Religion

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Koran

Viel wird über den Koran gesprochen und geschrieben: Gelesen hat ihn meiner Erfahrung nach allerdings niemand – Moslems und Islamforscher einmal ausgenommen. Ich will mir deshalb durch eine Komplettlektüre ein eigenes Bild machen. Ich lese den Koran wie alle alten Bücher als einflussreicher Klassiker und mache damit keinen Unterscheid zum Alten Testament oder zu Herodots Historien.

Der erste Leseeindruck: Dieses Buch ist fest in der arabischen Kultur des siebten Jahrhunderts verwurzelt. Wie auch in Genesis spielt sich alles vor dem kulturellen Hintergrund einer Nomadengesellschaft ab. So kommen im Text jede Menge Kamele vor und der Koran räumt die Existenz von Dschinn ein, also jener arabischen Geister, die man von Tausendundeine Nacht her kennt. Diese Einbettung in den soziohistorischen Kontext ist für eine neue Religion als Anknüpfungspunkt selbstverständlich unverzichtbar, sonst wären die potenziellen neuen Gläubigen gleich von Anbeginn an überfordert. Auch das „naturwissenschaftliche“ Niveau der Welterklärung geht über den damaligen Wissenstand nie hinaus. Allah setzt als Faktor immer dort ein, wo das Alltagswissen aufhört. Zwei Beispiele dazu mögen genügen. Warum erschuf Allah die Berge? Als eine Art Briefbeschwerer für die Erde:

Und wir setzten festgründete Berge in die Erde, damit sie nicht schwankte mit ihnen.
[Sure 21]

Er trägt auch persönlich zur kosmischen Statik bei:

Und er hält den Himmel, daß er nicht auf die Erde falle, es sei denn mit seiner Erlaubnis.
[Sure 22]

Der zweite Haupteinfluss auf den Koran sind die biblischen Schriften, deren Themen und Figuren ständig erwähnt werden, und fester Bestandteil der rhetorischen Strategie sind. Dabei gibt es auch Stellen, etwa über Jesus und seine frühen Jahre, welche sich in dieser Form nicht im Neuen Testament finden. Besonders eng sind die Gemeinsamkeiten beim apokalyptischen Weltbild. Mohammed spricht wie Jesus oft vom letzten Gericht, und die Vernichtung der Welt ist als Drohung ständig im Hintergrund präsent.

Wie beim Christentum stützt sich die Missionierungsarbeit auf drei Faktoren: Erstens, die bereits angesprochene Erklärung des derzeit Unerklärlichen durch den neuen Gott. Zweitens die Verheißung eines sensationellen Paradieses, wenn man sich bekehrt und den neuen Regeln der Religion folgt. Drittens die Drohung mit der Hölle. Sehr hübsch ist, dass den letzten Punkt der Koran sogar explizit einräumt:

Und demzufolge sandten wir ihn als arabischen Koran nieder und durchsetzen ihn mit Drohungen, auf daß sie gottesfürchtig würden.
[Sure 20]

Die Großartigkeiten des Paradies und der Grusel der Hölle werden oft erwähnt, teils in ritualistisch sich wiederholenden Formulierungen:

Aber für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer geschnitten, gegossen wird siedendes Wasser über ihre Häupter, das ihre Eingeweide und ihre Haut schmilz; und eiserne Keulen sind für sie bestimmt.
[Sure 22]

Siehe, Allah führt jene, die glauben, in Gärten durcheilt von Bächen. Geschmückt sollen sie sein in ihnen mit Armspangen von Gold und Perlen, und ihre Kleidung darinnen soll aus Seide sein.
[Sure 22]

Beides wird immer wieder unmittelbar gegenüber gestellt.

Zusätzlich wird regelmäßig versucht, ein Gefühl von Dankbarkeit zu evozieren, indem Mohammed betont, dass Allah für das Wohlergehen der Nomadengesellschaft sorgt:

Und in dem Wechsel von Nacht und Tag und in der Versorgung, die Allah vom Himmel hinabsendet, durch die er die Erde nach ihrem Tode erweckt, und in dem Wechsel der Winde sind Zeichen für ein verständiges Volk.
[Sure 45]

Literarisch spannend ist die einzigartige Kommunikationssituation des Koran: Allah spricht nicht nur direkt zu seinem Propheten Mohammed, sondern gibt ihm wie ein moderner PR-Berater ständig konkrete Anweisungen, was er seinen Arabern sagen soll. Oft in der Form, wenn sie dir X sagen, dann antworte mit Y. X sind dabei meist zu erwartende Einwände, die gegen eine neuen Religionsgründer vorgebracht werden können.

In Form und Struktur ist der Koran einzigartig. So sind die Suren entgegen der Chronologie angeordnet: Die frühen Suren beschließen das Buch, die späten Suren stehen am Anfang. Erstere sind kurz und greifen immer wieder auf poetische Stilmittel zurück. Letztere sind längere Abhandlungen mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftliche Regeln. Die moslemische Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend größer und komplexer, weshalb der Bedarf an normativen Regeln rapide gestiegen war.

Ein großer Unterschied zum Alten Testament oder zu den hinduistischen Epen ist das Fehlen größerer narrativer Strukturen. Es gibt keine einzige längere Erzählung im Koran. Abraham, Mose und Kollegen werden zwar oft erwähnt, aber nur immer kurz, um den Beleg für eine religiöse Forderung zu liefern. Gleichzeitig fehlt den Suren – trotz unterschiedlicher thematischer Schwerpunkte – jegliche Abwechslung, weshalb sich literarisch schnell Langeweile einstellt. Auch unterschiedliche Genres wie im Alten Testament (Geschichtserzählung, Gesetze, Propheten, Sprichwörter usw.) finden sich nicht.

