20. Jhd. (Philosophie)

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Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen

Popper wird dieser Tage vom zeitgeistigen „Philosophie“zirkus gerne belächelt. Das ist eine Art Notreaktion, weil seine schlichte Sprache das Gegenteil dessen ist, womit sich Modephilosöphchen wie Peter Sloterdijk gerne vermarkten: Mit einer dunklen, raunenden Sprache. Das hat historische Gründe. Kant schuf eine komplexe, aber im Kern glasklare Philosophie. Verpackt in eine ausgesprochen umständliche Sprache allerdings. Man muss sich durch Kants Diktion kämpfen, um zu seinen philosophischen Konzepten vorzudringen. Kants Ruf war bald legendär, weshalb sich nicht wenige deutsche Philosophen einer ähnlich umständlichen Sprachen bedienten wie Kant. Mit einem kleinen Haken allerdings: Hinter dieser Sprache stecken, ganz anders als bei Kant, oft keine klaren Gedanken mehr.

Im Kopf der intellektuellen Leserschaft entstand deshalb Anfang des 19. Jahrhunderts ein bis heute verhängnisvolles Missverständnis: Dunkle Sprache wurde mit Tiefsinn assoziert, statt korrekterweise mit Unsinn. Religiöse Rhetorik verstärkt dieses Auffassung zusätzlich seit Jahrtausenden. Seit dieser Zeit bedient man sich im deutschsprachigen Raum vorzugsweise einer dunkel-raunenden philosophischen Diktion und lässt sich vom Lesepublikum als tiefen Denker feiern.

Poppers philosophischer Ansatz ist dazu konträr: Er drückt seine komplexen philosophischen Gedanken möglichst einfach aus. Aus den beschriebenen Gründen schließen hier nun viele fälschlich umgekehrt: Wer schlicht schreibt, kann keine „tiefen“ philosophischen Gedanken haben, was natürlich epistemologischer Unfug ist.

In Logik der Forschung (1934) stellte Popper das Denken über die Naturwissenschaften auf den Kopf. Weder Induktion (Empirismus) noch Deduktion (Rationalismus) seien als Beschreibung für die wissenschaftliche Vorgehensweise ausreichend, weil sie, zusätzlich zu logischen Problemen, den kreativen Anteil bei der wissenschaftlichen Hypothesenbildung ignorieren. Diese Hypothesen entstehen meist in einem kreativen Prozess. Wichtig sei, dass sie empirisch gehaltvoll sind, damit sie falsifizierbar sind. Experimentelle und logische Falsifikationsversuche sind laut Popper der Motor der wissenschaftlichen Vorgehensweise. Je intensiver und strenger eine Hypothese diese Falsifikationsversuche übersteht, desto wahrheitsnäher ist diese.

Das beschreibt nun nicht nur soziologisch die Arbeit von Naturwissenschaftlern ziemlich genau, sondern stellt gleichzeitig auch ein plausibles Kriterium für Wissenschaftlichkeit zur Verfügung: Jede wissenschaftliche Behauptung muss falsifizierbar sein.

Ethisch ist diese Ermunterung zur Kritik eng mit der politischen Philosophie Poppers verbunden, welche er 1945 in seinem Buch The Open Society and Its Enemies ausführlich darstellte. In den dreißiger Jahren während des Tiefpunkts des europäischen Nationalismus in Neuseeland geschrieben, handelt es sich dabei um eine philosophische Breitseite gegen geschlossene Gesellschaften, deren erste philosophische Ausprägung Platons Staat war, welchen Popper ausführlich kritisiert. Er plädiert dagegen für eine offene Gesellschaft, in der die Freiheit und Kritikfähigkeit des Einzelnen maßgebliche Elemente sind.

Wer diese und andere von Poppers umfangreichen Hauptwerken nicht lesen will, kann sich durch Sammelbände einen guten Eindruck über dessen Kritischen Rationalismus verschaffen. Einer davon ist Alles Leben ist Problemlösen. Das Buch besteht aus thematisch zusammengestellten Vorträgen, Reden und Artikeln aus einem halben Jahrhundert. Alle sind sehr gut lesbar, auch wenn das Format natürlich einige Wiederholungen bedingt.

Viele Aussagen sind Jahrzehnte alt und gleichzeitig hoch aktuell. So schreibt er 1961 über den Fanatismus:

Diese Lehre, die nicht oft genug wiederholt werden kann, ist, daß der fanatische Glaube immer ein Übel und unvereinbar mit dem Ziel einer pluralistischen Gesellschaftsordnung ist; und daß es unsere Pflicht ist, uns dem Fanatismus in jeder Form zu widersetzen – auch dann, wenn seine Ziele ethisch einwandfrei sind, und vor allem auch dann, wenn seine Ziele die unseren sind.
Die Gefahr des Fanatismus, und die Pflicht, sich ihm dauernd entgegenzustellen, ist wohl eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können.
[S. 159]

In Zeiten der „post-truth politics“, wo Fakten keine Rolle mehr spielen, sondern Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen inzwischen im Mainstream angekommen sind, ist Poppers Philosophie so wichtig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zusätzlich gefährden neue Überwachungstechnologien und deren Befürworter freie Gesellschaften ebenso sehr wie die klassischen Totalitarismen.

Die Bändigung unserer Leidenschaften durch die sehr begrenzte Vernünftigkeit, deren wir unvernünftige Menschen fähig sind, ist nach meiner Ansicht die einzige Hoffnung für die Menschheit.
[S. 196]

Wir können uns deshalb nur sehr viele Popper-Leser wünschen.

Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik.

Neuzugang: On Politics

Eine besondere Vorliebe habe ich für gewichtige Überblicksdarstellung. Deshalb möchte ich eine sehr gut besprochene Neuerscheinung herausgreifen, die ich kürzlich erwarb: Alan Ryans On Politics. A History of political thought from Herodotus to the present.

Auf über 1000 Seiten stellt Ryan die Geschichte der politischen Theorie dar.

Rezensionen:

New York Review of Books
The Economist

Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie

In einer Notiz neu zusammengefasst. Publiziert in der Erlanger Edition.

Eine philosophische Kritik [1999]

I.

Schon mancher Literaturfreund wird einmal ein Buch über Literaturtheorie zur Hand genommen haben, in der Hoffnung, etwas Neues über Literatur zu erfahren. Sollte er dabei an eine bestimmte Sorte von Publikationen geraten sein, die gemeinhin das Prädikat “postmodern” oder “poststrukturalistisch” für sich beanspruchen, wird diese Erwartung regelmäßig enttäuscht: Nach der Lektüre einiger Seiten, in der eine Phrase des Szenejargons die nächste jagt, kommt er zu der bedauerlichen Erkenntnis, daß seine Kompetenz nicht ausreicht, um diese anspruchsvollen Abhandlungen zu verstehen.

Auf den nächsten Seiten soll unter anderem der ketzerischen Frage nachgegangen werden, inwiefern es in diesen wortgewaltigen Elaboraten überhaupt etwas Lohnenswertes zu verstehen gibt. Wäre es nicht möglich, daß das Verständnisproblem nicht auf der Seite des Lesenden, sondern auf jener der Texte liegt?

Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, muß man etwas weiter ausholen. So gilt es erst einmal festzuhalten, daß es die Postmoderne natürlich ebensowenig gibt, wie die Literaturtheorie. Was letzteren Begriff angeht, hat man aber, zumindest in den USA, den Eindruck, “theory” werde ausschließlich als Sammelbegriff für postmoderne Theoriekonzepte verwendet, in welcher Variante sie auch auftreten mögen, denn die theoretischen Moden wechseln dort in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wenn von nun an von ‘Postmoderne’ die Rede ist, sind diese akademischen Ausprägungen gemeint, also nicht die Literatur der Postmoderne oder andere postmoderne ästhetische Hervorbringungen.

Zur Erinnerung: Nachdem in den USA an den Literaturinstituten lange Zeit der New Criticism, eine skrupulöse werkimmanente Betrachtungsweise, vorherrschend war, begannen ab Ende der siebziger Jahre Dekonstruktivisten einen institutionellen Siegeszug und drängten andere Theorieansätze schon bald ins Abseits. Führend war dabei die Universität in Yale, wo mit Paul de Man, J. Hillis Miller und Geoffrey H. Hartman die prominentesten Vertreter versammelt waren. Trotz der Unterschiede im Detail bezogen sich alle von ihnen auf den französischen Philosophen Jacques Derrida, den Begründer der Dekonstruktion. Ebenfalls sehr einflußreich waren Jaques Lacan mit seiner psychoanalytischen Theorie, Michel Foucault mit seinen zahlreichen Studien und später Stephen Greenblatt, der eine Bewegung mit der Bezeichnung “New Historicism” ins Leben rief. Gegenwärtig spielen “Cultural Studies” eine wichtige Rolle. Über einen längeren Zeitraum hinweg schienen Gegner dieser Auffassungen nahezu paralysiert. Sei es, weil sie von dem enormen Erfolg der Poststrukturalisten überrascht waren, oder sei es, weil sie sich der Flut von verbalen Angriffen nicht aussetzen wollten – alle Kritiker wurden sofort, unabhängig von ihren politischen Ansichten, ins politisch reaktionäre Eck gestellt -: es gab kaum kritische Veröffentlichungen über die Dekonstruktion. In den letzten Jahren hat sich das erfreulicherweise geändert, nachdem eine ganze Reihe von fundierten und lesbaren Studien erschienen sind, welche die angeblichen neuen Erkenntnisse kritisch hinterfragen (vgl. Literaturverzeichnis).

