Gegenwart (Philosophie)

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Jonathan Haidt: The Righteous Mind. Why good people are divided by politics and religion

Eines der intellektuell anregendsten Bücher, die ich seit längerer Zeit las. Jonathan Haidt schlägt ein psychologisches Moral-Modell vor: Er will erklären, wie die Menschheit moralisch tickt und liefert damit auch einen wichtigen anthropologischen Diskussionsbeitrag. Dafür geht er stark von seiner persönlichen Forschungsgeschichte aus, weshalb sich Teile des Textes wie eine wissenschaftliche Autobiographie lesen.

Haidt ist ein Intuitionist, beruft sich soziologisch primär auf Durkheim und ethisch auf die Utilitaristen. Sein inzwischen passabel neurologisch belegter Ausgangspunkt ist, dass menschliches Verhalten wesentlich auf irrationalen Komponenten beruht. Für die Ratio verwendet er das einprägsame Bild eines Reiters auf einem riesigen Elefanten. Jeder intellektuell Tätige weiß ja tatsächlich, wie anstrengend es sein kann, aktiv gegen die diversen irrationalen kognitiven Mechanismen anzudenken.

Das zweite Leitmetapher ist, dass der Mensch zu 90% Schimpanse und zu 10% Biene sei. Er beschreibt plausibel den von ihm „Hive Switch“ genannten Mechanismus, der Menschen bei Gefahr oder auch bei Massenveranstaltungen wie im Sport ihre Individualität zugunsten ihrer Gruppenzugehörigkeit temporär ausschalten lässt.

Die sechsteilige Matrix, welches Haidt propagiert unterscheidet folgende moralische Kategorien:

Care / Harm
Liberty / Oppression
Fairness / Cheating
Loyalty / Betrayal
Authority / Subversion
Sanctity / Degradation

Der Psychologe beschreibt sehr detailliert, wie er zu dieser Auffassung kommt, also welche seiner Forschungen zur Ausgestaltung dieser Matrix führten. Auch wenn Haidt anderes suggeriert, sollte man sich als Leser aber immer darüber im Klaren bleiben, dass es sich dabei um ein vergleichsweise willkürliches Modell handelt. Methodologisch ist das durchaus erlaubt, weil in der Wissenschaft Modelle bekanntlich oft zu erstaunlichen Erkenntnisgewinnen führen.

Auf dieser Basis analysiert Haidt nun die unterschiedlichen Positionen der amerikanischen Politik. Sein Fazit ist, dass die Linken („Liberals“) sich primär auf das Problem der Fairness und auf Unterdrückte aller Couleur konzentrieren, während konservative Politiker besser darin seien, alle sechs Bereich der Matrix anzusprechen. Analytisch hilfreich ist auch der Begriff des moralischen Kapitels (analog zum sozialen Kapital), den er im Zuge seiner Darstellung einführt.

Letztendlich landet Haidt bei dieser Definition:

Moral systems are interlocking sets of values, virtues, norms, practices, identities, institutions, technologies and evolved psychological mechanisms that work together to suppress or regulate self-interest and make cooperative societies possible.
[314]

Haidt legt mit seinem Buch einen großen Wurf vor, nicht zuletzt, weil er keine Scheu hat, die großen Fragen der Menschheit anzugehen. Wer sich für die Natur des Menschen und die Politik der Gegenwart interessiert, dem sei die Lektüre dringend empfohlen. Das heißt nun aber nicht, dass es keine Probleme mit Haidts Argumentation gäbe. Auf zwei Klassen von Einwänden will ich abschließend noch hinweisen.

Im spannenden Kapitel über Religion beschreibt Haidt, wie diese aus evolutionären Gründen entstanden sein könnte, nämlich als eine Stärkung der Gruppenkohäsion und -kooperation, welche einen Überlebensvorteil bot. Damit diese Erklärung funktioniert, muss Haidt auf die bis heute unter Evolutionstheoretikern umstrittenen Mechanismen der Gruppenselektion zurückgreifen. Die klassische Evolutionstheorie geht von einer Selektion auf der Ebene des Individuums aus. Ob natürliche Selektion auf Ebene der Gruppe analog funktioniert, ist bei weitem weniger sicher. Freilich bringt der Autor dafür einige starke Argumente.

