David Deutsch: The Beginning of Infinity
Boshaft gesagt, gibt es derzeit zwei grundsätzliche Arten des professionellen Philosophierens. Eine gibt sich damit zufrieden, originell klingende und schwer zu verstehende Texte zu produzieren. Laien sind damit leicht zu beeindrucken, wird doch in unseren Breiten immer noch gerne sprachliche Dunkelheit mit philosophischem Tiefsinn verwechselt. Mit dieser “postmodernen” Art des Philosophierens (die Markennamen für diese Verbaldampf-Produktion werden alle paar Jahre ausgewechselt), setzte ich mich bereits vor über 10 Jahren in meinem Postmoderne-Essay auseinander.
Die andere Art, Philosophie zu betreiben, ist mehr an den Naturwissenschaften orientiert und steht (im weitesten Sinn) in der Tradition der analytischen Philosophie, die sich unter anderem zum Ziel setzte, eine klare Fachsprache zu entwickeln. Kognitions- und Neurophilosophie wären aktuelle Beispiele.
David Deutsch ist Quantenphysiker an der Oxford University und wurde mit seinem Buch The Fabric of Reality einem breiteren Publikum bekannt. Bescheidenheit ist seine Sache nicht, legt er in seinem Buch doch eine philosophischen Entwurf vor, der kein Thema auslässt, von der Ontologie über die Ästhetik bis hin zur Geschichtsphilosophie. Selbst Außerirdische werden nicht vergessen. Das imponiert in einer Zeit der Spezialisierung, wenn es auch nicht in jedem Fall gelingen kann.
Deutsch ist kritischer Rationalist, ist philosophisch also von Popper geprägt. Auch mir scheint dieser epistemologische Ansatz sehr plausibel zu sein, weil sein Erklärungspotenzial sehr groß ist, ohne von diffusen Hypothesen auszugehen. So sind denn für die Deutsch die beiden wichtigsten Kriterien für gute Philosophie und gute Wissenschaft gehaltvolle Erklärungen. Diese zeichnen sich darin aus, dass sie spezifisch, schwer zu variieren und falsifizierbar ist. Wissensproduktion ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis des Universums. Wissen wird durch zwei sich ergänzende Mechanismen produziert: Kreativität und Kritik.
Kreativität in der Welterklärung gab es seit die Menschen zu denken anfingen. Die überlieferten Ergebnisse, etwa die antiken Mythologien sind intrinsisch auch sehr beeindruckend. Ihre Erklärungskraft sei aber von der Realität abgekoppelt. Der Grund dafür ist plausibel: Man hat sie nie empirisch-kritisch an der Wirklichkeit getestet. Dieses Verfahren war zwar seit der griechischen Naturphilosophie bekannt, konnte sich aber erst mit der wissenschaftlichen Revolution ab dem 16. Jahrhundert durchsetzen. Seitdem sei die Menschheit auf dem richtigen Pfad zu immer Wissen. Voraussetzung dafür seien dynamische Gesellschaften, eine Weiterentwicklung von Poppers offenen Gesellschaften. Nur sie garantierten menschlichen Fortschritt und ein dauerhaftes Überleben der Menschheit durch ihre Fähigkeit auch unerwartete Probleme lösen zu können, zumindest potenziell.
Deutsch ist ein kritischer Optimist. Er hält prinzipiell alle Probleme durch Wissen für lösbar. Die Wissenschaft steht für ihn erst ganz am Anfang. Er argumentiert ausführlich, warum es keine grundsätzlichen Erkenntnisbarrieren geben könne. Dabei ist der Professor aus Oxford alles andere als naiv. Sein Blick auf die Welt ist kritisch und nüchtern, etwa wenn er Naturschutzromantiker oder Utopiker kritisiert. Seiner Meinung nach wird es immer schwierige Probleme geben, die zu lösen sein werden. Problemfreiheit könne es immer nur für sehr kurze Phasen geben.
Sehr überzeugend ist Deutsch ebenfalls, wenn er die Vorzüge einer dynamischen im Vergleich zu einer statischen Gesellschaft erläutert. Statische und konservative Gesellschaften waren und sind strukturell nicht in der Lage, bei unerwarteten Krisen das notwendige Wissen für deren Beseitigung zu produzieren. Deshalb sind nur dynamische, wissenschaftsorientierte Gesellschaften zukunftsfähig. Die Vorteile neuer Technologien und neuen Wissens überwiegten die Nachteile bei weitem. Ein in sein Buch eingeschobener fiktiver sokratischer Dialog über die Unterschiede der Gesellschaft Athens und Spartas veranschaulicht das hervorragend.
Am stärksten ist Deutsch selbstverständlich dort, wo er fachlich zuhause ist, nämlich in der theoretischen Physik. Sein ausführliches Kapitel über Quantentheorie (er ist ein Anhänger der Multiversums-Interpretation) zählt zum für Laien verständlichsten, was ich bisher zum Thema las.
Fachphilosophen seien noch vorgewarnt: Deutsch gibt kaum “technische” Erläuterungen seiner philosophischen Argumente. Das Buch ist für Laien geschrieben.
Selbst wenn Deutsch mit seinem Ansatz in machen Fällen zu enthusiastisch ist (etwa wenn er ihn auf die Ästhetik anwendet), so zeigt sein Buch brillant, wie man heutzutage gute Philosophie betreiben kann und soll.
David Deutsch: The Beginning of Infinity. Explanations that transform the world. (Viking)
John Stuart Mill
Die erste Biographie über den großen liberalen Philosophen John Stuart Mill seit mehr als fünfzig Jahren ist zu vermelden. Geschrieben hat sie Richard Reeves und sie passend Victorian Firebrand betitelt. Eine ausführliche Rezension kann man in der New York Review of Books nachlesen. Eine prägnantere Besprechung findet man The Guardian.
Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie
In einer Notiz neu zusammengefasst.
Eine philosophische Kritik [1999]
I.
Schon mancher Literaturfreund wird einmal ein Buch über Literaturtheorie zur Hand genommen haben, in der Hoffnung, etwas Neues über Literatur zu erfahren. Sollte er dabei an eine bestimmte Sorte von Publikationen geraten sein, die gemeinhin das Prädikat “postmodern” oder “poststrukturalistisch” für sich beanspruchen, wird diese Erwartung regelmäßig enttäuscht: Nach der Lektüre einiger Seiten, in der eine Phrase des Szenejargons die nächste jagt, kommt er zu der bedauerlichen Erkenntnis, daß seine Kompetenz nicht ausreicht, um diese anspruchsvollen Abhandlungen zu verstehen.
Auf den nächsten Seiten soll unter anderem der ketzerischen Frage nachgegangen werden, inwiefern es in diesen wortgewaltigen Elaboraten überhaupt etwas Lohnenswertes zu verstehen gibt. Wäre es nicht möglich, daß das Verständnisproblem nicht auf der Seite des Lesenden, sondern auf jener der Texte liegt?
Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, muß man etwas weiter ausholen. So gilt es erst einmal festzuhalten, daß es die Postmoderne natürlich ebensowenig gibt, wie die Literaturtheorie. Was letzteren Begriff angeht, hat man aber, zumindest in den USA, den Eindruck, “theory” werde ausschließlich als Sammelbegriff für postmoderne Theoriekonzepte verwendet, in welcher Variante sie auch auftreten mögen, denn die theoretischen Moden wechseln dort in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wenn von nun an von ‘Postmoderne’ die Rede ist, sind diese akademischen Ausprägungen gemeint, also nicht die Literatur der Postmoderne oder andere postmoderne ästhetische Hervorbringungen.
Zur Erinnerung: Nachdem in den USA an den Literaturinstituten lange Zeit der New Criticism, eine skrupulöse werkimmanente Betrachtungsweise, vorherrschend war, begannen ab Ende der siebziger Jahre Dekonstruktivisten einen institutionellen Siegeszug und drängten andere Theorieansätze schon bald ins Abseits. Führend war dabei die Universität in Yale, wo mit Paul de Man, J. Hillis Miller und Geoffrey H. Hartman die prominentesten Vertreter versammelt waren. Trotz der Unterschiede im Detail bezogen sich alle von ihnen auf den französischen Philosophen Jacques Derrida, den Begründer der Dekonstruktion. Ebenfalls sehr einflußreich waren Jaques Lacan mit seiner psychoanalytischen Theorie, Michel Foucault mit seinen zahlreichen Studien und später Stephen Greenblatt, der eine Bewegung mit der Bezeichnung “New Historicism” ins Leben rief. Gegenwärtig spielen “Cultural Studies” eine wichtige Rolle. Über einen längeren Zeitraum hinweg schienen Gegner dieser Auffassungen nahezu paralysiert. Sei es, weil sie von dem enormen Erfolg der Poststrukturalisten überrascht waren, oder sei es, weil sie sich der Flut von verbalen Angriffen nicht aussetzen wollten – alle Kritiker wurden sofort, unabhängig von ihren politischen Ansichten, ins politisch reaktionäre Eck gestellt -: es gab kaum kritische Veröffentlichungen über die Dekonstruktion. In den letzten Jahren hat sich das erfreulicherweise geändert, nachdem eine ganze Reihe von fundierten und lesbaren Studien erschienen sind, welche die angeblichen neuen Erkenntnisse kritisch hinterfragen (vgl. Literaturverzeichnis).
Es ist auffallend, daß diesen Tendenzen im deutschsprachigen Raum mit wesentlich mehr Zurückhaltung begegnet wurde, obwohl es auch hier eine beachtliche Gemeinde und einen nicht versiegenden Strom von Publikationen gibt, die sich diesen Denkrichtungen verpflichtet fühlen. Denn zweifelsfrei ist es sehr schick, sich das jeweils neueste theoretische Mäntelchen umzuhängen, das einen automatisch als fortschrittlichen Denker ausweist. Die Fragen worin diese rituell beschworene Fortschrittlichkeit eigentlich besteht, und wie es um die Qualität dieses Denkens bestellt sei, kommen den Betroffenen anscheinend nicht in den Sinn. Daß beides stark zu wünschen übrig läßt, sind zwei zentrale Thesen dieses Artikels.
II.
Im folgenden wird erst einmal ausführlich von philosophischen Problemen die Rede sein müssen, denn die postmodernen Thesen zur Literaturtheorie folgen unmittelbar aus grundsätzlichen philosophischen Überlegungen.
Wirft man einen Blick auf die akademische Philosophie der letzten Jahrzehnte, so kann man vereinfachend von zwei großen Richtungen sprechen: die mehr oder weniger traditionelle und die analytischen Philosophie. Erstere wird gerne auch als “kontinentale”, letztere als “angloamerikanische” Philosophie bezeichnet. Dieser Sprachgebrauch ist aber insofern irreführend, als wichtige Vertreter der analytischen Philosophen immer schon auf dem Kontinent zu finden waren. In der Praxis verwischen sich die Grenzen der beiden Strömungen immer mehr, jedoch lassen sich in vielen Fällen eindeutig diese zwei Stile des Philosophierens unterscheiden. Kurz gesprochen, stehen traditionelle Philosophen meist in der Denktradition des Deutschen Idealismus und deren Nachfolger, während sich die Analytiker an der Revolution der formalen Logik zu Beginn unseres Jahrhunderts und der Entwicklung der Naturwissenschaften orientieren.
Postmoderne Theoretiker sind oft negativ auf die traditionelle Philosophie fixiert, die sie einerseits heftig ablehnen, ohne sich jedoch andererseits von ihr lösen zu können. Doch von diesen geistesgeschichtlichen Verwicklungen später mehr. Vorher ist es jedoch wichtig, den Absolutheitsanspruch vieler Postmoderner zurückzuweisen. Kritik an ihren Konzepten wird nämlich immer wieder mit dem Hinweis abgeblockt, man hätte grundlegende Aspekte nicht verstanden, denn ansonsten könnte man sie nicht mit längst obsoleten “rationalistischen” Kriterien kritisieren. Denkverbote dieser Art sind natürlich zurückzuweisen, denn über die Plausibilität einer Kritik entscheidet nicht in erster Linie der Kritisierte, sondern die Fachöffentlichkeit und der mündige Leser.
So wäre beispielsweise die Frage nach dem “Kern” der postmodernen Philosophie innerhalb dieses Paradigmas unzulässig, weil die Annahme hierarchisch organisierter Theorien meist zurückgewiesen wird. Ein Blick in wichtige Veröffentlichungen zeigt jedoch, daß sich sehr wohl Übereinstimmungen finden lassen, etwa die Ablehnung aller universalistischen Behauptungen, ganz egal, ob dabei an philosophische, linguistische, literarische oder politische gedacht wird. Demgegenüber wird der Partikularismus gepriesen, ebenfalls unabhängig davon, worüber gerade gesprochen wird.
Begonnen hatte diese philosophische Fundamentalkritik in der Sprachphilosophie. War man zur Hochzeit des Strukturalismus in den sechziger Jahren noch davon überzeugt, daß man ein objektivierbares Beschreibungsinstrument für kulturelle Phänomene gefunden habe, verwarfen die Poststrukturalisten diese Idee als ideologisch und versuchten durch Dekonstruktionen zu zeigen, daß es keinerlei stabile Strukturen gäbe, exemplarisch nachzulesen in dem inzwischen klassischen Aufsatz Derridas: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel.
Eines der Hauptwerke des Poststrukturalismus stammt ebenfalls von Derrida, die Grammatologie (1967). Es soll im folgenden als Beispiel für die Fragwürdigkeit dieser Art des Philosophierens dienen. Ein wesentlicher Kritikpunkt daran ist die hermetische Sprache, derer sich der französische Philosoph in fast allen seiner Publikationen bedient. Die Strategie, durch sprachliche Dunkelheit Gedanken interessanter erscheinen zu lassen, als sie sind, ist keineswegs neu und bekanntlich vor allem bei Religionsstiftern sehr beliebt. Obskurität jedoch als intellektuelles Markenzeichen zu etablieren, ist eine schon bewunderungswürdige Form des philosophischen Marketing. Ziel ist es nicht mehr, Begriffe klar zu definieren und Thesen anschaulich zu vermitteln, sondern ein rhetorisches Feuerwerk abzubrennen. Diesen Verdacht weisen postmoderne Theoretiker selbstverständlich empört von sich. Alleine es bleibt die Tatsache: Alle interessanten philosophischen Aussagen lassen sich, mit mehr oder weniger großer Mühe, in eine verständliche Fachsprache übersetzen, wozu sich ja auch die Meister dieser Denkrichtung regelmäßig in populären Medien herablassen. Auch finde ich das Argument nicht überzeugend, die angesprochenen Sachverhalte seien so komplex und “tief”, daß man die eigene Sprache zwangsläufig ebenso “tief” wählen muß, um an diese Mysterien rühren zu können. Hier wird die Grenze zu quasi-religiösen Gebieten überschritten, und es kann wohl nicht die Aufgabe der zeitgenössischen Philosophie sein, als Religionsersatz zu fungieren. Es gibt auch so eine Fülle spannender Betätigungsfelder für Philosophen, von der Ästhetik zur Wissenschaftstheorie und von der Bewußtseins- zur Artifical-Intelligence – Forschung, um nur ein paar zu nennen.
Diese metasprachliche Kritik könnte man auf sich beruhen lassen, fände man überzeugende philosophische Thesen. In der Grammatologie versucht Derrida vor allem, eine Fundamentalkritik des “Logozentrismus” zu entwerfen, der die abendländischen Geistesgeschichte beherrschen soll. Dieser Logozentrismus besteht darin, daß die “Rede” (parole) der “Schrift” (écriture) immer schon übergeordnet wurde. Diese, angesichts der abendländischen Schriftkultur – von der Bibliothek in Alexandrien über die Skriptorien der Klöster bis zum Kulturgut Buch in der Neuzeit – eigenartige These, wird später noch radikalisiert: Die Schrift war als Ur-Schrift (archi-écriture) bereits vor der Sprache da. Nimmt man diese Behauptung wörtlich, ist sie offenbar unsinnig. Die wichtigsten Einwände hat John M. Ellis in Against Deconstruction (1989, S. 21) zusammengestellt, etwa die anerkannte Tatsache, daß die Sprache lange vor der Schrift existierte oder den Hinweis auf noch existierende Sprachen, die nur gesprochen, nicht aber geschrieben werden. Versucht man eine gutwillige Interpretation unter Einbeziehung des aktuellen Stands der linguistischen Forschung, meint Derrida anscheinend folgendes: Die Mehrdeutigkeit (Polyvalenz) eines geschriebenen Textes sei aufgrund des oft vageren Kontextes höher als bei mündlicher Kommunikation, bei der die Gesprächssituation Polyvalenzen reduziert. Da für das Dekonstruktionsprojekt des Philosophen die (angeblich) unvermeidbare Mehrdeutigkeit der Schrift von zentraler Bedeutung ist, sieht er sich zu der seltsamen These von der Ur-Schrift gezwungen. Statt also eine fragwürdige Hypothese mangels empirischer Absicherung zu verwerfen, versucht er sie durch eine noch fragwürdigere abzusichern. Aber auch in dieser Interpretation ist seine These falsch: Es lassen sich nicht nur in schriftlicher Kommunikation Mehrdeutigkeiten ausschalten (etwa durch Anwendung der formalen Logik), sondern es gibt auch in der mündlichen Kommunikation hinreichend viele Mißverständnisse, um diese pauschale Gegenüberstellung zu widerlegen.
Aber vielleicht meint Derrida mit ‘Schrift’ gar nicht Schrift? Dazu läßt sich pauschal nichts sagen, weil in der Grammatologie ‘ Schrift’ mit zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht wird. Nur ein Beispiel: “Die natürliche Schrift ist unmittelbar an die Stimme und den Atem gebunden” (S. 33). Zwanzig Seiten später stößt man auf: “Einerseits erkennt Saussure der Schrift nur eine beschränkte und abgeleitete Funktion zu [...]“. Dabei bleibt völlig außer acht, daß de Saussure unter ‘Schrift’ etwas ganz anderes versteht als Derrida. Diese Art der Begriffsverwirrung ist typisch für das Buch. Theoretisch ist es möglich, Derridas Schriftbegriff so zurecht zu biegen, daß seine Basisthesen auf den ersten Blick nicht mehr sinnlos erscheinen. Aber dann verlieren die Thesen rapide an Interesse, und die Wahl des Begriffs ‘Schrift’ für dieses Phänomen wäre willkürlich und irreführend.
Doch nicht allein die Sprache ist obskur und die Hypothesen sind empirisch nicht hinreichend belegt, Derrida muß sich auch den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen. Gehörte es lange zum guten Ton in der Philosophie, sich ausführlich mit Konkurrenztheorien auseinanderzusetzen, ignoriert man in postmodernen Kreisen schlicht, was sich nicht vereinnahmen läßt. Wer sich mit der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, weiß um die Bedeutung der analytischen Philosophie auf diesem Gebiet. Frege, Russell, Wittgenstein, Quine und andere leisteten Hervorragendes darin, ohne daß es Derrida für notwendig erachtet, sich mit ihren Arbeiten zu beschäftigen. Das ist methodisch unzulässig und intellektuell unredlich, trotzdem gang und gäbe in postmodernen Publikationen. Im Gegensatz dazu setzen sich Vertreter der analytischen Philosophie durchaus mit postmodernen Theorien auseinander, wenn auch bei weitem noch nicht ausreichend. Als Gewährsmann für diese Feststellung kann Reed Way Dasenbrock dienen, ein Kenner der Szene, der selbst mit der Dekonstruktion sympathisiert und eines der wenigen Bücher über dieses Thema herausgegeben hat: Redrawing the Lines. Analytic Philosophy, Deconstruction and Literary Theory (1989). In der Einleitung stellt er fest: “Advocates of deconstruction seem much less informed about Anglo-American philosophy than those in the analytic camp are about deconstruction.” (S. 11), was er mit mehreren Beispielen belegt.
Aber wenn sich postmoderne Philosophen einmal herablassen und auf “fachfremde” Konzepte zurückgreifen, sind die Resultate dieser Zusammenarbeit deshalb nicht überzeugender. Nachgerade peinlich wird es meist, wenn sich Poststrukturalisten als Erntehelfer in naturwissenschaftlichen Gärten betätigen. Es werden dann Chaos-, Quantentheorie und andere vereinnahmt, ohne daß diese Theorien auch nur ansatzweise begriffen worden wären. Die Vorstellung, daß in den Naturwissenschaften Begriffe eine relativ stabile Bedeutung besitzen und Theorien die Realität objektiv beschreiben sollen, könnte dem Dekonstruktivisten freilich auch fremder nicht sein. Erfreulicherweise machen sich in den letzten Jahren immer mehr Kritiker die Mühe, diesen Mißbrauch naturwissenschaftlicher Theorien im Detail nachzuweisen. Im Fall der Chaostheorie etwa Carl Matheson und Evan Kirchhoff in ihrem Aufsatz Chaos and Literature (Philosophy and Literature 1/1997; S. 28ff.).