Es ist auffallend, daß diesen Tendenzen im deutschsprachigen Raum mit wesentlich mehr Zurückhaltung begegnet wurde, obwohl es auch hier eine beachtliche Gemeinde und einen nicht versiegenden Strom von Publikationen gibt, die sich diesen Denkrichtungen verpflichtet fühlen. Denn zweifelsfrei ist es sehr schick, sich das jeweils neueste theoretische Mäntelchen umzuhängen, das einen automatisch als fortschrittlichen Denker ausweist. Die Fragen worin diese rituell beschworene Fortschrittlichkeit eigentlich besteht, und wie es um die Qualität dieses Denkens bestellt sei, kommen den Betroffenen anscheinend nicht in den Sinn. Daß beides stark zu wünschen übrig läßt, sind zwei zentrale Thesen dieses Artikels.

II.

Im folgenden wird erst einmal ausführlich von philosophischen Problemen die Rede sein müssen, denn die postmodernen Thesen zur Literaturtheorie folgen unmittelbar aus grundsätzlichen philosophischen Überlegungen.
Wirft man einen Blick auf die akademische Philosophie der letzten Jahrzehnte, so kann man vereinfachend von zwei großen Richtungen sprechen: die mehr oder weniger traditionelle und die analytischen Philosophie. Erstere wird gerne auch als “kontinentale”, letztere als “angloamerikanische” Philosophie bezeichnet. Dieser Sprachgebrauch ist aber insofern irreführend, als wichtige Vertreter der analytischen Philosophen immer schon auf dem Kontinent zu finden waren. In der Praxis verwischen sich die Grenzen der beiden Strömungen immer mehr, jedoch lassen sich in vielen Fällen eindeutig diese zwei Stile des Philosophierens unterscheiden. Kurz gesprochen, stehen traditionelle Philosophen meist in der Denktradition des Deutschen Idealismus und deren Nachfolger, während sich die Analytiker an der Revolution der formalen Logik zu Beginn unseres Jahrhunderts und der Entwicklung der Naturwissenschaften orientieren.

Postmoderne Theoretiker sind oft negativ auf die traditionelle Philosophie fixiert, die sie einerseits heftig ablehnen, ohne sich jedoch andererseits von ihr lösen zu können. Doch von diesen geistesgeschichtlichen Verwicklungen später mehr. Vorher ist es jedoch wichtig, den Absolutheitsanspruch vieler Postmoderner zurückzuweisen. Kritik an ihren Konzepten wird nämlich immer wieder mit dem Hinweis abgeblockt, man hätte grundlegende Aspekte nicht verstanden, denn ansonsten könnte man sie nicht mit längst obsoleten “rationalistischen” Kriterien kritisieren. Denkverbote dieser Art sind natürlich zurückzuweisen, denn über die Plausibilität einer Kritik entscheidet nicht in erster Linie der Kritisierte, sondern die Fachöffentlichkeit und der mündige Leser.

So wäre beispielsweise die Frage nach dem “Kern” der postmodernen Philosophie innerhalb dieses Paradigmas unzulässig, weil die Annahme hierarchisch organisierter Theorien meist zurückgewiesen wird. Ein Blick in wichtige Veröffentlichungen zeigt jedoch, daß sich sehr wohl Übereinstimmungen finden lassen, etwa die Ablehnung aller universalistischen Behauptungen, ganz egal, ob dabei an philosophische, linguistische, literarische oder politische gedacht wird. Demgegenüber wird der Partikularismus gepriesen, ebenfalls unabhängig davon, worüber gerade gesprochen wird.

Begonnen hatte diese philosophische Fundamentalkritik in der Sprachphilosophie. War man zur Hochzeit des Strukturalismus in den sechziger Jahren noch davon überzeugt, daß man ein objektivierbares Beschreibungsinstrument für kulturelle Phänomene gefunden habe, verwarfen die Poststrukturalisten diese Idee als ideologisch und versuchten durch Dekonstruktionen zu zeigen, daß es keinerlei stabile Strukturen gäbe, exemplarisch nachzulesen in dem inzwischen klassischen Aufsatz Derridas: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel.

Eines der Hauptwerke des Poststrukturalismus stammt ebenfalls von Derrida, die Grammatologie (1967). Es soll im folgenden als Beispiel für die Fragwürdigkeit dieser Art des Philosophierens dienen. Ein wesentlicher Kritikpunkt daran ist die hermetische Sprache, derer sich der französische Philosoph in fast allen seiner Publikationen bedient. Die Strategie, durch sprachliche Dunkelheit Gedanken interessanter erscheinen zu lassen, als sie sind, ist keineswegs neu und bekanntlich vor allem bei Religionsstiftern sehr beliebt. Obskurität jedoch als intellektuelles Markenzeichen zu etablieren, ist eine schon bewunderungswürdige Form des philosophischen Marketing. Ziel ist es nicht mehr, Begriffe klar zu definieren und Thesen anschaulich zu vermitteln, sondern ein rhetorisches Feuerwerk abzubrennen. Diesen Verdacht weisen postmoderne Theoretiker selbstverständlich empört von sich. Alleine es bleibt die Tatsache: Alle interessanten philosophischen Aussagen lassen sich, mit mehr oder weniger großer Mühe, in eine verständliche Fachsprache übersetzen, wozu sich ja auch die Meister dieser Denkrichtung regelmäßig in populären Medien herablassen. Auch finde ich das Argument nicht überzeugend, die angesprochenen Sachverhalte seien so komplex und “tief”, daß man die eigene Sprache zwangsläufig ebenso “tief” wählen muß, um an diese Mysterien rühren zu können. Hier wird die Grenze zu quasi-religiösen Gebieten überschritten, und es kann wohl nicht die Aufgabe der zeitgenössischen Philosophie sein, als Religionsersatz zu fungieren. Es gibt auch so eine Fülle spannender Betätigungsfelder für Philosophen, von der Ästhetik zur Wissenschaftstheorie und von der Bewußtseins- zur Artifical-Intelligence – Forschung, um nur ein paar zu nennen.

Diese metasprachliche Kritik könnte man auf sich beruhen lassen, fände man überzeugende philosophische Thesen. In der Grammatologie versucht Derrida vor allem, eine Fundamentalkritik des “Logozentrismus” zu entwerfen, der die abendländischen Geistesgeschichte beherrschen soll. Dieser Logozentrismus besteht darin, daß die “Rede” (parole) der “Schrift” (écriture) immer schon übergeordnet wurde. Diese, angesichts der abendländischen Schriftkultur – von der Bibliothek in Alexandrien über die Skriptorien der Klöster bis zum Kulturgut Buch in der Neuzeit – eigenartige These, wird später noch radikalisiert: Die Schrift war als Ur-Schrift (archi-écriture) bereits vor der Sprache da. Nimmt man diese Behauptung wörtlich, ist sie offenbar unsinnig. Die wichtigsten Einwände hat John M. Ellis in Against Deconstruction (1989, S. 21) zusammengestellt, etwa die anerkannte Tatsache, daß die Sprache lange vor der Schrift existierte oder den Hinweis auf noch existierende Sprachen, die nur gesprochen, nicht aber geschrieben werden. Versucht man eine gutwillige Interpretation unter Einbeziehung des aktuellen Stands der linguistischen Forschung, meint Derrida anscheinend folgendes: Die Mehrdeutigkeit (Polyvalenz) eines geschriebenen Textes sei aufgrund des oft vageren Kontextes höher als bei mündlicher Kommunikation, bei der die Gesprächssituation Polyvalenzen reduziert. Da für das Dekonstruktionsprojekt des Philosophen die (angeblich) unvermeidbare Mehrdeutigkeit der Schrift von zentraler Bedeutung ist, sieht er sich zu der seltsamen These von der Ur-Schrift gezwungen. Statt also eine fragwürdige Hypothese mangels empirischer Absicherung zu verwerfen, versucht er sie durch eine noch fragwürdigere abzusichern. Aber auch in dieser Interpretation ist seine These falsch: Es lassen sich nicht nur in schriftlicher Kommunikation Mehrdeutigkeiten ausschalten (etwa durch Anwendung der formalen Logik), sondern es gibt auch in der mündlichen Kommunikation hinreichend viele Mißverständnisse, um diese pauschale Gegenüberstellung zu widerlegen.

Aber vielleicht meint Derrida mit ‘Schrift’ gar nicht Schrift? Dazu läßt sich pauschal nichts sagen, weil in der Grammatologie ‘ Schrift’ mit zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht wird. Nur ein Beispiel: “Die natürliche Schrift ist unmittelbar an die Stimme und den Atem gebunden” (S. 33). Zwanzig Seiten später stößt man auf: “Einerseits erkennt Saussure der Schrift nur eine beschränkte und abgeleitete Funktion zu […]“. Dabei bleibt völlig außer acht, daß de Saussure unter ‘Schrift’ etwas ganz anderes versteht als Derrida. Diese Art der Begriffsverwirrung ist typisch für das Buch. Theoretisch ist es möglich, Derridas Schriftbegriff so zurecht zu biegen, daß seine Basisthesen auf den ersten Blick nicht mehr sinnlos erscheinen. Aber dann verlieren die Thesen rapide an Interesse, und die Wahl des Begriffs ‘Schrift’ für dieses Phänomen wäre willkürlich und irreführend.