Der Koran ist demgegenüber für die Rezitation ausgelegt, was nicht nur zur mündlichen Tradition arabischer Nomadenstämme passt, sondern sich selbst in der Übersetzung noch durch zahlreiche formelhafte Wiederholungen zeigt.

In der Öffentlichkeit gibt es das eingespielte Medienritual, dass zwischen Islamismus und Islam immer dann unterschieden wird, wenn neue Terroranschläge zu beklagen sind. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, wird dann ritualartig von allen Seiten betont. Es wird auch in Abrede gestellt, dass das islamistische ISIS-Kalifat auf dem Islam basiere. Liest man den Koran aber unter der moslemischen Voraussetzung, dass es das unmittelbare Wort Gottes ist, und deshalb eine nicht zu hinterfragende Handlungsanleitung, ist dieser Distanzierungsreflex leider falsch.

Wie alle religiösen Texte, ist auch der Koran polyvalent: Man findet für fast jede Auffassung ein passendes Zitat. Es ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept einer Weltreligion, dass sie möglichst unterschiedliche Zielgruppen bedienen kann, und die Basistexte ohne Schwierigkeit selbst logisch widersprüchliche Aussagen stützen. Die Bibel ist dafür ein ebenso exzellentes Beispiel. Die einzig intellektuell zulässige Vorgehensweise wären hier Meta-Interpretationsregeln, die für alle Textstellen gelten, und die es weder für das Christentum noch für den Islam gibt. Ergebnis: Man bewirft sich ad infinitum mit sich widersprechenden Textstellen bei null Erkenntnisgewinn. Man denke hier an die theologische Bibelinterpretation: Wenn es genehm ist, nimmt man eine Textstelle wörtlich. Wenn nicht, versteht man sie im symbolisch.

Wie ist das also jetzt mit dem Jihad und den Ungläubigen?

Es gibt nur wenige Stellen, die sich mit gutem Willen als Toleranz gegenüber Ungläubigen verstehen lassen:

Siehe, Allah ist vergebend, verzeihend.

[…]

Siehe, Allah ist wahrlich gütig gegen die Menschen und barmherzig.
[Sure 22]

Demgegenüber steht eine Vielzahl von ausgesprochen aggressiven Stellen auf die sich Islamisten völlig berechtigt berufen können, wenn sie ihrem unappetitlichen Handwerk nachgehen. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:

Es gibt keine Stadt, die wir nicht vernichten wollen vor dem Tag der Auferstehung oder doch mit strenger Strafe strafen wollen; das ist in dem Buch verzeichnet.
[Sure 17]

Wahrlich, Allahs Haß ist größer als euer Haß gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.
[Sure 40]

Und wenn ihr einen Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.
[Sure 47]

Aus historischer Perspektive kann man diese Aggressivität einerseits mit dem Kampfesethos der damaligen Stammesgesellschaften erklären. Andererseits mit dem Status als kleine, verfolgte religiöse Minderheit, die deshalb rhetorisch überkompensiert. Gefährlich wird es allerdings, wenn heute solche Stellen als Handlungsanweisung wörtlich genommen werden.

Das gilt auch für die sozialen Regeln, welche der Koran vorschreibt. Für das siebte Jahrhundert waren sie teilweise sozialrevolutionär. Das Almosengebot etwa etablierte erstmals ein religiös vorgeschriebenes soziales Netz für (verstoßene) Frauen, Waisen und Arme. Selbst die heute archaisch wirkenden Regeln für Frauen, waren in Zeiten, wo sie als Eigentum des Mannes galten, progressiv. Fortschrittliche Moslems transponieren das deshalb in ihre Forderung, soziale islamische Regeln heute müssten genauso ihrer Zeit voraus sein wie damals jene des Mohammed.

So lange 1,7 Milliarden Moslem den Koran allerdings buchstäblich als Wort Gottes verstehen, wird die Menschheit vor einer schwer zu lösenden Herausforderung stehen.

Koran.. Übersetzt von Max Henning.

Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita fehlt auf keiner Liste mit den bedeutendsten Klassikern der Weltliteratur und ist gleichzeitig einer der wichtigsten religiösen Texte des Hinduismus. Ursprünglich war es kein eigenes Buch, sondern Teil des indischen Riesenepos Mahabharata. Trotz (oder aufgrund?) seiner Kürze von 700 Versen zählt dieser Auszug zu den meist gelesenen und beliebtesten hinduistischen Texten.

Wie so viele Epen beschäftigt sich auch der Mahabharata mit einem großen Krieg. Zu Beginn der Bhagavad Gita finden wir den Helden Arjuna zwischen zwei feindlichen Heeren, die für ihn ein moralisches Dilemma darstellen: Er hat Familie und Freunde auf beiden Seiten:

O day of darkness! What evil spirit moved our minds when for the sake of an earthly kingdom we came to this field of battle ready to kill our own people?
[1, 45]

Was geschieht, wenn ein Mensch moralische Bedenken hat? Es kommt ein Gott und versucht ihm dieses Zaudern auszureden. Denn Religion ist ja bekanntlich jene Kraft, die gute Menschen am besten für böse Taten motiviert. Konkret ist das hier Krishna, der praktischerweise auch seinen Streitwagen lenkt:

Think thou also of thy duty and do not waver. There is no greater good for a warrior than to fight in a righteous war.
[2, 31]

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Religion war es immer, das Volk für die Herrschenden zu mobilisieren. So offen wie hier wird das aber nur selten ausgesprochen.

