Publikationen

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Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie

Erschienen in „Literatur und Kritik“ Mai 2016

Die meisten Leser Thomas Bernhards kennen dessen Leben aus seinen autobiographischen Schriften, die in fünf Teilen zwischen 1975 und 1982 veröffentlicht wurden. Nicht in chronologischer Reihenfolge: Die frühesten Erinnerungen erscheinen unter dem Titel „Ein Kind“ erst als letztes Buch der Reihe. Bereits während meines Germanistikstudiums in Salzburg versuchte Hans Höller in den neunziger Jahren, Fakten und Fiktion in der Autobiographie des Autors zu unterscheiden und publizierte 1993 schon früh eine Rowohlt Monographie über ihn. Eine weit umfangreichere Arbeit legt nun der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer vor, der sich auch durch die Herausgabe einiger Bände in der kürzlich abgeschlossenen Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags Verdienste um den Autor erwarb und ein wichtiger Protagonist der Bernhard-Forschung ist. Leicht wurde ihm sein Projekt nicht gemacht: Der Nachlass-Verwalter Peter Fabjan und Stiefbruder Bernhards verbot ihm bedauerlicherweise aus unveröffentlichten Briefen zu zitieren, oder die mit Fabjan geführten Gespräche zu verwenden. Mittermayer war deshalb auf die öffentlich zugänglichen Quellen angewiesen. So greift er oft auf die Nachlass-Publikation „Meine Preise“ zurück.

Wer die Ästhetik Thomas Bernhards verstehen will, kann anhand der Autobiographie bereits ein Kernelement kennenlernen: Bernhard gibt der Fiktion immer Priorität über die Fakten, wenn es seine Literatur künstlerisch besser macht. Überhaupt inszeniert er sein Autorenleben gerne für das Publikum, ganz so als sei es eines seiner Theaterstücke. Mittermayer bringt dafür zahlreiche Beispiele aus allen Lebensphasen des Autors.

Ein wichtiges Ereignis im Leben des jungen Thomas Bernhard war etwa der Wechsel vom Salzburger Staatsgymnasium am Grünmarkt zu einer Kaufmannslehre in der berüchtigten Scherzhauserfeldsiedlung. Was wissen wir über die Fakten? Die schulischen Leistungen des Jungen waren nicht die besten, er musste die zweite Klasse nach einer verpatzten Latein-Nachprüfung wiederholen. Zusätzlich waren die ökonomischen Umstände seines Vormunds Emil Fabjan angespannt. Nachdem sich die Leistung nicht besserte, erfolgte die Abmeldung vom Gymnasium am 1. April 1947. Fiktional in „Der Keller“ verarbeitet macht der Autor daraus eine spontane, autonom getroffene existenzielle Entscheidung des Jungen: „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung, diesen Begriff in die entgegengesetzte Richtung hatte ich mir auf dem Weg in das Arbeitsamt immer wieder vorgesagt, immer wieder in die entgegengesetzte Richtung…“. Aus dieser – in seiner üblichen Manier übertriebenen – literarischen Entgegensetzung zwischen der bürgerlichen Welt des Gymnasiums und der Welt der Außenseiter in der Scherzhauserfeldsiedlung wird ein wichtiges strukturelles Grundprinzip des Buches. Eine schlichte Wiedergabe der Fakten hätte diesen ästhetischen Effekt nie erzeugen können.

Bernhard hat dieses Grundprinzip seines Schaffens nicht verschwiegen. Mittermayer unterbricht die Lebensbeschreibung immer wieder, um Bernhards Literaturauffassung zu schildern. Die zentralen Zeugnisse davon werden ausführlich zitiert. So zum wichtigen Begriff der Künstlichkeit im von Ferry Radax 1970 gedrehten Film „Drei Tage“: „In meinen Büchern ist alles künstlich, das heißt, alle Figuren, Ereignisse, Vorkommnisse spielen sich auf einer Bühne ab, und der Bühnenraum ist total finster.“

Ein Beispiel für Bernhards Selbststilisierung aus einer viel späteren Zeit ist seine Film-Aussage 1984 zu Krista Fleischmann: „Ich hab‘ immer aus eigenem Antrieb gelebt, hab‘ nie eine Subvention g’habt, es hat sich um mich nie jemand gekümmert, bis heute nicht.“ Mittermayer widerlegt diese Aussage mühelos anhand belegbarer staatlicher Förderungen.

Eine Stärke der Biographie Mittermayers ist es, diese Bezüge zwischen Biographie, Ästhetik und Rezeption regelmäßig herauszuarbeiten. Er stützt damit seine zu Beginn des Buches formulierte Auffassung: „Bernhards Literatur ist ohne Bezugnahme auf die Biografie nicht zu verstehen – Bernhards Literatur jedoch ist aus seiner Biographie nicht zu erklären“.

Speziell die Wirkungsgeschichte ist Mittermayer immer wieder ein Anliegen. Den Werkbeschreibungen, egal ob es sich um einen Prosatext oder um eine Theateraufführung handelt, folgt eine kurze Rezeptionsgeschichte. Dafür greift der Biograph nicht nur auf die Rezensionen der führenden Blätter zurück, sondern verweist immer wieder auch auf die literarische Wirkung Bernhards. Am Ende der Lektüre ist man also auch darüber im Bilde, welche Autoren im In- und Ausland Bernhard maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst hat. Zu nennen wären hier etwa William Gaddis oder Don DeLillo.

Ein weiterer Vorzug sind die unprätentiösen Beschreibungen der Werke Bernhards. Es gibt ja nicht wenige Lebensbeschreibungen, die sich stilistisch lesen als hätte sie der Beschriebene selbst verfasst. Mittermayers sachlicher Stil setzt dagegen einen wohltuenden Kontrapunkt zum Hyperbolismus Bernhards. Das gilt auch für die Interpretationen des Germanisten: Sie bewegen sich immer nahe am Text und sind nie literaturtheoretisch überladen. Damit zeigen sie auch dem literaturwissenschaftlich nicht vorbelasteten Leser, wie man sich der Komplexität der Texte so nähern kann, dass man Erkenntnisgewinne erzielt. Erfreulich auch, dass Mittermayer auf noch nicht publizierte Texte aus dem Nachlass eingeht. Ab 1957 arbeitet Bernhard etwa an dem Prosatext „Schwarzach Sankt Veit“ zu dem sich ein 296 Seiten langes Typoskript findet. Die Geschichte zweier Brüder enthält zahlreiche Bezüge auf Bernhards Jugend. David ist Gerichtsreporter in Salzburg, war vorher Kaufmannslehrling und will Sänger werden, ganz so wie der junge Thomas Bernhard. Man kann nur hoffen, dass aus dem unveröffentlichtem Nachlass bald ein veröffentlichter wird.

Komplexität und Stilisierung sind ebenfalls wichtige Stichworte für Bernhards Sozialleben. Das vom Autor gerne gezeichnete Selbstbild des einsamen Einzelgängers, der sich in seinem Ohlsdorfer Vierkanthof von der gehassten Außenwelt abschottet, hat zwar einen wahren Kern. Richtig ist aber ebenso, dass Bernhard während seines Lebens immer intensiv für ihn wichtige soziale Beziehungen pflegt. Das beginnt mit dem idolisierten Großvater Johannes Freumbichler, der als gescheiterter Heimatschriftsteller seine Familie als Patriarch tyrannisiert. Bernhards Start ins Leben war in vielen Dimensionen schwierig: Er war arm, krank und hatte in der Familie kaum Unterstützer. Bereits als jungem Menschen gelang es ihm aber, sich ein nützliches Netzwerk im Kulturbetrieb aufzubauen. Carl Zuckmayer fördert ihn schon früh. Etwas später kommt dann noch das Ehepaar Lampersberg hinzu, das Bernhard in die österreichische Avantgardeszene einführt, und die er dann viel später mit seinem Roman „Holzfällen“ zu einer Klage provoziert. Der wichtigste Lebensmensch für ihn war Hedwig Stavianicek, 36 Jahre älter als er und zu Beginn auch ein Ersatz für die früh gestorbene Mutter. Sie lernten sich Anfang der fünfziger Jahre kennen als sich Bernhard wegen seiner Tuberkolose in der Lungenheilstätte St. Veit aufhält. Mittermayer beschreibt in seiner Biographie ausführlich weitere Bekanntschaften Bernhards und deutet an einer Stelle auch an, dass sich Bernhards sexuelle Vorlieben nicht nur auf Frauen beschränken, ohne das allerdings näher auszuführen.

Die große Leistung von Mittermayers Buch ist es, dass sie uns einen soliden Vergleich zwischen dem Menschen Thomas Bernhard und dem Schriftsteller Thomas Bernhard ermöglicht. Wer bisher nur Bernhards Werk und das darin entworfene Selbstbild kennt, wird über viele Tatsachen seines Lebens erstaunt sein, speziell was seine Kindheit und seine ersten Schritte als Journalist und Autor in Salzburg angeht.

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie (Residenz)

Äthiopien – Eine Reise in die Vergangenheit

Publiziert in „Literatur und Kritik“ Mai 2014.

Oktober / November 2013

Einige Tage bin ich bereits in einem Geländewagen auf teils abseitigen Wegen im Hochland Äthiopiens unterwegs. Wenn ich an meine Ankunft in Addis Abeba zurückdenke, kann ich eigentlich nicht mit dem brandneuen Dreamliner der Ethiopian Airlines angekommen sein, sondern mit dem TARDIS des Dr. Who. Bei keiner meiner bisherigen Reisen hatte ich so sehr das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. In den meisten Ländern muss man geistige Energie aufbringen, um die archäologischen und historischen Monumente in eine lebendige Vergangenheit zu verwandeln. In Äthiopien überhebt einem der gelebte Alltag von diesem Aufwand.

Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, welchen Zeitpunkt in der Vergangenheit man ansetzt. Die Menschen fristen ihr Leben wie vor fünfhundert oder wie vor tausendfünfhundert Jahren: Fast alle arbeiten mit den primitivsten Mitteln in der Landwirtschaft. Von Ochsen gezogene Holzpflüge sah ich auch in anderen Ländern, aber in Äthiopien wird zusätzlich per Hand geerntet und mit archaischen Mitteln gedroschen. Wer Esel für den Transport des Geernteten besitzt, ist privilegiert. Ansonsten tragen Frauen, Kinder und manchmal auch Männer die Getreidebündel in waghalsigen Konstruktionen auf dem Kopf nach Hause. Kinder arbeiten von klein auf selbständig in der Landwirtschaft oder als Hirten. Nicht nur das Wie, auch das Was des Anbaus ist archaisch. Gesät wird wie seit vielen Jahrhunderten Teff. Diese Grasart wirkt im Gegensatz zum Weizen zart, und die Körner pro Halm sind schütter verteilt. Ohne Zweifel lieferte ein modernes Hochleistungsgetreide einen mehrfachen Ertrag. Aber die Äthiopier können sich ebenso wenig vorstellen, auf ihr traditionelles Fladenbrot Inschera zu verzichten wie die Wiener auf ihr Schnitzel. Während im sicheren Wien besorgte Helikopter-Eltern noch ihre Zwölfjährigen fürsorglich zur Schule bringen, hüten in der Provinz Tigre Fünfjährige bereits alleine kleine Herden. Kinderarbeit ist omnipräsent. Gingen sie zur Schule, würde so manches Dorf wirtschaftlich zugrunde gehen.
Fehlender Strom und das fehlendes Wasser sind ubiquitär. Ab und an sieht man moderne Brunnen, aber der überwiegende Teil des Wassers wird von traditionellen Wasserstellen geholt. Satellitenschüsseln sind, im Gegensatz zu vielen anderen armen Ländern, immer noch eine Seltenheit. In niedrigen Lagen sind drei Ernten pro Jahr möglich, in den höheren Regionen des Hochlands nur noch eine Ernte – bei weitem zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Das größte Elend sehe ich deshalb über 3000 Meter in der grandiosen Landschaft des Simien-Nationalparks. An den atemberaubenden Aussichten haben freilich nur wir Touristene eine Freude. Für die Dorfbewohner der Gegend muss es wirken als hätte sich die Geographie mit ihnen hier einen grausamen Scherz erlaubt.

Generell fällt es mir schwerer als auf meinen früheren Reisen, mich auf die Kultur und Geschichte des Landes zu konzentrieren. Das liegt nicht an den Reisestrapazen. Zweitausend Kilometer in knapp zwei Wochen im Geländewagen durch das Hochland zu fahren, heißt angesichts der oft desaströsen Straßenverhältnisse: Tagesetappen von mindestens zwölf Stunden. Auf der Fahrt werden wir aber permanent vom schwierigen Alltag der Äthiopier eingeholt. Selbst in entlegenen Gebieten bedeutet jeder Stopp: Kinder. Nach ein paar Minuten sind die Land Cruiser von kleinen Äthiopiern umringt. Manche sehen uns skeptisch, manche sehen uns neugierig und manche sehen uns verzweifelt an mit den paar Fetzen, die sie noch am Leib haben. Konkret helfen kann man nicht, man müsste mit einem Lastwagenkonvoi unterwegs sein, um die Nachfrage zu befriedigen. „Mister, give me pen / shirt“ ist der häufigste Wunsch. So schiebt sich das oft mit erstaunlicher Würde getragene Elend immer wieder vor intellektuelle Reflexionen.

Ein anderer Teil des Alltagslebens ist tief in der Vergangenheit verwurzelt: Die Religion. In der äthiopischen Geistesgeschichte gibt es nichts der europäischen Aufklärung vergleichbares, weshalb das christlich-religiöse Leben anmutet wie im europäischen Mittelalter. Vorab sei daran erinnert, dass die eigenständige äthiopisch-orthodoxe Kirche zu den ältesten überhaupt zählt und ihre theologische Eigenständigkeit seit dem Konzil von Calzedon (451) erfolgreich behauptet. Die Lehrmeinung ist monophysitisch, das heißt sie erkennt nur die göttliche Natur Christi an.
Auch die Religionspraxis hat eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen. So gibt es das Amt des Debtera. Üblicherweise ungeweiht, ist er für die Kirchenmusik zuständig. Die Ausbildung dafür dauert über dreißig Jahre, was alleine schon bemerkenswert ist. Ihr Gesang wird über Lautsprecher an die Gemeinde übertragen. Das erinnert ebenso an Muezzine wie die Art und der Duktus der Musik. Auf europäische Ohren wirkt diese Ästhetik sehr fremd, es gibt orientalische und indische Anleihen. Als alte Kirche findet man ebenfalls noch viele Anleihen beim Judentum, vom Schweinefleischverbot bis zu Beschneidungen.
Der Einfluss der Priester auf den Alltag der Menschen ist im Hochland Äthiopiens enorm: Es gibt unzählige Verhaltensregeln. Hundertachtzig Fastentage sind für Laien einzuhalten, zweihundertfünfzig für Priester. Dann ist es nicht nur verboten, Fleisch, Eier und Milchprodukte zu essen, sondern auch jeglicher Geschlechtsverkehr. Kleriker sind verehrte Respektspersonen. Ich sehe auf der Reise sogar gut ausgebildete, mehrsprachige Äthiopier, die sofort das Kreuz küssen, welches ihnen ein Priester hinhält. Die äthiopische Regierung erkennt inzwischen, dass die Feiertagsflut der Wirtschaft und dem Wohlstand abträglich ist, und versucht in den Dorfschulen zaghaft gegen den kirchlichen Einfluss anzulehren.
Wie der katholische Gott, benötigt auch der äthiopische Gott ständig Geld. Wenn ich als Reisender eine Kirche betrete, egal ob eine der legendären Felskirchen in Lalibela oder ein normales Gotteshaus, beginnt immer dasselbe Ritual: Der Priester stellt sich stolz in seinem Ornat zum Fotografieren auf, wofür er pro Fotografierenden 10 Birr (40 Cent) kassiert. Ein unwürdiges Schauspiel, das die Autoritäten inzwischen angeblich verboten haben.
Der hygienische Zustand dürfte in den mittelalterlichen europäischen Kirchen nicht anders gewesen sein: Oft ist es in den Gotteshäusern olfaktorisch herausfordernd und man fängt sich dort unweigerlich Flöhe ein.

