Musik

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The Music of Strangers – Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble

Filmcasino 7.10. 2016

USA 2015

Regie: Morgan Neville

Anfang des neuen Jahrtausends lädt Yo-Yo Ma Musiker aus den unterschiedlichsten Kultur zum gemeinsamen Musizieren ein. Es entstand das Silk Road Ensemble, das sich bis heute immer wieder trifft, um zu Musizieren. Sechzig höchst unterschiedliche Musiker sind daran beteiligt. Das Projekt wird ein ästhetischer und ein politischer Erfolg. Die politischen Implikationen des Projekts sind ja offensichtlich.

Nevilles Dokumentarfilm ist weit mehr als das Porträt eines Ensembles. Er erzählt exemplarisch das Leben einer Handvoll der beteiligten Künstler. Einer Spanierin aus Galizien. Einer Chinesin aus Peking. Einem Iraner aus Damaskus. Einem Syrer aus Damaskus. Ihre Biographien sind alle bewegend und werfen Schlaglichter auf die historischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Damit erreicht der Dokumentarfilm am Ende eine unerwartete existenzielle Dimension. Das verschafft ihm ästhetisch allerdings eine gewisse Unausgewogenheit, weil es lange dauert, bis diese Ebene letztendlich erreicht wird.

Einen guten Eindruck über das Ensemble gibt dessen You Tube Kanal.

John Eliot Gardiner über Johann Sebastian Bach

Wenn einer der besten Dirigenten über einen der besten Komponisten schreibt, verdient das natürlich Aufmerksamkeit. George B. Stauffer las Gardiners neues Buch für die New York Review of Books. Bemerkenswert ist, dass Gardiner versucht – trotz schlechter Quellenlage – die dunklen Seiten von Bachs Biographie herauszuarbeiten:

Moving beyond the hagiographies of the past, he presents a fallible Bach, a musical genius who on the one hand is deeply committed to illuminating and expanding Luther’s teachings through his sacred vocal works (and therefore comes close to Spitta’s Fifth Evangelist), but on the other hand is a rebellious and resentful musician, harboring a lifelong grudge against authority—a personality disorder stemming from a youth spent among ruffians and abusive teachers. Hiding behind Bach, creator of the Matthew Passion and B-Minor Mass, Gardiner suggests, is Bach “the reformed teenage thug.” In the preface we read: “Emphatically, Bach the man was not a bore.” Neither is Gardiner.

Gardiner versucht Bachs „dunkle“ Geschichte mit Hilfe des Vokalwerks zu rekonstruieren. Das Instrumentalwerk spielt keine Rolle, was natürlich methodisch ebenfalls fragwürdig ist.

Maynard Solomon: Beethoven

Im Zuge einer intensiven Wiederbeschäftigung mit Beethoven las ich Solomons Biographie. Es hätte inzwischen neuere Lebensbeschreibungen gegeben, aber die Empfehlung kam von zuverlässiger Seite. In der Tat handelt es sich um eine sorgfältige, exzellent recherchierte Arbeit, die Beethovens zahlreiche dunkle Seiten nicht ausklammert. Wie die meisten großen Künstler, hatte der Komponist viele unsympathische Züge. So trieb er etwa seinen Neffen zu einem Selbstmordversuch, indem er ihn von seiner Mutter gerichtlich zwangsentfernen ließ, oder er gab sich implizit aus Eitelkeit immer als Adliger aus, obwohl davon keine Rede sein konnte. Dieses und noch vieles mehr bringt Solomon ausführlich zur Sprache.

Solomon analysiert Beethovens musikalische Entwicklung in separaten Kapiteln, was der Lesbarkeit sehr förderlich ist. Seine Ausführungen sind auch für Laien gut nachvollziehbar, ohne dass er formale Aspekte außer Acht ließe.

Einschränkend ist nur ergänzen, dass Solomon immer wieder die psychoanalytische Brille aufsetzt, wenn er gewisse Lebenssituation interpretiert. Dieser akademische Aberglaube schadet der Biographie aber nur bedingt, da sich deren Anwendung erfreulicherweise in Grenzen hält.

