Philosophie

1234..>|

Tocqueville: Democracy in America

Im Frühjahr denke ich, dass 2016 ein ideales Jahr wäre, um diesen berühmten Klassiker zu lesen. Steht im Mittelpunkt doch das amerikanische politische System und die Gesellschaft der USA in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung. Der 1805 geborene Franzose Alexis-Charles-Henri Clérel de Tocqueville reiste 1831 mit seinem Freund Gustave de Beaumont nach Amerika. Offiziell um sich mit dem dortigen Gefängnissystem zu beschäftigen. Bekannt wurde der Autor aber nicht für seinen Gefängnisbericht, sondern durch die Publikation des ersten Bandes seiner Democracy in America im Jahr 1835. Ein solches Buch hatte die Welt bisher noch nicht gesehen: Eine systematische und philosophisch reflektierte Beschreibung der politischen Institutionen der ersten modernen Demokratie von beeindruckender Ausführlichkeit. Damit begründet Tocqueville im Alleingang die politische Soziologie. 1840 erschien der zweite Band, welcher völlig unterschiedlich konzipiert ist, nämlich als philosophische Reflexion über die Auswirkungen eines demokratischen Systems auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche, von der Literatur zum Militär.

Was Literatur angeht, stößt der Franzose auf sie an unerwarteten Orten:

There is hardly a pioneer’s hut that does not contain a few odd volumes of Shakespeare. I remember that I read the feudal drama „Henry V“ for the first time in a log cabin.

Liest man das Buch heute, sind sehr unterschiedliche Aspekte spannend. Die bereits erwähnte Begründung einer neuen beschreibenden Methode ist ebenso darunter wie der Quellenwert über die frühe Geschichte der Vereinigten Staaten. Vieles ist aus heutiger Sicht natürlich anachronistisch. Damals wurde beispielsweise der Senat noch nicht vom Volk gewählt, was die ausführlichen Reflexionen dazu irrelevant macht. Tocquevilles intelligente und skeptische Analysen sind allerdings allgemein eine Lesefreude. Vieles ist bis heute gültig, etwa seine Reflexionen über Kriege und Demokratien. Am faszinierendsten für Leser aus dem 21. Jahrhundert ist freilich seine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Stärken und den Schwächen der Demokratie. Gerade letztere sind mit der Wahl Trumps zum nächsten amerikanischen Präsidenten derzeit ja so offensichtlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

If ever the free institutions of America are destroyed, that event may be attributed to the omnipotence of the majority, which may at some future time urge the minorities to desperation and oblige them to have recourse to physical force. Anarchy will then be the result, but it will have been brought about by despotism.

Tocqueville beschreibt ausführlich die Probleme, welche die „Allmacht der Mehrheit“ für Minderheiten grundsätzlich mit sich bringt. Laut seinen Eindrücken setzt in den USA seiner Zeit die Mehrheit via Legislative nämlich hemmungslos die eigenen Interessen durch, auch wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit oder auf Kosten von Minderheiten gehen. Er betont immer wieder plausibel, dass sich Demokratie und Unfreiheit nicht notwendigerweise ausschließen. Aus heutiger Sicht entbehrt das nicht der Ironie, haben sich die USA in den letzten Jahrzehnten doch zu einer Oligarchie entwickelt, wo die Mehrheit regelmäßig gegen ihre ureigenen Interessen abstimmt. Dieser Kontrast ist frappant und ist für mich bei der Lektüre sehr fesselnd.

Anders als Platon kritisiert er die Demokratie allerdings nicht als dessen Feind, sondern will als kritischer Befürworter:

But I am of the opinion that if we do not succeed in gradually introducing democratic institutions into France, if we despair of imparting to all the citizens those ideas and sentiments which first prepare them for freedom and afterwards allow them to enjoy it, there will be no independence at all, either for the middle classes or for the nobility, for the poor or for the rich, but an equall tyranny over all.“

Herausragend sind auch die im Großen und Ganzen sehr emphatischen Kapitel über die Sklaven und die Ureinwohner des Kontinents. Natürlich ist auch Tocqueville nicht frei von rassistischen Stereotypen, aber er entwickelt einen klaren Blick auf die Grausamkeiten gegen beide Gruppen und urteilt deutlich:

Oppression has, at one stroke, deprived the descendants of the Africans of almost all privileges of humanity.

