19. Jhd. (Philosophie)

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Tocqueville: Democracy in America

Im Frühjahr denke ich, dass 2016 ein ideales Jahr wäre, um diesen berühmten Klassiker zu lesen. Steht im Mittelpunkt doch das amerikanische politische System und die Gesellschaft der USA in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung. Der 1805 geborene Franzose Alexis-Charles-Henri Clérel de Tocqueville reiste 1831 mit seinem Freund Gustave de Beaumont nach Amerika. Offiziell um sich mit dem dortigen Gefängnissystem zu beschäftigen. Bekannt wurde der Autor aber nicht für seinen Gefängnisbericht, sondern durch die Publikation des ersten Bandes seiner Democracy in America im Jahr 1835. Ein solches Buch hatte die Welt bisher noch nicht gesehen: Eine systematische und philosophisch reflektierte Beschreibung der politischen Institutionen der ersten modernen Demokratie von beeindruckender Ausführlichkeit. Damit begründet Tocqueville im Alleingang die politische Soziologie. 1840 erschien der zweite Band, welcher völlig unterschiedlich konzipiert ist, nämlich als philosophische Reflexion über die Auswirkungen eines demokratischen Systems auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche, von der Literatur zum Militär.

Was Literatur angeht, stößt der Franzose auf sie an unerwarteten Orten:

There is hardly a pioneer’s hut that does not contain a few odd volumes of Shakespeare. I remember that I read the feudal drama „Henry V“ for the first time in a log cabin.

Liest man das Buch heute, sind sehr unterschiedliche Aspekte spannend. Die bereits erwähnte Begründung einer neuen beschreibenden Methode ist ebenso darunter wie der Quellenwert über die frühe Geschichte der Vereinigten Staaten. Vieles ist aus heutiger Sicht natürlich anachronistisch. Damals wurde beispielsweise der Senat noch nicht vom Volk gewählt, was die ausführlichen Reflexionen dazu irrelevant macht. Tocquevilles intelligente und skeptische Analysen sind allerdings allgemein eine Lesefreude. Vieles ist bis heute gültig, etwa seine Reflexionen über Kriege und Demokratien. Am faszinierendsten für Leser aus dem 21. Jahrhundert ist freilich seine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Stärken und den Schwächen der Demokratie. Gerade letztere sind mit der Wahl Trumps zum nächsten amerikanischen Präsidenten derzeit ja so offensichtlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

If ever the free institutions of America are destroyed, that event may be attributed to the omnipotence of the majority, which may at some future time urge the minorities to desperation and oblige them to have recourse to physical force. Anarchy will then be the result, but it will have been brought about by despotism.

Tocqueville beschreibt ausführlich die Probleme, welche die „Allmacht der Mehrheit“ für Minderheiten grundsätzlich mit sich bringt. Laut seinen Eindrücken setzt in den USA seiner Zeit die Mehrheit via Legislative nämlich hemmungslos die eigenen Interessen durch, auch wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit oder auf Kosten von Minderheiten gehen. Er betont immer wieder plausibel, dass sich Demokratie und Unfreiheit nicht notwendigerweise ausschließen. Aus heutiger Sicht entbehrt das nicht der Ironie, haben sich die USA in den letzten Jahrzehnten doch zu einer Oligarchie entwickelt, wo die Mehrheit regelmäßig gegen ihre ureigenen Interessen abstimmt. Dieser Kontrast ist frappant und ist für mich bei der Lektüre sehr fesselnd.

Anders als Platon kritisiert er die Demokratie allerdings nicht als dessen Feind, sondern will als kritischer Befürworter:

But I am of the opinion that if we do not succeed in gradually introducing democratic institutions into France, if we despair of imparting to all the citizens those ideas and sentiments which first prepare them for freedom and afterwards allow them to enjoy it, there will be no independence at all, either for the middle classes or for the nobility, for the poor or for the rich, but an equall tyranny over all.“

Herausragend sind auch die im Großen und Ganzen sehr emphatischen Kapitel über die Sklaven und die Ureinwohner des Kontinents. Natürlich ist auch Tocqueville nicht frei von rassistischen Stereotypen, aber er entwickelt einen klaren Blick auf die Grausamkeiten gegen beide Gruppen und urteilt deutlich:

Oppression has, at one stroke, deprived the descendants of the Africans of almost all privileges of humanity.

