Gegenwart (Philosophie)

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Marcus du Sautoy: What We Cannot Know

Die Lektüre des Buches lässt mich mit gemischten Eindrücken zurück, weil meine Erwartungshaltung nur teilweise getroffen wird. Ich kaufe das Buch vor allem wegen des erkenntnistheoretischen Aspekts, also die Frage nach der Möglichkeit wissenschaftlichen Wissens überhaupt. Du Sautoy begibt sich aber nur selten auf dieses Abstraktionsniveau. Stattdessen schreibt er eine – durchaus gelungene – Einführung in den aktuellen Stand der Wissenschaft. Das passt zu seiner akademischen Berufung: Er ist als Mathematiker seit 2008 in Oxford Inhaber des Lehrstuhls Public Understanding of Science und genau diese Aufgabe erfüllt er in What We Cannot Know sehr kompetent.

In sieben Edges genannten Kapiteln nähert sich du Sautoy seinem Thema. Behandelt werden alle großen Probleme der Naturwissenschaften, von mathematischen Grundsatzfragen über die Atomtheorie zur zeitgenössischen Physik. Auch die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins fehlt ebenso wenig wie die aktuellen Diskussionen in der Kosmologie. Wissenschaftshistorische Herleitungen sind ebenfalls zu finden. Das ist alles sehr solide und kompetent geschrieben, so wie man es auch in Dutzenden anderen Sachbüchern zu lesen bekommt. Aus didaktischen Gründen geht der Autor oft von Alltagsgegenständen aus, etwa von Würfeln auf seinem Schreibtisch oder von seinem Cello, was auf mich als sehr konstruiert wirkt.

Insgesamt fehlt mir das „gewisse Etwas“, was What We Cannot Know von anderen guten Wissenschaftsbüchern unterscheiden würde.

Marcus du Sautoy: What we cannot know. Explorations at the Edge of Knowledge (4th Estate)

Yale-Vorlesung über „Philosophy of Death“

Nach Don Quijote ist das nun die zweite Yale-Vorlesung, welche ich mir über You Tube ansehe. Professor Shelly Kagan versucht in 26 Vorlesungen seinen Studierenden unterschiedliche Perspektiven auf den Tod zu vermitteln. Jede Lecture dauert etwa fünfzig Minuten, und die erste ist überwiegend administrativen Angelegenheiten wie der Benotung gewidmet. Das Semester gliedert sich in unterschiedliche Schwerpunkte: Zu Beginn steht die Frage nach der möglichen Existenz einer Seele im Mittelpunkt, wobei Platons Argumente dafür ausführlich kritisch gewürdigt werden. Kagan lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er ein Physikalist ist, also die Existenz von Seelen für unplausibel hält. Trotzdem bringt er die Gegenpositionen ausführlich und so objektiv wie möglich vor. Danach erläutert der Professor unterschiedliche Theorien über persönliche Identität, bevor er sich mit der Natur des Todes näher beschäftigt. Das letzte Drittel der Vorlesungsreihe widmet sich anderen Aspekten des Todes, u.a. der ethischen Frage, unter welchen Umständen Suizid zulässig ist.

Was das Niveau angeht: Die Veranstaltung ist als Einführung in die Philosophie konzipiert, setzt also kein philosophisches Vorwissen voraus. Die große Stärke des Shelly Kagan ist sein Vortrag: Er spricht überwiegend frei und fesselnd. Man hört ihm gerne zu und die Vorlesungen haben durchaus auch einen Unterhaltungswert. Umgekehrt bedeutet das aber, den Studierenden wird hier keine zeitgemäße Methode des Philosophierens vermittelt, also kein rigides Handwerkszeug wie sie die formale Logik oder die analytische Philosophie anböte.

Wer jedoch zum Thema Tod an einem Überblick über das historische und zeitgenössische Denken interessiert ist, wird in den etwa zweiundzwanzig Videostunden viele wertvolle intellektuelle Anregungen gewinnen.

Shelly Kagan: Philosophy of Death. Open Yale Course (Video)

Aaron James: Assholes. A Theory

Das Buch ist auf zwei Ebenen amüsant: Für uns gelernte Philosophen, weil Aaron James das Handwerkszeug der akademischen Philosophie auf das profane Thema „Assholes“ anwendet. Für alle anderen bleibt die systematische Auseinandersetzung mit diesem mühsamen Menschenschlag ebenso informativ wie amüsant.