Für mich bestätigt die Lektüre von Democracy in America einmal mehr, dass die großen alten Bücher der Geistesgeschichte die Gegenwart oft besser ausleuchten als die Flut an schlecht durchdachten „Analysen“ mit denen wir täglich medial zugeschüttet werden.

Alexis Tocqueville: Democracy in America [in unterschiedlichen Ausgaben gelesen]

Marcus du Sautoy: What We Cannot Know

Die Lektüre des Buches lässt mich mit gemischten Eindrücken zurück, weil meine Erwartungshaltung nur teilweise getroffen wird. Ich kaufe das Buch vor allem wegen des erkenntnistheoretischen Aspekts, also die Frage nach der Möglichkeit wissenschaftlichen Wissens überhaupt. Du Sautoy begibt sich aber nur selten auf dieses Abstraktionsniveau. Stattdessen schreibt er eine – durchaus gelungene – Einführung in den aktuellen Stand der Wissenschaft. Das passt zu seiner akademischen Berufung: Er ist als Mathematiker seit 2008 in Oxford Inhaber des Lehrstuhls Public Understanding of Science und genau diese Aufgabe erfüllt er in What We Cannot Know sehr kompetent.

In sieben Edges genannten Kapiteln nähert sich du Sautoy seinem Thema. Behandelt werden alle großen Probleme der Naturwissenschaften, von mathematischen Grundsatzfragen über die Atomtheorie zur zeitgenössischen Physik. Auch die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins fehlt ebenso wenig wie die aktuellen Diskussionen in der Kosmologie. Wissenschaftshistorische Herleitungen sind ebenfalls zu finden. Das ist alles sehr solide und kompetent geschrieben, so wie man es auch in Dutzenden anderen Sachbüchern zu lesen bekommt. Aus didaktischen Gründen geht der Autor oft von Alltagsgegenständen aus, etwa von Würfeln auf seinem Schreibtisch oder von seinem Cello, was auf mich als sehr konstruiert wirkt.

Insgesamt fehlt mir das „gewisse Etwas“, was What We Cannot Know von anderen guten Wissenschaftsbüchern unterscheiden würde.

Marcus du Sautoy: What we cannot know. Explorations at the Edge of Knowledge (4th Estate)

Apologie des Sokrates

Sokrates Apologie zählt zu jenen Lieblingsklassikern, die ich regelmäßig immer wieder lese. In dieser Verteidigungsrede gegen jene verächtliche Anklage aus dem Jahre 399 BCE, die schließlich zu seinem berühmten Tod durch den Schierlingsbecher führt, finden sich viele geistige Schlüsselelemente für die europäische Entwicklung. Zuvörderst sind das die Autonomie des Individuums kombiniert mit dessen Kritikfähigkeit, Wahrheitsliebe sowie Gedanken- und Redefreiheit. Sokrates steht seinen Anklägern als freier Mann gegenüber und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er könnte wie die meisten Angeklagten rhetorisch taktieren, stattdessen spricht er uneingeschüchtert die Wahrheit über seine Anklage aus, nämlich dass sie ein leicht zu durchschauender Vorwand seien, und widerlegt die einzelnen Anklagepunkt schnell mit seinem scharfen Verstand.

Alle sokratischen Dialoge kreisen um das Thema Wahrheitssuche: Sokrates versucht durch geschicktes Befragen seinen Gesprächspartnern zu zeigen, dass ihre Theorien und Konzepte einer konstruktiven Kritik nicht standhalten. Gleichzeitig gab der Athener Jugend mit seiner Methode ein Werkzeug an die Hand, die „Allwissenheit“ der Erwachsenen anzuzweifeln. Das war sicher einer der versteckten Gründe für die Anklage:

So kommt es denn, daß die von ihnen [der Jugend] Überführten gegen mich voller Zorn sind und statt gegen sich selber und von einem gewissen Sokrates reden, einem gottlosen Menschen und Verführer der Jugend.

Er kündigt seinen Richtern und den anwesenden Athenern an, dass er sich nie ändern wird:

Solange ich noch Atem und Kraft habe, werde ich nicht aufhören, der Wahrheit nachzuforschen und euch zu mahnen und aufzuklären und jedem von euch, mit dem mich der Zufall zusammenführt, in meiner gewohnten Weise ins Gewissen zu reden“.

