Sachbücher

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Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century

Wie schnell eine Demokratie ins Wanken geraten kann zeigt die Wahl des Donald Trump zum Präsidenten der USA. Man kann lange darüber debattieren, was niedriger sei: Trumps Intelligenz oder seine moralischen Standards? Egal wie die Antwort darauf ausfällt, es handelt sich um einen politischen Tiefpunkt in der Geschichte des Westens.
Timothy Snyder, ein Kenner der dunkelsten Seite der europäischen Geschichte packt die Lehren dieser Zeit in sein kurzes Buch On Tyranny, das sich primär an (junge) Amerikaner richtet und ihnen anhand von zwanzig Beispielen erläutert, wie schnell eine Demokratie in eine Diktatur kippen kann, und wie man sich am besten dagegen wehrt.

Es folgen drei Beispiele. Diese „Lessons“ werden dann jeweils historisch begründet.

Lesson 9: Be kind to your language.
Avoid prononouncing the phrases everyone else does. Think up your own way of speaking, even if only to convey that thing you think everyone is thinking. Make an effort to seperate yourself from the internet. Read books.

Lesson 10: Believe in truth.
To abandon facts is to abandon freedom. If nothing is true, then no one can critize power, because there is no basis upon which to do so. If nothing is true, then all is spectacle. The biggest wallets pays for the most blinding lights.

Lesson 18: Be calm when the unthinkable arrives.
Modern tyranny is terror management. When the terrorist attack comes, remember that authoritarians exploit such events in order to consolidate power. The sudden disaster that requires the end of checks and balances, the disolution of opposition parties, the suspension of freedom of expression, the right to fair trial, and so on, is the oldest trick in the Hitlerian book. Don’t fall for it.

Für Nr. 18 liefert Erdogan ja in der Türkei seit einem Jahr den besten Anschauungsunterricht.

Timothy Snyder: On Tyranny. Twenty Lessons from the Twentieth Century. (The Bodley Head)

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler

Das Fehlen großer Staatsmänner und politischer Persönlichkeiten wird dieser Tage oft beklagt. Deshalb mutet es tatsächlich seltsam an, dass eines der größten politischen Talente Österreichs weitgehend unbekannt ist. Man kennt selbstverständlich seinen Namen und verbindet mit ihm die Entstehung der hiesigen Sozialdemokratie, aber dann wird das Wissen über Adler schnell sehr dünn.

Robert Misik will diesem Skandalon mit seinem kleinen Büchlein abhelfen. Es handelt sich um kein klassisches Sachbuch, eher um ein persönliches Porträt, dessen Kapitel auf unterschiedliche Aspekte von Viktor Adlers Lebensleistung fokussieren. Die durch seine Philanthropie verursachten finanziellen Dauerprobleme werden ebenso thematisiert wie seine Beziehungen zu den anderen Größen der internationalen Arbeiterbewegung. Beeindruckend ist auch aus heutiger Sicht, wie sich Victor Adler von ideologischen Extremen fernhält, und immer dafür kämpft, Fanatismus durch Pragmatismus zu ersetzen.

Sehr hübsch auch die vielen treffenden Zitate Adlers, welche Misik immer wieder einstreut:

Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.

An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.

In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht.

Das Buch macht tatsächlich Lust darauf, sich intensiver mit Victor Adler zu beschäftigen. Allerdings hätte es gut und gerne den doppelten Umfang haben können.

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler (Picus)

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende

Viel wird wieder geredet vom christlichen Abendland. Europa sei nun mal christlich geprägt. Das ist auf einer Ebene natürlich völlig korrekt, auf einer anderen Ebene aber völlig falsch. Korrekt ist es beispielsweise, was die Architektur und Teile der Kunstgeschichte betrifft. Falsch hingegen ist es, wenn man damit die geistes- und kulturgeschichtliche Entwicklung Europas meint. So ist auch niemand der Christlichen-Abendland-Fasler in der Lage auf Nachfrage zu präzisieren, was er eigentlich meine.

Wohlwollend könnte man noch vertreten, dass das Christentum & die Kirche als Gegner all jener europäischen Werte wichtig war, welche heute Europa im Kern ausmachen: Demokratie, Gleichberechtigung, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, Selbstbestimmungsrecht des Individuums und viele andere mehr. Sie alle wurden gegen den heftigen Widerstand der Kirche durchgesetzt. Die Inquisition, die bisher erfolgreichste Terrororganisation der Weltgeschichte, wurde gegründet, um diese von uns heute so geschätzten Fortschritte zu verhindern. Wo immer die Kirche in der Gegenwart noch die Möglichkeit hat, wird dieser Feldzug gegen die Freiheit mit aller Kraft fortgesetzt. Polen ist nicht das einzige Beispiel.