James beschreibt nach einigen Präliminarien sein Untersuchungsgebiet wie folgt:

To summarize, then, our three requirements for a good theory of assholes are as follows. We are looking for (1) a stable trait of character, (2) that leads a person to impose only small or moderate material costs upon others, (3) but that nevertheless qualifies the person as morally repugnant.

Wie es sich gehört, gruppiert der Autor die Betroffenen danach in Untergruppen. Er geht selbstverständlich auch auf Gegenargumente gegen seine Hypothesen ein und bezieht sich immer wieder auf die Empirie, indem er konkrete Beispiele bespricht, etwa Trump lange vor seiner aktuellen Prominenz. In der zweiten Hälfte versucht Aaron Empfehlungen zu geben, wie man mit „Assholes“ im Alltag am besten fertig wird. Da besteht ab und zu die Gefahr des Abgleitens in Richtung einer (intelligenten!) Lebensberatungsliteratur.

Jedenfalls der erste mir bekannte ernsthafte philosophische Beitrag zu diesem gerade heute so aktuellen anthropologischen Problem.

Aaron James: Assholes. A Theory (Nicholas Brealey)

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Eine der Hauptaufgaben von Philosophen ist es, anscheinende Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, und dadurch grundsätzliche Reflexionen auszulösen. Unter den zeitgenössischen Denkern gibt es nur wenige, die das so gut beherrschen wie John Gray, Professor für European Thought an der London School for Economics. Eine seiner provokanten Kernthesen lautet, dass viele scheinbare säkulare Institutionen und Weltanschauungen in Wahrheit tief vom Christentum geprägt sind, und deshalb pseudoreligiöse Züge aufweisen. In meiner Notiz über Grays Buch Blackmass beschreibe ich diese Auffassung ausführlicher.

Heresies ist dagegen eine thematisch gruppierte Anthologie von Zeitschriftenartikeln, die zu Beginn des Jahrtausends erschienen sind. Zusätzlich zur erwähnten Extension des Religiösen spielt in vielen Essays auch Grays illusionsloses Menschenbild eine Schlüsselrolle. Ethisch habe die Menschheit seit Jahrtausend nichts hinzugelernt, weshalb man auch scheinbar großartige Fortschrittsideologien kritisch hinterfragen müsse. Marxismus und Neoliberalismus sind für Gray nur zwei Seiten derselben Medaille, nämlich ein von anthropologischen Fakten befreites Wunschdenken.

Die Schärfe von Grays Verstand zeigt sich in vielen seiner im engeren Sinn politischen Artikel. Er sagt das Desaster des Irakkriegs und die Destabilisierung des Nahen Ostens mit einer erschreckenden Präzision voraus.

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Joshua Greene: Moral Tribes

Der Harvard-Sozialwissenschaftler Joshua Greene schrieb ein exzellentes ethisches Buch. Es erfüllt zwei Ziele gleichzeitig: Erstens zeigt es, wie intelligent man heute naturwissenschaftsgestützt über moralische Fragen nachdenken kann. Zweitens bringt es inhaltlich ausgesprochen spannende Aspekte in die zeitgenössische Debatte über Moral ein.

Der Zweck des Buches in den Worten des Autors:

This book is an attempt to understand morality from the ground up. It’s about understanding what morality is, how it got here, and how it’s implemented in our brains. It’s about understanding the deep structure of moral problems as well as the differences between the problems that our brains were designed to solve and the distinctivly modern problems we face today.

Der zentrale Ausgangspunkt von Greenes Argumentation ist, dass das menschliche Hirn zwei unterschiedliche moralische Modi hat. Der „automatische“ entstand früh in der menschlichen Evolution und ist eng mit Emotionen verknüpft. Er regelt das Zusammenleben in einer Gruppe. Empathie, Sinn für Fairness, aber auch Rachsucht (als Abschreckung gegen Übervorteilung) usw. ermöglichen uns bis heute in Gruppen ein geregeltes Zusammenleben. Leider hat diese instinktive Seite unserer Moral einen entscheidenden Nachteil: Sie funktioniert nicht gruppenübergreifend. Ganz im Gegenteil: Die Mechanismen, welche das Zusammenleben im unmittelbaren Umfeld fördern, lösen schädliche Abgrenzungen gegen andere Gruppen aus. Das ist durch eine Vielzahl von psychologischen Experimenten und inzwischen auch neurologisch gut belegt.
Der zweite Modus ist der Manuelle. Hier reagieren wir nicht mehr instinktiv, sondern entscheiden moralische Fragen durch Überlegung. Für dieses Überlegen und die darauf folgenden Entscheidungen ist allerdings ein Kriterienkatalog notwendig.

