17. Jhd. (Philosophie)

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Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert

Rezension geschrieben für die Ö1-Sendung Kontext am 7. November 2014

Was wäre unser Alltag ohne den persönlichen Terminkalender? Nur sehr beneidenswerte Menschen sind heutzutage in der Lage, ihr Leben ohne einen Kalender zu führen. Sei es ganz altmodisch in Papierform oder elektronisch am Smartphone. Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, seit wann und warum dieser unverzichtbare Alltagsgegenstand unser Leben beherrscht, finden Sie die Antwort bei Achim Landwehr: In seiner „Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“ dient dem Historiker die Entstehung des modernen Kalenders als Beispiel für eine umfassende Änderung des Zeitverständnisses in allen Bevölkerungsschichten. Landwehr beschreibt diesen Wandel aus vielen unterschiedlichen Perspektiven und versucht eine theoretische Fundierung der Fakten. Sie alle illustrieren einen großen Schritt in Richtung unseres modernen Zeitverständnisses:

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts gewinnt Gegenwart einen eigenständigen Stellenwert, eine eigene Identität, die unabhängig von anderen Kategorien wahrgenommen werden kann. Vergangenheit und Zukunft können von der Gegenwart abgekoppelt, ja als im eigentlichen Sinn nicht existent konzipiert werden. Allein die Gegenwart gibt es, und von ihr aus werden die Zeithorizonte Vergangenheit und Zukunft entworfen.
[202]

Vor dem Leser entfaltet sich nach und nach ein Panoptikum dieser Veränderung. Landwehr gibt in vielen kurzen Abschnitten einen faszinierenden Einblick in das Leben der frühen Neuzeit. Zu Beginn der betrachteten Epoche ist das Weltbild der meisten Menschen noch durch Stabilität gekennzeichnet. Die eigene Position in der Gesellschaft ist ebenso fixiert wie jene im Universum. Während die Kleiderordnungen regeln, wie man sich statuskonform anzuziehen hat, erklärt die Kirche, wie die eigene Zukunft aussehen wird. Es herrscht die feste Überzeugung, dass die Apokalypse, und damit das Ende der Welt, unmittelbar bevor stünde. Endzeitpropheten haben Hochkonjunktur. Dieser apokalyptischen Zukunft steht eine idyllische Vergangenheit gegenüber: Früher war nämlich alles besser und das Optimum war selbstverständlich das Paradies der Bibel. Wie sicher die Zukunft für die Menschen damals war, zeigen die beliebten Jahreskalender. Selbst das Wetter konnte man zwölf Monate im Voraus nachlesen. Für ein Verständnis der Gegenwart in unserem modernen Sinne bleibt zwischen dieser utopischen Vergangenheit und der vorher bestimmten Zukunft kein Platz.
Plakativ illustriert das der Kalender des Grafen Johann Maximilian IV. Emanuel von Preysing-Hohenaschau aus dem Jahr 1717. Dieser Kalender hat nämlich bereits eine Spalte für eigene, private Einträge. Der Graf weiß allerdings noch nichts mit dieser Gegenwart anzufangen und lässt sie leer.
Die Wertschätzung alles Alten illustriert Landwehr mit zahlreichen Beispielen. Die damalige Gerichtspraxis sieht etwa folgendermaßen aus: Grenz- und Besitzstreitigkeiten wurden dadurch geklärt, indem man möglichst viele alte Menschen als Zeugen befragt. Diese Praxis nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts immer weiter ab. Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit: Ehemals als Tabu geltende tabuisierte Fragen wie der nach dem Alter der Erde werden kontrovers diskutiert. Selbst die Genealogien von Adelshäusern werden historisch exakter. Sogar die bis vor kurzem unbezweifelbare Autorität der antiken Historiker gerät ins Wanken. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ist die berühmte Querelle des Anciens et des Modernes aus dem Jahr 1688.
Eine der wichtigsten Ursachen für diese Entwicklungen, nämlich die wissenschaftliche Revolution der frühen Neuzeit, streift Landwehr leider nur am Rande.
Die Entstehung der Presse unterstreicht und verstärkt den neuen Umgang mit der Zeit. Nicht nur ist die Gegenwart plötzlich so wichtig, dass man sich regelmäßig mit ihr beschäftigt. Der regelmäßige Erscheinungsrhythmus der Zeitungen verändert die Bedeutung der Inhalte:

Zeitungen und andere mediale Weltvermittler erscheinen in bestimmten Abständen immer wieder, unabhängig davon, ob etwas Berichtenswertes passiert oder nicht. (…) Es geht also in den periodisch erscheinenden Medien nicht darum, dann etwas zu berichten, wenn etwas passiert ist, sondern regelmäßig etwas zu berichten, unabhängig davon, was gerade passiert. Dadurch wird das Hier und Jetzt, wird die Gegenwart als Gegenwart zum Thema gemacht.
[154]

Diese und viele anderen Beispiele belegen Landwehrs These, dass die Geburt der Gegenwart tatsächlich im 17. Jahrhundert stattfand. Warum gerade damals?

Meine These ist, (…) dass es zum Aufstieg der Gegenwart im 17. Jahrhundert kam, weil auf der einen Seite die jüngere Vergangenheit seit der Mitte, überdeutlich jedoch seit Ende des 16. Jahrhunderts stark an Überzeugungskraft eingebüßt hatte. Dieser Prozess setzte sich europaweit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts fort, insofern diese Zeit von blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen, massiven wirtschaftlichen Nöten, Klimaverschlechterung, Seuchen oder die Verfolgung von Randgruppen und Minderheiten geprägt war.
[196/197]

Landwehrs Leistung besteht nicht zuletzt darin, dass er den Spagat zwischen der geistesgeschichtlichen und der sozialgeschichtlichen Dimension seines anspruchsvollen Themas exzellent bewältigt.

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert (S. Fischer)

Pascal: Pensées

Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.

Pascal (1623-1662) ist ein schwieriger Fall. Seine unvollendeten Pensées wurden 1669 zum ersten Mal publiziert und zählen heute zu den berühmtesten Büchern der Weltliteratur. Diese Gedanken sind Passagen unterschiedlicher Länge: Die Spannbreite reicht von Aphorismen bis zu mehrseitigen Essays. Moderne Ausgaben gliedern sie meist thematisch, obwohl das angesichts der Vielschichtigkeit der Textpassagen oft schwierig ist. Für mich ist die Qualität des Werks sehr divergent. Viele Sätze sind ausgesprochen treffend und fassen die Misere der Menschen brillant zusammen. Man könnte Dutzende zitieren:

Wie hohl und voller Schmutz ist doch des Menschen Herz.

Da man nicht allseitig sein und alles erfahren kann, was man über alles wissen könnte, muß man ein wenig von allem wissen, denn es ist weitaus schöner, etwas von allem zu wissen, als alles von einer Sache zu wissen.

Unsere ganze Würde besteht also im Denken.

Bist du weniger ein Sklave, weil dein Herr dich liebt und dir schmeichelt?

Das Wichtigste für das ganze Leben ist die Wahl des Berufs; und der Zufall entscheidet darüber.

Ich nehme es als Tatsache an, wenn alle Menschen wüßten, was die einen von den anderen sagen, so gäbe es keine vier Freunde auf der Welt.

Diese Gedanken sind gut gedacht und gut geschrieben. Anders sieht es aus, wenn sich Pascal mit dem eigentlichen Thema der Pensées beschäftigt, nämlich der Religion. Hier wird aus Brillanz übergangslos Blindheit. Es ist verblüffend, wie effektiv Religion als Hirnausschalter funktioniert. Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Büchern von begabten religiösen Menschen. Am Beispiel von Augustinus Gottesstaat gehe ich ausführlicher darauf ein.
Pascal hat zuerst ein methodisches Problem: Er ist der prinzipiell plausiblen Meinung, dass es aussichtslos ist, der Religion mit den Mitteln der Vernunft zu Leibe zu rücken. Allerdings bleibt dann wenig übrig für ein Buch, das bei anderen Themen von seinem Scharfsinn lebt.
Viele Beispiele könnte ich als Beleg bringen. Nehmen wir dieses:

Erbarmenswert ist zu sehen, wie so viele Türken, Ketzer und Ungläubige der Lebensart ihrer Väter aus dem einzigen Grunde folgen, daß man ihnen allen die vorgefaßte Meinung aufgezwungen hat, dies sei das beste … Gerade deshalb wissen die Wilden nichts mit der Vorsehung anzufangen.
[S. 107]