Den Rest des Buches versucht Krishna nun Arjuna zu überzeugen, dass er unbedingt kämpfen muss. Er verwendet dazu unterschiedliche Strategien und beginnt mit den religiösen Kernkonzepten des Hinduismus, etwa der Reinkarnation. Später kommen weitere grundlegende Prinzipien zur Sprache, so das Kastensystem.

Krishna überzeugt Arjuna, indem er ihm die Kompatibilität seiner spirituellen Pflichten mit denen seines Alltags aufzeigt. Die Botschaft ist klar: Du kannst ein normales Leben führen und trotzdem deine religiösen Pflichten erfüllen. Das dürfte – neben der attraktiven literarischen Form – einer der Gründe für die große Popularität der Bhagavad Gita sein.

Eingestreut findet man hübsche Sätze wie diese:

From passion comes confusion of mind, then loss of remembrance, the forgetting of duty. From this loss comes the ruin of reason, and the ruin of reason leads man to destruction.
[2, 63]

Gelesen habe ich den Klassiker in einer wunderschönen bibliophilen Ausgabe der Londoner Folio Society.

The Bhagavad Gita. (Folio Society)

Pascal: Pensées

Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.

Pascal (1623-1662) ist ein schwieriger Fall. Seine unvollendeten Pensées wurden 1669 zum ersten Mal publiziert und zählen heute zu den berühmtesten Büchern der Weltliteratur. Diese Gedanken sind Passagen unterschiedlicher Länge: Die Spannbreite reicht von Aphorismen bis zu mehrseitigen Essays. Moderne Ausgaben gliedern sie meist thematisch, obwohl das angesichts der Vielschichtigkeit der Textpassagen oft schwierig ist. Für mich ist die Qualität des Werks sehr divergent. Viele Sätze sind ausgesprochen treffend und fassen die Misere der Menschen brillant zusammen. Man könnte Dutzende zitieren:

Wie hohl und voller Schmutz ist doch des Menschen Herz.

Da man nicht allseitig sein und alles erfahren kann, was man über alles wissen könnte, muß man ein wenig von allem wissen, denn es ist weitaus schöner, etwas von allem zu wissen, als alles von einer Sache zu wissen.

Unsere ganze Würde besteht also im Denken.

Bist du weniger ein Sklave, weil dein Herr dich liebt und dir schmeichelt?

Das Wichtigste für das ganze Leben ist die Wahl des Berufs; und der Zufall entscheidet darüber.

Ich nehme es als Tatsache an, wenn alle Menschen wüßten, was die einen von den anderen sagen, so gäbe es keine vier Freunde auf der Welt.

Diese Gedanken sind gut gedacht und gut geschrieben. Anders sieht es aus, wenn sich Pascal mit dem eigentlichen Thema der Pensées beschäftigt, nämlich der Religion. Hier wird aus Brillanz übergangslos Blindheit. Es ist verblüffend, wie effektiv Religion als Hirnausschalter funktioniert. Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Büchern von begabten religiösen Menschen. Am Beispiel von Augustinus Gottesstaat gehe ich ausführlicher darauf ein.
Pascal hat zuerst ein methodisches Problem: Er ist der prinzipiell plausiblen Meinung, dass es aussichtslos ist, der Religion mit den Mitteln der Vernunft zu Leibe zu rücken. Allerdings bleibt dann wenig übrig für ein Buch, das bei anderen Themen von seinem Scharfsinn lebt.
Viele Beispiele könnte ich als Beleg bringen. Nehmen wir dieses:

Erbarmenswert ist zu sehen, wie so viele Türken, Ketzer und Ungläubige der Lebensart ihrer Väter aus dem einzigen Grunde folgen, daß man ihnen allen die vorgefaßte Meinung aufgezwungen hat, dies sei das beste … Gerade deshalb wissen die Wilden nichts mit der Vorsehung anzufangen.
[S. 107]

Wie intelligent Pascal war, zeigen seine bahnbrechenden Beiträge zur Mathematik. Wie konnte er nicht sehen, dass es bei den Katholiken nicht anders ist als bei den Türken ist, und die Religion ebenfalls deshalb angenommen wird, weil sie jene der Eltern und des Umfelds ist?
Wenn man diese Metaebene bei der Lektüre bewusst mitnimmt, also wie Religion die Qualität des Denkens eines Genies negativ beeinflussen kann, enthält man eine faszinierende Zusatzdimension.

Eine andere Klasse an Unfug über Religion ist Pascals Blindheit gegenüber Fakten:

Nicht so verhält es sich bei der Kirche, denn in ihr gibt es wahrhaftige Gerechtigkeit und keine Gewalttätigkeit.

Der von mir so geschätzte Montaigne war in Religionsdingen wesentlich hellsichtiger. Ein Grund dafür, warum Pascal regelmäßig an Montaigne herumkrittelt.

Unter Philosophiegeschichtlern gibt es seit langem die Debatte, ob man Pascal überhaupt als „Philosoph“ bezeichnen sollte. Ich schließe mich der Auffassung an, dass „Apoleget“ deutlich besser das Projekt der Pensées trifft. Philosophen des 17. Jahrhunderts schufen systematische Theorien und versuchten, diese kohärent zu argumentieren. Descartes wäre ein Beispiel, Leibniz ein anderes. Hinzukommt, dass Pascals Hauptintention nicht wahr, die Welt zu verstehen, sondern den Katholizismus zu verteidigen.

Wer Pascal lesen will, dem kann ich die unten verlinkte Ausgabe sehr empfehlen. Sie ist bibliophil ausgestattet, schön gedruckt und die Zeichnungen des Johannes Heisig treffen die anthropologische Dimension der Gedanken ausgezeichnet.

Blaise Pascal: Gedanken (Faber & Faber)

Äthiopien – Eine Reise in die Vergangenheit

Publiziert in „Literatur und Kritik“ Mai 2014.

