Post vom Klangforum Wien!
Nächste Woche droht die konzertante Aufführung der Opéra Bouffe Les Boulingrin von George Aperghis im Theater an der Wien. Das Klangforum warnt die Stammhörerschaft in einem Brief bereits vor:
Die zunächst unmerklich aufkommende Aggression schraubt sich zu ungeahnten Gipfelpunkten empor. Die Mitnahme von Baldriantropfen wird dem Publikum höflich empfohlen.
Sollte ich diese Klangattacke überleben, folgt eine Notiz.
Über Schubert
In Schubertiana schreibt Tomas Tranströmer über Schuberts Musik:
Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen, diejenigen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine Mörder sind, die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben, alles lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen sie selbst ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark, Schneckenspur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefen
hinaufbegleitet.
Goethe und Zelter: Briefwechsel
Goethes Briefwechsel mit Schiller zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Trotzdem las ich erst jetzt die berühmte zweite Korrespondenz mit dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter (1758-1832). Eine Grund dafür war der Umfang: Die beiden wechselten 30 Jahre lang Briefe, was in der Münchner Ausgabe einen 1200seitigen Band ergibt. Dazu kommt ein ebenso dicker wie kenntnisreicher Kommentarband.
Zelter war Goethes Ansprechpartner für Musikalisches. Er vertonte regelmäßig dessen Lyrik und lieferte jede Menge Auftragskompositionen nach Weimar, nicht zuletzt für das von Goethe geleitete Theater. Die Musik ist damit der Generalbass des Briefwechsels. So ist es kein Zufall, dass Goethes Schilderung seines einzigen Zusammentreffens mit Beethoven für Zelter geschieht. Schnell entwickelt sich eine enge Brieffreundschaft. Zu Beginn ist Zelter hier natürlich der sich geschmeichelt Fühlende und auch der um die Gunst des berühmten Freundes buhlende Briefpartner. In Laufe der Jahre emanzipiert sich die Beziehung allerdings, wenn Zelter auch nie auf intellektueller Augenhöhe wie Schiller mit Goethe kommuniziert.
Erwartungsgemäß sind die Briefe eine biographische Fundgrube für an Goethe Interessierte. Die Hauptfigur der Korrespondenz ist aber Zelter. Wir lernen einen Berliner Intellektuellen der Goethe-Zeit in seinem Umfeld kennen: Seine musikalischen Projekte, seine Erfolge und Niederlagen als Kulturmanager, seine zahlreichen privaten Tragödien, seine Selbstzweifel am eigenen Werk, seine finanziellen Probleme. Als Zugabe bekommt man das Berliner Kulturleben durch einen kompetenten Beobachter geschildert. Und welchen Beobachter! Zelter schildert etwa Berliner Theateraufführungen mit einem brillanten süffigen Sarkasmus, aufgrund dessen man seine Kritiken sogar über heute völlig vergessene Stücke gerne liest. Damit entwickelt er sich rasch zu Goethes privaten Kulturkorrespondenten aus dem großen Berlin. Gleichzeitig stellt er die Versorgung des Freundes mit den unverzichtbaren Teltower Rübchen sicher, die pünktlich jeden Herbst nach Weimar expediert werden.
Ein weiterer Höhepunkt ist Zelter als Reiseschriftsteller. Gerade im Alter reist er öfters durch Deutschland und unterhält Goethe und uns mit großartigen Berichten. Als Beispiel Auszüge über seinen Aufenthalt in Wien im Sommer 1819:
Man sieht hier recht warum dies Volk nicht politisch ist. Es will jede Minute leben und genießen und das tuts. Die Politik kommt von der langen Weile und geht zur langen Weile [...]
Das österreichische Volk ist von der gefälligsten Naivität und scheidet sich so rein ab von den sogenannten höheren Ständen, daß diese im eigentlichen Nachteil erscheinen. Wenn z.E. das österreichische Deutsch kein gutes Deutsch wäre, so ist es doch gewiß eine Sprache worin man sich mit einer Leichtigkeit bewegt wie der Fisch im Wasser [...]
