Antike (Philosophie)

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Apologie des Sokrates

Sokrates Apologie zählt zu jenen Lieblingsklassikern, die ich regelmäßig immer wieder lese. In dieser Verteidigungsrede gegen jene verächtliche Anklage aus dem Jahre 399 BCE, die schließlich zu seinem berühmten Tod durch den Schierlingsbecher führt, finden sich viele geistige Schlüsselelemente für die europäische Entwicklung. Zuvörderst sind das die Autonomie des Individuums kombiniert mit dessen Kritikfähigkeit, Wahrheitsliebe sowie Gedanken- und Redefreiheit. Sokrates steht seinen Anklägern als freier Mann gegenüber und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er könnte wie die meisten Angeklagten rhetorisch taktieren, stattdessen spricht er uneingeschüchtert die Wahrheit über seine Anklage aus, nämlich dass sie ein leicht zu durchschauender Vorwand seien, und widerlegt die einzelnen Anklagepunkt schnell mit seinem scharfen Verstand.

Alle sokratischen Dialoge kreisen um das Thema Wahrheitssuche: Sokrates versucht durch geschicktes Befragen seinen Gesprächspartnern zu zeigen, dass ihre Theorien und Konzepte einer konstruktiven Kritik nicht standhalten. Gleichzeitig gab der Athener Jugend mit seiner Methode ein Werkzeug an die Hand, die „Allwissenheit“ der Erwachsenen anzuzweifeln. Das war sicher einer der versteckten Gründe für die Anklage:

So kommt es denn, daß die von ihnen [der Jugend] Überführten gegen mich voller Zorn sind und statt gegen sich selber und von einem gewissen Sokrates reden, einem gottlosen Menschen und Verführer der Jugend.

Er kündigt seinen Richtern und den anwesenden Athenern an, dass er sich nie ändern wird:

Solange ich noch Atem und Kraft habe, werde ich nicht aufhören, der Wahrheit nachzuforschen und euch zu mahnen und aufzuklären und jedem von euch, mit dem mich der Zufall zusammenführt, in meiner gewohnten Weise ins Gewissen zu reden“.

Bis heute eine unverzichtbare Charaktereigenschaft für freie Gesellschaften.

Yale-Vorlesung über „Philosophy of Death“

Nach Don Quijote ist das nun die zweite Yale-Vorlesung, welche ich mir über You Tube ansehe. Professor Shelly Kagan versucht in 26 Vorlesungen seinen Studierenden unterschiedliche Perspektiven auf den Tod zu vermitteln. Jede Lecture dauert etwa fünfzig Minuten, und die erste ist überwiegend administrativen Angelegenheiten wie der Benotung gewidmet. Das Semester gliedert sich in unterschiedliche Schwerpunkte: Zu Beginn steht die Frage nach der möglichen Existenz einer Seele im Mittelpunkt, wobei Platons Argumente dafür ausführlich kritisch gewürdigt werden. Kagan lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er ein Physikalist ist, also die Existenz von Seelen für unplausibel hält. Trotzdem bringt er die Gegenpositionen ausführlich und so objektiv wie möglich vor. Danach erläutert der Professor unterschiedliche Theorien über persönliche Identität, bevor er sich mit der Natur des Todes näher beschäftigt. Das letzte Drittel der Vorlesungsreihe widmet sich anderen Aspekten des Todes, u.a. der ethischen Frage, unter welchen Umständen Suizid zulässig ist.

Was das Niveau angeht: Die Veranstaltung ist als Einführung in die Philosophie konzipiert, setzt also kein philosophisches Vorwissen voraus. Die große Stärke des Shelly Kagan ist sein Vortrag: Er spricht überwiegend frei und fesselnd. Man hört ihm gerne zu und die Vorlesungen haben durchaus auch einen Unterhaltungswert. Umgekehrt bedeutet das aber, den Studierenden wird hier keine zeitgemäße Methode des Philosophierens vermittelt, also kein rigides Handwerkszeug wie sie die formale Logik oder die analytische Philosophie anböte.

Wer jedoch zum Thema Tod an einem Überblick über das historische und zeitgenössische Denken interessiert ist, wird in den etwa zweiundzwanzig Videostunden viele wertvolle intellektuelle Anregungen gewinnen.

Shelly Kagan: Philosophy of Death. Open Yale Course (Video)

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason

Als das Buch im Jahr 2000 erschien, las ich es zum ersten Mal. Für den zweiten Durchgang wählte ich die Hörbuchfassung, die etwa achtzehn Stunden lang ist. Der Untertitel A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance führt in die Irre: Von den 430 Buchseiten beschäftigen sich nur gut 40 mit der Zeit nach der Spätantike. In Wahrheit handelt es sich also um eine Einführung in die antike Philosophie. Wer sich bisher nur oberflächlich damit beschäftigte, wird mit dem Buch seine Freude haben. Gottlieb verzichtet auf technischen Jargon und umreißt die Kernkonzepte gut. Wie so viele angelsächsische Sachbücher, ist The Dream of Reason einfach gut geschrieben. Die einzelnen Philosophen werden in unterschiedlicher Qualität und Tiefe abgehandelt: Platons Werk hätte durchaus einen größere Breite verdient, da konzentriert sich Gottlieb vor allem auf den Staat. Aristoteles dagegen wird deutlich umfassender präsentiert.

Wer sich intensiv auf die Philosophiegeschichte einlassen will, dem empfehle ich das mehrbändige Werk des Frederick Copleston.

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance (Hörbuch)

Neuzugang: On Politics

Eine besondere Vorliebe habe ich für gewichtige Überblicksdarstellung. Deshalb möchte ich eine sehr gut besprochene Neuerscheinung herausgreifen, die ich kürzlich erwarb: Alan Ryans On Politics. A History of political thought from Herodotus to the present.

Auf über 1000 Seiten stellt Ryan die Geschichte der politischen Theorie dar.

Rezensionen:

New York Review of Books
The Economist

Plato: Der Staat

Diese Notizen entstanden von Herbst 2007 bis Frühjahr 2008 und werden hier zur leichtbaren Lesbarkeit zusammengefasst. Es handelt sich um meine zweite Lektüre des Buchs.

Erstes Buch

Platos “Politeia” zählt zu den faszinierendsten mir bekannten Büchern. Eine zweite, sorgfältige Lektüre war längst überfällig. Zur Erinnerung: Plato schrieb seinen umfangreichsten Dialog wahrscheinlich um 380 BCE und veröffentlichte damit einen Text, der zu den einflussreichsten der Geistesgeschichte zählt. Seit Jahrtausenden wird er sorgfältig rezipiert und sorgt für heftige Debatten. Alfred Whiteheads berühmtes Bonmot, die europäische Philosophiegeschichte bestünde nur aus Fußnoten zu Plato, bringt dies rhetorisch überspitzt auf den Punkt.

Die “Politeia” gilt als Platos Hauptwerk. Nimmt man diese Kategorisierung in dem Sinn, dass sich in ihm viele zentrale Motive seines Denkens finden, und es sich um das ästhetisch am sorgfältigsten komponierte Buch handelt, kann man dieser Einschätzung zustimmen. Um Platos Philosophie (und dessen Entwicklung) verstehen zu können, muss man freilich alle Dialoge lesen.

Während uns von Aristoteles nur seine Notizen überliefert sind (und nicht seine publizierten Werke), was die Lektüre mangels didaktischer Aufbereitung erschwert, präsentiert Plato seine Gedanken in der Form des philosophischen Gesprächs. Man darf deshalb die literarischen und ästhetischen Aspekte und deren Implikationen nie aus den Augen verlieren.

Wie sorgfältig Plato die Politeia komponiert hat, sieht man sehr schön am ersten Buch, das quasi den Rahmen zu den Gesprächen setzt. So ist es naturgemäß kein Zufall, dass die Handlung (für die gerne gegen 410 BCE als Zeitpunkt genannt wird) nicht im Zentrum Athens angesiedelt ist, sondern im Hafen Piraeus, einem Ort von nicht zu überschätzender Bedeutung für die Athener. Durch eine Mauer mit der Stadt verbunden, stand er symbolisch für Athens Seeimperium, war während des Peloponnesischen Krieges lebenswichtig für den Nachschub und in den ersten Jahren Rückzugsgebiet für die Landbevölkerung als die Spartaner anrückten. Es brach zu dieser Zeit dort auch eine der größten Tragödien über die Athener herein: Die Pest. Schließlich sammelte sich während der Diktatur der Dreißig der demokratische Widerstand im Piraeus und eines der Hauptthemen der “Politeia” ist bekanntlich die Frage nach dem richtigen politischen System.

Das erste längere Gespräch des Sokrates findet mit Kephalos statt, einem ebenso alten wie reichen Mann, den Sokrates wenig taktvoll mit der Frage konfrontiert, wie es ihm so kurz vor dem Tod denn ginge, worauf sich ein geistvoller Dialog über Alter und Reichtum entwickelt.

Im Zentrum des ersten Buches steht aber eine Diskussion über Gerechtigkeit. Thrasymachos vertritt die These, Gerechtigkeit sei, was den Stärkeren nütze. Er setzt damit einen fulminanten Auftakt mit einer Geisteshaltung, die bis heute immer wieder in diversen Abwandlungen vertreten wird, und zu Zeiten der Athener “Blütezeit” auch Staatsräson war. Könnte folgendes Zitat nicht direkt von einer größenwahnsinnigen Romanfigur Dostojewkijs stammen oder irgendwo bei Nietzsche stehen?

Denn wer Ungerechtigkeit schmäht, tut dies nicht aus Scheu vor dem Unrechttun, sondern vor dem Unrechtleiden. So hat denn, Sokrates, die Ungerechtigkeit, wenn nur gehörig im Großen verübt, etwas viel Kraftvolleres, Vornehmeres und Herrenmäßigeres als die Gerechtigkeit […]
[344]

Sokrates tut sich durchaus schwer, diesen Standpunkt zu widerlegen, und versucht es unter anderem, in dem er Thrasymachos Widersprüche nachweist und (wie so oft) durch Analogien Ungereimtheiten in seiner Position aufzeigt.

Zweites Buch

Das erste Buch fungiert als eine Art Einleitung und rückt das Thema der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Diskussion. Im zweiten Buch wird nun der literarische Rahmen für die weitere Vorgehensweise gesetzt. Dieser besteht in der Behauptung einer Analogie zwischen den Teilen der Seele und den Teilen einer Stadt. Vorher jedoch wird die Grundlagendiskussion des ersten Buches fortgesetzt. Glaukon fordert Sokrates auf dafür zu argumentieren, dass die Gerechtigkeit “an sich” wünschenswert ist (wie etwa die Gesundheit) und gleichzeitig auch gute Konsequenzen zeitigt. Diese These setzt sich von der These ab, dass die Gerechtigkeit zwar gute Folgen hat, aber an sich nicht wünschenswert sein muss. Nebenbei sei bemerkt, dass Plato in diese Kategorie auch die Erwerbsarbeit steckt. Diese sei zwar lästig, aber bringe doch eine Reihe von positiven Konsquenzen mit sich:

Denn diese Dinge werden wir zwar als beschwerlich bezeichnen, aber doch auch als nützlich für uns, und um ihrer selbst willen würden wir sie niemals wünschen, wohl aber um des Lohnes willen und der übrigen Vorteile, die aus ihnen hervorgehen.
[357]

Nachdem Glaukon als Illustration die Geschichte des Gyges erzählt hat (der einen Ring findet, der unsichtbar macht und deshalb ungestraft Verbrechen begehen kann), beginnt Sokrates mit dem Gedankenexperiment und konstruiert eine Stadt, in der nur die Grundbedürfnisse gedeckt werden können (Nahrung, Wohnung, Kleidung).