Greene argumentiert gut, warum die klassischen Begründungen von Moral nicht funktionieren: Religion, Vernunft und Wissenschaft seien als Metamoral ungeeignet. Für ihn gibt es nur einen plausiblen Ansatz, den eines gemäßigten Utilitarismus, den er „deep pragmatism“ nennt. Ich bin nun kein Experte für philosophische Ethik, weil ich während meines Philosophiestudiums Wissenschaftstheorie, Ästhetik und Philosophiegeschichte als Schwerpunkte interessanter fand. Trotzdem las ich mich durch einige Klassiker und bin bisher auf keine bessere Rechtfertigung des Utilitarismus gestoßen als Moral Tribes. Ein Grund dafür ist Greenes sehr pragmatischer, unideologischer Zugang zum Thema und die plausible Anknüpfung an neurowissenschaftliche Forschung. Ein weiterer Grund ist seine intelligente Kritik an den Alternativen.

Die anregendsten Abschnitte des Buchs für mich sind jene, in denen er über das Konzept der (Menschen-)Rechte schreibt. Er weist nach, dass Rechte (auf Leben, auf Selbstbestimmung usw.) heutzutage als polemische Kampfbegriffe benutzt werden, welche jegliche Diskussion abwürgen. „Rechte“ seien oft unberechtigte Rationalisierungen der eigenen Position. Sie haben für Greene nur eine sinnvolle Funktion: Als Schutzschild zur Verteidigung moralischer Errungenschaften (z.B. Ablehnung der Sklaverei), brächten uns bei der Problemlösung zwischen ideologisch verfeindeten Lagern aber keinen Deut weiter.
Den Hauptunterschied zwischen den aktuellen Lagern sieht er auf der Skala Individualismus – Kollektivismus. Überwinden will er ihn durch eine neue Metamoral, welche den manuellen Moralmodus benutzt und die auf allseits akzeptierten Kriterien beruht. Dafür schlägt er in utilitaristischer Manier vor: Vorzuziehen ist, was empirisch nachweisbar die besten Konsequenzen hat:

One’s happiness is the overall quality of one’s experience, and to value happiness is to value everything that improves the quality of experience, for oneself and for others – and especially for others whose lives leaves much room for improvement.

Greene argumentiert empirisch fundiert und in einer klaren, für jeden verständlichen Sprache. Besser wird zeitgenössisches Philosophieren nicht. Ich kann an dieser Stelle seine Theorie nur kurz andeuten, was dem sorgfältigen Gedankengangs seines Buches unrecht tut.

Joshua Greene: Moral Tribes: Emotion, Reason and the Gap Between Us and Them (Atlantic Books)

How Science goes wrong

Kann man sich eine wissenschaftstheoretische Titelgeschichte im Spiegel oder Profil vorstellen? The Economist beschäftigt sich in der neuen Ausgabe so tatsächlich so prominent mit der Frage, was methodologisch in den Wissenschaften derzeit falsch läuft und wo dringend Verbesserungsbedarf besteht:

Unreliable Research: Trouble at the lab (Briefing)
How science goes wrong (Leitartikel)

Beklagt wird völlig zurecht, dass ein wichtiges Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich die Replikation und damit Verifikation von Experimenten eine immer geringere Rolle spielt. Dieser fehlende Kontrollmechanismus führt dazu, dass fehlerhafte Studien immer seltener erkannt werden:

Last year researchers at one biotech firm, Amgen, found they could reproduce just six of 53 “landmark” studies in cancer research. Earlier, a group at Bayer, a drug company, managed to repeat just a quarter of 67 similarly important papers. A leading computer scientist frets that three-quarters of papers in his subfield are bunk. In 2000-10 roughly 80,000 patients took part in clinical trials based on research that was later retracted because of mistakes or improprieties.

Hinzu komme mangelnde statistische Qualifikation vieler Forscher sowie ein regelmäßiges Versagen der „peer review“:

The idea that there are a lot of uncorrected flaws in published studies may seem hard to square with the fact that almost all of them will have been through peer-review. This sort of scrutiny by disinterested experts—acting out of a sense of professional obligation, rather than for pay—is often said to make the scientific literature particularly reliable. In practice it is poor at detecting many types of error.