Meine Mitreisenden und ich nehmen diese Zustände freilich gerne in Kauf angesichts der grandiosen Architektur der äthiopischen Felskirchen. Im nach dem Kaiser Lalibela benannten Ort besichtige ich beide im 12./13. Jahrhundert errichteten Gruppen, die weltweit einzigartig sind und den Höhepunkt dieses Genres bilden. Die meisten sind buchstäblich mit einem enormen Aufwand und einer erstaunlichen Präzision direkt aus den Felsen herausgeschlagen. Immer wieder fühle ich mich an Petra erinnert, auch wenn ein direkter Vergleich mit den Nabatäerbauten unzulässig ist. Als ich das Labyrinth dieser Kirchen durchschreite muss ich unwillkürlich mich an die Hell- und Dunkelkontraste bei Caravaggio oder Rembrandt denken. Mir leuchtet auch die Legende ein, dass diese Bauwerke nur mit der Hilfe von Engeln aus den Felsen geschlagen werden konnten.
Faszinierend ist ebenso die äthiopische Kirchenmalerei. Die besten Beispiele dafür sind allerdings nicht in Lalibela zu finden. Wie beim religiösen Leben entwickelte sich bei der Dekoration ein völlig eigenständiger Stil. Als ich in der durchgehend bemalten Debre Berhan Selassie in Gondar stehe fühle ich mich vom Eindruck her an die wesentlich größere Sixtinische Kapelle erinnert. die visuelle Wirkung ist stark und das ikonographische Programm ist anspruchsvoll. So ist auf der Nordwand die äthiopische Marienlegende in fünfunddreißig Bildern dargestellt. Die Figuren treten plastisch hervor, was nicht zuletzt an deren überproportional großen Augen liegt, eines der wichtigsten Stilmerkmale. Diese finden sich ebenso in den zahlreichen illuminierten Handschriften, die es in jeder der bekannteren Kirchen gibt. Viele davon sind freilich aus dem 19. Jahrhundert und werden als spirituelle Alltagsgegenstände behandelt, anders als die Museumsstücke in europäischen Bibliotheken.
Auffallend ist die Explizität mit der Grausamkeit dargestellt wird, am liebsten anhand von Märtyrerszenen. Da wird verbrannt, gespießt und zerstückelt wie in Computerspielen für Erwachsene. Ich werde den Verdacht nicht los, dass dies in erster Linie der Einschüchterung der Gläubigen dienen soll und das bis heute passabel funktioniert.

Selbst ein kursorischer Überblick über die kulturellen Höhepunkte, wäre unvollständig, ohne die vorchristliche Zeit zu erwähnen. Die antike Hauptstadt Axum ist ein besseres Dorf mit einer riesigen Kathedrale. Die Straßen und selbst der Hauptplatz sind ungeteert. Das Zentrum des Ortes teilen sich einträchtig die Tiere mit den Menschen. Mein erster Besuchspunkt ist selbstverständlich der berühmte Stelenpark, dessen Exemplare zu den größten je gebauten gehören und von den Axumiten als Schmuck für Gräber aufgerichtet worden sind. Die größte Stele ist 520 Tonnen schwer und umgestürzt, falls sie überhaupt je aufgerichtet werden konnte. Die moderne Kathedrale Maryam Sion ist ein Prachtbau, der in einem frappanten Kontrast zum Dreck des Hauptplatzes steht. Dort werde ich Zeuge einer Taufe und einer Hochzeit. Eine hübsch geschmückte Braut und einen hübsch herausgeputzten Bräutigam, die eine auffallende Gemeinsamkeit aufweisen: Beide machen eine todunglückliche Miene, während die anwesenden alten Menschen mit dem Arrangement sehr zufrieden zu sein scheinen.
Ein paar Schritte davon entfernt steht das größte Heiligtum des Landes: Der Bau in dem laut Überlieferung die Bundeslade und die Originaltafel des Moses mit den zehn Geboten aufbewahrt wird. Praktischerweise darf sie außer einem auf Lebenszeit ernannten Wächter niemand sehen.
Sehr beeindruckt bin ich einige Tage später auch von der alten Kaiserstadt Gondar. Die im 17. und 18. Jahrhundert sukzessive errichtete Palastanlage ist für afrikanische Verhältnisse exzellent erhalten und beeindruckt durch die kluge architektonische Anlage. So mancher europäische Palast aus dieser Zeit wirkt provinziell dagegen.

Im Flugzeug zurück nach Frankfurt denke ich dann vor allem an die Menschen in Äthiopien und das unverdiente Privileg, in Europa geboren worden zu sein.

Macht Liebe blind?

Erschienen in The Gap Nr. 138

Michel Serres schreibt über die vernetzte Generation, ihre Däumlinge, und den radikalen Umbruch, den sie erlebt – ganz ohne Kulturpessimismus, dafür fällt er ins andere Extrem.

Kann es gut gehen, wenn ein Dreiundachtzigjähriger der jungen Netzgeneration seine Liebe erklärt? Der französische Philosoph Michel Serres versucht genau das in seinem kurzen neuen Buch „Erfindet euch neu!“, das eben auf Deutsch erschienen ist. Es gibt eine lange Tradition seit der Antike, in der die Alten der Jugend vorwerfen, die neue Generation sei schlechter als die alte. Stichwort: Werteverfall. Keine Moral mehr, diese Jugend! Und die Sprache: Fürchterlich!

Serres unterbricht erfreulicherweise diese Litanei und fällt ins andere Extrem. Er ist in vielen Punkten exzellent über die aktuellen Lebensgewohnheiten seiner Enkel informiert. Das Buch scheitert nicht an seiner guten Absicht, sondern an seiner Argumentation:

„Heute weiß jeder kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter, genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie.“

Smartphones – Tragbare Kognitionsbüchsen

Dieses Zitat ist typisch für Serres Pauschalierungen und seine ungenaue Verwendung von Begriffen. Es reicht natürlich nicht aus, ein Smartphone in der Tasche zu haben, um etwas über Chemie zu wissen. Serres behauptet aber genau das: Er bezeichnet ein Smartphone sogar als „objektivierte Kognitionsbüchse.“ Für einen Philosophen, der sich selbst als gelernter Epistemologe bezeichnet, ist das eine erstaunlich naive Sicht auf Erkenntnis. Zum einen reicht es nicht aus, Zugriff auf Informationen zu haben: Man muss diese auch verstehen können. Ein Blick auf die Pisaergebnisse seiner „Däumlinge“ hätte Serres belehrt, dass es bei vielen mit dem sinnerfassenden Lesen nicht so weit her ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass Serres Thesen in erster Linie durch die Beobachtung seiner Elitelernenden in Stanford entstanden sind. Es war offenbar auch niemand delikat genug, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass der größte Teil des modernen Datenverkehrs nicht durch Videos über Chemie oder Atomphysik verursacht wird, sondern durch Pornographie.
Dass er die neue Generation als „Däumlinge“ anspricht, wirkt zumindest auf Deutsch herablassend und passt nicht zu seiner Forderung einer machtfreien Kommunikation.

Auf doppelt wackeligen Boden begibt sich der Philosoph, wenn er über Erkenntnis und Computertechnik schreibt:

„Mein Denken ist unterschieden vom Wissen, von den Erkenntnisprozessen…die, samt Synapsen und Neuronen, in den Computer ausgelagert sind.“

Die Neuroinformatik beschäftigt sich zwar intensiv mit derartigen Konzepten, ist aber noch ein paar Lichtjahre von einer Umsetzung entfernt, die der menschlichen Kognition auch nur nahe käme.

Daten-Wunderwaffen

Der Philosoph stilisiert die Informationstechnik zu einer Wunderwaffe. Sie sei der Schlüssel zu einer dringend notwendigen Komplexitätsreduktion des modernen Lebens. Der reale Alltag sei hoch komplex, aber „ein paar Ingenieure reichen aus, dieses Problem zu lösen, indem sie zum informatischen Paradigma übergehen, das aufgrund seiner Leistungsfähigkeit den Simplex bewahrt“. In Wahrheit bedarf es hier natürlich einer Vielzahl von Ingenieuren und diese Technik ist nicht nur selbst hoch komplex: Sie verursacht auch jede Menge neuer komplexer Probleme. Beispielsweise schaffen die westlichen Demokratien derzeit freiwillig die perfekte technische Überwachungsinfrastruktur für zukünftige Diktaturen, obwohl es eigentlich ihre Pflicht wäre, zukünftigen Diktatoren prophylaktisch die Tyrannei zu erschweren. Statt auch nur einen dieser kritischen Punkte zu erwähnen, bringt er ausgerechnet einen „virtuellen Pass“ mit allen persönlichen Daten als positives Beispiel.

Zwar äußert Serres die Prognose, dass die Digitalisierung der Welt zu dem größten gesellschaftlichen Umbruch seit der Renaissance Anlass geben wird. Man liest diese Zukunftsprognosen allerdings mit Skepsis, weil bereits seine Gegenwartsdiagnosen problematisch sind.

Er beschreibt viele Entwicklungen und Trends in der Gesellschaft über die es jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen gäbe. Mit Belegen zu seinen Behauptungen gibt sich Serres jedoch nicht ab. Ein Ergebnis dieser philosophischen Formulierungsfreiheit sind Fehler. So nähert sich die Zahl der Facebooknutzer natürlich nicht jener der Weltbevölkerung an (Facebook: 1,2 Milliarden. Weltbevölkerung: 7,1 Milliarden). Aber vermutlich hat Serres die Zahl nur schnell mit seiner Kognitionsbüchse gesucht und ist auf eine fehlerhafte Webseite geraten.

Ein radikaler Umbruch

Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, sieht der Philosoph nun zum ersten Mal die Gelegenheit gekommen, die seit Anbeginn bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen zu durchbrechen. In der Vor-Internetzeit gab es „oben ohrlose Münder, unten stummes Gehör“. Heute dagegen wolle alle Welt sprechen, alle Welt kommuniziere mit aller Welt in zahllosen Netzwerken. Zweifellos findet hier ein radikaler Umbruch statt und zweifellos sieht Serres hier viele valide Punkte. Unkritischer Optimismus ist aber auch gesellschaftspolitisch unangebracht, wie der Zusammenbruch des ägyptischen Frühlings diesen Sommer zeigte.

Beim Lesen des Buches drängt sich die Frage auf, wie man im 21. Jahrhundert Philosophie betreiben soll. Michel Serres und andere französische Philosophen setzen auf einen oft dunklen, assoziativen Sprachstil und scheren sich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Andere aktuelle Philosophen wie der an der Oxford University tätige Quantenphysiker David Deutsch, gehen da einen ganz andere Wege. Deutsch denkt von der Wissenschaft weg statt gegen die Wissenschaft an und kommt damit zu wesentlichen plausiblen Erkenntnissen als Michel Serres.

Michel Serres: Erfindet Euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation (edition suhrkamp)

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben

Karlheinz Rossbacher prägte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Generationen von Salzburger Germanistikstudenten. Ich zähle selbst dazu: Nicht nur besuchte ich in den neunziger Jahren eine Reihe von Rossbachers Seminaren, er betreute auch meine Diplomarbeit und meine Dissertation. So sind einige literarische Themen seines neuen Buches für mich alte Bekannte. Erwähnt sei seine Vorliebe für Goethe, aber auch jene für die Kriminalliteratur. Überrascht dagegen war ich von vielen biographischen Einsichten, die jetzt im Nachhinein einige Ecken erhellen, die während meines Studiums dunkel geblieben sind.

Rossbacher hat keine klassische Gelehrten-Autobiographie geschrieben. Lesen und Leben ist eine Essaysammlung. Angeordnet sind die Texte alphabetisch, wobei jeder Buchstabe durchaus mehrmals vorkommen darf. Ohne dies überprüft zu haben, bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass die Literatur über das Leben dominiert. Die Frage, ob ein Professorenleben eine autobiographische Aufarbeitung verdient, spricht Rossbacher zu Beginn selbst an. Eine typisches zentraleuropäisches Problem, wenn man sich das umfangreiche akademische Memoirenwesen aus dem angelsächsischen Raum vor Augen hält. Das autobiographisch-literarische Doppelkonzept zeugt von Bescheidenheit, an vielen Stellen hätte man gerne noch mehr gewusst.

Dabei ist Rossbacher die angelsächsische Welt nicht fremd. Heute sind Fernreisen für junge Menschen eine Selbstverständlichkeit. Als Rossbacher 1963 als dreiundzwanzigjähriger Fulbright-Stipendiat den Atlantik überquerte, war es noch eine Besonderheit. Dieses erste Zusammentreffen mit einer anderen Kultur gibt viele Denkanstöße. Wie sehr dieser amerikanische „Kulturschock“ auch zwanzig Jahre später einen aus der Provinz stammenden jungen Menschen noch beeinflussen kann, zeigt als weiteres Beispiel Alle Toten fliegen hoch: Amerika des Schauspielers Joachim Meyerhoff.

Amerikanische Literatur spielt in Lesen und Leben eine prominente Rolle. Schon zu Beginn beim Buchstaben B stoßen wir auf Bulkington, ein Essay, der sich gut eignet, Rossbachers Vorgehensweise zu illustrieren. Ausgehend von der Jugendlektüre einer stark gekürzten Ausgabe des Moby Dick und nach dem Einstreuen vieler interessanter Lesefrüchte von Brecht bis Canetti, macht uns Rossbacher schließlich mit der Figur des Seemanns Bulkington bekannt, die mir vor vielen Jahren bei meiner Lektüre des Romans gar nicht aufgefallen war. Ich besuchte freilich auch kein Seminar über die amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts wie Rossbacher damals an der University of Kansas, über das ebenfalls ein kurzer Exkurs zu lesen ist. Nach diesen wohldosierten Abschweifungen landen wir wieder beim Seemann Bulkington, den der Ich-Erzähler des Romans, Ishmael, vor seiner Ausfahrt mit Kapitän Ahab in einem Gasthaus trifft. Das kurze Kapitel 23 des Moby Dick ist ihm gewidmet und Rossbacher arbeitet sowohl die Bedeutung Bulkingtons als Menschentyp als auch seine strukturelle Funktion in dem Riesenroman heraus. Dabei hat die Passage nur etwa 40 Zeilen – ein Beispiel, wie es Rossbacher immer wieder gelingt, aus hervorragend beobachteten und oft übersehenen Details größere Zusammenhänge herzustellen.

Sozialgeschichte und Soziologie sind zwei akademische Schwerpunkte Rossbachers. Die Wechselwirkung zwischen Sozialgeschichte und Literatur, untersuchte er etwa am Beispiel der kritischen Heimatliteratur in Österreich. Innerhofers Roman Schöne Tage ist ein prominenter Vertreter dieses Genres. Aus der Soziologie holt sich Rossbacher immer wieder methodische und analytische Werkzeuge für die Literaturwissenschaft. Norbert Elias große Studien dienen als Ideengeber.
Ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass in Lesen und Leben diese beiden Fächer ebenfalls eine Rolle spielen und zwar bei der Auswahl der autobiographischen Erlebnisse. So sind die am ausführlichsten geschilderten Lebensstationen meist auch sozialgeschichtlich von hoher Bedeutung. Rossbachers Kindheit in Kärnten hatte nämlich eine große Besonderheit: Er war Protestant.

Das Aufwachsen als religiöser Außenseiter in der Kärntner Provinz schildert Rossbacher so ausführlich und schonungslos wie man das von der österreichischen Antiheimatliteratur her kennt:

Den katholischen Religionsunterricht in der Hauptschule besorgte ein Kaplan, dessen lose Hand ihm den Namen „Watschenkaplan“ eingetragen hatte. Von diesem Mann erhielt ich eines Tages, auf dem Gehsteig vor der Schule, ganz plötzlich, aus dem sprichwörtlich heiteren Himmel, einen Schlag ins Gesicht, ein Mittelding zwischen Ohrfeige und Faustschlag, ohne das dem irgendetwas vorangegangen war. Er schlug zu, ich schrie auf. So einfach war das bei diesem Vorgänger jener Prügelkleriker, die gegenwärtig serienweise auffliegen.

Von frühester Kindheit an als Teil einer Minderheit aufzuwachsen, schärft den Blick für Differenzen und regt von Anfang an zum Nachdenken an. Die Literaturgeschichte ist voll mit Beispielen, wie Außenseiter aller Art bei Büchern landen. Sei es als Autoren, sei es als (professionelle) Leser. So gesehen mag diese Erfahrung der Diaspora (wie dieser Abschnitt betitelt ist) einen Grundstein für Rossbachers spätere Karriere gelegt haben.

Einer Minderheit anzugehören, hieß aber nicht automatisch, im Alltag nicht akzeptiert zu werden. Der junge Protestant wurde beispielsweise zum Klassensprecher gewählt. Allerdings hießen Klassensprecher damals in Kärnten noch „Klassenführer“. Es sind diese aufschlussreichen Details, welche Lesen und Leben so interessant machen.