Wesentlich problematischer ist allerdings folgendes, vom mir verkürztes Argumentationsmuster: Da die Religion Teil der menschlichen und gesellschaftlichen Natur sei (was korrekt ist), funktioniert die menschliche Natur / Gesellschaft besser, wenn man Religion bzw. das Matrixelement „Sanctity / Degradation“ nicht vernachlässigt. Der Mensch sei dadurch auch glücklicher. Das mag für diesen Fall nicht unplausibel klingen, hat aber den intellektuellen Schönheitsfehler, dass er nicht auf andere ebenso valide Beispiele übertragbar ist. So sehen viele Anthropologen bzw. Sozialpsychologen auch Gewalt und Krieg als einen fixen Bestandteil der humanen Grundausstattung an. Manche gehen sogar soweit, regelmäßige Genozide für „natürlich“ zu halten.

Man sieht nun sofort, dass damit dieses Argumentationsmuster ad absurdum geführt wird. Denn wenn Kriege ein fester Bestandteil der menschlichen Natur sind, wird niemand ernsthaft fordern, sie regelmäßig zu führen, weil es Teile der menschlichen Natur zufrieden stelle und zu einem besseren Funktionieren der Gesellschaft führe. Dieselbe Frage stellt sich bei der Religion: Soll man sie trotz der auch von Haidt eingeräumten Nachteile fördern und befolgen, obwohl sie auf Unwahrheiten beruht, nur weil sich das menschliche Hirn evolutionär so entwickelte?

Gerade solche Gedankenanstöße sprechen aber sehr für und nicht gegen The Righteous Mind.

Jonathan Haidt: The Righteous Mind. Why good people are divided by politics and religion (Vintage)

Die NYRB über Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk wird im deutschsprachigen Raum ja gerne für einen Philosophen gehalten, weil viele Menschen eine unverständliche Sprache mit intellektueller Tiefe verwechseln, obwohl in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist. Sehr schön also, dass John Gray [Notiz] in der New York Review of Books unter dem treffenden Titel Blowing Bubbles diesen Philosophendarsteller geistig entblättert.

Gutes Denken und guter Stil geht bis auf wenige Ausnahmen in der Geistesgeschichte Hand in Hand:

Sloterdijk has done the opposite, adopting a tortuously complicated style that obscures any clear ideas his writings may contain.

Nach einem Zitat entlarvt Gray die rhetorischen Tricks Sloterdijks:

What is entertaining in this passage is not the suggestion that national cultures are constructed from “smells or gases,” an assertion that relies chiefly on a “kinship” between two Latin words, or neologisms such as “latrinocentrism” and “merdocratic.” Instead the droll effect comes from the use of the words “therefore” and “thus,” which inject an appearance of logic into what is, at bottom, an exercise in wordplay.

Sein Fazit am Ende:

Sloterdijk belongs in a European professorial tradition in his confident assertion of intellectual authority. But this is not some latter-day Max Weber, struggling to diagnose the disorder of the age in writings born from prolonged intellectual suffering. Throughout his career Sloterdijk has been a reactive thinker, voicing the passing moods of the time. Everything suggests he will continue running after the zeitgeist, blowing bubbles along the way.