Ein weiteres Indiz dafür war die sogenannte Sokal-Affäre, die weltweites Aufsehen erregte. Alan Sokal, Physiker an der New York University, wollte zeigen, wie tief die wissenschaftlichen Standards in der postmodernen akademischen Szene bereits gesunken sind und verfaßte 1994 deshalb einen Aufsatz mit dem Titel Transgressing the Boundaries – Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity. In ihm gab er einen Überblick über aktuelle Probleme der Physik und zog daraus eine Reihe von Konsequenzen, die ideal in die postmoderne Ideologien paßten. Angereichert war der Text natürlich auch mit dem entsprechenden Jargon. Der Haken dabei: Der Aufsatz war durchsetzt mit offenkundig falschen physikalischen Informationen, unschwer auch für den gebildeten physikalischen Laien erkennbar. Sokal schickte nun seinen Text als trojanisches Pferd an eine der führenden postmodernen Fachzeitschriften, Social Text, die ihn dann auch im Frühjahr 1996 abdruckte. Der Physiker machte seinen “Scherz” publik, und die Blamage war da: Offensichtlich war es für die Publikation völlig ausreichend, den richtigen Sprachduktus zu treffen und die üblichen Thesen zu verbreiten. Die sachliche Korrektheit spielte keinerlei Rolle. Die Vernachlässigung selbst der primitivsten wissenschaftlichen Standards war offenkundig. Verschärfend kam noch hinzu, daß sich Sokal selbst politisch dezidiert als links versteht, weshalb auch der beliebte Vorwurf des Reaktionären ins Leere ging.
Es ist jedoch unzulässig, hier zu weitgehende Verallgemeinerungen zu ziehen. Denn nicht die Geisteswissenschaften haben sich blamiert, sondern nur die Vertreter der postmodernen Akademia. Auch wenn diese in den USA derzeit am einflußreichsten sind, gibt es zunehmend kritische Stimmen, und selbstverständlich erscheinen auch seriöse Fachzeitschriften, wie Philosophy and Literature (John Hopkins University Press), welche die Kritik Sokals durchaus teilen.
Zurück zur postmodernen Philosophie und zu einigen grundlegenden Kritikpunkten. Jede Variante dieser Theorie ist relativistisch, anders wären die diversen Partikularismen nicht vertretbar. Der Relativismus ist – vor allem in den radikalen Varianten – nun aber mit einer Reihe von philosophischen Schwächen behaftet. Denn wenn alles relativ ist, ist zwangsläufig auch der Relativismus relativ, kann also konsistent nicht als Standpunkt vertreten werden. Dieses Argument ist weder neu noch originell, mußten sich doch bereits die Skeptiker der Antike damit auseinandersetzen. Trotzdem ist es gültig, und es bleibt für einen Poststrukturalisten nur ein Ausweg: seinen Standpunkt explizit als relativ zu bezeichnen, wenn er glaubwürdig bleiben will. In diesem Fall verliert seine Position jedoch jegliches Interesse. Warum sollte man sich mit irgendeiner beliebigen Theorie auseinandersetzen, für die nicht einmal ein gemäßigter Wahrheitsanspruch erhoben wird? Von den bedenklichen politischen Implikationen des Relativismus wird später noch die Rede sein müssen.
Doch nicht nur der philosophische Überbau ist verhältnismäßig leicht zum Einsturz zu bringen, auch die methodische Praxis der Dekonstruktion kann nicht überzeugen. Ziel der Dekonstruktion eines Textes ist dessen immanente Selbstwiderlegung. Durch Aufwertung von Nebensächlichem oder extravagante Lesarten soll das Sinnzentrum eines Textes zerstört werden. Entledigt man diese Vorgehensweise vom damit verbundenen ideologischen und rhetorischen Pathos, zeigt sie sich in einem wenig schmeichelhaften Licht, nämlich als willkürliche und unsystematische Interpretation von abseitigen Textelementen. Es sei gar nicht bestritten, daß sich dabei manchmal, je nach Brillanz des Dekonstruktivisten, interessante Perspektiven eröffnen. Zufallsfunde dieser Art sind aber nicht hinreichend, um eine überzeugende literaturwissenschaftliche Methode zu etablieren. Darüber hinaus steht hier einmal mehr der Verdacht der Selbstwidersprüchlichkeit im Raum. Wie soll man denn den Sinn eines Textes dekonstruieren können, wenn es laut poststrukturalistischer Sprachtheorie gar keine sinnvollen Texte geben kann? Dekonstruktivisten, ursprünglich angetreten, der klassischen Hermeneutik den Todesstoß zu versetzen, sind gezwungen, diese künstlich am Leben zu erhalten, indem sie selbst eine Art pervertierter Hermeneutik praktizieren. Wer lieferte sonst die Sinnangebote eines Textes, an dem sie sich rhetorisch austoben können? Doch auf diese kleinlichen logischen Einwände schlägt einem meist eisiges Schweigen entgegen. Die Logik fiel selbstverständlich auch dem postmodernen Furor zum Opfer. Da hilft auch nicht der schüchterne Hinweis auf die Logik als Bedingung der Möglichkeit menschlicher Kommunikation, weshalb auch Poststrukturalisten nolens volens sich ihr immer wieder einmal bedienen müssen. Setzten sie ihre Theorien konsequent in die Praxis um, bliebe ihnen nur dauerhaftes Schweigen. Doch das wird eine Utopie bleiben, schließlich ist Schweigsamkeit akademischen Karrieren nicht eben förderlich.
Die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis sind überhaupt ein weites Feld. Denn trotz aller Fundamentalkritik (von der Logik bis zum Wissenschaftsbetrieb) werden nur selten praktische Konsequenzen gezogen. Vielmehr wurden die alten Rituale und Machtspiele unbesehen übernommen, wenn auch unter postmodernen Vorzeichen.
Es sollte inzwischen deutlich geworden sein, daß die postmoderne Philosophie keine überzeugenden Lösungen für die diskutierten Probleme anzubieten hat. Dies wird noch offensichtlicher werden, wenn geistesgeschichtliche Aspekte und philosophische Alternativen in das Blickfeld rücken.
III.
Setzt man sich ausführlicher mit postmodernen Publikationen auseinander, drängt sich immer stärker eine soziologische Frage auf: Wie konnte diese Art des Philosophierens eine so große Anhängerschaft gewinnen? Einen wichtige Rolle spielte sicher der revolutionäre Impetus der Postmoderne. Daß viele angepriesene Neuheiten so neu nicht waren, erschloß sich erst auf den zweiten Blick. Auch der hermetische Jargon darf in diesem Zusammenhang nicht vernachlässigt werden, gibt er doch das Gefühl, an exklusivem Wissen teilzuhaben, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Viele Geheimgesellschaften wußten um diesen gruppendynamischen Effekt. Schließlich hielt man die Postmoderne politisch für eine fortschrittliche Bewegung, attraktiv für alle, die mit dem Gesellschaftszustand unzufrieden waren/sind. Doch genau dieser Aspekt bedarf einer genaueren Analyse.
Zweifelsfrei entfaltete das Aufblühen der postmodernen Theorien in den USA und darüber hinaus ein großes Emanzipationspotential. Man begann sich für Minderheiten zu engagieren, es entstanden neue Disziplinen wie gay und postcolonial studies. Feministische Forschungsrichtungen konnten sich etablieren, und der akademische Betrieb wurde insgesamt politisch sensibilisiert. Damals wurde Kritik an dem neuen literaturtheoretischen Paradigma mit einem gewissen Recht als politisch reaktionär verschrieen, ein Vorwurf der auch heute noch gerne erhoben wird. Die Situation hat sich jedoch inzwischen grundlegend geändert: Vertreter der Postmoderne sitzen in den USA an den wichtigsten Stellen der Universitäten und Verbände, haben Macht und Einfluß in Fülle. Ihre Kritiker sind gegenwärtig in der Minderheit, weshalb heute eine Kritik an postmodernen Theorien nicht mehr mit dem Pathos einer verfolgten akademischen Randgruppe zurückgewiesen kann, ohne sich selbst der Lächerlichkeit preis zu geben.
Es stellt sich nun die interessante Frage, inwiefern sich das konzedierte emanzipatorische Potential notwendigerweise aus der postmodernen Philosophie ergibt. Was ist das spezifisch Progressive an der Postmoderne? Zweifelsfrei der Einsatz für Minderheiten und Randgruppen. Doch ist auch die Begründung dieses Engagements selbst fortschrittlich? Es wäre ja durchaus denkbar, daß emanzipatorische Fortschritte in der Praxis stattfinden, obwohl die philosophische Theorie keine hinreichende Rechtfertigung dafür liefert bzw. sie sich, in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld, auch für anti-emanzipatorische Zwecke einsetzen ließe. Wie sehr Differenzierung zwischen Theorie und Praxis in diesem Fall notwendig ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln.
Die zwei wichtigsten philosophischen Väter der Poststrukturalisten sind Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Nun ist das Werk Nietzsches ein beliebter Steinbruch für ideologische Versatzstücke, Reaktionäres läßt sich ebenso ausführlich mit Zitaten belegen wie Progressives. Doch berufen sich postmoderne Philosophen weniger auf politisierbare Aussagen Nietzsches im engeren Sinn, sondern auf dessen erkenntnistheoretische Thesen, speziell auf seine Polemiken gegen den traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff. Seine fragmentarische und unsystematische Denkweise war ebenfalls von großer Vorbildwirkung. Bedauerlich ist nur, daß sich Nietzsches gegenwärtige Adepten nicht auch seines brillanten Stils bedienen, doch das wäre ja der intendierten Dunkelheit abträglich.
Als stilistisches Vorbild kann deshalb eher Heidegger gelten, dessen Sprache auch noch höchste Obskuritäts-Ansprüche zufriedenstellen kann. Heidegger als Säulenheiliger einer progressiven philosophischen Bewegung? Man braucht gar nicht an Heideggers fanatisches Engagement für die nationalsozialistische Revolution im Jahr 1933 zu erinnern, in der er die Umsetzung seiner philosophischen Vorstellungen in de Praxis sah, um diese Zumutung zurückzuweisen. Allein seine provinzielle anti-modernistische Philosophie verweist diese Annahme ins Reich der theoretischen Skurrilität. Es ist also mehr als berechtigt, die angebliche Fortschrittlichkeit dieser Philosophen in Frage zu stellen. Sieht man einmal davon ab, daß die esoterischen Sprachdünkel per se undemokratisch sind, beschränken sie doch ohne jegliche Notwendigkeit die Rezeption auf einen mehr oder weniger engen Kreis von Eingeweihten.
Gegen alle Beteuerungen ist auch der propagierte Partikularismus und Kulturrelativismus alles andere als politisch progressiv, eine überzeugende postmoderne ethische Theorie konnte jedenfalls noch nicht formuliert werden. Wie soll man sich auch für Menschenrechte, Bekämpfung der Armut oder bessere Bildungschancen einsetzen, wenn keinerlei universalistische Wertmaßstäbe existieren? Wenn tatsächlich die Werte aller Kulturen gleichberechtigt sind, dann müssen konsequenterweise noch die gröbsten “kulturbedingten” Menschenrechtsverletzungen toleriert werden. Das Vertreten eines extremen Partikularismus macht also jedes Engagement für Menschenrechtsverletzungen in anderen Kulturen unglaubwürdig. Doch was sollen “Kultur” und “Kulturen” in diesem Zusammenhang eigentlich bedeuten? Jörg Fisch wies in der Neuen Zürcher Zeitung (6. April 1998) berechtigterweise auf die unvermeidlichen Absurditäten einer Pluralisierung des Kulturbegriffs hin. Als Beispiel erwähnt er unter anderem einen christlichen Javaner. Gehört dieser zur christlichen und damit abendländischen Kultur? Oder doch zur indonesischen, die dann aber per definitionem nicht islamisch sein könnte? Auf der Ebene des Individuums verliert der postmoderne Kulturbegriff nicht nur jegliche Plausibilität, sondern entfaltet auch ein nicht zu unterschätzendes repressives Potential. “In noch stärkerem Maße als die Einteilung in Nationen bedeutet die Einteilung der Menschheit in Kulturen eine Uniformierung und Vergewaltigung der Betroffenen. Die Opfer sind gerade die kleineren Gruppen, die Minderheiten, die Mischlinge, alle jene, die in kein Schema passen.” (Jörg Fisch). Man wird also doch klassisch aufklärerisch ansetzen müssen, nämlich bei den unveräußerlichen Rechten jedes Menschen, in welchem Kulturkreis er auch leben möge. Das Argument der Kulturabhängigkeit der Menschenrechte wird deshalb konsequenterweise vor allem von autoritären Regierungen und wirtschaftlich ambitionierten westlichen Politikern vertreten, während die repressiv Regierten in allen Kulturen Menschenrechtsgruppen gebildet haben.
Ein postmoderner Theoretiker steht also vor einem Dilemma. Wie kann er seine politische Progressivität begründen, ohne seine philosophischen Theorien zu verraten? Derrida gibt auch hier wieder ein sehr aufschlußreiches Beispiel ab, denn an seinem politischen Engagement ist eigentlich nicht zu zweifeln. Doch wie kann er es vor dem Hintergrund seiner Sprachphilosophie und seiner Erkenntnistheorie rechtfertigen? Da eine rationale Begründungsstrategie aus ideologischen Gründen ausgeschlossen ist, bleibt also nur deren Gegenteil. Mark Lilla, Politikwissenschaftler an der New York University und Mitglied des Institute for Advanced Studies in Princeton, ist dem kürzlich in der New York Review of Books (Nr. 11/1998) nachgegangen. In The Politics of Jacques Derrida analysiert er dessen jüngste Publikationen unter diesem Gesichtspunkt. Besonderes Interesse bringt er dem neuen Gerechtigkeitskonzept des französischen Philosophen entgegen, das dieser jetzt plötzlich nicht mehr als Objekt der Dekonstruktion gelten lassen möchte, während der Dekonstruktion früher praktisch alles unterworfen wurde. Zu diesem Zweck grenzt er Gerechtigkeit vom konventionellen Recht ab, begibt sich also auf klassisches rechtsphilosophisches Terrain. Ohne seine philosophische Herkunft zu verraten, kann Derrida selbstverständlich nicht auf die klassischen Begründungen des Rechts zurückgreifen, also auf Natur oder Vernunft. Wie Mark Lilla nachweist, bleibt ihm in diesem Fall nur eine Möglichkeit der Begründung eines absoluten Gerechtigkeitskonzepts übrig, und er nennt diese, anders als Derrida, auch beim Namen: Offenbarung (revelation). In Marx’ Gespenster ist denn auch immer wieder von Messianismus die Rede. Konnte man schon immer vermuten, daß Derridas Irrationalismus einmal ins Pseudo-religiöse umkippen würde, ist doch Religion die klassische Quelle des Irrationalen, ist man von diesem Ergebnis nun dennoch überrascht. Lilla deutet diese Eskapaden als “intellectual desperation”, eine Bewertung, der man sich wohl anschließen muß.
Die wahren Feinde des Fortschritts sind aber für die Postmodernen selbstverständlich nicht jene, die zur Rechtfertigung ihres Gerechtigkeitskonzept zu mystischen Offenbarungen und messianischen Projektionen greifen, sondern die sogenannten “Positivisten”, eine Bezeichnung, mit der großzügig die meisten Denker bedacht werden, die an minimalen Rationalitätsstandards festhalten wollen. Als konservativ, reaktionär oder “szientistisch” geschmäht, werden sie und ihre Arbeiten, wie oben bereits ausgeführt, in der Regel ignoriert, wenn nicht gerade passende intellektuelle Feindbilder benötigt werden.
IV.
Gemeint sind damit in erster Linie Vertreter der analytischen Philosophie, insbesondere Mitglieder des Wiener Kreises. In der Tradition der Aufklärung stehend, werden sie gerne für alle Übel der Moderne verantwortlich gemacht. Einige schrecken nicht einmal davor zurück, die Aufklärung – was genau das auch immer sein mag – für den Holocaust verantwortlich zu machen. Dafür wird der Aufklärungsbegriff gerne bis zur Unkenntlichkeit aufgebläht, was ein Blick auf die Geschichte der Aufklärungskritik belegt, wenn etwa von Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung der ehrwürdige Marquis de Sade als deren Vertreter “analysiert” wird. Aller argumentativen Schieflage zum Trotz wird ‘Aufklärung’ oft gleichzeitig auf instrumentelle Rationalität verengt, da der humanistische und emanzipatorische Gehalt der Aufklärung nicht ins Konzept paßt. Diese fragwürdigen Argumentationsstrategien finden sich in postmodernen Stellungnahmen zum Thema wieder.
Eine Untersuchung der damaligen geistesgeschichtliche Situation zeigt ein völlig anderes Bild. Der Kern der nationalsozialistischen Ideologie war auch nach zeitgenössischen Maßstäben zutiefst irrational, und wurde nicht zuletzt von analytischen Philosophen auch so wahrgenommen. Die angeblich “wissenschaftlichen” Rechtfertigungen, etwa der Lehren vom “Völkischen”, beruhten auf ideologischen Funktionalisierungen. Die Wissenschaftspolitik der NS-Diktatur verabschiedete sich explizit von jeglichen Objektivitätsstandards und verwandelte Wissenschaft dadurch in Pseudo-Wissenschaft. Das schlug sich sogar enzyklopädisch nieder, etwa wenn im vierbändigen Brockhaus von 1941 unter dem Eintrag “Wissenschaft” folgendes zu lesen ist: “Durch die entscheidende geistige Umgestaltung, die der Nationalsozialismus vollzog, wurde die Abstraktion einer wertfreien, voraussetzungslosen W. überwunden; die Wissenschaft wurde unbeschadet ihrer sachlichen Forschungsweise in ihre dienende Rolle gegenüber dem Leben des Volkes zurückgewiesen”. Kurz vorher ist von einer “weltanschaulich unsicher gewordenen Wissenschaft” die Rede.
Zu dieser – aus nazistischer Perspektive – weltanschaulichen Verunsicherung trugen maßgeblich die Mitglieder des Wiener Kreises und ihm nahestehende Philosophen bei. Zu nennen wären etwa Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap, Kurt Gödel sowie Karl Popper und Ludwig Wittgenstein. Ausgehend von den neuen Errungenschaften der formalen Logik und neuesten Ergebnissen der Naturwissenschaften, versuchten sie eine ideologie- und metaphysikfreie Philosophie zu entwickeln, indem sie höchste Ansprüche in bezug Transparenz und logischer Stringenz an ihre Arbeit stellten. Daß manche ihrer philosophischen Projekte in der intendierten Radikalität letztlich scheitern mußten, schmälert nicht ihr Verdienst, der Philosophie unseres Jahrhunderts wesentliche Impulse gegeben zu haben. Sogar wenn man von den neuen philosophischen Erkenntnissen absieht: Radikale Selbstkritik und instruktive Zusammenarbeit waren revolutionär in einer Zeit, in der sich etwa ein Martin Heidegger als pseudoreligiöser Prophet gerierte und seine Jünger um sich scharte. Es ist wenig verwunderlich, daß der Wiener Kreis austrofaschistischen Politikern ein Dorn im Auge war. Denn sind radikale Objektivitätsstandards und unvoreingenommene kritische Prüfung aller Thesen an sich gefährliche Gegner für Ideologen aller Couleur, trug das sozialreformerische Engagement vieler Mitglieder des Wiener Kreises natürlich zur Verfemung bei. Nicht nur wurden auf Basis philosophischer Überzeugung politische Forderungen erhoben, es gab auch konkretes Engagement, indem beispielsweise Vorträge für Arbeiter veranstaltet wurden. Träger derartiger Initiativen war der Verein Ernst Mach, der 1934 polizeilich aufgelöst wurde. Das Projekt des Wiener Kreises mußte in den dreißiger Jahren politisch scheitern. In diesem Klima des Hasses und der Irrationalität erschießt der dreiunddreißigjährige Johann Nelböck, Doktor der Philosophie, seinen ehemaligen Professor Moritz Schlick vor der Wiener Universität. Vor Gericht rechtfertigt sich der Attentäter unter anderem damit, und hier schließt sich der Kreis zum Brockhaus-Artikel, daß er durch Schlicks empiristische Philosophie alle religiösen Überzeugungen und jeden Halt verloren habe.