Maynard Solomon: Beethoven (Schirmer)

Elfriede Jelinek: Winterreise

Akademietheater 4.10. 2012

Regie: Stefan Bachmann

mit
Dorothee Hartinger
Gerrit Jansen
Simon Kirsch
Melanie Kretschmann
Rudolf Melichar
Barbara Petritsch

Klavier: Felix Huber
Sänger: Jan Plewka

In meinem CD-Regal steht eine Vielzahl von Winterreise-Interpretationen, weil ich Schuberts Liederzyklus für einen Höhepunkt der Musikgeschichte halte. Deshalb war ich sehr gespannt auf Jelineks Auseinandersetzung damit. Die musikalische Interpretation zählt sicher zu den außergewöhnlichsten, die ich hörte. Jan Plewka sang die ausgewählten Lieder leise, treffend, allerdings nicht wie ein klassischer Liedsänger, sondern wie ein Folkmusiker.

Zwischen den musikalischen Einlagen gibt es einen, ich bin versucht zu sagen: klassischen, Jelinek-Text, den unterschiedliche Schauspieler sprechen. Eine inhaltliche Zusammenfassung wäre müßig, der österreichische Korruptionssumpf jedenfalls kommt nicht zu kurz. Die grandios-grotesken schauspielerischen Aktivitäten finden auf einer steilen Rampe statt, auf der sie sich an einer Seilwinde angeschlossen auf und ab bewegen. Höhepunkt ist das furiose Finale, dass ans Sportstück erinnert und Österreich treffend boshaft als debiles Schlager- und Sportland charakterisiert.

Das Ergebnis ist ein höchst sprach- und bildmächtiger Theaterabend. Damit hat das Akademietheater neben den Gespenstern eine weitere „perfekte“ Inszenierung im Repertoire.

Brahms-Museum in Mürzzuschlag

Die Zahl an gelungenen Provinzmuseen ist überschaubar. Eine erfreuliche Ausnahme ist das Brahmsmuseum in Mürzzuschlag auf das ich durch Zufall stieß als ich einige Tage in der Semmeringgegend unterwegs war. Es widmet sich dem Thema „Brahms in der Sommerfrische“, so dass man auch von einer Dauerausstellung sprechen könnte. Brahms verbrachte mehrere Sommerurlaube dort, insgesamt wohnte er neun Monate in der kleinen Stadt. Diese Aufenthalte sind durch diverse Ausstellungsobjekte und Fotos dokumentiert. Trotz des Themas wird der Kontext nicht vergessen und die Kuratoren versorgen die Besucher ebenfalls mit Informationen über die wichtigsten Stationen seiner Biographie und zentrale musikalische Werke.
Als Ergänzung gibt es auch einen Brahms Weg, der beim Museum startet und über mehrere Stationen einem der Lieblingsspaziergänge des Komponisten folgt. Wen man also in dieser Region unterwegs ist: Ein Abstecher ist empfehlenswert!

Franz Schubert: Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte

Viele kulturgeschichtlich wichtige Persönlichkeiten hinterließen zahlreiche persönliche Zeugnisse. Franz Schubert zählt leider nicht dazu. Seine Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte füllen nur einen schmalen Taschenbuchband. Ein intensives Kennenlernen des Komponisten ist auf diesem Wege also nicht möglich, was mich bei der Lektüre etwas enttäuschte. Trotzdem erfährt man biographisch viel Interessantes: So bettelt der fünfzehnjährige Franz seinen Bruder um einige Kreuzer an, weil die Verpflegung als Hofsängerknabe für einen pubertierenden Burschen offenbar bei weitem nicht ausreicht.

Franz Schuberts beste Musik ist melancholisch und tief traurig. Einträge ins Tagebuch belegen seine düstere Sicht der Dinge:

Keiner, der den Schmerz des Andern, und Keiner, der die Freude des Andern versteht! Man glaubt immer, zu einander zu gehen, und man geht nur neben einander. O Qual für den, der dieß erkennt!
[S. 70]

Schubert bezieht sich oft auf Briefe, die leider nicht erhalten sind. Besonders eloquent ist seine Reise-Korrespondenz, etwa seine Beschreibung des Salzkammerguts:

Nach einigen Stunden gelangten wir in die zwar merkwürdige, aber äußerst schmutzige und grausliche Stadt Hallein. Die Einwohner sehen alle wie Gespenster aus, blaß, hohläugig und mager zum Anzünden.
[S. 95]

Eine spannende Lektüre für Schubert-Freunde, die allerdings durch zeitgenössische Zeugnisse ergänzt werden muss, wenn man sich ein umfassendes Bild machen will.