Das Buch gibt selbstverständlich auch Einblicke in das akademische Leben Österreichs. Obwohl es sicher eine Menge an Material gegeben hätte, bringt Rossbacher nur wenige Beispiele. Etwa über seine Schwierigkeiten als Vorstand des Salzburger Germanistikinstituts, eine Gefälligkeitsberufung zu verhindern. Der Fall zog sich über viele Jahre hin und landete schließlich beim Verwaltungsgerichtshof. Der besser qualifizierte Bewerber durfte die Stelle behalten, die Gefälligkeitskandidatin zog den Kürzeren.

Zurück zur Literatur! Quer durch das Persönliche Alphabet bekommt selbst der erfahrene Büchermensch jede Menge spannende Leseanregungen. Die Klassiker kommen zwar nicht zu kurz, aber man staunt über die Vielfalt der angesammelten Lesefrüchte. Ludwig Anzengruber, der französische Schriftsteller Alain oder die kroatische Essayistin Dubravka Ugrešic seien exemplarisch herausgegriffen. Als ich Lesen und Leben zuklappe, habe ich eine lange Liste mit Büchern neben mir liegen, die ich alle am liebsten sofort läse. Die vornehmste Aufgabe des Literaturwissenschaftlers ist es ja, die Menschen zum verständnisvollen Lesen zu motivieren.

Karlheinz Rossbacher: Lesen und Leben. Ein persönliches Alphabet (Otto Müller Verlag)

Erschienen in Literatur und Kritik Nr. 473/474 (Mai 2013).

Hier erstveröffentlicht am 7. April 2013.

Réjean Ducharme: Von Verschlungenen verschlungen

Kindheit als zynisches Sprachkunstwerk


Über vier Jahrzehnte dauerte es, bis sich für den sprach- und bildgewaltigen französischen Roman »Von Verschlungenen verschlungen« ein Übersetzer fand. Das Warten auf die dunkle, zynische Kritik wider das Großbürgertum hat sich gelohnt.

Réjean Ducharmes ebenso einflussreicher wie ungewöhnlicher Roman L’avalée des avalés (Von Verschlungenen verschlungen) ist 45 Jahre nach seinem Erscheinen schließlich doch ins Deutsche übersetzt worden. Selbst die Schlüsselrolle des Buches in Jean-Claude Lauzons Film Leolo (1992) ließ bisher deutschsprachige Verleger kalt. Bérénice Einberg berichtet in ihm von ihrer Kindheit und ihrem Erwachsenwerden in zerrütteten, aber quasi-feudalen Familienverhältnissen. Es wäre aber ein Missverständnis, den Roman als realistische Literatur zu lesen. Es handelt sich um ein artifizielles Sprachkunstwerk. Ducharme bei der Errichtung dieses Prosagebäudes zu beobachten, ist beeindruckend: Die Bildersprache ist gewagt und balanciert auf dem Abgrund zwischen surrealer Groteske und Realität. Die meisten Autoren würden an dieser Spielform des Expressionismus scheitern. Ducharme zieht seine Leser aber mühelos in diesen Sprachkosmos hinein.

Eine der ungewöhnlichsten Kunstfiguren der Weltliteratur

Der Blick der kleinen Bérénice auf die Erwachsenenwelt ist erbarmungslos und zynisch. Sie hasst ihren Vater und die Welt in der sie lebt – mit der Ausnahme ihres älteren Bruders Christian, den sie bis zum Inzestuösen vergöttert. Läse man den Roman realistisch, stieße man auf einen großen Konstruktionsfehler in der Erzählperspektive: Bérénice schreibt nicht wie ein Kind, sondern wie eine hochgebildete Intellektuelle. So als hätte sie bereits mit acht Jahren mehrere höchst unterschiedliche Studiengänge abgeschlossen. Volksschulkinder formulieren üblicherweise nicht auf höchstem literarischem Niveau und sind auch keine wandelnden Fremdwörterlexika. Kurz, hinter Bérénice versteckt sich als Erzähler ein erwachsener Zyniker ohne Illusionen.

Diese kaltschnäuzigen Beobachtungen wechseln nun mit jeder Menge kindlichem Unfug ab. Groteske und gefährliche Spiele werden gespielt. Der Erwachsenenwelt wird mit diversen Provokationen der Spiegel vorgehalten. Kalter Hass wechselt sich mit heißen kindlichen Sehnsüchten ab. Die Familienverhältnisse sieht das Kind in einer Schwarz-Weiß-Logik: Wird der Vater gehasst, so wird die Mutter vergöttert. Bérénice ist sicher eine der ungewöhnlichsten Kunstfiguren der Weltliteratur. »Von Verschlungenen verschlungen« liest sich trotz dieser Komplexität ausgesprochen unterhaltsam, wenn man bereit ist, sich auf diesen spektakulären Sprachstrom einzulassen. Dann stellt sich ein ähnlicher Sog ein, wie man das aus den Büchern des Thomas Bernhard kennt. Der Übersetzer Till Bardoux leistete exzellente Arbeit, diese Sprachexplosion ins Deutsche zu übertragen.

Der Roman ist vollgepackt mit Anspielungen und Themen. So kommt die Religion als Opfer des Spottes nicht zu kurz, läuft doch eine strikte Trennlinie zwischen Christentum und Judentum durch die Familie. Für ihre provokanten Annäherungen an ihren Bruder Christian wird Bérénice zu orthodoxen jüdischen Verwandten nach New York verbannt. Für deren religiöse Gebräuche hat sie nur Verachtung übrig.

Es gibt nur wenige Erstlinge, die literarisch etwas völlig Neues zu Papier bringen. Mit Von Verschlungenen verschlungen ist Réjean Ducharme dieses Kunststück gelungen.

Réjean Ducharme: Von Verschlungenen verschlungen. Roman (Traversion)

Erschienen in The Gap Nr. 128.

Wo Jesus Meerschweinchen verspeist

Eine Reise durch Peru und Bolivien [Oktober/November 2011]

Als Francisco Pizarro Lima als Hauptstadt Perus gründete, suchte er sich am Pazifik ausgerechnet einen Platz aus, der neun Monate pro Jahr von einer trüben Dunstglocke eingenebelt wird. Lima ist die erste Station meiner Peru-Erkundung und eine prototypische Stadt Lateinamerikas. Die meisten der siebeneinhalb Millionen Einwohner leben in wenig ansprechenden Wohnblöcken. Die wohlhabende Minderheit findet man in hübschen modernen Stadtvierteln am Meer, wo die Bobo-Dichte ähnlich hoch ist wie in den Wiener Innenstadtbezirken. Die Slums wiederum schlängeln sich malerisch die Hügel hinauf.

Die Altstadt Limas zeigt das koloniale Machtgefüge bis heute: Regierungspalast und Kathedrale liegen am zentralen Platz. Unweit davon die Klöster der Dominikaner und der Franziskaner, die von Beginn an in einem heftigen Konkurrenzverhältnis bei der Verbreitung des Seelenheils standen. Diese bauliche Konstellation findet man in den meisten Städten Südamerikas.

Abgesehen von der Altstadt gibt es an Sehenswürdigkeiten noch einige Museen, allen voran das archäologische Museum. In Europa ist man zwar mit den Inka gut vertraut. Diese Zivilisation stand allerdings erst am Ende einer unglaublich vielfältigen Kulturentwicklung. Ich versuchte vor der Reise, mich einzulesen, aber angesichts einer zweistelligen Zahl an unterschiedlichen Prä-Inka-Kulturen, war das ein vergebliches Unterfangen. Erst als ich im Museum vor den unterschiedlichen Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen stehe, lichtet sich langsam der Nebel im Kopf.

Machu Picchu

Von Lima aus reise ich mit einem Zwischenstopp zum Traum aller Touristen: Machu Picchu. Der bequemste Weg ist mit dem Zug zur kleinen Stadt unterhalb der Stätte zu fahren. Die Lok schlängelt sich durch ein beeindruckendes Andental und man durchkreuzt in knapp neunzig Minuten mehrere Klimazonen. Die Alternative wäre eine mehrtägige Wanderung auf dem berühmten Inka-Trail, wo heutzutage allerdings so viel los ist wie auf der Einkaufsstraße einer Großstadt. Beim Bahnhof besteigt der Kulturtourist dann den Bus, der langsam den Berg hinauf kriecht. Die Zahl der Besucher ist auf dreitausend pro Tag limitiert. Auf dem Ticket steht deshalb Datum und Name. Am Eingang wird der Pass kontrolliert. Je berühmter die Sehenswürdigkeit, desto skeptischer bin ich vor einem Besuch. Machu Picchu wird aber zu Recht gerühmt. Die spektakuläre Lage legt sämtliche Schalter um, die ein durchschnittlich sozialisierter Mitteleuropäer in Sachen Naturerlebnis eingebaut bekommen hat: Romantisch! Mystisch! Grandios! Die Archäologen streiten seit der Entdeckung – genauer wäre: Bekanntmachung – Machu Picchus durch Hiram Bingham über die Funktion der Stadt. Ich schlendere durch die Ruinen und versuche mir ein eigenes Bild zu machen. Die beliebteste Theorie derzeit ist, dass es sich um die Sommerresidenz des Inka-Herrschers Pacha Kutiq handelte. Vor den gewaltigen der Landwirtschaft dienenden Terrassen der Bergstadt stehend, frage ich mich allerdings, ob sie zu einem Herrscherlandsitz passt. Pacha Kutiq konnte sich Lebensmittel aus dem ganzen Reich liefern lassen. Wieso sollte er ausgerechnet ein paar Meter von seinem Sommerpalast entfernt einen so störenden Betrieb gestatten?
Das Inka-Reich ist die einzige mir bekannte Zivilisation, wo Planwirtschaft exzellent funktionierte. Trotz der Millionenbevölkerung war die Nahrungsmittel-Logistik so ausgereift, dass es vor der Ankunft der Spanier kein Wort für „Hunger“ gab. Auf der Hochebene zwischen Cusco und dem Titacacasee liegt Raqchi, eine alte Tempelanlage aus der Prä-Inka-Zeit, wo man eine große Menge dieser Getreidespeicher besichtigen kann. Selbstverständlich hatten die Priester dort als Machtinstrument ihre Hände auf den gehorteten Lebensmitteln.

Religion und Kunst

Peru und Bolivien sind zwei Reiseländer, die einem viele Einblicke in das Funktionieren von Religion ermöglichen. Nach der für die Einheimischen verhängnisvollen Ankunft der Spanier gründeten die Franziskaner und Dominikaner ihre Bekehrungsfabriken. Die Franziskaner setzten auf Quantität: Möglichst viele sollten möglichst schnell getauft werden. Die Dominikaner wählten als Hunde des Herrn eine dogmatischere Vorgehensweise und wollten gewisse theologische Mindeststandards nicht unterschreiten. Deutlich später traten die Jesuiten in Aktion. Sie gingen erst buchstäblich bei den Indianern zur Schule. Nachdem sie deren Weltbild und Religion verstanden hatten, entwickelten sie ein maßgeschneidertes Bekehrungsprogramm. Es entstanden so riesige, von Jesuiten dominierte Gebiete, dass es die spanische Regierung mit der Angst zu tun bekam, und 1767 den Orden dort verbot.
Schon sehr früh setzten die Orden die kirchliche Kunst zu Missionierungszwecken ein. Die Marketingstrategie war eine zweifache: Erstens wollte man die Einheimischen durch Prunk beeindrucken. Dazu wurden die Kirchen mit viel Gold ausgestattet. Ich stehe immer wieder vor in barocker Fülle glänzenden Altären, die teils lange vor dem europäischen Barock geschaffen wurden, aber eine ähnliche Wirkung haben. In der Religion der Inka spielte Gold ebenfalls eine überragende Rolle, so konnte man hier mit Hilfe eines Materials eine Brücke zwischen zwei völlig inkompatiblen Weltanschauungen schlagen. Raffinierter war die zweite Variante, nämlich die Anpassung der christlichen Ikonographie an die indianische Kultur. Die Missionsverantwortlichen gingen dabei mit einem erstaunlichen Pragmatismus zu Werk. Nichts veranschaulicht das besser, als die Innenausstattung der Kathedrale von Cusco, der ehemaligen auf dreitausendsechshundert Meter Höhe gelegenen Inka-Hauptstadt. Mehr als dreihundertfünfzig Gemälde sind in der Kirche zu sehen und ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Malschule von Cusco. Bereits ab 1580 wurden Elemente des italienischen Manierismus übernommen und die länglich-gestreckt gezeichneten Figuren entsprachen praktischerweise sehr dem indianischen Formempfinden. Weniger subtil war die Anpassung der Sujets: Auf der berühmten Darstellung des letzten Abendmahls liegt vor Jesus ein detailreich gemaltes gegrilltes Meerschweinchen – bis heute das Gericht der Wahl bei feierlichen Anlässen. Ich ließ mir eines Abends in Cusco ein Meerschweinchen servieren und empfehle allen Mitteleuropäern hiermit dringend, auf dieses kulinarische Experiment zu verzichten. Jesus bewirtete seine Jünger in einem andinischen Ambiente ferner mit Papayas, Avocados und Maisbrot.
Madonnen-Skulpturen sind durch geschickten Einsatz der Kleidung unten oft sehr breit und laufen zum Kopf hin spitz zu. Es gehört wenig Fantasie dazu, bei dieser Form einen Berg zu assoziieren. Kein Zufall selbstverständlich: Berge und speziell Vulkane spielten im Glauben der Inka eine überragende Rolle. Die Skulpturen erinnerten die Missonierungsopfer an Pachamama, die Mutter Erde. Die von den Ordensleuten überzeugten Peruaner nannten Pachamama also „Maria“ und alle waren mit dieser Farce zufrieden.
Religionswissenschaftler nennen die Verschmelzung zweier Glaubensrichtungen bekanntlich Synkretismus und im Andenraum ist das bis in die Gegenwart der vorherrschende Glaube. Selbst im Gespräch mit Angehörigen des (kleinen) Mittelstands begreift man schnell, wie tief diese alten Vorstellungen wurzeln, welche vom Katholizismus so weit entfernt sind wie der Titicacasee vom Traunsee. Der Vatikan klassifiziert diese Länder mit der ihm eigenen Chuzpe natürlich als hochkatholisch.

Cusco

Das Zentrum der Inka-Hochkultur lag rund um Cusco, weshalb die Zahl archäologischer Stätten dort besonders hoch ist. Obwohl die Spanier nach ihrer Ankunft vieles aufschrieben, was sie beobachteten, gibt es noch viele Rätsel. So viel wir über das Weltbild der Inka und über das Funktionieren ihrer Gesellschaft wissen, desto weniger ist über wichtige Details bekannt. Die Bautechnik beispielsweise wirft viele Fragen auf. Ich fahre deshalb bei blauem Himmel und dünner Luft nach Saqsaywaman, das über Cusco thront. Die meisten Archäologen halten die Anlage für eine Festung. Dafür sprechen die riesigen, mehrfach gestaffelten Mauerwälle. Allerdings gab es offenbar auch Räumlichkeiten, die nicht militärisch genutzt wurden, und der Ort liegt an einer Seite, von der eigentlich keine Angriffe zu erwarten waren. Ich gehe die Überreste der Mauer entlang und bestaune die Felsblöcke, deren schwerster über hundert Tonnen wiegt. Die Inka verwendeten das Rad nicht und selbst der Einsatz von Hebeltechniken war beschränkt. Zehntausende Einheimische mussten diese Bergbrocken mit Muskelkraft bewegt haben. Plötzlich fällt mir ein, was ich in den Anden schon die ganze Zeit beobachtet, aber bisher noch nie auf den Punkt gebracht hatte: Es ist bis heute eine Träger-Gesellschaft. Obwohl es keinen Mangel an Fahrzeugen aller Art gibt, sieht man jede Menge Menschen zu Fuß, die auf dem Rücken Lasten schleppen. Ich konnte mich nicht erinnern, auch nur eine Schub- oder Sackkarre gesehen zu haben. Auf dem Hinflug nach Lima saß ich neben einem jungen Belgier unterwegs zu seiner fünften Trekkingreise in Peru. Auch er berichtete beeindruckt, wie mühelos die Träger seiner Touren selbst große Lasten trugen. Ich stehe vor den Felsblöcken von Saqsaywaman, blicke auf die Ebene hinter mir und stelle mir tausende von Indianern vor, die mit Seilen riesige Gewichte bewegen. Aber wie konnte man in Zeiten ohne Megaphone unzählige Arbeiter gleichzeitig koordinieren? Jedenfalls hatten die Inka-Herrscher aufgrund ihrer ausgefeilten Administration die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Tagen hunderttausende ihrer Untertanen zur Arbeit oder zum Krieg zu mobilisieren.

In der Nähe des berühmten Plaza de Armas, auf dem man früher Mumien der verblichenen Inka-Herrscher in Prozessionen herum trug, liegt die Stadtbibliothek. Im Gegensatz zu Klagenfurt lässt sich die Stadtverwaltung Cuscos nicht lumpen, und stellt ihren Einwohnern ein Haus des Wissens zur Verfügung. Die Größe ist bescheiden und die alten Zettelkästen passten mehr ins neunzehnte als ins einundzwanzigste Jahrhundert. Dafür gibt es einen Raum mit Internetstationen. Die Leseplätze sind überfüllt. Junge und Alte drängen sich um die Pulte und bilden teils kleine Menschentrauben. Die zerlesenen Zeitschriften sind besonders begehrt. Wer verstehen will, welche Hoffnungen Menschen auf Bildung setzen können, der besuche Bibliotheken in Entwicklungsländern.

Titicacasee

Von Cusco aus fahre ich weiter zum Titicacasee. Die Hochebene liegt auf knapp viertausend Meter. Die Klimazonen sind nach oben verschoben, weil unterhalb der Berge der Dschungel liegt. Die Bäume Perus machen sich über unsere mitteleuropäischen Baumgrenzen lustig und versammeln sich in dieser Höhe noch zu Wäldern. Spektakuläre Wolkenformationen sind zum Greifen nahe. Darunter sehe ich dasselbe Schauspiel wie in vielen anderen armen Ländern, die ich besuchte. Immer wenn ich auf Reisen sehe, wie sich die Kleinbauern mit ihren armseligen Mitteln für ihren noch armseligeren Lebensunterhalt abplagen, sei es in Zentralchina, sei es in Nordindien, sei es in Kasachstan, drängt sich mir die Frage auf, ob die Menschen nicht doch besser Jäger und Sammler geblieben wären, statt sich auf das mühselige Landwirtschaftsabenteuer einzulassen. In einem armen Land ohne Sozialhilfe ist der Kampf um das tägliche Überleben selbstverständlich für viele Millionen Menschen an der Tagesordnung.

Trist ist auch die Stadt Puno, die direkt am Titicacasee liegt. Das Erklimmen eines Hotelstockwerks ist auf dieser Höhe bereits eine sportliche Großtat. War Cusco das machtpolitische Zentrum der Inka, so ist der Titicacasee das mythologische. Die Vorfahren der Inka sollen von der Sonneninsel dort stammen. Mit einem Durchmesser von fünfundsechzig Kilometer ist der See breiter als das Land Israel an vielen Stellen. Beinahe zweihundert Kilometer lang und bis zu dreihundert Meter tief wirkt der Titicacasee wie ein Binnenmeer. Haupttouristen-Attraktion sind die aus Schilf gebauten Inseln der Uros-Indianer. Sie zogen ursprünglich auf den See, um den Kriegszügen der Inka zu entgehen. Als ich eine dieser Do-it-yourself-Inseln betrete, wird mir aber schnell klar, dass sie heute nur noch ein Erlebnispark für Touristen sind.
Authentischer ist die Insel Taquile auf der noch tausendfünfhundert Einheimische wohnen. Die vielen bereits fertigen und noch in Bau befindlichen neuen soliden Häuser zeigen uns, dass wir Tagestouristen auch dort die Wirtschaft ordentlich ankurbeln. Trotz der Rucksack- und Kulturreisenden ist die Insel noch nicht am Stromnetz angeschlossen. Auch fließendes Wasser in den Häusern ist eine Seltenheit.

Bolivien

Am tiefblauen Titicacasee entlang, hinter dem sich schneebedeckte Sechstausender erheben, fahre ich Richtung bolivianische Grenze weiter. Im sonst verschlafenen Grenzort war aufgrund eines Marktes Hochbetrieb. Kaum hatte ich mich auf der peruanischen Seite zu den grotesken Grenzformalitäten vorgeschoben, gibt es ein neues Hindernis: Eine Wasserleiche treibt friedlich auf dem Fluss und die zum bolivianischen Grenzübergang führende Brücke war vollgestopft mit enthusiasmierten Schaulustigen.

Auf dem Weg nach La Paz bietet sich ein Zwischenstopp in Tiwanaku an, auch wenn von der einst monumentalen Kultstätte nur noch rekonstruierte Reste zu sehen sind. Die Ruinen dienten über Jahrzehnte als Steinbruch für neue Bauprojekte. Der Grundriss der Akapana-Pyramide gibt eine Vorstellung über die Größe der Anlage. Das erhaltene Sonnentor von Tiwanaku zählt zu den wichtigsten erhaltenen Denkmälern des gesamten Andenraums.

Eine gute Stunde Fahrzeit später, vorbei an der gespenstisch wirkenden Millionenstadt El Alto, wo unzählige unverputzte Häuser eine ebenso trostlose wie spektakuläre Landschaft zieren, und ich stehe über La Paz, die gleich mehrere Superlative für sich beanspruchen darf. Sie ist auf dreitausendsechshundert Meter die höchst gelegene Hauptstadt der Welt. Passionierte Radfahrer sollten die Stadt allerdings meiden: Vom tiefst bis zum höchst gelegenen Viertel sind neunhundert Höhenmeter zu überwinden. Hat man Geld, wohnt man im Tal, wo man die eisigen Winde des Hochlands weniger spürt und die Temperatur bis zu zehn Grad wärmer ist als auf den Höhen Laz Paz‘. Geld mit Touristen wird in La Paz noch direkter verdient als an anderen Orten: Auf dem bunten Bauernmarkt der Stadt nehmen mir Könner ohne Federlesens mein Smartphone ab. La Paz hebt die Fremdheit der Andenkultur auf eine neue Stufe. Das Rätsel, wie sie funktioniert, kann ein kurzer Besuch dort nicht lösen. Die an den Läden baumelnden getrockneten Alpacaföten werde ich jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Der Artikel ist als Kulturbrief in Literatur und Kritik Juli 2012 erschienen.

Nächste Station war Buenos Aires.

Die feinen Unterschiede

[Aufmacher des von mir 1999 herausgegebenen Dossiers Literatur und Internet in Literatur und Kritik Nr. 339/340 (November 1999). Bisher als Notiz nicht verfügbar und deshalb reanimiert.]

Über das Verhältnis von Literatur und Netzliteratur

I.

Neue Medien waren immer schon ein dankbarer Spielplatz für unterbeschäftigte Theoretiker. So ist es nicht verwunderlich, daß sich auch das Internet großer theoretischer Aufmerksamkeit erfreut. Manche Denker prophezeien sogar ein neues Zeitalter, dessen Innovationen kaum einen Bereich des menschlichen Lebens unberührt lassen werden. Wie dieses Zeitalter aussehen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Spannweite jedoch ist groß: Sie reicht von technofaschistoider Euphorie bis zu kulturpessimistischen Geisteshaltungen. Spiegelbildlich wiederholt sich diese Debatte in diversen (sub)kulturellen Nischen des Internet, von denen eine die der Netzliteratur ist: Begeisterte Anhänger der neuen ästhetischen Möglichkeiten stehen jenen gegenüber, die den Untergang der Literatur prognostizieren. Bevor man solche weitreichenden Spekulationen anstellt, sollte aber erst einmal geklärt werden, ob und inwiefern sich Netzliteratur von „normaler“ Literatur unterscheidet. Dieser Frage sind die folgenden Überlegungen gewidmet.

Auffallend viele ästhetische Überlegungen, die sich mit Kunst und Literatur im Internet beschäftigen, greifen auf postmoderne Theoriekonzepte zurück. Poststrukturalistische Denker sehen im Cyberspace ihre abstrakten Begriffe Wirklichkeit werden und befassen sich ausführlich mit „rhizomatischen“ virtuellen Strukturen. Aus postmoderner Perspektive nähert sich auch Walter Grond in seinem jüngsten Buch, Der Erzähler und der Cyberspace (1), diesem Thema. Auf 160 Seiten läßt er kaum etwas aus, was in den letzten 25 Jahren zur theoretischen Avantgarde gezählt worden ist (Dekonstruktion, Postkolonialismus, Popkultur, Foucault, Cyberpunk …). Viele seiner Thesen sind jedoch wenig überzeugend, beispielsweise wenn er behauptet, daß der Cyberspace einen revolutionären Kulturwandel bezeichnet, „indem die Netzwerke die Wahrheit in Bruchstücke zerlegen“ (S. 33). Der Wahrheitsbegriff an sich ist mit einer postmodernen Erkenntnistheorie unvereinbar, weil man etwas, dessen Existenz man grundsätzlich bestreitet, schwerlich in Bruchstücke zerlegen kann. Von einer absoluten Wahrheit ist in der Philosophie und sogar in großen Teilen der Naturwissenschaft seit vielen Jahrzehnten kaum mehr die Rede: der revolutionäre Pathos läuft deshalb ins Leere. Die Stichhaltigkeit von Gronds literaturtheoretischen Überlegungen läßt sich ebenfalls bezweifeln, etwa wenn er den „Hypertext“ mit Hilfe der schillernden Schrifttheorie Derridas erläutern will: „Einen ersten Text, der die Welt begründet hätte, gibt es nicht; der Ursprung ist leer. Das Buch und mit ihm die Welt, die alle anderen Bücher – und Welten – enthält und zugleich Offenbarung ist, bleibt ein Gerücht. Es gibt also keinen Ausweg aus den Texten. Sie sind bodenlos und notwendig […]“ (S. 93). Selbst wenn man die tiefsinnige Frage offen läßt, warum die Welt partout durch einen Text begründet werden soll, ist der Schluß von „Es gibt keinen ersten Text“ zu „Es gibt keinen Ausweg aus den Texten“ logisch nicht nachvollziehbar. Trotzdem entspricht diese Texttheorie „als Rahmen durchaus dem Hypertext; das elektronische Buch ist aber nicht nur von endloser Länge, sondern hat auch Seiten, die endlos ineinander verschachtelt sind.“ (S. 93) Letzteres ist empirisch widerlegbar, selbstverständlich gibt es viele Hypertexte, die von endlicher Länge und nicht endlos verschachtelt sind.

Die mangelnde Überzeugungskraft von Gronds Analysen (2) hängt eng mit seinen metatheoretischen Vorstellungen zusammen. Seiner Auffassung nach kann in einer computergestützten Umgebung keine totale Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Dichtung mehr gefunden werden. Ließe sich eine solche Antwort aber in einer computerfreien Umgebung finden? Grond meint vermutlich, daß Netzliteratur einen zu hohen Komplexitätsgrad erreicht habe, als daß man noch eine plausible Literaturtheorie entwerfen könne. Dagegen kann man aber einerseits einwenden, daß es „analoge“ Werke wie Joyces Finnegans Wake gibt, die komplexer sind als fast alle Werke der Netzliteratur. Andererseits liegt diesem Gedankengang eine Verwechslung von Objekt- und Metaebene zugrunde. Ein vieldeutiger, komplexer Gegenstandsbereich schließt eindeutige theoretische Aussagen über ihn keineswegs aus.

II.

Wenn postmoderne ästhetische Konzepte nur wenig Konkretes zum Verständnis von Netzliteratur beitragen können, gilt es nach Alternativen Ausschau zu halten. Im folgenden soll deshalb der Versuch unternommen werden, aus der Perspektive der analytischen Ästhetik den Unterschied zwischen „traditioneller“ Literatur und ihren virtuellen Nachfolgern zu eruieren. Werke der Netzliteratur müssen die neuen ästhetischen Möglichkeiten des Mediums nutzen, ansonsten spricht man besser von Literatur im Netz, die beispielsweise im Internet abrufbare Klassiker umfaßt.

Ein literarisches Werk läßt sich auf der abstraktesten ästhetischen Ebene als ästhetischer Gegenstand analysieren, wobei mit „Gegenstand“ die allgemeinste ontologische Kategorie gemeint ist. Das gilt sowohl für alle klassischen Werke der Weltliteratur als auch für die meisten modernen Publikationen, wenn man einige avantgardistische Konzepte aus heuristischen Gründen ausklammert. Für das philosophische Verständnis von Kunstwerken hat es sich als hilfreich erwiesen, das Werk als abstrakte Entität (type) von seinen jeweiligen materiellen Manifestationen (token) zu unterscheiden. Nach dieser Terminologie ist beispielsweise die achte Symphonie von Schostakowitsch als solche ein type, während es sich bei den im Umlauf befindlichen Partituren jeweils um ein token handelt. Auch für die Literatur ist diese Unterscheidung theoretisch bedeutsam, denn sonst gäbe es ein literarisches Werk nicht nur einmal, sondern mehrfach, also nicht nur einen Hamlet, sondern unzählige „Hamlets“, weil es unzählige Bücher mit Hamlet gibt: offenkundig eine unsinnige Annahme. Um Literatur nun von anderen Kunstformen zu unterscheiden, nehmen die meisten Literaturtheorien noch das Prädikat „sprachlich“ hinzu. Außerdem werden komplexe Strukturen postuliert, die auf den verschiedensten Ebenen interagieren. Ein literarisches Werk wäre demnach ein komplex strukturierter sprachlicher ästhetischer Gegenstand.

Untersucht man Netzliteratur nach dem selben Prinzip, stellt man schnell fest, daß der Unterschied zur „normalen“ Literatur auf dieser theoretischen Ebene nur minimal ist, handelt es sich doch ebenfalls um einen ästhetischen Gegenstand, der komplex strukturiert ist. Die „Partitur“ dieser Struktur ist nun aber kein Buch: Das Papier als materielles wird durch ein digitales Trägermedium ersetzt. Dies bringt vielfältige Konsequenzen für Produktion, Rezeption und Vermittlung mit sich. Festzuhalten ist aber an dieser Stelle, das Literatur und Netzliteratur ästhetisch mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als gemeinhin angenommen wird. Die oft zu vernehmende pathetische Abgrenzungsrhetorik ist deshalb auf beiden Seiten unangebracht. Statt ästhetische Fronten zu errichten, die desto brüchiger werden, je abstrakter die ästhetische Analyseebene ist, sollte man Gemeinsamkeiten und Unterschiede leidenschaftslos untersuchen.

Die Kardinalfrage bezüglich der Abgrenzung zwischen Netzliteratur und ihrem analogen Vorläufer betrifft die Sprachlichkeit. Soll man das Prädikat „sprachlich“ zur ästhetischen Begriffsbestimmung hinzunehmen? Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar zu sein: Virtuelle Werke greifen oft auf nicht-sprachliche Elemente zurück – das Schlagwort lautet „Multimedia“ -, eine Einschränkung auf den sprachlichen Bereich erscheint unangebracht. Verzichtet man jedoch auf diese Charakterisierung, besteht die Gefahr, daß der Begriff Netzliteratur die Trennschärfe verliert, die theoretisch notwendig ist, um semantische Beliebigkeit zu vermeiden. Wieso dann überhaupt noch von „Literatur“ reden, und nicht gleich von Netzkunst? „Literatur“ wäre bestenfalls eine vage Metapher, und es stünde der Verdacht im Raum, das kulturelle Prestige der Literatur solle für literaturfremde Anliegen zweckentfremdet werden. Deshalb ist es sinnvoll, zumindest in einer modifizierten Form an Sprachlichkeit als Kriterium für Netzliteratur festzuhalten, wobei Audioelemente eingeschlossen sind. Ein Werk der Netzliteratur wäre demnach ein komplex strukturierter überwiegend sprachlicher ästhetischer Gegenstand.

III.

Wenn es für die ästhetische Konzeption unerheblich wäre, ob und inwiefern ein Werk sprachlich ist, führte das schnell zu literaturfernen Vorstellungen. Daß es sich dabei um keine spekulativen Annahmen handelt, zeigt ein vielbeachtetes Buch von Janet H. Murray, die am Massachusetts Institute of Technology ein Projekt über „Advanced Interactive Narrative Technology“ geleitet hat. Unter dem Titel Hamlet on the Holodeck. The Future of Narrative in Cyberspace (3) entwirft sie ein virtuelles Zukunftsszenario, in dem Literatur nur noch eine marginale Rolle spielt. Ihrer Auffassung nach wird nämlich nicht der Hypertext (in welcher konkreten Ausformung auch immer) das narrative Element des neuen Mediums beherrschen, sondern Simulationen. Damit meint sie virtuelle Landschaften, in denen der „Leser“ in gewissen Grenzen selbst aktiv werden kann. Man kann sich das als eine Fortentwicklung bestimmter Genres von Computerspielen vorstellen, freilich auf einem wesentlich höheren Niveau. Anstatt vergleichsweise primitive Kampf- oder wenig relevante Rätselaufgaben zu lösen, könnte der „Spieler“ in einem komplex organisierten Handlungsrahmen beispielsweise vor schwierige moralische Entscheidungsprobleme gestellt werden. Das hätte mit Lesen im herkömmlichen Sinn offenbar nicht mehr viel gemein. Als mediale Vergleichsgrößen scheinen in diesem Szenario eher Fernsehen und Kino in Frage zu kommen. Vorläufer dieser neuen Form der Narration sieht Murray konsequenterweise weniger in literarischen Werken der Moderne, sondern in dreidimensionalen Filmprojektionen oder PC-Spielen.

Wer sich nun die Frage stellt, inwieweit dieses Zukunftsszenario ästhetisch an die Literatur anknüpfen kann, wird in dem ausführlichen zweiten Teil des Buches, The Aesthetics of the Medium, keine befriedigenden Antworten finden. Die drei Schlüsselbegriffe lauten nämlich Eintauchen (Immersion), Interaktivität (Agency) und Transformation (Transformation). Aber schon das erste dieser drei Kriterien für erfolgreiches „Erzählen“ mutet aus dem Blickwinkel der literarischen Ästhetik vormodern an: Das Eintauchen-Können in eine fiktive Welt mag überlebenswichtig für Produkte der Unterhaltungsindustrie sein, sagt aber sicher nichts über die Qualität von Literatur aus. Das gilt auch für das interaktive Element, welches zwar häufig eine wichtige Eigenschaft von Netzliteratur ist, aber nicht notwendigerweise eine ästhetische. Mit „Transformation“ bezeichnet Murray eine Vielzahl von unterschiedlichen Phänomenen, beispielsweise die Möglichkeit, in virtuellen Welten verschiedene Rollen anzunehmen oder verschiedene Handlungsvarianten durchzuspielen. Ist man mit diesen „ästhetischen“ Grundlagen vertraut, wird man nicht mehr davon überrascht, daß die Autorin die Zukunft des digitalen Erzählens in einer Synthese von virtueller Simulation und dem Fernsehen sieht: „The more closely the new home digital medium is wedded to television, the more likely it will be that its major form of storytelling will be the serial drama.“ (S. 254) Schlüsselbegriffe sind hier „web soap“, „hyperserial“ und „cyberdrama“.

Sollte Murray mit ihren breit rezipierten Prognosen recht behalten, dann würde zwar eine neue Ära des elektronischen Entertainments eingeleitet, aber sicher keine neue Kunstform entstehen. Angesichts dieser Aussichten ist es nötig, am spezifisch Literarischen der Netzliteratur festzuhalten. Ein notwendiges Merkmal des Literarischen ist das Sprachliche, weshalb die Forderung berechtigt ist, von einem Werk der Netzliteratur nur dann zu sprechen, wenn es überwiegend sprachlich ist. Für alle anderen Kunstwerke im Netz bietet sich Netzkunst als Bezeichnung an.

IV.

Eine akzeptable Begriffsexplikation von ‚Netzliteratur‘ muß selbstverständlich noch um weitere Merkmale ergänzt werden: Ein Werk im Internet gehört genau dann zur Klasse der Netzliteratur, wenn es sich um einen überwiegend sprachlichen, komplex strukturierten ästhetischen Gegenstand handelt, auf den zusätzlich eines der folgenden Merkmale zutrifft: Er ist hypertextuell oder multimedial oder interaktiv.

[1] Walter Grond: Der Erzähler und der Cyberspace. Haymon Verlag, Innsbruck 199, 160 Seiten.

[2] Selbst Anhänger der Popkultur konnte er nicht von seinen Thesen überzeugen, wie man in der Rezension seines Buches nachlesen kann, die im Szenemagazin Testcard (Nr. 7; S. 270/271) erschienen ist.

[3] Janet M. Murray: Hamlet on the Holodeck. The Future of the Narrative in Cyberspace. MIT Press, Cambridge 1997, 324 Seiten.

Joseph Roth / Stefan Zweig: Der Briefwechsel

Ein Exildrama in Briefen

Die Motive, warum wir Autoren-Briefwechsel lesen, sind höchst unterschiedlich. Sie reichen von einem voyeuristischen Interesse am Privatleben der Beteiligten bis hin zum Wunsch, einen detaillierten Einblick in deren Schreibwerkstatt und damit Ästhetik zu erhalten. Manche Korrespondenzen, wie die zwischen Goethe und Schiller, behaupten sich aufgrund des intellektuellen und menschlichen Gehalts als unverzichtbare eigenständige Werke.

Die meisten Briefe zwischen Roth und Zweig sind dank des 1970 von Hermann Kesten herausgegebenen Bandes bereits bekannt. Die von Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel nun im Wallstein Verlag herausgegebene Neuedition wartet neben textlichen Ergänzungen mit einem sorgfältigen Kommentar auf.

Was am 8. September 1927 mit einer höflichen Danksagung Roths beginnt – Zweig hatte sich positiv über Juden auf Wanderschaft geäußert – endet einige Monate vor Roths Tod im Dezember 1938. Dazwischen wird der Leser Zeuge, wie sich Roth angesichts seiner kumulierenden Lebenskatastrophen immer mehr an Stefan Zweig festhält. Ist Roth zu Beginn noch sehr stolz und selbstbewusst in seinen Briefen, schreibt er einige Jahre später hemmungslose Bettelbriefe. Roth klammert sich an den Großschriftsteller Stefan Zweig wie ein Ertrinkender an einen Rettungsreifen.

Ästhetische Probleme werden zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig nur selten besprochen, nämlich in einigen „Lektoratsbriefen“ Roths, in denen er mit Texten Zweigs überraschend scharf ins Gericht geht, was ihm dieser aber nicht übel nimmt. Roths Alkoholismus dagegen ist immer präsent. Explizit durch die zahlreichen Mahnungen Stefan Zweigs, Roth möge doch endlich mit dem Saufen aufhören, weil er damit sein Leben ruiniere. Die Reaktionen darauf sind vielfältig. Manchmal reagiert Roth mit blankem Unverständnis:

Warum sprechen Sie mir von Alkohol? Sie wissen, daß ich längst nur Wein trinke.
(13.4. 1934)

Später rechtfertigt er sich offensiv mit der üblen Lage, in der er steckt:

Machen Sie sich bitte um mein Trinken gar keine Sorgen. Es konserviert mich viel eher, als daß es mich ruiniert. Ich will damit sagen, daß der Alkohol zwar das Leben verkürzt, aber den unmittelbaren Tod verhindert.
(12.11. 1935)

Implizit begleitet Roths Alkoholismus die Lektüre, weil man quasi live verfolgen kann, wie sich Roths Psyche langsam zerrüttet und die Sucht sein Leben ruiniert. Einige Briefe sind offensichtlich im betrunkenen Zustand verfasst. Die Spannweite zwischen bestürzender analytischer Hellsicht und paranoidem Unfug mögen zwei Beispiele illustrieren. So schreibt er im Februar 1933 illusionslos an Stefan Zweig:

Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg (…) Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.

Der Empfänger dieser Zeilen sah die Lage lange keineswegs so realistisch wie Joseph Roth. Politisch war Roth der Hellsichtigere, trotz seiner monarchistischen Ansichten, zu denen er später aus Verzweiflung neigte.

Man stößt aber auch auf höchst seltsame Passagen wie jene im Juni 1934 geschriebene, wo Roth über den Film schreibt:

Er mag die Menschen selig machen, auch der Teufel macht sie zuweilen selig. Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, daß sich quasi im lebendigen Schatten der Teufel offenbart. Der Schatten, der selbst agiert und sogar spricht, ist der wahre Satan. Mit dem Kino beginnt das 20. Jahrhundert, das ist: das Vorspiel zum Untergang der Welt.

Die Lektüre dieser Briefe gleicht damit einer faszinierenden intellektuellen Achterbahnfahrt.

Der ältere Zweig ist der souveränere Briefpartner. Er sieht klar die Ursachen von Roths Problemen und weist immer wieder auf sie hin, worauf Roth oft gereizt reagiert.

Leider ist die Überlieferung der Korrespondenz unvollständig. Vor allem zu Beginn fehlen viele Briefe Stefan Zweigs. Der Kommentar der Ausgabe versucht allerdings immer, so gut es geht, den notwendigen Kontext beizusteuern. Man kann ausführlich nachlesen, was Zweig an andere Briefpartner über Roth schreibt. Während Zweig in seiner Korrespondenz mit Roth zwar durchaus direkt sein kann, fehlt es ihm nie an Takt und Respekt. Ganz anders klingt das beispielsweise Ende Juli 1934, wenn er an Antonia Vallentin-Luchaire klagt:

Roth ist jetzt für mich ein Alptraum. Ich sehe nicht, wie man ihn menschlich, materiell und künstlerisch über Wasser halten kann, wenn er so weiter macht.

Ab 1934 werden Roths briefliche Hilferufe an Zweig immer eindringlicher und aggressiver. Dieser hat aber aus nachvollziehbaren Gründen Bedenken, Roth größere Summen auszuzahlen. Er könne mit Geld absolut nicht umgehen, er sei ein „Narr“, schreibt Zweig mehrmals in seinen Briefen an Dritte.

Ein Teil dieser „Narrheit“ ist Joseph Roths Umgang mit seinen Verlegern. Obwohl er im Vergleich zu Kollegen ein exzellentes Einkommen bezieht, kommt er damit nie aus. So lebt er gerne auf großem Fuß in luxuriösen Hotels. Als in den dreißiger Jahren der Geldstrom dünner wird, setzt eine Abwärtsspirale ein. Roth verschuldet sich immer höher bei seinen Verlagen. Er verlangt und bekommt hohe Vorschüsse auf noch ungeschriebene Bücher, verpfändet deren Auslandsrechte und terrorisiert alle Beteiligten mit Telegrammen über seine Geldangelegenheiten. In den letzten Jahren kommen zunehmend paranoide Aspekte hinzu: Er wittert Verschwörungen, droht mit Duellen und durchkreuzt Zweigs Vermittlungsversuche durch wilde Anschuldigungen.

Die Kehrseite der Medaille ist Roths große Humanität und Hilfsbereitschaft. 1930 wird seine Frau Frieda wegen psychischer Probleme in das Sanatorium Rekawinkel eingeliefert. Der Autor fühlt sich für ihre Krankheit verantwortlich und zahlt große Summen für kostspielige Privatsanatorien. Als ihm dies nicht mehr möglich ist, wird Frieda im Dezember 1933 in die Landesirrenanstalt „Am Steinhof“ eingeliefert. Dort ist der Aufenthalt gratis und der Gatte muss nur für die Verpflegung aufkommen. 1940 wird Frieda Roth im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms ermordet.

Seine neue Freundin Andrea Manga Bell bringt weitere finanzielle Verpflichtungen mit sich. Roth kommt etwa für die Ausbildungskosten ihrer Kinder auf. Zusätzlich engagiert sich Roth aktiv in der Migrantenszene und unterstützt – trotz seiner Geldnöte – ärmere Autoren großzügig.

Das gibt der Situation Roths eine tragische Note, die den gesamten Briefwechsel durchzieht. Zusätzlich zu Roths traurigem Schicksal läuft Europa im Hintergrund eilend auf den Abgrund zu. Das Buch ergänzt beeindruckend die Augenzeugenberichte aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Joseph Roth / Stefan Zweig: „Jede Freundschaft mir mir ist verderblich“. Briefwechsel 1927-1938. Herausgegeben von Madeleine Rietra und Rainer Joachim Siegel (Wallstein)

[Erschienen in „Literatur und Kritik“ Mai 2012]

Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie

In einer Notiz neu zusammengefasst. Publiziert in der Erlanger Edition.

Eine philosophische Kritik [1999]

I.

Schon mancher Literaturfreund wird einmal ein Buch über Literaturtheorie zur Hand genommen haben, in der Hoffnung, etwas Neues über Literatur zu erfahren. Sollte er dabei an eine bestimmte Sorte von Publikationen geraten sein, die gemeinhin das Prädikat “postmodern” oder “poststrukturalistisch” für sich beanspruchen, wird diese Erwartung regelmäßig enttäuscht: Nach der Lektüre einiger Seiten, in der eine Phrase des Szenejargons die nächste jagt, kommt er zu der bedauerlichen Erkenntnis, daß seine Kompetenz nicht ausreicht, um diese anspruchsvollen Abhandlungen zu verstehen.

Auf den nächsten Seiten soll unter anderem der ketzerischen Frage nachgegangen werden, inwiefern es in diesen wortgewaltigen Elaboraten überhaupt etwas Lohnenswertes zu verstehen gibt. Wäre es nicht möglich, daß das Verständnisproblem nicht auf der Seite des Lesenden, sondern auf jener der Texte liegt?

Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, muß man etwas weiter ausholen. So gilt es erst einmal festzuhalten, daß es die Postmoderne natürlich ebensowenig gibt, wie die Literaturtheorie. Was letzteren Begriff angeht, hat man aber, zumindest in den USA, den Eindruck, “theory” werde ausschließlich als Sammelbegriff für postmoderne Theoriekonzepte verwendet, in welcher Variante sie auch auftreten mögen, denn die theoretischen Moden wechseln dort in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wenn von nun an von ‘Postmoderne’ die Rede ist, sind diese akademischen Ausprägungen gemeint, also nicht die Literatur der Postmoderne oder andere postmoderne ästhetische Hervorbringungen.

Zur Erinnerung: Nachdem in den USA an den Literaturinstituten lange Zeit der New Criticism, eine skrupulöse werkimmanente Betrachtungsweise, vorherrschend war, begannen ab Ende der siebziger Jahre Dekonstruktivisten einen institutionellen Siegeszug und drängten andere Theorieansätze schon bald ins Abseits. Führend war dabei die Universität in Yale, wo mit Paul de Man, J. Hillis Miller und Geoffrey H. Hartman die prominentesten Vertreter versammelt waren. Trotz der Unterschiede im Detail bezogen sich alle von ihnen auf den französischen Philosophen Jacques Derrida, den Begründer der Dekonstruktion. Ebenfalls sehr einflußreich waren Jaques Lacan mit seiner psychoanalytischen Theorie, Michel Foucault mit seinen zahlreichen Studien und später Stephen Greenblatt, der eine Bewegung mit der Bezeichnung “New Historicism” ins Leben rief. Gegenwärtig spielen “Cultural Studies” eine wichtige Rolle. Über einen längeren Zeitraum hinweg schienen Gegner dieser Auffassungen nahezu paralysiert. Sei es, weil sie von dem enormen Erfolg der Poststrukturalisten überrascht waren, oder sei es, weil sie sich der Flut von verbalen Angriffen nicht aussetzen wollten – alle Kritiker wurden sofort, unabhängig von ihren politischen Ansichten, ins politisch reaktionäre Eck gestellt -: es gab kaum kritische Veröffentlichungen über die Dekonstruktion. In den letzten Jahren hat sich das erfreulicherweise geändert, nachdem eine ganze Reihe von fundierten und lesbaren Studien erschienen sind, welche die angeblichen neuen Erkenntnisse kritisch hinterfragen (vgl. Literaturverzeichnis).

Es ist auffallend, daß diesen Tendenzen im deutschsprachigen Raum mit wesentlich mehr Zurückhaltung begegnet wurde, obwohl es auch hier eine beachtliche Gemeinde und einen nicht versiegenden Strom von Publikationen gibt, die sich diesen Denkrichtungen verpflichtet fühlen. Denn zweifelsfrei ist es sehr schick, sich das jeweils neueste theoretische Mäntelchen umzuhängen, das einen automatisch als fortschrittlichen Denker ausweist. Die Fragen worin diese rituell beschworene Fortschrittlichkeit eigentlich besteht, und wie es um die Qualität dieses Denkens bestellt sei, kommen den Betroffenen anscheinend nicht in den Sinn. Daß beides stark zu wünschen übrig läßt, sind zwei zentrale Thesen dieses Artikels.

II.

Im folgenden wird erst einmal ausführlich von philosophischen Problemen die Rede sein müssen, denn die postmodernen Thesen zur Literaturtheorie folgen unmittelbar aus grundsätzlichen philosophischen Überlegungen.
Wirft man einen Blick auf die akademische Philosophie der letzten Jahrzehnte, so kann man vereinfachend von zwei großen Richtungen sprechen: die mehr oder weniger traditionelle und die analytischen Philosophie. Erstere wird gerne auch als “kontinentale”, letztere als “angloamerikanische” Philosophie bezeichnet. Dieser Sprachgebrauch ist aber insofern irreführend, als wichtige Vertreter der analytischen Philosophen immer schon auf dem Kontinent zu finden waren. In der Praxis verwischen sich die Grenzen der beiden Strömungen immer mehr, jedoch lassen sich in vielen Fällen eindeutig diese zwei Stile des Philosophierens unterscheiden. Kurz gesprochen, stehen traditionelle Philosophen meist in der Denktradition des Deutschen Idealismus und deren Nachfolger, während sich die Analytiker an der Revolution der formalen Logik zu Beginn unseres Jahrhunderts und der Entwicklung der Naturwissenschaften orientieren.