Es zeigt sich also, daß die damaligen Vertreter einer aufgeklärten Weltanschauung in ihrer großen Mehrheit aufgrund ihrer philosophischen und politischen Überzeugung der nationalsozialistischen Ideologie Widerstand leisteten und von den Herrschenden auch als solche wahrgenommen wurden. Daß es von Moritz Schlick auch Versuche gab, sich aus strategischen Gründen mit den Behörden zu arrangieren, ändert ebenso nichts an dieser grundsätzlichen Bewertung, wie der berüchtigte Nationalismus Gottlob Freges. Während also die avanciertesten Vertreter philosophischer Rationalität zur Emigration gezwungen waren, Manfred Geier nennt das entsprechende Kapitel in seiner Monographie treffend Die vertriebene Vernunft, konnten sich die avanciertesten Vertreter des Irrationalismus – wie Heidegger – wunderbar mit den neuen Machthabern arrangieren. Daß Heidegger nicht zu Unrecht seine anti-moderne, dunkel-irrationale Philosophie im Nationalsozialismus verkörpert sah, ist nur eine geistesgeschichtliche Tatsache, die ein voreiliges Verantwortlichmachen der Aufklärung für die Verbrechen des Dritten Reiches ad absurdum führt.
Angesichts der skizzierten Fakten und der Kenntnis um das esoterische geistige Umfeld, aus dem der Nationalsozialismus hervorkroch, ist es um so erstaunlicher, wie häufig in intellektuellen Debatten immer noch der Konnex zwischen Rationalität und NS gezogen wird. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Natürlich spielte die instrumentelle Vernunft bei der Umsetzung der nazistischen Vernichtungspolitik eine wesentliche Rolle. Daß mit ihrer Hilfe jedoch eine zutiefst irrationale Ideologie in die verbrecherische Praxis umgesetzt wurde, wird allzuleicht vergessen.
Die Rezeptionsgeschichte des Wiener Kreises, in vieler Hinsicht typisch für die Rezeption der analytischen Philosophie, ist ein Trauerspiel. Zwar gibt es seit längerer Zeit Bemühungen, dieses wichtige Kapitel, nicht nur der österreichischen Philosophiegeschichte, wieder verstärkt ins öffentliche Blickfeld zu rücken, etwa durch das in Wien ansässige Institut Wiener Kreis. Doch wie viel hier noch zu tun ist, zeigen die Buchhandelskataloge: Selbst zentrale Schriften dieser Philosophen sind nicht lieferbar, sondern müssen mühsam über Bibliotheken besorgt werden. Daß nach vielen Jahren beim Verlag Felix Meiner nun endlich eine Neuausgabe von Rudolf Carnaps Der logische Aufbau der Welt herausgegeben wurde, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ob es für die geistige Lage unserer Zeit symptomatisch ist, daß man im Verzeichnis lieferbarer Bücher unter “Rudolf Carnap” auf vier Titeleinträge stößt – davon einer als vergriffen gekennzeichnet -, während es bei “Martin Heidegger” deren 169 sind?
Nach dieser philosophiehistorischen Abschweifung sollte klar geworden sein, daß es eine Alternative zur postmodernen Art des Philosophierens gibt, denn das Projekt des Wiener Kreises wurde und wird in modifizierter Form nach 1945 fortgeschrieben. Überzeugende Ergebnisse gab es in allen philosophischen Teildisziplinen, wenn auch Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie an prominenter Stelle zu erwähnen sind. Popper, Quine, Kripke, Searle, Davidson und Putnam sind nur einige, die Hervorragendes geleistet haben. Welcher Stil des Philosophierens sich letztendlich durchsetzen wird, ist schwer zu prognostizieren. Es spricht angesichts der oben beschriebenen philosophischen Schwächen jedoch viel dafür, daß “die Postmoderne” einmal ebenso als Modephilosophie in die geistigen Annalen des Jahrhunderts eingeht, wie das beim Existentialismus der Fall war.
V.
Wieso also sollte man nicht auch die analytische Philosophie als alternative Grundlage für die Literaturtheorie heranziehen? Angesichts der philosophischen Schwächen und der politisch bedenklichen Implikationen gibt es keinerlei Notwendigkeit, postmoderne Theorien als Metatheorien für Literatur bzw. für Literaturwissenschaft zu verwenden. Demgegenüber stellt die analytische Philosophie mehrere Anknüpfungspunkte bereit, und zwar für die verschiedenen Ebenen des Objektbereichs “Literatur”.
Für theoretische Untersuchungen bieten sich etwa Anschlußmöglichkeiten bei der analytischen Ästhetik, was Strukturen und Eigenschaften ästhetischer Objekte und deren ontologischen Status betrifft. Beschreibt man Literatur als Sprachkunstwerk, werden ebenfalls Ergebnisse der Sprachphilosophie relevant. Eine ihrer prominenten Theorien, die Sprechakttheorie, hat ja schon einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreicht, andere gäbe es noch zu entdecken. Daß eine philosophische Richtung potentiell wichtige theoretische Beiträge zu einer Disziplin leisten kann, ist nicht weiter erstaunlich. Überraschender wäre schon, wenn sie auch praktische Relevanz besäße. Was würden auch die schönsten Theorien helfen, wenn es keine Alternative zur postmodernen Methode der Dekonstruktion bzw. zu den cultural studies gäbe? Vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes wäre es vermessen, schon jetzt eine “fertige” literaturwissenschaftliche Methode präsentieren zu wollen. Leider gibt es immer noch verhältnismäßig wenige Theoretiker der Literaturwissenschaft, die sich mit potentiellen Anwendungsmöglichkeiten der analytischen Philosophie für ihre Disziplin beschäftigen. Trotzdem kann man auch jetzt schon einige interessante Hinweise geben. Der Nutzen ist noch auf einer sehr abstrakten wissenschaftstheoretischen Ebene angesiedelt, denn interessant ist besonders die Anwendung methodologischer Kriterien der analytischen Wissenschafstheorie auf die Literaturwissenschaft. Es geht also um die komplexe Frage, nach welchen dieser Kriterien sich ein Literaturwissenschaftler orientieren soll, wenn er möglichst zuverlässige Aussagen über Literatur erreichen will.
Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu können, seien doch zwei dieser Kriterien hervorgehoben. Als erstes und wichtigstes das der Intersubjektivität, d.h. jede Aussage muß zumindest prinzipiell der Prüfung durch die (Fach-)Öffentlichkeit unterzogen werden können. Damit eng zusammen hängt das Postulat einer möglichst klaren Fachsprache, um eine von Mißverständnissen weitgehend freie Kommunikation zu erreichen. Zugegebenermaßen handelt es sich hierbei um Idealforderungen, die in der Praxis nur schwer umzusetzen sein werden. Die Wichtigkeit dieser Postulate läßt sich aber wissenschaftstheoretisch ebenso unschwer zeigen wie die Fehler, welche durch deren Vernachlässigung entstehen. So hat Harald Fricke bereits 1977 in seiner Studie Die Sprache der Literaturwissenschaft anhand von 80 literaturwissenschaftlichen Aufsätzen unter anderem nachgewiesen, daß die Sprachverwendung um so poetischer und damit vieldeutiger werde, je weniger überzeugend die jeweiligen Argumente seien. Beide Kriterien stehen offensichtlich konträr zur postmodernen Theorie und Praxis, weshalb sich ihre Vertreter den begründeten Vorwurf gefallen lassen müssen, für fallende Erkenntnisstandards verantwortlich zu sein, wenn sie selbst auf diese wissenschaftlichen Minimalstandards verzichten wollen. Nicht zuletzt deshalb war etwas wie die Sokal-Affäre überhaupt erst möglich.
Eine andere Anregung, die von der analytischen Philosophie ausgehen könnte, betrifft verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit. Philosophen dieses Denkstils orientieren sich oft sehr fruchtbar an Ergebnissen diverser Einzelwissenschaften. Mehr Interdisziplinarität wäre auch für die Literaturwissenschaft wünschenswert. Bezüglich der philologischen Schwesterdisziplin Linguistik wird diese Forderung immer wieder erhoben, es scheint sich aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Fächern anzubieten, etwa der Kognitionswissenschaft.
Was also soll man einem theoretisch interessierten Literaturfreund raten? Wer Wert darauf legt, am theoretischen Puls der Zeit zu sein, wird um ausgewählte Lektüre postmoderner Publikationen nicht herumkommen, obwohl sich der Erkenntnisgewinn in engen Grenzen halten wird. Ansonsten sei die Suche nach der berühmten Nadel im literaturtheoretischen Heuhaufen empfohlen. Entweder greift man nach immer noch aktuellen Klassikern des Genres, etwas Jurij Lotmans Die Struktur literarischer Texte oder nach gelungenen Überblicksstudien. Herausragend bei letzteren sind die drei Werke Peter V. Zimas über Literarische Ästhetik (1991), Dekonstruktion (1994) und Moderne/ Postmoderne (1997). Obwohl sich bis jetzt eine “Analytische Literaturwissenschaft” nur am Rande etablieren konnte, gibt es nicht wenige Publikationen dieser Richtung. Erwähnenswert sind etwa die Veröffentlichungen Harald Frickes (vgl. Literaturverzeichnis) und die in der von ihm erschienenen Reihe Explicatio erschienenen Studien.
Ausgewählte Literatur:
Boyd, Richard; Gasper, Philip; Trout J.D.: The Philosophy of Science. Cambridge/London: MIT Press 1991 (=A Bradford Book)
Dasenbrock, Reed Way (Hrsg.): Redrawing the Lines: Analytic Philosophy, Deconstruction, and Literary Theory. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1989
Derrida, Jacques: Die différance. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Herausgegeben von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (=Reclams Universal Bibliothek 8998) S. 76-113
Derrida, Jacques: Die Struktur das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen. In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Herausgegeben von Peter Engelmann. Stuttgart: Reclam 1990 (=Reclams Universal Bibliothek 8998) S. 114-139
Derrida, Jaques: Grammatologie. Frankfurt: Suhrkamp 1992 (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft 417)
Derrida, Jacques: Marx’ Gespenster. Frankfurt: Fischer Taschenbuch 1996 (=Zeitschriften)
Ellis, John M.: Against Deconstruction. Princeton: Princeton University Press 1989
Fricke, Harald: Die Sprache der Literaturwissenschaft. Textanalytische und philosophische Untersuchungen. München: C.H. Beck 1977 (=Edition Beck)
Fricke, Harald: Norm und Abweichung. Eine Philosophie der Literatur. München: C.H. Beck 1981 (=Beck´sche Elementarbücher)
Fricke, Harald: Literatur und Literaturwissenschaft. Beiträge zu Grundfragen einer verunsicherten Disziplin. Paderborn/München/Wien/Zürich: Schöningh 1991 (=Explicatio)
Geier, Manfred: Der Wiener Kreis. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1992
Harris, Wendell V. (Editor): Beyond Poststructuralism. The Speculations of Theory and the Experience of Reading. University Park: Pennsylvania State University Press 1996
Livingston, Paisley: Literary Knowledge. Humanistic Inquiry and the Philosophy of Science. Ithaca/London: Cornell University Press 1988
Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. 4. Auflage. München: Wilhelm Fink 1993 (=UTB 103)
Matheson, Carl; Kirchhoff, Evan: Chaos and Literatur. In: Philosophy and Literature. 1997. Nr. 1. S. 28-45
Stadler, Friedrich: Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext. Frankfurt: Suhrkamp 1997
Zima, Peter V.: Literarische Ästhetik. Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Tübingen: Francke 1991 (=UTB1590)
Zima, Peter V.: Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Tübingen/Basel: Francke 1994 (=UTB 1805)
Zima, Peter V.: Moderne / Postmoderne. Tübingen/Basel: Francke 1997 (=UTB 1967)
Publiziert in der Erlanger Edition.
Montaigne: Essais
Diese Notizen schrieb ich im Frühjahr 2006 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.
Ein gutes Beispiel für meine in den Bibliomanen Betrachtungen beschriebenes Leseverhalten sind derzeit die berühmten “Essais” des Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592). Ich lese seit gut einem Monat an der von Hans Stilett übersetzten Gesamtausgabe und nähere mich langsam erst der Hälfte. Dabei handelt es sich um keine neue Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Autor. Die erste Bekanntschaft verdanke ich einer Auswahlausgabe als insel taschenbuch. Nun also der Vorsatz einer vollständigen Lektüre.
Montaignes “Versuche” zogen Generationen von Lesern in den Bann. Diese Faszination ist leicht nachzuvollziehen, schwieriger ist es dagegen, den Ursachen für dieses Interesse auf die Spur zu kommen. Im einleitenden Absatz der Britannica heißt es treffend:
Michael Eyquem de Montaigne wrote, in his Essais, one of the most captivating and intimate self-portraits ever written, on a par with Augustine’s and Rousseau’s. Living, as he did, in the second half of the 16th century, he bore witness to the decline of the intellectual optimism that had marked the Renaissance. The sense of immense human possibilities, stemming from the discoveries of the New World travellers, from the rediscovery of classical antiquity, and from the opening of scholary horizons through the works of the humanists, was shattered in France when the advent of the Calvenistic Reformation was followed closely by religious persecution and by the Wars of Religion (1562-98). These conflicts, which tore the country asunder, were in fact political and civil as well as religious wars, marked by great excesses of fanaticism and cruelty. At once deeply critical of his time and deeply involved in its preoccupations and its struggles, Montaigne chose to write about himself [...] in order to arrive at certain possible truths concerning man and the human condition, in a period of ideological strife and division when all possibility of truth seemed illusory and treacherous.
Montaigne setzt in “An den Leser” zu einer Erläuterung seines Projekts an:
Wäre es mein Anliegen gewesen, um die Gunst der Welt zu buhlen, hätte ich mich besser herausgeputzt und käme mit einstudierten Schritten daherstolziert. Ich will jedoch, daß man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte [...] Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buchs: Es gibt keinen vernünftigen Grund, daß du deine Muße auf einen so unbedeutenden, so nichtigten Gegenstand verwendest.”
[S.5]
Obwohl Montaigne seine Leser gerne mit einem Augenzwinkern auf falsche Fährten führt, kann man diesen Auftakt durchaus ernst nehmen. Die “Essais” sind eines der erstaunlichsten Selbstportraits der Weltliteratur. Die meisten Versuche beginnen mit dem Wörtchen “Über”, über die Traurigkeit, über den Müßiggang, über die Lügner, über die Schulmeisterei …
Oft spielen diese Themen dann nur eine untergeordnete oder indirekte Rolle. Montaigne schreibt über seine Erfahrungen, seine Gedanken und sein Leben. Ein weiterer roter Faden sind zahlreiche aus seinen Bücher bezogene Beispiele, Geschichte und Geschichten, welche den einen Punkt belegen, dem anderen Aspekt widersprechen, kurz zu verschiedensten rhetorischen Zwecken eingesetzt werden. Wobei es Montaigne mit dem Zitieren nicht übermäßig genau nimmt. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und ab und zu sogar gegen ihre ursprüngliche Intention verwendet, wenn man sich den Kontext des eingefügten Textschnippsels ansieht.
Das Ergebnis dieses von Montaigne entwickelten Kompositionsverfahrens ist ein vielschichtiges, originelles und bedenkenswertes Werk. Vorweg geschickt sei noch, dass die Neuübersetzung von Hans Stilett (1998) vorzüglich gelungen ist. Ein großartiges Übersetzungsprojekt. Allerdings passt diese großformatig-protzige Prachtausgabe so gar nicht zum Text. Inzwischen gibt es noch eine Auswahlausgabe dieser Übersetzung sowie eine Gesamtausgabe als Taschenbuch.
Sich systematisch Montaigne zu nähern, ist schwierig. Diese Autobiographie in Versuchen schließt das Scheitern im Denken ein. Nicht selten wird ausprobiert, weshalb man zu vielen Fragen keine konsistenten Antworten erwarten darf. Montaigne führt eher eine Art des Denkens vor, die sich nicht nur durch Skeptizismus auszeichnet, sondern auch durch große Freiheit. Leider gibt es, wie bei anderen Denkern, auch bei ihm eine große Ausnahme: der katholische Glaube. Davon wird später noch die Rede sein.
Den Auftakt zum ersten Buch bilden eine Reihe von besonders kurzen Essais. Die für seine Zeit beachtliche Vorurteilslosigkeit zeigt sich im elften Stück “Über die Zukunftsdeutungen”. Während bei vielen Intellektuellen der Renaissance die Astrologie ein hohes Ansehen genießt, unterzieht Montaigne diesen Humbug, “ein vielsagendes Beispiel für die wahnsinnige Neugierde Menschennatur” [S. 26], einer nüchternen Betrachtung:
Tatsächlich mit eigenen Augen gesehen aber habe ich, daß bei öffentlichen Wirren die durch solche Heimsuchung verstörten Menschen sich wie auf jeden anderen Aberglauben auch auf den stürzen, im Himmel die Ursachen und Androhungen ihres Unglücks ausfindig zu machen zu können [...] Ein leichtes Spiel bietet ihnen aber besonders der dunke, vieldeutige und verstiegne prophetische Jargon, dem seine Urheber nie einen klaren Sinn geben, damit die Nachwelt den ihr jeweils passenden hineinlegen könne.
[S. 27]
Bis auf den heutigen Tag verstehen das viele Menschen nicht, was der Erfolg diverser hanebücherner Entschlüsselungsbücher (Bibelcode und Co.) hinreichend belegt. Hübsch auch, dass Montaigne bereits mit Statistik argumentiert, die heute noch bei der Entlarvung esoterischen Unsinns große Dienste leistet. Er bringt ein Beispiel aus der Antike:
Als Diagoras, den sie den Atheisten nannten, auf der Insel Samothrake weilte, zeigte ihm im Tempel einer die zahlreichen Bilder und Votivtafeln, und fragte ihn: “Du meinst also, daß die Götter sich nicht um menschliche Angelegenheit kümmern? Was aber sagst du nun dazu, daß so viele Menschen durch ihre Gnade gerettet wurden?” “Der Eindruck täuscht”, antwortet er, “denn die Ertrunknen, deren weit mehr waren, sind ja nicht mitgemalt!”
[S. 27]
Ein zentraler Essay ist Nr. 20 “Philosophieren heißt sterben lernen”. Das Thema des Todes und des Sterbens zieht sich fast leitmotivisch durch das Buch:
Berauben wir [den Tod] seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge. Fragen wir uns beim Stolpern eines Pferdes, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich immer wieder sogleich: “Wie, könnte das nicht der Tod persönlich sein?”. Reißen wir uns dann zusammen, spannen wir die Muskeln!
[S. 48]
Angesichts der Neuartigkeit der “Essais” überrascht es nicht, dass Montaigne in regelmäßigen Abständen seine Vorgehensweise erläutert. Er “erzieht” seine Leser:
Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich scheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz – stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen, ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
[S. 59]
Gute drei Monate beschäftigten mich nun die “Essais” des Montaigne. Jedes Buch verlangt nach einer eigenen Lesegeschwindigkeit und diese Texte entfalten sich am besten bei einer geduldigen Herangehensweise. Die vielfältigen Bezüge, die zahlreichen Anspielungen und die raffinierte Komposition bedürfen einer ruhigen Betrachtungsweise.
Mit guten Gründen zählt man die “Essais” zu den zentralen Werken der Weltliteratur. Die intellektuelle Komplexität ist faszinierend und kann durch eine erste Lektüre nicht annährend ausgeschöpft werden. Aus analytischen Gründen kann man zwei zentrale Themenbereiche unterscheiden: Die “Essais” als geistige Biographie eines faszinierenden Menschen der frühen Neuzeit und das Mosaik höchst unterschiedlicher Inhalte. Inwieweit “Mosaik” eine passende Metapher darstellt, darüber scheiden sich die Geister. Während Vertreter der Postmoderne ihre seltsame Denkschablone dahin gehend über den armen Montaigne stülpen, dass er angeblich ein inkomprehensibles Textsammelsurium hinterlassen hat, weisen Vertreter der traditionelleren Gelehrsamkeit auf die rekonstruierbare subtile Komposition der “Essais” hin.
Ich tendiere zur letzten Position, allerdings müßte man dieser These ausführlich literaturwissenschaftlich zu Leibe rücken. Die thematischen Stränge der Essais zu verfolgen und in eine Zusammenschau zu bringen, bedürfte mindestens einer soliden Magisterarbeit.