Doch nicht allein die Sprache ist obskur und die Hypothesen sind empirisch nicht hinreichend belegt, Derrida muß sich auch den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen. Gehörte es lange zum guten Ton in der Philosophie, sich ausführlich mit Konkurrenztheorien auseinanderzusetzen, ignoriert man in postmodernen Kreisen schlicht, was sich nicht vereinnahmen läßt. Wer sich mit der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, weiß um die Bedeutung der analytischen Philosophie auf diesem Gebiet. Frege, Russell, Wittgenstein, Quine und andere leisteten Hervorragendes darin, ohne daß es Derrida für notwendig erachtet, sich mit ihren Arbeiten zu beschäftigen. Das ist methodisch unzulässig und intellektuell unredlich, trotzdem gang und gäbe in postmodernen Publikationen. Im Gegensatz dazu setzen sich Vertreter der analytischen Philosophie durchaus mit postmodernen Theorien auseinander, wenn auch bei weitem noch nicht ausreichend. Als Gewährsmann für diese Feststellung kann Reed Way Dasenbrock dienen, ein Kenner der Szene, der selbst mit der Dekonstruktion sympathisiert und eines der wenigen Bücher über dieses Thema herausgegeben hat: Redrawing the Lines. Analytic Philosophy, Deconstruction and Literary Theory (1989). In der Einleitung stellt er fest: “Advocates of deconstruction seem much less informed about Anglo-American philosophy than those in the analytic camp are about deconstruction.” (S. 11), was er mit mehreren Beispielen belegt.

Aber wenn sich postmoderne Philosophen einmal herablassen und auf “fachfremde” Konzepte zurückgreifen, sind die Resultate dieser Zusammenarbeit deshalb nicht überzeugender. Nachgerade peinlich wird es meist, wenn sich Poststrukturalisten als Erntehelfer in naturwissenschaftlichen Gärten betätigen. Es werden dann Chaos-, Quantentheorie und andere vereinnahmt, ohne daß diese Theorien auch nur ansatzweise begriffen worden wären. Die Vorstellung, daß in den Naturwissenschaften Begriffe eine relativ stabile Bedeutung besitzen und Theorien die Realität objektiv beschreiben sollen, könnte dem Dekonstruktivisten freilich auch fremder nicht sein. Erfreulicherweise machen sich in den letzten Jahren immer mehr Kritiker die Mühe, diesen Mißbrauch naturwissenschaftlicher Theorien im Detail nachzuweisen. Im Fall der Chaostheorie etwa Carl Matheson und Evan Kirchhoff in ihrem Aufsatz Chaos and Literature (Philosophy and Literature 1/1997; S. 28ff.).

Ein weiteres Indiz dafür war die sogenannte Sokal-Affäre, die weltweites Aufsehen erregte. Alan Sokal, Physiker an der New York University, wollte zeigen, wie tief die wissenschaftlichen Standards in der postmodernen akademischen Szene bereits gesunken sind und verfaßte 1994 deshalb einen Aufsatz mit dem Titel Transgressing the Boundaries – Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity. In ihm gab er einen Überblick über aktuelle Probleme der Physik und zog daraus eine Reihe von Konsequenzen, die ideal in die postmoderne Ideologien paßten. Angereichert war der Text natürlich auch mit dem entsprechenden Jargon. Der Haken dabei: Der Aufsatz war durchsetzt mit offenkundig falschen physikalischen Informationen, unschwer auch für den gebildeten physikalischen Laien erkennbar. Sokal schickte nun seinen Text als trojanisches Pferd an eine der führenden postmodernen Fachzeitschriften, Social Text, die ihn dann auch im Frühjahr 1996 abdruckte. Der Physiker machte seinen “Scherz” publik, und die Blamage war da: Offensichtlich war es für die Publikation völlig ausreichend, den richtigen Sprachduktus zu treffen und die üblichen Thesen zu verbreiten. Die sachliche Korrektheit spielte keinerlei Rolle. Die Vernachlässigung selbst der primitivsten wissenschaftlichen Standards war offenkundig. Verschärfend kam noch hinzu, daß sich Sokal selbst politisch dezidiert als links versteht, weshalb auch der beliebte Vorwurf des Reaktionären ins Leere ging.

Es ist jedoch unzulässig, hier zu weitgehende Verallgemeinerungen zu ziehen. Denn nicht die Geisteswissenschaften haben sich blamiert, sondern nur die Vertreter der postmodernen Akademia. Auch wenn diese in den USA derzeit am einflußreichsten sind, gibt es zunehmend kritische Stimmen, und selbstverständlich erscheinen auch seriöse Fachzeitschriften, wie Philosophy and Literature (John Hopkins University Press), welche die Kritik Sokals durchaus teilen.

Zurück zur postmodernen Philosophie und zu einigen grundlegenden Kritikpunkten. Jede Variante dieser Theorie ist relativistisch, anders wären die diversen Partikularismen nicht vertretbar. Der Relativismus ist – vor allem in den radikalen Varianten – nun aber mit einer Reihe von philosophischen Schwächen behaftet. Denn wenn alles relativ ist, ist zwangsläufig auch der Relativismus relativ, kann also konsistent nicht als Standpunkt vertreten werden. Dieses Argument ist weder neu noch originell, mußten sich doch bereits die Skeptiker der Antike damit auseinandersetzen. Trotzdem ist es gültig, und es bleibt für einen Poststrukturalisten nur ein Ausweg: seinen Standpunkt explizit als relativ zu bezeichnen, wenn er glaubwürdig bleiben will. In diesem Fall verliert seine Position jedoch jegliches Interesse. Warum sollte man sich mit irgendeiner beliebigen Theorie auseinandersetzen, für die nicht einmal ein gemäßigter Wahrheitsanspruch erhoben wird? Von den bedenklichen politischen Implikationen des Relativismus wird später noch die Rede sein müssen.

Doch nicht nur der philosophische Überbau ist verhältnismäßig leicht zum Einsturz zu bringen, auch die methodische Praxis der Dekonstruktion kann nicht überzeugen. Ziel der Dekonstruktion eines Textes ist dessen immanente Selbstwiderlegung. Durch Aufwertung von Nebensächlichem oder extravagante Lesarten soll das Sinnzentrum eines Textes zerstört werden. Entledigt man diese Vorgehensweise vom damit verbundenen ideologischen und rhetorischen Pathos, zeigt sie sich in einem wenig schmeichelhaften Licht, nämlich als willkürliche und unsystematische Interpretation von abseitigen Textelementen. Es sei gar nicht bestritten, daß sich dabei manchmal, je nach Brillanz des Dekonstruktivisten, interessante Perspektiven eröffnen. Zufallsfunde dieser Art sind aber nicht hinreichend, um eine überzeugende literaturwissenschaftliche Methode zu etablieren. Darüber hinaus steht hier einmal mehr der Verdacht der Selbstwidersprüchlichkeit im Raum. Wie soll man denn den Sinn eines Textes dekonstruieren können, wenn es laut poststrukturalistischer Sprachtheorie gar keine sinnvollen Texte geben kann? Dekonstruktivisten, ursprünglich angetreten, der klassischen Hermeneutik den Todesstoß zu versetzen, sind gezwungen, diese künstlich am Leben zu erhalten, indem sie selbst eine Art pervertierter Hermeneutik praktizieren. Wer lieferte sonst die Sinnangebote eines Textes, an dem sie sich rhetorisch austoben können? Doch auf diese kleinlichen logischen Einwände schlägt einem meist eisiges Schweigen entgegen. Die Logik fiel selbstverständlich auch dem postmodernen Furor zum Opfer. Da hilft auch nicht der schüchterne Hinweis auf die Logik als Bedingung der Möglichkeit menschlicher Kommunikation, weshalb auch Poststrukturalisten nolens volens sich ihr immer wieder einmal bedienen müssen. Setzten sie ihre Theorien konsequent in die Praxis um, bliebe ihnen nur dauerhaftes Schweigen. Doch das wird eine Utopie bleiben, schließlich ist Schweigsamkeit akademischen Karrieren nicht eben förderlich.

Die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis sind überhaupt ein weites Feld. Denn trotz aller Fundamentalkritik (von der Logik bis zum Wissenschaftsbetrieb) werden nur selten praktische Konsequenzen gezogen. Vielmehr wurden die alten Rituale und Machtspiele unbesehen übernommen, wenn auch unter postmodernen Vorzeichen.

Es sollte inzwischen deutlich geworden sein, daß die postmoderne Philosophie keine überzeugenden Lösungen für die diskutierten Probleme anzubieten hat. Dies wird noch offensichtlicher werden, wenn geistesgeschichtliche Aspekte und philosophische Alternativen in das Blickfeld rücken.

III.