Postmoderne Theoretiker sind oft negativ auf die traditionelle Philosophie fixiert, die sie einerseits heftig ablehnen, ohne sich jedoch andererseits von ihr lösen zu können. Doch von diesen geistesgeschichtlichen Verwicklungen später mehr. Vorher ist es jedoch wichtig, den Absolutheitsanspruch vieler Postmoderner zurückzuweisen. Kritik an ihren Konzepten wird nämlich immer wieder mit dem Hinweis abgeblockt, man hätte grundlegende Aspekte nicht verstanden, denn ansonsten könnte man sie nicht mit längst obsoleten “rationalistischen” Kriterien kritisieren. Denkverbote dieser Art sind natürlich zurückzuweisen, denn über die Plausibilität einer Kritik entscheidet nicht in erster Linie der Kritisierte, sondern die Fachöffentlichkeit und der mündige Leser.

So wäre beispielsweise die Frage nach dem “Kern” der postmodernen Philosophie innerhalb dieses Paradigmas unzulässig, weil die Annahme hierarchisch organisierter Theorien meist zurückgewiesen wird. Ein Blick in wichtige Veröffentlichungen zeigt jedoch, daß sich sehr wohl Übereinstimmungen finden lassen, etwa die Ablehnung aller universalistischen Behauptungen, ganz egal, ob dabei an philosophische, linguistische, literarische oder politische gedacht wird. Demgegenüber wird der Partikularismus gepriesen, ebenfalls unabhängig davon, worüber gerade gesprochen wird.

Begonnen hatte diese philosophische Fundamentalkritik in der Sprachphilosophie. War man zur Hochzeit des Strukturalismus in den sechziger Jahren noch davon überzeugt, daß man ein objektivierbares Beschreibungsinstrument für kulturelle Phänomene gefunden habe, verwarfen die Poststrukturalisten diese Idee als ideologisch und versuchten durch Dekonstruktionen zu zeigen, daß es keinerlei stabile Strukturen gäbe, exemplarisch nachzulesen in dem inzwischen klassischen Aufsatz Derridas: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel.

Eines der Hauptwerke des Poststrukturalismus stammt ebenfalls von Derrida, die Grammatologie (1967). Es soll im folgenden als Beispiel für die Fragwürdigkeit dieser Art des Philosophierens dienen. Ein wesentlicher Kritikpunkt daran ist die hermetische Sprache, derer sich der französische Philosoph in fast allen seiner Publikationen bedient. Die Strategie, durch sprachliche Dunkelheit Gedanken interessanter erscheinen zu lassen, als sie sind, ist keineswegs neu und bekanntlich vor allem bei Religionsstiftern sehr beliebt. Obskurität jedoch als intellektuelles Markenzeichen zu etablieren, ist eine schon bewunderungswürdige Form des philosophischen Marketing. Ziel ist es nicht mehr, Begriffe klar zu definieren und Thesen anschaulich zu vermitteln, sondern ein rhetorisches Feuerwerk abzubrennen. Diesen Verdacht weisen postmoderne Theoretiker selbstverständlich empört von sich. Alleine es bleibt die Tatsache: Alle interessanten philosophischen Aussagen lassen sich, mit mehr oder weniger großer Mühe, in eine verständliche Fachsprache übersetzen, wozu sich ja auch die Meister dieser Denkrichtung regelmäßig in populären Medien herablassen. Auch finde ich das Argument nicht überzeugend, die angesprochenen Sachverhalte seien so komplex und “tief”, daß man die eigene Sprache zwangsläufig ebenso “tief” wählen muß, um an diese Mysterien rühren zu können. Hier wird die Grenze zu quasi-religiösen Gebieten überschritten, und es kann wohl nicht die Aufgabe der zeitgenössischen Philosophie sein, als Religionsersatz zu fungieren. Es gibt auch so eine Fülle spannender Betätigungsfelder für Philosophen, von der Ästhetik zur Wissenschaftstheorie und von der Bewußtseins- zur Artifical-Intelligence – Forschung, um nur ein paar zu nennen.

Diese metasprachliche Kritik könnte man auf sich beruhen lassen, fände man überzeugende philosophische Thesen. In der Grammatologie versucht Derrida vor allem, eine Fundamentalkritik des “Logozentrismus” zu entwerfen, der die abendländischen Geistesgeschichte beherrschen soll. Dieser Logozentrismus besteht darin, daß die “Rede” (parole) der “Schrift” (écriture) immer schon übergeordnet wurde. Diese, angesichts der abendländischen Schriftkultur – von der Bibliothek in Alexandrien über die Skriptorien der Klöster bis zum Kulturgut Buch in der Neuzeit – eigenartige These, wird später noch radikalisiert: Die Schrift war als Ur-Schrift (archi-écriture) bereits vor der Sprache da. Nimmt man diese Behauptung wörtlich, ist sie offenbar unsinnig. Die wichtigsten Einwände hat John M. Ellis in Against Deconstruction (1989, S. 21) zusammengestellt, etwa die anerkannte Tatsache, daß die Sprache lange vor der Schrift existierte oder den Hinweis auf noch existierende Sprachen, die nur gesprochen, nicht aber geschrieben werden. Versucht man eine gutwillige Interpretation unter Einbeziehung des aktuellen Stands der linguistischen Forschung, meint Derrida anscheinend folgendes: Die Mehrdeutigkeit (Polyvalenz) eines geschriebenen Textes sei aufgrund des oft vageren Kontextes höher als bei mündlicher Kommunikation, bei der die Gesprächssituation Polyvalenzen reduziert. Da für das Dekonstruktionsprojekt des Philosophen die (angeblich) unvermeidbare Mehrdeutigkeit der Schrift von zentraler Bedeutung ist, sieht er sich zu der seltsamen These von der Ur-Schrift gezwungen. Statt also eine fragwürdige Hypothese mangels empirischer Absicherung zu verwerfen, versucht er sie durch eine noch fragwürdigere abzusichern. Aber auch in dieser Interpretation ist seine These falsch: Es lassen sich nicht nur in schriftlicher Kommunikation Mehrdeutigkeiten ausschalten (etwa durch Anwendung der formalen Logik), sondern es gibt auch in der mündlichen Kommunikation hinreichend viele Mißverständnisse, um diese pauschale Gegenüberstellung zu widerlegen.

Aber vielleicht meint Derrida mit ‘Schrift’ gar nicht Schrift? Dazu läßt sich pauschal nichts sagen, weil in der Grammatologie ‘ Schrift’ mit zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht wird. Nur ein Beispiel: “Die natürliche Schrift ist unmittelbar an die Stimme und den Atem gebunden” (S. 33). Zwanzig Seiten später stößt man auf: “Einerseits erkennt Saussure der Schrift nur eine beschränkte und abgeleitete Funktion zu […]“. Dabei bleibt völlig außer acht, daß de Saussure unter ‘Schrift’ etwas ganz anderes versteht als Derrida. Diese Art der Begriffsverwirrung ist typisch für das Buch. Theoretisch ist es möglich, Derridas Schriftbegriff so zurecht zu biegen, daß seine Basisthesen auf den ersten Blick nicht mehr sinnlos erscheinen. Aber dann verlieren die Thesen rapide an Interesse, und die Wahl des Begriffs ‘Schrift’ für dieses Phänomen wäre willkürlich und irreführend.

Doch nicht allein die Sprache ist obskur und die Hypothesen sind empirisch nicht hinreichend belegt, Derrida muß sich auch den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen. Gehörte es lange zum guten Ton in der Philosophie, sich ausführlich mit Konkurrenztheorien auseinanderzusetzen, ignoriert man in postmodernen Kreisen schlicht, was sich nicht vereinnahmen läßt. Wer sich mit der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, weiß um die Bedeutung der analytischen Philosophie auf diesem Gebiet. Frege, Russell, Wittgenstein, Quine und andere leisteten Hervorragendes darin, ohne daß es Derrida für notwendig erachtet, sich mit ihren Arbeiten zu beschäftigen. Das ist methodisch unzulässig und intellektuell unredlich, trotzdem gang und gäbe in postmodernen Publikationen. Im Gegensatz dazu setzen sich Vertreter der analytischen Philosophie durchaus mit postmodernen Theorien auseinander, wenn auch bei weitem noch nicht ausreichend. Als Gewährsmann für diese Feststellung kann Reed Way Dasenbrock dienen, ein Kenner der Szene, der selbst mit der Dekonstruktion sympathisiert und eines der wenigen Bücher über dieses Thema herausgegeben hat: Redrawing the Lines. Analytic Philosophy, Deconstruction and Literary Theory (1989). In der Einleitung stellt er fest: “Advocates of deconstruction seem much less informed about Anglo-American philosophy than those in the analytic camp are about deconstruction.” (S. 11), was er mit mehreren Beispielen belegt.

Aber wenn sich postmoderne Philosophen einmal herablassen und auf “fachfremde” Konzepte zurückgreifen, sind die Resultate dieser Zusammenarbeit deshalb nicht überzeugender. Nachgerade peinlich wird es meist, wenn sich Poststrukturalisten als Erntehelfer in naturwissenschaftlichen Gärten betätigen. Es werden dann Chaos-, Quantentheorie und andere vereinnahmt, ohne daß diese Theorien auch nur ansatzweise begriffen worden wären. Die Vorstellung, daß in den Naturwissenschaften Begriffe eine relativ stabile Bedeutung besitzen und Theorien die Realität objektiv beschreiben sollen, könnte dem Dekonstruktivisten freilich auch fremder nicht sein. Erfreulicherweise machen sich in den letzten Jahren immer mehr Kritiker die Mühe, diesen Mißbrauch naturwissenschaftlicher Theorien im Detail nachzuweisen. Im Fall der Chaostheorie etwa Carl Matheson und Evan Kirchhoff in ihrem Aufsatz Chaos and Literature (Philosophy and Literature 1/1997; S. 28ff.).

Ein weiteres Indiz dafür war die sogenannte Sokal-Affäre, die weltweites Aufsehen erregte. Alan Sokal, Physiker an der New York University, wollte zeigen, wie tief die wissenschaftlichen Standards in der postmodernen akademischen Szene bereits gesunken sind und verfaßte 1994 deshalb einen Aufsatz mit dem Titel Transgressing the Boundaries – Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity. In ihm gab er einen Überblick über aktuelle Probleme der Physik und zog daraus eine Reihe von Konsequenzen, die ideal in die postmoderne Ideologien paßten. Angereichert war der Text natürlich auch mit dem entsprechenden Jargon. Der Haken dabei: Der Aufsatz war durchsetzt mit offenkundig falschen physikalischen Informationen, unschwer auch für den gebildeten physikalischen Laien erkennbar. Sokal schickte nun seinen Text als trojanisches Pferd an eine der führenden postmodernen Fachzeitschriften, Social Text, die ihn dann auch im Frühjahr 1996 abdruckte. Der Physiker machte seinen “Scherz” publik, und die Blamage war da: Offensichtlich war es für die Publikation völlig ausreichend, den richtigen Sprachduktus zu treffen und die üblichen Thesen zu verbreiten. Die sachliche Korrektheit spielte keinerlei Rolle. Die Vernachlässigung selbst der primitivsten wissenschaftlichen Standards war offenkundig. Verschärfend kam noch hinzu, daß sich Sokal selbst politisch dezidiert als links versteht, weshalb auch der beliebte Vorwurf des Reaktionären ins Leere ging.

Es ist jedoch unzulässig, hier zu weitgehende Verallgemeinerungen zu ziehen. Denn nicht die Geisteswissenschaften haben sich blamiert, sondern nur die Vertreter der postmodernen Akademia. Auch wenn diese in den USA derzeit am einflußreichsten sind, gibt es zunehmend kritische Stimmen, und selbstverständlich erscheinen auch seriöse Fachzeitschriften, wie Philosophy and Literature (John Hopkins University Press), welche die Kritik Sokals durchaus teilen.

Zurück zur postmodernen Philosophie und zu einigen grundlegenden Kritikpunkten. Jede Variante dieser Theorie ist relativistisch, anders wären die diversen Partikularismen nicht vertretbar. Der Relativismus ist – vor allem in den radikalen Varianten – nun aber mit einer Reihe von philosophischen Schwächen behaftet. Denn wenn alles relativ ist, ist zwangsläufig auch der Relativismus relativ, kann also konsistent nicht als Standpunkt vertreten werden. Dieses Argument ist weder neu noch originell, mußten sich doch bereits die Skeptiker der Antike damit auseinandersetzen. Trotzdem ist es gültig, und es bleibt für einen Poststrukturalisten nur ein Ausweg: seinen Standpunkt explizit als relativ zu bezeichnen, wenn er glaubwürdig bleiben will. In diesem Fall verliert seine Position jedoch jegliches Interesse. Warum sollte man sich mit irgendeiner beliebigen Theorie auseinandersetzen, für die nicht einmal ein gemäßigter Wahrheitsanspruch erhoben wird? Von den bedenklichen politischen Implikationen des Relativismus wird später noch die Rede sein müssen.

Doch nicht nur der philosophische Überbau ist verhältnismäßig leicht zum Einsturz zu bringen, auch die methodische Praxis der Dekonstruktion kann nicht überzeugen. Ziel der Dekonstruktion eines Textes ist dessen immanente Selbstwiderlegung. Durch Aufwertung von Nebensächlichem oder extravagante Lesarten soll das Sinnzentrum eines Textes zerstört werden. Entledigt man diese Vorgehensweise vom damit verbundenen ideologischen und rhetorischen Pathos, zeigt sie sich in einem wenig schmeichelhaften Licht, nämlich als willkürliche und unsystematische Interpretation von abseitigen Textelementen. Es sei gar nicht bestritten, daß sich dabei manchmal, je nach Brillanz des Dekonstruktivisten, interessante Perspektiven eröffnen. Zufallsfunde dieser Art sind aber nicht hinreichend, um eine überzeugende literaturwissenschaftliche Methode zu etablieren. Darüber hinaus steht hier einmal mehr der Verdacht der Selbstwidersprüchlichkeit im Raum. Wie soll man denn den Sinn eines Textes dekonstruieren können, wenn es laut poststrukturalistischer Sprachtheorie gar keine sinnvollen Texte geben kann? Dekonstruktivisten, ursprünglich angetreten, der klassischen Hermeneutik den Todesstoß zu versetzen, sind gezwungen, diese künstlich am Leben zu erhalten, indem sie selbst eine Art pervertierter Hermeneutik praktizieren. Wer lieferte sonst die Sinnangebote eines Textes, an dem sie sich rhetorisch austoben können? Doch auf diese kleinlichen logischen Einwände schlägt einem meist eisiges Schweigen entgegen. Die Logik fiel selbstverständlich auch dem postmodernen Furor zum Opfer. Da hilft auch nicht der schüchterne Hinweis auf die Logik als Bedingung der Möglichkeit menschlicher Kommunikation, weshalb auch Poststrukturalisten nolens volens sich ihr immer wieder einmal bedienen müssen. Setzten sie ihre Theorien konsequent in die Praxis um, bliebe ihnen nur dauerhaftes Schweigen. Doch das wird eine Utopie bleiben, schließlich ist Schweigsamkeit akademischen Karrieren nicht eben förderlich.

Die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis sind überhaupt ein weites Feld. Denn trotz aller Fundamentalkritik (von der Logik bis zum Wissenschaftsbetrieb) werden nur selten praktische Konsequenzen gezogen. Vielmehr wurden die alten Rituale und Machtspiele unbesehen übernommen, wenn auch unter postmodernen Vorzeichen.

Es sollte inzwischen deutlich geworden sein, daß die postmoderne Philosophie keine überzeugenden Lösungen für die diskutierten Probleme anzubieten hat. Dies wird noch offensichtlicher werden, wenn geistesgeschichtliche Aspekte und philosophische Alternativen in das Blickfeld rücken.

III.

Setzt man sich ausführlicher mit postmodernen Publikationen auseinander, drängt sich immer stärker eine soziologische Frage auf: Wie konnte diese Art des Philosophierens eine so große Anhängerschaft gewinnen? Einen wichtige Rolle spielte sicher der revolutionäre Impetus der Postmoderne. Daß viele angepriesene Neuheiten so neu nicht waren, erschloß sich erst auf den zweiten Blick. Auch der hermetische Jargon darf in diesem Zusammenhang nicht vernachlässigt werden, gibt er doch das Gefühl, an exklusivem Wissen teilzuhaben, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Viele Geheimgesellschaften wußten um diesen gruppendynamischen Effekt. Schließlich hielt man die Postmoderne politisch für eine fortschrittliche Bewegung, attraktiv für alle, die mit dem Gesellschaftszustand unzufrieden waren/sind. Doch genau dieser Aspekt bedarf einer genaueren Analyse.

