Philosophie

Sokrates enzyklopädisch

Es ist ein leider weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die besten enzyklopädischen Artikel immer in der aktuellsten Auflage eines Lexikons befinden. Das mag für naturwissenschaftliche und aktuelle technische Themen zutreffend sein, nicht zwangsläufig aber für (geistes)geschichtliche, wie ein Vergleich mehrerer Einträge zum Stichwort Sokrates einmal mehr belegt.

1. Meyer’s neues Konversations-Lexikon. Zweite Auflage 1861

Der anonyme Autor gibt einen durchaus brauchbaren Überblick. Die Parteinahme für Sokrates ist nicht zu übersehen, alles in allem wird das klassische Sokrates-Bild vermittelt. Kritiker werden mit erfrischender Polemik bedacht. So gab es schon im 19. Jahrhundert die Meinung, der Philosoph sei zurecht verurteilt worden, worüber sich der Verfasser erbost:

Diese ungenirte Rechtfertigung eines Aktes, der ganz einfach das Ergebniß sophistischer und demagogischer Ränke war und die sittliche Korruption bekundete, ist selbst als ein Zeugnis moderner sophistischer Zersetzung zu betrachten. Die große Bedeutung des S. ist in der Anregung zu suchen, die er durch sein Leben und noch mehr durch seinen Tod gab. Die ganze platonische und aristotelische Philosophie würden nicht das geworden sein, was sie sind, wenn der Gedanke an die Persönlichkeit des S. nicht der sophistischen Zersetzung des damaligen Denkens in einigen edleren Geistern die Wage gehalten und gleichsam als moralischer Rückhalt und Trost gedient hätte. [Band 14, S. 705]

2. Meyers Großes Konversationslexikon. Sechste Auflage 1907ff.

Knapp 50 Jahre später, wird der ältere Artikel als Basis herangezogen, eine Reihe von Passagen werden trotz einer allgemeinen Überarbeitung wörtlich übernommen. Auch der Tenor ist derselbe, allerdings ist der Text “technischer”, d.h. es wird deutliche mehr philosophische Fachterminologie ins Spiel gebracht (Induktion, Definition):

Das eigentlich Neue in der Kunst des S. bestand (nach Aristoteles) darin, einerseits von der Betrachtung des Besonderen zum Allgemeinen aufzusteigen (Induktion), andererseits durch Ausscheidung des Unwesentlichen und Ungehörigen wie durch Zusammenfassung des Wesentlichen und Unentbehrlichen zum Begriff zu gelangen (Definition), welch letzterer, weil er der Sache selbst entspricht, immer derselbe bleibt, während das Allgemeine, weil es aus dem Besonderen gewonnen worden ist, dieses letztere sämtlich in sich begreift. [Band 18, S. 573]

Den kompletten Eintrag gibt es bei zeno.org zu lesen.

3. The Encyclopaedia Britannica. Eleventh Edition 1911

Dieser ausführliche Artikel – schätzungsweise knapp 30 normale Buchseiten – gehört zum Besten, was ich bisher über Sokrates las. Der fast zeitgleich verfasste Meyer-Beitrag bleibt im Vergleich damit qualititativ und quantitativ zurück.
Geschrieben von dem mir bis dato unbekannten Prof. Henry Jackson geht er ausführlich auf die diversen Probleme der Sokrates-Forschung ein, präsentiert bei Bedarf aber auch eigenständige Lösungsvorschläge. So etwa auf die Frage, warum Sokrates zum Tode verurteilt wurde. Adams argumentiert hier plausibel unter Bezugnahme auf eine gemäßigt-oligarchische Partei, von der in der bisher von mir ausgewerteten Literatur nirgends die Rede war. Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung des sokratischen “Daimons”. Der Verfasser zählt analytisch sechs mögliche Interpretationen auf, bewertet sie und übernimmt, etwas modifiziert, die beste.

Der Artikel ist stilistisch hervorragend geschrieben, etwas wenn in einem treffenden Nebensatz die Glaubwürdigkeit Xenophons als Zeugen folgendermaßen begründet wird:

Xenophon, having no philosophical views of his own to develop, and no imagination to lead him astray – being, in fact, to Socrates what Boswell was to Johnson – is an excellent witness. [Band 25, S. 332]

Da mir bewusst ist, dass die elfte Britannica-Auflage im deutschsprachigen Raum ziemlich selten ist, der Text aber weite Verbreitung verdient, habe ich diesen Artikel digitalisiert und biete ihn hier als Download an. Es handelt sich um acht JPG-Grafiken als ZIP-File (ca. 2,6 MB).