Wie intelligent Pascal war, zeigen seine bahnbrechenden Beiträge zur Mathematik. Wie konnte er nicht sehen, dass es bei den Katholiken nicht anders ist als bei den Türken ist, und die Religion ebenfalls deshalb angenommen wird, weil sie jene der Eltern und des Umfelds ist?
Wenn man diese Metaebene bei der Lektüre bewusst mitnimmt, also wie Religion die Qualität des Denkens eines Genies negativ beeinflussen kann, enthält man eine faszinierende Zusatzdimension.

Eine andere Klasse an Unfug über Religion ist Pascals Blindheit gegenüber Fakten:

Nicht so verhält es sich bei der Kirche, denn in ihr gibt es wahrhaftige Gerechtigkeit und keine Gewalttätigkeit.

Der von mir so geschätzte Montaigne war in Religionsdingen wesentlich hellsichtiger. Ein Grund dafür, warum Pascal regelmäßig an Montaigne herumkrittelt.

Unter Philosophiegeschichtlern gibt es seit langem die Debatte, ob man Pascal überhaupt als „Philosoph“ bezeichnen sollte. Ich schließe mich der Auffassung an, dass „Apoleget“ deutlich besser das Projekt der Pensées trifft. Philosophen des 17. Jahrhunderts schufen systematische Theorien und versuchten, diese kohärent zu argumentieren. Descartes wäre ein Beispiel, Leibniz ein anderes. Hinzukommt, dass Pascals Hauptintention nicht wahr, die Welt zu verstehen, sondern den Katholizismus zu verteidigen.

Wer Pascal lesen will, dem kann ich die unten verlinkte Ausgabe sehr empfehlen. Sie ist bibliophil ausgestattet, schön gedruckt und die Zeichnungen des Johannes Heisig treffen die anthropologische Dimension der Gedanken ausgezeichnet.

Blaise Pascal: Gedanken (Faber & Faber)

Neuzugang: On Politics

Eine besondere Vorliebe habe ich für gewichtige Überblicksdarstellung. Deshalb möchte ich eine sehr gut besprochene Neuerscheinung herausgreifen, die ich kürzlich erwarb: Alan Ryans On Politics. A History of political thought from Herodotus to the present.

Auf über 1000 Seiten stellt Ryan die Geschichte der politischen Theorie dar.

Rezensionen:

New York Review of Books
The Economist

John Locke an Mohamed Morsi

Dessen aber bin ich sicher: Ob Herrscher oder Untertan, wer es auch immer unternimmt, gewaltsam die Rechte entweder des Fürsten oder des Volkes anzutasten, und den Grund legt zu einem Umsturz der Verfassung und der gesamten Struktur einer gerechten [!] Regierung, macht sich des schwersten Verbrechens schuldig, daß nach meinem Gefühl ein Mensch überhaupt begehen kann. Er muß all jenes Unheil von Blutvergießen, Raub und Verwüstung verantworten, die das Zertrümmern einer Regierung über das Land bringt.
[2. Abhandlung über die Regierung, § 230]

Thomas Hobbes: Leviathan

Diese Notizen schrieb ich 2005 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Erster und zweiter Teil

Es ist gar nicht so einfach, eine vollständige und gute Textausgabe zu finden. Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass immer nur die ersten beiden Teile publiziert werden. So hatte ich in meiner Bibliothek eine englische und eine deutsche Ausgabe, die beide dieses Manko aufwiesen. Die Ausgabe des Meiner Verlags scheint vollständig zu sein und wartet inzwischen in meiner Buchhandlung auf mich. Dritter und vierter Teil bleibt also nachzutragen.