Bis heute eine unverzichtbare Charaktereigenschaft für freie Gesellschaften.

Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen

Popper wird dieser Tage vom zeitgeistigen „Philosophie“zirkus gerne belächelt. Das ist eine Art Notreaktion, weil seine schlichte Sprache das Gegenteil dessen ist, womit sich Modephilosöphchen wie Peter Sloterdijk gerne vermarkten: Mit einer dunklen, raunenden Sprache. Das hat historische Gründe. Kant schuf eine komplexe, aber im Kern glasklare Philosophie. Verpackt in eine ausgesprochen umständliche Sprache allerdings. Man muss sich durch Kants Diktion kämpfen, um zu seinen philosophischen Konzepten vorzudringen. Kants Ruf war bald legendär, weshalb sich nicht wenige deutsche Philosophen einer ähnlich umständlichen Sprachen bedienten wie Kant. Mit einem kleinen Haken allerdings: Hinter dieser Sprache stecken, ganz anders als bei Kant, oft keine klaren Gedanken mehr.

Im Kopf der intellektuellen Leserschaft entstand deshalb Anfang des 19. Jahrhunderts ein bis heute verhängnisvolles Missverständnis: Dunkle Sprache wurde mit Tiefsinn assoziert, statt korrekterweise mit Unsinn. Religiöse Rhetorik verstärkt dieses Auffassung zusätzlich seit Jahrtausenden. Seit dieser Zeit bedient man sich im deutschsprachigen Raum vorzugsweise einer dunkel-raunenden philosophischen Diktion und lässt sich vom Lesepublikum als tiefen Denker feiern.

Poppers philosophischer Ansatz ist dazu konträr: Er drückt seine komplexen philosophischen Gedanken möglichst einfach aus. Aus den beschriebenen Gründen schließen hier nun viele fälschlich umgekehrt: Wer schlicht schreibt, kann keine „tiefen“ philosophischen Gedanken haben, was natürlich epistemologischer Unfug ist.

In Logik der Forschung (1934) stellte Popper das Denken über die Naturwissenschaften auf den Kopf. Weder Induktion (Empirismus) noch Deduktion (Rationalismus) seien als Beschreibung für die wissenschaftliche Vorgehensweise ausreichend, weil sie, zusätzlich zu logischen Problemen, den kreativen Anteil bei der wissenschaftlichen Hypothesenbildung ignorieren. Diese Hypothesen entstehen meist in einem kreativen Prozess. Wichtig sei, dass sie empirisch gehaltvoll sind, damit sie falsifizierbar sind. Experimentelle und logische Falsifikationsversuche sind laut Popper der Motor der wissenschaftlichen Vorgehensweise. Je intensiver und strenger eine Hypothese diese Falsifikationsversuche übersteht, desto wahrheitsnäher ist diese.

Das beschreibt nun nicht nur soziologisch die Arbeit von Naturwissenschaftlern ziemlich genau, sondern stellt gleichzeitig auch ein plausibles Kriterium für Wissenschaftlichkeit zur Verfügung: Jede wissenschaftliche Behauptung muss falsifizierbar sein.

Ethisch ist diese Ermunterung zur Kritik eng mit der politischen Philosophie Poppers verbunden, welche er 1945 in seinem Buch The Open Society and Its Enemies ausführlich darstellte. In den dreißiger Jahren während des Tiefpunkts des europäischen Nationalismus in Neuseeland geschrieben, handelt es sich dabei um eine philosophische Breitseite gegen geschlossene Gesellschaften, deren erste philosophische Ausprägung Platons Staat war, welchen Popper ausführlich kritisiert. Er plädiert dagegen für eine offene Gesellschaft, in der die Freiheit und Kritikfähigkeit des Einzelnen maßgebliche Elemente sind.

Wer diese und andere von Poppers umfangreichen Hauptwerken nicht lesen will, kann sich durch Sammelbände einen guten Eindruck über dessen Kritischen Rationalismus verschaffen. Einer davon ist Alles Leben ist Problemlösen. Das Buch besteht aus thematisch zusammengestellten Vorträgen, Reden und Artikeln aus einem halben Jahrhundert. Alle sind sehr gut lesbar, auch wenn das Format natürlich einige Wiederholungen bedingt.