Oktober / November 2013

Einige Tage bin ich bereits in einem Geländewagen auf teils abseitigen Wegen im Hochland Äthiopiens unterwegs. Wenn ich an meine Ankunft in Addis Abeba zurückdenke, kann ich eigentlich nicht mit dem brandneuen Dreamliner der Ethiopian Airlines angekommen sein, sondern mit dem TARDIS des Dr. Who. Bei keiner meiner bisherigen Reisen hatte ich so sehr das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. In den meisten Ländern muss man geistige Energie aufbringen, um die archäologischen und historischen Monumente in eine lebendige Vergangenheit zu verwandeln. In Äthiopien überhebt einem der gelebte Alltag von diesem Aufwand.

Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, welchen Zeitpunkt in der Vergangenheit man ansetzt. Die Menschen fristen ihr Leben wie vor fünfhundert oder wie vor tausendfünfhundert Jahren: Fast alle arbeiten mit den primitivsten Mitteln in der Landwirtschaft. Von Ochsen gezogene Holzpflüge sah ich auch in anderen Ländern, aber in Äthiopien wird zusätzlich per Hand geerntet und mit archaischen Mitteln gedroschen. Wer Esel für den Transport des Geernteten besitzt, ist privilegiert. Ansonsten tragen Frauen, Kinder und manchmal auch Männer die Getreidebündel in waghalsigen Konstruktionen auf dem Kopf nach Hause. Kinder arbeiten von klein auf selbständig in der Landwirtschaft oder als Hirten. Nicht nur das Wie, auch das Was des Anbaus ist archaisch. Gesät wird wie seit vielen Jahrhunderten Teff. Diese Grasart wirkt im Gegensatz zum Weizen zart, und die Körner pro Halm sind schütter verteilt. Ohne Zweifel lieferte ein modernes Hochleistungsgetreide einen mehrfachen Ertrag. Aber die Äthiopier können sich ebenso wenig vorstellen, auf ihr traditionelles Fladenbrot Inschera zu verzichten wie die Wiener auf ihr Schnitzel. Während im sicheren Wien besorgte Helikopter-Eltern noch ihre Zwölfjährigen fürsorglich zur Schule bringen, hüten in der Provinz Tigre Fünfjährige bereits alleine kleine Herden. Kinderarbeit ist omnipräsent. Gingen sie zur Schule, würde so manches Dorf wirtschaftlich zugrunde gehen.
Fehlender Strom und das fehlendes Wasser sind ubiquitär. Ab und an sieht man moderne Brunnen, aber der überwiegende Teil des Wassers wird von traditionellen Wasserstellen geholt. Satellitenschüsseln sind, im Gegensatz zu vielen anderen armen Ländern, immer noch eine Seltenheit. In niedrigen Lagen sind drei Ernten pro Jahr möglich, in den höheren Regionen des Hochlands nur noch eine Ernte – bei weitem zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Das größte Elend sehe ich deshalb über 3000 Meter in der grandiosen Landschaft des Simien-Nationalparks. An den atemberaubenden Aussichten haben freilich nur wir Touristene eine Freude. Für die Dorfbewohner der Gegend muss es wirken als hätte sich die Geographie mit ihnen hier einen grausamen Scherz erlaubt.

Generell fällt es mir schwerer als auf meinen früheren Reisen, mich auf die Kultur und Geschichte des Landes zu konzentrieren. Das liegt nicht an den Reisestrapazen. Zweitausend Kilometer in knapp zwei Wochen im Geländewagen durch das Hochland zu fahren, heißt angesichts der oft desaströsen Straßenverhältnisse: Tagesetappen von mindestens zwölf Stunden. Auf der Fahrt werden wir aber permanent vom schwierigen Alltag der Äthiopier eingeholt. Selbst in entlegenen Gebieten bedeutet jeder Stopp: Kinder. Nach ein paar Minuten sind die Land Cruiser von kleinen Äthiopiern umringt. Manche sehen uns skeptisch, manche sehen uns neugierig und manche sehen uns verzweifelt an mit den paar Fetzen, die sie noch am Leib haben. Konkret helfen kann man nicht, man müsste mit einem Lastwagenkonvoi unterwegs sein, um die Nachfrage zu befriedigen. „Mister, give me pen / shirt“ ist der häufigste Wunsch. So schiebt sich das oft mit erstaunlicher Würde getragene Elend immer wieder vor intellektuelle Reflexionen.