Liest man den Leviathan zum ersten Mal komplett, leuchtet einem die Berühmtheit dieses Buches schnell ein. Er kannte nicht nur Galileo Galilei persönlich, sondern versuchte seine Individual- und Sozialphilosophie auf eine methodisch ähnlich feste Grundlage zu stellen. Stellenweise liest er sich wie ein analytischer Sprachphilosoph:

Ebenso vielfach kann man auch die Sprache mißbrauchen, nämlich erstens, wenn man wegen der schwankenden Bedeutung seiner Worte seine Gedanken widersinnig aufsetzt […] Zweitens, wenn man die Worte figürlich, d.h. in einem anderen Sinn gebraucht und so andere betrügt. Drittens, wenn man durch Worte Absichten zu haben haben vorgibt, die man nicht hat […]
[S. 30]

Daraus leitet er folgende Forderung an die denkende Zunft ab, die sich bis heute noch nicht zu allen herumsprach:

Bei Erlernung wissenschaftlicher Kenntnisse zeigt sich also einer der vorzüglichsten Vorteile der Rede darin, daß man die Worte richtig definiert, sowie hingegen einer der vornehmsten Nachteile darin besteht, daß man entweder falsche oder gar keine Definitionen festsetzt. Dies ist die Quelle der falschen und vernunftwidrigen Sätze, durch welche diejenigen, die nicht durch eigenes Nachdenken, sondern durch bloßes Bücherlesen sich unterrichten wollen, bei ihrer Unwissenheit gewöhnlich um so schlechter wegkommen, als im Gegenteil andere bei gründlicher Einsicht allemal besser fahren. Unwissenheit liegt mitten zwischen gründlicher Wissenschaft und irriger Lehre.
[S. 34]

Wer die Situation an den damaligen Unversitäten kennt, wird dies auch als notwendige Polemik gegen spätscholastische Umtriebe verstehen.

Dieser Enthusiasmus für die neuen Denkmethoden schlägt im Konzept seiner Sozialphilosophie zum größten Nachteil um. Hobbes braucht ein höchstes Prinzip (ähnlich einem Naturgesetz), von dem er bei seinen Überlegungen ausgehen kann. Das ist für ihn der oberste Herrscher, welcher seine absolute Machtfülle durch einen Vertrag von seinen Untertanen übertragen bekam. Grund dafür ist laut Hobbes der unerfreuliche Naturzustand ohne Staat, wo Gewalt an der Tagesordnung ist und jeder mit jedem in Konflikt steht. Hobbes liegt mit dieser Annahme sicher näher an der anthropologischen Wahrheit als später Rousseau, der sich den Naturzustand der Menschheit als ein arkadisches Schäferstück vorstellte, in dem edle Naturmenschen selbstlos durch humane Taten glänzen. Trotzdem vernachlässigt er den für die menschlichen Gattung wichtigen Aspekt der Kooperation (was natürlich nicht ausschließt, dass diese menschlichen Kooperativen untereinander wieder im Clinch liegen).

Behält man das bei der Lektüre im Kopf, ist man erstaunt über die Vielzahl an stringenten Überlegungen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass man so viele gute Argumente (auch in einem technischen Sinn des Wortes) für die Regierungsform der absoluten Monarchie finden kann. Geistesgeschichtlich kann man den Versuch, eine systematische Staatslehre nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu entwickeln, nicht hoch genug einschätzen. Bin schon gespannt auf die beiden nächsten Teile.

Dritter Teil

Dieser Teil fehlt ebenso wie der vierte unverständlicherweise in vielen Ausgaben des Leviathan. Vermutlich glauben viele Herausgeber, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Bibelinterpretation, sei heutigen Lesern nicht mehr zuzumuten. Dabei ist der dritte Teil “Von einem christlichen Gemeinwesen” für die Argumentation des Buches unverzichtbar. Denn nachdem Hobbes in den ersten beiden Wesen die Notwendigkeit des Staats anthropologisch begründert und die Eigenschaften eines solchen Gemeinswesens (und der Beteiligten) beschreibt, lag im 17. Jahrhundert eine Frage auf der Hand: Welche Rolle spielt die Kirche im Staat?