Weitet man die analytische Linse auf die kulturgeschichtliche Entwicklung, sieht man schnell, das die betreffenden Politiker schlicht nicht wissen, auf welchen Fundamenten ihre Kultur beruht. Hier kommt nun Rolf Bergmeiers Buch ins Spiel, der ausführlich und wissenschaftlich fundiert belegt, wie wichtig die arabische Kultur für die Entwicklung von Europas Kultur und Wissenschaft war. Die geistigen und urbanen Zentren im Mittelalter waren nämlich alle in arabischer Hand. Von Bagdad bis Cordoba blühte in diesen Jahrhunderten das Geistesleben. Die antike Überlieferung verdanken wir ebenso arabischen Gelehrten wie die Grundlagen der Naturwissenschaften, die wie im Fall der Medizin dann in Europa über Jahrhunderte benutzt, aber nicht weiterentwickelt wurde.

Christlich-abendländische Kultur spannt ein weites historisches Spektrum auf, beginnend mit dem oft verklärten Frühchristentum:

Jedenfalls gärt und rumort es im 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden. Mit einer Mischung aus Hochnäsigkeit und Feindschaft blicken rund achtzig christliche Gruppen und Grüppchen aufeinander herab, und die Quellen jener Jahre sind voll von gehässigen Beiträgen und Verwünschungen der Bischöfe untereinander.
[S. 25]

Bergmeier argumentiert das ausführlich anhand vieler Quellen und Fakten. Besonders lesenswert sind seine Gegenüberstellungen zwischen dem christlichen und abendländischen Mittelalter:

Man muss sich die Dimensionen vor Augen führen, um ein Gespür für das Bildungsgefälle zu bekommen: Wenige hundert Handschriften pro Bibliothek in den Klöster- und Kirchenbibliotheken im lateinischen Mitteleuropa gegenüber Hunderttausenden in Kairo, Toledo, Cordoba oder im antiken Rom.
[S. 70]

Er erlaubt sich immer wieder gut formulierte Polemiken und Seitenhiebe, was dem Buch aber deshalb nicht schadet, weil der Kern der Ausführungen exzellent in vielen Fußnoten wird.

Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende (Alibri)

Florian Coulmas: Die Kultur Japans

Im Oktober steht eine Japan-Studienreise an. Da mir die japanische Kultur und Geschichte vergleichsweise fremd ist, bedarf dieses Unterfangen einer umfassenden Vorbereitung. Die Lektüre von Coulmas Die Kultur Japans war ein erster Schritt dazu. Der Autor ist als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo ein ausgewiesener Fachmann. Sein Buch liest sich denn auch mehr als ein Fachbuch denn als eines der üblichen mit Anekdoten gewürzten Sachbücher über fremde Länder. Coulmas beginnt mit anthropologischen und ethnographischen Begriffserklärungen und macht uns erst einmal mit seiner Methodologie bekannt. In vier großen Teilen bringt er seinen Lesern danach die japanische Zivilisation näher: Verhalten und soziale Beziehungen; Werte und Überzeugungen; Institutionen (Kultur und Struktur) und Materielle Kultur.

Die Gratwanderung zwischen der zeitgenössischen und der historischen Kultur des Landes gelingt Coulmas gut, wobei der Schwerpunkt auf einer geschichtlichen Betrachtungsweise liegt. Die Kapitel über Religion belustigen mich insofern als auch die japanischen Kleriker wie alle anderen weltweit ihr Geschäft auf Profitmaximierung ausrichten. Beispielsweise muss man für einen Toten eine Woche nach dessen Ableben einen posthumen Namen für die Geisterwelt wählen. Während die Standardversion einigermaßen erschwinglich ist, wird für luxuriöse Variante des Ehrentitels von buddhistischen Priestern bis zu eine Million Yen verlangt.

Durch das gesamte Alltagsleben zieht sich die strukturelle Trennung zwischen „westlich“ und „japanisch“. Von der Ernährung bis zur Architektur bestimmt diese Dichotomie das Denken der Japaner stark. So gibt es nicht nur unterschiedliche Wörter für westliche und japanische Nudeln. Diese findet man im Supermarkt auch in unterschiedlichen Regalen. Wichtig ist es ebenfalls zu wissen, dass die Ästhetik eines japanischen Raumes auf die Augenhöhe eines am Boden sitzenden ausgerichtet ist. Während viele die japanische Firmenkultur eine anthropologische Fundierung unterstellen, zeigt Coulmas, dass hier auch historisch kontingente Faktoren am Werke sind, die mit der Situation nach dem Zweitem Weltkrieg zu tun haben. Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Nach der Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen Buches ist man der japanischen Mentalität schon eine Stufe näher.

Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)

Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Diego de Landa: Bericht aus Yucatan

Diego de Landa (1524-1579) schrieb 1566 einen der wichtigsten Quellentexte über die frühe Kolonialzeit in Mexiko. Er lebte etwa dreißig Jahre auf Yucatán und hatte deshalb viel Erfahrung mit den Sitten und Gebräuchen der Maya. Eines der faszinierendsten Kapitel ist deshalb das Fünfte: „Lebensweise und Religion der Mayas“, wo de Landa auch ausführlich auf die gruselige Praxis der Menschenopfer eingeht. Für den aktuellen Leser weniger faszinierend sind die ausführlichen geographischen Beschreibungen. Als Missionar und erster Bischof des Landes was de Landa natürlich nicht unparteiisch. Er hatte im Gegenteil viele fanatische Züge und organisierte etwa Bücherverbrennungen von Maya-Literatur. Der Hauptgrund, warum heute nur noch sehr wenige Maya-Codices existieren, etwa der berühmte in Dresden.

Wissenschaftsgeschichtlich hat der Bericht ebenfalls eine außerordentliche Bedeutung. Er galt nämlich lange Zeit als verschollen und wurde erst 1863 in der Madrider Biblioteca de la Academia de Historia wiederentdeckt. Diese Wiederentdeckung war quellentechnisch die Voraussetzung für die Entzifferung der Maya-Schrift. Über das beste Buch zu diesem Thema gibt es eine eigene Notiz. De Landas Buch enthält einen ausführlichen Beitrag über das Maya-Alphabet ohne den wir die Mayaschrift bis heute nicht lesen könnten.

Diego de Landa: Bericht aus Yucatan. (Reclam Taschenbuch)

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World

Die Migrationsdebatte ist nicht nur von Polarisierung und Hass geprägt. Auf den einschlägigen rechtsradikalen Social Media Kanälen sind sogar eine Art von Fälscherwerkstätten entstanden, welche Erfundenes zur Diskreditierung Geflohener in Umlauf bringen. Auf der mir sympathischen flüchtlingsfreundlichen Seite werden potenzielle unerwünschte Migrationsfolgen mental aber auch gerne ausgeblendet. Eine nüchterne, objektive Betrachtungsweise findet man selten. Diesen Versuch unternimmt der Oxford Ökonom Paul Collier in Exodus. Dieser objektivierende Ansatz ist an sich sehr erfreulich, und man wünscht sich, dass der Professor viele Nachahmer finden möge. Er stößt mit seinem Projekt allerdings auf ein grundsätzliches Problem: Es gibt noch zu wenige Studien, Daten & Fakten, um eine zwingende Analyse zu liefern.

Trotzdem schildert Collier einige soziale Mechanismen der Migration sehr überzeugend. Ein Beispiel dafür wäre der Zusammenhang zwischen der Größe der Diaspora und der Migrationsrate. Dass eine große Diaspora einen Migrationsanreiz für Angehörige derselben Kultur darstellt, ist nahe liegend. In Kombination mit der Tatsache, dass die Integration in die Gastgesellschaft desto langsamer wird, je größer die Diaspora ist, ergibt eine brisante Einsicht. Interessant sind ebenfalls seine Beobachtungen, die negativen Auswirkungen zu starker Migration auf die Heimatländer betreffend.

Manche Aspekte des Buchs sind allerdings problematisch. Das betrifft vor allem das Kernargument über die negativen Folgen der Migration: Der Erfolg europäischer Gesellschaften sei in einem jahrhundertelangen Prozess entstanden, welche zu einem gemeinsamen Wertekatalog und zur Bereitschaft gegenseitiger Solidarität geführt habe. Als Beispiel für die gelebte Solidarität bringt Collier die Bereitschaft, für Sozialleistungen zu zahlen. Diese Bereitschaft des „mutual regard“ sieht der Professor nun durch zu viel Migration bedroht:

Mutal regard is valuable for the trust that supports cooperation and the empathy that supports cooperation and the empathy that supports redistribution. The habits of trust and empathy among very large groups of people are not natural but have grown as part of the process of achieving prosperity; immigrants of poor countries are likely to arrive with less of a presupposition to trust and emphathize with others in their new society.
[72/73]