Letzhin ist Bethofen in sein Speisehaus gegangen; so setzt er sich an den Tisch, vertieft sich und nach einer Stunde ruft er den Kellner: Was bin ich schuldig? – Ewr. Gnaden haben noch nichts gessen, was soll ich denn bringen? – Bring was Du willst und laß mich ungeschoren! – [...]
In Wien kann man alles finden nur keine Langeweile. Wer sich hergeben will findet die wahre Menschheit [...] Die Bevölkerung ist unendlich: viele geistliche Orden, alle Nationen, alle Frauen alles alles, Alt und jung ist überall, man weiß nicht wo die Menschen alle herkommen, hingehen und doch geht jedes seinen Gang. Die Kirchen sind den ganzen Tag voll. Sonnabend war das Leopoldsstädter Theater so angefüllt daß man die Füße nicht setzen konnte [...]
Von der Schönheit der griechischen Frauen welche man hier nicht selten sieht wäre viel zu sagen: es ist das Edelste was meine Augen gesehn haben. Die vollkommenste Klarheit der Karnation; Gliederbau, Embonpoint, Portement – alles das sind Worte, man muß es sehen. Und Augen – ja da kriegt man Augen. Dafür sehn denn die Kerls aus wie große Spanferkel. Daß solch ein Kerl solch ein Weib unter sich haben soll!
Goethe ließ die Reisebriefe immer wieder ins Reine schreiben und als Broschüren binden. Ich habe es sehr genossen, die Sommermonate in Gesellschaft von Goethe und Zelter zu verbringen. Für Klassikerfreunde eine Pflichtlektüre.
Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser)
Wiener Symphoniker
Konzerthaus 14.1.
Dirigent: Fabio Luisi
Klavier: Ivo Pogorelich
Sergej Rachmaninow:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-moll op. 18 (1900-1901)
Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-moll op. 98 (1884-1885)
Wie konnte es zu dieser Klangkatastrophe kommen? Rachmaninows 2. Klavierkonzert gehört zu den Ohrwürmern des Konzertbetriebs. Böse Zungen sagen auch, es lebe überwiegend von einer leeren Virtuosität auf Kosten der musikalischen Substanz. Da haben sich Herr Luisi und Herr Pogorelich nun gedacht: Wir bürsten diese ausgeleierte Nummer gegen den Strich und spielen es so wenig ohrwurmig wie nur irgendwie möglich! Ivo Pogorelich machte auf alten Wilden und hämmerte pubertär auf dem schlecht klingenden Klavier herum: Wilde Tempi, atonale Einschübe. Als wollte er Glenn Gould nach einem Gehirnschlag parodieren. Begleitet wurde dieser Unfug von einem undifferenzierten Klangbrei der Wiener Symphoniker.
Nun kann ich die Idee, ein Stück “frech” zu interpretieren, durchaus nachvollziehen. Es gibt hier aber ein weites Spektrum. Die Skala reicht von subtiler Ironie und Distanzierung bis bin zu der an diesem Abend versuchten Holzhammermethode. Für letztere braucht man allerdings ein musikalisches Format, von dem die Beteiligten des Abends meilenweit entfernt waren. Das Publikum beklaschte ausgiebig und brav, was vom Ohrwurm übrig blieb.
Nach der Pause gab es noch eine, höflich formuliert, drittklassig interpretierte Brahms-Symphonie zu hören. Imposant waren alleine die Soli der Holzbläser. Ansonsten ebenfalls eine mehr als peinliche Angelegenheit für den Wiener Konzertbetrieb. Die Wiener Symphoniker werden jetzt wieder für einige Jahre gemieden.