Der Dreh- und Angelpunkt von Hobbes Staatstheorie ist die (buchstäblich) uneingeschränkte Souveränität des Monarchen. Deshalb argumentiert er (durchaus überzeigend) gegen die Auffassung, die Kirche sei das Königreich Gottes auf Erden.
Mindestens so interessant wie der Inhalt dieser Ausführungen ist jedoch seine Methode. Stärker noch als in der ersten Hälfte des Buches bevorzugt Hobbes eine klassisch analytische Vorgehensweise. Man vermeint oft einen modernen analytischen Philosophen zu lesen, sieht man einmal davon ab, dass Hobbes nicht mit Mitteln der formalen Logik arbeitet. Seine Untersuchung der Worte “Geist, “Engel” und “Inspiration” leitet er folgendermaßen ein:

Da die Grundlage aller wahren Beweisführung die feste Bedeutung von Worten ist, die in der folgenden Lehre nicht (wie in der Naturwissenschaft) vom Willen des Verfassers abhängt und auch nicht (wie im Alltagsgespräch) vom allgemein üblichen Gebrauch, sondern von dem Sinn, den sie in der Schrift haben, ist es notwendig, bevor ich fortfahre, nach der Bibel die Bedeutung solcher Wörter zu bestimmen, die durch ihre Doppeldeutigkeit das, was ich aus ihnen zu folgern im Begriff bin, unverständlich oder strittig machen könnten.
[S. 332]

Nebenbei formuliert Hobbes übrigens auch den Kern der Sprechakttheorie, dreihundert Jahre vor Austin:

Wenn vom Wort Gottes oder vom Wort des Menschen gesprochen wird, bezeichnet es nicht einen Redeteil, wie die Grammatiker ein Nomen oder ein Verb oder irgendeinen einfachen Ausdruck nennen, ohne Zusammenhang mit anderen Worten, die ihm Bedeutung geben; sondern eine vollkommene Rede oder Darlegung, durch welche der Sprecher bestätigt, leugnet, befiehlt, verspricht, droht wünscht oder fragt.
[S. 352]

Es überrascht nicht, dass er als brillanter Denker alle Ansprüche der Religion kritisch hinterfragt:

Denn wer Anspruch darauf erhebt, die Menschen den Weg zu solcher Glückseligkeit zu lehren, erhebt Anspruch darauf, sie zu beherrschen; das heißt über sie zu herrschen und zu regieren, etwas, was alle Menschen von Natur aus wollen und was daher verdient, der Machtgier und des Betrugs verdächtigt zu werden, und folglich von jedermann nachgeprüft und untersucht werden sollte, bevor er solchen Menschen Gehorsam leistet […]
[S. 365]

Man könnte noch eine Vielzahl solcher Stellen zitieren, u.a. über Wunder oder Engel. Kurz, Hobbes schreibt religonskritisch wie viele Vertreter der Aufklärung im nachfolgenden Jahrhundert. Zwar widerspricht seine Staatstheorie des Absolutismus ebenso den politischen Theorien der Aufklärung wie sein “dunkles” Menschenbild dem anthropologischen Optimismus des voltairschen Zeitalters. Seine skeptische und methodenbewusste Denkweise kann man aber nur zur intellektuellen Avantgarde des 17. Jahrhunderts zählen.

Vierter Teil

Der vierte und letzte Teil dieses geistreichen Buches widmet sich schwerpunktmäßig den intellektuellen Schwachstellen in theologischen Argumentationen. Wieder beginnt Hobbes meist sprachanalytisch, indem er kritisch die Bedeutungen der verwendeten Termini hinterfragt.

Wenn es um Kritik an der Sache geht, verwendet der Philosoph Methoden, die auch für heutige Skeptiker nichts an Aktualität verloren haben. So führt er das “Sehen von Dämonen” auf Bewusstseinserlebnisse zurück:

Als ob die Toten, von denen sie träumten, nicht die Bewohner des eigenen Hirns wären, sondern der Luft oder des Himmels oder der Hölle, nicht Phantasmen, sondern Geister; mit ebensoviel Grund, als sagte jemand, er habe seinen eigenen Geist in einem Spiegel gesehen oder die Geister der Sterne in einem Fluß, oder als nennte jemand die gewöhnliche Erscheinung der Sonne vom Umfang etwa eines Fußes den Dämon oder Geist jener großen Sonne, welche die ganze sichtbare Welt erleuchtet.
[S. 537]

Ebensowenig an Gültigkeit verloren hat der Hinweis, dass die Kirche eine Menge von heidnischen Praktiken übernommen hat:

Das Kanonisieren von Heiligen ist ein weiteres Relikt des Heidentums: es ist weder ein Mißverständnis der Schrift noch eine neue Erfindung der römischen Kirche, sondern ein Brauch, der so alt ist wie das Gemeinwesen Roms.
[S. 555]

