Literaturwissenschaft

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Charles Dickens: Zwei neue Biographien

Nächsten Februar wird der 200. Geburtstag Charles Dickens gefeiert. Die Jubiläumsbuchproduktion läuft bereits an: Es sind zwei neue Biographien zu vermelden! Robert Douglas-Fairhurst beschäftigt sich in Becoming Dickens: The Invention of a Novelist mit der Jugend des Autors.
Claire Tomalin legt mit Charles Dickens: A Life eine komplette Lebensbeschreibung vor. Beide werden im aktuellen The Economist rezensiert.

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James Wood übersetzt

Nachdem nun die deutsche Übersetzung von James Woods How Fiction Works erschienen ist, verweise ich an dieser Stelle auf meine damalige Rezension der Originalausgabe.

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Stefan Winterstein: Die Strudlhofstiege

Die Strudlhofstiege ist dank des gleichnamigen Romans Heimito von Doderers zu einer nicht nur zu einer literarischen Ikone Wiens geworden. In dem schönen, kleinformatigen Bildband beleuchten mehrere Autoren diese berühmte Treppenanlage von vielen Seiten. Natürlich wird ausführlich auf den verantwortlichen Architekten Theodor Johann Jaeger (1874-1943) eingegangen und auf die Geschichte des Bauprojekts. Aber auch dessen Vorgeschichte und die Namensgebung wird behandelt. Die Eröffnung der Stiege fand 1910 statt. Jahrelang erregt die Anlage keine größere Aufmerksamkeit, was sich erst 1951 nach Erscheinen des Romans änderte. Wer also daran zweifelt, dass Literatur “Orte” machen kann, der hätte hier ein prominentes Beispiel. Die Baupläne sind ebenso im Band zu finden wie zahlreiche Fotos. Auch frühere Texte über den Ort werden erneut abgedruckt, etwa einer von Dietmar Grieser.

Ein sehr schönes und erfreuliches Buchprojekt.

Stefan Winterstein (Herausgeber): Die Strudlhofstiege. Biographie eines Schauplatzes (Bibliophile Edition)

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Karl Kraus digital – Drei neue Editionen

Im letzten halben Jahr schien der Literaturbetrieb alle Versäumnisse bezüglich des editorisch stiefmütterlich behandelten Karl Kraus auf einmal nachholen zu wollen: Drei neue Editionen sind zu vermelden. Den Auftakt machte die Österreichische Akademie der Wissenschaften, indem sie sämtliche 922 Nummern der “Fackel” für alle zugänglich ins Internet stellte. Wer lieber offline in dieser Fundgrube der scharfen Polemik schmökert, dem steht die im Frühjahr bei Zweitausendeins erschienene DVD zur Verfügung. Sollte trotz dieser gewaltigen Textmasse noch zusätzlicher Bedarf an Spitzzüngigkeiten gegeben sein, dem kann die Anfang Mai erschienene Werkausgabe in der Digitalen Bibliothek abhelfen, die auf den zwanzig bei Suhrkamp erschienenen Bänden basiert. Diese Publikationsflut verdankt sich nun nicht einem plötzlich exponentiell angestiegenen Interesse an Karl Kraus, sondern dem Urheberrecht: Seit dem 1. Januar 2007 sind dessen Werke “gemeinfrei”.

Die mannigfaltigen Möglichkeiten der neuen Medien rückt die altehrwürdige Disziplin der Editionswissenschaft in den Mittelpunkt einer ebenso spannenden wie kontroversen Diskussion. Jahrzehntelang erstellte man aufwändige historisch-kritische Ausgaben, um die Texte der Klassiker den Philologen variantenreich zur Verfügung zu stellen. Von diesen für den normalen Leser unerschwinglichen und unverständlichen Ausgaben ausgehend, erstellte man dann Studien- und Leseeditionen. Dies ging zwar nicht ohne heftige Kontroversen ab (welcher “Apparat” etwa der beste sei), doch steckte die Form der Edition, nämlich gedruckte Bücher, die Grenzen des Machbaren ab.