Yuval Noah Harari: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow

Mit Sapiens – A Brief History of Humankind [Notiz] schrieb der israelische Historiker zurecht einen Welterfolg. Es überrascht also nicht, dass der Autor an diesen Erfolg anknüpfen will. Tatsächlich wiederholt Harari in den ersten beiden Teilen vieles aus seinem Erstling, wenn auch mit etwas anderen Schwerpunktsetzungen. Er beschreibt, wie die Menschheit die wichtigsten fundamentalen Probleme wie etwa den Hunger in den Griff bekommen hat. Im zweiten Teil stehen die anthropologischen Sinngebungsprozesse im Mittelpunkt, welche wir zum Funktionieren menschlicher Gesellschaften benötigen. Vom „Glauben“ an das Geld bis zum Humanismus und Liberalismus, den Harari etwas zu vereinfachend in eine Reihe mit den anderen Religionen stellt. Das ist unterhaltsam und kenntnisreich geschrieben. Wenn man sich historisch primär dafür interessiert, würde ich aber die Lektüre von Sapiens empfehlen. Wie Religionen die psychologischen Dispositionen der Menschen ausbeuten, versteht er genau:

If you want people to make believe in imaginary entities such as gods and nations, you should make them sacrifice something valuable. The more painful the sacrifice, the more convinced people are of the imaginary recipient. A poor peasant sacrificing a priceless bull to Jupiter will become convinced that Jupiter really exists, otherwise how can he excuse his stupidity?
[…]
For exactly the same reason, if I have sacrificed a child to the glory of the Italian nation, or my legs to the communist revolution, it’s enough to turn me into a zealous Italian nationalist or an enthusiastic communist.
[S. 302]

Neu ist der dritte Teil, in dem der Universalhistoriker sein intellektuelles Werkzeug auf die Zukunft anwendet. Auch hier besteht seine primäre Leistung darin, bereits Bekanntes pointiert zu interpretieren und zusammenzufassen, etwa die zentrale philosophische Frage, wie der freie Wille mit neueren neurologischen Forschungen kompatibel ist, deren Ergebnisse freien Willen zu widerlegen scheinen. Selbstverständlich nimmt er sich auch den Transhumanismus vor, spricht doch viel dafür, dass die Menschheit den Tod als nächstes großes globales Problem besiegen möchte:

Modern science and modern culture have an entirely different take on life and death. They don’t think of death as a metaphysical mystery, and they certainly don’t view death as the source of life’s meaning. Rather, for modern people death is a technical problem that we can and should solve.
[S. 22]

Harari befürchtet eine Revolution des menschlichen Selbstverständnisses, sobald wir realisieren dass der Liberalismus und sein zentraler Wert der menschlichen Freiheit in Wahrheit ein Fiktion sei. Angesichts der Tatsache, dass heutzutage immer noch viele Menschen glauben, die Erde sei eine Scheibe oder gar die Evolution ablehnen, ist diese Annahme etwas naiv. Menschliches Verhalten wird dafür zu sehr von archaischen Gehirnregionen gesteuert als dass so hochgradig abstrakte Einsicht so eine riesige Revolution auslösen könnte.

Homo Deus ist kein positives Buch, aber auch keine Dystopie, weil Harari immer explizit von Annahmen ausgeht. Es gibt viele Denkanstöße und ist insgesamt eine anregende Lektüre.

Yuval Noah Harari: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow (Harvill Secker London)

Marcus du Sautoy: What We Cannot Know

Die Lektüre des Buches lässt mich mit gemischten Eindrücken zurück, weil meine Erwartungshaltung nur teilweise getroffen wird. Ich kaufe das Buch vor allem wegen des erkenntnistheoretischen Aspekts, also die Frage nach der Möglichkeit wissenschaftlichen Wissens überhaupt. Du Sautoy begibt sich aber nur selten auf dieses Abstraktionsniveau. Stattdessen schreibt er eine – durchaus gelungene – Einführung in den aktuellen Stand der Wissenschaft. Das passt zu seiner akademischen Berufung: Er ist als Mathematiker seit 2008 in Oxford Inhaber des Lehrstuhls Public Understanding of Science und genau diese Aufgabe erfüllt er in What We Cannot Know sehr kompetent.