Hochgradig erstaunlich und lesenswert ist das Kapitel Von der Finsternis durch Scheinphilosophie und mythischer Überlieferung, Hobbes Abrechnung mit dem spätscholastischen Wortgeklingel. En passant sei bemerkt, dass die postmoderne Philosophie der Gegenwart eine Menge von Gemeinsamkeiten mit der zu Ende gehenden scholastischen Philosophie aufweist, vor allem die aufgeblähte, semantisch leere Terminologie mit der dem Außenstehenden Tiefsinn vorgegaukelt wird, um das geistige Vakuum zu überdecken. Sehr modern erläutert Hobbes, was Philosophie ist:

Unter Philosophie versteht man das Wissen, das durch logische Schlußfolgerung von der Art der Entstehung eines Dings auf seine Eigenschaften oder von den Eigenschaften auf eine Möglichkeit seiner Entstehung zum dem Zweck erworben wird, solche Wirkungen hervorrufen zu können, die das menschliche Leben erfordert, soweit Materie und menschliche Kraft es zulassen.
[S. 558]

Dem wird die universitäre Metapysik gegenübergestellt:

Und was dort geschrieben steht, ist allerdings von der Möglichkeit des Verstandenwerdens größtenteils so weit entfernt und so unvereinbar mit der natürlichen Vernunft, daß jemand, der denkt, es ließe sich irgend etwas darunter verstehen, es notwendigerweise für übernatürlich halten muss.
[S. 564]

Ein letztes Beispiel:

Ich werde nur dies eine hinzufügen, daß die Schriften der scholastischen Theologen größtenteils nichts anderes als nichtssagende Ketten von fremden und sprachwidrigen Wörtern oder Wörtern, die anders gebraucht werden als üblicherweise in der lateinischen Sprache […]
[S. 576]

Diese wenigen Auszüge belegen hoffentlich ausreichend, dass der “Leviathan” ein hochgradig lesenswertes Buch ist. Das gilt nicht nur für die berühmten ersten beiden Teilen, in dem Hobbes seine ebenso bedenklich wie brillant gedachte Staatsphilosophie formuliert, sondern auch für die oft vernachlässigte zweite Hälfte des Werks, in der sich Hobbes als modern denkender (religions)kritischer Kopf erweist.

Thomas Hobbes: Leviathan (Reclam UB; übersetzt von Jacob Peter Mayer)

Thomas Hobbes: Leviathan (Penguin Classics)

Francis Bacon, Susan Sontag, das 16. und 17. Jahrhundert und “Faust”…

…bemüht heute Werner D’Inka in seinem FAZ Leitartikel, um die Änderungen im Layout zu rechtfertigen. Der Arme muss viel Angst vor seinen konservativen Lesern haben.

Bibliothekstipp: Werke Baruch de Spinozas

Der Felix Meiner Verlag, eine der besten deutschen Adressen für philosophische Klassiker, bringt eine preisgünstige dreibändige Werkausgabe heraus. Details finden sich hier.

Empfehlungen: Die Philosophiegeschichte des Frederick Copleston

Gute Philosophiegeschichten gibt es nur wenige auf dem Buchmarkt. Eine der mit Abstand besten schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts der gelehrte Jesuit Frederick Copleston. Das elf Bände umfassende Werk nötigt Respekt vor dieser gewaltigen Arbeitsleistung ab. Der Forschungsstand ist natürlich inzwischen veraltet. Da sich die aktuellen Debatten aber meist um ähnliche Fragestellungen kreisen, trotzdem interessant. Die Darstellungen der einzelnen Philosophen lesen sich ausgesprochen frisch.
Zwei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Seine in bester angelsächsische Manier sehr verständliche Darstellungsweise, die trotzdem komplexe Sachverhalte nicht simplifiziert. Die Ausführlichkeit seiner Darlegung ist weiters hervorzuheben. Die meisten Philosophiegeschichten bestehen aus einem bis drei Bänden, eine lächerliche Anzahl angesichts des gewaltigen Stoffes. Wer also seine Bibliothek philosophisch aufrüsten will, dem sei Coplestons Lebenswerk sehr ans Hirn gelegt. Nebenbei bemerkt ein Beleg, dass man sogar als Jesuit seine Zeit nützlich verbringen kann. Die einzelnen Bände sind:

Hobbes’ “Leviathan”

Meine paar Bemerkungen zu Hobbes finden sich gesammelt auf folgenden Seiten: Leviathan Erster und Zweiter Teil, Dritter Teil und Vierter Teil.