John Bohannon, a biologist at Harvard, recently submitted a pseudonymous paper on the effects of a chemical derived from lichen on cancer cells to 304 journals describing themselves as using peer review. An unusual move; but it was an unusual paper, concocted wholesale and stuffed with clangers in study design, analysis and interpretation of results. Receiving this dog’s dinner from a fictitious researcher at a made up university, 157 of the journals accepted it for publication.

Das darf man selbstverständlich nicht als Wissenschaftskritik missverstehen. Es ist im Gegenteil die Forderung, sich wieder strikter an bewährte methodologische Standards zu halten und die entsprechenden Rahmenbedingungen im Wissenschaftsbetrieb zu schaffen. Es ist ausgesprochen bemerkenswert, dass sich eine Wochenzeitschrift auf so hohem Niveau damit beschäftigt.

Macht Liebe blind?

Erschienen in The Gap Nr. 138

Michel Serres schreibt über die vernetzte Generation, ihre Däumlinge, und den radikalen Umbruch, den sie erlebt – ganz ohne Kulturpessimismus, dafür fällt er ins andere Extrem.

Kann es gut gehen, wenn ein Dreiundachtzigjähriger der jungen Netzgeneration seine Liebe erklärt? Der französische Philosoph Michel Serres versucht genau das in seinem kurzen neuen Buch „Erfindet euch neu!“, das eben auf Deutsch erschienen ist. Es gibt eine lange Tradition seit der Antike, in der die Alten der Jugend vorwerfen, die neue Generation sei schlechter als die alte. Stichwort: Werteverfall. Keine Moral mehr, diese Jugend! Und die Sprache: Fürchterlich!

Serres unterbricht erfreulicherweise diese Litanei und fällt ins andere Extrem. Er ist in vielen Punkten exzellent über die aktuellen Lebensgewohnheiten seiner Enkel informiert. Das Buch scheitert nicht an seiner guten Absicht, sondern an seiner Argumentation:

„Heute weiß jeder kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter, genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie.“

Smartphones – Tragbare Kognitionsbüchsen

Dieses Zitat ist typisch für Serres Pauschalierungen und seine ungenaue Verwendung von Begriffen. Es reicht natürlich nicht aus, ein Smartphone in der Tasche zu haben, um etwas über Chemie zu wissen. Serres behauptet aber genau das: Er bezeichnet ein Smartphone sogar als „objektivierte Kognitionsbüchse.“ Für einen Philosophen, der sich selbst als gelernter Epistemologe bezeichnet, ist das eine erstaunlich naive Sicht auf Erkenntnis. Zum einen reicht es nicht aus, Zugriff auf Informationen zu haben: Man muss diese auch verstehen können. Ein Blick auf die Pisaergebnisse seiner „Däumlinge“ hätte Serres belehrt, dass es bei vielen mit dem sinnerfassenden Lesen nicht so weit her ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass Serres Thesen in erster Linie durch die Beobachtung seiner Elitelernenden in Stanford entstanden sind. Es war offenbar auch niemand delikat genug, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass der größte Teil des modernen Datenverkehrs nicht durch Videos über Chemie oder Atomphysik verursacht wird, sondern durch Pornographie.
Dass er die neue Generation als „Däumlinge“ anspricht, wirkt zumindest auf Deutsch herablassend und passt nicht zu seiner Forderung einer machtfreien Kommunikation.

Auf doppelt wackeligen Boden begibt sich der Philosoph, wenn er über Erkenntnis und Computertechnik schreibt:

„Mein Denken ist unterschieden vom Wissen, von den Erkenntnisprozessen…die, samt Synapsen und Neuronen, in den Computer ausgelagert sind.“

Die Neuroinformatik beschäftigt sich zwar intensiv mit derartigen Konzepten, ist aber noch ein paar Lichtjahre von einer Umsetzung entfernt, die der menschlichen Kognition auch nur nahe käme.