Ohne diese Annahme wäre Colliers kritischer Blick auf die Migration schnell zahnlos, weil er an vielen Stellen einräumen muss, dass es wenige Studien gibt, welche einen negativen Effekt von Migranten auf ihre Gastgesellschaften belegen. Umgekehrt gibt es mehr Studien, welche positive Effekte betonen. Collier tendiert in seinem Buch dazu, die positiven Studien vorschnell abzutun, und einige Einzelstudien, welche negative Effekte belegen, dafür überzubewerten. Wissenschaftstheoretisch liegt es ohnehin auf der Hand, dass man mit einer einzigen Studie sehr vorsichtig sein muss. Für Erkenntnissicherheit ist es meist unabdingbar, eine Metaanalyse über viele Studien zu veranstalten. Collier steht bei seinem zentralen Aspekt des „mutual regard“ vor dem Problem, dass kaum Studien gibt, welche seine Hypothese stützen. Zu wenig, um seine gesamte Argumentation valide darauf zu stützen.

Hinzu kommt, dass er bis zum Ende seiner Ausführungen die historische Dimension vernachlässigt. Die Weltgeschichte ist voller Beispiele, wo unterschiedlichste Kulturen mit hinreichend „mutual regard“ zusammenlebten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, vom Perserreich bis zu den Ottomanen. Deshalb wird man bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Collier implizit eine nationalistische Gesellschaftsauffassung voraussetzt, welche seine Urteile beeinflusst.

Angesichts der teils dürftigen Faktenlage und Colliers regelmäßiger methodischer Selbstreflexion, schadet das Exodus aber nur bedingt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Migrationsdebatte.

Paul Collier: Exodus. How Migration is Changing Our World (Oxford University Press)

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code

Ein bemerkenswertes Buch, das Leser mit unterschiedlichen Interessen anspricht. Primär geht es um einen Wissenschaftskrimi, nämlich der Entzifferung der Mayaschrift, deren Bedeutung in einer Reihe mit der Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen steht. Gleichzeitig ist es ein Lehrstück in Sachen Wissenschaftssoziologie. Die korrekten Hypothesen über das Wesen der Mayaschrift wurden nämlich lange aktiv von Eric Thompson unterdrückt, dem führenden Mayaforscher seiner Generation, weil sie seinen eigenen (falschen) Theorien widersprachen. Ein Musterbeispiel dafür, wie Wissenschaft nicht funktionieren soll. So stammten wichtige Einsichten von einer Wissenschaftlergruppe aus Leningrad, deren Ideen mit antikommunistischen Kalten-Kriegs-Argumenten vom Tisch gewischt wurden. Es standen also politische und persönliche Interessen statt wissenschaftliche im Mittelpunkt.

Einige der Elemente dieser Geschichte entbehren nicht der Ironie. So war ein erst im 19. Jahrhundert entdecktes Manuskript Diego de Landas dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu einer Entzifferung kommen konnte, enthielt es doch die einzige Übersicht über das Maya-Alphabet. Gleichzeitig war Diego de Landa während seiner Zeit bei den Maya als fanatischer Bischof dafür verantwortlich, dass die meisten Maya-Bücher verbrannt worden. Heute gibt es kaum noch Exemplare. Eines davon ist der berühmte Dresden Kodex.

Anders als es der Titel verspricht, gibt es aber auch noch eine breitere Perspektive auf das Themenfeld. Es enthält die wichtigsten grundlegenden Informationen über die Geschichte und Kultur der Maya, weshalb es sich auch als allgemein einführende Lektüre eignet.

Michael D. Coe war als Forscher immer wieder selbst in die Entzifferung der Mayaschrift involviert und kennt viele der Protagonisten. Dieser Aspekt gibt dem Buch eine persönliche Note, die man in historischen Darstellungen nur selten findet.

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code (Thames and Hudson)

Bill Bryson: Shakespeare. The World as Stage

Über kaum einen Autor wurde mehr geschrieben als über Shakespeare. Egal wie esoterisch das Thema: Man findet gleich mehrere Bücher dazu. Angesichts dieser Flut an Sekundärliteratur ist nichts schwieriger als eine gute Einführung zu schreiben. Genau das gelingt Bill Bryson in diesem schmalen Büchlein. Er neigt weder zur Hagiographie noch zur übertriebenen Originalitätssucht – bekanntlich zwei sehr populäre Verfehlungen unter Shakespeare-Autoren. Ihm gelingt es im Gegenteil gerade die düstere biographische Quellenlage und die exotischsten Theorien über den Autor auf einer Metaperspektive darzustellen. Dieses Claimants betitelte Kapitel über angebliche Autoren der Werke Shakespeares ist einer der Höhepunkte des Buches. Ein gut geschriebenes, geistreiches kleines Buch.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (als Hörbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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