Glaukon kann sich mit diesem spartanischen Leben nicht anfreunden, weshalb Sokrates Luxusgegenstände hinzufügt. Dies setzt nun einen expansiven Wirtschaftskreislauf in Gang, der zwangsläufig aufgrund Ressourcenmangelns zu aggressivem Verhalten gegenüber benachbarten Städten führen muss. Deshalb muss zusätzlich die Militärkaste der Wächter eingeführt werden. Die sozialen Probleme, die damit verbunden sind (Aggression auch nach innen) führt schließlich zur Forderung, dass diese herrschende Kaste eine besondere Erziehung durchlaufen muss. Diese wird im nächsten Buch diskutiert.

Was mich an Plato fasziniert, ist die intellektuelle Unabhängigkeit seiner Ansichten. Damit ist nicht gemeint, dass es es keine geistesgeschichtlichen Einflüsse oder inhaltlichen Vorbilder gäbe, sondern dass er in der Lage ist, weitgehend von seinem kulturellen Umfeld zu abstrahieren, und rationale Lösungen ohne Scheuklappen zu suchen. Dass die Ergebnisse aus heutiger Sicht oft seltsam anmuten, ändert nichts an der Tatsache, dass Plato einer der unabhängigsten Köpfe war, welche die europäische Philosophie hervorbrachte.

Drittes Buch

In diesem Teil des Werks findet man die Fortsetzung der berüchtigten Forderung nach Zensur im literarischen Bereich. Zugespitzt könnte man sagen, dass Platos totalitäres Programm hier besonders augenscheinlich wird. Von der Voraussetzung ausgehend, dass erstens adäquate Erziehung nicht nur für die elitäre Klasse der Wächter maßgeblich zum Erfolg seines idealen Staatwesens beiträgt, und zweitens Erziehung zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht, will er schlechte Einflüsse verbieten. Dieses Argument unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was konservative Politiker heute fordern. Will man in der Gegenwart Kinder vor “Killerspielen” oder schlechten Einflüssen aus dem Internet schützen, will Plato die Kinder seines Staates vor nicht nachahmenswerten mythologischen Geschichten schützen. Sogar Homer wird von der Kritik nicht ausgenommen, stellt er doch die Götter sehr oft unwürdig (von Leidenschaften beherrscht) vor.

Darum müssen wir solchen Erzählungen den Abschied geben, auf daß sie unseren Jünglingen nicht den ungehemmten Trieb zur Schlechtigkeit erzeugen.
[392]

Auch “schlechte” musikalische Stile darf es in Platos Staat nicht geben, da Musik direkt das Seelenleben beeinflusse.

Im Zentrum des dritten Buches steht auch die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Plato argumentiert hier sehr autoritär. Nachdem er (mythologisch begründet) seine Gesellschaft in drei verschiedene Klassen einteilt (solche mit goldenen, silbernen, bronzenen “Seelen”), rechtfertigt er “noble Lügen” aus utilitaristischem Blickwinkel: Es nütze dem Staat insgesamt und damit auch ihren Mitgliedern, wenn entsprechende “Wahrheitspolitik” betrieben wird.

Plato errichtet hier ein präfaschistoides Staatswesen mit einer Klassengesellschaft und einer ausgeprägten Medienpolitik. Interessant finde ich daran vor allem, dass sich dieser elaborierte Totalitarismus bereits so früh geistesgeschichtlich expliziert findet, und dass hier zahlreiche Fragen zum ersten Mal systematisch behandelt werden, welche bis heute die Diskussion bestimmen (Zensur und Medien, Erziehung, Nature/Nurture …). Bemerkenswert auch, wie schnell die Wahrheit einem angeblich höherwertigen Gut geopfert wird, speziell wenn man an das skeptische Wahrheitspathos vieler platonischer Dialoge denkt.

Viertes Buch

Nach den ersten drei Büchern dürfte fast jeder moderne Leser ein Unbehagen über Platos Staatstotalitarismus verspüren. Aber auch für die Zeitgenossen im alten Athen war dieser Idealstaat eine Provokation. So überrascht es nicht, dass Adeimantos das vierte Buch mit folgendem Einwand eröffnet:

Was wirst du nun, mein Sokrates, zu deiner Verteidigung vorbringen, falls jemand dir einwerfen sollte, mit dem Glück, das du diesen Männern bietest, sei es nicht weit her […]
[419]

Sokrates antwortet darauf, dass es nicht um das Glück von Gruppen oder Individuen geht, sondern um das Wohl des Staates insgesamt.

Im Mittelpunkt dieses Teils steht erneut Platos problematische Analogie zwischen Seele und Staat, auf der er seine Argumentation aufbaut. Wie ein guter Mensch, zeichne sich ein Staat durch vier Eigenschaften aus: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit. Letztere bestehe darin, dass jeder Bürger der Tätigkeit nach gehe, zu der er am besten fähig ist (nach dem früher beschriebenen Klassensystem).
Anschließend führt Sokrates seine dreiteilige Psychologie bestehend aus Vernunft, Begierde und Geist (Seele) ein. Ein weiser Mensch hält alle drei Teile in Harmonie, wobei der Vernunft die lenkende Rolle zukommt. Diese Analogie zwischen Psyche und Staat wurde in der Forschung oft kritisiert, zu Recht meiner Meinung nach. In Anbetracht der Tatsache, zu welchen ontologischen Spitzfindigkeiten Plato in seiner Metaphysik fähig ist, wirkt die Gleichsetzung zwischen Individuen mit abstrakten sozialen Prozessen vergleichsweise plump. Trotzdem sind die psychologischen Passagen sehr aufschlussreich zu lesen, prägten sie die abendländische Psychologie doch bis in die Neuzeit. An dieser Stelle sollte man sich einmal mehr in Erinnerung rufen, dass es sich hier nicht um ein politisches Programm im engen Sinn handelt, sondern um ein radikales Gedankenexperiment.

Fünftes Buch

Dieses Buch enthält den gesellschaftspolitisch wohl radikalsten Vorschlag Platons: Die Aufgabe der klassischen Familie zu Gunsten eines geteilten “Besitzes” von Frauen und Kindern. Angereichert ist das mit einem charmanten Eugenikprogramm dahin gehend, dass der Staat durch Tricks besonders aussichtsreiche Erzeuger von Premiumnachwuchs zusammenbringt und auch dafür sorgt, dass diese öfters zur Kopulation schreiten dürfen wie von der Natur benachteiligte Paare:

Es müssen […] die besten Männer so häufig wie möglich den besten Frauen beiwohnen, den schlechtesten dagegen den schlechtesten so selten wie möglich. Und die Kinder der ersteren müssen aufgezogen werden, die der anderen nicht, sofern die Herde auf voller Höhe bleiben soll. Und von allen diesen Maßnahmen darf niemand etwas wissen außer die Herrscher selbst […]
[459]

Als Argument für dieses Arrangement bringt Sokrates die überragende Wichtigkeit des Zusammenhalts einer Gesellschaft ins Spiel, welcher durch dieses kommunitäre Zusammenleben optimiert würde.

Positiv davon setzt sich Platos Gleichheitsvorstellung zwischen den beiden Geschlechtern ab, speziell vor dem Hintergrund der altgriechischen Machogesellschaft betrachtet:

Es gibt also […] keine die Staatsverwaltung betreffende Beschäftigung, die der Frau als Frau oder dem Manne als Mann zukäme; vielmehr sind die natürlichen Anlagen auf ähnliche Weise unter beiden Geschlechtern verteilt, und naturgemäß hat die Frau ebenso wie der Mann Anspruch auf alle Beschäftigungen, bei allen aber ist das Weib schwächer wie der Mann.
[455]

Sechstes Buch

Dieses und die nächsten Bücher werden gerne die “philosophischen” genannt, weil hier theoretische Fragestellungen im engeren Sinn abgehandelt werden. Zuvor jedoch geht es einmal mehr um die Rolle des Philosophen in der Polis. Plato greift erneut auf eines seiner Lieblingsbilder zurück: Auf das Schiff. Der Philosoph sei wie der Steuermann auf einem Schiff der Bestqualifizierte, um den Staat zu lenken. Er beschreibt die Situation, die entstünde, setzten die Matrosen den Steuermann ab und übernähmen selbst ohne Qualifikation die Schiffsführung: Inkompetenz und Gefahr wären die Folge. Warum also sollten normale Bürger die Regierungsgeschäfte übernehmen? Ein weiterer Baustein in seiner Ablehnung der Demokratie.

Sokrates setzt mit einer unfreundlichen Beschreibung des politischen Alltags und der mangelnden intellektuellen Begabung seiner Mitmenschen fort. Die meisten hätten keinen Sinn für geistige Fragestellungen. Die Zuhörer des Sokrates und auch die Leser des “Staates” warten nun gespannt, auf die entscheidende Enthüllung seiner philosophischen Konzeption. Was ist dieses weitreichende Wissen, das den Philosphenkönig zum Herrschen auszeichnet? Es ist die Idee der Ideen: die des Guten.
Zu Beginn vermeidet Sokrates zu präzisieren, was das Gute nun eigentlich sein soll, und gibt stattdessen ex negativo Beschreibungen, was viele fälschlicherweise für gut halten. Von Glaucon damit konfrontiert, versucht Sokrates eine Antwort, in dem er erst zwischen dem Reich der Sinne und dem des Seins unterscheidet. Im Bereich des Seins und der Erkenntnis spiele sie eine ähnliche Rolle wie die Sonne für das Reich des Sinne. Die Sonne sei die Ursache für Licht und damit Leben. Die Idee des Guten sei die Ursache für Wissen und Wahrheit.

Das ist aus heutiger Sicht natürlich alles sehr vage formuliert. Man sollte sich aber bei der Lektüre immer vor Augen halten, dass Plato der erste war, der in dieser Ausführlichkeit diese theoretischen Kategorisierungen vorgenommen hat und seine scharfen Alltagsbeobachtungen seiner Mitmenschen bis heute aktuell sind.

Siebtes Buch

Dieses siebte Buch zählt wohl zu den berühmtesten Texten der Philosophie, eröffnet es doch mit dem Höhlengleichnis. Sokrates verwendet es dazu, seinen jungen Zuhörern seine Ontologie näherzubringen. Man kann die gefesselten Menschen, welche die Schatten an den Wänden für reale Gegenstände halten, auch als mächtige Metapher für (fehlende) Aufklärung sehen, was im 18. Jahrhundert nicht selten vorkam, sowie als Kritik an der mangelnden Bildung der Masse und den Schwierigkeiten der Wissens-Zwangsbeglückung. Laut Plato waren die Höhlenbewohner ja alles andere als glücklich als man ihnen zum ersten Mal von der Leben außerhalb der Höhle und der Existenz der Sonne berichtete.
Angesichts des totalitären Staatsentwurfs Platos, entbehrt diese Aufklärungsbilderwelt natürlich nicht der Ironie.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Frage diskutiert, welche Wissensgebiete für Platos Herrscherklasse am Wichtigsten sei, und man bekommt ein hübsches Plädoyer für Mathematik und rationales Denken geboten, das ich immer wieder gerne lese. Zum Abschluss erfolgt erneut eine prominente Stelle, nämlich die von Sokrates eingeführte epistemologische Hierarchie: An erster Stelle steht die Wissenschaft gefolgt von der mathematischen Verstandeserkenntnis. An dritter Stelle der Glauben (nicht religiös gemeint) und die Bildlichkeit, um die Übersetzung Otto Apelts zu übernehmen.

Achtes Buch

Am Ende des siebten Buches wird eine zentrale Frage angeschnitten: Ist dieser Idealstaat überhaupt möglich? Sokrates ist sich der Schwierigkeiten bewusst und macht deshalb einen radikalen Vorschlag: Bei der Gründung des Staates müssen alle Bewohner, die älter als zehn Jahre sind, aus der Stadt geschickt werden. Plato-Interpreten weisen zurecht darauf hin, dass man das nur als Euphemismus für das Töten der erwachsenen Bevölkerung sehen kann, eine in der Antike nicht unübliche Kriegspraxis.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: Mein Sokrates das ernst? Oder ist es eine implizite reductio ad absurdum dieses Idealstaates und beendet damit das Gedankenexperiment, indem er es scheitern lässt? Ich habe mir selbst noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, literarisch beurteilt würde diese Grausamkeit nicht kohärent mit dem Charakter des Sokrates’ sein, gemessen an allen platonischen Dialogen.

