19. Jhd. (Philosophie)

John Stuart Mill

Die erste Biographie über den großen liberalen Philosophen John Stuart Mill seit mehr als fünfzig Jahren ist zu vermelden. Geschrieben hat sie Richard Reeves und sie passend Victorian Firebrand betitelt. Eine ausführliche Rezension kann man in der New York Review of Books nachlesen. Eine prägnantere Besprechung findet man The Guardian.

Empfehlungen: Die Philosophiegeschichte des Frederick Copleston

Gute Philosophiegeschichten gibt es nur wenige auf dem Buchmarkt. Eine der mit Abstand besten schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts der gelehrte Jesuit Frederick Copleston. Das elf Bände umfassende Werk nötigt Respekt vor dieser gewaltigen Arbeitsleistung ab. Der Forschungsstand ist natürlich inzwischen veraltet. Da sich die aktuellen Debatten aber meist um ähnliche Fragestellungen kreisen, trotzdem interessant. Die Darstellungen der einzelnen Philosophen lesen sich ausgesprochen frisch.
Zwei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Seine in bester angelsächsische Manier sehr verständliche Darstellungsweise, die trotzdem komplexe Sachverhalte nicht simplifiziert. Die Ausführlichkeit seiner Darlegung ist weiters hervorzuheben. Die meisten Philosophiegeschichten bestehen aus einem bis drei Bänden, eine lächerliche Anzahl angesichts des gewaltigen Stoffes. Wer also seine Bibliothek philosophisch aufrüsten will, dem sei Coplestons Lebenswerk sehr ans Hirn gelegt. Nebenbei bemerkt ein Beleg, dass man sogar als Jesuit seine Zeit nützlich verbringen kann. Die einzelnen Bände sind:

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Was ist Philosophie?

The psychologist William James once described philosophy as ‘a peculiar stubborn effort to think clearly’. This is a rather dry definition, but is more nearly right than any other I know. True, clarity is not exactly the first thing that comes to mind when most people think of philosophy. There is no denying that philosophers’ attempts to think clearly have often rudely backfired. (Any subject that is responsible for producing Heidegger, for example, owes the world an apology). Still, William James was right to describe philosophy as he did. Even the darkest of its practioners are struggling to make sense of things, and it is this effort that makes them philosophers.

[Anthony Gottlieb: The Dream of Reason, S. IX]

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Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

“Vorspiel einer Philosophie der Zukunft”

WBG Werkausgabe bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Nach mehreren Jahren also wieder einmal ein größeres Werk von Nietzsche. Eine ausgesprochen anregende Lektüre, nicht zuletzt vor dem Hintergrund von wem dieser Philosoph heute als Vorbild in die Pflicht genommen wird.

Obwohl Nietzsche der analytischen Philosophie aufgrund seiner Anschauungen fern steht, so muss man ihm in vielen Fällen eine ausgesprochen analytische Vorgehensweise konzedieren, etwa wenn er argumentiert, dass viele philosophische Probleme durch die “Grobheit” der Umgangssprache entstehen. Allerdings setzt er dieses Argument nur ex negativo ein. Gottlob Frege, der geniale Begründer der modernen Logik, löste dieses Problem durch die Schaffung einer logischen Kunstsprache, und erbrachte damit eine der größten intellektuellen Leistungen des 19. Jahrhunderts.

Nietzsche liest man besten literarisch, als einen der glänzendsten Stilistiker und Rhetoriker, der selbst seine wüstesten Ausfälle gegen die Herdenmenschen, Demokratie, Sozialismus, um ein paar zu nennen, in sprachliche Glanzlichter verwandelt. Besonders erfreulich ist diese Sprachkunst dann, wenn auch an der Sache nichts auszusetzen ist, etwa bei großen Teilen seiner religionskritischen Ausführungen.