In sieben Edges genannten Kapiteln nähert sich du Sautoy seinem Thema. Behandelt werden alle großen Probleme der Naturwissenschaften, von mathematischen Grundsatzfragen über die Atomtheorie zur zeitgenössischen Physik. Auch die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins fehlt ebenso wenig wie die aktuellen Diskussionen in der Kosmologie. Wissenschaftshistorische Herleitungen sind ebenfalls zu finden. Das ist alles sehr solide und kompetent geschrieben, so wie man es auch in Dutzenden anderen Sachbüchern zu lesen bekommt. Aus didaktischen Gründen geht der Autor oft von Alltagsgegenständen aus, etwa von Würfeln auf seinem Schreibtisch oder von seinem Cello, was auf mich als sehr konstruiert wirkt.

Insgesamt fehlt mir das „gewisse Etwas“, was What We Cannot Know von anderen guten Wissenschaftsbüchern unterscheiden würde.

Marcus du Sautoy: What we cannot know. Explorations at the Edge of Knowledge (4th Estate)

Yale-Vorlesung über „Philosophy of Death“

Nach Don Quijote ist das nun die zweite Yale-Vorlesung, welche ich mir über You Tube ansehe. Professor Shelly Kagan versucht in 26 Vorlesungen seinen Studierenden unterschiedliche Perspektiven auf den Tod zu vermitteln. Jede Lecture dauert etwa fünfzig Minuten, und die erste ist überwiegend administrativen Angelegenheiten wie der Benotung gewidmet. Das Semester gliedert sich in unterschiedliche Schwerpunkte: Zu Beginn steht die Frage nach der möglichen Existenz einer Seele im Mittelpunkt, wobei Platons Argumente dafür ausführlich kritisch gewürdigt werden. Kagan lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er ein Physikalist ist, also die Existenz von Seelen für unplausibel hält. Trotzdem bringt er die Gegenpositionen ausführlich und so objektiv wie möglich vor. Danach erläutert der Professor unterschiedliche Theorien über persönliche Identität, bevor er sich mit der Natur des Todes näher beschäftigt. Das letzte Drittel der Vorlesungsreihe widmet sich anderen Aspekten des Todes, u.a. der ethischen Frage, unter welchen Umständen Suizid zulässig ist.

Was das Niveau angeht: Die Veranstaltung ist als Einführung in die Philosophie konzipiert, setzt also kein philosophisches Vorwissen voraus. Die große Stärke des Shelly Kagan ist sein Vortrag: Er spricht überwiegend frei und fesselnd. Man hört ihm gerne zu und die Vorlesungen haben durchaus auch einen Unterhaltungswert. Umgekehrt bedeutet das aber, den Studierenden wird hier keine zeitgemäße Methode des Philosophierens vermittelt, also kein rigides Handwerkszeug wie sie die formale Logik oder die analytische Philosophie anböte.

Wer jedoch zum Thema Tod an einem Überblick über das historische und zeitgenössische Denken interessiert ist, wird in den etwa zweiundzwanzig Videostunden viele wertvolle intellektuelle Anregungen gewinnen.

Shelly Kagan: Philosophy of Death. Open Yale Course (Video)

Aaron James: Assholes. A Theory

Das Buch ist auf zwei Ebenen amüsant: Für uns gelernte Philosophen, weil Aaron James das Handwerkszeug der akademischen Philosophie auf das profane Thema „Assholes“ anwendet. Für alle anderen bleibt die systematische Auseinandersetzung mit diesem mühsamen Menschenschlag ebenso informativ wie amüsant.

James beschreibt nach einigen Präliminarien sein Untersuchungsgebiet wie folgt:

To summarize, then, our three requirements for a good theory of assholes are as follows. We are looking for (1) a stable trait of character, (2) that leads a person to impose only small or moderate material costs upon others, (3) but that nevertheless qualifies the person as morally repugnant.