Bestechend ist auf alle Fälle, dass Plato hier bereits das Revolutionsdilemma illustriert: Egal wie gut die Intentionen und wie perfekt ausgearbeitet die Gesellschaftsutopie auch ist: Die praktische Umsetzung ohne Gewalt scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, was die Geschichte ja auch hinreichend belegt.

Das achte Buch ist vor allem der theoretischen Diskussion der möglichen Staatsverfassungen gewidmet, konkret der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie sowie der Dikatur. Es wird einerseits das System “strukturell” beschrieben, andererseits die Charaktere untersucht, die zu diesen Verfassungen passen. Viel hat sich leider nicht geändert, wenn man an aktuelle Regimie denkt und Folgendes liest:

Indem sie nun als auf diesem Wege des Gelderwerbs fortschreiten, kommt die Tugend bei ihnen in demselben Maße in Mißachtung, in dem das Geld in ihren Augen an Wert gewinnt. Oder steht es mit dem Unterschied von Reichtum und Tugend nicht so, daß sie gleichsam auf die Schalen einer Wage gelegt sind, von denen die eine steigt, während die andere sinkt?
[550]

Abschließend sei noch eine Stelle zitiert, die sehr schön belegt, wie alt und universal die Kritik an der Jugend ist, sie wiederholt sich seit tausenden von Jahren:

[…] der Lehrer hat unter solchen Verhältnissen Angst vor den Schülern und umschmeichelt sie, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und ebensowenig vor ihren Aufsehern; und überhaupt stellen sich die Jüngeren den Älteren gleich und suchen ihnen den Rang abzulaufen in Worten und Taten, während die Alten sich traulich mit den Jünglingen einlassen und, ganz im Geist der Jugend, unerschöpflich sind in Witzeleien und Spaßhaftigkeiten, um nur ja nicht griesgrämig und herrisch zu erscheinen.
[563]

Im zweiten Teil des fünften Buchs kommt Plato auf eine seiner zentralen sozialphilosopischen Vorstellungen zu sprechen: Die Herrschaft der Philosophen, die er als Liebhaber der Wahrheit beschreibt. Um zu erläutern, was er damit meint, sind die letzten Seiten dieses Abschnitts einer ersten erkenntnistheoretischen Abhandlung gewidmet: Er unterscheidet zwischen Wissen und Meinung und führt damit eine epistemologische Skala ein, auf die er im Folgenden aufbauen kann.

Neuntes Buch

Diese Buch ist zwei Themen gewidmet: Der Kritik an der Demokratie und der Diktatur als Staatsform. Es sollte inzwischen ja hinreichend klar geworden sein, dass Platon ein Demokratie-Kritiker war, obwohl er an einer Stelle durchaus einräumt, dass es wohl das fairste politische System sei, und das sein Idealstaat nur über die Demokratie als Übergangsform zu erreichen wäre.

Um meine hier oft wiederholte These zu illustrieren, dass Plato eine Menge intellektueller Grundlagenarbeit leistete, ein Beispiel aus dem neunten Buch. Freud hat die Psychoanalyse ins Leben gerufen? Von wegen:

Diejenigen, die sich im Schlafe regen, wenn der andere Seelenteil, der vernünftige nämlich und gesittete und jene herrschende, ruht, während der tierische und der Wildheit ergebene, mit Speise und Trank gefüllt, sich vor Unbändigkeit nicht zu lassen weiß und den Schlaf abschüttelnd loszustürmen und seinen Trieben zu frönen sucht. In solchem Zustand scheut er bekanntlich, bar und ledig jeglichen Schamgefühls und jeglicher Besinnung wie er dann ist, vor nichts zurück. Denn er bedenkt sich keinen Augenblick, der eigenen Mutter, wie er wähnt, beizuwohnen oder irgend welchem anderen Wesen, sei es Mensch, Gott oder Tier, und jede Blutschuld auf sich zu laden […]
[571]

Die Kritik an der Tyrannei ist psychologisch so hellsichtig und heute noch gültig, so dass man sie allen gerne zu lesen gäbe, die sich derzeit mit Iran und vergleichbaren Staaten herumschlagen müssen.

Zehntes Buch

Wer im Laufe der Lektüre meinte, Platos Literaturkritik sei im zweiten und dritten Buch abgeschlossen worden, wird nun überrascht zur Kenntnis nehmen müssen, dass er am Ende zu einer Fundamentalkritik an der Literatur ausholt. Er kritisiert sie von zwei Seiten: Metaphysisch und psychologisch. Ausgehend von seiner realistischen Ontologie, in der abstrakte Formen in der Hierarchie des Seins ganz oben stehen, schneidet die Kunst der Nachahmung denkbar schlecht ab, ahmt diese doch nicht einmal die Formen nach, sondern physische Gegenstände. Damit ist sie quasi eine Nachahmung zweiter Stufe und viel zu weit vom “wahren Sein” weg, um noch interessant zu sein.

Die psychologische Literaturkritik, lässt sich in moderner Begrifflichkeit so zusammenfassen, dass Literatur dem Irrationalismus Vorschub leiste. Die Geschichten seien bildhaft und emotional aufgeladen und sprächen dadurch die “unvernünftigen” Teile der menschlichen Psyche stark an und verstärkten deshalb unerwünschte Emotionen. Aristoteles wird bekanntlich in seiner Poetik diese Punkte aufgreifen, ihnen aber positive Effekte zuschreiben, nämlich die Reinigung von gewissen Affekten durch die Literatur.

Platos “Staat” zu lesen ist jedes Mal wieder eine spannende Reise in provozierendes Terrain. Es drängt sich nachhaltig die Frage auf, ob es sich bei seinem Idealstaat um ein warnendes Gedankenexperiment handelt, oder tatsächlich um eine von ihm vertretene Gesellschaftsutopie (für die meisten wohl -dystopie). Es gehört jedenfall zu den anregendsten Büchern der westlichen Philosophiegeschichte und sollte von allen gelesen werden, welche die europäische Geistesgeschichte verstehen wollen.

Plato: Der Staat

Augustinus: Der Gottesstaat

Diese Notizen schrieb ich im Sommer 2005 in fünfzehn Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Buch 1 und 2

Augustinus zu lesen ist eine interessante Erfahrung: Intellektuelles Vergnügen über die Brillanz und Schärfe vieler Gedankengänge einerseits, Verwunderung über die geistige Verschwendung an wenig ergiebigen Fragestellungen andererseits.

Beschäftigt man sich mit den besten religiösen Denkern, Thomas von Aquin wäre ein weiteres Beispiel, so wird man mit klugen Systemen konfrontiert, deren logische Kohärenz und argumentative Konsistenz Bewunderung abnötigen. Nun hat die Sache freilich einen großen Haken: Diesen mit viel Aufwand und Liebe zum Detail errichteten Gedankengebäuden fehlt jegliches Fundament. Man steht vor mit großer Begabung errichteten Luftschlössern.

Nun könnte man diese theoretischen Gebäude als l’art pour l’art genießen, als hervorragende Gedankenliteratur. Diese Rezeptionshaltung setzte sich jedoch zwei Einwänden aus: Erstens waren Denker wie Augustinus ungemein einflussreich und konnten deshalb nicht nur im Geistesleben signifikanten Schaden anrichten. Zweitens wird hier ein expliziter Wahrheitsanspruch erhoben, der redlicherweise Ernst genommen werden sollte.

„Der Gottesstaat“ ist eine fulminante Verteidigung des Christentums gegenüber zahlreichen Vorwürfen seitens nichtchristlicher Römer, welche die neue Religion für den Untergang des Imperiums maßgeblich verantwortlich machten, speziell für die Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahr 410. Gleichzeitig ist das Buch ein Pamphlet gegen die Heiden im allgemeinen und die römische Religion im besondern und damit ein Dokument zeitloser religiöser Intoleranz. Augustinus schrieb sich in Hippo, einer kleinen nordafrikanischen Provinzstadt, in einen wahren Furor gegen die Sittenlosigkeit Roms hinein. Wie aktuell dieser religiöse Hass der Stadt als Symbol der Dekadenz immer noch ist, kann man in „Occidentalism“ von Ian Buruma und Avishai Margalit nachlesen.

Augustinus war hochgebildet, hatte nicht nur die römischen Historiker und Philosophen sorgfältig gelesen, sondern auch viele griechische Klassiker. Darunter Plato, den er gar nicht genug dafür loben kann, die Dichter aus seinem Idealstaat verbannt zu haben:

Sollte man nicht vielmehr dem Griechen Plato die Palme reichen, der, als er das Vernunftideal eines Staates entwarf, die Dichter als Feinde der Wahrheit aus der Stadt zu vertreiben empfahl? Er in der Tat wollte weder die Beleidigung der Götter dulden noch die Seelen der Bürger durch Hirngespinste umnebeln und verderben lassen. [S. 78]

Erwähnt sei am Rande, dass der große Platon, trotz dieser für die Kirche nützlichen totalitären Anregungen, selbstverständlich jedem Christen – der Natur des katholischen Kastenwesens gemäß – unterlegen ist:

Wir halten zwar Plato weder für einen Gott noch für einen Halbgott, stellen ihn auch nicht einem der heiligen Engel des höchsten Gottes oder einem prophetischen Wahrheitszeugen oder irgendeinem Apostel oder Märtyrer Christi oder auch nur einem beliebigen Christen an die Seite […] [S. 79f.]

Bei der Lektüre der ersten beiden Bücher des „Gottesstaats“ hatte ich mehrmals den Eindruck als würde Augustinus aufgrund seines großen geistigen Horizonts die Schwachstellen seiner Argumentation durchaus erkennen. Eine strukturelle Schwäche seines Gedankenganges besteht darin, mythologische und/oder literarische Geschichten als empirisches Fundament für seine Kritik zu verwenden. Als Plato- und Cicero-Kenner musste er aber wissen, auf wie wackeligen ontologischen Beinen diese Vorgehensweise steht. Gleich zu Beginn bezieht er sich ausführlich auf Vergils Hauptwerk als Quelle und schreibt am Ende schuldbewusst:

Es müßte denn sein […], dass aber Vergil nach Dichterweise alles frei erfunden hätte. [S. 10]

Was ja bei Dichtern schon vorgekommen sein soll und weshalb sie Augustinus wie Platon aus seinem utopischen Gemeinwesen verbannt sehen will. Deshalb schiebt er noch eine Rechtfertigung nach:

Doch nein, er hat beschrieben, was bei Zerstörung von Städten feindlicher Brauch ist. [S. 10]

Ein weiteres Beispiel. Augustinus vergleicht die alttestamentarische Geschichte vom Propheten Jonas im Walfischbauch mit der des Arion von Methymnä, der von einem Delphin an Land gezogen wurde. Dabei ist er sich sehr wohl bewusst, dass die Bibelgeschichte empirisch wesentlich unplausibler ist, und schreibt deshalb entschuldigend:

Gewiß klingt unsere Erzählung vom Propheten Jona noch unglaublicher. Ohne Frage unglaublicher, weil wunderbarer, und wunderbarer, weil von größerer Macht zeugend. [S. 27]

Zwischen den Zeilen kann man also den Streit zwischen dem vergleichsweise aufgeklärten spätantiken Intellektuellen und dem dogmatischen Christen beobachten. Ein Nebenaspekt des Buches, aber ein reizvoller.