Angesichts der verschmitzten Klugheit des Autors sollte man seine zahlreichen Aussagen, er schreibe gedächtnis- und planlos ins Blaue hinein, keinesfalls ernst nehmen. Zumindest verfolgt er ein “pädadagogisches” Anliegen und will seine Leser zum kritischen Denken erziehen. Es ist kein Zufall, dass Sokrates einer von Montaignes Geisteshelden ist, auf den er immer wieder referenziert.
Die “Essais” sind nach dieser “autobiographischen” Sichtweise also das Zeugnis einer bemerkenswerten Persönlichkeit. Das gilt nicht zuletzt für deren Widersprüchlichkeit. So könnte man seitenweise Zitate von einer erstaunlichen Modernität über Erziehung, Strafrecht, Folter, amerikanische Ureinwohner, Prügelstrafe, Hexen, Aberglauben etc. zusammen stellen, die Montaigne weit über den intellektuellen “common sense” seiner Zeit hinaushebt. Das gilt auch für seinen erkenntnistheoretischen Skeptizismus und Empirismus.
Auf der anderen Seite ist er nicht nur ein offensiver Verfechter des Katholizismus und Konservativer. Er begründet diese Haltung vor allem mit seiner erkenntnistheoretischen Position: Da keine menschliche Erkenntnis möglich sei, brauche man Gott schon aus epistemologischen Gründen.
Neben dieser “biographischen” Leseweise, ist das Buch zusätzlich angefüllt mit einer unglaublichen Themenfülle. Philosophische Fragen aller Art stehen neben Politik, Erziehung, Geschichte, Reisen, Alltag etc. Sie alle stehen in Bezug zu zeitgenössischen und antiken Autoren, die Montaigne las. Jahrelang benötigte man, um dieses Knäuel an Fäden aufzudröseln. Die Montaigneforschung scheint mir ein höchst spannendes und diversifiziertes Feld zu sein.
Sich diesem Buch zu nähern ist eine intellektueller Herausforderung im besten Sinn. Man braucht neben viel Zeit ein offenes Auge für die zahlreichen Feinheiten. Man wird es – wie alle großen Bücher – oft zur Hand nehmen müssen und sich ein solides Verständnis erarbeiten. Dazu ist die erste Lektüre nur ein kleiner Schritt.
War Montaigne ein Philosoph? Um diese scheinbar einfache Frage zu beantworten, empfiehlt sich eine Unterscheidung. “Philosoph” ist ein ausgesprochen vager Begriff. Ich unterscheide (grob vereinfachend) zwei Kategorien von Intellektuellen, die Anspruch auf diese Bezeichnung erheben: Die literarischen und die “echten” Philosophen. Zu den letzteren zähle ich diejenigen, welche das Ziel der Wahrheit als Regulativ nie aus dem Auge verlieren und methodisch-systematisch denken, kurz sich an die Logik halten und methodologisch reflektieren. Als empirisches Fundament greifen sie auf die Naturwissenschaften zurück, die aus erkenntnistheoretischen Gründen die bestmöglichen “Fakten” liefern. Im 20. Jahrhundert fand man diesen Philosophentypus vor allem (aber nicht nur) in der analytischen Philosophie. Er findet sich aber auch schon in der Antike, etwa bei den alexandrinischen Naturphilosophen.
Davon kann man den literarischen Philosophen unterscheiden, der sich oft mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt, diese aber unsystematisch behandelt. Im Zweifelsfall wird einer brillanten Formulierung der Vorzug gegenüber einem klaren Gedanken gegeben. Den Naturwissenschaften stehen sie oft mit Unverständnis und Ablehnung gegenüber. “Literarisch” nenne ich sie deswegen, weil sich ihre Bücher meist mehr durch ästhetische als philosophische Verdienste auszeichnen. Prototyp des Literatenphilosophen ist Nietzsche. Ein vorzüglicher und vergnüglich zu lesender Stilist. Leider schreibt er ebenso geistreich wie er unsystematisch denkt. Es spräche einiges dafür, den Deutschen Idealismus in diese Schublade zu stecken. Viele dunkel raunende Bücherschreiber passten ebenfalls gut dazu.
Mir ist die brüske Binarität dieser Einteilung bewusst, und es gibt sicher viele Zwischenstufen, aber als heuristische Orientierung ist sie durchaus nützlich. Besser wäre es wohl für die zweite Gruppe nicht “Philosoph” als Bezeichnung zu verwenden.
Montaigne erfüllt nun viele Kriterien, um ihn zu den Literaten zu zählen. Nicht nur entwickelt er keine systematischen Theorien, er widerspricht sich auch in vielen Fragen und ist sich dieser Widersprüche auch bewusst. Zu Beginn preist er etwa die systematische Beschäftigung mit dem Tod als wichtigste philosophische Tätigkeit an, während er am Ende seines Buches in Frage stellt, ob man sich überhaupt damit auseinandersetzen sollte.
Auf abstraktere Ebene widerspricht sein theoretischer Skeptizismus, wie er ihn in der “Apologie” wortgewaltig verkündet, seiner schriftstellerischen Praxis. Das klassische Dilemma jedes radikalen Relativisten: Wie kann man sinnvollerweise seine Theorie vertreten, wenn man die Fundamente des rationalen Diskurses prinzipiell in Frage stellt? Nimmt man sein Plädoyer für eine gepflegte systematische Diskussionskultur hinzu oder seine Ablehnung der Lüge, wird der radikale Skeptizismus noch absurder.
Auch nach dem Maßstäben des späten 16. Jahrhunderts wäre Montaigne also ein handwerklich “schlechter” Philosoph (was er sicher als Kompliment verstanden hätte).
Deshalb liest man ihn besser als geistreichen Literaten denn als Philosophen.
Montaigne hat viel Kluges über Menschen, Kultur & Geschichte, Leben & Sterben zu sagen. Er widerspricht sich ab und an und gibt uns damit einen Einblick in die Entwicklung seines Denkens. Er läßt uns Zeuge seines Denkens werden anstatt uns die Resultate mundfertig zu präsentieren.
Montaigne: Essais (Eichborn)
Plato: Der Staat
Diese Notizen entstanden von Herbst 2007 bis Frühjahr 2008 und werden hier zur leichtbaren Lesbarkeit zusammengefasst. Es handelt sich um meine zweite Lektüre des Buchs.
Erstes Buch
Platos “Politeia” zählt zu den faszinierendsten mir bekannten Büchern. Eine zweite, sorgfältige Lektüre war längst überfällig. Zur Erinnerung: Plato schrieb seinen umfangreichsten Dialog wahrscheinlich um 380 BCE und veröffentlichte damit einen Text, der zu den einflussreichsten der Geistesgeschichte zählt. Seit Jahrtausenden wird er sorgfältig rezipiert und sorgt für heftige Debatten. Alfred Whiteheads berühmtes Bonmot, die europäische Philosophiegeschichte bestünde nur aus Fußnoten zu Plato, bringt dies rhetorisch überspitzt auf den Punkt.
Die “Politeia” gilt als Platos Hauptwerk. Nimmt man diese Kategorisierung in dem Sinn, dass sich in ihm viele zentrale Motive seines Denkens finden, und es sich um das ästhetisch am sorgfältigsten komponierte Buch handelt, kann man dieser Einschätzung zustimmen. Um Platos Philosophie (und dessen Entwicklung) verstehen zu können, muss man freilich alle Dialoge lesen.
Während uns von Aristoteles nur seine Notizen überliefert sind (und nicht seine publizierten Werke), was die Lektüre mangels didaktischer Aufbereitung erschwert, präsentiert Plato seine Gedanken in der Form des philosophischen Gesprächs. Man darf deshalb die literarischen und ästhetischen Aspekte und deren Implikationen nie aus den Augen verlieren.
Wie sorgfältig Plato die Politeia komponiert hat, sieht man sehr schön am ersten Buch, das quasi den Rahmen zu den Gesprächen setzt. So ist es naturgemäß kein Zufall, dass die Handlung (für die gerne gegen 410 BCE als Zeitpunkt genannt wird) nicht im Zentrum Athens angesiedelt ist, sondern im Hafen Piraeus, einem Ort von nicht zu überschätzender Bedeutung für die Athener. Durch eine Mauer mit der Stadt verbunden, stand er symbolisch für Athens Seeimperium, war während des Peloponnesischen Krieges lebenswichtig für den Nachschub und in den ersten Jahren Rückzugsgebiet für die Landbevölkerung als die Spartaner anrückten. Es brach zu dieser Zeit dort auch eine der größten Tragödien über die Athener herein: Die Pest. Schließlich sammelte sich während der Diktatur der Dreißig der demokratische Widerstand im Piraeus und eines der Hauptthemen der “Politeia” ist bekanntlich die Frage nach dem richtigen politischen System.
Das erste längere Gespräch des Sokrates findet mit Kephalos statt, einem ebenso alten wie reichen Mann, den Sokrates wenig taktvoll mit der Frage konfrontiert, wie es ihm so kurz vor dem Tod denn ginge, worauf sich ein geistvoller Dialog über Alter und Reichtum entwickelt.
Im Zentrum des ersten Buches steht aber eine Diskussion über Gerechtigkeit. Thrasymachos vertritt die These, Gerechtigkeit sei, was den Stärkeren nütze. Er setzt damit einen fulminanten Auftakt mit einer Geisteshaltung, die bis heute immer wieder in diversen Abwandlungen vertreten wird, und zu Zeiten der Athener “Blütezeit” auch Staatsräson war. Könnte folgendes Zitat nicht direkt von einer größenwahnsinnigen Romanfigur Dostojewkijs stammen oder irgendwo bei Nietzsche stehen?
Denn wer Ungerechtigkeit schmäht, tut dies nicht aus Scheu vor dem Unrechttun, sondern vor dem Unrechtleiden. So hat denn, Sokrates, die Ungerechtigkeit, wenn nur gehörig im Großen verübt, etwas viel Kraftvolleres, Vornehmeres und Herrenmäßigeres als die Gerechtigkeit [...]
[344]
Sokrates tut sich durchaus schwer, diesen Standpunkt zu widerlegen, und versucht es unter anderem, in dem er Thrasymachos Widersprüche nachweist und (wie so oft) durch Analogien Ungereimtheiten in seiner Position aufzeigt.
Zweites Buch
Das erste Buch fungiert als eine Art Einleitung und rückt das Thema der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Diskussion. Im zweiten Buch wird nun der literarische Rahmen für die weitere Vorgehensweise gesetzt. Dieser besteht in der Behauptung einer Analogie zwischen den Teilen der Seele und den Teilen einer Stadt. Vorher jedoch wird die Grundlagendiskussion des ersten Buches fortgesetzt. Glaukon fordert Sokrates auf dafür zu argumentieren, dass die Gerechtigkeit “an sich” wünschenswert ist (wie etwa die Gesundheit) und gleichzeitig auch gute Konsequenzen zeitigt. Diese These setzt sich von der These ab, dass die Gerechtigkeit zwar gute Folgen hat, aber an sich nicht wünschenswert sein muss. Nebenbei sei bemerkt, dass Plato in diese Kategorie auch die Erwerbsarbeit steckt. Diese sei zwar lästig, aber bringe doch eine Reihe von positiven Konsquenzen mit sich:
Denn diese Dinge werden wir zwar als beschwerlich bezeichnen, aber doch auch als nützlich für uns, und um ihrer selbst willen würden wir sie niemals wünschen, wohl aber um des Lohnes willen und der übrigen Vorteile, die aus ihnen hervorgehen.
[357]
Nachdem Glaukon als Illustration die Geschichte des Gyges erzählt hat (der einen Ring findet, der unsichtbar macht und deshalb ungestraft Verbrechen begehen kann), beginnt Sokrates mit dem Gedankenexperiment und konstruiert eine Stadt, in der nur die Grundbedürfnisse gedeckt werden können (Nahrung, Wohnung, Kleidung).
Glaukon kann sich mit diesem spartanischen Leben nicht anfreunden, weshalb Sokrates Luxusgegenstände hinzufügt. Dies setzt nun einen expansiven Wirtschaftskreislauf in Gang, der zwangsläufig aufgrund Ressourcenmangelns zu aggressivem Verhalten gegenüber benachbarten Städten führen muss. Deshalb muss zusätzlich die Militärkaste der Wächter eingeführt werden. Die sozialen Probleme, die damit verbunden sind (Aggression auch nach innen) führt schließlich zur Forderung, dass diese herrschende Kaste eine besondere Erziehung durchlaufen muss. Diese wird im nächsten Buch diskutiert.
Was mich an Plato fasziniert, ist die intellektuelle Unabhängigkeit seiner Ansichten. Damit ist nicht gemeint, dass es es keine geistesgeschichtlichen Einflüsse oder inhaltlichen Vorbilder gäbe, sondern dass er in der Lage ist, weitgehend von seinem kulturellen Umfeld zu abstrahieren, und rationale Lösungen ohne Scheuklappen zu suchen. Dass die Ergebnisse aus heutiger Sicht oft seltsam anmuten, ändert nichts an der Tatsache, dass Plato einer der unabhängigsten Köpfe war, welche die europäische Philosophie hervorbrachte.
Drittes Buch
In diesem Teil des Werks findet man die Fortsetzung der berüchtigten Forderung nach Zensur im literarischen Bereich. Zugespitzt könnte man sagen, dass Platos totalitäres Programm hier besonders augenscheinlich wird. Von der Voraussetzung ausgehend, dass erstens adäquate Erziehung nicht nur für die elitäre Klasse der Wächter maßgeblich zum Erfolg seines idealen Staatwesens beiträgt, und zweitens Erziehung zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht, will er schlechte Einflüsse verbieten. Dieses Argument unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was konservative Politiker heute fordern. Will man in der Gegenwart Kinder vor “Killerspielen” oder schlechten Einflüssen aus dem Internet schützen, will Plato die Kinder seines Staates vor nicht nachahmenswerten mythologischen Geschichten schützen. Sogar Homer wird von der Kritik nicht ausgenommen, stellt er doch die Götter sehr oft unwürdig (von Leidenschaften beherrscht) vor.
Darum müssen wir solchen Erzählungen den Abschied geben, auf daß sie unseren Jünglingen nicht den ungehemmten Trieb zur Schlechtigkeit erzeugen.
[392]
Auch “schlechte” musikalische Stile darf es in Platos Staat nicht geben, da Musik direkt das Seelenleben beeinflusse.
Im Zentrum des dritten Buches steht auch die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Plato argumentiert hier sehr autoritär. Nachdem er (mythologisch begründet) seine Gesellschaft in drei verschiedene Klassen einteilt (solche mit goldenen, silbernen, bronzenen “Seelen”), rechtfertigt er “noble Lügen” aus utilitaristischem Blickwinkel: Es nütze dem Staat insgesamt und damit auch ihren Mitgliedern, wenn entsprechende “Wahrheitspolitik” betrieben wird.
Plato errichtet hier ein präfaschistoides Staatswesen mit einer Klassengesellschaft und einer ausgeprägten Medienpolitik. Interessant finde ich daran vor allem, dass sich dieser elaborierte Totalitarismus bereits so früh geistesgeschichtlich expliziert findet, und dass hier zahlreiche Fragen zum ersten Mal systematisch behandelt werden, welche bis heute die Diskussion bestimmen (Zensur und Medien, Erziehung, Nature/Nurture …). Bemerkenswert auch, wie schnell die Wahrheit einem angeblich höherwertigen Gut geopfert wird, speziell wenn man an das skeptische Wahrheitspathos vieler platonischer Dialoge denkt.
Viertes Buch
Nach den ersten drei Büchern dürfte fast jeder moderne Leser ein Unbehagen über Platos Staatstotalitarismus verspüren. Aber auch für die Zeitgenossen im alten Athen war dieser Idealstaat eine Provokation. So überrascht es nicht, dass Adeimantos das vierte Buch mit folgendem Einwand eröffnet:
Was wirst du nun, mein Sokrates, zu deiner Verteidigung vorbringen, falls jemand dir einwerfen sollte, mit dem Glück, das du diesen Männern bietest, sei es nicht weit her [...]
[419]
Sokrates antwortet darauf, dass es nicht um das Glück von Gruppen oder Individuen geht, sondern um das Wohl des Staates insgesamt.
Im Mittelpunkt dieses Teils steht erneut Platos problematische Analogie zwischen Seele und Staat, auf der er seine Argumentation aufbaut. Wie ein guter Mensch, zeichne sich ein Staat durch vier Eigenschaften aus: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit. Letztere bestehe darin, dass jeder Bürger der Tätigkeit nach gehe, zu der er am besten fähig ist (nach dem früher beschriebenen Klassensystem).
Anschließend führt Sokrates seine dreiteilige Psychologie bestehend aus Vernunft, Begierde und Geist (Seele) ein. Ein weiser Mensch hält alle drei Teile in Harmonie, wobei der Vernunft die lenkende Rolle zukommt. Diese Analogie zwischen Psyche und Staat wurde in der Forschung oft kritisiert, zu Recht meiner Meinung nach. In Anbetracht der Tatsache, zu welchen ontologischen Spitzfindigkeiten Plato in seiner Metaphysik fähig ist, wirkt die Gleichsetzung zwischen Individuen mit abstrakten sozialen Prozessen vergleichsweise plump. Trotzdem sind die psychologischen Passagen sehr aufschlussreich zu lesen, prägten sie die abendländische Psychologie doch bis in die Neuzeit. An dieser Stelle sollte man sich einmal mehr in Erinnerung rufen, dass es sich hier nicht um ein politisches Programm im engen Sinn handelt, sondern um ein radikales Gedankenexperiment.
Fünftes Buch
Dieses Buch enthält den gesellschaftspolitisch wohl radikalsten Vorschlag Platons: Die Aufgabe der klassischen Familie zu Gunsten eines geteilten “Besitzes” von Frauen und Kindern. Angereichert ist das mit einem charmanten Eugenikprogramm dahin gehend, dass der Staat durch Tricks besonders aussichtsreiche Erzeuger von Premiumnachwuchs zusammenbringt und auch dafür sorgt, dass diese öfters zur Kopulation schreiten dürfen wie von der Natur benachteiligte Paare:
Es müssen [...] die besten Männer so häufig wie möglich den besten Frauen beiwohnen, den schlechtesten dagegen den schlechtesten so selten wie möglich. Und die Kinder der ersteren müssen aufgezogen werden, die der anderen nicht, sofern die Herde auf voller Höhe bleiben soll. Und von allen diesen Maßnahmen darf niemand etwas wissen außer die Herrscher selbst [...]
[459]
Als Argument für dieses Arrangement bringt Sokrates die überragende Wichtigkeit des Zusammenhalts einer Gesellschaft ins Spiel, welcher durch dieses kommunitäre Zusammenleben optimiert würde.
Positiv davon setzt sich Platos Gleichheitsvorstellung zwischen den beiden Geschlechtern ab, speziell vor dem Hintergrund der altgriechischen Machogesellschaft betrachtet:
Es gibt also [...] keine die Staatsverwaltung betreffende Beschäftigung, die der Frau als Frau oder dem Manne als Mann zukäme; vielmehr sind die natürlichen Anlagen auf ähnliche Weise unter beiden Geschlechtern verteilt, und naturgemäß hat die Frau ebenso wie der Mann Anspruch auf alle Beschäftigungen, bei allen aber ist das Weib schwächer wie der Mann.
[455]
Sechstes Buch
Dieses und die nächsten Bücher werden gerne die “philosophischen” genannt, weil hier theoretische Fragestellungen im engeren Sinn abgehandelt werden. Zuvor jedoch geht es einmal mehr um die Rolle des Philosophen in der Polis. Plato greift erneut auf eines seiner Lieblingsbilder zurück: Auf das Schiff. Der Philosoph sei wie der Steuermann auf einem Schiff der Bestqualifizierte, um den Staat zu lenken. Er beschreibt die Situation, die entstünde, setzten die Matrosen den Steuermann ab und übernähmen selbst ohne Qualifikation die Schiffsführung: Inkompetenz und Gefahr wären die Folge. Warum also sollten normale Bürger die Regierungsgeschäfte übernehmen? Ein weiterer Baustein in seiner Ablehnung der Demokratie.
Sokrates setzt mit einer unfreundlichen Beschreibung des politischen Alltags und der mangelnden intellektuellen Begabung seiner Mitmenschen fort. Die meisten hätten keinen Sinn für geistige Fragestellungen. Die Zuhörer des Sokrates und auch die Leser des “Staates” warten nun gespannt, auf die entscheidende Enthüllung seiner philosophischen Konzeption. Was ist dieses weitreichende Wissen, das den Philosphenkönig zum Herrschen auszeichnet? Es ist die Idee der Ideen: die des Guten.