Viele Aussagen sind Jahrzehnte alt und gleichzeitig hoch aktuell. So schreibt er 1961 über den Fanatismus:

Diese Lehre, die nicht oft genug wiederholt werden kann, ist, daß der fanatische Glaube immer ein Übel und unvereinbar mit dem Ziel einer pluralistischen Gesellschaftsordnung ist; und daß es unsere Pflicht ist, uns dem Fanatismus in jeder Form zu widersetzen – auch dann, wenn seine Ziele ethisch einwandfrei sind, und vor allem auch dann, wenn seine Ziele die unseren sind.
Die Gefahr des Fanatismus, und die Pflicht, sich ihm dauernd entgegenzustellen, ist wohl eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Geschichte ziehen können.
[S. 159]

In Zeiten der „post-truth politics“, wo Fakten keine Rolle mehr spielen, sondern Gerüchte, Halbwahrheiten und Lügen inzwischen im Mainstream angekommen sind, ist Poppers Philosophie so wichtig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zusätzlich gefährden neue Überwachungstechnologien und deren Befürworter freie Gesellschaften ebenso sehr wie die klassischen Totalitarismen.

Die Bändigung unserer Leidenschaften durch die sehr begrenzte Vernünftigkeit, deren wir unvernünftige Menschen fähig sind, ist nach meiner Ansicht die einzige Hoffnung für die Menschheit.
[S. 196]

Wir können uns deshalb nur sehr viele Popper-Leser wünschen.

Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik.

Yale-Vorlesung über „Philosophy of Death“

Nach Don Quijote ist das nun die zweite Yale-Vorlesung, welche ich mir über You Tube ansehe. Professor Shelly Kagan versucht in 26 Vorlesungen seinen Studierenden unterschiedliche Perspektiven auf den Tod zu vermitteln. Jede Lecture dauert etwa fünfzig Minuten, und die erste ist überwiegend administrativen Angelegenheiten wie der Benotung gewidmet. Das Semester gliedert sich in unterschiedliche Schwerpunkte: Zu Beginn steht die Frage nach der möglichen Existenz einer Seele im Mittelpunkt, wobei Platons Argumente dafür ausführlich kritisch gewürdigt werden. Kagan lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er ein Physikalist ist, also die Existenz von Seelen für unplausibel hält. Trotzdem bringt er die Gegenpositionen ausführlich und so objektiv wie möglich vor. Danach erläutert der Professor unterschiedliche Theorien über persönliche Identität, bevor er sich mit der Natur des Todes näher beschäftigt. Das letzte Drittel der Vorlesungsreihe widmet sich anderen Aspekten des Todes, u.a. der ethischen Frage, unter welchen Umständen Suizid zulässig ist.

Was das Niveau angeht: Die Veranstaltung ist als Einführung in die Philosophie konzipiert, setzt also kein philosophisches Vorwissen voraus. Die große Stärke des Shelly Kagan ist sein Vortrag: Er spricht überwiegend frei und fesselnd. Man hört ihm gerne zu und die Vorlesungen haben durchaus auch einen Unterhaltungswert. Umgekehrt bedeutet das aber, den Studierenden wird hier keine zeitgemäße Methode des Philosophierens vermittelt, also kein rigides Handwerkszeug wie sie die formale Logik oder die analytische Philosophie anböte.

Wer jedoch zum Thema Tod an einem Überblick über das historische und zeitgenössische Denken interessiert ist, wird in den etwa zweiundzwanzig Videostunden viele wertvolle intellektuelle Anregungen gewinnen.

Shelly Kagan: Philosophy of Death. Open Yale Course (Video)

Aaron James: Assholes. A Theory

Das Buch ist auf zwei Ebenen amüsant: Für uns gelernte Philosophen, weil Aaron James das Handwerkszeug der akademischen Philosophie auf das profane Thema „Assholes“ anwendet. Für alle anderen bleibt die systematische Auseinandersetzung mit diesem mühsamen Menschenschlag ebenso informativ wie amüsant.