Setzt man sich ausführlicher mit postmodernen Publikationen auseinander, drängt sich immer stärker eine soziologische Frage auf: Wie konnte diese Art des Philosophierens eine so große Anhängerschaft gewinnen? Einen wichtige Rolle spielte sicher der revolutionäre Impetus der Postmoderne. Daß viele angepriesene Neuheiten so neu nicht waren, erschloß sich erst auf den zweiten Blick. Auch der hermetische Jargon darf in diesem Zusammenhang nicht vernachlässigt werden, gibt er doch das Gefühl, an exklusivem Wissen teilzuhaben, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Viele Geheimgesellschaften wußten um diesen gruppendynamischen Effekt. Schließlich hielt man die Postmoderne politisch für eine fortschrittliche Bewegung, attraktiv für alle, die mit dem Gesellschaftszustand unzufrieden waren/sind. Doch genau dieser Aspekt bedarf einer genaueren Analyse.

Zweifelsfrei entfaltete das Aufblühen der postmodernen Theorien in den USA und darüber hinaus ein großes Emanzipationspotential. Man begann sich für Minderheiten zu engagieren, es entstanden neue Disziplinen wie gay und postcolonial studies. Feministische Forschungsrichtungen konnten sich etablieren, und der akademische Betrieb wurde insgesamt politisch sensibilisiert. Damals wurde Kritik an dem neuen literaturtheoretischen Paradigma mit einem gewissen Recht als politisch reaktionär verschrieen, ein Vorwurf der auch heute noch gerne erhoben wird. Die Situation hat sich jedoch inzwischen grundlegend geändert: Vertreter der Postmoderne sitzen in den USA an den wichtigsten Stellen der Universitäten und Verbände, haben Macht und Einfluß in Fülle. Ihre Kritiker sind gegenwärtig in der Minderheit, weshalb heute eine Kritik an postmodernen Theorien nicht mehr mit dem Pathos einer verfolgten akademischen Randgruppe zurückgewiesen kann, ohne sich selbst der Lächerlichkeit preis zu geben.

Es stellt sich nun die interessante Frage, inwiefern sich das konzedierte emanzipatorische Potential notwendigerweise aus der postmodernen Philosophie ergibt. Was ist das spezifisch Progressive an der Postmoderne? Zweifelsfrei der Einsatz für Minderheiten und Randgruppen. Doch ist auch die Begründung dieses Engagements selbst fortschrittlich? Es wäre ja durchaus denkbar, daß emanzipatorische Fortschritte in der Praxis stattfinden, obwohl die philosophische Theorie keine hinreichende Rechtfertigung dafür liefert bzw. sie sich, in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld, auch für anti-emanzipatorische Zwecke einsetzen ließe. Wie sehr Differenzierung zwischen Theorie und Praxis in diesem Fall notwendig ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln.

Die zwei wichtigsten philosophischen Väter der Poststrukturalisten sind Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Nun ist das Werk Nietzsches ein beliebter Steinbruch für ideologische Versatzstücke, Reaktionäres läßt sich ebenso ausführlich mit Zitaten belegen wie Progressives. Doch berufen sich postmoderne Philosophen weniger auf politisierbare Aussagen Nietzsches im engeren Sinn, sondern auf dessen erkenntnistheoretische Thesen, speziell auf seine Polemiken gegen den traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff. Seine fragmentarische und unsystematische Denkweise war ebenfalls von großer Vorbildwirkung. Bedauerlich ist nur, daß sich Nietzsches gegenwärtige Adepten nicht auch seines brillanten Stils bedienen, doch das wäre ja der intendierten Dunkelheit abträglich.

Als stilistisches Vorbild kann deshalb eher Heidegger gelten, dessen Sprache auch noch höchste Obskuritäts-Ansprüche zufriedenstellen kann. Heidegger als Säulenheiliger einer progressiven philosophischen Bewegung? Man braucht gar nicht an Heideggers fanatisches Engagement für die nationalsozialistische Revolution im Jahr 1933 zu erinnern, in der er die Umsetzung seiner philosophischen Vorstellungen in der Praxis sah, um diese Zumutung zurückzuweisen. Allein seine provinzielle anti-modernistische Philosophie verweist diese Annahme ins Reich der theoretischen Skurrilität. Es ist also mehr als berechtigt, die angebliche Fortschrittlichkeit dieser Philosophen in Frage zu stellen. Sieht man einmal davon ab, daß die esoterischen Sprachdünkel per se undemokratisch sind, beschränken sie doch ohne jegliche Notwendigkeit die Rezeption auf einen mehr oder weniger engen Kreis von Eingeweihten.

Gegen alle Beteuerungen ist auch der propagierte Partikularismus und Kulturrelativismus alles andere als politisch progressiv, eine überzeugende postmoderne ethische Theorie konnte jedenfalls noch nicht formuliert werden. Wie soll man sich auch für Menschenrechte, Bekämpfung der Armut oder bessere Bildungschancen einsetzen, wenn keinerlei universalistische Wertmaßstäbe existieren? Wenn tatsächlich die Werte aller Kulturen gleichberechtigt sind, dann müssen konsequenterweise noch die gröbsten “kulturbedingten” Menschenrechtsverletzungen toleriert werden. Das Vertreten eines extremen Partikularismus macht also jedes Engagement für Menschenrechtsverletzungen in anderen Kulturen unglaubwürdig. Doch was sollen “Kultur” und “Kulturen” in diesem Zusammenhang eigentlich bedeuten? Jörg Fisch wies in der Neuen Zürcher Zeitung (6. April 1998) berechtigterweise auf die unvermeidlichen Absurditäten einer Pluralisierung des Kulturbegriffs hin. Als Beispiel erwähnt er unter anderem einen christlichen Javaner. Gehört dieser zur christlichen und damit abendländischen Kultur? Oder doch zur indonesischen, die dann aber per definitionem nicht islamisch sein könnte? Auf der Ebene des Individuums verliert der postmoderne Kulturbegriff nicht nur jegliche Plausibilität, sondern entfaltet auch ein nicht zu unterschätzendes repressives Potential. “In noch stärkerem Maße als die Einteilung in Nationen bedeutet die Einteilung der Menschheit in Kulturen eine Uniformierung und Vergewaltigung der Betroffenen. Die Opfer sind gerade die kleineren Gruppen, die Minderheiten, die Mischlinge, alle jene, die in kein Schema passen.” (Jörg Fisch). Man wird also doch klassisch aufklärerisch ansetzen müssen, nämlich bei den unveräußerlichen Rechten jedes Menschen, in welchem Kulturkreis er auch leben möge. Das Argument der Kulturabhängigkeit der Menschenrechte wird deshalb konsequenterweise vor allem von autoritären Regierungen und wirtschaftlich ambitionierten westlichen Politikern vertreten, während die repressiv Regierten in allen Kulturen Menschenrechtsgruppen gebildet haben.

Ein postmoderner Theoretiker steht also vor einem Dilemma. Wie kann er seine politische Progressivität begründen, ohne seine philosophischen Theorien zu verraten? Derrida gibt auch hier wieder ein sehr aufschlußreiches Beispiel ab, denn an seinem politischen Engagement ist eigentlich nicht zu zweifeln. Doch wie kann er es vor dem Hintergrund seiner Sprachphilosophie und seiner Erkenntnistheorie rechtfertigen? Da eine rationale Begründungsstrategie aus ideologischen Gründen ausgeschlossen ist, bleibt also nur deren Gegenteil. Mark Lilla, Politikwissenschaftler an der New York University und Mitglied des Institute for Advanced Studies in Princeton, ist dem kürzlich in der New York Review of Books (Nr. 11/1998) nachgegangen. In The Politics of Jacques Derrida analysiert er dessen jüngste Publikationen unter diesem Gesichtspunkt. Besonderes Interesse bringt er dem neuen Gerechtigkeitskonzept des französischen Philosophen entgegen, das dieser jetzt plötzlich nicht mehr als Objekt der Dekonstruktion gelten lassen möchte, während der Dekonstruktion früher praktisch alles unterworfen wurde. Zu diesem Zweck grenzt er Gerechtigkeit vom konventionellen Recht ab, begibt sich also auf klassisches rechtsphilosophisches Terrain. Ohne seine philosophische Herkunft zu verraten, kann Derrida selbstverständlich nicht auf die klassischen Begründungen des Rechts zurückgreifen, also auf Natur oder Vernunft. Wie Mark Lilla nachweist, bleibt ihm in diesem Fall nur eine Möglichkeit der Begründung eines absoluten Gerechtigkeitskonzepts übrig, und er nennt diese, anders als Derrida, auch beim Namen: Offenbarung (revelation). In Marx’ Gespenster ist denn auch immer wieder von Messianismus die Rede. Konnte man schon immer vermuten, daß Derridas Irrationalismus einmal ins Pseudo-religiöse umkippen würde, ist doch Religion die klassische Quelle des Irrationalen, ist man von diesem Ergebnis nun dennoch überrascht. Lilla deutet diese Eskapaden als “intellectual desperation”, eine Bewertung, der man sich wohl anschließen muß.