Ein anderer Teil des Alltagslebens ist tief in der Vergangenheit verwurzelt: Die Religion. In der äthiopischen Geistesgeschichte gibt es nichts der europäischen Aufklärung vergleichbares, weshalb das christlich-religiöse Leben anmutet wie im europäischen Mittelalter. Vorab sei daran erinnert, dass die eigenständige äthiopisch-orthodoxe Kirche zu den ältesten überhaupt zählt und ihre theologische Eigenständigkeit seit dem Konzil von Calzedon (451) erfolgreich behauptet. Die Lehrmeinung ist monophysitisch, das heißt sie erkennt nur die göttliche Natur Christi an.
Auch die Religionspraxis hat eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen. So gibt es das Amt des Debtera. Üblicherweise ungeweiht, ist er für die Kirchenmusik zuständig. Die Ausbildung dafür dauert über dreißig Jahre, was alleine schon bemerkenswert ist. Ihr Gesang wird über Lautsprecher an die Gemeinde übertragen. Das erinnert ebenso an Muezzine wie die Art und der Duktus der Musik. Auf europäische Ohren wirkt diese Ästhetik sehr fremd, es gibt orientalische und indische Anleihen. Als alte Kirche findet man ebenfalls noch viele Anleihen beim Judentum, vom Schweinefleischverbot bis zu Beschneidungen.
Der Einfluss der Priester auf den Alltag der Menschen ist im Hochland Äthiopiens enorm: Es gibt unzählige Verhaltensregeln. Hundertachtzig Fastentage sind für Laien einzuhalten, zweihundertfünfzig für Priester. Dann ist es nicht nur verboten, Fleisch, Eier und Milchprodukte zu essen, sondern auch jeglicher Geschlechtsverkehr. Kleriker sind verehrte Respektspersonen. Ich sehe auf der Reise sogar gut ausgebildete, mehrsprachige Äthiopier, die sofort das Kreuz küssen, welches ihnen ein Priester hinhält. Die äthiopische Regierung erkennt inzwischen, dass die Feiertagsflut der Wirtschaft und dem Wohlstand abträglich ist, und versucht in den Dorfschulen zaghaft gegen den kirchlichen Einfluss anzulehren.
Wie der katholische Gott, benötigt auch der äthiopische Gott ständig Geld. Wenn ich als Reisender eine Kirche betrete, egal ob eine der legendären Felskirchen in Lalibela oder ein normales Gotteshaus, beginnt immer dasselbe Ritual: Der Priester stellt sich stolz in seinem Ornat zum Fotografieren auf, wofür er pro Fotografierenden 10 Birr (40 Cent) kassiert. Ein unwürdiges Schauspiel, das die Autoritäten inzwischen angeblich verboten haben.
Der hygienische Zustand dürfte in den mittelalterlichen europäischen Kirchen nicht anders gewesen sein: Oft ist es in den Gotteshäusern olfaktorisch herausfordernd und man fängt sich dort unweigerlich Flöhe ein.

Meine Mitreisenden und ich nehmen diese Zustände freilich gerne in Kauf angesichts der grandiosen Architektur der äthiopischen Felskirchen. Im nach dem Kaiser Lalibela benannten Ort besichtige ich beide im 12./13. Jahrhundert errichteten Gruppen, die weltweit einzigartig sind und den Höhepunkt dieses Genres bilden. Die meisten sind buchstäblich mit einem enormen Aufwand und einer erstaunlichen Präzision direkt aus den Felsen herausgeschlagen. Immer wieder fühle ich mich an Petra erinnert, auch wenn ein direkter Vergleich mit den Nabatäerbauten unzulässig ist. Als ich das Labyrinth dieser Kirchen durchschreite muss ich unwillkürlich mich an die Hell- und Dunkelkontraste bei Caravaggio oder Rembrandt denken. Mir leuchtet auch die Legende ein, dass diese Bauwerke nur mit der Hilfe von Engeln aus den Felsen geschlagen werden konnten.
Faszinierend ist ebenso die äthiopische Kirchenmalerei. Die besten Beispiele dafür sind allerdings nicht in Lalibela zu finden. Wie beim religiösen Leben entwickelte sich bei der Dekoration ein völlig eigenständiger Stil. Als ich in der durchgehend bemalten Debre Berhan Selassie in Gondar stehe fühle ich mich vom Eindruck her an die wesentlich größere Sixtinische Kapelle erinnert. die visuelle Wirkung ist stark und das ikonographische Programm ist anspruchsvoll. So ist auf der Nordwand die äthiopische Marienlegende in fünfunddreißig Bildern dargestellt. Die Figuren treten plastisch hervor, was nicht zuletzt an deren überproportional großen Augen liegt, eines der wichtigsten Stilmerkmale. Diese finden sich ebenso in den zahlreichen illuminierten Handschriften, die es in jeder der bekannteren Kirchen gibt. Viele davon sind freilich aus dem 19. Jahrhundert und werden als spirituelle Alltagsgegenstände behandelt, anders als die Museumsstücke in europäischen Bibliotheken.
Auffallend ist die Explizität mit der Grausamkeit dargestellt wird, am liebsten anhand von Märtyrerszenen. Da wird verbrannt, gespießt und zerstückelt wie in Computerspielen für Erwachsene. Ich werde den Verdacht nicht los, dass dies in erster Linie der Einschüchterung der Gläubigen dienen soll und das bis heute passabel funktioniert.

Selbst ein kursorischer Überblick über die kulturellen Höhepunkte, wäre unvollständig, ohne die vorchristliche Zeit zu erwähnen. Die antike Hauptstadt Axum ist ein besseres Dorf mit einer riesigen Kathedrale. Die Straßen und selbst der Hauptplatz sind ungeteert. Das Zentrum des Ortes teilen sich einträchtig die Tiere mit den Menschen. Mein erster Besuchspunkt ist selbstverständlich der berühmte Stelenpark, dessen Exemplare zu den größten je gebauten gehören und von den Axumiten als Schmuck für Gräber aufgerichtet worden sind. Die größte Stele ist 520 Tonnen schwer und umgestürzt, falls sie überhaupt je aufgerichtet werden konnte. Die moderne Kathedrale Maryam Sion ist ein Prachtbau, der in einem frappanten Kontrast zum Dreck des Hauptplatzes steht. Dort werde ich Zeuge einer Taufe und einer Hochzeit. Eine hübsch geschmückte Braut und einen hübsch herausgeputzten Bräutigam, die eine auffallende Gemeinsamkeit aufweisen: Beide machen eine todunglückliche Miene, während die anwesenden alten Menschen mit dem Arrangement sehr zufrieden zu sein scheinen.
Ein paar Schritte davon entfernt steht das größte Heiligtum des Landes: Der Bau in dem laut Überlieferung die Bundeslade und die Originaltafel des Moses mit den zehn Geboten aufbewahrt wird. Praktischerweise darf sie außer einem auf Lebenszeit ernannten Wächter niemand sehen.
Sehr beeindruckt bin ich einige Tage später auch von der alten Kaiserstadt Gondar. Die im 17. und 18. Jahrhundert sukzessive errichtete Palastanlage ist für afrikanische Verhältnisse exzellent erhalten und beeindruckt durch die kluge architektonische Anlage. So mancher europäische Palast aus dieser Zeit wirkt provinziell dagegen.