Zweifelsfrei entfaltete das Aufblühen der postmodernen Theorien in den USA und darüber hinaus ein großes Emanzipationspotential. Man begann sich für Minderheiten zu engagieren, es entstanden neue Disziplinen wie gay und postcolonial studies. Feministische Forschungsrichtungen konnten sich etablieren, und der akademische Betrieb wurde insgesamt politisch sensibilisiert. Damals wurde Kritik an dem neuen literaturtheoretischen Paradigma mit einem gewissen Recht als politisch reaktionär verschrieen, ein Vorwurf der auch heute noch gerne erhoben wird. Die Situation hat sich jedoch inzwischen grundlegend geändert: Vertreter der Postmoderne sitzen in den USA an den wichtigsten Stellen der Universitäten und Verbände, haben Macht und Einfluß in Fülle. Ihre Kritiker sind gegenwärtig in der Minderheit, weshalb heute eine Kritik an postmodernen Theorien nicht mehr mit dem Pathos einer verfolgten akademischen Randgruppe zurückgewiesen kann, ohne sich selbst der Lächerlichkeit preis zu geben.

Es stellt sich nun die interessante Frage, inwiefern sich das konzedierte emanzipatorische Potential notwendigerweise aus der postmodernen Philosophie ergibt. Was ist das spezifisch Progressive an der Postmoderne? Zweifelsfrei der Einsatz für Minderheiten und Randgruppen. Doch ist auch die Begründung dieses Engagements selbst fortschrittlich? Es wäre ja durchaus denkbar, daß emanzipatorische Fortschritte in der Praxis stattfinden, obwohl die philosophische Theorie keine hinreichende Rechtfertigung dafür liefert bzw. sie sich, in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld, auch für anti-emanzipatorische Zwecke einsetzen ließe. Wie sehr Differenzierung zwischen Theorie und Praxis in diesem Fall notwendig ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln.

Die zwei wichtigsten philosophischen Väter der Poststrukturalisten sind Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Nun ist das Werk Nietzsches ein beliebter Steinbruch für ideologische Versatzstücke, Reaktionäres läßt sich ebenso ausführlich mit Zitaten belegen wie Progressives. Doch berufen sich postmoderne Philosophen weniger auf politisierbare Aussagen Nietzsches im engeren Sinn, sondern auf dessen erkenntnistheoretische Thesen, speziell auf seine Polemiken gegen den traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff. Seine fragmentarische und unsystematische Denkweise war ebenfalls von großer Vorbildwirkung. Bedauerlich ist nur, daß sich Nietzsches gegenwärtige Adepten nicht auch seines brillanten Stils bedienen, doch das wäre ja der intendierten Dunkelheit abträglich.

Als stilistisches Vorbild kann deshalb eher Heidegger gelten, dessen Sprache auch noch höchste Obskuritäts-Ansprüche zufriedenstellen kann. Heidegger als Säulenheiliger einer progressiven philosophischen Bewegung? Man braucht gar nicht an Heideggers fanatisches Engagement für die nationalsozialistische Revolution im Jahr 1933 zu erinnern, in der er die Umsetzung seiner philosophischen Vorstellungen in der Praxis sah, um diese Zumutung zurückzuweisen. Allein seine provinzielle anti-modernistische Philosophie verweist diese Annahme ins Reich der theoretischen Skurrilität. Es ist also mehr als berechtigt, die angebliche Fortschrittlichkeit dieser Philosophen in Frage zu stellen. Sieht man einmal davon ab, daß die esoterischen Sprachdünkel per se undemokratisch sind, beschränken sie doch ohne jegliche Notwendigkeit die Rezeption auf einen mehr oder weniger engen Kreis von Eingeweihten.

Gegen alle Beteuerungen ist auch der propagierte Partikularismus und Kulturrelativismus alles andere als politisch progressiv, eine überzeugende postmoderne ethische Theorie konnte jedenfalls noch nicht formuliert werden. Wie soll man sich auch für Menschenrechte, Bekämpfung der Armut oder bessere Bildungschancen einsetzen, wenn keinerlei universalistische Wertmaßstäbe existieren? Wenn tatsächlich die Werte aller Kulturen gleichberechtigt sind, dann müssen konsequenterweise noch die gröbsten “kulturbedingten” Menschenrechtsverletzungen toleriert werden. Das Vertreten eines extremen Partikularismus macht also jedes Engagement für Menschenrechtsverletzungen in anderen Kulturen unglaubwürdig. Doch was sollen “Kultur” und “Kulturen” in diesem Zusammenhang eigentlich bedeuten? Jörg Fisch wies in der Neuen Zürcher Zeitung (6. April 1998) berechtigterweise auf die unvermeidlichen Absurditäten einer Pluralisierung des Kulturbegriffs hin. Als Beispiel erwähnt er unter anderem einen christlichen Javaner. Gehört dieser zur christlichen und damit abendländischen Kultur? Oder doch zur indonesischen, die dann aber per definitionem nicht islamisch sein könnte? Auf der Ebene des Individuums verliert der postmoderne Kulturbegriff nicht nur jegliche Plausibilität, sondern entfaltet auch ein nicht zu unterschätzendes repressives Potential. “In noch stärkerem Maße als die Einteilung in Nationen bedeutet die Einteilung der Menschheit in Kulturen eine Uniformierung und Vergewaltigung der Betroffenen. Die Opfer sind gerade die kleineren Gruppen, die Minderheiten, die Mischlinge, alle jene, die in kein Schema passen.” (Jörg Fisch). Man wird also doch klassisch aufklärerisch ansetzen müssen, nämlich bei den unveräußerlichen Rechten jedes Menschen, in welchem Kulturkreis er auch leben möge. Das Argument der Kulturabhängigkeit der Menschenrechte wird deshalb konsequenterweise vor allem von autoritären Regierungen und wirtschaftlich ambitionierten westlichen Politikern vertreten, während die repressiv Regierten in allen Kulturen Menschenrechtsgruppen gebildet haben.

Ein postmoderner Theoretiker steht also vor einem Dilemma. Wie kann er seine politische Progressivität begründen, ohne seine philosophischen Theorien zu verraten? Derrida gibt auch hier wieder ein sehr aufschlußreiches Beispiel ab, denn an seinem politischen Engagement ist eigentlich nicht zu zweifeln. Doch wie kann er es vor dem Hintergrund seiner Sprachphilosophie und seiner Erkenntnistheorie rechtfertigen? Da eine rationale Begründungsstrategie aus ideologischen Gründen ausgeschlossen ist, bleibt also nur deren Gegenteil. Mark Lilla, Politikwissenschaftler an der New York University und Mitglied des Institute for Advanced Studies in Princeton, ist dem kürzlich in der New York Review of Books (Nr. 11/1998) nachgegangen. In The Politics of Jacques Derrida analysiert er dessen jüngste Publikationen unter diesem Gesichtspunkt. Besonderes Interesse bringt er dem neuen Gerechtigkeitskonzept des französischen Philosophen entgegen, das dieser jetzt plötzlich nicht mehr als Objekt der Dekonstruktion gelten lassen möchte, während der Dekonstruktion früher praktisch alles unterworfen wurde. Zu diesem Zweck grenzt er Gerechtigkeit vom konventionellen Recht ab, begibt sich also auf klassisches rechtsphilosophisches Terrain. Ohne seine philosophische Herkunft zu verraten, kann Derrida selbstverständlich nicht auf die klassischen Begründungen des Rechts zurückgreifen, also auf Natur oder Vernunft. Wie Mark Lilla nachweist, bleibt ihm in diesem Fall nur eine Möglichkeit der Begründung eines absoluten Gerechtigkeitskonzepts übrig, und er nennt diese, anders als Derrida, auch beim Namen: Offenbarung (revelation). In Marx’ Gespenster ist denn auch immer wieder von Messianismus die Rede. Konnte man schon immer vermuten, daß Derridas Irrationalismus einmal ins Pseudo-religiöse umkippen würde, ist doch Religion die klassische Quelle des Irrationalen, ist man von diesem Ergebnis nun dennoch überrascht. Lilla deutet diese Eskapaden als “intellectual desperation”, eine Bewertung, der man sich wohl anschließen muß.

Die wahren Feinde des Fortschritts sind aber für die Postmodernen selbstverständlich nicht jene, die zur Rechtfertigung ihres Gerechtigkeitskonzept zu mystischen Offenbarungen und messianischen Projektionen greifen, sondern die sogenannten “Positivisten”, eine Bezeichnung, mit der großzügig die meisten Denker bedacht werden, die an minimalen Rationalitätsstandards festhalten wollen. Als konservativ, reaktionär oder “szientistisch” geschmäht, werden sie und ihre Arbeiten, wie oben bereits ausgeführt, in der Regel ignoriert, wenn nicht gerade passende intellektuelle Feindbilder benötigt werden.

IV.

Gemeint sind damit in erster Linie Vertreter der analytischen Philosophie, insbesondere Mitglieder des Wiener Kreises. In der Tradition der Aufklärung stehend, werden sie gerne für alle Übel der Moderne verantwortlich gemacht. Einige schrecken nicht einmal davor zurück, die Aufklärung – was genau das auch immer sein mag – für den Holocaust verantwortlich zu machen. Dafür wird der Aufklärungsbegriff gerne bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht, was ein Blick auf die Geschichte der Aufklärungskritik belegt, wenn etwa von Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung der ehrwürdige Marquis de Sade als deren Vertreter “analysiert” wird. Aller argumentativen Schieflage zum Trotz wird ‘Aufklärung’ oft gleichzeitig auf instrumentelle Rationalität verengt, da der humanistische und emanzipatorische Gehalt der Aufklärung nicht ins Konzept paßt. Diese fragwürdigen Argumentationsstrategien finden sich in postmodernen Stellungnahmen zum Thema wieder.

Eine Untersuchung der damaligen geistesgeschichtliche Situation zeigt ein völlig anderes Bild. Der Kern der nationalsozialistischen Ideologie war auch nach zeitgenössischen Maßstäben zutiefst irrational, und wurde nicht zuletzt von analytischen Philosophen auch so wahrgenommen. Die angeblich “wissenschaftlichen” Rechtfertigungen, etwa der Lehren vom “Völkischen”, beruhten auf ideologischen Funktionalisierungen. Die Wissenschaftspolitik der NS-Diktatur verabschiedete sich explizit von jeglichen Objektivitätsstandards und verwandelte Wissenschaft dadurch in Pseudo-Wissenschaft. Das schlug sich sogar enzyklopädisch nieder, etwa wenn im vierbändigen Brockhaus von 1941 unter dem Eintrag “Wissenschaft” folgendes zu lesen ist: “Durch die entscheidende geistige Umgestaltung, die der Nationalsozialismus vollzog, wurde die Abstraktion einer wertfreien, voraussetzungslosen W. überwunden; die Wissenschaft wurde unbeschadet ihrer sachlichen Forschungsweise in ihre dienende Rolle gegenüber dem Leben des Volkes zurückgewiesen”. Kurz vorher ist von einer “weltanschaulich unsicher gewordenen Wissenschaft” die Rede.

Zu dieser – aus nazistischer Perspektive – weltanschaulichen Verunsicherung trugen maßgeblich die Mitglieder des Wiener Kreises und ihm nahestehende Philosophen bei. Zu nennen wären etwa Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap, Kurt Gödel sowie Karl Popper und Ludwig Wittgenstein. Ausgehend von den neuen Errungenschaften der formalen Logik und neuesten Ergebnissen der Naturwissenschaften, versuchten sie eine ideologie- und metaphysikfreie Philosophie zu entwickeln, indem sie höchste Ansprüche in bezug Transparenz und logischer Stringenz an ihre Arbeit stellten. Daß manche ihrer philosophischen Projekte in der intendierten Radikalität letztlich scheitern mußten, schmälert nicht ihr Verdienst, der Philosophie unseres Jahrhunderts wesentliche Impulse gegeben zu haben. Sogar wenn man von den neuen philosophischen Erkenntnissen absieht: Radikale Selbstkritik und instruktive Zusammenarbeit waren revolutionär in einer Zeit, in der sich etwa ein Martin Heidegger als pseudoreligiöser Prophet gerierte und seine Jünger um sich scharte. Es ist wenig verwunderlich, daß der Wiener Kreis austrofaschistischen Politikern ein Dorn im Auge war. Denn sind radikale Objektivitätsstandards und unvoreingenommene kritische Prüfung aller Thesen an sich gefährliche Gegner für Ideologen aller Couleur, trug das sozialreformerische Engagement vieler Mitglieder des Wiener Kreises natürlich zur Verfemung bei. Nicht nur wurden auf Basis philosophischer Überzeugung politische Forderungen erhoben, es gab auch konkretes Engagement, indem beispielsweise Vorträge für Arbeiter veranstaltet wurden. Träger derartiger Initiativen war der Verein Ernst Mach, der 1934 polizeilich aufgelöst wurde. Das Projekt des Wiener Kreises mußte in den dreißiger Jahren politisch scheitern. In diesem Klima des Hasses und der Irrationalität erschießt der dreiunddreißigjährige Johann Nelböck, Doktor der Philosophie, seinen ehemaligen Professor Moritz Schlick vor der Wiener Universität. Vor Gericht rechtfertigt sich der Attentäter unter anderem damit, und hier schließt sich der Kreis zum Brockhaus-Artikel, daß er durch Schlicks empiristische Philosophie alle religiösen Überzeugungen und jeden Halt verloren habe.

Es zeigt sich also, daß die damaligen Vertreter einer aufgeklärten Weltanschauung in ihrer großen Mehrheit aufgrund ihrer philosophischen und politischen Überzeugung der nationalsozialistischen Ideologie Widerstand leisteten und von den Herrschenden auch als solche wahrgenommen wurden. Daß es von Moritz Schlick auch Versuche gab, sich aus strategischen Gründen mit den Behörden zu arrangieren, ändert ebenso nichts an dieser grundsätzlichen Bewertung, wie der berüchtigte Nationalismus Gottlob Freges. Während also die avanciertesten Vertreter philosophischer Rationalität zur Emigration gezwungen waren, Manfred Geier nennt das entsprechende Kapitel in seiner Monographie treffend Die vertriebene Vernunft, konnten sich die avanciertesten Vertreter des Irrationalismus – wie Heidegger – wunderbar mit den neuen Machthabern arrangieren. Daß Heidegger nicht zu Unrecht seine anti-moderne, dunkel-irrationale Philosophie im Nationalsozialismus verkörpert sah, ist nur eine geistesgeschichtliche Tatsache, die ein voreiliges Verantwortlichmachen der Aufklärung für die Verbrechen des Dritten Reiches ad absurdum führt.

Angesichts der skizzierten Fakten und der Kenntnis um das esoterische geistige Umfeld, aus dem der Nationalsozialismus hervorkroch, ist es um so erstaunlicher, wie häufig in intellektuellen Debatten immer noch der Konnex zwischen Rationalität und NS gezogen wird. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Natürlich spielte die instrumentelle Vernunft bei der Umsetzung der nazistischen Vernichtungspolitik eine wesentliche Rolle. Daß mit ihrer Hilfe jedoch eine zutiefst irrationale Ideologie in die verbrecherische Praxis umgesetzt wurde, wird allzuleicht vergessen.

Die Rezeptionsgeschichte des Wiener Kreises, in vieler Hinsicht typisch für die Rezeption der analytischen Philosophie, ist ein Trauerspiel. Zwar gibt es seit längerer Zeit Bemühungen, dieses wichtige Kapitel, nicht nur der österreichischen Philosophiegeschichte, wieder verstärkt ins öffentliche Blickfeld zu rücken, etwa durch das in Wien ansässige Institut Wiener Kreis. Doch wie viel hier noch zu tun ist, zeigen die Buchhandelskataloge: Selbst zentrale Schriften dieser Philosophen sind nicht lieferbar, sondern müssen mühsam über Bibliotheken besorgt werden. Daß nach vielen Jahren beim Verlag Felix Meiner nun endlich eine Neuausgabe von Rudolf Carnaps Der logische Aufbau der Welt herausgegeben wurde, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ob es für die geistige Lage unserer Zeit symptomatisch ist, daß man im Verzeichnis lieferbarer Bücher unter “Rudolf Carnap” auf vier Titeleinträge stößt – davon einer als vergriffen gekennzeichnet -, während es bei “Martin Heidegger” deren 169 sind?

