Tschaikowski: Eugen Onegin
Wiener Staatsoper 26.5.
Inszenierung: Falk Richter
Dirigent: Seiji Ozawa
Tatjana, Tochter von Larina: Tamar Iveri
Olga, Tochter von Larina: Elisabeth Kulman
Eugen Onegin: Simon Keenlyside
Lensky, Dichter: Marius Brenciu
Fürst Gremin: Ain Anger
Es war kein erfreulicher Opernabend. Das dürfte vor allem am Stück selbst gelegen haben: Nach dem Ring wirkt “Eugen Onegin” musikalisch substanzlos. Schöne Melodien, ohne Zweifel, aber mehr als diese Oberfläche wird nicht geboten. Ozawa dirigierte die Oper (wie immer) sehr langsam. Gesanglich war eigentlich nichts auszusetzen, herausragend war aber nur Ain Anger, der schon im Ring eine exzellente Leistung bot.
Am besten ist die Inszenierung. Falk Richter ist sparsam mit Requisten und siedelt die Oper in einer russischen Schneelandschaft an. Das ist ein ebenso erfreulicher wie notwendiger Kontrapunkt gegen das Pathos der Komposition und des Librettos. Wird wohl keine meiner Lieblingsopern werden …
Der neue Wiener Ring (3): Siegfried
Wiener Staatsoper 19.5.
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegfried: Stephen Gould
Brünnhilde: Nina Stemme
Der Wanderer: Juha Uusitalo
Mime: Herwig Pecoraro
Die Inszenierung dieses Ring ist nicht mehr zu retten, der dritte Teil ist ebenfalls eine große Enttäuschung. Man erwartet eine Vertiefung oder Abstrahierung oder Ironisierung und wird überwiegend mit Plattheiten abgespeist. Wenig originell auch, die theatertechnischen Herausforderungen alle durch Videoprojektionen zu lösen, dem einfachsten aller Wege. Der Zusammenhang der einzelnen Bühnenbilder bleibt meist ein Rätsel.
Siegfried ist meiner Ringerfahrung nach meist der “anstrengendste” Abend, gönnt sich Wagner doch speziell im letzten Aufzug zu viel kompositorischen Auslauf. Wie sehr dieser Eindruck aber von der musikalischen und darstellerischen Qualität abhängt, zeigte diese Aufführung. Noch nie erlebte ich einen so spannenden Siegfried. Das ist vor allem das Verdienst eines fulminanten Stephen Gould als Siegfried, der die fünf Stunden mit beeindruckender Kondition durchhielt. Nina Stemme war als Brünhilde eine kongeniale Partnerin und das (oft “langwierige”) Finale geriet zu einer fesselnden musikalischen Angelegenheit. Uusitalo als Wotan brachte alle seine Vorzüge aus der Walküre wieder mit und auch Pecoraro gab einen hervorragenden Mime.
Welser-Mösts Wagner-Interpretation hat mich zu Beginn etwas irritiert, nach etwa zwölf Stunden kann man seinen Ansatz aber gut erkennen. Dieser ist höchst eigenständig, noch nie hörte ich Wagner so spielen. Zum Teil setzt er auf ein rasantes Tempo und eine große dynamische Spannweite. Er handhabt diesen Stil aber sehr flexibel, was der Interpretation eine große Spannkraft gibt. Weit entfernt von einer Routineaufführung hat sich Welser-Möst offenbar ausführlich mit der Partitur beschäftigt und wollte einen ästhetisch eigenen Weg gehen. Das ist risikant, intellektuell spannend und man freut sich deshalb bereits auf seine Zeit als Kodirektor der Staatsoper ab 2010.
Der neue Wiener Ring (2): Die Walküre
Wiener Staatsoper 17.5.
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha
Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Ain Anger
Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo
Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme
Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson
Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster
Die Inszenierung wird auch beim zweiten Mal nicht besser. Man entdeckt keine Subtilitäten, die man beim ersten Mal vielleicht übersehen hätte, sondern ärgert sich über die intellektuelle Schlichtheit der Angelegenheit. Speziell das Hantieren mit ausgestopften Wölfen überschreitet die Grenze von überflüssig zu peinlich.