Die wahren Feinde des Fortschritts sind aber für die Postmodernen selbstverständlich nicht jene, die zur Rechtfertigung ihres Gerechtigkeitskonzept zu mystischen Offenbarungen und messianischen Projektionen greifen, sondern die sogenannten “Positivisten”, eine Bezeichnung, mit der großzügig die meisten Denker bedacht werden, die an minimalen Rationalitätsstandards festhalten wollen. Als konservativ, reaktionär oder “szientistisch” geschmäht, werden sie und ihre Arbeiten, wie oben bereits ausgeführt, in der Regel ignoriert, wenn nicht gerade passende intellektuelle Feindbilder benötigt werden.

IV.

Gemeint sind damit in erster Linie Vertreter der analytischen Philosophie, insbesondere Mitglieder des Wiener Kreises. In der Tradition der Aufklärung stehend, werden sie gerne für alle Übel der Moderne verantwortlich gemacht. Einige schrecken nicht einmal davor zurück, die Aufklärung – was genau das auch immer sein mag – für den Holocaust verantwortlich zu machen. Dafür wird der Aufklärungsbegriff gerne bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht, was ein Blick auf die Geschichte der Aufklärungskritik belegt, wenn etwa von Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung der ehrwürdige Marquis de Sade als deren Vertreter “analysiert” wird. Aller argumentativen Schieflage zum Trotz wird ‘Aufklärung’ oft gleichzeitig auf instrumentelle Rationalität verengt, da der humanistische und emanzipatorische Gehalt der Aufklärung nicht ins Konzept paßt. Diese fragwürdigen Argumentationsstrategien finden sich in postmodernen Stellungnahmen zum Thema wieder.

Eine Untersuchung der damaligen geistesgeschichtliche Situation zeigt ein völlig anderes Bild. Der Kern der nationalsozialistischen Ideologie war auch nach zeitgenössischen Maßstäben zutiefst irrational, und wurde nicht zuletzt von analytischen Philosophen auch so wahrgenommen. Die angeblich “wissenschaftlichen” Rechtfertigungen, etwa der Lehren vom “Völkischen”, beruhten auf ideologischen Funktionalisierungen. Die Wissenschaftspolitik der NS-Diktatur verabschiedete sich explizit von jeglichen Objektivitätsstandards und verwandelte Wissenschaft dadurch in Pseudo-Wissenschaft. Das schlug sich sogar enzyklopädisch nieder, etwa wenn im vierbändigen Brockhaus von 1941 unter dem Eintrag “Wissenschaft” folgendes zu lesen ist: “Durch die entscheidende geistige Umgestaltung, die der Nationalsozialismus vollzog, wurde die Abstraktion einer wertfreien, voraussetzungslosen W. überwunden; die Wissenschaft wurde unbeschadet ihrer sachlichen Forschungsweise in ihre dienende Rolle gegenüber dem Leben des Volkes zurückgewiesen”. Kurz vorher ist von einer “weltanschaulich unsicher gewordenen Wissenschaft” die Rede.

Zu dieser – aus nazistischer Perspektive – weltanschaulichen Verunsicherung trugen maßgeblich die Mitglieder des Wiener Kreises und ihm nahestehende Philosophen bei. Zu nennen wären etwa Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap, Kurt Gödel sowie Karl Popper und Ludwig Wittgenstein. Ausgehend von den neuen Errungenschaften der formalen Logik und neuesten Ergebnissen der Naturwissenschaften, versuchten sie eine ideologie- und metaphysikfreie Philosophie zu entwickeln, indem sie höchste Ansprüche in bezug Transparenz und logischer Stringenz an ihre Arbeit stellten. Daß manche ihrer philosophischen Projekte in der intendierten Radikalität letztlich scheitern mußten, schmälert nicht ihr Verdienst, der Philosophie unseres Jahrhunderts wesentliche Impulse gegeben zu haben. Sogar wenn man von den neuen philosophischen Erkenntnissen absieht: Radikale Selbstkritik und instruktive Zusammenarbeit waren revolutionär in einer Zeit, in der sich etwa ein Martin Heidegger als pseudoreligiöser Prophet gerierte und seine Jünger um sich scharte. Es ist wenig verwunderlich, daß der Wiener Kreis austrofaschistischen Politikern ein Dorn im Auge war. Denn sind radikale Objektivitätsstandards und unvoreingenommene kritische Prüfung aller Thesen an sich gefährliche Gegner für Ideologen aller Couleur, trug das sozialreformerische Engagement vieler Mitglieder des Wiener Kreises natürlich zur Verfemung bei. Nicht nur wurden auf Basis philosophischer Überzeugung politische Forderungen erhoben, es gab auch konkretes Engagement, indem beispielsweise Vorträge für Arbeiter veranstaltet wurden. Träger derartiger Initiativen war der Verein Ernst Mach, der 1934 polizeilich aufgelöst wurde. Das Projekt des Wiener Kreises mußte in den dreißiger Jahren politisch scheitern. In diesem Klima des Hasses und der Irrationalität erschießt der dreiunddreißigjährige Johann Nelböck, Doktor der Philosophie, seinen ehemaligen Professor Moritz Schlick vor der Wiener Universität. Vor Gericht rechtfertigt sich der Attentäter unter anderem damit, und hier schließt sich der Kreis zum Brockhaus-Artikel, daß er durch Schlicks empiristische Philosophie alle religiösen Überzeugungen und jeden Halt verloren habe.

Es zeigt sich also, daß die damaligen Vertreter einer aufgeklärten Weltanschauung in ihrer großen Mehrheit aufgrund ihrer philosophischen und politischen Überzeugung der nationalsozialistischen Ideologie Widerstand leisteten und von den Herrschenden auch als solche wahrgenommen wurden. Daß es von Moritz Schlick auch Versuche gab, sich aus strategischen Gründen mit den Behörden zu arrangieren, ändert ebenso nichts an dieser grundsätzlichen Bewertung, wie der berüchtigte Nationalismus Gottlob Freges. Während also die avanciertesten Vertreter philosophischer Rationalität zur Emigration gezwungen waren, Manfred Geier nennt das entsprechende Kapitel in seiner Monographie treffend Die vertriebene Vernunft, konnten sich die avanciertesten Vertreter des Irrationalismus – wie Heidegger – wunderbar mit den neuen Machthabern arrangieren. Daß Heidegger nicht zu Unrecht seine anti-moderne, dunkel-irrationale Philosophie im Nationalsozialismus verkörpert sah, ist nur eine geistesgeschichtliche Tatsache, die ein voreiliges Verantwortlichmachen der Aufklärung für die Verbrechen des Dritten Reiches ad absurdum führt.

Angesichts der skizzierten Fakten und der Kenntnis um das esoterische geistige Umfeld, aus dem der Nationalsozialismus hervorkroch, ist es um so erstaunlicher, wie häufig in intellektuellen Debatten immer noch der Konnex zwischen Rationalität und NS gezogen wird. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Natürlich spielte die instrumentelle Vernunft bei der Umsetzung der nazistischen Vernichtungspolitik eine wesentliche Rolle. Daß mit ihrer Hilfe jedoch eine zutiefst irrationale Ideologie in die verbrecherische Praxis umgesetzt wurde, wird allzuleicht vergessen.

Die Rezeptionsgeschichte des Wiener Kreises, in vieler Hinsicht typisch für die Rezeption der analytischen Philosophie, ist ein Trauerspiel. Zwar gibt es seit längerer Zeit Bemühungen, dieses wichtige Kapitel, nicht nur der österreichischen Philosophiegeschichte, wieder verstärkt ins öffentliche Blickfeld zu rücken, etwa durch das in Wien ansässige Institut Wiener Kreis. Doch wie viel hier noch zu tun ist, zeigen die Buchhandelskataloge: Selbst zentrale Schriften dieser Philosophen sind nicht lieferbar, sondern müssen mühsam über Bibliotheken besorgt werden. Daß nach vielen Jahren beim Verlag Felix Meiner nun endlich eine Neuausgabe von Rudolf Carnaps Der logische Aufbau der Welt herausgegeben wurde, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ob es für die geistige Lage unserer Zeit symptomatisch ist, daß man im Verzeichnis lieferbarer Bücher unter “Rudolf Carnap” auf vier Titeleinträge stößt – davon einer als vergriffen gekennzeichnet -, während es bei “Martin Heidegger” deren 169 sind?

Nach dieser philosophiehistorischen Abschweifung sollte klar geworden sein, daß es eine Alternative zur postmodernen Art des Philosophierens gibt, denn das Projekt des Wiener Kreises wurde und wird in modifizierter Form nach 1945 fortgeschrieben. Überzeugende Ergebnisse gab es in allen philosophischen Teildisziplinen, wenn auch Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie an prominenter Stelle zu erwähnen sind. Popper, Quine, Kripke, Searle, Davidson und Putnam sind nur einige, die Hervorragendes geleistet haben. Welcher Stil des Philosophierens sich letztendlich durchsetzen wird, ist schwer zu prognostizieren. Es spricht angesichts der oben beschriebenen philosophischen Schwächen jedoch viel dafür, daß “die Postmoderne” einmal ebenso als Modephilosophie in die geistigen Annalen des Jahrhunderts eingeht, wie das beim Existentialismus der Fall war.

V.