Update Jan. 2010: Mittlerweile gibt es die 11. Auflage schon seit einigen Jahren (komplett) online. Der Artikel zu Sokrates bei “Classic Encyclopedia”.

4. Encyclopaedia Britannica. Fifteenth Edition 1997

5. Der Brockhaus – Die Enzyklopädie (1996?)

Der Artikel wurde von mir digital über Xipolis.net* besorgt, weshalb ich mangels Quellenangaben nicht sicher bin, aus welcher Auflage des Lexikons er stammt, vermutlich aus der aktuellen 20.

Wie dem auch sei: Der Artikel behandelt Sokrates auf denkbar knappem Raum, und schafft es hervorragend, oberflächlich die wichtigsten Informationen zu geben, ohne auch nur ansatzweise auf interessante Probleme einzugehen. Hier ist man schon mit dem Meyer Artikel aus dem Jahr 1861 wesentlich besser bedient. Apropos: Eine kritische Rezension des aktuellen großen Brockhaus sei auch noch erwähnt.

Mehr Notizen zu Sokrates: Martens und Stone .

* Xipolis.net wurde Mitte 2009 eingestellt.

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Web-Tipp: Karl-Popper-Sammlung

Hier wird seit 1995 der Nachlass Karl Poppers verwaltet, darunter auch Poppers Arbeitsbibliothek, die 7000 Bände umfasst. Es gibt eine online abrufbare Datenbank, die aber im Moment nicht zur Verfügung steht. Die Sammlung wird von der Universitätsbibliothek Klagenfurt verwaltet.

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Ekkehard Martens: Die Sache des Sokrates

(Neuer Titel: Sokrates: Eine Einführung)

Reclam UB (Amazon Partnerlink)

Als Gegenstück zum polemischen Buch von I.F. Stone (siehe “The Trial of Socrates”) las ich nun die kleine gelehrte Monographie von Ekkehard Martens, der das Sokrates-Problem wesentlich distanzierter angeht, und einige kluge Dinge zum Thema zu sagen hat. Beispielsweise rückt er einige Klischees zurecht, auf die Stone ziemlich hemmungslos zurückgreift, wie das des “unwissenden Sokrates”.
Im siebten Kapitel, “Sokratisches Wissen und Lebenskunst”, trägt Martens eine Reihe von Text-Belegen zusammen, die Sokrates’ Wissen veranschaulichen, beispielsweise, dass für ihn ein “ungeprüftes Leben nicht lebenswert” (Apologie 38a) sei. Martens zieht das Fazit:

Dreht man dagegen das übliche Sokrates-Bild um und liest die platonischen Dialoge aus der Sicht des wissenden Sokrates, erscheint die Sache in einem neuen Licht und macht erst Sokrates’ Faszination auf die Athener und seine fortwährende Wirkung begreifbar. (S. 131)

Weniger überzeugend ist Martens Versuch, Platons radikale Dichtungs- und Literaturkritik im “Staat” durch den Hinweis abzuschwächen, diese bezöge sich ausschließlich auf sophistische Dichter, nicht auf die Dichtkunst im allgemeinen. Ansonsten sind seine Ausführungen über “Mündlichkeit und Schriftlichkeit” (Kapitel 3) eine Wohltat, verglichen mit dem Unsinn, das im Anschluss an Derridas Grammatologie über diesen Themenkomplex verbreitet wird.

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Bücher-Tipp: The I Tatti Renaissance Library

Bereits in dem kleinen Artikel über meine Privatbibliothek beklagte ich mich darüber, dass wichtige geistesgeschichtliche Publikationen von deutschsprachigen Verlagen selten veröffentlicht werden, sieht man einmal von den bekanntesten Namen ab. Erfreulicherweise schafft das englischsprachige Verlagswesen hier einen Ausgleich, so auch in diesem Fall. Die Harvard University Press startete im April eine Bibliothek der Renaissance.

Die ersten drei Publikationen sind Giovanni Boccaccios “Famous Women”, Leonardo Brunis “History of the Florentine People. Volume 1″ und besonders bemerkenswert: Marsilio Ficinos “Platonic Theology”, ein bedeutendes Werk des Platonismus. Die Bände sind zweisprachig gehalten.

[Siehe auch die Notizen vom 17. 7. 2004]

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Web-Tipp: Colin McGinn

Wie auf so viele bin ich auf McGinn durch die NYRB aufmerksam geworden, für die er in den letzten Jahren einige Artikel schrieb. Er gehört sicher zu den interessantesten zeitgenössischen analytischen Philosophen. Sein jüngstes Buch ist nun bei C.H. Beck (bzw. Piper) auf Deutsch erschienen: Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewußtseins. Auf der Seite des C.H. Beck Verlags findet man eine umfangreiche Leseprobe als PDF-Datei*.