Musikalisch sah es erfreulicherweise anders aus. Mit Ausnahme vom mehrmals patzenden ersten Trompeter, offenbar eine Aushilfe vom Kurorchester Bad Hall, war es ein Abend auf sehr hohem Niveau. Im funkelnden ersten Aufzug gaben Stemme und Botha ein hervorragendes Zwillingspaar ab, unterstützt vom hervorragend disponierten Ain Anger als Hunding. Der anschließende Ehestreit zwischen Uusitalo und Michaela Schuster (Wotan/Fricka) war nicht – wie so oft – brav heruntergesungen, sondern die psychischen Nuancen kamen fein nuanciert.
Auf diesem Niveau ging es auch mit der Konfrontation Wotan/Brünhilde weiter. Franz Welser-Möst wurde am Ende wieder zurecht bejubelt.
Der neue Wiener Ring (1): Das Rheingold
Wiener Staatsoper 16.5.
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Wotan: Juha Uusitalo
Loge: Wolfgang Schmidt
Fricka: Janina Baechle
Erda: Anna Larsson
Alberich: Tomasz Konieczny
In der Hoffnung, dass der erste Durchlauf die neue Inszenierung und Einstudierung bereits auf Touren gebracht hat, wollte ich mir erst die zweite Komplettaufführung des neuen Wiener Ring ansehen. Für Das Rheingold war es die dritte Aufführung.
Nachdem ich Die Walküre bereits 2007 sah, lässt sich bereits sagen: Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf inszeniert die Tetralogie zu unterkomplex. Die strukturelle Vielfältigkeit wird oft durch eine oberflächliche Reduktion auf Gegensätze ignoriert. Ein Beispiel aus “Rheingold” wäre die Darstellung der Götter in weiß (inklusive weißen “Felsen” auf der Bühne) und die Riesen in einem dreckigen Dunkelgrau. Auch in den anderen Szenen ist die Inszenierung ein Understatement, was mir prinzipiell nicht unsympathisch ist, hier aber nicht optimal umgesetzt wurde. Reduktion muss nicht Einfallslosigkeit heißen.
Sehr gespannt war ich auf Franz Welser-Mösts musikalische Einstudierung. Als designierter Co-Direktor der Staatsoper wird er das Haus ästhetisch für die nächsten Jahre prägen. Welser-Möst entschied sich für eine präzis-flexible Interpretation, stets bemüht Wagners Musik nicht in zu viel romantisches Pathos und klangliche Verschwommenheit abgleiten zu lassen. Das ist ein plausibler Ansatz, ging allerdings etwas auf Kosten des Glanzes der Musik. Das Staatsopern-Orchester zeigte sich vor dem neuen Chef naturgemäß von seiner besten Seite.
Gesanglich und darstellerisch war Tomasz Konieczny als Alberich der Höhepunkt des Abends. Stimmlich bis in den letzten Winkel präsent und genau phrasierend, könnte er sich als neue Rollenreferenz etablieren. Nur Wolfgang Schmidt als Loge hielt auf diesem Niveau gut mit. Das Rest des Ensembles sang durchaus passabel, war aber auf keinem Fall herausragend.
Heute Abend geht es weiter mit der Walküre.
Bizet: Carmen
DVD; Carlos Kleiber; Wiener Staatsoper (Amazon Partnerlink)
Zu sehen und zu hören ist ein Livemitschnitt des ORF aus der Wiener Staatsoper (1978). Carlos Kleiber ist einer der brillantesten Dirigenten der letzten fünfzig Jahre. Seine Fünfte von Beethoven ist nach wie vor die Referenzaufnahme, eine unglaublich intensive Interpretation.
Auch bei dieser Carmen Aufnahme sind Kleibers musikalische Tugenden, speziell sein brillanter Balanceakt zwischen Präzsion und Emotion, unschwer zu erkennen. Die Inszenierung ist, wie so oft an der Wiener Staatsoper, sehr traditionell.
Vergleicht man sie aber mit ähnlichen Aufführungen heute, ist man über die Unterschiede überrascht. Herrscht nun meist lähmende Routine auf allen Ebene, sieht man 1978 eine exakte und wohl einstudierte Choreographie. Wer nicht auf moderne Inszenierungen besteht, wird an dieser DVD musikalisch seine Freude haben.
Puccini: La Boheme
Wiener Staatsoper 24.2.