Franz Schubert: Briefe. Tagebuchnotizen. Gedichte. (detebe)

Post vom Klangforum Wien!

Nächste Woche droht die konzertante Aufführung der Opéra Bouffe Les Boulingrin von George Aperghis im Theater an der Wien. Das Klangforum warnt die Stammhörerschaft in einem Brief bereits vor:

Die zunächst unmerklich aufkommende Aggression schraubt sich zu ungeahnten Gipfelpunkten empor. Die Mitnahme von Baldriantropfen wird dem Publikum höflich empfohlen.

Sollte ich diese Klangattacke überleben, folgt eine Notiz.

Über Schubert

In Schubertiana schreibt Tomas Tranströmer über Schuberts Musik:

Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen, diejenigen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine Mörder sind, die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben, alles lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen sie selbst ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark, Schneckenspur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefen
hinaufbegleitet.

Goethe und Zelter: Briefwechsel

Goethes Briefwechsel mit Schiller zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Trotzdem las ich erst jetzt die berühmte zweite Korrespondenz mit dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter (1758-1832). Eine Grund dafür war der Umfang: Die beiden wechselten 30 Jahre lang Briefe, was in der Münchner Ausgabe einen 1200seitigen Band ergibt. Dazu kommt ein ebenso dicker wie kenntnisreicher Kommentarband.

Zelter war Goethes Ansprechpartner für Musikalisches. Er vertonte regelmäßig dessen Lyrik und lieferte jede Menge Auftragskompositionen nach Weimar, nicht zuletzt für das von Goethe geleitete Theater. Die Musik ist damit der Generalbass des Briefwechsels. So ist es kein Zufall, dass Goethes Schilderung seines einzigen Zusammentreffens mit Beethoven für Zelter geschieht. Schnell entwickelt sich eine enge Brieffreundschaft. Zu Beginn ist Zelter hier natürlich der sich geschmeichelt Fühlende und auch der um die Gunst des berühmten Freundes buhlende Briefpartner. In Laufe der Jahre emanzipiert sich die Beziehung allerdings, wenn Zelter auch nie auf intellektueller Augenhöhe wie Schiller mit Goethe kommuniziert.

Erwartungsgemäß sind die Briefe eine biographische Fundgrube für an Goethe Interessierte. Die Hauptfigur der Korrespondenz ist aber Zelter. Wir lernen einen Berliner Intellektuellen der Goethe-Zeit in seinem Umfeld kennen: Seine musikalischen Projekte, seine Erfolge und Niederlagen als Kulturmanager, seine zahlreichen privaten Tragödien, seine Selbstzweifel am eigenen Werk, seine finanziellen Probleme. Als Zugabe bekommt man das Berliner Kulturleben durch einen kompetenten Beobachter geschildert. Und welchen Beobachter! Zelter schildert etwa Berliner Theateraufführungen mit einem brillanten süffigen Sarkasmus, aufgrund dessen man seine Kritiken sogar über heute völlig vergessene Stücke gerne liest. Damit entwickelt er sich rasch zu Goethes privaten Kulturkorrespondenten aus dem großen Berlin. Gleichzeitig stellt er die Versorgung des Freundes mit den unverzichtbaren Teltower Rübchen sicher, die pünktlich jeden Herbst nach Weimar expediert werden.