Zu Beginn vermeidet Sokrates zu präzisieren, was das Gute nun eigentlich sein soll, und gibt stattdessen ex negativo Beschreibungen, was viele fälschlicherweise für gut halten. Von Glaucon damit konfrontiert, versucht Sokrates eine Antwort, in dem er erst zwischen dem Reich der Sinne und dem des Seins unterscheidet. Im Bereich des Seins und der Erkenntnis spiele sie eine ähnliche Rolle wie die Sonne für das Reich des Sinne. Die Sonne sei die Ursache für Licht und damit Leben. Die Idee des Guten sei die Ursache für Wissen und Wahrheit.
Das ist aus heutiger Sicht natürlich alles sehr vage formuliert. Man sollte sich aber bei der Lektüre immer vor Augen halten, dass Plato der erste war, der in dieser Ausführlichkeit diese theoretischen Kategorisierungen vorgenommen hat und seine scharfen Alltagsbeobachtungen seiner Mitmenschen bis heute aktuell sind.
Siebtes Buch
Dieses siebte Buch zählt wohl zu den berühmtesten Texten der Philosophie, eröffnet es doch mit dem Höhlengleichnis. Sokrates verwendet es dazu, seinen jungen Zuhörern seine Ontologie näherzubringen. Man kann die gefesselten Menschen, welche die Schatten an den Wänden für reale Gegenstände halten, auch als mächtige Metapher für (fehlende) Aufklärung sehen, was im 18. Jahrhundert nicht selten vorkam, sowie als Kritik an der mangelnden Bildung der Masse und den Schwierigkeiten der Wissens-Zwangsbeglückung. Laut Plato waren die Höhlenbewohner ja alles andere als glücklich als man ihnen zum ersten Mal von der Leben außerhalb der Höhle und der Existenz der Sonne berichtete.
Angesichts des totalitären Staatsentwurfs Platos, entbehrt diese Aufklärungsbilderwelt natürlich nicht der Ironie.
Im weiteren Verlauf des Buches wird die Frage diskutiert, welche Wissensgebiete für Platos Herrscherklasse am Wichtigsten sei, und man bekommt ein hübsches Plädoyer für Mathematik und rationales Denken geboten, das ich immer wieder gerne lese. Zum Abschluss erfolgt erneut eine prominente Stelle, nämlich die von Sokrates eingeführte epistemologische Hierarchie: An erster Stelle steht die Wissenschaft gefolgt von der mathematischen Verstandeserkenntnis. An dritter Stelle der Glauben (nicht religiös gemeint) und die Bildlichkeit, um die Übersetzung Otto Apelts zu übernehmen.
Achtes Buch
Am Ende des siebten Buches wird eine zentrale Frage angeschnitten: Ist dieser Idealstaat überhaupt möglich? Sokrates ist sich der Schwierigkeiten bewusst und macht deshalb einen radikalen Vorschlag: Bei der Gründung des Staates müssen alle Bewohner, die älter als zehn Jahre sind, aus der Stadt geschickt werden. Plato-Interpreten weisen zurecht darauf hin, dass man das nur als Euphemismus für das Töten der erwachsenen Bevölkerung sehen kann, eine in der Antike nicht unübliche Kriegspraxis.
Nun stellt sich die berechtigte Frage: Mein Sokrates das ernst? Oder ist es eine implizite reductio ad absurdum dieses Idealstaates und beendet damit das Gedankenexperiment, indem er es scheitern lässt? Ich habe mir selbst noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, literarisch beurteilt würde diese Grausamkeit nicht kohärent mit dem Charakter des Sokrates’ sein, gemessen an allen platonischen Dialogen.
Bestechend ist auf alle Fälle, dass Plato hier bereits das Revolutionsdilemma illustriert: Egal wie gut die Intentionen und wie perfekt ausgearbeitet die Gesellschaftsutopie auch ist: Die praktische Umsetzung ohne Gewalt scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, was die Geschichte ja auch hinreichend belegt.
Das achte Buch ist vor allem der theoretischen Diskussion der möglichen Staatsverfassungen gewidmet, konkret der Timokratie, der Oligarchie, der Demokratie sowie der Dikatur. Es wird einerseits das System “strukturell” beschrieben, andererseits die Charaktere untersucht, die zu diesen Verfassungen passen. Viel hat sich leider nicht geändert, wenn man an aktuelle Regimie denkt und Folgendes liest:
Indem sie nun als auf diesem Wege des Gelderwerbs fortschreiten, kommt die Tugend bei ihnen in demselben Maße in Mißachtung, in dem das Geld in ihren Augen an Wert gewinnt. Oder steht es mit dem Unterschied von Reichtum und Tugend nicht so, daß sie gleichsam auf die Schalen einer Wage gelegt sind, von denen die eine steigt, während die andere sinkt?
[550]
Abschließend sei noch eine Stelle zitiert, die sehr schön belegt, wie alt und universal die Kritik an der Jugend ist, sie wiederholt sich seit tausenden von Jahren:
[...] der Lehrer hat unter solchen Verhältnissen Angst vor den Schülern und umschmeichelt sie, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und ebensowenig vor ihren Aufsehern; und überhaupt stellen sich die Jüngeren den Älteren gleich und suchen ihnen den Rang abzulaufen in Worten und Taten, während die Alten sich traulich mit den Jünglingen einlassen und, ganz im Geist der Jugend, unerschöpflich sind in Witzeleien und Spaßhaftigkeiten, um nur ja nicht griesgrämig und herrisch zu erscheinen.
[563]
Im zweiten Teil des fünften Buchs kommt Plato auf eine seiner zentralen sozialphilosopischen Vorstellungen zu sprechen: Die Herrschaft der Philosophen, die er als Liebhaber der Wahrheit beschreibt. Um zu erläutern, was er damit meint, sind die letzten Seiten dieses Abschnitts einer ersten erkenntnistheoretischen Abhandlung gewidmet: Er unterscheidet zwischen Wissen und Meinung und führt damit eine epistemologische Skala ein, auf die er im Folgenden aufbauen kann.
Neuntes Buch
Diese Buch ist zwei Themen gewidmet: Der Kritik an der Demokratie und der Diktatur als Staatsform. Es sollte inzwischen ja hinreichend klar geworden sein, dass Platon ein Demokratie-Kritiker war, obwohl er an einer Stelle durchaus einräumt, dass es wohl das fairste politische System sei, und das sein Idealstaat nur über die Demokratie als Übergangsform zu erreichen wäre.
Um meine hier oft wiederholte These zu illustrieren, dass Plato eine Menge intellektueller Grundlagenarbeit leistete, ein Beispiel aus dem neunten Buch. Freud hat die Psychoanalyse ins Leben gerufen? Von wegen:
Diejenigen, die sich im Schlafe regen, wenn der andere Seelenteil, der vernünftige nämlich und gesittete und jene herrschende, ruht, während der tierische und der Wildheit ergebene, mit Speise und Trank gefüllt, sich vor Unbändigkeit nicht zu lassen weiß und den Schlaf abschüttelnd loszustürmen und seinen Trieben zu frönen sucht. In solchem Zustand scheut er bekanntlich, bar und ledig jeglichen Schamgefühls und jeglicher Besinnung wie er dann ist, vor nichts zurück. Denn er bedenkt sich keinen Augenblick, der eigenen Mutter, wie er wähnt, beizuwohnen oder irgend welchem anderen Wesen, sei es Mensch, Gott oder Tier, und jede Blutschuld auf sich zu laden [...]
[571]
Die Kritik an der Tyrannei ist psychologisch so hellsichtig und heute noch gültig, so dass man sie allen gerne zu lesen gäbe, die sich derzeit mit Iran und vergleichbaren Staaten herumschlagen müssen.
Zehntes Buch
Wer im Laufe der Lektüre meinte, Platos Literaturkritik sei im zweiten und dritten Buch abgeschlossen worden, wird nun überrascht zur Kenntnis nehmen müssen, dass er am Ende zu einer Fundamentalkritik an der Literatur ausholt. Er kritisiert sie von zwei Seiten: Metaphysisch und psychologisch. Ausgehend von seiner realistischen Ontologie, in der abstrakte Formen in der Hierarchie des Seins ganz oben stehen, schneidet die Kunst der Nachahmung denkbar schlecht ab, ahmt diese doch nicht einmal die Formen nach, sondern physische Gegenstände. Damit ist sie quasi eine Nachahmung zweiter Stufe und viel zu weit vom “wahren Sein” weg, um noch interessant zu sein.
Die psychologische Literaturkritik, lässt sich in moderner Begrifflichkeit so zusammenfassen, dass Literatur dem Irrationalismus Vorschub leiste. Die Geschichten seien bildhaft und emotional aufgeladen und sprächen dadurch die “unvernünftigen” Teile der menschlichen Psyche stark an und verstärkten deshalb unerwünschte Emotionen. Aristoteles wird bekanntlich in seiner Poetik diese Punkte aufgreifen, ihnen aber positive Effekte zuschreiben, nämlich die Reinigung von gewissen Affekten durch die Literatur.
Platos “Staat” zu lesen ist jedes Mal wieder eine spannende Reise in provozierendes Terrain. Es drängt sich nachhaltig die Frage auf, ob es sich bei seinem Idealstaat um ein warnendes Gedankenexperiment handelt, oder tatsächlich um eine von ihm vertretene Gesellschaftsutopie (für die meisten wohl -dystopie). Es gehört jedenfall zu den anregendsten Büchern der westlichen Philosophiegeschichte und sollte von allen gelesen werden, welche die europäische Geistesgeschichte verstehen wollen.
Plato: Der Staat
Irrweg Psychoanalyse
Frederick Crews bringt es hübsch und korrekt auf den Punkt:
Step by step, we are learning that Freud has been the most overrated figure in the entire history of science and medicine—one who wrought immense harm through the propagation of false etiologies, mistaken diagnoses, and fruitless lines of enquiry.
Mehr zum Thema findet sich unter dem Schlagwort Psychoanalyse.
Dante: Die Göttliche Komödie
Diese Notizen schrieb ich Ende 2004 / Anfang 2005 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.
Hölle
Als Leseausgabe verwende ich die schöne bibliophile Ausgabe von Faber & Faber. Drei schön gestaltete, großformatige Bände mit Illustrationen Monika Beisners. Die Übersetzung Karl Vosslers ist ausgezeichnet lesbar. Anmerkungen und Erläuterungen sind hilfreich am Rande des Lesetextes untergebracht. Kurz: eine der beeindrucksten Klassikereditionen der letzten Jahre.
Sich Dantes Welt zu nähern bedarf einer gewissen Umsicht. Einige antike Autoren (Vergil, Ovid) sollte man präsent haben, die Bibel ebenso. Mit dem Mittelalter auf guten Fuß zu stehen, schadet naturgemäß nichts, wobei hier Schwerpunkte auf Theologie und die Geschichte Italiens (Florenz!) zu empfehlen wären. Eine Menge an Voraussetzungen sollte man also mit auf die Lesereise nehmen, wenn man sich einem der Höhepunkte der Weltliteratur nähert.
Wie sehr die “Göttliche Komödie” aus dem zeitgenössischen Schrifttum herausragt, zeigt ein Blick auf die mittelhochdeutsche Literatur. Wie im 18. Jahrhundert als vor allem die englischen Autoren in Sachen Roman ihren deutschen Kollegen weit voraus waren, können die deutschen Texte des Mittelalters – trotz aller Vorzüge – ästhetisch und intellektuell an Dantes Werk nicht heranreichen, vielleicht mit Ausnahme der kritischen Brillanz des Gottfried von Straßburg.
Dantes Meisterschaft setzt sich aus vielen Leistungen zusammen, wovon die Etablierung einer neuen Literatursprache selbstverständlich nicht die geringste ist. Hervorzuheben ist auch die Synthese höchst unterschiedlicher Bereiche in ein Sprachkunstwerk. Dies läßt sich an der “Hölle” gut demonstrieren. Dantes Hölle wird von zwei unterschiedlichen Quellen gespeist. Die drastische Darstellung der Höllenqualen, denen die Göttliche Komödie einen großen Teil ihrer “Popularität” verdankt, speist sich aus volkstümlichen Höllenvorstellungen. Diese Volkshölle entstand in der Spätantike wie man in diversen apokryphen Schriften nachlesen kann (Apokalypsen des Petrus’ und Paulus’ beispielsweise), und die bis ins Hochmittelalter größte Popularität erreichte. Die zweite Quelle war theologischer Art. Seit den Kirchenvätern gab es zahlreiche Höllensystematisierungsversuche. Denn auch wenn die Höllenqualen an sich die intellektuellen Propagandisten der Nächstenliebe nur in den seltensten Fällen störte, sollte die Folter doch wenigstens in einem elegantem theologischen System gründen.
Dante spannte nun diese beiden Welten zusammen, indem er den Höllensadismus der religiösen Volkskultur literarisch brillant verarbeitete, diese Hölle aber mit der bekannten systematischen Geographie versah, die sich aus theologischen Quellen speiste.
Agiert der Autor hier “mittelalterlich” im besten Sinn, finden sich auch Aspekte, die auf die Renaissance vorausweisen. Die Respektlosigkeit, mit welcher der Autor die zeitgeschichtliche Prominenz (Päpste, Kaiser, Honoratioren aller Sparten) in die Hölle versetzt, ist von erfrischender Frechheit. Der die Höllenkreise hinabsteigende Dante (als literarische Figur!) ist viel näher am Renaissancemenschen als an den typologisierten Heldenfiguren, die sonst in der Literatur des Mittelalters ihr heroisches Unwesen treiben.
Es braucht viel Zeit, sich auf Dantes Werk und Welt einzulassen. Was aber könnte man mit seiner Zeit Bessereres anfangen? :-)
Fegefeuer
In vieler Hinsicht setzt das Purgatorio die Hölle fort: Während die Höllenkreise trichterförmig ins Erdinnere verlaufen, sind die sieben Kreise des Fegefeuers spiegelbildlich auf einem Berg angeordnet. Das eigentliche Purgatorio beginnt bei der Hälfte des Berges, den der Held immer noch in Begleitung Vergils besteigt. In der unteren Hälfte befindet sich das Antipurgatorio, in dem Sünder, die aus diversen Gründen zu spät bereuten, auf den Einlass ins Fegefeuer warten.
Die Läuterung der Sünder erinnert ebenfalls an die Hölle. Zugegeben, die Strafen sind cum grano salis weniger brutal. Dazu kommt eine – in der ewigen Verdammnis unnötige – didaktische Komponente: Den Büßenden werden Beispiele tugendhaften Verhaltens vor Augen geführt, passend zur eigenen Lasterkategorie versteht sich. Die Stolzen etwa dürfen sich an Marmorbildern (die bildende Kunst hält Einzug!) ergötzen, die Szenen der Demut zeigen. Die Zornigen werden mit Sanftmutsvisionen geplagt …
In den sieben Kreise des Purgatorio trifft unser metaphysischer Bergsteiger auf die Stolzen, die Neider, die Zornigen, die Trägen, die Geizhälse und Verschwender, die Schlemmer und schließlich die Wollüstigen.
Die letzten Gesänge des Fegefeuers spielen bereits im irdischen Paradies und die lang ersehnte Beatrice hat ihren Auftritt. Der Abstraktionsgrad des Textes nimmt signifikant zu. Theologische Themen und Allegorien treten in den Vordergrund und kündigen bereits den dritten Teil der Commedia inhaltlich an. Ohne Thomas von Aquin bei der Hand zu haben, dürfte sich die Ergiebigkeit der Lektüre in Grenzen halten.
Paradies
Schon am Ende des Purgatorio zeigte sich ein zunehmender Abstraktionsgrad. Die Gesänge des Paradieses sind durchsetzt mit theologischen Erörterungen. Angesichts der zahlreichen Kirchenväter, Heiligen, Kreuzritter und biblischen Gestalten kann das nicht weiter überraschen: Worüber sonst sollten sie reden?
Das künstlerische Wagnis, welches Dante mit diesem Teil eingeht, beschäftigt ihn an verschiedenen Stellen. So klagt er immer wieder über die mangelnde Fähigkeit, das Erfahrene in passende Worte zu kleiden. Seltsam mutet in diesem Zusammenhang das Anrufen antiker Götter (!) an, die ihm literarisch im christlichen Paradies beistehen sollen:
O mein Apoll, zum letzten Meisterstück
schenk mir von deiner Kraft so viel, daß ich
bei dir des Lorbeerpreises würdig werde.
[1. Gesang]
Lorbeer ist ein wichtiges Stichwort, Dante verspricht sich nämlich eine politische Wirkung seines Meisterwerks: die Rückkehr nach Florenz:
und will als Dichter dort den Kranz empfangen
[25. Gesang]
Überblickt man die Gesamtkonstruktion der Commedia, ist die Hypothese naheliegend, dass Dante die “Abgehobenheit” des letzten Teil als ästehtisches Mittel benutzte, um die geistige Entfernung des Irdischen vom Göttlichen auszudrücken.
Diese Entfernung hinderte ihn aber nicht daran, saftige Moralpredigen einzubauen:
Unsinnige Verstrickung irdischer Sorgen,
wie mangelhaft eure Gedankenkünste,
daß ihr die Flügel kaum vom Boden hebt!
In Rechtsgeschäfte, in Gesundheitslehre,
in Pfründenwesen, in Regierungsssachen
verfangen mit Gewalt und Klügelei [...]
[11. Gesang]
Neben dem allgemeinen Publikum kommen vor allem korrupte Kleriker zum Handkuss. Die Gründer der großen Ordnen klagen über die Dekadenz. Als Beispiel Benedikt:
Die Mauern, die ein Kloster waren, sind
nun Diebeshöhlen, und die Kutte ist
ein voller Sack mit faulem Mehl geworden.
[22. Gesang]
Petrus empört sich über seine päpstlichen Nachfolger:
die Stätte meines Grabs hat er entweiht
zu einem Pfuhl des Blutes und Gestankes
dem Abgefallenen zum Trost dort unten.
[27. Gesang]
Für den heutigen Leser bildet diese Kirchenkritik einen wichtigen Gegenpol zur allgemeinen Christentumsvergötterung Dantes. Zumal die Kritik so scharf ist, dass sie an Luther erinnert. Sogar der Ablasshandel kommt explizit zur Sprache.
Dante streut immer wieder autobiographische Bezüge ein, so sein berühmte Klage über das Exil:
Wirst alles Liebe, wirst dein Teuerstes
verlassen müssen: dieses ist die erste
von der Verbannung dir geschlagne Wunde;
und wirst erfahren, wie das Brot der Fremde
so salzig schmeckt, und wie die fremden Treppen
hinab hinan ein hartes Steigen ist.
[17. Gesang]
Die Geographie des Himmels orientiert sich an den damals bekannten “Sternen” (Planeten). Die Bewohner sind Lichtgestalten und die Licht- und Feuermetaphorik dient Dante als wichtigstes Mittel zur Beschreibung des Paradieses und dessen Bewohner. Manchmal bilden die Lichter Symbole nach (einen Adler und eine Leiter beispielsweise). Göttliche Neonreklame.
Was den theologischen Gehalt angeht, orientiert sich Dante weitgehend an der klassischen Scholastik. Leider erreicht er oft nicht logische Klarheit eines Thomas von Aquin. Ein komprimierteres Weltbild des Mittelalters wird man jedenfalls schwerlich finden.
Das gilt für die “Commedia” insgesamt, weshalb ich sehr froh bin, mich in den letzten Monaten ausführlich mit dem Buch beschäftigt zu haben: Es lohnt sich. Allerdings reicht ein Lesedurchgang bei weitem nicht aus. Früher oder später wird eine zweite Runde folgen.
Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie (Reclam)
Philipp Blom: Böse Philosophen
Zu dem Buch schrieb ich bereits Ende Juli eine Notiz, die beim Umzug der Notizen leider verloren ging.
Blom will dem interessierten Lesepublikum ein wenig bekanntes Kapitel der Geistesgeschichte näher bringen: Die radikale Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Als konzeptueller Ausgangspunkt eignet sich dafür bestens der Salon des kultivierten Baron d’Holbach in dem sich die unabhängigsten Geister dieser Zeit versammelten, allen voran Denis Diderot, dem die meiste Aufmerksamkeit Bloms gilt.