Dirigent: Constantinos Carydis
Inszenierung und Bühnenbild: Franco Zeffirelli
Kostüme: Marcel Escoffier
Chorleitung: Thomas Lang
Rodolfo: Ramón Vargas
Schaunard: Eijiro Kai
Marcello: Boaz Daniel
Colline: Dan Paul Dumitrescu
Benoit: Alfred Šramek
Mimì: Krassimira Stoyanova
Musetta: Simina Ivan
Alcindoro: Alfred Šramek
Sukzessive arbeite ich mich durch das Schlagerrepertoire der italienischen Oper, weshalb ich mir die 374. Aufführung dieser Inszenierung ansah. Wie diese Zahl dezent andeutet, handelt es sich um keine frische Regie. Im Vergleich mit anderen verstaubten Konkurrenten des Hauses, kann sie aber gut bestehen. Das Elend des Künstlerlebens wird so realistisch im Bühnenbild umgesetzt, dass Gerhart Hauptmann seine Freude daran gehabt hätte. Vermutlich mutig von Zeffirelli damals, dass er einige Szenen in malerischem Halbdunkel spielen lässt.
Musikalisch war der Abend überraschend erstklassig. Zwar sparte das Staatsopernorchester nicht an breiten Klängen, die gesangliche Leistung war aber durchgehend großartig. So kamen die Puccini-Schlager mit dem gehörigen Nachdruck über den Graben, sehr zur Begeisterung des Publikums. Popmusik auf hohem Niveau, die man sich ab und zu gönnen darf.
Modest Mussorgski: Boris Godunow
Wiener Staatsoper 17.1.
Boris Godunow, Zar von Russland: Ferruccio Furlanetto
Pimen, Chronikschreiber und Eremit: Kurt Rydl
Grigori Otrepjew, der falsche Dimitri: Marian Talaba
Marina Mnischek, Tochter des Wojwoden von Sandomir: Nadia Krasteva
Rangoni, geheimer Jesuit: Egils Silins
Dirigent: Sebastian Weigle
Regie und Ausstattung: Yannis Kokkos
Mussorgski war ein Wenig-Komponierer und im Kernrepertoire haben sich nur zwei Stücke gehalten: “Die Bilder einer Ausstellung” und “Boris Godunow”. Diese Oper kannte ich bis vor einigen Wochen noch nicht, bis ich mich auf den gestrigen Abend vorzubereiten begann. Ein Versäumnis, denn Mussorksi schuf damit nicht nur eine musikalisch sehr ansprechende Kreation, sondern auch einen neuen Operntyp, was sie musikgeschichtlich und ästhetisch besonders interessant macht.
In den Musikgeschichten wird Mussorksi gerne unter den “Russischen Nationalisten” abgehandelt (gemeinsam u.a. mit Glinka, Borodin, Rimsky-Korsakov und heute weniger bekannten Figuren), welche die akademisch gelehrte Musiksprache an den neu gegründeten russischen Konservatorien ablehnten. Betrachtet man “Boris Godunow”, ist diese Schublade nicht unangebracht. Mussorski schuf ein Werk vollgestopft mit russischer Mythologie und Freunde der russischen Literatur werden sich spätestens beim Auftreten eines Staretz zu Hause fühlen. Wie Dostojewksij oder Tolstoi versucht der Komponist, die russische Gesellschaft als Ganzes einzubeziehen: So tritt nicht nur die Machtelite (Zar, Adlige, Kleriker) auf, auch das hungernde Volk, ein Narr oder Soldaten usw. sind Teil des Bühnengeschehens. Eine Szene spielt in einem Wirtshaus an der litauischen Grenze, die nächste im Zarenpalast.
Ästhetisch war es Mussorksi ein Anliegen, seine Musiksprache so natürlich wie möglich dem gesprochenen Wort anzupassen, also das Gegenteil dessen zu versuchen, was Wagner mit seinen bis heute bespöttelten Stabreimen betrieb. Soweit man das, ohne Russisch zu können, beurteilen kann, gelingt ihm das ausgezeichnet. Er verzichtet auf klassische musikalische Mittel der Oper (Arien, Koloraturen), schafft es aber trotzdem, musikalisch hervorragende Qualität zu liefern. Dieser innovative ästhetische Ansatz dürfte das größte Verdienst der Oper sein.
Die Aufführung selbst gestern war ungewöhnlich gut. Die Inszenierung versucht einen Mittelweg zwischen Kostümoper und moderner Inszenierung zu finden, was überraschenderweise nicht schlecht gelang. Das Ensemble war durch die Bank hervorragend disponiert. Kurt Rydls Stimme ist immer noch eine Urgewalt, aber auch Ferruccio Furlanetto war hervorragend in Form.