Für mich bestätigt die Lektüre von Democracy in America einmal mehr, dass die großen alten Bücher der Geistesgeschichte die Gegenwart oft besser ausleuchten als die Flut an schlecht durchdachten „Analysen“ mit denen wir täglich medial zugeschüttet werden.

Alexis Tocqueville: Democracy in America [in unterschiedlichen Ausgaben gelesen]

John Stuart Mill: On Liberty

The only freedom which deserves the name, is that of pursuing our own good in our own way, so long as we do not attempt to deprive others of theirs.

Wir sind Zeitzeugen, wie fundamentale Grundrechte selbst von demokratischen Ländern ignoriert werden. Sei es die amerikanische Verfassung, sei es das deutsche Grundgesetz: Der geheimdienstliche Überwachungswahn gefährdet jene Freiheiten, die er zu schützen vorgibt. Die neue Weltreligion heißt Sicherheit. Eine passende Zeit also, die klassischen Texte wieder zu lesen, auf denen unsere modernen Werte des menschlichen Zusammenlebens beruhen.

Ein Klassiker über Freiheit ist John Stuart Mills On Liberty. Ursprünglich als kurzer Essay geplant, ist das 1859 publizierte Werk ein kleines Buch geworden. Mill hatte als Ausgangspunkt seine umfangreichen historischen Kenntnisse, etwa über den Absolutismus, die zeitgenössischen Schurkenstaaten wie Russland und die zarten Hoffnungsträger in Sachen Freiheit wie die USA und natürlich auch sein eigenes Land: Großbritannien. Letzteres ist aber gleich wieder zu relativieren, geht er doch streng mit dem schädlichen Konformismus ins Gericht, der sich im britischen Bürgertum ja bis heute gehalten hat.

Man kann On Liberty überhaupt als eine Brandrede gegen den Konformismus lesen. In den beiden wichtigsten Kapiteln des Essays rechtfertigt Mill mit nach wie vor gültigen Argumenten die Meinungsfreiheit und das Recht auf Individualität.

Freiheit definiert Mill negativ durch deren Grenzen:

That the only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others. His own good, either physical or moral, is not a sufficient warrant.

Das ist der aktuellen Tendenz, den Menschen auch in der westlichen Welt staatlich vorschreiben zu wollen, wie sie sich privat korrekt zu verhalten haben, natürlich entgegen gesetzt.

Obwohl Mills Plädoyer für Individualität in einer gewissen Spannung zu seiner utilitaristischen Ethik steht, argumentiert er doch sowohl bei der Meinungsfreiheit als auch beim Individualismus vom gesellschaftlichen Nutzen her. Es sei für die Gesellschaft besser, von der Mehrheit abweichende Meinungen zu hören, und starke Individuen zu haben, weil sich die erkenntnistheoretische und soziale Dynamik positiv auf eine fortschrittliche Entwicklung auswirke.

Pflichtlektüre in Zeiten wie diesen!

John Stuart Mill: On Liberty (Oxford World’s Classics)

Neuzugang: On Politics

Eine besondere Vorliebe habe ich für gewichtige Überblicksdarstellung. Deshalb möchte ich eine sehr gut besprochene Neuerscheinung herausgreifen, die ich kürzlich erwarb: Alan Ryans On Politics. A History of political thought from Herodotus to the present.

Auf über 1000 Seiten stellt Ryan die Geschichte der politischen Theorie dar.

Rezensionen:

New York Review of Books
The Economist

John Stuart Mill

Die erste Biographie über den großen liberalen Philosophen John Stuart Mill seit mehr als fünfzig Jahren ist zu vermelden. Geschrieben hat sie Richard Reeves und sie passend Victorian Firebrand betitelt. Eine ausführliche Rezension kann man in der New York Review of Books nachlesen. Eine prägnantere Besprechung findet man The Guardian.