Es gilt heute als philosophischer common sense, dass man Nietzsches Ausflüge in die Politik nicht so einfach beim Wort nehmen darf. Dem kann man insoweit folgen als sich immer wieder subtile Distanzsignale und Relativierung im Text finden lassen. Diese semantischen Alibis reichen jedoch nicht so weit, um den rhetorischen Impetus des Textes aufzuheben. Nietzsche will eine neue Philosophie, eine neue “Moral” und vertritt mit sein aristokratisches Menschenbild mit hinreichender Penetranz, um ihn sachlich ernst zu nehmen. Um Nietzsche zu verteidigen, wird gerne nach folgendem Muster verfahren: Wenn Zitat A, politisch unerfreulich ist, dann ist A in metaphorischen Sinn gemeint. Mit demselben Verfahren verteidigen Theologen gerne unerfreuliche Bibelzitate. Diese Methode ist aber nur dann legitim, wenn vorher die Kriterien offen gelegt werden, nach denen zwischen bildlichem und “normalen” Sprachgebrauch unterschieden wird.

Eines fällt bei “Jenseits von Gut und Böse” auf: Immer wenn Nietzsche seine fragwürdigen Weltanschauung propagiert, nimmt die Rhetorik zu ungunsten des Arguments zu. Nietzsche ist am besten, wenn er kritisiert, am wenigsten überzeugend, wenn er seine Philosophie propagiert. Je aggressiver die Thesen, desto fragwürdiger die Logik.

Während Nietzsche den größten Wert auf intellektuelle Qualität bei der “Konkurrenz” legt und keine Fehler durchgehen läßt, wirft er seine höchst fragwürdiges Anthropologie dem Leser stilistisch brillant an den Kopf, ohne plausible Argumente anzuführen:

Hier muß man gründlich auf den Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens Ausbeutung

[...]

Die “Ausbeutung” gehört nicht einer verderbten oder unvollkommenen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist.

Was Nietzsche hier als tapfere, tabulose und revolutionäre neue Philosophie verkauft, besteht zu einem guten Teil aus einer unreflektierten Übernahme zeitgenössischer Theorien (von der Rassenlehre bis zum Sozialdarwinismus). Über seine pathologischen Ausführungen über die “Weiber” sei hier übrigens dezent der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

Die Rezeption der Philosophie Nietzsches gehört vor dem Hintergrund seiner vergleichsweise seltsamen Thesen zu den geistesgeschichtlich spannendsten Themen seiner Zeit. Brauchbar auch als Lackmus-Test für Intellektuelle. Während Thomas Mann mehr als zwei Jahrzehnte brauchte, um sich von Nietzsche weltanschaulich zu distanzieren, hat Robert Musil die Werke Nietzsches quasi als anregenden intellektuellen Steinbruch missbraucht, und ist einige der aufgeworfenen Fragen (etwa nach einer adäquaten zeitgenössischen Moralanalyse) mit eigenen methodischen Mitteln angegangen, ohne sich von der reaktionäre Seite dieser Philosophie stärker beeindrucken zu lassen.

Was die aktuelle Nietzsche-Rezeption angeht, kann man zahlreichen Nicht-Denkern aufschlussreicherweise beim Nicht-Denken zusehen. Die Umdeutung Nietzsches zum progressiven Denker erfordert ein so großes Maß an geistesgeschichtlicher Ignoranz, dass es mindestens einen Derrida benötigt, um dies zu vertreten. Hier sind wir nun freilich in einer Welt des “Geistes” angelangt, die Originalität und Absurdität als “Erkenntnis”kriterien anerkennt, womit sich der Kreis zu Nietzsche nun tatsächlich schließt…

(Etwas mehr dazu in meinem 1999 geschriebenen Aufsatz “Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie”, den man online u.a. lesen kann auf koellerer.de, koellerer.net (Teil 1, Teil 2 und Teil 3) und der Erlanger Digitalen Edition.)

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Schopenhauer…

Haffmans-Ausgabe bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Nach den “Buddenbrooks” erschien es mir passend, das umfangreiche Kapitel aus “Die Welt als Wille und Vorstellung” zu lesen, das Senator Thomas Buddenbrook zu einem philosophischen Erweckungserlebnis führt, ein Erlebnis, das freilich nach ein paar Tagen wieder verblasst.

“Über den Tod und sein Verhältniss zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich” lautet der volle Titel des Abschnitts. Wohl wissend, dass mir dieses metaphysische Wühlen denkbar fern steht, war ich doch betroffen, wie schlecht (handwerklich gesprochen) Schopenhauer seine Argumente präsentiert.