Diese Situation änderte sich grundlegend als Personalcomputer omnipräsent wurden und mit der CD-ROM ein neues Trägermedium für Texte zur Verfügung stand. Ein passendes Beispiel wäre die 2003 bei K.G. Saur erschienene “Fackel” auf CD-ROM. Gleichzeitig wurde dank des World Wide Webs auch der Hypertext populär. Ein Klick auf ein Wort führt zu einem anderen Text, was nicht nur sehr bequem ist, sondern auch die Kommentierungstechniken nachhaltig veränderte. Parallel dazu gab es auch innerhalb der Editorenzunft umstrittene Neuerungen. Faksimile-Ausgaben wie die Frankfurter Kafka Ausgabe (FKA) versetzen konservative Editoren in Rage: Basisdemokratischer Zugriff auf die “Originale” könne einen nach allen Regeln der Kunst erstellten Text nicht ersetzen.

Mit der Computerphilologie beschäftigt sich ein eigenes Fach mit Theorie und Praxis elektronischer Editionen. (1)

Die konkreten Vorteile einer digitalen Edition sind schnell aufgezählt: Es gibt erstens keine Platzbeschränkung. Die am Klagenfurter Musil-Institut entstehende elektronische Gesamtausgabe wäre wegen des exorbitanten Nachlassmaterials in Buchform nicht finanzierbar. Die Verbreitung kann zweitens aufgrund der günstigen Herstellungskosten über Wissenschaftsbibliotheken hinaus auch an jeden interessierten Leser erfolgen. Eine DVD ersetzt Dutzende dicke Bände. Neben der bereits erwähnten besseren Kommentierbarkeit, kann man drittens zusätzlich die Faksimiles der Originale anbieten. Hier setzt nun auch ein wichtiger theoretischer Unterschied an: Die klassische Edition nimmt die vorhandenen Dokumente (Autographen, Drucke) und konstruiert nach klaren Kriterien einen Text. Die Dokumente selbst bleiben für den Rezipienten unzugänglich. Walter Gabler analysiert in “Das wissenschaftliche Edieren als Funktion der Dokumente” (2) dieses geänderte Verhältnis von Dokumenten zu Texten. Statt die Faksimiles nur als Illustration einzusetzen, solle man den Text aber auch konzeptuell aus ihnen ableiten:

“Operationalisiert für die Edition im elektronischen Medium folgt daraus: wir strukturieren die wissenschaftliche Ausgabe für die Zukunft so, dass wir in ihren Mittelpunkt und an den hierarchischen Scheitelpunkt ihrer relational verknüpften Diskurse die virtuelle Präsenz der Dokumente stellen. Von dort leiten wir edierte Texte ab, als je aktualisiertes Funktionspotential der Dokumente, und in dynamischer Rückbindung an sie.” (3)

Diese Forderung erschließt sich, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Originaldokument durch diverse Kontexte zahlreiche Bedeutungen hat, die über den Text hinausgehen. Das gilt nicht nur für die Art der Handschrift (z.B. sorgfältig geschrieben oder schnell hingekritzelt) oder mittelalterliche Codices (z.B. Text A nur auf Innendeckel des Textes B), sondern auch für gedruckte Materialien. “Die Fackel” ist hier ein ausgezeichnetes Beispiel, denn Karl Kraus legte größten Wert auf die druckgraphische Gestaltung der Hefte. Schriftgröße, Art der Hervorhebungen, Trennungssymbole und die Zahl der Spalten wären als Beispiele dafür nennen. Sogar um die unterschiedlichen Rottöne der einzelnen Ausgaben kümmerte Kraus sich persönlich. Auch abgedruckte Dokumente sind in der Fackel keine Seltenheit. Im Dezember 1915 findet sich unter der Überschrift “Die letzte Wahrheit über den Weltkrieg” die Todesanzeige des Landsturmannes Wilhelm Berdux der “Den Heldentod fürs Vaterland” erlitt. (4)

Die Bedeutung der Auswahl und die zeitgeschichtliche Relevanz der Fremd- und Eigenanzeigen auf den Umschlagseiten sind ohnehin evident. Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der digitalen Krausausgaben wird demnach sein, ob sie diesen semantischen Mehrwert auch transportieren. Weiters wird zu prüfen sein, ob die Kommentierungsmöglichkeiten des Mediums genutzt werden. Entscheidend für den Erfolg jeder Edition ist natürlich die Qualität des präsentierten Textes.

Es war die schlechte Textqualität, welche die erste elektronische Ausgabe der Fackel auf CD-ROM schnell in Verruf brachte. Andreas Weigel belegt das ausführlich in seinem kritischen Aufsatz über diese Edition. (5) Um verifizieren zu können, ob die neuen Ausgaben weniger Fehler aufweisen, greife ich im Folgenden auf einige seiner Beispiele zurück. So finden sich auf der CD-ROM zahlreiche Scanfehler, die nicht lektoriert wurden: “Zeltgefühl” statt “Zeitgefühl”; “erlordern” statt “erfordern” etc.