Herbert Rosendorfer
Bayreuth für Anfänger. (dtv)
Ich zähle mich bekanntlich zur Gattung des kritischen Wagnerianers und höre mir deshalb in Wien fast jedes Jahr den kompletten Ring in der Staatsoper an. Rosendorfers kleines Buch über Bayreuth paßt da genau ins Konzept. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften war der Autor Mitte der sechziger Jahre Gerichtsassessor in Bayreuth und veröffentlichte – zuerst unter Pseudonym – dieses bissige Büchlein. Darin setzt er sich unter anderem boshaft mit dem Wagnerkult in Bayreuth auseinandern, nicht ohne eine kritische Grundsympathie mit Wagners Musik. Man erfährt einiges über die Geschichte der Stadt, den Unterschied zwischen der Festspielzeit und dem Rest des Jahres, über Sehenswürdigkeiten und die verschiedenen Arten der Wagnerliteratur inklusive einer grundsätzlichen Klassifizierung. Selbstverständlich wird auch die Familiengeschichte des Clans hinreichend seziert. Ab und zu etwas zu pointenverliebt vielleicht, aber trotzdem eine höchst amüsante Lektüre.
Orchester des Mariinski Theaters St. Petersburg
Konzerthaus 4.12.
Dirigent: Valery Gergiev
Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 12 d-moll op. 112 «Das Jahr 1917» (1959-1961)
***
Symphonie Nr. 7 C-Dur op. 60 «Leningrader» (1941)
Der eisige Wiener Winterabend gestern lieferte einen atmosphärisch passenden Hintergrund zu Schostakowitsch’ Musik. Die schneidend-frostige Interpretation und die exzellente Disposition des Orchesters rundeten diesen Eindruck ab. Der Abend begann mit der nicht sehr oft aufgeführten Symphonie Nr. 12, nicht nur meiner Meinung nach eines der schwächeren Werke des Schostakowitsch. Sie wurde technisch tadellos gespielt, scheint aber mehr zum Aufwärmen der Russen gedacht gewesen zu sein.
Höhepunkt des Abends war eine superbe Interpretation der Leningrader Symphonie. Gergiev legte seine größte Sorgfalt auf die leisen Passagen, was die Aufführung deutlich länger machte als man sie gewöhnlich hört. Mit einer so zarten, sich bis an die Hörgrenze herantastenden Delikatesse, hörte ich Schostakowitisch noch nie. Auch am anderen Ende des dynamischen Spektrums, etwa im Pandämonium des ersten Satzes, zeigte sich sowohl die technische Brillanz des Mariinski Orchesters als auch die kongeniale Affinität des Dirigenten zu dieser düsteren Musik. Gergiev hat einen Klangkörper der Weltklasse geformt, und man kann froh darüber sein, dass die Russen aus finanziellen Gründen so oft auf Tournee gehen müssen.
Brad Mehldau: Highway Rider
Konzerthaus 20.11.
Brad Mehldau, Klavier
Joshua Redman, Tenorsaxophon
Larry Grenadier, Kontrabass
Jeff Ballard, Schlagzeug
Matt Chamberlain, Schlagzeug
Britten Sinfonia, Ensemble
Scott Yoo, Dirigent
Ich bin weit davon entfernt, ein Jazzkenner zu sein. Zwar hörte ich viel Jazz in den letzten Jahren, beschäftigte mich aber nie systematisch damit. Trotzdem möchte ich ein paar Eindrücke zum gestrigen Konzert zusammenfassen. Es war nämlich auch ein kleines Sinfonieorchester auf der Bühne, und damit kommen wir in ästhetische Gefilde für die ich mich zuständig fühle. Brad Mehldaus Versuch, mit dem Orchester zu arbeiten, führte zu höchst seltsamen Klangwelten, wobei mit “seltsam” hier nicht “interessant” oder “innovativ” gemeint ist, sondern “unbeholfen”. Die Passagen des (überwiegend aus Streichern) bestehenden Orchsters klangen wie eine Paradodie auf langsame Sätze von Mahler und/oder Schostakowitsch. Der Dialog zwischen Mehldau am Piano und dem Orchester erinnerte an ein “klassisches” Klavierkonzert, war aber im Vergleich zum echten Genre von erschreckender Niveaulosigkeit. Meine Abneigung gegen Fusionexperimente wurde einmal mehr eindrücklich bestätigt.