An vielen Stellen fehlt buchstäblich jegliche Logik: Es wird innerhalb eines Arguments nicht nur beliebig zwischen unterschiedlichen Abstraktionsebenen gewechselt und semantisch an Blähsucht leidende Begriffe verwendet, sondern auch regelmäßig rhetorische Tricks eingesetzt (was ist hier dem intelligenten Menschen nicht alles evident und man muss ja ein ausgemachter Trottel sein, wenn man ob dieser genialen Welterklärung nicht in Verzückung gerät …)

Einige von Schopenhauers “empirischen” Beobachtungen hätten schon einer zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Überprüfung nicht stattgehalten, selbst wenn man von dem unmotivierten Hin- und Herspringen zwischen angeblich naturwissenschaftlichen und metaphysischen Begriffen höflichkeitshalber absieht.
Vor dieser Ausgangslage hilft es auch nicht weiter, brutal aus dem theoretischen Zusammenhang gerissene Zitate klassischer Philosophen als Stützen heranzuziehen. Vergleicht man das (formale) Denkniveau Schopenhauers mit einem brillanten Kopf wie Kant, könnte man vergleichsweise unfreundliche Gedanken über die Entwicklung der deutschen Philosophie in den Jahrzehnten nach dem Königsberger anstellen…

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Ideengeschichte in der guter alter englischer Manier

Betreibt angeblich John Wyon Burrow in seinem Buch “Die Krise der Vernunft”, in dem er sich mit der europäischen Geistesgeschichte zwischen 1848 und 1914 auseinandersetzt [Perlentaucher].

* Addendum Dez. 2009: Der Link führt zur englischsprachigen Originalausgabe, da die deutsche Ausgabe vergriffen ist. John W. Burrow ist 2009 leider verstorben.

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Pierre Bayle und deutschen Sozialdarwinisten

Es gibt nur einen Grund für diese gewagte Überschrift, nämlich dass sich zu beiden Themen zwei lesenswerte Aufsätze im aktuellen Journal of the History of Ideas (2/2002) finden.

Pierre Bayle (1647-1706), dem aufgeklärten Zeitgenossen als prominenter Frühaufklärer bekannt, steht im Mittelpunkt der Abhandlung von Thomas M. Lennon. Der stellt sich die Frage: “Did Bayle Read Saint-Evremond?”

Die Antwort darauf läßt Rückschlüsse darüber zu, ob Pierre Bayle ein Atheist war oder nicht – eine immer wieder zentrale Frage im intellektuellen Prominentenklatsch des 18. Jahrhunderts.

Charles de Marguetel de St. Denis, sieur de Saint-Evremond, war als Atheist notorisch und Bayle hat sich an mehreren Stellen auf ihn bezogen.

The upshot of the overall argument here would be that Balye should be taken at face value in his profession of faith, or at least that one line of argument for not doing so [ein Zitat in bezug auf Saint-Evremond] ist highly questionable. But if the argument restores the credibility of Bayle’s profession of religious faith, it threatens the credibility of his philosophical position. [S. 235]

Ceterum censeo, dass eine komplette Neuübersetzung von Bayle’s “Dictionnaire historique et critique” längst überfällig ist.

In Darwinism and Death: Devaluing Human Life in Germany 1859-1920 zeigt Richard Weikart einen gespenstischen Reigen an sozialdarwinistischer Menschenverachtung. Viele (nicht alle!) deutsche Darwinisten hatten offenbar David Hume nicht genau gelesen (Sein-Sollen-Problem) und zogen aus ihrer Interpretation der Evolutionstheorie weitreichende ethische Schlussfolgerungen, etwa dass Euthanasie biologisch wünschenswert wäre.

In sum, many leading Darwinian biologists and popularizers in the late nineteenth and early twentieth centuries led the attack on existing moral standards, on body-soul dualism, and so on the sanctity of human life. [S 343]

Gerne verdrängt wird die Tatsache, dass in diesem argumentativen Umfeld auch für die Abtreibung Stellung bezogen wurde:

Eugenics provided important impetus for those promoting the legalization of abortion. Most of the leading abortion advocates – Helene Stöcker, Adele Schreiber, Henriette Fürth, Grete Meisel-Hess, Oda Olberg, and others – were avid Darwinian materialists who saw abortion not only as an opportunity to improve the conditions of women, but also as a means to improve human race and contribute to evolutionary progress. [S. 341]

Natürlich spricht das nicht gegen eine Befürwortung von Abtreibung heute, aber man sollte sich dieser Zusammenhänge immer bewusst sein.