Im Flugzeug zurück nach Frankfurt denke ich dann vor allem an die Menschen in Äthiopien und das unverdiente Privileg, in Europa geboren worden zu sein.

Molière: Tartuffe

Wiener Festwochen / Akademietheater 21.6. 2013

Regie: Luc Bondy

Orgon: Gert Voss
Elmire, seine Frau: Johanna Wokalek
Damis, sein Sohn: Peter Knaack
Marianne, seine Tochter: Adina Vetter
Madame Pernelle, seine Mutter: Gertraud Jesserer
Cléante, sein Schwager: Philipp Hauß
Valère, verlobt mit Marianne: Peter Miklusz
Tartuffe: Joachim Meyerhoff
Dorine, Mariannes Zofe: Edith Clever

Überlasst die Dummheit den Extremisten! (Orgon)

Molières Komödie um den religiösen Heuchler Tartuffe, der den naiven Gläubigen Orgon ausnutzt wie Foxconn chinesische Wanderarbeiter, könnte aktueller nicht sein. So konventionell das Stück formal gebaut ist, so frech ist es inhaltlich. Ein Jahre langes Verbot war die Folge, trotz des für Ludwig XIV. sicher erfreulichen Schlusses, wo ein weiser Staat als deus ex machina alle Probleme löst.

Luc Bondy inszeniert den Klassiker Tartuffe wie eine klassische Bondy-Inszenierung. Das Bühnenbild ist realistisch und vorsichtig in die Gegenwart transponiert (Kleidung! Gegensprechanlage!). Die Besetzung ist hochkarätig und spielt auf hohem Niveau. Meyerhoff gibt den Tartuffe als eine sich windende Schlange und schlägt viel Komik aus der Figur. Ein erfreuliches Theatererlebnis, so lange man nicht, wie ich gestern, zum ersten und letzten Mal auf dem Akademietheaterbalkon sitzt, wo der Sitzkomfort noch schlechter ist als bei Iberia in der Economy Class.

Scientology: The Story

So der Titel des Artikels von Diane Johnson, welche anlässlich zweier Neuerscheinungen hinter die Kulissen der Sekte blickt. Lawrence Wright, der für seine gut recherchierten Bücher bekannt ist, legt mit Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief eine ausführliche Hintergrundrecherche vor.

Wie bei allen Religionen, geht es auch bei Scientology vor allem um das liebe Geld:

To climb up to the bridge in Scientology is expensive, perhaps in proportion to what the church thinks you can afford and find worth the expense. Some people go into bankruptcy to stay, some balk and leave, but Scientology is a moneymaking outfit, like Avon or Herbalife, getting revenue by giving each person a bonus for recruiting others to the sales force, so that besides conviction, there’s a financial incentive to serve the group. Participants’ earnings—“stats”—are expected to be always rising, or else they face punishment and demotion.

The Hollywood actor Jason Beghe estimates that he spent nearly $1 million on Scientology donations, material, and courses. One of Wright’s principal informants, Paul Haggis, a successful and talented television and screen writer and director (Casino Royale, Crash), also spent a considerable fortune.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

Der große Religionskritiker Jean Meslier (1664-1729)

Eine meiner größten Buchentdeckungen der letzten Jahre ist das furiose Testament des Jean Meslier. Zwar kannte ich ihn dem Namen nach schon seit meiner Studienzeit als Vertreter der französischen Frühaufklärung, zu einer näheren Beschäftigung mit ihm inspirierten mich aber erst Philipp Bloms Böse Philosophen.

Die erste Überraschung: Eine der brillantesten Religionskritiken der Geistesgeschichte wurde von einem Pfarrer geschrieben! Welche großartige Ironie! 1664 geboren schlug Meslier eine klassische klerikale Karriere ein. Obwohl er von seinem Bischof mehrmals wegen Aufsässigkeiten bestraft wurde, übte er Zeit seines Lebens brav sein Amt aus. So nachlässig wie möglich, wie er in seinen ketzerischen Memoiren betont. Er ist ein brillanter Kopf und durchschaut das Kirchen- und Adelswesen, welches die Armen in Frankreich gemeinsam unter der Knute hält. Ab 1719 setzt er sich bis zu seinem Tode 1729 fast jeden Abend hin und schreibt sein Memoir of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier nieder. Das Ergebnis ist ein hochgradig intelligenter und origineller Text, wie ihn die Geistesgeschichte bis dahin noch nicht kannte. Ein Geistesverwandter war Montaigne, dessen Essais er oft zitiert und dessen Art des Schreibens und Denkens ihn sehr beeinflusste.

Das Faszinierende an dem knapp sechshundert Seiten langen Buch ist seine Vielfalt: Scharfsinnige philosophische Argumente wechseln sich mit furioser Polemik ab. Das Tempo variiert. Man spürt in jeder Zeile die Empörung des Jean Meslier über die argen Zustände in der Welt. Trotz dieses Ärgers ist sein Denken scharf wie ein Rasiermesser. Das Testament ist eine Enzyklopädie der Religionskritik. Alle bis heute gültigen Argumente gegen Religion im allgemeinen sowie gegen das Christentum im speziellen werden mustergültig dargelegt: Die zahllosen textimmanenten Widersprüche in der Bibel und die gescheiterten Versuche der Theologen, diese weg zu interpretieren. Die zahlreichen schamlosen Übernahmen des Christentums aus anderen Religionen und das Abstreiten dieser Diebstähle. Die abstrusen Dogmen. Die verlogene Ethik. Die unzähligen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis.