Empfehlungen: Die Philosophiegeschichte des Frederick Copleston

Gute Philosophiegeschichten gibt es nur wenige auf dem Buchmarkt. Eine der mit Abstand besten schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts der gelehrte Jesuit Frederick Copleston. Das elf Bände umfassende Werk nötigt Respekt vor dieser gewaltigen Arbeitsleistung ab. Der Forschungsstand ist natürlich inzwischen veraltet. Da sich die aktuellen Debatten aber meist um ähnliche Fragestellungen kreisen, trotzdem interessant. Die Darstellungen der einzelnen Philosophen lesen sich ausgesprochen frisch.
Zwei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Seine in bester angelsächsische Manier sehr verständliche Darstellungsweise, die trotzdem komplexe Sachverhalte nicht simplifiziert. Die Ausführlichkeit seiner Darlegung ist weiters hervorzuheben. Die meisten Philosophiegeschichten bestehen aus einem bis drei Bänden, eine lächerliche Anzahl angesichts des gewaltigen Stoffes. Wer also seine Bibliothek philosophisch aufrüsten will, dem sei Coplestons Lebenswerk sehr ans Hirn gelegt. Nebenbei bemerkt ein Beleg, dass man sogar als Jesuit seine Zeit nützlich verbringen kann. Die einzelnen Bände sind:

Was ist Philosophie?

The psychologist William James once described philosophy as ‚a peculiar stubborn effort to think clearly‘. This is a rather dry definition, but is more nearly right than any other I know. True, clarity is not exactly the first thing that comes to mind when most people think of philosophy. There is no denying that philosophers‘ attempts to think clearly have often rudely backfired. (Any subject that is responsible for producing Heidegger, for example, owes the world an apology). Still, William James was right to describe philosophy as he did. Even the darkest of its practioners are struggling to make sense of things, and it is this effort that makes them philosophers.

[Anthony Gottlieb: The Dream of Reason, S. IX]

Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

„Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“

WBG Werkausgabe bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Nach mehreren Jahren also wieder einmal ein größeres Werk von Nietzsche. Eine ausgesprochen anregende Lektüre, nicht zuletzt vor dem Hintergrund von wem dieser Philosoph heute als Vorbild in die Pflicht genommen wird.

Obwohl Nietzsche der analytischen Philosophie aufgrund seiner Anschauungen fern steht, so muss man ihm in vielen Fällen eine ausgesprochen analytische Vorgehensweise konzedieren, etwa wenn er argumentiert, dass viele philosophische Probleme durch die „Grobheit“ der Umgangssprache entstehen. Allerdings setzt er dieses Argument nur ex negativo ein. Gottlob Frege, der geniale Begründer der modernen Logik, löste dieses Problem durch die Schaffung einer logischen Kunstsprache, und erbrachte damit eine der größten intellektuellen Leistungen des 19. Jahrhunderts.

Nietzsche liest man besten literarisch, als einen der glänzendsten Stilistiker und Rhetoriker, der selbst seine wüstesten Ausfälle gegen die Herdenmenschen, Demokratie, Sozialismus, um ein paar zu nennen, in sprachliche Glanzlichter verwandelt. Besonders erfreulich ist diese Sprachkunst dann, wenn auch an der Sache nichts auszusetzen ist, etwa bei großen Teilen seiner religionskritischen Ausführungen.

Es gilt heute als philosophischer common sense, dass man Nietzsches Ausflüge in die Politik nicht so einfach beim Wort nehmen darf. Dem kann man insoweit folgen als sich immer wieder subtile Distanzsignale und Relativierung im Text finden lassen. Diese semantischen Alibis reichen jedoch nicht so weit, um den rhetorischen Impetus des Textes aufzuheben. Nietzsche will eine neue Philosophie, eine neue „Moral“ und vertritt mit sein aristokratisches Menschenbild mit hinreichender Penetranz, um ihn sachlich ernst zu nehmen. Um Nietzsche zu verteidigen, wird gerne nach folgendem Muster verfahren: Wenn Zitat A, politisch unerfreulich ist, dann ist A in metaphorischen Sinn gemeint. Mit demselben Verfahren verteidigen Theologen gerne unerfreuliche Bibelzitate. Diese Methode ist aber nur dann legitim, wenn vorher die Kriterien offen gelegt werden, nach denen zwischen bildlichem und „normalen“ Sprachgebrauch unterschieden wird.

