einen Toten eine Woche nach dessen Ableben einen posthumen Namen für die Geisterwelt wählen. Während die Standardversion einigermaßen erschwinglich ist, wird für luxuriöse Variante des Ehrentitels von buddhistischen Priestern bis zu eine Million Yen verlangt.

Durch das gesamte Alltagsleben zieht sich die strukturelle Trennung zwischen „westlich“ und „japanisch“. Von der Ernährung bis zur Architektur bestimmt diese Dichotomie das Denken der Japaner stark. So gibt es nicht nur unterschiedliche Wörter für westliche und japanische Nudeln. Diese findet man im Supermarkt auch in unterschiedlichen Regalen. Wichtig ist es ebenfalls zu wissen, dass die Ästhetik eines japanischen Raumes auf die Augenhöhe eines am Boden sitzenden ausgerichtet ist. Während viele die japanische Firmenkultur eine anthropologische Fundierung unterstellen, zeigt Coulmas, dass hier auch historisch kontingente Faktoren am Werke sind, die mit der Situation nach dem Zweitem Weltkrieg zu tun haben. Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Nach der Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen Buches ist man der japanischen Mentalität schon eine Stufe näher.

Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)

Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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