Daten-Wunderwaffen

Der Philosoph stilisiert die Informationstechnik zu einer Wunderwaffe. Sie sei der Schlüssel zu einer dringend notwendigen Komplexitätsreduktion des modernen Lebens. Der reale Alltag sei hoch komplex, aber „ein paar Ingenieure reichen aus, dieses Problem zu lösen, indem sie zum informatischen Paradigma übergehen, das aufgrund seiner Leistungsfähigkeit den Simplex bewahrt“. In Wahrheit bedarf es hier natürlich einer Vielzahl von Ingenieuren und diese Technik ist nicht nur selbst hoch komplex: Sie verursacht auch jede Menge neuer komplexer Probleme. Beispielsweise schaffen die westlichen Demokratien derzeit freiwillig die perfekte technische Überwachungsinfrastruktur für zukünftige Diktaturen, obwohl es eigentlich ihre Pflicht wäre, zukünftigen Diktatoren prophylaktisch die Tyrannei zu erschweren. Statt auch nur einen dieser kritischen Punkte zu erwähnen, bringt er ausgerechnet einen „virtuellen Pass“ mit allen persönlichen Daten als positives Beispiel.

Zwar äußert Serres die Prognose, dass die Digitalisierung der Welt zu dem größten gesellschaftlichen Umbruch seit der Renaissance Anlass geben wird. Man liest diese Zukunftsprognosen allerdings mit Skepsis, weil bereits seine Gegenwartsdiagnosen problematisch sind.

Er beschreibt viele Entwicklungen und Trends in der Gesellschaft über die es jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen gäbe. Mit Belegen zu seinen Behauptungen gibt sich Serres jedoch nicht ab. Ein Ergebnis dieser philosophischen Formulierungsfreiheit sind Fehler. So nähert sich die Zahl der Facebooknutzer natürlich nicht jener der Weltbevölkerung an (Facebook: 1,2 Milliarden. Weltbevölkerung: 7,1 Milliarden). Aber vermutlich hat Serres die Zahl nur schnell mit seiner Kognitionsbüchse gesucht und ist auf eine fehlerhafte Webseite geraten.

Ein radikaler Umbruch

Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, sieht der Philosoph nun zum ersten Mal die Gelegenheit gekommen, die seit Anbeginn bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen zu durchbrechen. In der Vor-Internetzeit gab es „oben ohrlose Münder, unten stummes Gehör“. Heute dagegen wolle alle Welt sprechen, alle Welt kommuniziere mit aller Welt in zahllosen Netzwerken. Zweifellos findet hier ein radikaler Umbruch statt und zweifellos sieht Serres hier viele valide Punkte. Unkritischer Optimismus ist aber auch gesellschaftspolitisch unangebracht, wie der Zusammenbruch des ägyptischen Frühlings diesen Sommer zeigte.

Beim Lesen des Buches drängt sich die Frage auf, wie man im 21. Jahrhundert Philosophie betreiben soll. Michel Serres und andere französische Philosophen setzen auf einen oft dunklen, assoziativen Sprachstil und scheren sich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Andere aktuelle Philosophen wie der an der Oxford University tätige Quantenphysiker David Deutsch, gehen da einen ganz andere Wege. Deutsch denkt von der Wissenschaft weg statt gegen die Wissenschaft an und kommt damit zu wesentlichen plausiblen Erkenntnissen als Michel Serres.

Michel Serres: Erfindet Euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation (edition suhrkamp)

Die Physik und die Zeit

Seit Jahrtausenden denken Philosophen über das Wesen der Zeit nach und auch für die moderne Physik ist sie natürlich ein wichtiges Konzept. Deshalb ist es erwähnenswert, wenn mit Lee Smolin einer der klügeren theoretischen Physiker einen Paradigmenwechsel vorschlägt. In seinem neuem Buch Time Reborn: From the Crisis in Physics to the Future of the Universe plädiert er, anders als Einstein, dafür die Zeit als ontologisch realen Gegenstand zu verstehen.

James Gleick schreibt in seiner umfangreichen Rezension Time Regained! in der New York Review of Books darüber:

His argument from science and history is as provocative, original, and unsettling as any I’ve read in years. It turns upside-down the now standard view of Wells, Minkowski, and Einstein. It contravenes our intellectual inheritance from Newton and, for that matter, Plato, and it will ring false to many of Smolin’s contemporaries in theoretical physics.

[…]

For Smolin, the key to salvaging time turns out to be eliminating space. Whereas time is a fundamental property of nature, space, he believes, is an emergent property. It is like temperature: apparent, measurable, but actually a consequence of something deeper and invisible—in the case of temperature, the microscopic motion of ensembles of molecules. Temperature is an average of their energy. It is always an approximation, and therefore, in a way, an illusion. So it is with space for Smolin: “Space, at the quantum-mechanical level, is not fundamental at all but emergent from a deeper order”—an order, as we will see, of connections, relationships. He also believes that quantum mechanics itself, with all its puzzles and paradoxes (“cats that are both alive and dead, an infinitude of simultaneously existing universes”), will turn out to be an approximation of a deeper theory.