Eines fällt bei „Jenseits von Gut und Böse“ auf: Immer wenn Nietzsche seine fragwürdigen Weltanschauung propagiert, nimmt die Rhetorik zu ungunsten des Arguments zu. Nietzsche ist am besten, wenn er kritisiert, am wenigsten überzeugend, wenn er seine Philosophie propagiert. Je aggressiver die Thesen, desto fragwürdiger die Logik.

Während Nietzsche den größten Wert auf intellektuelle Qualität bei der „Konkurrenz“ legt und keine Fehler durchgehen läßt, wirft er seine höchst fragwürdiges Anthropologie dem Leser stilistisch brillant an den Kopf, ohne plausible Argumente anzuführen:

Hier muß man gründlich auf den Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens Ausbeutung

[…]

Die „Ausbeutung“ gehört nicht einer verderbten oder unvollkommenen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist.

Was Nietzsche hier als tapfere, tabulose und revolutionäre neue Philosophie verkauft, besteht zu einem guten Teil aus einer unreflektierten Übernahme zeitgenössischer Theorien (von der Rassenlehre bis zum Sozialdarwinismus). Über seine pathologischen Ausführungen über die „Weiber“ sei hier übrigens dezent der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

Die Rezeption der Philosophie Nietzsches gehört vor dem Hintergrund seiner vergleichsweise seltsamen Thesen zu den geistesgeschichtlich spannendsten Themen seiner Zeit. Brauchbar auch als Lackmus-Test für Intellektuelle. Während Thomas Mann mehr als zwei Jahrzehnte brauchte, um sich von Nietzsche weltanschaulich zu distanzieren, hat Robert Musil die Werke Nietzsches quasi als anregenden intellektuellen Steinbruch missbraucht, und ist einige der aufgeworfenen Fragen (etwa nach einer adäquaten zeitgenössischen Moralanalyse) mit eigenen methodischen Mitteln angegangen, ohne sich von der reaktionäre Seite dieser Philosophie stärker beeindrucken zu lassen.

Was die aktuelle Nietzsche-Rezeption angeht, kann man zahlreichen Nicht-Denkern aufschlussreicherweise beim Nicht-Denken zusehen. Die Umdeutung Nietzsches zum progressiven Denker erfordert ein so großes Maß an geistesgeschichtlicher Ignoranz, dass es mindestens einen Derrida benötigt, um dies zu vertreten. Hier sind wir nun freilich in einer Welt des „Geistes“ angelangt, die Originalität und Absurdität als „Erkenntnis“kriterien anerkennt, womit sich der Kreis zu Nietzsche nun tatsächlich schließt…

(Etwas mehr dazu in meinem 1999 geschriebenen Aufsatz „Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie“, den man online u.a. lesen kann auf koellerer.de, koellerer.net (Teil 1, Teil 2 und Teil 3) und der Erlanger Digitalen Edition.)

Schopenhauer…

Haffmans-Ausgabe bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Nach den „Buddenbrooks“ erschien es mir passend, das umfangreiche Kapitel aus „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu lesen, das Senator Thomas Buddenbrook zu einem philosophischen Erweckungserlebnis führt, ein Erlebnis, das freilich nach ein paar Tagen wieder verblasst.

„Über den Tod und sein Verhältniss zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich“ lautet der volle Titel des Abschnitts. Wohl wissend, dass mir dieses metaphysische Wühlen denkbar fern steht, war ich doch betroffen, wie schlecht (handwerklich gesprochen) Schopenhauer seine Argumente präsentiert.