Tschaikovsky: Pique Dame
Staatsoper 4.10.
Dirigent: Seiji Ozawa
Inszenierung: Vera Nemirova
Hermann: Neil Shicoff
Tomski/Pluto: Albert Dohmen
Jeletzki: Markus Eiche
Tschekalinski: Peter Jelosits
Surin: Goran Simic
Tschaplitzki: Benedikt Kobel
Narumow: Dan Paul Dumitrescu
Festordner: Clemens Unterreiner
Gräfin: Anja Silja
Lisa: Martina Serafin
Polina/Daphnis: Elisabeth Kulman
Gouvernante: Aura Twarowska
Mascha/Chloe: Caroline Wenborne
Pique Dame kannte ich bisher noch nicht. Überhaupt gibt es in Sachen Russischer Oper bei mir Nachholbedarf, weshalb ich diese Saison den Zyklus “Slawische Oper” abonnierte. Vor der Vorstellung gestern habe ich mich “eingehört” und musikalisch hat die Oper – wer hätte das gedacht – alle Stärken und Schwächen, die man von Tschaikovskys Orchestermusik her kennt. Melodisch einfallsreich, emotional zupackend einerseits, sehr pathetisch und durchschaubar auf Effekte hin komponiert andererseits.
In die Liste meiner Lieblingsopern wird das Stück wohl nicht aufgenommen werden, was auch am Libretto liegt. Es basiert auf einer Erzählung Puschkins und man sieht einmal mehr, dass eine Literaturveroperung mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat wie eine Literaturverfilmung.
Nun aber zum angenehmen Teil: Der Abend war musikalisch exzellent. Schon lange nicht mehr bekam ich in der Staatsoper so hohe Qualität geboten. Das lag einerseits daran, dass Seiji Ozawa am Pult stand, der Tschaikovsky ab und zu so dirigierte als sei es Mahler. Andererseits war das Ensemble ohne Ausnahme in Höchstform und legte eine beachtliche Leistung hin.
Das ließ dann auch die überaus langweilige Inszenierung von Vera Nemirova vergessen: eine seltsame Mischung aus klassischer Opernaufführung mit wenigen uninspierten modernen Einschüben.
Verdi: I vespri siciliani
Staatsoper 12.6.
Dirigent: Miguel Gomez-Martinez
Guido di Monforte, Gouverneur von Sizilien: Leo Nucci
Arrigo, ein junger Sizilianer: Keith Ikaia-Purdy
Giovanni da Procida, Anführer der sizilianischen Rebellen: Paata Burchuladze
Herzogin Elena, Schwester des Herzog Friedrichs von Österreich: Sondra Radvanovsky
Richtig war meine Vermutung, dass die Staatsoper einer der wenigen öffentlichen Orte in Wien war, welche von der allgemeinen Euro-Hysterie verschont waren. Falsch hingegen war meine Hoffnung auf einen erstklassigen Opernabend. Das lag nicht an der vokalen Leistung, die durchaus ansehnlich war. Aber das Orchester! Schon bald bekam man Zweifel, ob überhaupt ein Dirigent anwesend war. Gomez-Martinez legte eine dermaßen lahme Leistung hin, das man ständig Angst haben musste, dass die Musiker während der Aufführung einschlafen. Eine befrackte Schlaftablette im Dienst.
Wagner: Der fliegende Holländer
Staatsoper 12.2.
Dirigent: Ulf Schirmer
Daland: Walter Fink
Senta: Nina Stemme
Erik: Klaus Florian Vogt
Mary: Janina Baechle
Steuermann: Cosmin Ifrim
Der Holländer: Alan Titus
Schon die Ouvertüre zeigte, dass es sich musikalisch um keine Routineinterpretation handelte, gab es doch eine ungewöhnlich lange Pause vor dem Einsetzen des lyrischen Motivs. Dieser musikalische Gestaltungswille zog sich erfreulicherweise durch die gesamte Aufführung. Der vokale Part war selbst in den Nebenrollen brillant, was (wie im Mai letzten Jahres) erneut einen erstklassigen Opernabend ergab. Soweit ich das aktuelle Repertoire überblicke, gehört der “Fliegende Holländer” musikalisch nun seit längerer Zeit zum Besten, was die Staatsoper zu bieten hat.




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