 

Buch 3 und 4

Wer wissen will, wie boshaft man Geschichte schreiben kann, der lese das dritte Buch des „Gottesstaats“. Augustinus unternimmt einen etwa fünfzigseitigen Parforce-Ritt durch die Historie des römischen Reiches. Zweck dieser Polemik ist es zu zeigen, dass die Römer ständig von ihren Göttern im Stich gelassen worden sind. Ein geschichtlicher Tiefpunkt nach dem anderen wird genüsslich beschrieben. Die Leitfrage: Wo waren eure Götter denn damals? Als Beispiel diene der Untergang der Stadt Sagunt während des zweiten Punischen Krieges:

Zunächst verschmachteten sie fast vor Hunger, denn es wird berichtet, daß manche Einwohner die Leichen der eigenen Angehörigen verzehrten. Sodann, von allen Mitteln entblößt, errichtete man, um nicht gefangen in Hannibals Hände zu fallen, auf freiem Platze einen gewaltigen Scheiterhaufen, zündete ihn an und ließ sich selbst nebst allen Angehörigen, zuvor mit dem Schwert durchbohrt, von den Flammen verzehren. Hier hätten doch die Götter, diese Schwelger und Nichtsnutze, die nach Opferfett gieren und mit trügerischen Prophezeiungen die Leute umnebeln, etwas tun sollen […] Diese Stadt, die ihrer Verpflichtung nachkam, die sie unter Anrufung der Götter eingegangen war und durch Treuwort und Eidschwur bekräftigt und geheiligt hatte, wurde von einem Wortbrüchigen belagert, überwältigt, vernichtet! [S. 150/151]

Augustinus argumentiert immer wieder mit der Theodizee. Richtet sich sein Scharfsinn gegen die römische Religion, wird der gütige Kirchenvater zum fulminanten Religionskritiker. Scharfzüngig und geistreich treibt er das „Heidentum“ vor sich her. Nahm Voltaire das Christentum brillant in die Mangel, so steht ihm Augustinus in Bezug auf seine Heiden um nichts nach.

Im vierten Buch wendet er sich dem antiken Götterwesen inhaltlich zu und setzt dabei ein kritisch-rationales Instrumentarium ein, das ihn den besten, nicht nur antiken Philosophen an die Seite stellt. Paradigmatisch sei die Argumentationsstrategie genannt, die sich mit den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen der Götter befasst. Süffisant weist er auf logische Inkonsistenzen und inkohärente Aufgabenverteilungen hin. Anachronistischerweise ist ihm auch Ockhams Razor nicht fremd: Er versucht den Nachweis, dass die Glücksgöttin Felicitas religionsökonomisch völlig hätte ausreichen müssen. Wenn man auf allen Gebieten Glück hat, wozu braucht man dann noch Spezialgötter für Ernte und Krieg, Pflanzen und Liebe?

Sogar „naturwissenschaftliche“ Überlegungen führt er ins Feld: Wenn die Welt aus vier Elementen bestehe, reichten dann nicht auch vier Götter für alles aus (statt viele Dutzend)?

Beim Leser stellt sich nach und nach aber Ratlosigkeit ein: Wie ist es möglich, dass ein so scharfsinniger Kopf sein kritisches Instrumentarium nicht auf seine eigene Religion anwendet, sondern hier naiv dogmatisch bleibt? Würde er seinen logischen Werkzeugkasten gegen das Christentum einsetzen, bliebe von der neuen Weltreligion ebensowenig Plausibles übrig, wie vom römischen Polytheismus. Diese intellektuelle Schizophrenie ist ebenso erstaunlich wie rätselhaft.

 

Buch 5

Drei Themen bestimmen dieses Buch: Weitere Kritik am Aberglauben, speziell der Astrologie; die Willensfreiheit; die Antwort auf die Frage, warum Gott das römische Reich so groß gemacht hat.

Augustinus’ Argumente gegen die Astrologie sind immer noch valide, weist er doch eloquent auf die zahlreichen Widersprüche hin, in die man sich verwickelt, wenn man an den Einfluss der Sterne als determinierend für das menschliche Schicksal ansieht:

Aber zur Erklärung der gleichartigen Erkrankung die Konstellation des Himmels oder der Gestirne, wie sie zur Zeit der Empfängnis oder Geburt war, heranziehen zu wollen, wo doch so viele Geschöpfe von verschiedenster und größter Verschiedenheit im Wirken und Ergehen zur gleichen Zeit, in derselben Gegend und unter demselben Himmel empfangen und geboren werden konnten, das verrät unglaubliche Dreistigkeit. [S. 222]

Erörtert und widerlegt werden noch bekannte antike “Beweise” für astrologische Behauptungen. Augustinus sucht auch nach Falsifikationsinstanzen und verweist auf zweigeschlechtliche Zwillingspaare, die sich höchst unterschiedlich entwickeln. Schließlich unterscheidet er höchst modern zwischen konstruierten und empirisch plausiblen Einflüssen der Gestirne:

Es wäre freilich nicht ganz so absurd, wollte man sagen, daß gewisse Ausstrahlungen der Gestirne körperliche Verschiedenheiten – aber nur solche – bewirken, wie wir ja auch sehen, daß durch die Annäherung und Entfernung der Sonne die Jahreszeiten wechseln und durch Zunahme und Abnahme des Mondes manche Dinge wachsen oder hinschwinden, wie Meerigel, Muscheln und des Ozeans wundersames Auf- und Niederwallen, während die Willensakte der Seele durch den Stand der Gestirne nicht beeinflußt werden. [S. 230]

Wer schon immer wissen wollte, warum das römische Reich eine solche Blüte erlebt hat, bekommt es von Augustinus geduldig erklärt. Der ganze imperiale Aufwand diente schlicht dazu, den Christen als Vorbild auf unterschiedlichen Ebenen zu dienen. Das römische Reich als pädagogische Maßnahme für eine narzisstische neue Weltreligion:

So ward durch die weite Ausdehnung, die lange Dauer und den hohen Ruhm des Reiches, einerseits jenen Männern der Lohn, den sie erstrebten, zuteil, andererseits aber wurden uns hier Vorbilder zur nötigen Ermahnung vor Augen gestellt. Nun ist es klar: Wenn nicht auch wir um des ruhmreichen Gottesstaates willen an den Tugenden festhielten, wie sie in ähnlicher Weise […] müßten wir vor Scham vergehen. [S. 263]

 

Buch 6 und 7

An das fünfte Buch anknüpfend, widmet sich das folgende einem speziellen Aspekt des Wettkampfes zwischen römischer und christlicher Religion: Können die heidnischen Götter ewiges Leben verleihen?

Augustinus verspottet schon die Erwägung im allgemeinen, verfügten diese Gottheiten doch (wie ausführlich vorher beschrieben) über einen höchst eingeschränkten Zuständigkeitsbereich. Die These dient ihm jedoch zum Anlass, sich ausführlich mit Marcus Terentius Varro, “a man of immense learning and a prolific author” (Britannica), auseinanderzusetzen, speziell mit dessen Götterlehre. Der Überlieferung nach schrieb Varro 74 Werke bestehend aus 620 Büchern, von denen – wie so oft – nur ein kleiner Bruchteil überliefert wurde. Augustinus bezieht sich auf die 16 Bücher zum Thema “Göttliches” der “Antiquitates rerum humanarum et divinarum”. Er geht von Varros Einteilungen aus und argumentiert auf jeder Ebene gegen die Annahme, ewiges Leben sei mit Hilfe heidnischer Götter möglich.

Mit besonderer Verachtung werden dabei wieder die diversen öffentlichen Kulthandlungen bedacht:

Doch wie man im übrigen auch ihren Mysterienkult deuten und zu Naturvorgängen in Beziehung bringen mag, daß Männer beim Geschlechtsverkehr die Rolle des Weibs spielen, ist nicht naturgemäß sondern widernatürlich. Diese Seuche, dies Verbrechen, diese Schmach wird aber in jenem Kult gewerbsmäßig betrieben […] [S. 302]

Im siebten Buch wird die für das Christentum so wichtige Frage über die möglichen Ursachen des ewigen Lebens noch weiter verengt. Augustinus diskutiert sie nun in Hinblick auf die wichtigsten römischen Götter. Nicht ohne sich über diese “Götter Auslese” lustig zu machen, indem er Tertullian zitiert:

Wennn man Götter ausliest, wie man Zwiebeln ausliest, erklärt man die übrigen für wert, weggeworfen zu werden. [S. 317]

Der Rest des Buches besteht aus einer Abrechnung mit den einzelnen Göttern und einer polemischen Auseinandersetzung mit Varros religionshistorischen Erklärungsversuchen.

 

Buch 8-10

Das achte Buch ist philosophisch besonders interessant, da sich Augustinus hier explizit mit Philosophen auseinandersetzt. Sokrates wird beispielsweise “wunderbare Eleganz” und “bissige Liebenswürdigkeit” bescheinigt. Platon und die platonische Schule wird über alle anderen Lehren gestellt, was angesichts der Anleihen, welche die Theologie beim Platonismus nahm, nicht überrascht:

Doch hütet [Platon] sich sich vor denen, die beim Philosophieren nur nach den Elementen dieser Welt fragen und nicht nach Gott, der die Welt geschaffen hat.
[S. 387]

Empiristische Ansätze waren und sind den Vertretern Gottes auf Erden immer schon ein Greuel. Weniger gefällt Augustinus freilich der Hang zum Polytheismus und die postulierte Existenz von Dämonen. Die “Dämonen-Ontologie” hat es ihm besonders angetan, und er widerlegt umständlich, dass Dämonen auf der Stufenleiter der Existenz dem Menschen vorzuziehen seien. Die Verehrung von Engeln und Märtyrern dagegen sei eine lobenswerte Angelegenheit.
Im neunten Buch fällt der Kirchenvater mit der im eigenen brillanten rhetorischen Boshaftigkeit über die armen Dämonen her. Methodisch interessant wird es, wenn er auf die ethischen Theorien der Stoiker und der Peripathetiker zu sprechen kommt und sprachanalytisch vorgeht. Man stritte hier nur über Worte:

Ebenso scheint sich mir auch bei der Frage, ob der Weise von Gemütsbewegungen bewegt werde, oder ob sie ihm fremd bleiben, der Streit mehr um Worte als um Sachen zu drehen, und ich bin der Meinung, daß die Stoiker, soweit der Sachverhalt und nicht der Wortlaut in Betracht kommt, hierüber nichts anderes denken als die Platoniker und Peripatetiker.
[S. 430]

Besonders empört ist Augustinus über das Konzept, dass Dämonen zwischen Menschen und Göttern als Vermittler tätig sind. Eine Fülle von Argumenten führt er dagegen an.
Der erste Band meiner dtv Ausgabe schließt mit dem zehnten Buch, einem Versuch in fortgeschrittener Engel-und-Dämonen-Komparatistik. Wie im “Gottesstaat” insgesamt, stößt man immer wieder auf interessante Details am Rande. Etwa wenn Augustinus das Konzept der Nächstenliebe – immerhin die zentrale marketing proposition des Christentums – schnurstracks zum Missionierungsinstrument erklärt:

Denn wer sich selbst liebt, will ja im Grund nichts anderes als glückselig sein. Dies Ziel aber ist, Gott anzuhangen. Wenn also dem, der sich selbst recht zu lieben weiß, geboten wird, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, wird ihm nichts anderes geboten, als dem Nächsten, so gut er’s vermag, die Gottesliebe lieb zu machen.
[S. 470]

Vornehmste Aufgabe der Nächstenliebe ist als die Bekehrung der Heiden und daran hat sich ja bis heute wenig verändert, wenn Missionare in aller Welt subtil Nahrung und medizinische Betreuung gegen den richtigen Glauben tauschen.
En passant sei noch bemerkt, dass Augustinus eine moderne religionsgeschichtliche Auffassung vorwegnahm. Die Theorie, die durch Lessings “Erziehung des Menschengeschlechts” berühmt wurde, findet sich bereits im “Gottesstaat”:

Ebenso wie die rechte Erziehung des einzelnen Menschen schritt auch die des Menschengeschlechts, wenigstens so weit das Volk Gottes in Frage kam, in gewissen Zeitabschnitten, den Altersstufen vergleichbar, voran, so daß es sich allmählich vom Zeitlichen zur Erfassung des Ewigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erhob.
[S. 489]

 

Buch 11

Dieses Buch bildet den Auftakt zu einer Beschäftigung mit den theologischen Implikationen des Engelwesens. Die Engelfrage beschäftigte die mittelalterliche Philosophie immer wieder intensiv, und die entsprechenden Texte entbehren für den heutigen Leser nicht einer gewissen Komik.