For space, the deeper reality is a network of relationships. Things are related to other things; they are connected, and it is the relationships that define space rather than the other way around. This is a venerable notion: Smolin traces the idea of a relational world back to Newton’s great rival, Gottfried Wilhelm Leibniz: “Space is nothing else, but That Order or Relation; and is nothing at all without Bodies, but the Possibility of placing them.” Nothing useful came of that, while Newton’s contrary view—that space exists independently of the objects it contains—made a revolution in the ability of science to predict and control the world. But the relational theory has some enduring appeal; some scientists and philosophers such as Smolin have been trying to revive it.

Neuzugang: On Politics

Eine besondere Vorliebe habe ich für gewichtige Überblicksdarstellung. Deshalb möchte ich eine sehr gut besprochene Neuerscheinung herausgreifen, die ich kürzlich erwarb: Alan Ryans On Politics. A History of political thought from Herodotus to the present.

Auf über 1000 Seiten stellt Ryan die Geschichte der politischen Theorie dar.

Rezensionen:

New York Review of Books
The Economist

Pseudo-Philosoph Slavoj Žižek

Eine der vielen Gründe, warum ich die New York Review of Books so gerne lese (Notiz) ist deren Resistenz gegenüber Pseudophilosophie: Eine publizistisch inzwischen selten gewordene Tugend! Desto erfreulicher ist John Grays kritischer Artikel The Violent Visions of Slavoj Žižek über das Abstruse im „Denken“ des Slavoj Žižek in der neuen Ausgabe 12/2012:

Along with Badiou, Žižek celebrates Mao’s Cultural Revolution as “the last truly great revolutionary explosion of the twentieth century.” But he also regards the Cultural Revolution as a failure, citing Badiou’s conclusion that “the Cultural Revolution, even in its very impasse, bears witness to the impossibility truly and globally to free politics from the framework of the party-State.”3 Mao in encouraging the Cultural Revolution evidently should have found a way to break the power of the party-state. Again, Žižek praises the Khmer Rouge for attempting a total break with the past. The attempt involved mass killing and torture on a colossal scale; but in his view that is not why it failed: “The Khmer Rouge were, in a way, not radical enough: while they took the abstract negation of the past to the limit, they did not invent any new form of collectivity.” (Here and elsewhere the italics are Žižek’s.) A genuine revolution may be impossible in present circumstances, or any that can be currently imagined. Even so, revolutionary violence should be celebrated as “redemptive,” even “divine.”

[…]

There may be some who are tempted to condemn Žižek as a philosopher of irrationalism whose praise of violence is more reminiscent of the far right than the radical left. His writings are often offensive and at times (as when he writes of Hitler being present “in the Jew”) obscene. There is a mocking frivolity in Žižek’s paeans to terror that recalls the Italian Futurist and ultra-nationalist Gabriele D’Annunzio and the Fascist (and later Maoist) fellow traveler Curzio Malaparte more than any thinker in the Marxian tradition. But there is another reading of Žižek, which may be more plausible, in which he is no more an epigone of the right than he is a disciple of Marx or Lenin.

Whether or not Marx’s vision of communism is “the inherent capitalist fantasy,” Žižek’s vision—which apart from rejecting earlier conceptions lacks any definite content—is well adapted to an economy based on the continuous production of novel commodities and experiences, each supposed to be different from any that has gone before. With the prevailing capitalist order aware that it is in trouble but unable to conceive of practicable alternatives, Žižek’s formless radicalism is ideally suited to a culture transfixed by the spectacle of its own fragility. That there should be this isomorphism between Žižek’s thinking and contemporary capitalism is not surprising. After all, it is only an economy of the kind that exists today that could produce a thinker such as Žižek. The role of global public intellectual Žižek performs has emerged along with a media apparatus and a culture of celebrity that are integral to the current model of capitalist expansion.

In a stupendous feat of intellectual overproduction Žižek has created a fantasmatic critique of the present order, a critique that claims to repudiate practically everything that currently exists and in some sense actually does, but that at the same time reproduces the compulsive, purposeless dynamism that he perceives in the operations of capitalism. Achieving a deceptive substance by endlessly reiterating an essentially empty vision, Žižek’s work—nicely illustrating the principles of paraconsistent logic—amounts in the end to less than nothing.

Weitere Notizen über John Gray.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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