Ein weiterer Höhepunkt ist Zelter als Reiseschriftsteller. Gerade im Alter reist er öfters durch Deutschland und unterhält Goethe und uns mit großartigen Berichten. Als Beispiel Auszüge über seinen Aufenthalt in Wien im Sommer 1819:

Man sieht hier recht warum dies Volk nicht politisch ist. Es will jede Minute leben und genießen und das tuts. Die Politik kommt von der langen Weile und geht zur langen Weile […]

Das österreichische Volk ist von der gefälligsten Naivität und scheidet sich so rein ab von den sogenannten höheren Ständen, daß diese im eigentlichen Nachteil erscheinen. Wenn z.E. das österreichische Deutsch kein gutes Deutsch wäre, so ist es doch gewiß eine Sprache worin man sich mit einer Leichtigkeit bewegt wie der Fisch im Wasser […]

Letzhin ist Bethofen in sein Speisehaus gegangen; so setzt er sich an den Tisch, vertieft sich und nach einer Stunde ruft er den Kellner: Was bin ich schuldig? – Ewr. Gnaden haben noch nichts gessen, was soll ich denn bringen? – Bring was Du willst und laß mich ungeschoren! – […]

In Wien kann man alles finden nur keine Langeweile. Wer sich hergeben will findet die wahre Menschheit […] Die Bevölkerung ist unendlich: viele geistliche Orden, alle Nationen, alle Frauen alles alles, Alt und jung ist überall, man weiß nicht wo die Menschen alle herkommen, hingehen und doch geht jedes seinen Gang. Die Kirchen sind den ganzen Tag voll. Sonnabend war das Leopoldsstädter Theater so angefüllt daß man die Füße nicht setzen konnte […]

Von der Schönheit der griechischen Frauen welche man hier nicht selten sieht wäre viel zu sagen: es ist das Edelste was meine Augen gesehn haben. Die vollkommenste Klarheit der Karnation; Gliederbau, Embonpoint, Portement – alles das sind Worte, man muß es sehen. Und Augen – ja da kriegt man Augen. Dafür sehn denn die Kerls aus wie große Spanferkel. Daß solch ein Kerl solch ein Weib unter sich haben soll!

Goethe ließ die Reisebriefe immer wieder ins Reine schreiben und als Broschüren binden. Ich habe es sehr genossen, die Sommermonate in Gesellschaft von Goethe und Zelter zu verbringen. Für Klassikerfreunde eine Pflichtlektüre.

Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser)

Wiener Symphoniker

Konzerthaus 14.1.

Dirigent: Fabio Luisi
Klavier: Ivo Pogorelich

Sergej Rachmaninow:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-moll op. 18 (1900-1901)

Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-moll op. 98 (1884-1885)

Wie konnte es zu dieser Klangkatastrophe kommen? Rachmaninows 2. Klavierkonzert gehört zu den Ohrwürmern des Konzertbetriebs. Böse Zungen sagen auch, es lebe überwiegend von einer leeren Virtuosität auf Kosten der musikalischen Substanz. Da haben sich Herr Luisi und Herr Pogorelich nun gedacht: Wir bürsten diese ausgeleierte Nummer gegen den Strich und spielen es so wenig ohrwurmig wie nur irgendwie möglich! Ivo Pogorelich machte auf alten Wilden und hämmerte pubertär auf dem schlecht klingenden Klavier herum: Wilde Tempi, atonale Einschübe. Als wollte er Glenn Gould nach einem Gehirnschlag parodieren. Begleitet wurde dieser Unfug von einem undifferenzierten Klangbrei der Wiener Symphoniker.

Nun kann ich die Idee, ein Stück „frech“ zu interpretieren, durchaus nachvollziehen. Es gibt hier aber ein weites Spektrum. Die Skala reicht von subtiler Ironie und Distanzierung bis bin zu der an diesem Abend versuchten Holzhammermethode. Für letztere braucht man allerdings ein musikalisches Format, von dem die Beteiligten des Abends meilenweit entfernt waren. Das Publikum beklaschte ausgiebig und brav, was vom Ohrwurm übrig blieb.

Nach der Pause gab es noch eine, höflich formuliert, drittklassig interpretierte Brahms-Symphonie zu hören. Imposant waren alleine die Soli der Holzbläser. Ansonsten ebenfalls eine mehr als peinliche Angelegenheit für den Wiener Konzertbetrieb. Die Wiener Symphoniker werden jetzt wieder für einige Jahre gemieden.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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