Im elften Buch diskutiert Augustinus ausführlich die Erschaffung der Welt, speziell auch hinsichtlich zeitphilosophischen Fragen. Wer seine erstaunliche Autobiographie “Bekenntnisse” gelesen hat, der wird sich an die fesselnde Behandlung der Zeitthematik erinnern. Auf den bereits in der Antike erhobenen Einwand, was Gott denn vor der Schöpfung getan habe, erfolgt eine in Zukunft klassische Antwort: Dieser Einwand sei sinnlos, da Gott mit der Welt zugleich die Zeit geschaffen habe. Seitdem behaupten die helleren Köpfe unter den Theologen, dass Gott außerhalb von Raum und Zeit stünde. Es sei nur am Rande bemerkt, dass auch die moderne Physik von diesem Argument profitiert. Frägt man nach der Zeit vor dem Urknall, wird man ab und an darauf hingewiesen, dass die Naturgesetze erst mit dem Urknall entstanden seien.

Auch das epistemologische Problem, wie Vorherwissen und Kontingenz in bezug auf Ereignisse möglich sind wird sehr früh thematisiert. En passent werden die Lebewesen nach ihrer Nützlichkeit eingeteilt, leider immer noch ein hochaktuelles Konzept:

So geschieht es wohl, daß wir manche empfindungslose Wesen manchen empfindenen vorziehen, und zwar so sehr, dass wir die letzteren, wenn wir nur könnten, aus der Natur austilgen möchten […] [S. 29]

Philosophiegeschichtlich bemerkenswert, und weithin unbekannt ist, dass es Augustinus war, der als erster das “Cogito”-Argument formuliert hat, für das heute Descartes so berühmt ist. Ausführlich findet es sich in seiner Schrift gegen die Akademiker, kurz ist es auch im Gottesstaat zu finden:

Denn wir sind, wissen, daß wir sind, und lieben die unser Sein und Wissen. In diesen drei Stücken, die ich nannte, verwirrt uns kein falscher Schein der Wahrheit. Denn wir erfassen sie nicht wie die Außendinge mit irgendeinem leiblichen Sinn […] Mögen Sie sagen: Wie, wenn du dich täuscht? Wenn ich mich täusche bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also bin ich, wenn ich mich täusche. [S 43]

 

Buch 12

Augustinus setzt seine Erörterung der Engelthematik fort. Ihn beschäftigt vor allem, wie Gott böse Engel zulassen konnte, was er durch übergeordnete Nützlichkeitserwägungen erklärt. Das führt ihn schnell zur “Ordnung der Dinge”. Der Mensch solle nicht immer anthropozentrisch urteilen, sondern die Einrichtung der Welt objektiv beurteilen:

Wenn also hienieden, wo sich dergleichen schickt, das eine vergeht, das andere entsteht, das Schwächere dem Stärkeren unterliegt, das Überwundene vom Siegreichen aufgezehrt wird, so ist das nun einmal die Ordnung des Vergänglichen. (S. 63)

Mit dieser Feststellung, die jeder Evolutionsbiologe gerne bestätigte, hat Augustinus natürlich recht. Seltsam allerdings, warum Gott die Welt so eingerichtet hat. Die Antwort ist ein ideologischer Klassiker:

So wird uns da, wo die eigene Blickschärfe nicht ausreicht, mit vollem Recht anbefohlen, an die Vorsehung des Schöpfers zu glauben, damit wir uns nicht in eiteler Verwegenheit erfrechen, das Werk des großen Meisters in irgendeinem Stück zu tadeln. (S. 64)

Im weiteren Verlauf des 12. Buches eröffnet der Philosoph eine bis heute andauernde Debatte, man denke nur an die jüngsten inkompetenten Äußerungen des Wiener Erzbischofs Schönborn in der New York Times zur Evolutionstheorie. Die Peinlichkeit derartiger Äußerungen zieht sich wie ein roter Faden durch die theologische Geistesgeschichte, und auch zu diesem Punkt ist die Lektüre des “Gottesstaates” sehr aufschlussreich. Augustinus empört sich nämlich über die Naturphilosophen, die bereits damals viele Argumente vorbrachten, warum die Erde älter als in der Bibel beschrieben sein müsse.

Ich will mich jetzt nicht lange damit aufhalten, die Wertlosigkeit jener Schriften, die von einer weit größeren Zahl von Jahrtausenden berichten, und ihre völlige Unglaubwürdigkeit in dieser Frage zu beweisen […] (S. 75)

Warum die Bibel recht hat? Da sie die Zukunft richtig voraussage, müssten auch die Aussagen über die Vergangenheit stimmen:

So mag man aus der großartigen Erfüllung ihrer Zukunftsverkündigung schließen, daß sie auch über die Vergangenheit Wahres berichtet haben wird. (S. 76)

Der Rest des Buches ist weiteren “Widerlegungen” naturphilosophischer Theorien gewidmet.

 

Buch 13

Im Zeichen des Todes und der Sünde steht dieses Buch, in dem sich Augustinus große Mühe gibt, den Begriff des Todes analytisch zu fassen. Ähnlich wie ein Eskimo viele verschiedene Bezeichnungen für diverse Schneequalitäten benötigt, kommt ein todesbesessener Katholik offenbar nicht ohne diverse Unterscheidung aus. Wobei der Philosoph keine neuen Wörter kreiert, sondern sich mit konzeptuellen Unterscheidungen begnügt (Tod des Leibes, Tod der Seele …)

Dem Gläubigen ans Herz gelegt wird der Tod als Märtyrer, da unterscheidet sich die klassische christliche Theologie nur graduell vom islamischen Suizidenthusiasmus:

Denn allen denen, die, auch ohne das Bad der Wiedergeburt empfangen zu haben, um des Bekenntnisses zu Christus willen den Tod erleiden, erwirkt er dieselbe Sündenvergebung, wie wenn sie mit dem heiligen Quellwasser der Taufe abgewaschen wären […] Was könnte köstlicher sein als ein Tod, durch den man sich Vergebung aller Sünden und eine Fülle von Verdiensten erwirbt? [S. 114f.]

Literarisch eindrucksvoll schildert Augustinus den Weg ins Grab:

Niemand, der dem Tode nicht nach einem Jahre näher wäre als vor einem Jahre, morgen näher als heute, heute als gestern, ein wenig später näher als jetzt und jetzt näher als kurz vorher. Denn jedes Zeitteilchen, das man weiterlebt, wird von der Lebenszeit abgezogen, und tagtäglich wird weniger und weniger, was übrigbleibt, so daß die ganze Lebenszeit nichts anderes ist als ein Lauf zum Tode, bei dem niemand auch nur ein klein wenig stehenbleiben oder etwas langsamer gehen darf. Nein, zu gleicher Eile werden alle angetrieben, kein Unterschied wird geduldet. [S. 117f.]

Es schließt die Erläuterung der Erbsünde an sowie eine Polemik gegen die Platoniker, die es doch tatsächlich wagten aus biologischen Gründen die Unsterblichkeit des Leibes in Frage zu stellen. Die progressiveren unter seinen Kollegen belehrt Augustinus im Anschluss, dass eine ausschließlich allegorische Interpretation des biblischen Paradieses zu kurz greife, und sehr wohl auch eine wörtliche zulässig sei.

 

Buch 14

Der Titel “Eine weitere Folge des Abfalls: Der Aufruhr des Fleisches” gibt bereits hinreichend über das Thema Auskunft: Es geht um Sex. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es um das Sexualleben von Adam und Eva im Paradies bestellt war, sollte unbedingt zum vierzehnten Buch des “Gottesstaates” greifen. Vorher erörtert Augustinus aber noch in extenso, warum er mit den Fleischlichkeits-Theorien der antiken Philosophen, speziell der Platoniker, nicht übereinstimmt:

Zwar sind die Platoniker nicht so töricht wie die Manichäer, daß sie irdische Körper als wesenhaft böse verabscheuen […] Jedoch nehmen sie eine derartig schlimme Beeinflussung der Seelen durch die irdischen und todverfallenen Gliedmaßen an, daß die Krankheiten ihrer Begierden, Ängste, Freuden und Schmerzen von daher stammen sollen.
[S. 162f.]

Es folgt eine umfassende Abhandlung der Affekte aus theologischer Sicht unter spezieller Berücksichtung stoischer Vorstellungen dazu. Vor dem Sündenfall gab es diese starken Affekte nicht, womit wir nun endlich im Paradies angekommen sind. Das böse Verbrechen dort war die Verweigerung des Gehorsams. Naturgemäß müssen totalitäre Weltanschauungen blinden Gehorsam über alles stellen:

Aber in dem göttlichen Gebot war Gehorsam eingeschärft, eine Tugend, die bei vernünftigen Geschöpfen sozusagen Mutter und Wächterin aller Tugenden ist. Denn sie sind so geschaffen, dass untertan zu sein ihnen heilsam, dagegen ihren eigenen Willen statt dem des Schöpfers zu folgen verderblich ist.
[S. 183]

Mein Verdacht, dass Kleriker heute ihren Augustinus nicht mehr kennen, bestätigte sich im Folgenden. Ginge es nämlich nach dem Kirchenvater, müsste die katholische Kirche glühende Verfechterin von künstlichen Befruchtungstechniken sein. Denn idealerweise sollte die Vermehrung des Kirchenvolks ohne Wollust vor sich gehen:

Wer aber […] möchte nicht lieber, wenn’s möglich wäre, ohne Wollust Kinder erzeugen, so daß auch bei diesem Akte die hierzu erschaffenen Glieder, ebenso wie die übrigen Glieder bei verschiedenen Verrichtungen für die sie bestimmt sind, dem Geiste dienstbar wären und auf Willensgeheiß hin in Tätigkeit träten, aber nicht durch die Glut der Wollust angereizt würden. [S. 190f.]

Die anschließende Behandlung des Schamgefühls ist insofern soziologisch interessant, als diese Seiten einen guten Beleg gegen den Gegenstandsbereich von Norbert Elias’ Zivilisationstheorie bilden, da er diesen Prozess erst im Mittelalter beginnen läßt, während sowohl Affekt als auch Diskussion darüber bereits in der Antike zu finden ist.
Ohne Sündenfall hätte es im Paradies übrigens dort Sex und Kinder gegeben, jedoch ohne “unreine Begierden”. Kein Wunder, dass Adam den Apfel genommen hat …

 

Buch 15

Die nächsten Bücher sind ein Kommentar zur biblischen Geschichte, die für Augustinus identisch ist mit der Geschichte des Gottesstaates. Vor allem der “verstockte Kain” hat es ihm angetan. Dabei hebt der Kirchenvater Kains Rolle als Städtegründer hervor. Städte waren schon in der Antike Zentren der kulturellen und zivilisatorischen Emanzipation und damit ein natürliches Feinbild von Klerikern, die nichts weniger brauchen können als den Verlust ihres Welterklärungsmonopols. Diese Linie zieht sich durch bis zur Antimetropolenrhetorik Al-Qaidas, denn das Leben in westlichen Großstädten passt so gar nicht zur Utopie einer Hirtengesellschaft aus dem Frühmittelalter.