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Daniel Breazeale: Fichte’s Conception of Philosophy

“…as a ‘Pragmatic History of the Human Mind’ and the Contributions of Kant, Platner, and Maimon

(Journal of the History of Ideas 4/2001)

Im Zentrum des Aufsatzes steht die Analyse, was Fichte mit dem Ausdruck “pragmatische Geschichtsschreibung” meint, der grundlegend für sein frühes Philosophieverständnis ist. “Nebenbei” entsteht auch eine Skizze dieser Philosophieauffassung, die am Beginn des deutschen philosophischen Sonderweges steht und die Philosophie in eine idealistische (in der erkenntnistheoretischen und ontologischen Bedeutung des Begriffs) Sackgasse führte, in der sie teilweise heute noch steckt. Ein Beleg dafür ist die verständnislose Hilflosigkeit, mit der man den Naturwissenschaften gegenübersteht.

Interessant ist Breazeales kleiner Exkurs über Simon Maimon, der 1792 in seinem Aufsatz “Ueber den Progressen in der Philosophie” gelungene Überlegungen zur Methodik der Philosophiegeschichtsschreibung anstellte. Nicht die Wiedergabe des Inhalts diverser Systeme sei in das Zentrum zu stellen, sondern die philosophische Methodik mit deren Hilfe diese Systeme errichtet würden.

To summarize, Fichte’s history of the human mind is “pragmatic” in the sense that it is not a chronicle of past events nor a journalistic description of the empirical facts of consciousness: nor does it describe a series of self-constitutive acts theat are supposed to occur an sich. A pragmatic history of the I must be artfully constructed a priori for the specific task of explaining ordinary experience as a whole. [S. 701]

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Wichtige Neuerscheinungen

  • Terry P. Pinkard: Hegel. A Biography (Cambridge University Press; knapp 800 Seiten Hegel auf dem aktuellen Stand der Forschung. Wohl bekomms :-))
  • Alexander Nehamas: Virtues of Authenticity. Essays on Plato and Socrates (Princeton University Press; Nehmas ist ein kritischer Schüler von Gregory Vlastos, dem Begründer der analytischen Platon-Forschung)
  • Jill Gordon: Turning Toward Philosophy: Literary Device and Dramatic Structure in Plato’s Dialogues (Pennsylvania State University Press; Plato-Forschung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive)
  • George Hoffmann: Montaigne’s Career (Clarendon Press; lesenswerte neue biographische Studie)
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    Simon Blackburn: Königsberg Confidential

    The New Republic vom 23.04. 2001

    Ein ausführlicher Artikel, inspiriert durch die Kant-Biographie von Manfred Kuehn, “the distinguished German scholar”. Blackburn ist Philosophieprofessor in Cambridge und hat einiges über die Kantianische Moralphilosophie zu sagen. Von einer “Rezension” zu sprechen wäre allerdings übertrieben, da es offenbar Blackburns Intention war, eine kleine Einführung in die Philosophie des Königsbergers zu schreiben, statt ausführlicher auf das Buch von Kühn einzugehen. Immerhin erfährt der Leser, dass Kühn einige der Kant-Klischees zu entkräften weiß, die seit 200 Jahren regelmäßig kolportiert werden.

    Ich konnte bei meinen Online-Recherchen keine deutsche Ausgabe des Buches finden, offenbar handelt es sich um eine Originalausgabe für die Cambridge University Press. Da man die Werke (und Zitate) eines Philosophen möglichst in der Originalsprache lesen sollte, erscheint mir das eine etwas eigenartige Vorgehensweise zu sein, und ich bin mir nicht sicher, ob der Vorteil des größeren Lesepublikums diesen Nachteil aufwiegt.

    Update Jan. 2010: Das Buch erschien im Winter 2003 in einer deutschen Übersetzung [Perlentaucher].

    Links:

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