Jean Meslier verwendet in erster Linie simple Logik zur Entlarvung. Dabei argumentiert er, trotz seiner Wut, mit einer intellektuellen Sorgfalt, die bewundernswürdig ist. Viele seiner Argumente setzen von innen an: Er greift religiöse Behauptungen auf und widerlegt sie intrinsisch. Er baut kein atheistisches Kartenhaus daneben auf, sondern zieht solange die Karten aus dem religiösen Kartenhaus, bis es zusammenstürzt. Ein weitere Strategie ist eine historische: Er stellt das Christentum in den geschichtlichen Kontext mit anderen Religionen und geschichtlichen Entwicklungen. Schließlich zeigt er immer wieder überzeugend auf, welchen wahren Interessen die Religion dient und wie diese zur Machterhaltung von Monarchen und Tyrannen systematisch verwendet wird.

Das Testament ist sorgfältig systematisch aufgebaut. Meslier beginnt mit seiner grundsätzlichen Hypothese:

All religions are nothing but errors, illusion, and imposture.
[Kapitel 3]

Das insgesamt 97 Kapitel umfassende Buch besteht nun aus acht Beweisen, die Meslier in extenso ausführt. Er fängt immer allgemein mit einer These an und belegt diese dann, in dem er in den Folgekapiteln immer mehr ins Detail geht. Seine acht „Beweise“ sind:

First Proof: Of the vanity and falsity of religions, which are all human inventions.

Second Proof: Of the vanity and falsity of said religion: Faith, which is blind belief that serves as the foundation of all religions, is only a principle of errors, illusions and impostures.

Third Proof: Of the vanity and falsity of religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called visions and divine revelations.

Fourth Proof: Of the vanity and falsity of said religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called prophecies of the Old Testament.

Fifth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion drawn from the errors of its doctrine and morality.

Sixth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion, taken from the abuse, the unjust persecutions, and the tyranny of the rulers, which it tolerates or authorizes.

Seventh Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the falsity of the opinion of men concerning the so-called existence of gods.

Eighth Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the men’s opinion about the spirituality and immortality of their souls.

Das Ergebnis ist eine umfassende Entlarvung der Religion an sich und gleichzeitig ein gewaltiges Plädoyer für Humanität, Aufklärung und Vernunft. Kein Wunder also, dass die Kirche das Buch mit aller Macht verfolgte. Voltaire gab eine auf seine Auffassungen hin völlig verfälschte Kurzausgabe heraus. Ansonsten zirkulierte das Testament lange in Form illegaler Kopien. So manche Aufklärer bedienten sich großzügig aus seinem intellektuellen Fundus, ohne Quellenangabe versteht sich. Erst 1864 erschien eine vollständige Ausgabe, herausgegeben von Rudolf Charles. Ich las die 2009 bei Prometheus Books erschienene, erste vollständige Übersetzung ins Englische. Es gab in den letzten vierzig Jahren zwei deutschsprachige Ausgaben, die aber nur noch sehr teuer antiquarisch zu bekommen sind. Eine Neuauflage wäre dringend überfällig!

Jean Meslier zählt zu den größten Aufklärern der abendländischen Geschichte. Bevor Kant noch geboren war lebte er dessen Maxime „Sapere aude!“ allein und einsam in der französischen Provinz und schrieb eines der fulminantesten Enthüllungsbücher der Geistesgeschichte.

Doch ich lasse ihn das Testament am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen. Gegen Mesliers Aufruf zur Empörung im letzten Kapitel seines Buches, zitiert ist nur der Anfang, wirkt das Pamphlet des Stéphan Hessel wie der Text eines schüchternen Schulbuben:

All these arguments are as conclusive as they can be: it is enough to pay just a little attention to see the evidence. And so it cleary demonstrated, by all these arguments I have put forth above, that all religions of the world are, as I said at the beginning of this writing, only human inventions, and that everything they teach us or make us believe are only errors, illusions, lies, and impostures invented by scoffers, swindlers, and hypocrites to deceive men, or by shrewd and crafty politicians to hold men in check and do whatever they want to the ignorant people (who blindly and foolishly believe everything they are told comes from God) and claim that it is useful and expedient to make men believe in the same thing, on the pretext, as they say, that is „necessary that the common man not know very many truths and that he believe in many falsehoods.
And since these kind of errors, illusions, and impostures are the source and cause of countless evils, abuses, and viciousness in the world, and that even the tyranny, which makes so many people groan on the earth, also tries hard to hide itself under this attractive but false and detestable pretext of religion, I am very right to say that this hodgepodge of religion and political laws, such as there are at present, were in fact only mysteries of iniquity.
[Kapitel 96]

Jean Meslier: Testament. Memoirs of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier (Prometheus Books)
[Die am besten zugängliche und lieferbare Ausgabe]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier (Suhrkamp 1976)
[Hochpreisig antiquarisch zu bekommen]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier. Herausgegeben von Hartmut Kraus (Hintergrund)
[Lizenzausgabe der Suhrkamp-Ausgabe durch einen Kleinverlag]

Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder (1542)

Nach meiner Südamerika-Reise lässt mich das Thema nicht los. Eigentlich wollte ich den berühmten Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder noch als Vorbereitung lesen, es wurde nun eine Nachbereitungs-Lektüre.