Besonders gerne erinnere ich mich an seine fulminante Psychoanalyse-Kritik mit dem Titel “Freud Under Analysis”*

Links:

Update Jan. 2010: Die pdf-Leseprobe aus der deutschen Ausgabe scheint nicht mehr online zu sein, dafür hat die NYT einen Link zu gesamten ersten Kapitel in ihrer Rezension von “The Mysterious Flame. Conscious Minds in a Material World”.

* Diese beiden Artikel sind im kostenplichtigen NYRB-Archiv.

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Britannica: Socrates

Macropaedia Nr. 27, S. 436 (1997)

Der Artikel ist ein schönes Beispiel dafür, dass Qualität sogar auf enzyklopädischem Gebiet eine gewisse Dauerhaftigkeit garantiert, starb doch dessen Verfasser Alfred Edward Taylor bereits 1945. Trotzdem findet man seinen Beitrag auch noch in der Britannica-Ausgabe des Jahres 1997.

Wie nicht anders zu erwarten, bieten (umgerechnet) ca. 16 Buchseiten einen fundierten Einblick in die sokratische Problematik. Taylor hat eine wesentlich ausgewogenere Sicht auf die Ursachen von Sokrates’ Verurteilung als die Polemik von I.F. Stone. Trotzdem weist er – Jahrzehnte vor Stone – bereits auf den entsprechenden politischen Kontext hin:

But it is natural that he should have had to suffer for the crimes of both men [Alkibiades und Kritias], the more so because he had been an unsparing critic of democracy and of the famous democratic leaders and, furthermore, had not, like the advanced democrats, withdrawn from Athens during the “terror”.

Warum Taylor terror hier in Anführungszeichen setzt, mag sein Geheimnis bleiben. Wichtiger ist, dass er einerseits auf die Absurdität hinweist, den Lehrer für spätere Aktionen seiner Schüler direkt verantwortlich zu machen. Andererseits ist es lexikalisch erfrischend, dass Taylor die umstrittene Frage aufwirft, ob die Ideenlehre nicht doch direkt auf Sokrates zurückgeht, anstatt auf Platon, was der herrschenden Lehrmeinung widerspricht. Es wäre interessant, diesen Argumenten einmal in den Publikationen Taylors nachzugehen, die allerdings, wenig überraschend, vergriffen sind. Sollte ich in der Wiener Nationalbibliothek fündig werden, gelegentlich mehr dazu.

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Simon Blackburn: Königsberg Confidential

The New Republic vom 23.04. 2001

Ein ausführlicher Artikel, inspiriert durch die Kant-Biographie von Manfred Kuehn, “the distinguished German scholar”. Blackburn ist Philosophieprofessor in Cambridge und hat einiges über die Kantianische Moralphilosophie zu sagen. Von einer “Rezension” zu sprechen wäre allerdings übertrieben, da es offenbar Blackburns Intention war, eine kleine Einführung in die Philosophie des Königsbergers zu schreiben, statt ausführlicher auf das Buch von Kühn einzugehen. Immerhin erfährt der Leser, dass Kühn einige der Kant-Klischees zu entkräften weiß, die seit 200 Jahren regelmäßig kolportiert werden.

Ich konnte bei meinen Online-Recherchen keine deutsche Ausgabe des Buches finden, offenbar handelt es sich um eine Originalausgabe für die Cambridge University Press. Da man die Werke (und Zitate) eines Philosophen möglichst in der Originalsprache lesen sollte, erscheint mir das eine etwas eigenartige Vorgehensweise zu sein, und ich bin mir nicht sicher, ob der Vorteil des größeren Lesepublikums diesen Nachteil aufwiegt.

Update Jan. 2010: Das Buch erschien im Winter 2003 in einer deutschen Übersetzung [Perlentaucher].

Links:

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I.F. Stone: The Trial of Socrates

Anchor Books (Amazon Partnerlink)

Das Buch erschien ursprünglich 1988 in den USA und wurde ein erstaunlicher Verkaufserfolg. Eine Ursache des Erfolgs dürfte darin liegen, dass Stone kein Fachgelehrter, sondern ein angesehener Journalist war, der sein Handwerk verstand.
Nach der Lektüre bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Kenntnis der Materie kann man Stone sicher nicht absprechen, er hat ausführlich recherchiert. Ab und zu bringt er auch philologische Argumente, indem er sich mit einzelnen griechischen Begriffen und deren adäquater Übersetzung beschäftigt. Einige Kapitel sind besonders gelungen, etwa der Themenkomplex Homer und Socrates. Stone zieht interessante Rückschlüsse auf Sokrates’ politische Anschauungen durch die Analyse von dessen Aussagen über Figuren aus der Illias.