Wie es sich gehört, gruppiert der Autor die Betroffenen danach in Untergruppen. Er geht selbstverständlich auch auf Gegenargumente gegen seine Hypothesen ein und bezieht sich immer wieder auf die Empirie, indem er konkrete Beispiele bespricht, etwa Trump lange vor seiner aktuellen Prominenz. In der zweiten Hälfte versucht Aaron Empfehlungen zu geben, wie man mit „Assholes“ im Alltag am besten fertig wird. Da besteht ab und zu die Gefahr des Abgleitens in Richtung einer (intelligenten!) Lebensberatungsliteratur.

Jedenfalls der erste mir bekannte ernsthafte philosophische Beitrag zu diesem gerade heute so aktuellen anthropologischen Problem.

Aaron James: Assholes. A Theory (Nicholas Brealey)

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Eine der Hauptaufgaben von Philosophen ist es, anscheinende Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, und dadurch grundsätzliche Reflexionen auszulösen. Unter den zeitgenössischen Denkern gibt es nur wenige, die das so gut beherrschen wie John Gray, Professor für European Thought an der London School for Economics. Eine seiner provokanten Kernthesen lautet, dass viele scheinbare säkulare Institutionen und Weltanschauungen in Wahrheit tief vom Christentum geprägt sind, und deshalb pseudoreligiöse Züge aufweisen. In meiner Notiz über Grays Buch Blackmass beschreibe ich diese Auffassung ausführlicher.

Heresies ist dagegen eine thematisch gruppierte Anthologie von Zeitschriftenartikeln, die zu Beginn des Jahrtausends erschienen sind. Zusätzlich zur erwähnten Extension des Religiösen spielt in vielen Essays auch Grays illusionsloses Menschenbild eine Schlüsselrolle. Ethisch habe die Menschheit seit Jahrtausend nichts hinzugelernt, weshalb man auch scheinbar großartige Fortschrittsideologien kritisch hinterfragen müsse. Marxismus und Neoliberalismus sind für Gray nur zwei Seiten derselben Medaille, nämlich ein von anthropologischen Fakten befreites Wunschdenken.

Die Schärfe von Grays Verstand zeigt sich in vielen seiner im engeren Sinn politischen Artikel. Er sagt das Desaster des Irakkriegs und die Destabilisierung des Nahen Ostens mit einer erschreckenden Präzision voraus.

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Joshua Greene: Moral Tribes

Der Harvard-Sozialwissenschaftler Joshua Greene schrieb ein exzellentes ethisches Buch. Es erfüllt zwei Ziele gleichzeitig: Erstens zeigt es, wie intelligent man heute naturwissenschaftsgestützt über moralische Fragen nachdenken kann. Zweitens bringt es inhaltlich ausgesprochen spannende Aspekte in die zeitgenössische Debatte über Moral ein.

Der Zweck des Buches in den Worten des Autors:

This book is an attempt to understand morality from the ground up. It’s about understanding what morality is, how it got here, and how it’s implemented in our brains. It’s about understanding the deep structure of moral problems as well as the differences between the problems that our brains were designed to solve and the distinctivly modern problems we face today.

Der zentrale Ausgangspunkt von Greenes Argumentation ist, dass das menschliche Hirn zwei unterschiedliche moralische Modi hat. Der „automatische“ entstand früh in der menschlichen Evolution und ist eng mit Emotionen verknüpft. Er regelt das Zusammenleben in einer Gruppe. Empathie, Sinn für Fairness, aber auch Rachsucht (als Abschreckung gegen Übervorteilung) usw. ermöglichen uns bis heute in Gruppen ein geregeltes Zusammenleben. Leider hat diese instinktive Seite unserer Moral einen entscheidenden Nachteil: Sie funktioniert nicht gruppenübergreifend. Ganz im Gegenteil: Die Mechanismen, welche das Zusammenleben im unmittelbaren Umfeld fördern, lösen schädliche Abgrenzungen gegen andere Gruppen aus. Das ist durch eine Vielzahl von psychologischen Experimenten und inzwischen auch neurologisch gut belegt.
Der zweite Modus ist der Manuelle. Hier reagieren wir nicht mehr instinktiv, sondern entscheiden moralische Fragen durch Überlegung. Für dieses Überlegen und die darauf folgenden Entscheidungen ist allerdings ein Kriterienkatalog notwendig.