An vielen Stellen fehlt buchstäblich jegliche Logik: Es wird innerhalb eines Arguments nicht nur beliebig zwischen unterschiedlichen Abstraktionsebenen gewechselt und semantisch an Blähsucht leidende Begriffe verwendet, sondern auch regelmäßig rhetorische Tricks eingesetzt (was ist hier dem intelligenten Menschen nicht alles evident und man muss ja ein ausgemachter Trottel sein, wenn man ob dieser genialen Welterklärung nicht in Verzückung gerät …)

Einige von Schopenhauers „empirischen“ Beobachtungen hätten schon einer zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Überprüfung nicht stattgehalten, selbst wenn man von dem unmotivierten Hin- und Herspringen zwischen angeblich naturwissenschaftlichen und metaphysischen Begriffen höflichkeitshalber absieht.
Vor dieser Ausgangslage hilft es auch nicht weiter, brutal aus dem theoretischen Zusammenhang gerissene Zitate klassischer Philosophen als Stützen heranzuziehen. Vergleicht man das (formale) Denkniveau Schopenhauers mit einem brillanten Kopf wie Kant, könnte man vergleichsweise unfreundliche Gedanken über die Entwicklung der deutschen Philosophie in den Jahrzehnten nach dem Königsberger anstellen…

Ideengeschichte in der guter alter englischer Manier

Betreibt angeblich John Wyon Burrow in seinem Buch „Die Krise der Vernunft“, in dem er sich mit der europäischen Geistesgeschichte zwischen 1848 und 1914 auseinandersetzt [Perlentaucher].

* Addendum Dez. 2009: Der Link führt zur englischsprachigen Originalausgabe, da die deutsche Ausgabe vergriffen ist. John W. Burrow ist 2009 leider verstorben.

Pierre Bayle und deutschen Sozialdarwinisten

Es gibt nur einen Grund für diese gewagte Überschrift, nämlich dass sich zu beiden Themen zwei lesenswerte Aufsätze im aktuellen Journal of the History of Ideas (2/2002) finden.

Pierre Bayle (1647-1706), dem aufgeklärten Zeitgenossen als prominenter Frühaufklärer bekannt, steht im Mittelpunkt der Abhandlung von Thomas M. Lennon. Der stellt sich die Frage: „Did Bayle Read Saint-Evremond?“

Die Antwort darauf läßt Rückschlüsse darüber zu, ob Pierre Bayle ein Atheist war oder nicht – eine immer wieder zentrale Frage im intellektuellen Prominentenklatsch des 18. Jahrhunderts.

Charles de Marguetel de St. Denis, sieur de Saint-Evremond, war als Atheist notorisch und Bayle hat sich an mehreren Stellen auf ihn bezogen.

The upshot of the overall argument here would be that Balye should be taken at face value in his profession of faith, or at least that one line of argument for not doing so [ein Zitat in bezug auf Saint-Evremond] ist highly questionable. But if the argument restores the credibility of Bayle’s profession of religious faith, it threatens the credibility of his philosophical position. [S. 235]

Ceterum censeo, dass eine komplette Neuübersetzung von Bayle’s „Dictionnaire historique et critique“ längst überfällig ist.

In Darwinism and Death: Devaluing Human Life in Germany 1859-1920 zeigt Richard Weikart einen gespenstischen Reigen an sozialdarwinistischer Menschenverachtung. Viele (nicht alle!) deutsche Darwinisten hatten offenbar David Hume nicht genau gelesen (Sein-Sollen-Problem) und zogen aus ihrer Interpretation der Evolutionstheorie weitreichende ethische Schlussfolgerungen, etwa dass Euthanasie biologisch wünschenswert wäre.

In sum, many leading Darwinian biologists and popularizers in the late nineteenth and early twentieth centuries led the attack on existing moral standards, on body-soul dualism, and so on the sanctity of human life. [S 343]

Gerne verdrängt wird die Tatsache, dass in diesem argumentativen Umfeld auch für die Abtreibung Stellung bezogen wurde:

Eugenics provided important impetus for those promoting the legalization of abortion. Most of the leading abortion advocates – Helene Stöcker, Adele Schreiber, Henriette Fürth, Grete Meisel-Hess, Oda Olberg, and others – were avid Darwinian materialists who saw abortion not only as an opportunity to improve the conditions of women, but also as a means to improve human race and contribute to evolutionary progress. [S. 341]

Natürlich spricht das nicht gegen eine Befürwortung von Abtreibung heute, aber man sollte sich dieser Zusammenhänge immer bewusst sein.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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