Ärgerlich dagegen sind zahlreiche Vereinfachungen und mangelnde Differenzierungen. Methodisch muss man Stone zum Vorwurf machen, dass er nur sehr selten zwischen den philosophischen Auffassungen des Sokrates, die wir nur aus Berichten kennen, und den Theorien Platons unterscheidet, der Sokrates bekanntlich oft nur als Sprachrohr benutzt. Philosophisch ist die Argumentation erstaunlich undifferenziert. Sokrates’ Methode des Philosophierens als semantischen Nonsense zu verspotten, zeugt nicht wirklich von einem umfassendes Verständnis der Materie. Deshalb kann Stone seine provozierende Hauptthese auch nicht hinreichend plausibel machen: Sokrates wurde seiner Meinung nach von den Athenern zu Recht zum Tode verurteilt, weil er ein gefährlicher Gegner der Demokratie war.

Das heißt nicht, dass Stone nicht eine Reihe von interessanten Belegen für Sokrates autoritäres politisches Verständnis zusammenträgt. Nur übersieht er einen zentralen Aspekt: Die politische Beurteilung des Sokrates läßt sich nicht auf die – immer nur aus zweiter Hand erschlossenen – Inhalte seiner politischen Anschauungen reduzieren. Ein vollständiges Bild ergibt sich nur, wenn man auch die innovative Methode des Sokratischen Denkens berücksichtigt. Seine radikale Vorgehensweise, (fast) alles kritisch zu hinterfragen und auch auf die Analyse scheinbar klarer Sachverhalte zu bestehen, ist als Denkfigur ausgesprochen progressiv. Sokrates war – gemeinsam mit den ionischen Naturphilosophen – ein Begründer des skeptisch-rationalen Denkens.

Links:

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Merkheft Nr. 171

Das neue Merkheft steht zum Download* bereit und bietet neben den bei Zweitausendeins üblichen Skurrilitäten – Gefühle und der Sinn des Lebens. Wer sich von Gefühlen leiten läßt, gehorcht in Wahrheit seiner Vernunft – auch wieder Interessantes, beispielsweise:

  • Arno Schmidt: Das erzählerische Werk bis 1970 für DM 29.- (statt unlizenziert DM 320.- bei Haffmans
  • Cervantes: Gesamtausgabe 4 Bände diesmal für DM 35.-

Das Durchblättern des Merkheftes ist wie immer amüsant, so wird Short Cuts 4 von Gilles Deleuzes unter dem Titel “Kleine Bücher großer Denker” angepriesen, anstatt korrekt unter “Angeblich große Bücher kleiner Denker”. Der geneigte 2001-Kunde bekommt auch einen kleinen Vorgeschmack:

Philosophie ist eine schöpferische Kunst, nicht weniger als Malerei und Musik. Sie erschafft Begriffe. Begriffe sind keine Allgemeinheiten, nicht einmal Wahrheiten. Sie haben mit dem Singulären zu tun, mit dem Neuen, mit dem, was einen trifft.

Natürlich sind Begriffe per definitionem Allgemeinheiten und natürlich wird hier die formal-logische Revolution der letzten 100 Jahre furios ignoriert, aber das kennt man ja aus dieser geistigen Ecke :-)

* Link führt zum datumsmäßig unabhängig jeweils aktuellen “Merkheft”.

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Bernard Williams: Philosophy as Humanistic Discipline

The Threepenny Review, Spring 2001

Lesenswerter Aufsatz über die Frage, was Philosophie als Disziplin heute leisten soll. Williams argumentiert für eine Verstärkung des historischen Ansatzes, der von analytischen Philosophen vernachlässigt würde. Auch wenn seine Kritik an der “szientistischen” Philosophie nicht immer überzeugen kann, so legt er doch den Finger auf die richtige Stelle: Philosophiegeschichte zugunsten systematischen Philosophierens zu vernachlässigen, führt nicht nur bei der Ausbildung zu einer Schieflage.

Williams Kritik ist vor allem deshalb überzeugend, weil er die Leistungen der analytischen Philosophie sehr genau einschätzen kann. Ein Teil des Artikels setzt sich mit Putnams Gifford Lectures auseinander. Williams fühlt sich von Putnam falsch interpretiert, das soll auch innerhalb der Analytischen Philosophie vorkommen :-)

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