Nach dieser philosophiehistorischen Abschweifung sollte klar geworden sein, daß es eine Alternative zur postmodernen Art des Philosophierens gibt, denn das Projekt des Wiener Kreises wurde und wird in modifizierter Form nach 1945 fortgeschrieben. Überzeugende Ergebnisse gab es in allen philosophischen Teildisziplinen, wenn auch Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie an prominenter Stelle zu erwähnen sind. Popper, Quine, Kripke, Searle, Davidson und Putnam sind nur einige, die Hervorragendes geleistet haben. Welcher Stil des Philosophierens sich letztendlich durchsetzen wird, ist schwer zu prognostizieren. Es spricht angesichts der oben beschriebenen philosophischen Schwächen jedoch viel dafür, daß “die Postmoderne” einmal ebenso als Modephilosophie in die geistigen Annalen des Jahrhunderts eingeht, wie das beim Existentialismus der Fall war.

V.

Wieso also sollte man nicht auch die analytische Philosophie als alternative Grundlage für die Literaturtheorie heranziehen? Angesichts der philosophischen Schwächen und der politisch bedenklichen Implikationen gibt es keinerlei Notwendigkeit, postmoderne Theorien als Metatheorien für Literatur bzw. für Literaturwissenschaft zu verwenden. Demgegenüber stellt die analytische Philosophie mehrere Anknüpfungspunkte bereit, und zwar für die verschiedenen Ebenen des Objektbereichs “Literatur”.

Für theoretische Untersuchungen bieten sich etwa Anschlußmöglichkeiten bei der analytischen Ästhetik, was Strukturen und Eigenschaften ästhetischer Objekte und deren ontologischen Status betrifft. Beschreibt man Literatur als Sprachkunstwerk, werden ebenfalls Ergebnisse der Sprachphilosophie relevant. Eine ihrer prominenten Theorien, die Sprechakttheorie, hat ja schon einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreicht, andere gäbe es noch zu entdecken. Daß eine philosophische Richtung potentiell wichtige theoretische Beiträge zu einer Disziplin leisten kann, ist nicht weiter erstaunlich. Überraschender wäre schon, wenn sie auch praktische Relevanz besäße. Was würden auch die schönsten Theorien helfen, wenn es keine Alternative zur postmodernen Methode der Dekonstruktion bzw. zu den cultural studies gäbe? Vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes wäre es vermessen, schon jetzt eine “fertige” literaturwissenschaftliche Methode präsentieren zu wollen. Leider gibt es immer noch verhältnismäßig wenige Theoretiker der Literaturwissenschaft, die sich mit potentiellen Anwendungsmöglichkeiten der analytischen Philosophie für ihre Disziplin beschäftigen. Trotzdem kann man auch jetzt schon einige interessante Hinweise geben. Der Nutzen ist noch auf einer sehr abstrakten wissenschaftstheoretischen Ebene angesiedelt, denn interessant ist besonders die Anwendung methodologischer Kriterien der analytischen Wissenschaftstheorie auf die Literaturwissenschaft. Es geht also um die komplexe Frage, nach welchen dieser Kriterien sich ein Literaturwissenschaftler orientieren soll, wenn er möglichst zuverlässige Aussagen über Literatur erreichen will.

Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu können, seien doch zwei dieser Kriterien hervorgehoben. Als erstes und wichtigstes das der Intersubjektivität, d.h. jede Aussage muß zumindest prinzipiell der Prüfung durch die (Fach-)Öffentlichkeit unterzogen werden können. Damit eng zusammen hängt das Postulat einer möglichst klaren Fachsprache, um eine von Mißverständnissen weitgehend freie Kommunikation zu erreichen. Zugegebenermaßen handelt es sich hierbei um Idealforderungen, die in der Praxis nur schwer umzusetzen sein werden. Die Wichtigkeit dieser Postulate läßt sich aber wissenschaftstheoretisch ebenso unschwer zeigen wie die Fehler, welche durch deren Vernachlässigung entstehen. So hat Harald Fricke bereits 1977 in seiner Studie Die Sprache der Literaturwissenschaft anhand von 80 literaturwissenschaftlichen Aufsätzen unter anderem nachgewiesen, daß die Sprachverwendung um so poetischer und damit vieldeutiger werde, je weniger überzeugend die jeweiligen Argumente seien. Beide Kriterien stehen offensichtlich konträr zur postmodernen Theorie und Praxis, weshalb sich ihre Vertreter den begründeten Vorwurf gefallen lassen müssen, für fallende Erkenntnisstandards verantwortlich zu sein, wenn sie selbst auf diese wissenschaftlichen Minimalstandards verzichten wollen. Nicht zuletzt deshalb war etwas wie die Sokal-Affäre überhaupt erst möglich.

Eine andere Anregung, die von der analytischen Philosophie ausgehen könnte, betrifft verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit. Philosophen dieses Denkstils orientieren sich oft sehr fruchtbar an Ergebnissen diverser Einzelwissenschaften. Mehr Interdisziplinarität wäre auch für die Literaturwissenschaft wünschenswert. Bezüglich der philologischen Schwesterdisziplin Linguistik wird diese Forderung immer wieder erhoben, es scheint sich aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Fächern anzubieten, etwa der Kognitionswissenschaft.

Was also soll man einem theoretisch interessierten Literaturfreund raten? Wer Wert darauf legt, am theoretischen Puls der Zeit zu sein, wird um ausgewählte Lektüre postmoderner Publikationen nicht herumkommen, obwohl sich der Erkenntnisgewinn in engen Grenzen halten wird. Ansonsten sei die Suche nach der berühmten Nadel im literaturtheoretischen Heuhaufen empfohlen. Entweder greift man nach immer noch aktuellen Klassikern des Genres, etwas Jurij Lotmans Die Struktur literarischer Texte oder nach gelungenen Überblicksstudien. Herausragend bei letzteren sind die drei Werke Peter V. Zimas über Literarische Ästhetik (1991), Dekonstruktion (1994) und Moderne/ Postmoderne (1997). Obwohl sich bis jetzt eine “Analytische Literaturwissenschaft” nur am Rande etablieren konnte, gibt es nicht wenige Publikationen dieser Richtung. Erwähnenswert sind etwa die Veröffentlichungen Harald Frickes (vgl. Literaturverzeichnis) und die in der von ihm erschienenen Reihe Explicatio erschienenen Studien.

Ausgewählte Literatur:

Boyd, Richard; Gasper, Philip; Trout J.D.: The Philosophy of Science. Cambridge/London: MIT Press 1991 (=A Bradford Book)

Dasenbrock, Reed Way (Hrsg.): Redrawing the Lines: Analytic Philosophy, Deconstruction, and Literary Theory. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1989

Derrida, Jacques: Die différance. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Herausgegeben von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (=Reclams Universal Bibliothek 8998) S. 76-113

Derrida, Jacques: Die Struktur das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Herausgegeben von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (=Reclams Universal Bibliothek 8998) S. 114-139

Derrida, Jaques: Grammatologie. Frankfurt: Suhrkamp 1992 (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft 417)

Derrida, Jacques: Marx’ Gespenster. Frankfurt: Fischer Taschenbuch 1996 (=Zeitschriften)

Ellis, John M.: Against Deconstruction. Princeton: Princeton University Press 1989

Fricke, Harald: Die Sprache der Literaturwissenschaft. Textanalytische und philosophische Untersuchungen. München: C.H. Beck 1977 (=Edition Beck)

Fricke, Harald: Norm und Abweichung. Eine Philosophie der Literatur. München: C.H. Beck 1981 (=Beck´sche Elementarbücher)

Fricke, Harald: Literatur und Literaturwissenschaft. Beiträge zu Grundfragen einer verunsicherten Disziplin. Paderborn/München/Wien/Zürich: Schöningh 1991 (=Explicatio)

Geier, Manfred: Der Wiener Kreis. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1992

Harris, Wendell V. (Editor): Beyond Poststructuralism. The Speculations of Theory and the Experience of Reading. University Park: Pennsylvania State University Press 1996

Livingston, Paisley: Literary Knowledge. Humanistic Inquiry and the Philosophy of Science. Ithaca/London: Cornell University Press 1988

Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. 4. Auflage. München: Wilhelm Fink 1993 (=UTB 103)

Matheson, Carl; Kirchhoff, Evan: Chaos and Literatur. In: Philosophy and Literature. 1997. Nr. 1. S. 28-45

Stadler, Friedrich: Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Frankfurt: Suhrkamp 1997

Zima, Peter V.: Literarische Ästhetik. Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Tübingen: Francke 1991 (=UTB1590)

Zima, Peter V.: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Tübingen/Basel: Francke 1994 (=UTB 1805)

Zima, Peter V.: Moderne / Postmoderne. Tübingen/Basel: Francke 1997 (=UTB 1967)

Mein erster Kindle

Dieser Artikel wurde für „The Gap“ geschrieben.

Seit einigen Wochen bin ich im Besitz meines ersten Ebook-Readers. Nach einigen Recherchen kaufte ich mir einen Kindle. Das Gerät ist in meinem Bekanntenkreis am häufigsten vertreten und die Zufriedenheit ist hoch. Ich packe ihn in meiner Bibliothek aus, in der gut 5500 analoge Bücher stehen. Zerfledderte Taschenbücher, beanspruchte Leseausgaben und arrogante Werkausgaben beobachten interessiert den Neuling. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Werde ich in einigen Jahren statt der 24 überfüllten Billyregale nur noch ein leichtes Lesegerät besitzen, auf dem viele tausend Bücher gespeichert sind?
Mein unromantisches Verhältnis zu Büchern beschrieb ich bereits anderen Orts Während manche Zeitgenossen beinahe in Ohnmacht fallen, wenn man ihre Schätze berührt, sind für mich Bücher in erster Linie Geisteswerkzeuge. Ich schreibe bei Bedarf hinein, behandele sie nicht wie rohe Eier und ersetze eines, wenn es zu stark lädiert ist. Warum also nicht pragmatisch auf Ebooks umsteigen? Amazon verkauft in den USA bekanntlich bereits mehr elektronische Publikationen als Bücher aus Papier.

Die mobile Bibliothek

Der Hauptvorteil des Kindle leuchtet mir sofort ein: Er ist mit 170g ein Fliegengewicht und so handlich, dass er in jede Jackentasche passt. Etwa 1500 Bücher kann man darauf speichern. Ab sofort trage ich also immer eine kleine Bibliothek ohne Aufwand mit mir herum. Das ist speziell auf Reisen praktisch, aber auch in Wien. Die Bedienung ist noch etwas umständlich, aber hier sind Verbesserungen nur eine Frage der Zeit. Der Kontrast könnte ebenfalls besser sein: Die Qualität eines gut gedruckten Buches wird nicht erreicht, da der Hintergrund nicht weiß, sondern hellgrau ist. Aber auch hier gilt: Die Qualität ist selbst für längere Lektüren ausreichend und bereits besser als bei schlecht gedruckten Taschenbüchern. Im Gegensatz zu den Geräten der ersten Generation wird beim Umblättern der Bildschirm nur noch für den Bruchteil einer Sekunde schwarz, so dass man es kaum bemerkt.

Die Technik

Für alle, die sich bisher nicht mit dieser Technologie auseinandergesetzt haben: Im Gegensatz zu Tablets und Notebooks verwenden E-Book-Reader eine „passive“ Technologie: E Ink. Es gibt keine Hintergrundbeleuchtung, sondern es wird eine Papierseite simuliert. D.h. man braucht auch Licht zum Lesen, wie bei einem normalen Buch. Die beiden Hauptvorteile: Die Augen ermüden nicht, da Lesen auf Papier nachgeahmt wird, und die Akkuleistung ist ausgezeichnet, da nur das Umblättern Energie benötigt.
Das Problem der Ausgaben
Die erste Überraschung: Bei Amazon bekommt man mehr als 15000 Bücher gratis. Dabei handelt es sich überwiegend um Klassiker, deren Urheberrecht abgelaufen ist. 5000 davon sind auf Deutsch, der Rest auf Englisch. Darunter die besten Bücher der Weltliteratur: Dante, Shakespeare, Cervantes, Goethe und Kafka – alle da!
Der zweite Blick ist freilich ernüchternder: Die Qualität der Ausgaben ist höchst unterschiedlich. So bekommt man nur alte Übersetzungen. Wer also Homer gerne in der Prosaübersetzung Wolfgang Schadewaldts liest oder Dostojewskij in der Swetlana Geiers, muss seine Ansprüche gleich einmal zurückschrauben.
Schlimmer noch: Manche Ausgaben sind so billig produziert, dass sie nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis haben. Der Nutzen von Faust I am Kindle reduziert sich merklich, wenn ich nicht mal schnell eine Szene direkt anspringen kann. Bei längeren Texten ist das noch fataler. Laut Leserrezensionen gibt es auch Ebooks bei denen komplette Absätze fehlen. Selbst wenn man Bücher kauft, in meinem Fall die elektronische Penguin-Ausgabe von Thornton Wilders The Bridge of San Luis Rey, ist man vor Fehlern nicht geschützt: Man findet darin mehr orthographische Schlampereien als im Online-Standard. Das sind allerdings keine prinzipiellen Einwände gegen Ebooks. Verbuchen wir sie einmal großzügig als Anlaufschwierigkeiten. Andere, für mich unverzichtbare Bücher gibt es noch gar nicht, etwa die Werke Heimito von Doderers oder Robert Musils.

Die Navigation

Die Handhabung ist viel umständlicher als bei Büchern. Damit meine ich nicht die teils noch problematische Bedienung des Geräts, sondern die Navigation innerhalb eines Ebooks. Schnelles Vor- und Zurückblättern, ein paar Kapitel überspringen, einen Blick zwischendurch in den Klappentext usw.: Hier ist jedes Ebook der gedruckten Ausgabe weit unterlegen. „Gehe zu“ ist kein Ersatz für schnelles Blättern und Springen. Hier geht es nicht nur um Bequemlichkeit, sondern auch darum, sich schnell mit dem intellektuellen Gehalt eines Werks vertraut machen zu können. Konkrete Passagen wären dank der Suchfunktion freilich schneller aufzufinden. Allerdings ist die Eingabe ohne Tastatur ebenfalls keine ernst zu nehmende Option.
Überrascht war ich darüber, dass es keine Seitenzahlen mehr gibt: Der Lesefortschritt wird in Prozent angezeigt. Zusätzlich ist es ungewohnt, dass man dasselbe „Bücher-Erlebnis“ hat, egal ob man einen Essay liest oder einen zweitausendseitigen Roman.
Das Vor-dem-Regal-Stehen, um schnell mal ein Buch aufzuschlagen und hineinzulesen, lässt sich ebenfalls nur schlecht simulieren. Man muss auch nicht bibliophil veranlagt sein, um lieber ein schönes, in Leinen gebundenes Buch in Händen zu halten, als ein kleines Aluminiumgehäuse.
Der Bücherkauf
Bei aktuellen deutschsprachigen Büchern, sieht es derzeit noch düster aus: Das Angebot ist begrenzt und die Preise scheinen angesichts der geringen Produktionskosten überhöht. Der Programmleiter eines Verlags verriet mir den Grund: Die Taschenbuchverlage sichern sich rechtlich gegen niedrige Ebook-Preise ab. Mit anderen Worten: Ein Verlag kann sein Buch nur dann an einen Taschenbuchverlag verkaufen, wenn er zustimmt, dass er das Taschenbuch preislich nicht durch ein Ebook unterbietet.
Vor ein paar Tagen stand ich vor der Entscheidung, ob ich mir die gepriesene Dickens Biographie Claire Tomalins als gebundene Ausgabe für 19,95 Euro oder als Kindle-Ausgabe für 17,96 Euro bestelle. Angesichts des lächerlichen Preisunterschieds entschied ich mich schnell für das analoge Buch.

Der Alltag

Gebrauchsliteratur werde ich mir zukünftig wohl nur noch elektronisch kaufen. Damit meine ich beispielsweise schnelllebige Fachbücher. Ebenso Bücher, von denen absehbar ist, dass ich sie auf meinen Studienreisen benötigen werde. Was Belletristik und Klassiker angeht, hätte ich gerne beide Ausgaben. Eine schön gebundene Ausgabe für daheim und eine gute (!) elektronische Variante für den Kindle. Erste deutschsprachige Verlage kündigten bereits an, dass sie planen Ebooks als Gratiszugabe zu ihren Büchern anzubieten. Auf die Bequemlichkeit, die meisten meiner Lieblingsbücher unterwegs immer in der Tasche zu haben, werden ich jedenfalls nicht mehr verzichten.
Ebooks werden mittelfristig viele Taschenbücher, vor allem Unterhaltungsliteratur, und Fachbücher überflüssig machen. Schöne gedruckte Bücher wird es weiterhin geben.

Die Fortsetzung: Mein zweiter Kindle

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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