Wieso also sollte man nicht auch die analytische Philosophie als alternative Grundlage für die Literaturtheorie heranziehen? Angesichts der philosophischen Schwächen und der politisch bedenklichen Implikationen gibt es keinerlei Notwendigkeit, postmoderne Theorien als Metatheorien für Literatur bzw. für Literaturwissenschaft zu verwenden. Demgegenüber stellt die analytische Philosophie mehrere Anknüpfungspunkte bereit, und zwar für die verschiedenen Ebenen des Objektbereichs “Literatur”.

Für theoretische Untersuchungen bieten sich etwa Anschlußmöglichkeiten bei der analytischen Ästhetik, was Strukturen und Eigenschaften ästhetischer Objekte und deren ontologischen Status betrifft. Beschreibt man Literatur als Sprachkunstwerk, werden ebenfalls Ergebnisse der Sprachphilosophie relevant. Eine ihrer prominenten Theorien, die Sprechakttheorie, hat ja schon einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreicht, andere gäbe es noch zu entdecken. Daß eine philosophische Richtung potentiell wichtige theoretische Beiträge zu einer Disziplin leisten kann, ist nicht weiter erstaunlich. Überraschender wäre schon, wenn sie auch praktische Relevanz besäße. Was würden auch die schönsten Theorien helfen, wenn es keine Alternative zur postmodernen Methode der Dekonstruktion bzw. zu den cultural studies gäbe? Vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes wäre es vermessen, schon jetzt eine “fertige” literaturwissenschaftliche Methode präsentieren zu wollen. Leider gibt es immer noch verhältnismäßig wenige Theoretiker der Literaturwissenschaft, die sich mit potentiellen Anwendungsmöglichkeiten der analytischen Philosophie für ihre Disziplin beschäftigen. Trotzdem kann man auch jetzt schon einige interessante Hinweise geben. Der Nutzen ist noch auf einer sehr abstrakten wissenschaftstheoretischen Ebene angesiedelt, denn interessant ist besonders die Anwendung methodologischer Kriterien der analytischen Wissenschaftstheorie auf die Literaturwissenschaft. Es geht also um die komplexe Frage, nach welchen dieser Kriterien sich ein Literaturwissenschaftler orientieren soll, wenn er möglichst zuverlässige Aussagen über Literatur erreichen will.

Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu können, seien doch zwei dieser Kriterien hervorgehoben. Als erstes und wichtigstes das der Intersubjektivität, d.h. jede Aussage muß zumindest prinzipiell der Prüfung durch die (Fach-)Öffentlichkeit unterzogen werden können. Damit eng zusammen hängt das Postulat einer möglichst klaren Fachsprache, um eine von Mißverständnissen weitgehend freie Kommunikation zu erreichen. Zugegebenermaßen handelt es sich hierbei um Idealforderungen, die in der Praxis nur schwer umzusetzen sein werden. Die Wichtigkeit dieser Postulate läßt sich aber wissenschaftstheoretisch ebenso unschwer zeigen wie die Fehler, welche durch deren Vernachlässigung entstehen. So hat Harald Fricke bereits 1977 in seiner Studie Die Sprache der Literaturwissenschaft anhand von 80 literaturwissenschaftlichen Aufsätzen unter anderem nachgewiesen, daß die Sprachverwendung um so poetischer und damit vieldeutiger werde, je weniger überzeugend die jeweiligen Argumente seien. Beide Kriterien stehen offensichtlich konträr zur postmodernen Theorie und Praxis, weshalb sich ihre Vertreter den begründeten Vorwurf gefallen lassen müssen, für fallende Erkenntnisstandards verantwortlich zu sein, wenn sie selbst auf diese wissenschaftlichen Minimalstandards verzichten wollen. Nicht zuletzt deshalb war etwas wie die Sokal-Affäre überhaupt erst möglich.

Eine andere Anregung, die von der analytischen Philosophie ausgehen könnte, betrifft verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit. Philosophen dieses Denkstils orientieren sich oft sehr fruchtbar an Ergebnissen diverser Einzelwissenschaften. Mehr Interdisziplinarität wäre auch für die Literaturwissenschaft wünschenswert. Bezüglich der philologischen Schwesterdisziplin Linguistik wird diese Forderung immer wieder erhoben, es scheint sich aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Fächern anzubieten, etwa der Kognitionswissenschaft.

Was also soll man einem theoretisch interessierten Literaturfreund raten? Wer Wert darauf legt, am theoretischen Puls der Zeit zu sein, wird um ausgewählte Lektüre postmoderner Publikationen nicht herumkommen, obwohl sich der Erkenntnisgewinn in engen Grenzen halten wird. Ansonsten sei die Suche nach der berühmten Nadel im literaturtheoretischen Heuhaufen empfohlen. Entweder greift man nach immer noch aktuellen Klassikern des Genres, etwas Jurij Lotmans Die Struktur literarischer Texte oder nach gelungenen Überblicksstudien. Herausragend bei letzteren sind die drei Werke Peter V. Zimas über Literarische Ästhetik (1991), Dekonstruktion (1994) und Moderne/ Postmoderne (1997). Obwohl sich bis jetzt eine “Analytische Literaturwissenschaft” nur am Rande etablieren konnte, gibt es nicht wenige Publikationen dieser Richtung. Erwähnenswert sind etwa die Veröffentlichungen Harald Frickes (vgl. Literaturverzeichnis) und die in der von ihm erschienenen Reihe Explicatio erschienenen Studien.

Ausgewählte Literatur:

Boyd, Richard; Gasper, Philip; Trout J.D.: The Philosophy of Science. Cambridge/London: MIT Press 1991 (=A Bradford Book)

Dasenbrock, Reed Way (Hrsg.): Redrawing the Lines: Analytic Philosophy, Deconstruction, and Literary Theory. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1989

Derrida, Jacques: Die différance. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Herausgegeben von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (=Reclams Universal Bibliothek 8998) S. 76-113

Derrida, Jacques: Die Struktur das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Herausgegeben von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (=Reclams Universal Bibliothek 8998) S. 114-139

Derrida, Jaques: Grammatologie. Frankfurt: Suhrkamp 1992 (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft 417)

Derrida, Jacques: Marx’ Gespenster. Frankfurt: Fischer Taschenbuch 1996 (=Zeitschriften)

Ellis, John M.: Against Deconstruction. Princeton: Princeton University Press 1989

Fricke, Harald: Die Sprache der Literaturwissenschaft. Textanalytische und philosophische Untersuchungen. München: C.H. Beck 1977 (=Edition Beck)

Fricke, Harald: Norm und Abweichung. Eine Philosophie der Literatur. München: C.H. Beck 1981 (=Beck´sche Elementarbücher)

Fricke, Harald: Literatur und Literaturwissenschaft. Beiträge zu Grundfragen einer verunsicherten Disziplin. Paderborn/München/Wien/Zürich: Schöningh 1991 (=Explicatio)

Geier, Manfred: Der Wiener Kreis. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1992

Harris, Wendell V. (Editor): Beyond Poststructuralism. The Speculations of Theory and the Experience of Reading. University Park: Pennsylvania State University Press 1996

Livingston, Paisley: Literary Knowledge. Humanistic Inquiry and the Philosophy of Science. Ithaca/London: Cornell University Press 1988

Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. 4. Auflage. München: Wilhelm Fink 1993 (=UTB 103)

Matheson, Carl; Kirchhoff, Evan: Chaos and Literatur. In: Philosophy and Literature. 1997. Nr. 1. S. 28-45

Stadler, Friedrich: Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Frankfurt: Suhrkamp 1997

Zima, Peter V.: Literarische Ästhetik. Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Tübingen: Francke 1991 (=UTB1590)

Zima, Peter V.: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Tübingen/Basel: Francke 1994 (=UTB 1805)

Zima, Peter V.: Moderne / Postmoderne. Tübingen/Basel: Francke 1997 (=UTB 1967)

Irrweg Psychoanalyse

Frederick Crews bringt es hübsch und korrekt auf den Punkt:

Step by step, we are learning that Freud has been the most overrated figure in the entire history of science and medicine—one who wrought immense harm through the propagation of false etiologies, mistaken diagnoses, and fruitless lines of enquiry.

Mehr zum Thema findet sich unter dem Schlagwort Psychoanalyse.

mordslust

Dieser Artikel ist die Langfassung des in the gap Nr. 120 erschienen Artikels.

Warum ist das Böse so verabscheuungswürdig und besitzt dennoch so eine Faszination? Vier neue Bücher beschreiben Ursachen, ohne dem wahren Bösen wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Böse fasziniert die Menschen seit sie begannen, über ihre Rolle im Universum nachzudenken. Wirft man einen Blick auf den Buchmarkt, ist diese Faszination ungebrochen. Eine Fülle von Neuerscheinungen zum Thema füllen die Regale. Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton versucht, das Böse aus einer philosophisch-kulturgeschichtlichen Perspektive zu behandeln. Eugen Sorg nähert sich von der anderen Seite: Als Vertreter des Roten Kreuzes während des Balkankriegs war er handfest mit den dort begangenen Gräueltaten konfrontiert und leitete aus diesen Erlebnissen seine provokanten Thesen ab. Zwei Neuerscheinungen schildern sehr eindringlich die Praxis des Bösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in Bloodlands zum ersten Mal gleichzeitig in einer Monographie ausführlich die Massenmorde an Zivilisten, welche die Schergen Stalins und Hitlers mit erschreckendem Enthusiasmus ausführten. Reichliches Anschauungsmaterial liefern in Soldaten die Sönke Nietzel und Harald Welzer herausgegebenen und kommentierten Protokolle von abgehörten deutschen Kriegsgefangen.