Greene argumentiert gut, warum die klassischen Begründungen von Moral nicht funktionieren: Religion, Vernunft und Wissenschaft seien als Metamoral ungeeignet. Für ihn gibt es nur einen plausiblen Ansatz, den eines gemäßigten Utilitarismus, den er „deep pragmatism“ nennt. Ich bin nun kein Experte für philosophische Ethik, weil ich während meines Philosophiestudiums Wissenschaftstheorie, Ästhetik und Philosophiegeschichte als Schwerpunkte interessanter fand. Trotzdem las ich mich durch einige Klassiker und bin bisher auf keine bessere Rechtfertigung des Utilitarismus gestoßen als Moral Tribes. Ein Grund dafür ist Greenes sehr pragmatischer, unideologischer Zugang zum Thema und die plausible Anknüpfung an neurowissenschaftliche Forschung. Ein weiterer Grund ist seine intelligente Kritik an den Alternativen.

Die anregendsten Abschnitte des Buchs für mich sind jene, in denen er über das Konzept der (Menschen-)Rechte schreibt. Er weist nach, dass Rechte (auf Leben, auf Selbstbestimmung usw.) heutzutage als polemische Kampfbegriffe benutzt werden, welche jegliche Diskussion abwürgen. „Rechte“ seien oft unberechtigte Rationalisierungen der eigenen Position. Sie haben für Greene nur eine sinnvolle Funktion: Als Schutzschild zur Verteidigung moralischer Errungenschaften (z.B. Ablehnung der Sklaverei), brächten uns bei der Problemlösung zwischen ideologisch verfeindeten Lagern aber keinen Deut weiter.
Den Hauptunterschied zwischen den aktuellen Lagern sieht er auf der Skala Individualismus – Kollektivismus. Überwinden will er ihn durch eine neue Metamoral, welche den manuellen Moralmodus benutzt und die auf allseits akzeptierten Kriterien beruht. Dafür schlägt er in utilitaristischer Manier vor: Vorzuziehen ist, was empirisch nachweisbar die besten Konsequenzen hat:

One’s happiness is the overall quality of one’s experience, and to value happiness is to value everything that improves the quality of experience, for oneself and for others – and especially for others whose lives leaves much room for improvement.

Greene argumentiert empirisch fundiert und in einer klaren, für jeden verständlichen Sprache. Besser wird zeitgenössisches Philosophieren nicht. Ich kann an dieser Stelle seine Theorie nur kurz andeuten, was dem sorgfältigen Gedankengangs seines Buches unrecht tut.

Joshua Greene: Moral Tribes: Emotion, Reason and the Gap Between Us and Them (Atlantic Books)

How Science goes wrong

Kann man sich eine wissenschaftstheoretische Titelgeschichte im Spiegel oder Profil vorstellen? The Economist beschäftigt sich in der neuen Ausgabe so tatsächlich so prominent mit der Frage, was methodologisch in den Wissenschaften derzeit falsch läuft und wo dringend Verbesserungsbedarf besteht:

Unreliable Research: Trouble at the lab (Briefing)
How science goes wrong (Leitartikel)

Beklagt wird völlig zurecht, dass ein wichtiges Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich die Replikation und damit Verifikation von Experimenten eine immer geringere Rolle spielt. Dieser fehlende Kontrollmechanismus führt dazu, dass fehlerhafte Studien immer seltener erkannt werden:

Last year researchers at one biotech firm, Amgen, found they could reproduce just six of 53 “landmark” studies in cancer research. Earlier, a group at Bayer, a drug company, managed to repeat just a quarter of 67 similarly important papers. A leading computer scientist frets that three-quarters of papers in his subfield are bunk. In 2000-10 roughly 80,000 patients took part in clinical trials based on research that was later retracted because of mistakes or improprieties.