Für die Fackel im Internet ergeben diese und weitere Stichproben, dass sich die Akademie derartige Schlampereien erfreulicherweise nicht leistete. Auch die DVD verschont ihre Leser mit dieser peinlichen Fehlerkategorie. Die Digitalisierung beider Texte ist also mit großer Sorgfalt erfolgt.

Für die Fackel-Ausgabe im Internet gilt, dass alle Seiten der Fackel als Faksimile zur Verfügung stehen. Damit erhält man buchstäblich direkten Einblick in jedes Heft. Zusätzlich gibt es eine Textversion. Wechseln zwischen Text und “Original” ist ebenso möglich wie das parallele Anzeigen (links der Text, rechts das Bild). Damit sind auch wissenschaftliche Recherchen ausgezeichnet möglich. Sogar den unterschiedlichen Rottönen kann man problemlos nachgehen, da auch alle Umschläge als Foto vorhanden sind.

Auf diese Farben muss der Benutzer der DVD verzichten, hier sind die Faksimiles nur in Schwarzweiß abrufbar. Von dieser Einschränkung abgesehen, ist auch bei dieser Ausgabe die komplette Zeitschrift als Faksimile anzusehen. Die digitalisierte Ausgabe des Suhrkamp-Verlags erhält ebenfalls eine Auswahl aus der Fackel, allerdings ohne Faksimiles. Immerhin sind alle 529 Abbildungen der Bücher in digitaler Form enthalten.

Eine klassische Kommentierung gibt es bei keiner der drei Ausgaben. Damit lässt man eine der größten Vorzüge einer digitalen Edition ungenutzt. “Die Fackel” mit adäquaten Anmerkungen zu versehen, wäre allerdings eine gewaltige Arbeitsleistung. Wir haben hier also zwei Leseausgaben vor uns. Die Internetversion ist mit einigen begleitenden Texten versehen, “Paratexts” genannt. Seltsamerweise sind nicht nur die “Editoral Notes” auf Englisch, obwohl ein des Deutschen nicht mächtiger dieses Angebot ohnehin nicht nutzen kann. Deutlich großzügiger gibt sich die DVD-Ausgabe. Auch hier sucht man zwar einen Textkommentar vergeblich, allerdings werden knapp 450 Seiten bibliographische Informationen mitgeliefert. Es handelt sich dabei um ein von Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher erstelltes Verzeichnis, das jedes Heft kurz kommentiert (zum Teil auch inhaltlich, allerdings sehr knapp). (6) Der Band der Digitalen Bibliothek wartet nur mit den Anhängen zu den Buchausgaben auf (ohne Verlinkungen)nebst einem zweiseitigen Einführung von Christian Wagenknecht.

Als letztes Bewertungskriterium noch ein Blick auf die verwendete Technik. Die Navigation der Online-Fackel ist auf den ersten Blick ungewöhnlich (und führt unter Umständen zur Notwendigkeit des seitlichen Scrollens, wenn man beispielweise Ergebnisliste, Text und Faksimile neben einander hat). Man gewöhnt sich aber schnell daran und kann das Angebot bald effizient nutzen. Die DVD-Ausgabe der “Fackel” sowie die Suhrkamp-Ausgabe greifen auf die inzwischen sehr ausgereifte Software der “Digitalen Bibliothek” zurück (Version 4), die über komplexe Suchmöglichkeiten verfügt. Ein großer Vorteil gegenüber der Internetversion sind die Möglichkeiten, Textstellen mit Kommentaren zu versehen bzw. diese farblich hervorzuheben.

Es lässt sich das Fazit ziehen, dass alle drei elektronischen Ausgaben die wichtigste Aufgabe, den analogen Text weitgehend fehlerfrei in ein elektronisches Format zu bringen, sehr gut bewältigt haben. Dass zusätzlich bei beiden Fackelvarianten ein komplettes Faksimile zur Verfügung steht, ist sehr begrüßenswert. Allerdings lässt sich die von Gabler geforderte enge konzeptuelle Verknüpfung zwischen Faksimile und Text noch nicht einmal ansatzweise finden. Mangels Kommentierung handelt es sich bei allen drei Editionen um nützliche Leseausgaben bzw. zuverlässige Rechercheinstrumente. Besonders hervorzuheben ist selbstverständlich, dass nun eines der größten monomanischen Publizistikprojekte des letzten Jahrhunderts entweder gratis im Internet oder für bescheidene zwanzig Euro als DVD zur Verfügung steht. Bisher mussten sich Interessierte mühsam antiquarisch einen der Nachdrucke beschaffen.