Das Buch ist auf mehreren Ebenen faszinierend. Erstens gilt es als die wichtigste Quelle über die Behandlung der Eingeborenen durch die spanischen Eroberer. Zweitens ist es eine furiose Polemik gegen die Brutalität der Spanier aus der Feder eines berühmten Bischofs. Drittens entflammte nach dem Verfassen der Schrift im Jahr 1542 eine heftige Debatte über die Objektivität des Berichts. Das Buch zählt wohl zu den umstrittensten und heftigst bekämpften Publikationen der Geschichte. National gesinnte spanische Historiker sehen in Bartolomé de Las Casas (1485-1566) bis heute einen Verräter an der großen Zivilisationsgeschichte des spanischen Imperiums. Viertens schließlich ist das Werk für einen Reisebericht des 16. Jahrhunderts formal und inhaltlich sehr ungewöhnlich.

Um mit dem letzten Punkt anzufangen: Reiseberichte aus der frühen Neuzeit sind meist mit fantastischen Elementen angereichert. Fabelwesen sind keine Seltenheit. Las Casas Bericht ist dagegen inhaltlich realistisch in dem Sinne, dass er keinerlei fabelhafte Elemente enthält. Alles könnte sich so zugetragen haben, wie er es beschreibt. Er war bei vielen Dingen ja auch Augenzeuge, was er regelmäßig betont. Rhetorisch verwendet der Text fast durchgehend Elemente, die an Predigten erinnern. Das verleiht den anklagenden Elementen eine gehörige Wucht und trägt viel zur Wirkung des Textes bei. Die strukturellen Wiederholungen dagegen wirken auf heutige Leser monoton. Angesichts der geschilderten Bestialitäten wäre diese rhetorische Überhöhung eigentlich gar nicht notwendig gewesen:

Große und Edle brachten sie gewöhnlich folgendergestalt um: sie machten Roste von Stäben, die sie auf Gabeln legten, darauf banden sie die Unglücklichen fest, und machten ein gelindes Feuer darunter, bis sie nach und nach ein jämmerliches Geschrei erhoben, und unter unsäglichen Schmerzen ihren Geist aufgaben.
Ich kam einmal dazu, als sie vier bis fünd der vornehmsten Indianer auf solchen Rosten verbrannten. Wo ich nicht irre, so nahm ich noch zwei oder drei dergleichen Roste wahr, worauf Leute geringern Standes lagen. Sie alle machten ein gräßliches Geschrei, das dem Befehlshaber lästig fiel, oder ihn vielleicht im Schlafe störte. Er gab Befehl, man sollte sie erdrosseln; der Alguacil […] war weit grausamer als der Henker, welcher sie verbrannte; er ließ sie nicht erdrosseln, sondern steckte ihnen mit eigener Hand Knebel in den Mund, damit sie nicht schreien konnten, und schürte das Feuer zusammen, damit er sie so gemach braten konnte, wie er es wünschte.
[S. 13]

Es bleibt die Frage, ob sich diese Dinge wirklich so zutrugen, oder ob es sich um kranke Erfindungen handelt, wie die Gegner Las Casas von Anfang an behaupteten. Hans Magnus Enzensberger schlägt sich in seinem kenntnisreichen Nachwort auf die Seite Las Casas. Eines der stärksten Argumente für die Authentizität sind die vielen Details, die Las Cases korrekt beschreibt, und die er eigentlich nur wissen konnte, wenn er wirklich Augenzeuge war. Ich würde ergänzen, dass die beschriebenen Grausamkeiten ja in Teilen der Welt bis heute Alltag sind, man denke etwa an den Bürgerkrieg im Kongo.

So richtig die Details zu sein scheinen, desto fragwürdiger sind einige seiner Generalisierungen. So schreibt er fast nach jeder Schilderung der spanischen Ausrottungsbemühungen, dass die Gegend danach fast frei von Eingeborenen gewesen sei. Das behauptet er auch von Peru, wo sicher nach den „Aktivitäten“ der Spanier das Land nicht entvölkert gewesen ist. Andererseits geht die aktuelle Forschungslage davon aus, dass mindestens 80% der Einheimischen durch europäische Krankheiten in einem relativ kurzen Zeitraum starben.

Prinzipiell schließe ich mich der Auffassung Enzensberger an, dass zumindest die Essenz der beschriebenen Ereignisse wahr sein muss. Unabhängig von der Diskussion ist Las Casas Bericht eine frühe Philippika gegen barbarischen Umgang mit Fremden und alleine das sichert ihm dauerhaft seinen Platz als Klassiker.

Bartolomé de Las Casas: Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder.

Textkritik des Koran

Von allen grundlegenden Texten der großen Weltreligionen ist der Koran bisher am schlechtesten philologisch erforscht. The Economist erläutert in einem informativen Artikel den Stand der Bemühungen:

Meanwhile, scholars in Europe, stimulated by the manuscripts in great European libraries, are working hard to find out how and when the Koran’s written form was standardised. In America more effort has gone into relating the Koran to what is known from other sources about political and social history. Patricia Crone, of America’s Institute for Advanced Study, once argued that Islam originated in a revolt by Semites against Byzantine and Persian power. She has revised her views, but copies of her 1977 book “Hagarism” change hands for hundreds of dollars.

A burst of new Koranic scholarship erupted at SOAS in the 1980s. These days, it is one of several British campuses where scholars say they find it hard to get funding for work that threatens orthodoxy—a change they ascribe to the influence of conservative Saudi donors. But in France, the home of literary theory, and Germany, the fatherland of textual analysis, free-ranging study of the Koran continues. If you want to argue that partial versions of Hebrew and Christian stories are visible in the Koran, or that its historical portions are inaccurate, nobody will stop you.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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