Kannibalismus und Sonderkommandos

Liest man im Detail über Taten, die man gemeinhin als „böse“ beschreibt, stellt sich schnell Fassungslosigkeit ein. Snyder schildert etwa minuziös die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe in der Ukraine und spart auch das tabuisierte Thema des Kannibalismus nicht aus. 2,5 Millionen Menschen verhungerten. Zahlreiche Belege zeigen, dass Familien eigene Kinder „opferten“, sie also kochten und gemeinsam aßen, um später trotzdem zu verhungern. Bekannter ist das Wüten der deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa, wo viele die von ihren Vorgesetzten vorgegeben Mordquoten ebenso übererreichen wollten, wie heute ein braver Angestellter die Zielvorgaben seiner Firma.

Natürlich drängt sich hier die Frage nach dem Warum auf. Je schrecklicher die Taten, desto bohrender die Frage. Jede Religion versucht, das Problem des Bösen auf ihre Weise zu lösen, gerne auch mit personifizierten bösen Gottheiten. Satan wurde im Christentum mit dieser Aufgabe betraut, unterstützt vom Konzept der Erbsünde. Über die berühmte Theodizee-Frage, wie ein allgütiger und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen logisch kompatibel sein könne, streiten sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten.
Die wichtigste Frage wird in der aktuellen Debatte aber kaum gestellt: Ist der Begriff des Bösen überhaupt erkenntnisrelevant? Betrachtet man das Phänomen aus erkenntnisgeschichtlicher Perspektive kann man diese Antwort nur verneinen. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass DAS BÖSE als Abstraktum existiert. Hier wird ein religiöses Konzept unkritisch in eine säkulare Debatte übertragen. Ergebnis sind substanzlos Spekulationen, die nicht widerlegbar sind, und damit keinen Erkenntniswert besitzen. Aussichtsreicher dürften weitere sozialpsychologische und neurologische Studien sein. Die Hirnforschung brachte in den letzten Jahren auch viel neues Wissen darüber, wie Religion im Kopf „funktioniert“.

Wer auf der Suche nach einer aktuellen Antwort zu Terry Eagletons Abhandlung über Das Böse greift, wird enttäuscht werden. Weder die inhaltliche Analyse des Phänomens noch die dafür angewandte Methodik ist überzeugend. Inhaltlich hält der Marxist das Böse für eine metaphysische Angelegenheit und nähert sich dem Begriff durch einen kulturwissenschaftlichen Parforce-Ritt durch die Weltliteratur, um schließlich bei Freuds Todestrieb erschöpft abzusteigen. Am überzeugendsten ist Eagleton, wenn er den aktuellen Sprachgebrauch rund um das Böse untersucht. Am Ende freilich steht der Leser bei schlechter Sicht im Nebel des kulturwissenschaftlichen Jargons und ist um kaum eine Erkenntnis reicher.

Der Mensch – ein böses Wesen?

Neue Denkanstöße gibt dagegen Eugen Sorgs polemisch-provokantes Buch Die Lust am Bösen. Die Hauptthese verrät bereits der Untertitel: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Sorg hält den aktuellen Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema für hochgradig naiv. Bei jeder abscheulichen Tat werde sofort nach externen Ursachen gesucht. Wenn die klassischen Erklärungsmuster (schwere Kindheit; Missbrauch; Armut…) versagen, etwa wenn Amokläufer oder Terroristen aus vorbildlichen Verhältnissen zu ihrem gut geplanten Werk schreiten, herrsche Ratlosigkeit. Laut Sorg wolle die Gesellschaft nicht wahr haben, dass es beim Menschen eine gattungstypische Veranlagung zum Bösen gäbe. Untersuchungen wie das berühmte Milgram-Experiment belegten dies ebenso, wie die im Fall der Versuchung völlig unterschiedliche Reaktionen von Nachbarn aus ähnlichen Verhältnissen. Der eine werde ohne Zwang zum Folterknecht, der andere riskiere sein Leben, um selbst „Feinden“ zu helfen. Beispiele aus dem Balkankrieg machen diese Behauptung plausibel. Im letzten Drittel des Buches widerspricht Sorg aber implizit seiner eigenen These über die Autonomie des Bösen: Er wendet sich der Beschimpfung des Islams zu. Zwar halte auch ich es für sehr aufschlussreich, die Rolle von Religionen als Gewaltkatalysator zu untersuchen, aber wenn Sorg nun die islamische Welt ebenso undifferenziert wie wutentbrannt der Gewaltverherrlichung zeiht, sucht er nun selbst genau nach den externen Ursachen für das Böse, die er kurz zuvor als Erklärungsversuch noch scharf zurück weist.

Die unerfreuliche anthropologische Hypothese, dass Menschen immer wieder gerne aus Spaß quälen und töten, belegen auch die Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten in dem Buch Soldaten. So meinte bereits im Juli 1940 ein Oberleutnant der Luftwaffe: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Eines vieler Beispiele. Falsch scheint auch die Annahme zu sein, die Verrohung eines Soldaten brauche viel Zeit. Ein Aufklärer bei der Luftwaffe empfand bereits nach vier Tagen sein Mordhandwerk als „Vorfrühstücksvergnügen“.

Ideologie ist fehl am Platz

Verteilt man weltanschauliche Zensuren, so steckt man diese Auffassung natürlich schnell ins konservative Eck. Wie die Beispiele zeigen, gibt es aber jede Menge Fakten, welche die Existenz von Gewalt um der Gewalt willen belegen. Der reaktionärer Umtriebe unverdächtige Jan Philipp Reemtsma spricht hier von autotelischer Gewalt.

Statt jeden Täter automatisch als Opfer seiner Umstände zu entschuldigen, sollte die Frage nach der individuellen Verantwortung nie reflexartig ausgeblendet werden. Die Idee von der Freiheit und Autonomie des Individuums war und ist eine fortschrittliche. Die in konservativen Kreisen beliebte Forderung, unverbesserliche böse Menschen gehörten möglichst hart bestraft, ist ebenfalls durch Fakten schnell als Kurzschluss überführt. In den USA etwa ist die Kriminalitätsrate trotz drakonischer Strafen signifikant höher als in EU-Staaten mit liberalem Strafrechtssystem. Das richtige Rezept ist hier, den anthropologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, aber darauf gesellschaftspolitisch pragmatisch statt ideologisch zu reagieren.

Die Bücher

  • Terry Eagleton: Das Böse. (Ullstein)
  • Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle, vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer)
  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist (Nagel & Kimche)

Otto Neurath – Gypsie Urbanism

Museum für angewandte Kunst 10.4.

Dem Philosophen Otto Neurath eine Ausstellung zu widmen, ist eine glänzende Idee. Er war Mitbegründer des Wiener Kreises und damit eine wichtige Figur für die analytische Philosophie. Die Stadt Wien würdigt ihn übrigens mit einer scheußlichen Straße in einem noch scheußlicheren Industriegebiet weit weg vom Zentrum der Stadt.

Mein Enthusiasmus für das Projekt ließ etwas nach als ich erkannte, dass sich die Ausstellung nur einem Thema widmet: Seiner „Erfindung“ der Isotype, einer normierten Bildsprache nicht nur für Statistiken. Es sind viele Beispiele und Berichte darüber im MAK zu sehen. Nun passt das natürlich im weitesten Sinn in Neuraths philosophisches Konzept, in der klare und eindeutige Kommunikation einen wichtigen epistemologischen Stellenwert einnimmt. Außerdem war deren Wirkung enorm. Man kann sich heute Medien ohne diese stilisierten Symbole gar nicht mehr vorstellen. Man hätte aber die Gelegenheit nutzen können, Neurath über dieses Thema hinaus zu präsentieren.

Man freut sich also, dass endlich etwas für Otto Neurath unternommen wird, und ärgert sich ein wenig darüber, dass man nicht den Mut zu einem größeren Wurf gefunden hat. (Bis 5.9.)

Moderne? Modernismus? Postmoderne?

Peter V. Zima bringt Licht ins Dunkel der aktuellen Theorienlandschaft [1998]

Für viele Literaturinteressierte ist der Begriff „Postmoderne“ längst ein Reizwort, das durch inflationären Gebrauch beinahe bedeutungsleer geworden ist. Aber nur wenige Theoretiker scheinen sich dadurch gestört zu fühlen: In philosophischen, soziologischen und literaturtheoretischen Debatten spielt das Postmoderne-Konzept mangels Alternativen nach wie vor eine wichtige Rolle. Kluge Veröffentlichungen zum Thema erleichtern diese theoretische Zwangsgemeinschaft, eine davon soll im folgenden vorgestellt werden.