Die Resonanz auf die Veröffentlichungen war entsprechend groß und ging nicht ohne gedankliche Kurzschlüsse ab. So wurde Karl Kraus mit Aplomb von der Bloggerszene als berühmter Ahne adoptiert. Nun mag es wenige Qualitätsblogs geben, die hohen sprachlichen und (medien)kritischen Anforderungen genügen. Kraus hätte sich aber schön bedankt, mit den hunderttausenden ebenso schlecht geschriebenen wie gedachten Elaboraten dieses Sprachkosmos in Verbindung gebracht zu werden.

(1) Im deutschsprachigen Raum ist das Forum Computerphilologie der wichtigste Anlaufpunkt.
Es gibt auch das “Jahrbuch für Computerphilologie” heraus.

(2) http://computerphilologie.tu-darmstadt.de/jg06/gabler.html

(3) Ebenda Absatz [17]

(4) Fackel Nr. 413-417 S. 86

(5) Andreas Weigel: “Brille ohne Gläser.” Mustergültig misslungene CD-ROM-Edition von Karl Kraus’ Zeitschrift “Die Fackel”.

(6) Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher in Zusammenarbeit mit Volker Kahmen (Hrsg.): Der ›Fackel‹-Lauf. Bibliographische Verzeichnisse: ›Die Fackel‹ als Verlagserzeugnis 1899-1936 – Verlag Jahoda & Siegel, Wien 1905-1935 – Zeitschriften, die sich an der ›Fackel‹ entzündeten: Vorbilder, Schmarotzer und Blätter aus dem Geist der ›Fackel‹. Ein Jahrhundertphänomen. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1999. (Beiheft 4 zum Marbacher Katalog 52). S. 11-111.

Veröffentlicht in Literatur und Kritik November 2007.

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Harold Bloom

The Western Canon The Books and School of the Ages. (Riverhead Books)

Bloom ist ein großer Kenner, wenn es um Klassiker geht. Seine von der Psychoanalyse inspirierten literaturtheoretischen Vorstellungen sind aber sehr fragwürdig. Man liest Bloom also am besten als Leser und als Polemiker, nicht als Literaturwissenschaftler. Polemiker deshalb, weil er an der postmodernen Umgestaltung der Literaturinstitute in den USA kein gutes Haar läßt, und sogar das Ende des substanziellen Literaturunterrichts in den USA ausruft.

The Western Canon ist deshalb als eine Art Nachruf auf den Kanon konzipiert. Der Anhang enthält eine umfangreiche Empfehlungsliste mit Klassikern der Weltliteratur. Im Zentrum des Kanons steht für Bloom Shakespeare, der als Bezugspunkt implizit und explizit immer präsent ist. Blooms Klassikerlektüre ist immer dann sehr interessant, wenn es um konkrete Beobachtungen und das Herstellen von Bezügen geht. Je mehr er in (s)eine Form des Interpretierens hineinrutscht, desto fragwürdiger werden die Kapitel. Meine Empfehlung wäre, diese Passagen einfach zu überblättern, und sich die Perlen aus den jeweiligen Kapiteln herauszusuchen.

Das Pathos, mit dem Bloom die Lektüre von Klassikern preist, ist mir naturgemäß nicht unsympathisch. Von den gängigen postmodernen Literaturtheorien halte ich genausowenig wie Bloom, was sich in meinem Essay Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie nachlesen läßt. Bei seiner Kanonauswahl dominieren, wenig überraschend, angelsächsische Klassiker. Insgesamt ein für Klassikerfreunde sehr anregendes Buch, wenn man Bloom nicht jede interpretatorische Eskapade durchgehen läßt.

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“Dorian Gray” unzensiert

Die Harvard University Press legt erstmals eine unzensierte Ausgabe von Oscar Wildes berühmten Klassiker vor. Der Guardian stellt das Buch in einer Rezension vor.