Thomas Hobbes: Leviathan. Vierter Teil

Meiner Philosophische Bibliothek

Der vierte und letzte Teil dieses geistreichen Buches widmet sich schwerpunktmäßig den intellektuellen Schwachstellen in theologischen Argumentationen. Wieder beginnt Hobbes meist sprachanalytisch, indem er kritisch die Bedeutungen der verwendeten Termini hinterfragt.

Wenn es um Kritik an der Sache geht, verwendet der Philosoph Methoden, die auch für heutige Skeptiker nichts an Aktualität verloren haben. So führt er das „Sehen von Dämonen“ auf Bewusstseinserlebnisse zurück:

Als ob die Toten, von denen sie träumten, nicht die Bewohner des eigenen Hirns wären, sondern der Luft oder des Himmels oder der Hölle, nicht Phantasmen, sondern Geister; mit ebensoviel Grund, als sagte jemand, er habe seinen eigenen Geist in einem Spiegel gesehen oder die Geister der Sterne in einem Fluß, oder als nennte jemand die gewöhnliche Erscheinung der Sonne vom Umfang etwa eines Fußes den Dämon oder Geist jener großen Sonne, welche die ganze sichtbare Welt erleuchtet. [S. 537]

Ebensowenig an Gültigkeit verloren hat der Hinweis, dass die Kirche eine Menge von heidnischen Praktiken übernommen hat:

Das Kanonisieren von Heiligen ist ein weiteres Relikt des Heidentums: es ist weder ein Mißverständnis der Schrift noch eine neue Erfindung der römischen Kirche, sondern ein Brauch, der so alt ist wie das Gemeinwesen Roms. [S. 555]

Hochgradig erstaunlich und lesenswert ist das Kapitel „Von der Finsternis durch Scheinphilosophie und mythischer Überlieferung“, Hobbes Abrechnung mit dem spätscholastischen Wortgeklingel. En passant sei bemerkt, dass die postmoderne Philosophie der Gegenwart eine Menge von Gemeinsamkeiten mit der zu Ende gehenden scholastischen Philosophie aufweist, vor allem die aufgeblähte, semantisch leere Terminologie mit der dem Außenstehenden Tiefsinn vorgegaukelt wird, um das geistige Vakuum zu überdecken. Sehr modern erläutert Hobbes, was Philosophie ist:

Unter Philosophie versteht man das Wissen, das durch lögische Schlußfolgerung von der Art der Entstehung eines Dings auf seine Eigenschaften oder von den Eigenschaften auf eine Möglichkeit seiner Entstehung zum dem Zweck erworben wird, solche Wirkungen hervorrufen zu können, die das menschliche Leben erfordert, soweit Materie und menschliche Kraft es zulassen. [S. 558]

Dem wird die universitäre Metapysik gegenübergestellt:

Und was dort geschrieben steht, ist allerdings von der Möglichkeit des Verstandenwerdens größtenteils so weit entfernt und so unvereinbar mit der natürlichen Vernunft, daß jemand, der denkt, es ließe sich irgend etwas darunter verstehen, es notwendigerweise für übernatürlich halten muss. [S. 564]

Ein letztes Beispiel:

Ich werde nur dies eine hinzufügen, daß die Schriften der scholastischen Theologen größtenteils nichts anderes als nichtssagende Ketten von fremden und sprachwidrigen Wörtern oder Wörtern, die anders gebraucht werden als üblicherweise in der lateinischen Sprache […] [S. 576]

Diese wenigen Auszüge belegen hoffentlich ausreichend, dass der „Leviathan“ ein hochgradig lesenswertes Buch ist. Das gilt nicht nur für die berühmten ersten beiden Teilen, in dem Hobbes seine ebenso bedenklich wie brillant gedachte Staatsphilosophie formuliert, sondern auch für die oft vernachlässigte zweite Hälfte des Werks, in der sich Hobbes als modern denkender (religions)kritischer Kopf erweist.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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