Desto größer der Kontrast zu den Stücken, die als Duo oder Trio gespielt wurden. Speziell Joshua Redman glänzte am Tenorsaxophon und man konnte gut verstehen, warum Brad Mehldau in der Jazzszene als “großer Name” gilt. Allerdings frage ich mich, ob für ein Duo der riesige Saal des Konzerthauses und die damit einhergehende akustische Verstärkung ein passender Rahmen ist.
Chopin
In der neuen Ausgabe der New York Review of Books schreibt Charles Rosen anlässlich des 200. Geburtstags eine überzeugende Apologie der Musik des Frédéric Chopin:
The orthodox view of Chopin as a miniaturist is now pretty much obsolete, exploded, discredited. Many of the large works—ballades, scherzi, sonatas, great polonaises, fantasies, barcarolle—are longer than an average movement of Beethoven. Chopin was, in fact, the only composer of his generation who never, after the age of twenty-one, wrote a long piece that was ineffective. Many of Schumann’s larger works (although not, of course, the finest) have uninspired moments that raise problems for their interpreter of sustaining the interest. There are deserts with few oases in a number of works of Berlioz; and there are not many works of Liszt that are completely exempt from some facile and even trashy pages. But the elegance, distinction, and efficacy of Chopin’s large forms are almost unique for the time in their success.
[...]
The études of Chopin are a triumph of the ambition of Romantic ideology: to raise an insignificant and despised form of art to the sublime, as William Blake had transformed doggerel moral poems for children into the Songs of Innocence. They had a profound influence on later generations, each étude using only one specific technical difficulty, resulting in a limited, unified, idiosyncratic, and striking sonority in every case. The étude in thirds uses only thirds in the right hand, and this opened up the possibility for later composers to create works in which one sonority obsessively dominated the whole, a possibility exploited later by Debussy, Ravel, Scriabin, Prokofiev, and Berg.
Gustav Mahler und Wien
Theatermuseum 6.4.
„leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener“ ist der hübsche Titel dieser gelungenen Ausstellung im Wiener Theatermuseum. Gleichzeitig läuft dort noch die ebenfalls beachtliche Schau Thomas Bernhard und das Theater. Das ehemals unscheinbare Museum am Lobkovitzplatz entwickelt sich zu einer wichtigen Kulturstätte.
Gustav Mahler hat Wien um die Jahrhundertwende maßgeblich geprägt. Weniger durch seine zu Beginn viel zu wenig beachteten Kompositionen denn als Kapellmeister und Direkter der Wiener Hofoper. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Alfred Roller revolutioniert Mahler die Bühnenästhetik und trat vehement gegen ästhetische Schludereien auf. Man wünschte sich, dass ein vergleichbares Duo den aktuellen Augiasstall der Staatsoper einmal künstlerisch ausmistete.
Diese Opernreform ist in der Ausstellung gut dokumentiert, ebenso die anderen Stationen im Leben des Komponisten. Der Schwerpunkt liegt auf Wien. So findet man beispielsweise große Fototafeln, welche die für Mahler relevanten Adressen im Stadtbild dokumentieren. Gleich eingangs gibt es eine aus alten Archiv- und Fotoaufnahmen zusammengestellte Projektion über das Wien der Jahrhundertwende. Alleine diese Bilder lohnten schon den Besuch der Ausstellung.
Erwähnenswert sind auch die Videopanoramen der Künstlerin Claudia Rohrmoser, die mit ausgewählten Musikstücken in einen kreativen Dialog tritt. Die Ausstellung ist nicht nur für Mahlerenthusiasten einen Besuch wert.
Beethoven
Lewis Lockwood, Musikwissenschaftler in Harvard, veröffentlichte 2003 ein neues Standardwerk zu Beethoven. Mit vielen Jahren Verspätung wurde sein Buch jetzt ins Deutsche übersetzt. Die ZEIT hat es ausführlich rezensiert.




Letzte Kommentare