Hinzu komme mangelnde statistische Qualifikation vieler Forscher sowie ein regelmäßiges Versagen der „peer review“:

The idea that there are a lot of uncorrected flaws in published studies may seem hard to square with the fact that almost all of them will have been through peer-review. This sort of scrutiny by disinterested experts—acting out of a sense of professional obligation, rather than for pay—is often said to make the scientific literature particularly reliable. In practice it is poor at detecting many types of error.

John Bohannon, a biologist at Harvard, recently submitted a pseudonymous paper on the effects of a chemical derived from lichen on cancer cells to 304 journals describing themselves as using peer review. An unusual move; but it was an unusual paper, concocted wholesale and stuffed with clangers in study design, analysis and interpretation of results. Receiving this dog’s dinner from a fictitious researcher at a made up university, 157 of the journals accepted it for publication.

Das darf man selbstverständlich nicht als Wissenschaftskritik missverstehen. Es ist im Gegenteil die Forderung, sich wieder strikter an bewährte methodologische Standards zu halten und die entsprechenden Rahmenbedingungen im Wissenschaftsbetrieb zu schaffen. Es ist ausgesprochen bemerkenswert, dass sich eine Wochenzeitschrift auf so hohem Niveau damit beschäftigt.

Macht Liebe blind?

Erschienen in The Gap Nr. 138

Michel Serres schreibt über die vernetzte Generation, ihre Däumlinge, und den radikalen Umbruch, den sie erlebt – ganz ohne Kulturpessimismus, dafür fällt er ins andere Extrem.

Kann es gut gehen, wenn ein Dreiundachtzigjähriger der jungen Netzgeneration seine Liebe erklärt? Der französische Philosoph Michel Serres versucht genau das in seinem kurzen neuen Buch „Erfindet euch neu!“, das eben auf Deutsch erschienen ist. Es gibt eine lange Tradition seit der Antike, in der die Alten der Jugend vorwerfen, die neue Generation sei schlechter als die alte. Stichwort: Werteverfall. Keine Moral mehr, diese Jugend! Und die Sprache: Fürchterlich!

Serres unterbricht erfreulicherweise diese Litanei und fällt ins andere Extrem. Er ist in vielen Punkten exzellent über die aktuellen Lebensgewohnheiten seiner Enkel informiert. Das Buch scheitert nicht an seiner guten Absicht, sondern an seiner Argumentation:

„Heute weiß jeder kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter, genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie.“

Smartphones – Tragbare Kognitionsbüchsen

Dieses Zitat ist typisch für Serres Pauschalierungen und seine ungenaue Verwendung von Begriffen. Es reicht natürlich nicht aus, ein Smartphone in der Tasche zu haben, um etwas über Chemie zu wissen. Serres behauptet aber genau das: Er bezeichnet ein Smartphone sogar als „objektivierte Kognitionsbüchse.“ Für einen Philosophen, der sich selbst als gelernter Epistemologe bezeichnet, ist das eine erstaunlich naive Sicht auf Erkenntnis. Zum einen reicht es nicht aus, Zugriff auf Informationen zu haben: Man muss diese auch verstehen können. Ein Blick auf die Pisaergebnisse seiner „Däumlinge“ hätte Serres belehrt, dass es bei vielen mit dem sinnerfassenden Lesen nicht so weit her ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass Serres Thesen in erster Linie durch die Beobachtung seiner Elitelernenden in Stanford entstanden sind. Es war offenbar auch niemand delikat genug, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass der größte Teil des modernen Datenverkehrs nicht durch Videos über Chemie oder Atomphysik verursacht wird, sondern durch Pornographie.
Dass er die neue Generation als „Däumlinge“ anspricht, wirkt zumindest auf Deutsch herablassend und passt nicht zu seiner Forderung einer machtfreien Kommunikation.

Auf doppelt wackeligen Boden begibt sich der Philosoph, wenn er über Erkenntnis und Computertechnik schreibt:

„Mein Denken ist unterschieden vom Wissen, von den Erkenntnisprozessen…die, samt Synapsen und Neuronen, in den Computer ausgelagert sind.“

Die Neuroinformatik beschäftigt sich zwar intensiv mit derartigen Konzepten, ist aber noch ein paar Lichtjahre von einer Umsetzung entfernt, die der menschlichen Kognition auch nur nahe käme.

Daten-Wunderwaffen

Der Philosoph stilisiert die Informationstechnik zu einer Wunderwaffe. Sie sei der Schlüssel zu einer dringend notwendigen Komplexitätsreduktion des modernen Lebens. Der reale Alltag sei hoch komplex, aber „ein paar Ingenieure reichen aus, dieses Problem zu lösen, indem sie zum informatischen Paradigma übergehen, das aufgrund seiner Leistungsfähigkeit den Simplex bewahrt“. In Wahrheit bedarf es hier natürlich einer Vielzahl von Ingenieuren und diese Technik ist nicht nur selbst hoch komplex: Sie verursacht auch jede Menge neuer komplexer Probleme. Beispielsweise schaffen die westlichen Demokratien derzeit freiwillig die perfekte technische Überwachungsinfrastruktur für zukünftige Diktaturen, obwohl es eigentlich ihre Pflicht wäre, zukünftigen Diktatoren prophylaktisch die Tyrannei zu erschweren. Statt auch nur einen dieser kritischen Punkte zu erwähnen, bringt er ausgerechnet einen „virtuellen Pass“ mit allen persönlichen Daten als positives Beispiel.

Zwar äußert Serres die Prognose, dass die Digitalisierung der Welt zu dem größten gesellschaftlichen Umbruch seit der Renaissance Anlass geben wird. Man liest diese Zukunftsprognosen allerdings mit Skepsis, weil bereits seine Gegenwartsdiagnosen problematisch sind.

Er beschreibt viele Entwicklungen und Trends in der Gesellschaft über die es jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen gäbe. Mit Belegen zu seinen Behauptungen gibt sich Serres jedoch nicht ab. Ein Ergebnis dieser philosophischen Formulierungsfreiheit sind Fehler. So nähert sich die Zahl der Facebooknutzer natürlich nicht jener der Weltbevölkerung an (Facebook: 1,2 Milliarden. Weltbevölkerung: 7,1 Milliarden). Aber vermutlich hat Serres die Zahl nur schnell mit seiner Kognitionsbüchse gesucht und ist auf eine fehlerhafte Webseite geraten.

Ein radikaler Umbruch

Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, sieht der Philosoph nun zum ersten Mal die Gelegenheit gekommen, die seit Anbeginn bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen zu durchbrechen. In der Vor-Internetzeit gab es „oben ohrlose Münder, unten stummes Gehör“. Heute dagegen wolle alle Welt sprechen, alle Welt kommuniziere mit aller Welt in zahllosen Netzwerken. Zweifellos findet hier ein radikaler Umbruch statt und zweifellos sieht Serres hier viele valide Punkte. Unkritischer Optimismus ist aber auch gesellschaftspolitisch unangebracht, wie der Zusammenbruch des ägyptischen Frühlings diesen Sommer zeigte.

Beim Lesen des Buches drängt sich die Frage auf, wie man im 21. Jahrhundert Philosophie betreiben soll. Michel Serres und andere französische Philosophen setzen auf einen oft dunklen, assoziativen Sprachstil und scheren sich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Andere aktuelle Philosophen wie der an der Oxford University tätige Quantenphysiker David Deutsch, gehen da einen ganz andere Wege. Deutsch denkt von der Wissenschaft weg statt gegen die Wissenschaft an und kommt damit zu wesentlichen plausiblen Erkenntnissen als Michel Serres.

Michel Serres: Erfindet Euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation (edition suhrkamp)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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