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Friedhelm Rathjen

James Joyce (rororo monographie)

Rathjens kleines Buch über Joyce ist der Nachfolger zur älteren Monographie des Jean Paris und ist qualitativ auch signifikant besser. Rathjen verfügt über die nur wenigen gegebene Fähigkeit, komplexe Literatur anschaulich und sachlich zu beschreiben. Er vermittelt etwa ausgezeichnet wie der Ulysses als Roman funktioniert. Die wichtigsten biographischen Stationen beschreibt Rathjen ebenso prägnant wie die Editionsgeschichte der Hauptwerke. Zahlreiche Fotos und eine nützliche kleine Bibliographie runden den Band ab.

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Wie man nicht über Klassiker schreibt

Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly scheinen ein seltsames Buch geschrieben zu haben: All Things Shining: Reading the Western Classics to Find Meaning in a Secular Age. Garry Wills, ein verläßlicher Leser, mag es in der neuen New York Review of Books gar nicht glauben, was er da vorgesetzt bekommt:

This book, which was featured on the front page of The New York Times Book Review, comes recommended by some famous Big Thinkers. It is written by well-regarded professors (one of them the chairman of the Harvard philosophy department). This made me rub my eyes with astonishment as I read the book itself, so inept and shallow is it.

Zahlreiche Beispiele bezeugen die Ahnungslosigkeit der Autoren:

“Augustine was the first important Christian to interpret Christianity using the categories of Greek philosophy.” Anyone who knows anything about either Augustine or Greek philosophy knows that this is nonsense. There were any number of important Christians who did this before Augustine—Clement of Alexandria, Origen, Basil of Caesarea, Gregory of Nazianzus, Gregory of Nyssa, Mallius Theodore, Marius Victorinus, Ambrose of Milan.3 These people were not only earlier than Augustine, they were acquainted with Greek philosophy more deeply and intimately than he was. They read and spoke Greek, and he did not.

It is hard to imagine how Dreyfus and Kelly could get sillier about Augustine, but they meet the challenge. They say that he invented the inner life of the mind. “Augustine had to get people to realize that they had an inner life.” How did he do this? By pointing out that Ambrose was seen reading the Bible silently. “Apparently, in Augustine’s time everyone read aloud.” This is a myth that Bernard Knox destroyed years ago.

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Thomas Mann in Erstausgaben

Der Sammler Hans-Peter Haack hat laut NZZ einen wunderschönen Bibliographischen Atlas vorgelegt, welcher die Erstausgaben der Werke Thomas Manns illustriert vorstellt. Mit 119 Euro aber leider kein Schnäppchen.

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Jean Paris

James Joyce. (rororo monographie) [2.]

Eine aktuelle rororo monographie über James Joyce gibt es nicht. [Siehe Kommentare unten!] Ich hatte in meiner Bibliothek noch die inzwischen vergriffene des Jean Paris stehen und las sie anläßlich meiner Zweitlektüre des Ulysses ebenfalls zum zweiten Mal. Eine Lektüre-Empfehlung kann ich allerdings nicht aussprechen. Zwar hat Jean Paris durchaus interessante Einsichten in Joyce’ Werke, etwa wenn er über das Menschenbild im Ulysses schreibt. Das Buch krankt aber nicht nur an einer zu geschwurbelten Sprache. Auch die teils wenig reflektiert aus der damaligen Forschungslandschaft referierten Deutungen (sechziger Jahre), sind eine mühsame Lektüre. Was das Biographische angeht, so erfährt man die wichtigsten Fakten aus dem Leben des James Joyce. Diese sind aber so in Paris’ Deutungssermon eingewoben, dass man sie erst zusammensuchen muss, wenn man sich in erster Linie dafür interessiert. Relativ ausführlich beschreibt der Autor die Publikationsprobleme. Über die Dubliners etwa:

Nicht nur behandelte Joyce Themen, die die viktorianische Zensur für tabu erklärt hatte: die Profanierung (The Sisters), die sexuelle Perversion (An Encounter), die Zuhälterei (Two Gallants), er wagte es auch, mit jeder Überlieferung zu brechen und lebende Personen bloßzustellen. Dabei trieb er die Frechheit soweit, ihren Namen, ihren Beruf, ja selbst ihren Wohnsitz mitzuteilen. [S. 79]

Lesen sollte diese rororo monographie nur, wer für hermeneutisches Geschwurbel viel Geduld aufbringt, oder wer einen Einblick bekommen will, wie sich die Nachkriegs-Literaturwissenschaft mit der literarischen Avantgarde auseinandersetzte.

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