James beschreibt nach einigen Präliminarien sein Untersuchungsgebiet wie folgt:

To summarize, then, our three requirements for a good theory of assholes are as follows. We are looking for (1) a stable trait of character, (2) that leads a person to impose only small or moderate material costs upon others, (3) but that nevertheless qualifies the person as morally repugnant.

Wie es sich gehört, gruppiert der Autor die Betroffenen danach in Untergruppen. Er geht selbstverständlich auch auf Gegenargumente gegen seine Hypothesen ein und bezieht sich immer wieder auf die Empirie, indem er konkrete Beispiele bespricht, etwa Trump lange vor seiner aktuellen Prominenz. In der zweiten Hälfte versucht Aaron Empfehlungen zu geben, wie man mit „Assholes“ im Alltag am besten fertig wird. Da besteht ab und zu die Gefahr des Abgleitens in Richtung einer (intelligenten!) Lebensberatungsliteratur.

Jedenfalls der erste mir bekannte ernsthafte philosophische Beitrag zu diesem gerade heute so aktuellen anthropologischen Problem.

Aaron James: Assholes. A Theory (Nicholas Brealey)

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Eine der Hauptaufgaben von Philosophen ist es, anscheinende Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, und dadurch grundsätzliche Reflexionen auszulösen. Unter den zeitgenössischen Denkern gibt es nur wenige, die das so gut beherrschen wie John Gray, Professor für European Thought an der London School for Economics. Eine seiner provokanten Kernthesen lautet, dass viele scheinbare säkulare Institutionen und Weltanschauungen in Wahrheit tief vom Christentum geprägt sind, und deshalb pseudoreligiöse Züge aufweisen. In meiner Notiz über Grays Buch Blackmass beschreibe ich diese Auffassung ausführlicher.

Heresies ist dagegen eine thematisch gruppierte Anthologie von Zeitschriftenartikeln, die zu Beginn des Jahrtausends erschienen sind. Zusätzlich zur erwähnten Extension des Religiösen spielt in vielen Essays auch Grays illusionsloses Menschenbild eine Schlüsselrolle. Ethisch habe die Menschheit seit Jahrtausend nichts hinzugelernt, weshalb man auch scheinbar großartige Fortschrittsideologien kritisch hinterfragen müsse. Marxismus und Neoliberalismus sind für Gray nur zwei Seiten derselben Medaille, nämlich ein von anthropologischen Fakten befreites Wunschdenken.

Die Schärfe von Grays Verstand zeigt sich in vielen seiner im engeren Sinn politischen Artikel. Er sagt das Desaster des Irakkriegs und die Destabilisierung des Nahen Ostens mit einer erschreckenden Präzision voraus.

John Gray: Heresies. Against Progress and Other Illusions

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason

Als das Buch im Jahr 2000 erschien, las ich es zum ersten Mal. Für den zweiten Durchgang wählte ich die Hörbuchfassung, die etwa achtzehn Stunden lang ist. Der Untertitel A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance führt in die Irre: Von den 430 Buchseiten beschäftigen sich nur gut 40 mit der Zeit nach der Spätantike. In Wahrheit handelt es sich also um eine Einführung in die antike Philosophie. Wer sich bisher nur oberflächlich damit beschäftigte, wird mit dem Buch seine Freude haben. Gottlieb verzichtet auf technischen Jargon und umreißt die Kernkonzepte gut. Wie so viele angelsächsische Sachbücher, ist The Dream of Reason einfach gut geschrieben. Die einzelnen Philosophen werden in unterschiedlicher Qualität und Tiefe abgehandelt: Platons Werk hätte durchaus einen größere Breite verdient, da konzentriert sich Gottlieb vor allem auf den Staat. Aristoteles dagegen wird deutlich umfassender präsentiert.

Wer sich intensiv auf die Philosophiegeschichte einlassen will, dem empfehle ich das mehrbändige Werk des Frederick Copleston.