Besonders hübsch zu lesen ist Augustinus’ Verteidigung der biblischen Altersangaben. Wenn in der Bibel steht, dass Methusalem 969 Jahre alt wurde, dann war das so. Skeptischen Stimmen hält er eine Fülle von anderen vergangen “Unglaublichkeiten” entgegen.

Nun kann jeder in der Bibel nachlesen, dass es um die religiöse Qualität des ersten Gottesstaates aus theologischer Sicht nicht immer bestens bestellt war, und so stellt man sich die Frage, warum der irdische Staat einen so schlechten Einfluss ausübte. Die Antwort wird Kenner des Christentums nicht überraschen: Die Frauen waren schuld.

Dies Unheil nahm freilich wieder vom weiblichen Geschlecht seinen Ausgang, freilich nicht in der Weise wie zu Anfang; denn diesmal haben nicht die Weiber, durch fremde Tücke verführt, ihre Männer zur Sünde überredet. Sondern jene Weiber, die im irdischen Staate, das ist der Genossenschaft der Erdgeborenen, von Anbeginn an üble Sitten gefrönt hatten, wurden von den Gottessöhnen, den Bürgern des in dieser Welt pilgernden anderen Staates, um ihrer schönen Leiber willen geliebt. […]
Die Gottessöhne, von Liebe zu den Menschentöchtern ergriffen, die sie als Gattinnen genießen wollten, versanken in die Sittenlosigkeit der erdgeborenen Genossenschaft und ließen die Frömmigkeit fahren […] [S. 262f.]

Aufschlussreich aus “methodischer” Sicht ist schließlich noch der längerer Abschnitt über die Sündflut. Laut Augustinus muss man dieses Ereignis sowohl historisch als auch allegorisch verstehen. Höhepunkt ist sein Versuch, den denkenden Zeitgenossen zu erklären, wie auf der Arche alle Tierarten haben Platz finden können. Schon damals fragte sich die lesende Menschheit beispielsweise, wie wohl Raubtiere und deren Beute sich auf der Arche verstanden haben:

Denn es ist bekannt, daß viele Tiere, deren Speise sonst Fleisch ist, auch Früchte und Obst essen, zumal Feigen und Kastanien. Kein Wunder, wenn ein so weiser und gerechter, noch dazu von Gott belehrter Mann alles vorbereitete und zurücklegte, was einer jeden Art zusagte und für sie, auch wenn es kein Fleisch gab, das richtige war. [S. 276f.]

 

Buch 16

Als kleinen Nachtrag zum Thema “Antiurbanität und Religion” im 10. Teil dieser beliebten Augustinus-Reihe möchte ich noch nachtragen, dass heute prompt auf CNN sogenannte “Menschen auf Straße” aus New Orleans zu hören waren, welche die Flut als Gottesstrafe gegen die sündigen Bewohner ansahen.

Das sechzehnte Buch setzt nach der Sündflut fort, über die Söhne Noahs zum Turmbau von Babel, ohne den heute ja viele Linguisten arbeitslos wären. Ganz läßt ihn aber die Flut nicht los. Augustinus ist viel zu intelligent als dass er die Schwäche seiner historischen Interpretation nicht zumindest ahnte, weshalb er sich weiter um Erläuterungen bemüht. Konkret zur Frage, wie denn die Tiere wieder auf weit entfernte Inseln gekommen seien:

Unglaublich freilich wäre es nicht, daß die Menschen sie fingen, mit sich nahmen und an ihren neuen Wohnsitzen als Jagdwild einführten, auch konnten sie unfraglich auf Geheiß oder Zulassung Gottes von Engeln dorthin gebracht werden. [S. 292]

Läßt man einmal die Engel als Organisatoren von Massentiertransporten außer acht, ist die erste Hypothese gar nicht so dumm. So weiß man heute, dass pazifischer Inseln durch Polynesier mit Tieren kolonisiert worden sind. Freilich nur mit wenigen Tierarten, so dass man auch damit keine adäquate Erklärung hätte.

Ausführlich interpretiert Augustinus nun das Wirken Abrahams, einschließlich der wohl besten Veranschaulichung, wie weit Religion fantatisierte Menschen treiben kann: das Opfer Isaaks. Religiöse Befehle sind blind zu befolgen, auch wenn sie fundamentale ethische Regeln verletzen. Wenig überraschend also, dass dies “sinnbildlich” erklärt wird. Trotzdem gilt:

Niemals wäre Abraham auf den Glauben gekommen, Gott habe an Menschenopfern Wohlgefallen, doch wenn ein göttliches Gebot erschallt, soll man gehorchen, und keine Einwendungen machen. Rühmenswert aber ist, daß Abraham überzeugt war, sein Sohn werde, wenn hingeopfert, alsbald wieder auferstehen. [S. 334]

Ein eklatantes Beispiel wie ähnlich die monotheistischen Religionen funktioniert, denkt man an Testamente von islamischen “Märtyrern” und der Reaktion ihrer Familien.
Augustinus’ literarisches Talent ist während des gesamten Werkes offensichtlich. Ab und zu versteigt er sich aber zu Bildern, die durchaus komisch sind:

So mußte den Lots Weib, da sie sich umblicktem zurückbleiben und, in Salz verwandelt, den gläubigen Menschen sozusagen als Würze dienen, um ihnen die Lebensweise schmackhaft zu machen, durch welche man solches Schicksal vermeidet. [S. 332]

Jacobs Geschichte schließt dieses Buch ab.

 

Buch 17 und 18

Im Mittelpunkt stehen diesmal die Propheten und deren Weissagungen. Gleich zu Beginn erläutert Augustinus seinen hermeneutischen Ansatz und läßt drei verschiedene Interpretationsarten der Prophezeiungen zu. Eine “himmlische”, eine “irdische” und eine Mischform. Eine wörtliche Lesart, wie sie heute bei einigen fundamentalistischen Gruppen üblich ist, hätte nur seinen Spott herausgefordert. Er ist für einen Mittelweg:

Aber wie mir diejenigen in großem Irrtum befangen zu sein scheinen, die meinen, keinerlei in jenen Schriften dargestellten Ereignisse bedeuten etwas anderes als das, was sich damals zugetragen, so kommen mir auch diejenigen verwegen vor, die behaupten, hier sei alles sinnbildlich zu verstehen. [S. 361]

Dieses Prinzip wendet der Philosoph dann auf diverse Prophetenworte und Psalmen an. Darunter sind auch einige Auslegungen, die nur schwer nachzuvollziehen sind, da sie vom Bibeltext weit abweichen.

Damit ist der chronologische Kommentar des Alten Testaments abgeschlossen und Augustinus wendet sich wieder systematischen Themen zu. Das achtzehnte Buch beschäftigt sich so mit dem Nebeneinander von Weltstaat und Gottesstaat von Abraham bis Christus. Unter “Weltstaat” wird vor allem die griechische und römische Geschichte verstanden. Selbst der griechischen Mythologie, in seiner Terminologie “heidischen Fabeln”, ist ein Abschnitt gewidmet. Als Quelle allgemein dienen im Werke des berühmten römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro (116-27 v.u.Z.), der angeblich 74 Werke verfasste.

Natürlich geht das nicht ohne polemische Seitenhiebe auf “die spitzfindige und haarspaltende Geschwätzigkeit der Philosophen” [S. 454] ab. Augustinus bestreitet vehement, dass die ägyptische Zivilisation älter ist als seine barbarischen Hirtenstämme:

[…] da doch nicht einmal Ägypten, das sich fälschlich und grundlos des Alters seiner Gelehrsamkeit zu rühmen pflegt, mit seiner Weisheit, sie mag sein, wie sie will, der Weisheit unserer Urväter zeitlich zuvorgekommen ist. [S. 481]

Ein klassisches Beispiel für selektive Wahrnehmung ist der Abschnitt 41 “Die Philosophen widersprechen einander, die Heilige Schrift ist einhellig”. Würde Augustinus nur einen kleinen Teil seiner hermeneutischen Willkür, die er auf die Bibel anwendet, auf die Philosophie übertragen, könnte er ebenso bequem deren Widersprüche weginterpretieren. Denn selbstverständlich ist auch das Alte Testament voller Kontradiktionen.

 

Buch 19

Das neunzehnte Buch beginnt mit einem fulminanten Auftakt, nämlich einer Kombination aus Analyse und Rhetorik. Ziel des Augustinus’ ist es, die angeblich widerspruchsfreie Wahrheit des Christentums dem philosophischen Pluralismus gegenüberzustellen. Ausgangspunkt ist einmal mehr eine Überblicksdarstellung des Varro’. Augustinus liest, rechnet und kommt zu dem (gar nicht so unplausiblen) Ergebnis, dass es 288 verschiedene Lehrmeinungen darüber gäbe, was denn unter dem “höchsten Gut” zu verstehen sei.

Rhetorisch geschickt stellt der Philosoph diesem Meinungsspektrum die These gegenüber, dass es in diesem armseligen Leben überhaupt kein höchstes Gut geben könne:

Der Schmerz widerstreitet der Lust, die Unruhe der Ruhe; aber gibt es einen Schmerz, eine Unruhe, die den Leib des Weisen nicht befallen könnte? Verlust und Schwächung der Glieder zerstört des Menschen Unversehrtheit, Entstellung seiner Schönheit, Siechtum seiner Gesundheit, Mattigkeit seiner Kraft, Steifheit oder Lähmung seiner Beweglichkeit; und was von alledem könnte nicht auch über des Weisen Leiblichkeit hereinbrechen? […] Was dann, wenn das Rückgrat sich so krümmt, daß die Hände den Boden berühren und der Mensch sozusagen zum Vierfüßler wird? […] Was bleibt denn von der Sinneswahrnehmung übrig, wenn der Mensch, um von den anderen Sinnen zu schweigen, taub wird und blind? Die Vernunft aber und das Erkenntnisvermögen, wohin entweichen, wo schlummern sie, wenn infolge einer Erkrankung der Geist sich verwirrt? [S. 529f.]

Nun kommt Augustinus richtig in Fahrt und beschreibt systematisch das Elend des Lebens. Die Übel der menschlichen Gemeinschaft, die Probleme der Rechtssprechung und schließlich den Krieg:

Denn abgesehen davon, dass es auch jetzt noch auswärtige feindliche Völker gab und gibt, gegen welche immerfort Kriege geführt wurden und geführt werden, hat gerade die Größe des Reiches Kriege schlimmerer Art entfesselt, Bundesgenossen- und Bürgerkriege, von den das Menschengeschlecht noch jämmerlicher gepeinigt wird […] Wollte ich das vielfältige Unheil, all die drängenden und drückenden Notstände im Gefolge dieser Übel so schildern, wie sie es verdienen, wozu ich freilich völlig außer stande bin, wie würde ich damit je zu Ende kommen? [S. 541]

Hat man Freunde, ändert das nichts am Elend, ganz im Gegenteil:

Doch je mehr Freunde wir haben und auf je mehr Orte sie sich verteilen, um so mehr bedrängt und auch die Furcht, es möge ihnen von der aufgehäuften Masse an Übeln dieser Welt etwas Übles zustoßen. Wir sind ja nicht nur darum besorgt, daß sie von Hunger, Kriegsnot, Krankheit und Gefangenschaft betroffen werden […] sondern auch […] sie könnten untreu, schlecht und nichtsnutzig werden. [S. 542]

Dieser literarisch gelungenen Elendsdarstellung folgt die Darstellung der Vorzüge des ewigen Lebens.

 

Buch 20 und 21

Dieses Buch ist religonsgeschichtlich von besonderem Gewicht, steht doch das Jüngste Gericht im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn dient das Jüngste Gericht als Ausweg aus der Theodizee:

Denn wir wissen nicht, welches Gottesgericht dem zugrunde liegt, daß hier ein Guter arm, dort ein Böser reich ist […] daß ein Unschuldiger die Gerichtssitzung nicht nur ungerächt, sondern sogar verurteilt verläßt […] daß junge Männer kraftstrotzend das Räuberhandwerk treiben, während kleine Kinder […] von mancherlei schrecklichen Krankheiten heimgesucht werden […] [S. 586]

Kurz die offensichtliche Ungerechtigkeit der Welt erfordert ein späteres Gericht. Es folgen interpretierte Belege aus dem Alten und Neuen Testament, welche für dieses portmortale Justizsystem sprechen. Es ist wenig überraschend, dass Teufel und Antichrist ebenfalls ausführlich gewürdigt werden. Zu Wort kommen in extenso Paulus und Jesaja. Für Augustinus gibt es keinen Zweifel, dass Christus der im Alten Testament angekündigte “Weltenrichter” sein wird. Wer dessen Wutanfälle aus den Evangelien im Gedächtnis hat, wird mit der Vorstellung, dass Jesus massenhaft Sünder ewigen Höllenqualen ausliefert, keine Schwierigkeiten haben.

Damit ist man auch schon beim Thema des einundzwanzigsten Buches: “Die Ewigkeit der Höllenstrafen”. Naturgemäß bedarf es eines größeren Argumentationsaufwands wie eine Religion, welche die Nächstenliebe als USP (unique selling proposition) verwendet, Dauerfolter zulassen kann.

Doch zu Beginn werden naturwissenschaftliche Probleme in bezug auf diese Folterpraxis diskutiert, denn Skeptiker bezweifelten, dass ein menschlicher Körper solche Qualen eine Ewigkeit lang aushalten kann. Augustinus bringt zoologische Beispiele:

Antworten wir ihnen, es gebe doch sicherlich vergängliche, weil sterbliche Lebewesen, die mitten im Feuer leben, oder es finde sich eine Art von Würmern im Wasser heißer Quellen, in die niemand seine Hand tauche ohne sie zu verbrennen […] Denn gewiß ist’s wunderbar, in Flammen leiden und doch leben, aber noch wunderbarer, in Flammen leben und nicht darunter leiden. Glaubt man aber das eine, warum nicht auch das andere?

Diese Argumentationsstrategie wird noch eine Weile weiterverfolgt: Anerkannt “Wunderbares” in der Welt soll höllische “Unmöglichkeiten” plausibel machen. Sollte das noch nicht überzeugend genug sein, folgt der Hinweis auf Gottes Allmacht. Das ist insofern interessant als der Hinweis auf die Allmächtigkeit Gottes eigentlich “logisch” völlig ausreichte. Weshalb also müht sich Augustinus zusätzlich über viele Seiten mit zusätzlichen Argumenten ab? Offenbar hat er mit seinem Buch nicht nur Gläubige im Auge, sondern will auch den gebildeten Teil der spätantiken Leserschaft überzeugen.

Den Einwand, dass ewige Strafen ungerecht seien, räumt er mit einer Analogie aus dem Weg: Die ewige Höllenstrafe nach dem Tod sei nichts anderes als die Todestrafe in der Welt, nämlich ein dauerhafter Ausschluss.

Auch in diesem Buch äußert sich der Philosoph wenig vorteilhaft über das nicht-ewige Leben, wobei seine Beschreibung des Kinderlebens ein Zitat verdient:

Ist doch schon Unverstand und Unwissenheit keine geringe Strafe, und weil man mit Recht urteilt, daß sie zu fliehen sind, zwingt man die Knaben durch schmerzhafte Strafen allerlei Künste und Wissenschaften zu lernen […] Wer aber würde nicht zurückschrecken und, vor die Wahl gestellt, entweder zu sterben oder noch einmal Kind zu werden, nicht lieber den Tod wählen? Begrüßt doch das Kind nicht lachend, sondern weinend das Tageslicht und weissagt damit Unbewußt, welchen Übeln es entgegengeht. [S. 707f.]

En passent sei bemerkt, dass man sich auch heute noch wundern kann, mit welcher Leichtsinnigkeit die Menschen Kinder in die Welt setzen :-)

Die restlichen Abschnitte zeigt sich Augustinus als überzeugter Fundamentalist, indem er ausführlich jedes Mitleid mit ewig Gequälten zurückweist und wortreich die Ewigkeit der Höllenstrafen verteidigt.

 

Buch 22

Das Thema des letzten Buches dieses Mammutwerks liegt selbstverständlich auf der Hand: “Die ewige Seligkeit”. Das wortreiche (und nicht so unberechtigte) Bejammern der Tristheit des menschlichen Lebens liefe rhetorisch ja ins Leere, könnte ihr Augustinus nicht seine Jenseitsutopie entgegen setzen.

Wie gewöhnlich fängt er mit einer Auslegung der entsprechenden Bibelstellen an und führt seine üblichen Plausibilisierungsargumente an. Besonders empört ist er über den Einwand, die Schwere menschlicher Körper passe in Kombination mit der Schwerkraft nicht mit dem luftigen Aufenthaltsort derselben nach der Auferstehung zusammen:

Hier sieht man, mit welchen Beweisgründen die von Eitelkeit aufgeblasene menschliche Schwachheit der göttlichen Allmacht sich widersetzt. [S. 782]

Danach werden eine Reihe von wichtigen Detailfragen behandelt, etwa wie es um die Auferstehung von Frühgeburten bestellt ist (sie auferstehen). Oder ob auch Frauen ewig selig sein dürfen (sie dürfen!). Schließlich werden sich die Patienten von Schönheitschirurgen freuen zu hören, dass ihr Auferstehungsleib ein makelloser sein wird.

Gegen Ende werden dann Plato und Porphyrius noch als Vorläufer des Auferstehungsglaubens eingemeindet.

Abschließend stellt sich nun die Frage, ob die Lektüre dieser 1600 Seiten (mit Kommentar) in einem sinnvollen Verhältnis zur dafür notwendigen Zeit steht. Meine kursorischen Notizen über den “Gottesstaat” implizieren natürlich bereits eine positive Antwort. Nähert man sich diesen Büchern mit der richtigen Mischung aus Skepsis und Offenheit, dann wird man mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen belohnt. Damit meine ich einerseits das geistesgeschichtliche Faktenwissen zum Christentum, das dieses zentrale Buch vermittelt, andererseits auch zahlreiche Metabeobachtungen. Hochgradig verblüffte mich beispielsweise die intellektuelle und literarische Brillanz der ersten zehn Bücher. Immer wenn es gegen die Feinde des Christentums geht (Römer, Philosophen, Häretiker) läuft Augustinus zu einer Hochform auf, die ihn auf eine Stufe mit den besten antiken Philosophen stellt. Je “positiver” er wird, also je christlich-dogmatischer, desto geringer wird seine intellektuelle Leistung und Überzeugungskraft. Wobei hier zu ergänzen ist, dass man intellektuell nicht mehr aus dem Christentum herausholen kann. Wer sich einen Überblick über die philosophische Satisfaktionsfähigkeit des Christentums verschaffen will, braucht nur Augustinus und Thomas von Aquin zu lesen. Etwas Besseres gibt es nicht, weshalb man letztendlich das Fazit zieht, dass diese Weltanschauung nicht einmal durch die klügsten Köpfe der Geistesgeschichte zu retten ist.

Einen Vorzug den Klassiker von der Statur des “Gottesstaates” aktuellen Büchern voraus haben, ist der semantische Mehrwert, welcher durch den historischen Abstand entsteht. Diese Vergleichsmöglichkeit von “klassischem” Denken mit der Gegenwart kann eine Neuerscheinung per definitionem nicht bieten. Je mehr und länger ich diese alten Bücher lese, desto weniger könnte ich auf sie verzichten (auch und vor allem um die Gegenwart besser zu verstehen).

Augustinus: Vom Gottesstaat (dtv)

Herodot: Historien

Diese Notizen schrieb ich Ende 2001 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Buch I

In die “Historien” hineingelesen hatte ich schon mehrmals, zu einer Lektüre des Gesamtwerks kam es bis jetzt noch nie. Ein Versäumnis dem ich nun behutsam – also Buch für Buch – abhelfen will.

Die dtv-Ausgabe greift auf die Übersetzung von Walter Marg zurück. Ein Kommentar ist (leider!) nicht vorhanden, dafür eine ausgezeichnete umfangreiche Einführung von Detlev Fehling, der sich teilweise von traditionellen Positionen der Herodot-Forschung verabschiedet. Beispielsweise nimmt er Herodot nicht mehr vor seinen eigenen Fehlern in Schutz und betont die unhistorische Seite des Werks.

Meine von altphilologischen Kenntnissen (leider) ungetrübte Perspektive auf das Buch ist ähnlich: Ich lese es einerseits als Literatur, andererseits als zentrales Dokument in der Geschichte des abendländischen Denkens. Es gibt kaum ein Zeugnis, an dem man die sukzessive Emanzipation vom Mythos zugunsten des rationalen Denkens besser beobachten kann.

Schon im ersten Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, etwa wenn die mythische Entführung der Io nach Ägypten statt durch göttliche Intervention durch eine Entführung der Phönizier, notorischen Seefahrern, erklärt wird, die Io mit einem Schiff nach Ägypten bringen.

Es finden sich bereits philosophische Reflexionen, die an spätere antike ethische Betrachtungen erinnern, etwa wenn Solon folgendermaßen zitiert wird:

Denn viele Menschen, die gewaltig reich sind, sind unglücklich, vielen aber, die nur mäßig zu leben haben, geht es wohl. Nun hat, wer sehr reich ist, aber unglücklich, zweierlei voraus vor dem, dem es nur wohl geht, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen vieles.

Als Beispiel für eine frühe rationale Methode, die erstaunlich modern anmutet, sei noch der Orakeltest des Kroisos genannt. Dieser schickt Boten gleichzeitig zu verschiedenen Orakeln, läßt dort anfragen und dokumentieren, was bei ihm in hundert Tagen passieren wird, arrangiert zu diesem Zeitpunkt einen raffinierten Test, und vergleicht dann die Prophezeiungen. Als Sieger des Tests geht selbstverständlich das Orakel in Delphi hervor.

 

Buch II

Das zweite Buch handelt ausschließlich von Ägypten, was sich spätestens seit dem Englischen Patienten herumgesprochen haben dürfte. Herodot scheint sich also der überragenden Bedeutung der ägyptischen Kultur bewusst gewesen zu sein, weshalb ihn auch des öfteren beschäftigt, was die Hellenen von den Ägyptern übernommen haben. Inkonsistenzen in diversen mythologischen Überlieferungen spricht er offen an.
Wer sich für die Anfänge des naturwissenschaftlichen Denkens interessiert, wird die Diskussion verschiedener Erklärungen der Nilschwemme aufschlussreich finden: Herodot gibt drei der gängigen Erklärungen wieder, aber “zwei von ihnen verdienen es gar nicht, wiedergegeben zu werden, nur daß ich eben auf sie hinweisen möchte”. (S. 131)

Er verwirft alle drei und entwickelt eine eigene Erklärung des Phänomens, die nicht schlechter als viele wissenschaftliche Reflexionen des Aristoteles sind. Mythologische Erläuterungen weist er schon sehr routiniert zurück:

Wer aber vom Okeanos gesprochen hat, der führt seine Erzählung auf Unsichtbares zurück und hat keinen nachprüfbaren Schluß [!] zu bieten. Denn ich wenigstens kenne keinen wirklichen vorhandenen Strom Okeanos, sondern Homer oder einer der Dichter noch früherer Zeit, meine ich, ist auf diesen Namen gekommen und hat ihn in die Dichtung eingeführt.
[S. 132]

Apropos: Homer. Herodot hat auch zaghaft die Literaturgeschichtsschreibung begründet, macht er sich doch Gedanken über die Lebzeiten der Dichter:

Woher ein jeder der Götter aber seinen Ursprung hat, ob sie alle schon immer da waren und wie ihre Gestalten sind, das wußten sie nicht, bis eben und gestern erst sozusagen. Hesiod und Homer haben, wie ich meine, etwa vierhundert Jahre vor mir gelebt und nicht mehr. Und sie sind es, die den Hellenen Entstehung und Stammbaum der Götter geschaffen und den Göttern die Beinamen gegeben und ihre Ämter und Fertigkeiten gesondert und ihre Gestalten deutlich gemacht haben. Die Dichter aber, von denen man sagt, sie hätten vor diesen gelebt, haben, so meine ich jedenfalls, später gelebt. Und hiervon sagen das erste die Priesterinnen in Dodona, das zweite aber, von Hesiod und Homer, das sage ich.
[S. 151]

Es sei noch die unappetitlich detaillierte Beschreibung der verschiedenen Balsamierungstufen (je nach den finanziellen Möglichkeiten) erwähnt. Dass manche Fragen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben, zeigen Herodots Bemühungen um den trojanischen Krieg. Er hatte ebenso starkes Interesse daran, wie es wirklich gewesen war, wie die sich beflegelnden Gelehrten heute.

 

Buch III und IV

Selten kommt es vor, dass ich während einer Lektüre die Ausgabe des Buches wechsle. Für die ersten beiden Bücher griff ich zur dtv-Ausgabe. Deren Übersetzung erscheint etwas frischer, allerdings entbehrt sie des Kommentars, weshalb ich mich letztendlich für die verstaubtere Kröner-Edition (Übersetzer: A. Horneffer) entschied.
Der Kommentar entspricht leider nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung, da er sich relativ häufig damit beschäftigt, Herodots Fehler zu entschuldigen. Ansonsten erhält man durchaus aufschlussreiche Hintergrundinformationen.

Im dritten Buch wird der Feldzug der Perser gegen Ägypten und die Aithioper geschildert. Man stößt auf erstaunlich moderne Ansichten, Kulturwissenschaftler, die ihr glaubt, kulturelle Toleranz sei eine postmoderne Errungenschaft: Merket auf :-)

Mir ist es ganz klar, daß Kambyses wahnsinnig war. Er hätte sonst die fremden Gottheiten und Gebräuche nicht verhöhnt. Denn wenn man an alle Völker der Erde die Aufforderung ergehen ließe, sich unter all den verschiedenen Sitten die vorzüglichsten auszuwählen, so würde jedes, nachdem es alle geprüft, die seinigen allen anderen vorziehen. So sehr ist jedes Volk überzeugt, daß seine Lebensformen die besten sind. Wie kann daher ein Mensch mit gesunden Sinnen über solche Dinge spotten!
[S. 198]

Für Herodot ist kulturelle Toleranz schlicht eine Frage des gesunden Menschenverstands, eine Botschaft, die nach knapp 2500 Jahren bei vielen immmer noch nicht angekommen ist…

Anthropologisch aufschlussreich sind die vielen beschriebenen Grausamkeiten. Ähnliches ist täglich in den Zeitungen zu lesen, so dass sich die unangenehme Frage aufdrängt, ob solche Vorkommnisse nicht eng mit dem Wesen des Menschen verknüpft sind:

Den getöteten Magern [einer an einer Verschwörung beteiligten Volksgruppe, einer klassischen „Minderheit“] schnitten sie die Köpfe ab, ließen ihre Verwundeten zurück, die zu entkräftet waren und auch den Palast schützen sollten, und eilten zu fünft mit den Köpfen der Mager schreiend und lärmend hinaus. Sie riefen die übrigen Perser, erklärten ihnen die Situation, zeigten die Köpfe, und töteten alle Mager, die sie finden konnten. Wäre nicht die Nacht hereingebrochen, so hätten sie keinen Mager am Leben gelassen.
[S. 217]

Grausamkeiten, wie sie auf dem Balkan oder in Algerien im letzten Jahrzehnt häufig vorkamen. Jared Diamond versucht in seinem lesenswerten Buch Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen dieses traurige Phänomen zu erklären (16. Kapitel).

Im vierten Buch beschreibt Herodot hauptsächlich den Kriegszug gegen die Skythen, einem Volk mit vielen aus griechischer Sicht eigenartigen Gewohnheiten. Wie immer gibt es viele interessante Exkurse, etwa über die ersten Versuche, Afrika zu umsegeln.

 

Buch V, VI und VII

Mit dem fünften Buch kommt Herodot eigentlich erst zur Sache: der griechischen Geschichte im engeren Sinn. Vorher war hauptsächlich von der persischen Historie die Rede, was mir aus zwei Gründen bemerkenswert erscheint:

Es zeugt erstens von einer ungewöhnlichen Abstraktionsfähigkeit, sich so ausführlich und “objektiv” mit einer anderen Kultur zu befassen.

Zweitens wird darin ein früher Sinn für erzählerische Strukturen und deren Wirkungen sichtbar, denn es läßt den abschließenden Sieg der Griechen natürlich desto glorreicher erscheinen, wenn man vorher den Gegner als eine gewaltige Großmacht kennen lernte.

Der zitierenswerten Fundstücke gäbe es viele. Hervorzuheben ist jedenfalls das Volk der Trauser, die ihrem Leben völlig illusionslos gegenüberstehen:

Das Leben der Trauser ist im allgemeinem dem der anderen thrakischen Stämme ähnlich, nur bei der Geburt und beim Tode haben sie eigentümliche Gebräuche. Um das neugeborene Kind setzen sich die Verwandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen; dabei zählen sie alle menschlichen Leiden und Kümmernisse auf. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Übeln entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.
[S. 330]

Es finden sich erfrischende Seitenhiebe gegen die Monarchie: “Kleomenes, sein Sohn, war König, seiner Abkunft, nicht seiner Tüchtigkeit wegen.” (S. 343) zu denen folgendes Lob der Gleichheit passt:

Athen also wuchs.Die Gleichheit ist eben in jedem Betracht etwas Wertvolles und Schönes, denn als die Athener noch Tyrannen hatten, waren sie keinem einzigen ihrer Nachbarn im Kriege überlegen. Jetzt, wo sie von den Tyrannen befreit waren, standen sie weitaus als die Ersten da. Man sieht daraus, daß sie als Untertanen, wo sie für ihren Gebieter kämpften, absichtlich feige und träge waren, während sie jetzt, wo jeder für sich selber arbeitete, eifrig und tätig wurden.
[S. 359]

Manchmal vertraut Herodot ein abschließendes Urteil seinen Lesern an: “Das sind die Gründe, die beide Städte anführen. Jeder mag denen zustimmen, die ihn überzeugen.” (S. 346). Literarisches wird selten erwähnt, so hat diese Darstellung aus dem Athener Theaterleben einen gewissen Raritätenwert: “So dichtete Phrynichos ein Drama ‘Der Fall Milets’ und als er es aufführte, weinte das ganze Theater, und Phrynichos mußte tausend Drachmen Strafe zahlen, weil er das Unglück ihrer Brüder wieder aufgerührt habe. Niemand durfte das Drama mehr zur Aufführung bringen.” (S. 387)

Ab und zu relativiert Herodot die “aufgeklärten” Passagen, indem er göttliche Kausalitäten anerkennt, etwa des Kleomenes’ Schicksal auf göttliche Rache zurückführt (S. 410/411), anstatt auf die Unfähigkeit des Spartanerkönigs.

 

Buch VIII und IX

Die letzten beiden Bücher des Werks sind die bekanntesten, beschreiben sie doch die Höhepunkte der Perserkriege und die Befreiung Ioniens. Der monomane Größenwahn des Xerxes’, der die gesamte bekannte Welt erobern will und eine gigantische Kriegsmaschinerie ins Feld führt, wirkt beklemmend paradigmatisch für den weiteren Geschichtsverlauf bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Ebenso typisch auf der anderen Seite der Freiheitsdrang nicht nur der Griechen, sondern auch viel kleinerer Völker und Städte. Das heute vielzitierte “Recht auf Selbstbestimmung” findet in den Historien als verbreitetes Bedürfnis seine ersten ausführlichen Beschreibungen, was auch aus anthropologischer Perspektive sehr erhellend ist.

Das langsame, genaue Lektüre der Historien war nicht nur historisch höchst aufschlussreich, sondern auch geistesgeschichtlich, anthropologisch, ethnographisch und literarisch.

 
Herodot: Historien (Kröner)

Stoiker neu editiert

Rainer Nickel hat in der Sammlung Tusculum in zwei Bänden eine dreisprachige Ausgabe über die Stoa und Stoiker herausgegeben. Ein sehr lobenswertes Unterfangen, wäre da nicht der absurde Preis von 198.- Euro.

John Philoponus (490-530) – Der letzte Naturwissenschaftler der Antike?

Aus aktuellem Anlass – siehe mein Alias bei Twitter – hier der Notizen-Eintrag vom 16. Januar 2005 als Re-Post:

He argued brillantly against Aristotle’s world-picture and on several important matters in physics he took up positions which are commonly thought not to have been espoused until Galileo’s day. For example, Philoponus attacked Aristotle’s theory that the earth and the heavens are separate realms which need radically different physical principles to explain them. Philoponus denied that stars were eternal and unchangeable and this rejected the whole basis of what was to become standard medieval cosmology.

He carefully demolished Aristotle’s arguments, showing that they did not make sense in themselves and moreover that they contradicted other things which Aristotle had said. Most significantly, Philoponus made extensive use of personal observation and even experiment to support his own physical theories

[…]

Philoponus‘ own theory of falling bodies was not quite right, but the experiment he describes here (which does at least refute Aristotle’s view) was heralded as momentous scientific breakthrough when it was repeated in the seventeenth century

[…]

Philoponus was the last of his kind: as far as one can tell, nobody in Western Europe practised his sort of analysis of nature again until the fourteenth century.

[Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance. New York 2000. S. 385f.]

Plato: Der Staat. Zehntes Buch (2.)

Der Staat (Meiner, Philosophische Bibliothek Bd. 80; Amazon Partnerlink)

Wer im Laufe der Lektüre meinte, Platos Literaturkritik sei im zweiten und dritten Buch abgeschlossen worden, wird nun überrascht zur Kenntnis nehmen müssen, dass er am Ende zu einer Fundamentalkritik an der Literatur ausholt. Er kritisiert sie von zwei Seiten: Metaphysisch und psychologisch. Ausgehend von seiner realistischen Ontologie, in der abstrakte Formen in der Hierarchie des Seins ganz oben stehen, schneidet die Kunst der Nachahmung denkbar schlecht ab, ahmt diese doch nicht einmal die Formen nach, sondern physische Gegenstände. Damit ist sie quasi eine Nachahmung zweiter Stufe und viel zu weit vom „wahren Sein“ weg, um noch interessant zu sein.

Die psychologische Literaturkritik, lässt sich in moderner Begrifflichkeit so zusammenfassen, dass Literatur dem Irrationalismus Vorschub leiste. Die Geschichten seien bildhaft und emotional aufgeladen und sprächen dadurch die „unvernünftigen“ Teile der menschlichen Psyche stark an und verstärkten deshalb unerwünschte Emotionen. Aristoteles wird bekanntlich in seiner Poetik diese Punkte aufgreifen, ihnen aber positive Effekte zuschreiben, nämlich die Reinigung von gewissen Affekten durch die Literatur.

Platos „Staat“ zu lesen ist jedes Mal wieder eine spannende Reise in provozierendes Terrain. Es drängt sich nachhaltig die Frage auf, ob es sich bei seinem Idealstaat um ein warnendes Gedankenexperiment handelt, oder tatsächlich um eine von ihm vertretene Gesellschaftsutopie (für die meisten wohl -dystopie). Es gehört jedenfall zu den anregendsten Büchern der westlichen Philosophiegeschichte und sollte von allen gelesen werden, welche die europäische Geistesgeschichte verstehen wollen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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