Peter V. Zima, Vorstand des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Klagenfurt, publiziert in beeindruckender Regelmäßigkeit Studien, die als Standardwerke bezeichnet werden müssen. Nach Literarischer Ästhetik (1991) und Die Dekonstruktion (1994) ist nun Moderne/Postmoderne erschienen. Der Hauptvorzug liegt bei allen drei Bänden in der Kombination einer sehr differenzierten Analyse mit einer klaren Darstellungsweise. Angesichts der unnötigen Dunkelheit vieler literaturtheoretischer Publikationen, kann der hohe Grad an Lesbarkeit gar nicht genug hervorgehoben werden. Gilt doch in manchen Theoretiker-Zirkeln eine große Zahl an dunklen Metaphern bereits als Qualitätsnachweis, als ob stilistische Extravaganzen analytische Schärfe ersetzen könnten.

Die monographische Behandlung eines so komplexen Themas wie „Moderne/Postmoderne“ ist ein gewagtes Unterfangen, denn es gilt eine Vielfalt von Problemfeldern zu berücksichtigen. Den wichtigsten von ihnen sind denn auch fünf Kapitel der Studie gewidmet, im sechsten skizziert Zima eine eigene Theorie. Am Beginn steht zu Recht die Frage nach der Bestimmung der relevanten Begriffe, werden doch „Moderne“, „Modernismus“ und „Postmoderne“ von verschiedenen Disziplinen unterschiedlich verwendet. Während in der Soziologie „Moderne“ sehr oft synonym für „Neuzeit“ gebraucht wird, bezeichnet er auf literarischem Gebiet eine ästhetische Konzeption, die (trotz Vorläufern im vorigen Jahrhundert) erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Blüte stand. Deshalb schlägt Zima für den literarischen Bereich den Begriff „Modernismus“ vor, um Verwechslungen auszuschließen.

Umsichtig nimmt der Klagenfurter Literaturwissenschaftler mögliche Kritik vorweg, indem er seine Darstellung explizit als modifizierbare Konstruktionen begreift. Als Ausgangspunkt seiner Analyse dient ihm die These, daß Moderne, Modernismus und Postmoderne mit formalen und ästhetischen Kategorien allein nicht zu erfassen sind, dazu müsse auch der sprachliche, gesellschaftliche und soziologische Kontext berücksichtigt werden. Die Richtigkeit dieser Hypothese bestätigt sich im Verlauf der Untersuchung: Alle einschlägigen Publikationen, die ausschließlich mit formal-ästhetischen Kriterien arbeiten, beziehen sich jeweils nur auf einen Ausschnitt der literarischen Moderne und ignorieren Autoren, die sich nicht in die jeweilige Theorie einpassen lassen. Wie sollte man auch die Werke von Thomas Mann, Kafka, Joyce und Gide und anderen auf einen ästhetischen Nenner bringen? Bezöge man noch die diversen Avantgarden wie Futurismus und Dadaismus mit ein, wäre das Unterfangen gänzlich aussichtslos.

Angesichts dieser Problemlage widmet sich Zima zuerst soziologischen und philosophischen Fragestellungen. Die Antworten der Soziologen fallen erwartungsgemäß höchst unterschiedlich aus. Neben anderen werden einschlägige Publikationen von Ulrich Beck, Zygmunt Bauman, Alain Touraine und Anthony Giddens ebenso besprochen wie Bücher ökofeministischer, marxistischer und konservativer Provenienz. Dabei gelingt Zima stets eine sachliche Rekonstruktion der Theorien, ohne daß er deshalb auf kritische Argumente verzichten müßte.

Diese bewährte Darstellungsweise wendet der Literaturwissenschafter dann auch im Kapitel über postmoderne Philosophien an: Die Ansichten Foucaults, Deleuzes, Vattimos, Rortys und – selbstverständlich – Derridas werden prägnant analysiert. Habermas‘ Kommunikationstheorie wird als universalistische Kontrastfolie für Lyotards extremen Partikularismus verwendet.

Nachdem der theoretische Kontext nun detailliert beschrieben wurde, wendet sich Zima der literaturwissenschaftlichen Debatte zu. Er schlägt folgendes literaturgeschichtliche Modell vor: Während in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts Ambiguitäten zwischen Schein und Sein, Gut und Böse usw. noch aufgelöst werden konnten, wandeln sie sich im Modernismus zu Ambivalenzen, die unaufgelöst nebeneinander bestehen bleiben. In der Postmoderne wird die Ambivalenz durch die Indifferenz abgelöst: Werte werden beliebig austauschbar. Zima macht diese Sichtweise überwiegend an Beispielen österreichischer Literatur plausibel, etwa indem er Musils Drama „Die Schwärmer“ Werner Schwabs „Mesalliance“ gegenüberstellt. Ein Ergebnis sind zwei nützliche Kataloge, welche typische Stilbegriffe und damit verbundene philosophische Probleme für den Modernismus und die Postmoderne zusammenfassen und die auch literaturtheoretischen Laien einen schnellen Überblick erlauben.

Welchen Standpunkt nimmt nun Zima selbst in den heftig tobenden theoretischen Grundsatzdebatten ein? Er macht kein Geheimnis daraus, daß er in der Tradition der Frankfurter Schule steht. Diese teilweise unkritische Übernahme der Kritischen Theorie fordert zur Kritik heraus, etwa wenn er sich an mehreren Stellen auf Adornos und Horkheimers Theorie der Aufklärung beruft, ohne den fragwürdigen Aufklärungsbegriff der beiden zu thematisieren. Trotzdem wäre es unfair, Zima eine ideologische Haltung zu unterstellen, ist doch die Vermeidung ideologischer Fallstricke eines seiner Hauptanliegen. So fordert er im letzten Kapitel seines Buches eine dialogische Auseinandersetzung der unterschiedlichen theoretischen Lager, die jeweils monologisch ihre Positionen wiederholten: „Das Gehäuse des Monologs kann noch am ehesten durch interdiskursiven Dialog, durch interdiskursive Kritik aufgebrochen werden: d.h. durch eine Auseinandersetzung zwischen ideologische und theoretisch heterogenen Soziolekten und ihren Diskursen.“ (S. 384)

Die Sympathie, die man diesem Vorschlag spontan entgegenbringt, darf aber über dessen Schwächen nicht hinwegtäuschen. Diese Gleichberechtigung der Diskurse setzt nämlich einen radikalen Konstruktivismus voraus: jeder Diskurs konstruiere eine jeweils eigenständige Wirklichkeit und sei deshalb gleichberechtigt mit allen anderen. Bezieht man sich dabei nur auf kognitive Prozesse, ist diese Feststellung banal. Zima scheint jedoch einen ontologischen Konstruktivismus zu befürworten, denn ohne diesen machte seine These von der Gleichberechtigung der Diskurse wenig Sinn. Das aber ist eine so starke und fragwürdige theoretische Grundannahme, daß es wenig aussichtsreich erscheint, daß sie von den Vertretern der unterschiedlichen Positionen als gemeinsame Basis akzeptiert werden könnte.

Doch auch wenn man Zimas anregende Lösungsvorschläge nicht ohne weiteres teilen mag: Sein Buch über „Moderne/Postmoderne“ gehört zu den besten, die im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema erschienen sind.

Peter V. Zima: Moderne/Postmoderne.. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen/Basel: A. Francke 1997 (=UTB 1967)

[© Christian Köllerer]

Edward Larson: Evolution

The Remarkable History of a Scientific Theory

Larsons kleine Wissenschaftsgeschichte der Evolutionstheorie hörte ich in einer ungekürzten Fassung als Hörbuch. Präzise und kompetent erzählt Larson die Geschichte dieser wissenschaftlichen Revolution. Er fängt vor Darwin an, geht naturgemäß ausführlich auf dessen Leben und Werk ein, hält sich aber nicht zu lange im 19. Jahrhundert auf. Die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts werden ebenfalls ausführlich geschildert, inklusive der wichtigen Rolle der Molekulargenetik und Statistik bei der Fortentwicklung der Evolutionstheorie.

Auch die fehlgeleiteten Übertragungen der Theorie auf gesellschaftliche Phänomene in Form des Sozialdarwinismus und der eugenischen Bewegungen kommen nicht zu kurz.

Ein kompetentes Buch zum Thema, allerdings ohne intellektuelle Überraschungen.

Skeptische Fundstücke

Wir können uns nie absolute Sicherheit verschaffen, daß unsere Theorie nicht hinfällig ist. Alles, was wir tun können, ist, nach dem Falschheitsgehalt unserer besten Theorie zu fahnden.
(Popper, Objektive Erkenntnis)

Christopher Hitchens: God is not Great

(Gehört als Audiobook.)

Der dritte atheistische Besteller (nach Richard Dawkins und Sam Harris) der letzten Zeit, konnte mich am wenigsten überzeugen. Hitchens trägt zwar die bekannten validen Argumente gegen religiöse Dummheiten zusammen, zeichnet sich aber negativ durch zu viel Selbstverliebtheit aus. Seine autobiographischen Exkurse wirken oft mehr eitel als erhellend. Wer nur ein Buch zum Thema lesen will, sollte also nicht zu diesem greifen. Nebenbei sei bemerkt, dass Hitchens ein vergleichsweise schlechter Vorleser ist. Ich hörte mir seine Gesamtlesung als Audiobook an.

Christopher Hitchens: God is not Great. How Religion Poisons Everything

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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