Anthony Gottlieb: The Dream of Reason. A History of Philosophy from the Greeks to the Renaissance (Hörbuch)

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert

Rezension geschrieben für die Ö1-Sendung Kontext am 7. November 2014

Was wäre unser Alltag ohne den persönlichen Terminkalender? Nur sehr beneidenswerte Menschen sind heutzutage in der Lage, ihr Leben ohne einen Kalender zu führen. Sei es ganz altmodisch in Papierform oder elektronisch am Smartphone. Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, seit wann und warum dieser unverzichtbare Alltagsgegenstand unser Leben beherrscht, finden Sie die Antwort bei Achim Landwehr: In seiner „Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“ dient dem Historiker die Entstehung des modernen Kalenders als Beispiel für eine umfassende Änderung des Zeitverständnisses in allen Bevölkerungsschichten. Landwehr beschreibt diesen Wandel aus vielen unterschiedlichen Perspektiven und versucht eine theoretische Fundierung der Fakten. Sie alle illustrieren einen großen Schritt in Richtung unseres modernen Zeitverständnisses:

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts gewinnt Gegenwart einen eigenständigen Stellenwert, eine eigene Identität, die unabhängig von anderen Kategorien wahrgenommen werden kann. Vergangenheit und Zukunft können von der Gegenwart abgekoppelt, ja als im eigentlichen Sinn nicht existent konzipiert werden. Allein die Gegenwart gibt es, und von ihr aus werden die Zeithorizonte Vergangenheit und Zukunft entworfen.
[202]

Vor dem Leser entfaltet sich nach und nach ein Panoptikum dieser Veränderung. Landwehr gibt in vielen kurzen Abschnitten einen faszinierenden Einblick in das Leben der frühen Neuzeit. Zu Beginn der betrachteten Epoche ist das Weltbild der meisten Menschen noch durch Stabilität gekennzeichnet. Die eigene Position in der Gesellschaft ist ebenso fixiert wie jene im Universum. Während die Kleiderordnungen regeln, wie man sich statuskonform anzuziehen hat, erklärt die Kirche, wie die eigene Zukunft aussehen wird. Es herrscht die feste Überzeugung, dass die Apokalypse, und damit das Ende der Welt, unmittelbar bevor stünde. Endzeitpropheten haben Hochkonjunktur. Dieser apokalyptischen Zukunft steht eine idyllische Vergangenheit gegenüber: Früher war nämlich alles besser und das Optimum war selbstverständlich das Paradies der Bibel. Wie sicher die Zukunft für die Menschen damals war, zeigen die beliebten Jahreskalender. Selbst das Wetter konnte man zwölf Monate im Voraus nachlesen. Für ein Verständnis der Gegenwart in unserem modernen Sinne bleibt zwischen dieser utopischen Vergangenheit und der vorher bestimmten Zukunft kein Platz.
Plakativ illustriert das der Kalender des Grafen Johann Maximilian IV. Emanuel von Preysing-Hohenaschau aus dem Jahr 1717. Dieser Kalender hat nämlich bereits eine Spalte für eigene, private Einträge. Der Graf weiß allerdings noch nichts mit dieser Gegenwart anzufangen und lässt sie leer.
Die Wertschätzung alles Alten illustriert Landwehr mit zahlreichen Beispielen. Die damalige Gerichtspraxis sieht etwa folgendermaßen aus: Grenz- und Besitzstreitigkeiten wurden dadurch geklärt, indem man möglichst viele alte Menschen als Zeugen befragt. Diese Praxis nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts immer weiter ab. Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit: Ehemals als Tabu geltende tabuisierte Fragen wie der nach dem Alter der Erde werden kontrovers diskutiert. Selbst die Genealogien von Adelshäusern werden historisch exakter. Sogar die bis vor kurzem unbezweifelbare Autorität der antiken Historiker gerät ins Wanken. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ist die berühmte Querelle des Anciens et des Modernes aus dem Jahr 1688.
Eine der wichtigsten Ursachen für diese Entwicklungen, nämlich die wissenschaftliche Revolution der frühen Neuzeit, streift Landwehr leider nur am Rande.
Die Entstehung der Presse unterstreicht und verstärkt den neuen Umgang mit der Zeit. Nicht nur ist die Gegenwart plötzlich so wichtig, dass man sich regelmäßig mit ihr beschäftigt. Der regelmäßige Erscheinungsrhythmus der Zeitungen verändert die Bedeutung der Inhalte:

Zeitungen und andere mediale Weltvermittler erscheinen in bestimmten Abständen immer wieder, unabhängig davon, ob etwas Berichtenswertes passiert oder nicht. (…) Es geht also in den periodisch erscheinenden Medien nicht darum, dann etwas zu berichten, wenn etwas passiert ist, sondern regelmäßig etwas zu berichten, unabhängig davon, was gerade passiert. Dadurch wird das Hier und Jetzt, wird die Gegenwart als Gegenwart zum Thema gemacht.
[154]

Diese und viele anderen Beispiele belegen Landwehrs These, dass die Geburt der Gegenwart tatsächlich im 17. Jahrhundert stattfand. Warum gerade damals?