Warum wissen heute nur noch Fachleute von diesem Zirkel? Schuld daran ist die Rezeptionsgeschichte. Jean-Jacques Rousseau richtet einen Teil seiner paranoiden Energie auf den Baron und seine Freunde. Er startet einen furiosen publizistischen Rachefeldzug. David Hume bekam als Kollateralschaden später auch noch seine Prügel ab. Bis heute wirkt diese Propagandakampagne nach, weshalb sich Philipp Blom zum Ziel setzte hier aufklärend zu wirken. Bloms Buch ist damit auf zwei Ebenen aufklärerisch: Es beleuchtet eine im Dunkeln liegende Ecke der Philosophiegeschichte und schildert gleichzeitig deren Argumente mit so viel Verve, dass deren Aktualität sichtbar wird. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der Religionsdummheiten weltweit wieder großen Schaden anrichten.
Aus akademischer Sicht kann man Blom natürlich mangelnde Objektivität und diverse Ungenauigkeiten vorwerfen, aber das geht an der Intention des Autors vorbei. Ziel des Buches war keine geistesgeschichtliche Habilitationsarbeit, sondern ein parteiisches Portrait. So macht denn Blom keinen Hehl, wem seine Sympathie gehört. Die historische Darstellung ist allerdings hervorragend recherchiert. Man erfährt bei der Lektüre viel über das Frankreich der zweiten Jahrhunderthälfte.
Eines der spannendsten Sachbücher, die ich seit längerer Zeit las. Möge es viele Leser finden.
Philip Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Auflärung (Hanser)
Augustinus: Der Gottesstaat
Diese Notizen schrieb ich im Sommer 2005 in fünfzehn Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.
Buch 1 und 2
Augustinus zu lesen ist eine interessante Erfahrung: Intellektuelles Vergnügen über die Brillanz und Schärfe vieler Gedankengänge einerseits, Verwunderung über die geistige Verschwendung an wenig ergiebigen Fragestellungen andererseits.
Beschäftigt man sich mit den besten religiösen Denkern, Thomas von Aquin wäre ein weiteres Beispiel, so wird man mit klugen Systemen konfrontiert, deren logische Kohärenz und argumentative Konsistenz Bewunderung abnötigen. Nun hat die Sache freilich einen großen Haken: Diesen mit viel Aufwand und Liebe zum Detail errichteten Gedankengebäuden fehlt jegliches Fundament. Man steht vor mit großer Begabung errichteten Luftschlössern.
Nun könnte man diese theoretischen Gebäude als l’art pour l’art genießen, als hervorragende Gedankenliteratur. Diese Rezeptionshaltung setzte sich jedoch zwei Einwänden aus: Erstens waren Denker wie Augustinus ungemein einflussreich und konnten deshalb nicht nur im Geistesleben signifikanten Schaden anrichten. Zweitens wird hier ein expliziter Wahrheitsanspruch erhoben, der redlicherweise Ernst genommen werden sollte.
„Der Gottesstaat“ ist eine fulminante Verteidigung des Christentums gegenüber zahlreichen Vorwürfen seitens nichtchristlicher Römer, welche die neue Religion für den Untergang des Imperiums maßgeblich verantwortlich machten, speziell für die Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahr 410. Gleichzeitig ist das Buch ein Pamphlet gegen die Heiden im allgemeinen und die römische Religion im besondern und damit ein Dokument zeitloser religiöser Intoleranz. Augustinus schrieb sich in Hippo, einer kleinen nordafrikanischen Provinzstadt, in einen wahren Furor gegen die Sittenlosigkeit Roms hinein. Wie aktuell dieser religiöse Hass der Stadt als Symbol der Dekadenz immer noch ist, kann man in „Occidentalism“ von Ian Buruma und Avishai Margalit nachlesen.
Augustinus war hochgebildet, hatte nicht nur die römischen Historiker und Philosophen sorgfältig gelesen, sondern auch viele griechische Klassiker. Darunter Plato, den er gar nicht genug dafür loben kann, die Dichter aus seinem Idealstaat verbannt zu haben:
Sollte man nicht vielmehr dem Griechen Plato die Palme reichen, der, als er das Vernunftideal eines Staates entwarf, die Dichter als Feinde der Wahrheit aus der Stadt zu vertreiben empfahl? Er in der Tat wollte weder die Beleidigung der Götter dulden noch die Seelen der Bürger durch Hirngespinste umnebeln und verderben lassen. [S. 78]
Erwähnt sei am Rande, dass der große Platon, trotz dieser für die Kirche nützlichen totalitären Anregungen, selbstverständlich jedem Christen – der Natur des katholischen Kastenwesens gemäß – unterlegen ist:
Wir halten zwar Plato weder für einen Gott noch für einen Halbgott, stellen ihn auch nicht einem der heiligen Engel des höchsten Gottes oder einem prophetischen Wahrheitszeugen oder irgendeinem Apostel oder Märtyrer Christi oder auch nur einem beliebigen Christen an die Seite [...] [S. 79f.]
Bei der Lektüre der ersten beiden Bücher des „Gottesstaats“ hatte ich mehrmals den Eindruck als würde Augustinus aufgrund seines großen geistigen Horizonts die Schwachstellen seiner Argumentation durchaus erkennen. Eine strukturelle Schwäche seines Gedankenganges besteht darin, mythologische und/oder literarische Geschichten als empirisches Fundament für seine Kritik zu verwenden. Als Plato- und Cicero-Kenner musste er aber wissen, auf wie wackeligen ontologischen Beinen diese Vorgehensweise steht. Gleich zu Beginn bezieht er sich ausführlich auf Vergils Hauptwerk als Quelle und schreibt am Ende schuldbewusst:
Es müßte denn sein [...], dass aber Vergil nach Dichterweise alles frei erfunden hätte. [S. 10]
Was ja bei Dichtern schon vorgekommen sein soll und weshalb sie Augustinus wie Platon aus seinem utopischen Gemeinwesen verbannt sehen will. Deshalb schiebt er noch eine Rechtfertigung nach:
Doch nein, er hat beschrieben, was bei Zerstörung von Städten feindlicher Brauch ist. [S. 10]
Ein weiteres Beispiel. Augustinus vergleicht die alttestamentarische Geschichte vom Propheten Jonas im Walfischbauch mit der des Arion von Methymnä, der von einem Delphin an Land gezogen wurde. Dabei ist er sich sehr wohl bewusst, dass die Bibelgeschichte empirisch wesentlich unplausibler ist, und schreibt deshalb entschuldigend:
Gewiß klingt unsere Erzählung vom Propheten Jona noch unglaublicher. Ohne Frage unglaublicher, weil wunderbarer, und wunderbarer, weil von größerer Macht zeugend. [S. 27]
Zwischen den Zeilen kann man also den Streit zwischen dem vergleichsweise aufgeklärten spätantiken Intellektuellen und dem dogmatischen Christen beobachten. Ein Nebenaspekt des Buches, aber ein reizvoller.
Buch 3 und 4
Wer wissen will, wie boshaft man Geschichte schreiben kann, der lese das dritte Buch des „Gottesstaats“. Augustinus unternimmt einen etwa fünfzigseitigen Parforce-Ritt durch die Historie des römischen Reiches. Zweck dieser Polemik ist es zu zeigen, dass die Römer ständig von ihren Göttern im Stich gelassen worden sind. Ein geschichtlicher Tiefpunkt nach dem anderen wird genüsslich beschrieben. Die Leitfrage: Wo waren eure Götter denn damals? Als Beispiel diene der Untergang der Stadt Sagunt während des zweiten Punischen Krieges:
Zunächst verschmachteten sie fast vor Hunger, denn es wird berichtet, daß manche Einwohner die Leichen der eigenen Angehörigen verzehrten. Sodann, von allen Mitteln entblößt, errichtete man, um nicht gefangen in Hannibals Hände zu fallen, auf freiem Platze einen gewaltigen Scheiterhaufen, zündete ihn an und ließ sich selbst nebst allen Angehörigen, zuvor mit dem Schwert durchbohrt, von den Flammen verzehren. Hier hätten doch die Götter, diese Schwelger und Nichtsnutze, die nach Opferfett gieren und mit trügerischen Prophezeiungen die Leute umnebeln, etwas tun sollen [...] Diese Stadt, die ihrer Verpflichtung nachkam, die sie unter Anrufung der Götter eingegangen war und durch Treuwort und Eidschwur bekräftigt und geheiligt hatte, wurde von einem Wortbrüchigen belagert, überwältigt, vernichtet! [S. 150/151]
Augustinus argumentiert immer wieder mit der Theodizee. Richtet sich sein Scharfsinn gegen die römische Religion, wird der gütige Kirchenvater zum fulminanten Religionskritiker. Scharfzüngig und geistreich treibt er das „Heidentum“ vor sich her. Nahm Voltaire das Christentum brillant in die Mangel, so steht ihm Augustinus in Bezug auf seine Heiden um nichts nach.
Im vierten Buch wendet er sich dem antiken Götterwesen inhaltlich zu und setzt dabei ein kritisch-rationales Instrumentarium ein, das ihn den besten, nicht nur antiken Philosophen an die Seite stellt. Paradigmatisch sei die Argumentationsstrategie genannt, die sich mit den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen der Götter befasst. Süffisant weist er auf logische Inkonsistenzen und inkohärente Aufgabenverteilungen hin. Anachronistischerweise ist ihm auch Ockhams Razor nicht fremd: Er versucht den Nachweis, dass die Glücksgöttin Felicitas religionsökonomisch völlig hätte ausreichen müssen. Wenn man auf allen Gebieten Glück hat, wozu braucht man dann noch Spezialgötter für Ernte und Krieg, Pflanzen und Liebe?
Sogar „naturwissenschaftliche“ Überlegungen führt er ins Feld: Wenn die Welt aus vier Elementen bestehe, reichten dann nicht auch vier Götter für alles aus (statt viele Dutzend)?
Beim Leser stellt sich nach und nach aber Ratlosigkeit ein: Wie ist es möglich, dass ein so scharfsinniger Kopf sein kritisches Instrumentarium nicht auf seine eigene Religion anwendet, sondern hier naiv dogmatisch bleibt? Würde er seinen logischen Werkzeugkasten gegen das Christentum einsetzen, bliebe von der neuen Weltreligion ebensowenig Plausibles übrig, wie vom römischen Polytheismus. Diese intellektuelle Schizophrenie ist ebenso erstaunlich wie rätselhaft.
Buch 5
Drei Themen bestimmen dieses Buch: Weitere Kritik am Aberglauben, speziell der Astrologie; die Willensfreiheit; die Antwort auf die Frage, warum Gott das römische Reich so groß gemacht hat.
Augustinus’ Argumente gegen die Astrologie sind immer noch valide, weist er doch eloquent auf die zahlreichen Widersprüche hin, in die man sich verwickelt, wenn man an den Einfluss der Sterne als determinierend für das menschliche Schicksal ansieht:
Aber zur Erklärung der gleichartigen Erkrankung die Konstellation des Himmels oder der Gestirne, wie sie zur Zeit der Empfängnis oder Geburt war, heranziehen zu wollen, wo doch so viele Geschöpfe von verschiedenster und größter Verschiedenheit im Wirken und Ergehen zur gleichen Zeit, in derselben Gegend und unter demselben Himmel empfangen und geboren werden konnten, das verrät unglaubliche Dreistigkeit. [S. 222]
Erörtert und widerlegt werden noch bekannte antike “Beweise” für astrologische Behauptungen. Augustinus sucht auch nach Falsifikationsinstanzen und verweist auf zweigeschlechtliche Zwillingspaare, die sich höchst unterschiedlich entwickeln. Schließlich unterscheidet er höchst modern zwischen konstruierten und empirisch plausiblen Einflüssen der Gestirne:
Es wäre freilich nicht ganz so absurd, wollte man sagen, daß gewisse Ausstrahlungen der Gestirne körperliche Verschiedenheiten – aber nur solche – bewirken, wie wir ja auch sehen, daß durch die Annäherung und Entfernung der Sonne die Jahreszeiten wechseln und durch Zunahme und Abnahme des Mondes manche Dinge wachsen oder hinschwinden, wie Meerigel, Muscheln und des Ozeans wundersames Auf- und Niederwallen, während die Willensakte der Seele durch den Stand der Gestirne nicht beeinflußt werden. [S. 230]
Wer schon immer wissen wollte, warum das römische Reich eine solche Blüte erlebt hat, bekommt es von Augustinus geduldig erklärt. Der ganze imperiale Aufwand diente schlicht dazu, den Christen als Vorbild auf unterschiedlichen Ebenen zu dienen. Das römische Reich als pädagogische Maßnahme für eine narzisstische neue Weltreligion:
So ward durch die weite Ausdehnung, die lange Dauer und den hohen Ruhm des Reiches, einerseits jenen Männern der Lohn, den sie erstrebten, zuteil, andererseits aber wurden uns hier Vorbilder zur nötigen Ermahnung vor Augen gestellt. Nun ist es klar: Wenn nicht auch wir um des ruhmreichen Gottesstaates willen an den Tugenden festhielten, wie sie in ähnlicher Weise [...] müßten wir vor Scham vergehen. [S. 263]
Buch 6 und 7
An das fünfte Buch anknüpfend, widmet sich das folgende einem speziellen Aspekt des Wettkampfes zwischen römischer und christlicher Religion: Können die heidnischen Götter ewiges Leben verleihen?
Augustinus verspottet schon die Erwägung im allgemeinen, verfügten diese Gottheiten doch (wie ausführlich vorher beschrieben) über einen höchst eingeschränkten Zuständigkeitsbereich. Die These dient ihm jedoch zum Anlass, sich ausführlich mit Marcus Terentius Varro, “a man of immense learning and a prolific author” (Britannica), auseinanderzusetzen, speziell mit dessen Götterlehre. Der Überlieferung nach schrieb Varro 74 Werke bestehend aus 620 Büchern, von denen – wie so oft – nur ein kleiner Bruchteil überliefert wurde. Augustinus bezieht sich auf die 16 Bücher zum Thema “Göttliches” der “Antiquitates rerum humanarum et divinarum”. Er geht von Varros Einteilungen aus und argumentiert auf jeder Ebene gegen die Annahme, ewiges Leben sei mit Hilfe heidnischer Götter möglich.
Mit besonderer Verachtung werden dabei wieder die diversen öffentlichen Kulthandlungen bedacht:
Doch wie man im übrigen auch ihren Mysterienkult deuten und zu Naturvorgängen in Beziehung bringen mag, daß Männer beim Geschlechtsverkehr die Rolle des Weibs spielen, ist nicht naturgemäß sondern widernatürlich. Diese Seuche, dies Verbrechen, diese Schmach wird aber in jenem Kult gewerbsmäßig betrieben [...] [S. 302]
Im siebten Buch wird die für das Christentum so wichtige Frage über die möglichen Ursachen des ewigen Lebens noch weiter verengt. Augustinus diskutiert sie nun in Hinblick auf die wichtigsten römischen Götter. Nicht ohne sich über diese “Götter Auslese” lustig zu machen, indem er Tertullian zitiert:
Wennn man Götter ausliest, wie man Zwiebeln ausliest, erklärt man die übrigen für wert, weggeworfen zu werden. [S. 317]
Der Rest des Buches besteht aus einer Abrechnung mit den einzelnen Göttern und einer polemischen Auseinandersetzung mit Varros religionshistorischen Erklärungsversuchen.
Buch 8-10
Das achte Buch ist philosophisch besonders interessant, da sich Augustinus hier explizit mit Philosophen auseinandersetzt. Sokrates wird beispielsweise “wunderbare Eleganz” und “bissige Liebenswürdigkeit” bescheinigt. Platon und die platonische Schule wird über alle anderen Lehren gestellt, was angesichts der Anleihen, welche die Theologie beim Platonismus nahm, nicht überrascht:
Doch hütet [Platon] sich sich vor denen, die beim Philosophieren nur nach den Elementen dieser Welt fragen und nicht nach Gott, der die Welt geschaffen hat.
[S. 387]
Empiristische Ansätze waren und sind den Vertretern Gottes auf Erden immer schon ein Greuel. Weniger gefällt Augustinus freilich der Hang zum Polytheismus und die postulierte Existenz von Dämonen. Die “Dämonen-Ontologie” hat es ihm besonders angetan, und er widerlegt umständlich, dass Dämonen auf der Stufenleiter der Existenz dem Menschen vorzuziehen seien. Die Verehrung von Engeln und Märtyrern dagegen sei eine lobenswerte Angelegenheit.
Im neunten Buch fällt der Kirchenvater mit der im eigenen brillanten rhetorischen Boshaftigkeit über die armen Dämonen her. Methodisch interessant wird es, wenn er auf die ethischen Theorien der Stoiker und der Peripathetiker zu sprechen kommt und sprachanalytisch vorgeht. Man stritte hier nur über Worte:
Ebenso scheint sich mir auch bei der Frage, ob der Weise von Gemütsbewegungen bewegt werde, oder ob sie ihm fremd bleiben, der Streit mehr um Worte als um Sachen zu drehen, und ich bin der Meinung, daß die Stoiker, soweit der Sachverhalt und nicht der Wortlaut in Betracht kommt, hierüber nichts anderes denken als die Platoniker und Peripatetiker.
[S. 430]
Besonders empört ist Augustinus über das Konzept, dass Dämonen zwischen Menschen und Göttern als Vermittler tätig sind. Eine Fülle von Argumenten führt er dagegen an.
Der erste Band meiner dtv Ausgabe schließt mit dem zehnten Buch, einem Versuch in fortgeschrittener Engel-und-Dämonen-Komparatistik. Wie im “Gottesstaat” insgesamt, stößt man immer wieder auf interessante Details am Rande. Etwa wenn Augustinus das Konzept der Nächstenliebe – immerhin die zentrale marketing proposition des Christentums – schnurstracks zum Missionierungsinstrument erklärt:
Denn wer sich selbst liebt, will ja im Grund nichts anderes als glückselig sein. Dies Ziel aber ist, Gott anzuhangen. Wenn also dem, der sich selbst recht zu lieben weiß, geboten wird, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, wird ihm nichts anderes geboten, als dem Nächsten, so gut er’s vermag, die Gottesliebe lieb zu machen.
[S. 470]
Vornehmste Aufgabe der Nächstenliebe ist als die Bekehrung der Heiden und daran hat sich ja bis heute wenig verändert, wenn Missionare in aller Welt subtil Nahrung und medizinische Betreuung gegen den richtigen Glauben tauschen.
En passant sei noch bemerkt, dass Augustinus eine moderne religionsgeschichtliche Auffassung vorwegnahm. Die Theorie, die durch Lessings “Erziehung des Menschengeschlechts” berühmt wurde, findet sich bereits im “Gottesstaat”:
Ebenso wie die rechte Erziehung des einzelnen Menschen schritt auch die des Menschengeschlechts, wenigstens so weit das Volk Gottes in Frage kam, in gewissen Zeitabschnitten, den Altersstufen vergleichbar, voran, so daß es sich allmählich vom Zeitlichen zur Erfassung des Ewigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erhob.
[S. 489]
Buch 11
Dieses Buch bildet den Auftakt zu einer Beschäftigung mit den theologischen Implikationen des Engelwesens. Die Engelfrage beschäftigte die mittelalterliche Philosophie immer wieder intensiv, und die entsprechenden Texte entbehren für den heutigen Leser nicht einer gewissen Komik.
Im elften Buch diskutiert Augustinus ausführlich die Erschaffung der Welt, speziell auch hinsichtlich zeitphilosophischen Fragen. Wer seine erstaunliche Autobiographie “Bekenntnisse” gelesen hat, der wird sich an die fesselnde Behandlung der Zeitthematik erinnern. Auf den bereits in der Antike erhobenen Einwand, was Gott denn vor der Schöpfung getan habe, erfolgt eine in Zukunft klassische Antwort: Dieser Einwand sei sinnlos, da Gott mit der Welt zugleich die Zeit geschaffen habe. Seitdem behaupten die helleren Köpfe unter den Theologen, dass Gott außerhalb von Raum und Zeit stünde. Es sei nur am Rande bemerkt, dass auch die moderne Physik von diesem Argument profitiert. Frägt man nach der Zeit vor dem Urknall, wird man ab und an darauf hingewiesen, dass die Naturgesetze erst mit dem Urknall entstanden seien.
Auch das epistemologische Problem, wie Vorherwissen und Kontingenz in bezug auf Ereignisse möglich sind wird sehr früh thematisiert. En passent werden die Lebewesen nach ihrer Nützlichkeit eingeteilt, leider immer noch ein hochaktuelles Konzept:
So geschieht es wohl, daß wir manche empfindungslose Wesen manchen empfindenen vorziehen, und zwar so sehr, dass wir die letzteren, wenn wir nur könnten, aus der Natur austilgen möchten [...] [S. 29]
Philosophiegeschichtlich bemerkenswert, und weithin unbekannt ist, dass es Augustinus war, der als erster das “Cogito”-Argument formuliert hat, für das heute Descartes so berühmt ist. Ausführlich findet es sich in seiner Schrift gegen die Akademiker, kurz ist es auch im Gottesstaat zu finden:
Denn wir sind, wissen, daß wir sind, und lieben die unser Sein und Wissen. In diesen drei Stücken, die ich nannte, verwirrt uns kein falscher Schein der Wahrheit. Denn wir erfassen sie nicht wie die Außendinge mit irgendeinem leiblichen Sinn [...] Mögen Sie sagen: Wie, wenn du dich täuscht? Wenn ich mich täusche bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also bin ich, wenn ich mich täusche. [S 43]
Buch 12
Augustinus setzt seine Erörterung der Engelthematik fort. Ihn beschäftigt vor allem, wie Gott böse Engel zulassen konnte, was er durch übergeordnete Nützlichkeitserwägungen erklärt. Das führt ihn schnell zur “Ordnung der Dinge”. Der Mensch solle nicht immer anthropozentrisch urteilen, sondern die Einrichtung der Welt objektiv beurteilen:
Wenn also hienieden, wo sich dergleichen schickt, das eine vergeht, das andere entsteht, das Schwächere dem Stärkeren unterliegt, das Überwundene vom Siegreichen aufgezehrt wird, so ist das nun einmal die Ordnung des Vergänglichen. (S. 63)
Mit dieser Feststellung, die jeder Evolutionsbiologe gerne bestätigte, hat Augustinus natürlich recht. Seltsam allerdings, warum Gott die Welt so eingerichtet hat. Die Antwort ist ein ideologischer Klassiker:
So wird uns da, wo die eigene Blickschärfe nicht ausreicht, mit vollem Recht anbefohlen, an die Vorsehung des Schöpfers zu glauben, damit wir uns nicht in eiteler Verwegenheit erfrechen, das Werk des großen Meisters in irgendeinem Stück zu tadeln. (S. 64)
Im weiteren Verlauf des 12. Buches eröffnet der Philosoph eine bis heute andauernde Debatte, man denke nur an die jüngsten inkompetenten Äußerungen des Wiener Erzbischofs Schönborn in der New York Times zur Evolutionstheorie. Die Peinlichkeit derartiger Äußerungen zieht sich wie ein roter Faden durch die theologische Geistesgeschichte, und auch zu diesem Punkt ist die Lektüre des “Gottesstaates” sehr aufschlussreich. Augustinus empört sich nämlich über die Naturphilosophen, die bereits damals viele Argumente vorbrachten, warum die Erde älter als in der Bibel beschrieben sein müsse.
Ich will mich jetzt nicht lange damit aufhalten, die Wertlosigkeit jener Schriften, die von einer weit größeren Zahl von Jahrtausenden berichten, und ihre völlige Unglaubwürdigkeit in dieser Frage zu beweisen [...] (S. 75)
Warum die Bibel recht hat? Da sie die Zukunft richtig voraussage, müssten auch die Aussagen über die Vergangenheit stimmen:
So mag man aus der großartigen Erfüllung ihrer Zukunftsverkündigung schließen, daß sie auch über die Vergangenheit Wahres berichtet haben wird. (S. 76)
Der Rest des Buches ist weiteren “Widerlegungen” naturphilosophischer Theorien gewidmet.
Buch 13
Im Zeichen des Todes und der Sünde steht dieses Buch, in dem sich Augustinus große Mühe gibt, den Begriff des Todes analytisch zu fassen. Ähnlich wie ein Eskimo viele verschiedene Bezeichnungen für diverse Schneequalitäten benötigt, kommt ein todesbesessener Katholik offenbar nicht ohne diverse Unterscheidung aus. Wobei der Philosoph keine neuen Wörter kreiert, sondern sich mit konzeptuellen Unterscheidungen begnügt (Tod des Leibes, Tod der Seele …)
Dem Gläubigen ans Herz gelegt wird der Tod als Märtyrer, da unterscheidet sich die klassische christliche Theologie nur graduell vom islamischen Suizidenthusiasmus:
Denn allen denen, die, auch ohne das Bad der Wiedergeburt empfangen zu haben, um des Bekenntnisses zu Christus willen den Tod erleiden, erwirkt er dieselbe Sündenvergebung, wie wenn sie mit dem heiligen Quellwasser der Taufe abgewaschen wären [...] Was könnte köstlicher sein als ein Tod, durch den man sich Vergebung aller Sünden und eine Fülle von Verdiensten erwirbt? [S. 114f.]
Literarisch eindrucksvoll schildert Augustinus den Weg ins Grab:
Niemand, der dem Tode nicht nach einem Jahre näher wäre als vor einem Jahre, morgen näher als heute, heute als gestern, ein wenig später näher als jetzt und jetzt näher als kurz vorher. Denn jedes Zeitteilchen, das man weiterlebt, wird von der Lebenszeit abgezogen, und tagtäglich wird weniger und weniger, was übrigbleibt, so daß die ganze Lebenszeit nichts anderes ist als ein Lauf zum Tode, bei dem niemand auch nur ein klein wenig stehenbleiben oder etwas langsamer gehen darf. Nein, zu gleicher Eile werden alle angetrieben, kein Unterschied wird geduldet. [S. 117f.]
Es schließt die Erläuterung der Erbsünde an sowie eine Polemik gegen die Platoniker, die es doch tatsächlich wagten aus biologischen Gründen die Unsterblichkeit des Leibes in Frage zu stellen. Die progressiveren unter seinen Kollegen belehrt Augustinus im Anschluss, dass eine ausschließlich allegorische Interpretation des biblischen Paradieses zu kurz greife, und sehr wohl auch eine wörtliche zulässig sei.
Buch 14
Der Titel “Eine weitere Folge des Abfalls: Der Aufruhr des Fleisches” gibt bereits hinreichend über das Thema Auskunft: Es geht um Sex. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es um das Sexualleben von Adam und Eva im Paradies bestellt war, sollte unbedingt zum vierzehnten Buch des “Gottesstaates” greifen. Vorher erörtert Augustinus aber noch in extenso, warum er mit den Fleischlichkeits-Theorien der antiken Philosophen, speziell der Platoniker, nicht übereinstimmt:
Zwar sind die Platoniker nicht so töricht wie die Manichäer, daß sie irdische Körper als wesenhaft böse verabscheuen [...] Jedoch nehmen sie eine derartig schlimme Beeinflussung der Seelen durch die irdischen und todverfallenen Gliedmaßen an, daß die Krankheiten ihrer Begierden, Ängste, Freuden und Schmerzen von daher stammen sollen.
[S. 162f.]
Es folgt eine umfassende Abhandlung der Affekte aus theologischer Sicht unter spezieller Berücksichtung stoischer Vorstellungen dazu. Vor dem Sündenfall gab es diese starken Affekte nicht, womit wir nun endlich im Paradies angekommen sind. Das böse Verbrechen dort war die Verweigerung des Gehorsams. Naturgemäß müssen totalitäre Weltanschauungen blinden Gehorsam über alles stellen:
Aber in dem göttlichen Gebot war Gehorsam eingeschärft, eine Tugend, die bei vernünftigen Geschöpfen sozusagen Mutter und Wächterin aller Tugenden ist. Denn sie sind so geschaffen, dass untertan zu sein ihnen heilsam, dagegen ihren eigenen Willen statt dem des Schöpfers zu folgen verderblich ist.
[S. 183]
Mein Verdacht, dass Kleriker heute ihren Augustinus nicht mehr kennen, bestätigte sich im Folgenden. Ginge es nämlich nach dem Kirchenvater, müsste die katholische Kirche glühende Verfechterin von künstlichen Befruchtungstechniken sein. Denn idealerweise sollte die Vermehrung des Kirchenvolks ohne Wollust vor sich gehen:
Wer aber [...] möchte nicht lieber, wenn’s möglich wäre, ohne Wollust Kinder erzeugen, so daß auch bei diesem Akte die hierzu erschaffenen Glieder, ebenso wie die übrigen Glieder bei verschiedenen Verrichtungen für die sie bestimmt sind, dem Geiste dienstbar wären und auf Willensgeheiß hin in Tätigkeit träten, aber nicht durch die Glut der Wollust angereizt würden. [S. 190f.]
Die anschließende Behandlung des Schamgefühls ist insofern soziologisch interessant, als diese Seiten einen guten Beleg gegen den Gegenstandsbereich von Norbert Elias’ Zivilisationstheorie bilden, da er diesen Prozess erst im Mittelalter beginnen läßt, während sowohl Affekt als auch Diskussion darüber bereits in der Antike zu finden ist.
Ohne Sündenfall hätte es im Paradies übrigens dort Sex und Kinder gegeben, jedoch ohne “unreine Begierden”. Kein Wunder, dass Adam den Apfel genommen hat …
Buch 15
Die nächsten Bücher sind ein Kommentar zur biblischen Geschichte, die für Augustinus identisch ist mit der Geschichte des Gottesstaates. Vor allem der “verstockte Kain” hat es ihm angetan. Dabei hebt der Kirchenvater Kains Rolle als Städtegründer hervor. Städte waren schon in der Antike Zentren der kulturellen und zivilisatorischen Emanzipation und damit ein natürliches Feinbild von Klerikern, die nichts weniger brauchen können als den Verlust ihres Welterklärungsmonopols. Diese Linie zieht sich durch bis zur Antimetropolenrhetorik Al-Qaidas, denn das Leben in westlichen Großstädten passt so gar nicht zur Utopie einer Hirtengesellschaft aus dem Frühmittelalter.
Besonders hübsch zu lesen ist Augustinus’ Verteidigung der biblischen Altersangaben. Wenn in der Bibel steht, dass Methusalem 969 Jahre alt wurde, dann war das so. Skeptischen Stimmen hält er eine Fülle von anderen vergangen “Unglaublichkeiten” entgegen.
Nun kann jeder in der Bibel nachlesen, dass es um die religiöse Qualität des ersten Gottesstaates aus theologischer Sicht nicht immer bestens bestellt war, und so stellt man sich die Frage, warum der irdische Staat einen so schlechten Einfluss ausübte. Die Antwort wird Kenner des Christentums nicht überraschen: Die Frauen waren schuld.
Dies Unheil nahm freilich wieder vom weiblichen Geschlecht seinen Ausgang, freilich nicht in der Weise wie zu Anfang; denn diesmal haben nicht die Weiber, durch fremde Tücke verführt, ihre Männer zur Sünde überredet. Sondern jene Weiber, die im irdischen Staate, das ist der Genossenschaft der Erdgeborenen, von Anbeginn an üble Sitten gefrönt hatten, wurden von den Gottessöhnen, den Bürgern des in dieser Welt pilgernden anderen Staates, um ihrer schönen Leiber willen geliebt. [...]
Die Gottessöhne, von Liebe zu den Menschentöchtern ergriffen, die sie als Gattinnen genießen wollten, versanken in die Sittenlosigkeit der erdgeborenen Genossenschaft und ließen die Frömmigkeit fahren [...] [S. 262f.]
Aufschlussreich aus “methodischer” Sicht ist schließlich noch der längerer Abschnitt über die Sündflut. Laut Augustinus muss man dieses Ereignis sowohl historisch als auch allegorisch verstehen. Höhepunkt ist sein Versuch, den denkenden Zeitgenossen zu erklären, wie auf der Arche alle Tierarten haben Platz finden können. Schon damals fragte sich die lesende Menschheit beispielsweise, wie wohl Raubtiere und deren Beute sich auf der Arche verstanden haben:
Denn es ist bekannt, daß viele Tiere, deren Speise sonst Fleisch ist, auch Früchte und Obst essen, zumal Feigen und Kastanien. Kein Wunder, wenn ein so weiser und gerechter, noch dazu von Gott belehrter Mann alles vorbereitete und zurücklegte, was einer jeden Art zusagte und für sie, auch wenn es kein Fleisch gab, das richtige war. [S. 276f.]
Buch 16
Als kleinen Nachtrag zum Thema “Antiurbanität und Religion” im 10. Teil dieser beliebten Augustinus-Reihe möchte ich noch nachtragen, dass heute prompt auf CNN sogenannte “Menschen auf Straße” aus New Orleans zu hören waren, welche die Flut als Gottesstrafe gegen die sündigen Bewohner ansahen.
Das sechzehnte Buch setzt nach der Sündflut fort, über die Söhne Noahs zum Turmbau von Babel, ohne den heute ja viele Linguisten arbeitslos wären. Ganz läßt ihn aber die Flut nicht los. Augustinus ist viel zu intelligent als dass er die Schwäche seiner historischen Interpretation nicht zumindest ahnte, weshalb er sich weiter um Erläuterungen bemüht. Konkret zur Frage, wie denn die Tiere wieder auf weit entfernte Inseln gekommen seien:
Unglaublich freilich wäre es nicht, daß die Menschen sie fingen, mit sich nahmen und an ihren neuen Wohnsitzen als Jagdwild einführten, auch konnten sie unfraglich auf Geheiß oder Zulassung Gottes von Engeln dorthin gebracht werden. [S. 292]
Läßt man einmal die Engel als Organisatoren von Massentiertransporten außer acht, ist die erste Hypothese gar nicht so dumm. So weiß man heute, dass pazifischer Inseln durch Polynesier mit Tieren kolonisiert worden sind. Freilich nur mit wenigen Tierarten, so dass man auch damit keine adäquate Erklärung hätte.
Ausführlich interpretiert Augustinus nun das Wirken Abrahams, einschließlich der wohl besten Veranschaulichung, wie weit Religion fantatisierte Menschen treiben kann: das Opfer Isaaks. Religiöse Befehle sind blind zu befolgen, auch wenn sie fundamentale ethische Regeln verletzen. Wenig überraschend also, dass dies “sinnbildlich” erklärt wird. Trotzdem gilt:
Niemals wäre Abraham auf den Glauben gekommen, Gott habe an Menschenopfern Wohlgefallen, doch wenn ein göttliches Gebot erschallt, soll man gehorchen, und keine Einwendungen machen. Rühmenswert aber ist, daß Abraham überzeugt war, sein Sohn werde, wenn hingeopfert, alsbald wieder auferstehen. [S. 334]
Ein eklatantes Beispiel wie ähnlich die monotheistischen Religionen funktioniert, denkt man an Testamente von islamischen “Märtyrern” und der Reaktion ihrer Familien.
Augustinus’ literarisches Talent ist während des gesamten Werkes offensichtlich. Ab und zu versteigt er sich aber zu Bildern, die durchaus komisch sind:
So mußte den Lots Weib, da sie sich umblicktem zurückbleiben und, in Salz verwandelt, den gläubigen Menschen sozusagen als Würze dienen, um ihnen die Lebensweise schmackhaft zu machen, durch welche man solches Schicksal vermeidet. [S. 332]
Jacobs Geschichte schließt dieses Buch ab.
Buch 17 und 18
Im Mittelpunkt stehen diesmal die Propheten und deren Weissagungen. Gleich zu Beginn erläutert Augustinus seinen hermeneutischen Ansatz und läßt drei verschiedene Interpretationsarten der Prophezeiungen zu. Eine “himmlische”, eine “irdische” und eine Mischform. Eine wörtliche Lesart, wie sie heute bei einigen fundamentalistischen Gruppen üblich ist, hätte nur seinen Spott herausgefordert. Er ist für einen Mittelweg:
Aber wie mir diejenigen in großem Irrtum befangen zu sein scheinen, die meinen, keinerlei in jenen Schriften dargestellten Ereignisse bedeuten etwas anderes als das, was sich damals zugetragen, so kommen mir auch diejenigen verwegen vor, die behaupten, hier sei alles sinnbildlich zu verstehen. [S. 361]
Dieses Prinzip wendet der Philosoph dann auf diverse Prophetenworte und Psalmen an. Darunter sind auch einige Auslegungen, die nur schwer nachzuvollziehen sind, da sie vom Bibeltext weit abweichen.
Damit ist der chronologische Kommentar des Alten Testaments abgeschlossen und Augustinus wendet sich wieder systematischen Themen zu. Das achtzehnte Buch beschäftigt sich so mit dem Nebeneinander von Weltstaat und Gottesstaat von Abraham bis Christus. Unter “Weltstaat” wird vor allem die griechische und römische Geschichte verstanden. Selbst der griechischen Mythologie, in seiner Terminologie “heidischen Fabeln”, ist ein Abschnitt gewidmet. Als Quelle allgemein dienen im Werke des berühmten römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro (116-27 v.u.Z.), der angeblich 74 Werke verfasste.
Natürlich geht das nicht ohne polemische Seitenhiebe auf “die spitzfindige und haarspaltende Geschwätzigkeit der Philosophen” [S. 454] ab. Augustinus bestreitet vehement, dass die ägyptische Zivilisation älter ist als seine barbarischen Hirtenstämme:
[...] da doch nicht einmal Ägypten, das sich fälschlich und grundlos des Alters seiner Gelehrsamkeit zu rühmen pflegt, mit seiner Weisheit, sie mag sein, wie sie will, der Weisheit unserer Urväter zeitlich zuvorgekommen ist. [S. 481]
Ein klassisches Beispiel für selektive Wahrnehmung ist der Abschnitt 41 “Die Philosophen widersprechen einander, die Heilige Schrift ist einhellig”. Würde Augustinus nur einen kleinen Teil seiner hermeneutischen Willkür, die er auf die Bibel anwendet, auf die Philosophie übertragen, könnte er ebenso bequem deren Widersprüche weginterpretieren. Denn selbstverständlich ist auch das Alte Testament voller Kontradiktionen.
Buch 19
Das neunzehnte Buch beginnt mit einem fulminanten Auftakt, nämlich einer Kombination aus Analyse und Rhetorik. Ziel des Augustinus’ ist es, die angeblich widerspruchsfreie Wahrheit des Christentums dem philosophischen Pluralismus gegenüberzustellen. Ausgangspunkt ist einmal mehr eine Überblicksdarstellung des Varro’. Augustinus liest, rechnet und kommt zu dem (gar nicht so unplausiblen) Ergebnis, dass es 288 verschiedene Lehrmeinungen darüber gäbe, was denn unter dem “höchsten Gut” zu verstehen sei.
Rhetorisch geschickt stellt der Philosoph diesem Meinungsspektrum die These gegenüber, dass es in diesem armseligen Leben überhaupt kein höchstes Gut geben könne:
Der Schmerz widerstreitet der Lust, die Unruhe der Ruhe; aber gibt es einen Schmerz, eine Unruhe, die den Leib des Weisen nicht befallen könnte? Verlust und Schwächung der Glieder zerstört des Menschen Unversehrtheit, Entstellung seiner Schönheit, Siechtum seiner Gesundheit, Mattigkeit seiner Kraft, Steifheit oder Lähmung seiner Beweglichkeit; und was von alledem könnte nicht auch über des Weisen Leiblichkeit hereinbrechen? [...] Was dann, wenn das Rückgrat sich so krümmt, daß die Hände den Boden berühren und der Mensch sozusagen zum Vierfüßler wird? [...] Was bleibt denn von der Sinneswahrnehmung übrig, wenn der Mensch, um von den anderen Sinnen zu schweigen, taub wird und blind? Die Vernunft aber und das Erkenntnisvermögen, wohin entweichen, wo schlummern sie, wenn infolge einer Erkrankung der Geist sich verwirrt? [S. 529f.]
Nun kommt Augustinus richtig in Fahrt und beschreibt systematisch das Elend des Lebens. Die Übel der menschlichen Gemeinschaft, die Probleme der Rechtssprechung und schließlich den Krieg:
Denn abgesehen davon, dass es auch jetzt noch auswärtige feindliche Völker gab und gibt, gegen welche immerfort Kriege geführt wurden und geführt werden, hat gerade die Größe des Reiches Kriege schlimmerer Art entfesselt, Bundesgenossen- und Bürgerkriege, von den das Menschengeschlecht noch jämmerlicher gepeinigt wird [...] Wollte ich das vielfältige Unheil, all die drängenden und drückenden Notstände im Gefolge dieser Übel so schildern, wie sie es verdienen, wozu ich freilich völlig außer stande bin, wie würde ich damit je zu Ende kommen? [S. 541]
Hat man Freunde, ändert das nichts am Elend, ganz im Gegenteil:
Doch je mehr Freunde wir haben und auf je mehr Orte sie sich verteilen, um so mehr bedrängt und auch die Furcht, es möge ihnen von der aufgehäuften Masse an Übeln dieser Welt etwas Übles zustoßen. Wir sind ja nicht nur darum besorgt, daß sie von Hunger, Kriegsnot, Krankheit und Gefangenschaft betroffen werden [...] sondern auch [...] sie könnten untreu, schlecht und nichtsnutzig werden. [S. 542]
Dieser literarisch gelungenen Elendsdarstellung folgt die Darstellung der Vorzüge des ewigen Lebens.
Buch 20 und 21
Dieses Buch ist religonsgeschichtlich von besonderem Gewicht, steht doch das Jüngste Gericht im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn dient das Jüngste Gericht als Ausweg aus der Theodizee:
Denn wir wissen nicht, welches Gottesgericht dem zugrunde liegt, daß hier ein Guter arm, dort ein Böser reich ist [...] daß ein Unschuldiger die Gerichtssitzung nicht nur ungerächt, sondern sogar verurteilt verläßt [...] daß junge Männer kraftstrotzend das Räuberhandwerk treiben, während kleine Kinder [...] von mancherlei schrecklichen Krankheiten heimgesucht werden [...] [S. 586]
Kurz die offensichtliche Ungerechtigkeit der Welt erfordert ein späteres Gericht. Es folgen interpretierte Belege aus dem Alten und Neuen Testament, welche für dieses portmortale Justizsystem sprechen. Es ist wenig überraschend, dass Teufel und Antichrist ebenfalls ausführlich gewürdigt werden. Zu Wort kommen in extenso Paulus und Jesaja. Für Augustinus gibt es keinen Zweifel, dass Christus der im Alten Testament angekündigte “Weltenrichter” sein wird. Wer dessen Wutanfälle aus den Evangelien im Gedächtnis hat, wird mit der Vorstellung, dass Jesus massenhaft Sünder ewigen Höllenqualen ausliefert, keine Schwierigkeiten haben.
Damit ist man auch schon beim Thema des einundzwanzigsten Buches: “Die Ewigkeit der Höllenstrafen”. Naturgemäß bedarf es eines größeren Argumentationsaufwands wie eine Religion, welche die Nächstenliebe als USP (unique selling proposition) verwendet, Dauerfolter zulassen kann.
Doch zu Beginn werden naturwissenschaftliche Probleme in bezug auf diese Folterpraxis diskutiert, denn Skeptiker bezweifelten, dass ein menschlicher Körper solche Qualen eine Ewigkeit lang aushalten kann. Augustinus bringt zoologische Beispiele:
Antworten wir ihnen, es gebe doch sicherlich vergängliche, weil sterbliche Lebewesen, die mitten im Feuer leben, oder es finde sich eine Art von Würmern im Wasser heißer Quellen, in die niemand seine Hand tauche ohne sie zu verbrennen [...] Denn gewiß ist’s wunderbar, in Flammen leiden und doch leben, aber noch wunderbarer, in Flammen leben und nicht darunter leiden. Glaubt man aber das eine, warum nicht auch das andere?
Diese Argumentationsstrategie wird noch eine Weile weiterverfolgt: Anerkannt “Wunderbares” in der Welt soll höllische “Unmöglichkeiten” plausibel machen. Sollte das noch nicht überzeugend genug sein, folgt der Hinweis auf Gottes Allmacht. Das ist insofern interessant als der Hinweis auf die Allmächtigkeit Gottes eigentlich “logisch” völlig ausreichte. Weshalb also müht sich Augustinus zusätzlich über viele Seiten mit zusätzlichen Argumenten ab? Offenbar hat er mit seinem Buch nicht nur Gläubige im Auge, sondern will auch den gebildeten Teil der spätantiken Leserschaft überzeugen.
Den Einwand, dass ewige Strafen ungerecht seien, räumt er mit einer Analogie aus dem Weg: Die ewige Höllenstrafe nach dem Tod sei nichts anderes als die Todestrafe in der Welt, nämlich ein dauerhafter Ausschluss.
Auch in diesem Buch äußert sich der Philosoph wenig vorteilhaft über das nicht-ewige Leben, wobei seine Beschreibung des Kinderlebens ein Zitat verdient:
Ist doch schon Unverstand und Unwissenheit keine geringe Strafe, und weil man mit Recht urteilt, daß sie zu fliehen sind, zwingt man die Knaben durch schmerzhafte Strafen allerlei Künste und Wissenschaften zu lernen [...] Wer aber würde nicht zurückschrecken und, vor die Wahl gestellt, entweder zu sterben oder noch einmal Kind zu werden, nicht lieber den Tod wählen? Begrüßt doch das Kind nicht lachend, sondern weinend das Tageslicht und weissagt damit Unbewußt, welchen Übeln es entgegengeht. [S. 707f.]
En passent sei bemerkt, dass man sich auch heute noch wundern kann, mit welcher Leichtsinnigkeit die Menschen Kinder in die Welt setzen :-)
Die restlichen Abschnitte zeigt sich Augustinus als überzeugter Fundamentalist, indem er ausführlich jedes Mitleid mit ewig Gequälten zurückweist und wortreich die Ewigkeit der Höllenstrafen verteidigt.
Buch 22
Das Thema des letzten Buches dieses Mammutwerks liegt selbstverständlich auf der Hand: “Die ewige Seligkeit”. Das wortreiche (und nicht so unberechtigte) Bejammern der Tristheit des menschlichen Lebens liefe rhetorisch ja ins Leere, könnte ihr Augustinus nicht seine Jenseitsutopie entgegen setzen.
Wie gewöhnlich fängt er mit einer Auslegung der entsprechenden Bibelstellen an und führt seine üblichen Plausibilisierungsargumente an. Besonders empört ist er über den Einwand, die Schwere menschlicher Körper passe in Kombination mit der Schwerkraft nicht mit dem luftigen Aufenthaltsort derselben nach der Auferstehung zusammen:
Hier sieht man, mit welchen Beweisgründen die von Eitelkeit aufgeblasene menschliche Schwachheit der göttlichen Allmacht sich widersetzt. [S. 782]
Danach werden eine Reihe von wichtigen Detailfragen behandelt, etwa wie es um die Auferstehung von Frühgeburten bestellt ist (sie auferstehen). Oder ob auch Frauen ewig selig sein dürfen (sie dürfen!). Schließlich werden sich die Patienten von Schönheitschirurgen freuen zu hören, dass ihr Auferstehungsleib ein makelloser sein wird.
Gegen Ende werden dann Plato und Porphyrius noch als Vorläufer des Auferstehungsglaubens eingemeindet.
Abschließend stellt sich nun die Frage, ob die Lektüre dieser 1600 Seiten (mit Kommentar) in einem sinnvollen Verhältnis zur dafür notwendigen Zeit steht. Meine kursorischen Notizen über den “Gottesstaat” implizieren natürlich bereits eine positive Antwort. Nähert man sich diesen Büchern mit der richtigen Mischung aus Skepsis und Offenheit, dann wird man mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen belohnt. Damit meine ich einerseits das geistesgeschichtliche Faktenwissen zum Christentum, das dieses zentrale Buch vermittelt, andererseits auch zahlreiche Metabeobachtungen. Hochgradig verblüffte mich beispielsweise die intellektuelle und literarische Brillanz der ersten zehn Bücher. Immer wenn es gegen die Feinde des Christentums geht (Römer, Philosophen, Häretiker) läuft Augustinus zu einer Hochform auf, die ihn auf eine Stufe mit den besten antiken Philosophen stellt. Je “positiver” er wird, also je christlich-dogmatischer, desto geringer wird seine intellektuelle Leistung und Überzeugungskraft. Wobei hier zu ergänzen ist, dass man intellektuell nicht mehr aus dem Christentum herausholen kann. Wer sich einen Überblick über die philosophische Satisfaktionsfähigkeit des Christentums verschaffen will, braucht nur Augustinus und Thomas von Aquin zu lesen. Etwas Besseres gibt es nicht, weshalb man letztendlich das Fazit zieht, dass diese Weltanschauung nicht einmal durch die klügsten Köpfe der Geistesgeschichte zu retten ist.
Einen Vorzug den Klassiker von der Statur des “Gottesstaates” aktuellen Büchern voraus haben, ist der semantische Mehrwert, welcher durch den historischen Abstand entsteht. Diese Vergleichsmöglichkeit von “klassischem” Denken mit der Gegenwart kann eine Neuerscheinung per definitionem nicht bieten. Je mehr und länger ich diese alten Bücher lese, desto weniger könnte ich auf sie verzichten (auch und vor allem um die Gegenwart besser zu verstehen).
Augustinus: Vom Gottesstaat (dtv)
Herodot: Historien
Diese Notizen schrieb ich Ende 2001 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.
Buch I
In die “Historien” hineingelesen hatte ich schon mehrmals, zu einer Lektüre des Gesamtwerks kam es bis jetzt noch nie. Ein Versäumnis dem ich nun behutsam – also Buch für Buch – abhelfen will.
Die dtv-Ausgabe greift auf die Übersetzung von Walter Marg zurück. Ein Kommentar ist (leider!) nicht vorhanden, dafür eine ausgezeichnete umfangreiche Einführung von Detlev Fehling, der sich teilweise von traditionellen Positionen der Herodot-Forschung verabschiedet. Beispielsweise nimmt er Herodot nicht mehr vor seinen eigenen Fehlern in Schutz und betont die unhistorische Seite des Werks.
Meine von altphilologischen Kenntnissen (leider) ungetrübte Perspektive auf das Buch ist ähnlich: Ich lese es einerseits als Literatur, andererseits als zentrales Dokument in der Geschichte des abendländischen Denkens. Es gibt kaum ein Zeugnis, an dem man die sukzessive Emanzipation vom Mythos zugunsten des rationalen Denkens besser beobachten kann.
Schon im ersten Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, etwa wenn die mythische Entführung der Io nach Ägypten statt durch göttliche Intervention durch eine Entführung der Phönizier, notorischen Seefahrern, erklärt wird, die Io mit einem Schiff nach Ägypten bringen.
Es finden sich bereits philosophische Reflexionen, die an spätere antike ethische Betrachtungen erinnern, etwa wenn Solon folgendermaßen zitiert wird:
Denn viele Menschen, die gewaltig reich sind, sind unglücklich, vielen aber, die nur mäßig zu leben haben, geht es wohl. Nun hat, wer sehr reich ist, aber unglücklich, zweierlei voraus vor dem, dem es nur wohl geht, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen vieles.
Als Beispiel für eine frühe rationale Methode, die erstaunlich modern anmutet, sei noch der Orakeltest des Kroisos genannt. Dieser schickt Boten gleichzeitig zu verschiedenen Orakeln, läßt dort anfragen und dokumentieren, was bei ihm in hundert Tagen passieren wird, arrangiert zu diesem Zeitpunkt einen raffinierten Test, und vergleicht dann die Prophezeiungen. Als Sieger des Tests geht selbstverständlich das Orakel in Delphi hervor.
Buch II
Das zweite Buch handelt ausschließlich von Ägypten, was sich spätestens seit dem Englischen Patienten herumgesprochen haben dürfte. Herodot scheint sich also der überragenden Bedeutung der ägyptischen Kultur bewusst gewesen zu sein, weshalb ihn auch des öfteren beschäftigt, was die Hellenen von den Ägyptern übernommen haben. Inkonsistenzen in diversen mythologischen Überlieferungen spricht er offen an.
Wer sich für die Anfänge des naturwissenschaftlichen Denkens interessiert, wird die Diskussion verschiedener Erklärungen der Nilschwemme aufschlussreich finden: Herodot gibt drei der gängigen Erklärungen wieder, aber “zwei von ihnen verdienen es gar nicht, wiedergegeben zu werden, nur daß ich eben auf sie hinweisen möchte”. (S. 131)
Er verwirft alle drei und entwickelt eine eigene Erklärung des Phänomens, die nicht schlechter als viele wissenschaftliche Reflexionen des Aristoteles sind. Mythologische Erläuterungen weist er schon sehr routiniert zurück:
Wer aber vom Okeanos gesprochen hat, der führt seine Erzählung auf Unsichtbares zurück und hat keinen nachprüfbaren Schluß [!] zu bieten. Denn ich wenigstens kenne keinen wirklichen vorhandenen Strom Okeanos, sondern Homer oder einer der Dichter noch früherer Zeit, meine ich, ist auf diesen Namen gekommen und hat ihn in die Dichtung eingeführt.
[S. 132]
Apropos: Homer. Herodot hat auch zaghaft die Literaturgeschichtsschreibung begründet, macht er sich doch Gedanken über die Lebzeiten der Dichter:
Woher ein jeder der Götter aber seinen Ursprung hat, ob sie alle schon immer da waren und wie ihre Gestalten sind, das wußten sie nicht, bis eben und gestern erst sozusagen. Hesiod und Homer haben, wie ich meine, etwa vierhundert Jahre vor mir gelebt und nicht mehr. Und sie sind es, die den Hellenen Entstehung und Stammbaum der Götter geschaffen und den Göttern die Beinamen gegeben und ihre Ämter und Fertigkeiten gesondert und ihre Gestalten deutlich gemacht haben. Die Dichter aber, von denen man sagt, sie hätten vor diesen gelebt, haben, so meine ich jedenfalls, später gelebt. Und hiervon sagen das erste die Priesterinnen in Dodona, das zweite aber, von Hesiod und Homer, das sage ich.
[S. 151]
Es sei noch die unappetitlich detaillierte Beschreibung der verschiedenen Balsamierungstufen (je nach den finanziellen Möglichkeiten) erwähnt. Dass manche Fragen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben, zeigen Herodots Bemühungen um den trojanischen Krieg. Er hatte ebenso starkes Interesse daran, wie es wirklich gewesen war, wie die sich beflegelnden Gelehrten heute.
Buch III und IV
Selten kommt es vor, dass ich während einer Lektüre die Ausgabe des Buches wechsle. Für die ersten beiden Bücher griff ich zur dtv-Ausgabe. Deren Übersetzung erscheint etwas frischer, allerdings entbehrt sie des Kommentars, weshalb ich mich letztendlich für die verstaubtere Kröner-Edition (Übersetzer: A. Horneffer) entschied.
Der Kommentar entspricht leider nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung, da er sich relativ häufig damit beschäftigt, Herodots Fehler zu entschuldigen. Ansonsten erhält man durchaus aufschlussreiche Hintergrundinformationen.
Im dritten Buch wird der Feldzug der Perser gegen Ägypten und die Aithioper geschildert. Man stößt auf erstaunlich moderne Ansichten, Kulturwissenschaftler, die ihr glaubt, kulturelle Toleranz sei eine postmoderne Errungenschaft: Merket auf :-)
Mir ist es ganz klar, daß Kambyses wahnsinnig war. Er hätte sonst die fremden Gottheiten und Gebräuche nicht verhöhnt. Denn wenn man an alle Völker der Erde die Aufforderung ergehen ließe, sich unter all den verschiedenen Sitten die vorzüglichsten auszuwählen, so würde jedes, nachdem es alle geprüft, die seinigen allen anderen vorziehen. So sehr ist jedes Volk überzeugt, daß seine Lebensformen die besten sind. Wie kann daher ein Mensch mit gesunden Sinnen über solche Dinge spotten!
[S. 198]
Für Herodot ist kulturelle Toleranz schlicht eine Frage des gesunden Menschenverstands, eine Botschaft, die nach knapp 2500 Jahren bei vielen immmer noch nicht angekommen ist…
Anthropologisch aufschlussreich sind die vielen beschriebenen Grausamkeiten. Ähnliches ist täglich in den Zeitungen zu lesen, so dass sich die unangenehme Frage aufdrängt, ob solche Vorkommnisse nicht eng mit dem Wesen des Menschen verknüpft sind:
Den getöteten Magern [einer an einer Verschwörung beteiligten Volksgruppe, einer klassischen "Minderheit"] schnitten sie die Köpfe ab, ließen ihre Verwundeten zurück, die zu entkräftet waren und auch den Palast schützen sollten, und eilten zu fünft mit den Köpfen der Mager schreiend und lärmend hinaus. Sie riefen die übrigen Perser, erklärten ihnen die Situation, zeigten die Köpfe, und töteten alle Mager, die sie finden konnten. Wäre nicht die Nacht hereingebrochen, so hätten sie keinen Mager am Leben gelassen.
[S. 217]
Grausamkeiten, wie sie auf dem Balkan oder in Algerien im letzten Jahrzehnt häufig vorkamen. Jared Diamond versucht in seinem lesenswerten Buch Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen dieses traurige Phänomen zu erklären (16. Kapitel).
Im vierten Buch beschreibt Herodot hauptsächlich den Kriegszug gegen die Skythen, einem Volk mit vielen aus griechischer Sicht eigenartigen Gewohnheiten. Wie immer gibt es viele interessante Exkurse, etwa über die ersten Versuche, Afrika zu umsegeln.
Buch V, VI und VII
Mit dem fünften Buch kommt Herodot eigentlich erst zur Sache: der griechischen Geschichte im engeren Sinn. Vorher war hauptsächlich von der persischen Historie die Rede, was mir aus zwei Gründen bemerkenswert erscheint:
Es zeugt erstens von einer ungewöhnlichen Abstraktionsfähigkeit, sich so ausführlich und “objektiv” mit einer anderen Kultur zu befassen.
Zweitens wird darin ein früher Sinn für erzählerische Strukturen und deren Wirkungen sichtbar, denn es läßt den abschließenden Sieg der Griechen natürlich desto glorreicher erscheinen, wenn man vorher den Gegner als eine gewaltige Großmacht kennen lernte.
Der zitierenswerten Fundstücke gäbe es viele. Hervorzuheben ist jedenfalls das Volk der Trauser, die ihrem Leben völlig illusionslos gegenüberstehen:
Das Leben der Trauser ist im allgemeinem dem der anderen thrakischen Stämme ähnlich, nur bei der Geburt und beim Tode haben sie eigentümliche Gebräuche. Um das neugeborene Kind setzen sich die Verwandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen; dabei zählen sie alle menschlichen Leiden und Kümmernisse auf. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Übeln entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.
[S. 330]
Es finden sich erfrischende Seitenhiebe gegen die Monarchie: “Kleomenes, sein Sohn, war König, seiner Abkunft, nicht seiner Tüchtigkeit wegen.” (S. 343) zu denen folgendes Lob der Gleichheit passt:
Athen also wuchs.Die Gleichheit ist eben in jedem Betracht etwas Wertvolles und Schönes, denn als die Athener noch Tyrannen hatten, waren sie keinem einzigen ihrer Nachbarn im Kriege überlegen. Jetzt, wo sie von den Tyrannen befreit waren, standen sie weitaus als die Ersten da. Man sieht daraus, daß sie als Untertanen, wo sie für ihren Gebieter kämpften, absichtlich feige und träge waren, während sie jetzt, wo jeder für sich selber arbeitete, eifrig und tätig wurden.
[S. 359]
Manchmal vertraut Herodot ein abschließendes Urteil seinen Lesern an: “Das sind die Gründe, die beide Städte anführen. Jeder mag denen zustimmen, die ihn überzeugen.” (S. 346). Literarisches wird selten erwähnt, so hat diese Darstellung aus dem Athener Theaterleben einen gewissen Raritätenwert: “So dichtete Phrynichos ein Drama ‘Der Fall Milets’ und als er es aufführte, weinte das ganze Theater, und Phrynichos mußte tausend Drachmen Strafe zahlen, weil er das Unglück ihrer Brüder wieder aufgerührt habe. Niemand durfte das Drama mehr zur Aufführung bringen.” (S. 387)
Ab und zu relativiert Herodot die “aufgeklärten” Passagen, indem er göttliche Kausalitäten anerkennt, etwa des Kleomenes’ Schicksal auf göttliche Rache zurückführt (S. 410/411), anstatt auf die Unfähigkeit des Spartanerkönigs.
Buch VIII und IX
Die letzten beiden Bücher des Werks sind die bekanntesten, beschreiben sie doch die Höhepunkte der Perserkriege und die Befreiung Ioniens. Der monomane Größenwahn des Xerxes’, der die gesamte bekannte Welt erobern will und eine gigantische Kriegsmaschinerie ins Feld führt, wirkt beklemmend paradigmatisch für den weiteren Geschichtsverlauf bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Ebenso typisch auf der anderen Seite der Freiheitsdrang nicht nur der Griechen, sondern auch viel kleinerer Völker und Städte. Das heute vielzitierte “Recht auf Selbstbestimmung” findet in den Historien als verbreitetes Bedürfnis seine ersten ausführlichen Beschreibungen, was auch aus anthropologischer Perspektive sehr erhellend ist.
Das langsame, genaue Lektüre der Historien war nicht nur historisch höchst aufschlussreich, sondern auch geistesgeschichtlich, anthropologisch, ethnographisch und literarisch.
Herodot: Historien (Kröner)




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