Meine These ist, (…) dass es zum Aufstieg der Gegenwart im 17. Jahrhundert kam, weil auf der einen Seite die jüngere Vergangenheit seit der Mitte, überdeutlich jedoch seit Ende des 16. Jahrhunderts stark an Überzeugungskraft eingebüßt hatte. Dieser Prozess setzte sich europaweit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts fort, insofern diese Zeit von blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen, massiven wirtschaftlichen Nöten, Klimaverschlechterung, Seuchen oder die Verfolgung von Randgruppen und Minderheiten geprägt war.
[196/197]

Landwehrs Leistung besteht nicht zuletzt darin, dass er den Spagat zwischen der geistesgeschichtlichen und der sozialgeschichtlichen Dimension seines anspruchsvollen Themas exzellent bewältigt.

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert (S. Fischer)

Abaelard und Heloise: Liebesbriefe

Die Kultur- und Geistesgeschichtsschreibung greift gerne auf Vereinfachungen zurück. So liest man in vielen Büchern von der Rückkehr des Individuums in der Renaissance. Wer daran zweifelt, dass es auch im Mittelalter ausgeprägte Individualisten gegeben hat, kennt Peter Abaelard (1079-1142) noch nicht. Selbstverständlich war er im mittelalterlich-theologischen Weltbild verhaftet, aber er hatte keine Angst, diesen Rahmen zu sprengen. Das trug ihm eine Verurteilung durch das Konzil in Sens 1140 ein, welches seine Widersacher anstrengten. Abaelards polemischer Skeptizismus war für diese Zeit sehr ungewöhnlich. Sein wichtigster philosophischer Beitrag war jedoch die Widerlegung des naiven ontologischen Realismus, der in der Frühscholastik des 11. Jahrhunderts tonangebend war. Abaelard wies so erbarmungslos auf dessen absurde logische Konsequenzen hin, dass er diese Position bis zum Ende des Mittelalters diskreditierte. Ob er allerdings der radikale Nominalist war, zu dem ihn viele Philosophiehistoriker stilisieren, ist bis heute offen. Es ist nämlich ein Fehlschluss, von seiner Ablehnung des Ultrarealismus auf seine Position eines radikalen Nominalismus zu schließen, da er selbst wenig darüber schrieb.

Diesen bedeutenden Beitrag zum Universalienproblem würdigen die wenigen Philosophiehistoriker, die sich für diese Dinge interessieren. Weltberühmt wurde Abaelard in der Bücherwelt dagegen durch seine bis heute bekannte Liebesgeschichte mit seiner Schülerin Heloise, wo sich sein Nachhilfeunterricht schnell auf Sex spezialisierte. Die Folgen sind bekannt: Der Onkel der Heloise organisierte eine erfolgreiche Strafkastration und die beiden kamen bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr voneinander los.

Wir wissen das und vieles mehr aus Abaelards Historia Calamitatum, welche auch die Neuübersetzung der Liebesbriefe durch Hans-Wolfgang Krautz einleitet. In dieser Autobiographie in Briefform, die in der Tradition Senecas als Trostbrief an einen Freund konzipiert ist, bekommen wir einen ungeschönten Bericht über Abaelards Leben. Von den Universitätsintrigen bis zum Liebesspiel mit Heloise. Diesem ersten Brief folgen noch vier weitere, je zwei von Heloise an Abaelard und dessen Antworten. Man wird Zeuge einer erstaunlichen sexuellen Leidenschaft, die groteskerweise mit ausführlichen theologischen Überlegungen eingenebelt wird. Die drei restlichen Briefe, Nummer fünf bis acht, sind in der neuen Manesse-Ausgabe nicht abgedruckt, weil sie sich fast nur mit Theologie beschäftigen.

Abaelard und Heloise: Liebesbriefe. (Manesse)

1234..>|
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets