Edition

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Die ersten Bände der neuen Robert-Musil-Ausgabe

Auf die neue Gesamtausgabe der Werke Musils wies ich bereits an anderer Stelle hin. Hier nur der kurze Hinweis, dass nun die ersten beiden dicken Bände erschienen sind. 38 Jahre nach der letzten Edition!

Mann ohne Eigenschaften 1: Erstes Buch, Kapitel 1-75

Mann ohne Eigenschaften 2: Erstes Buch, Kapitel 76-123

Vom großzügigen Satzspiegel her sicher die bisher best lesbare Buchausgabe dieses grandiosen Romans.

Die neue Robert-Musil-Ausgabe ab Herbst 2016

2009 erschien die im Wesentlichen von Walter Fanta erarbeitete Klagenfurter Musil-Gesamtausgabe. Sie hat aus Sicht der Leser allerdings einen maßgeblichen Schönheitsfehler: Es handelt sich um eine DVD. So erfreulich die Verfügbarkeit eines zuverlässigen Textes für die Literaturwissenschaft auch sein mag, eines der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts muss auch in Buchform verfügbar sein. Diesen Wunsch äußerte ich bereits 2010 in meiner Rezension der digitalen Ausgabe.

Nun ist es endlich soweit! Im Salzburger Jung und Jung Verlag erscheint ab dem Herbst 2016 eine zwölfbändige neue Leseausgabe. Nach meinen Recherchen veröffentliche ich diese Informationen hier exklusiv zum ersten Mal.

Der Editionsplan sieht folgendermaßen aus:

Band 1 – Der Mann ohne Eigenschaften 1 (Herbst 2016)
Band 2 – Der Mann ohne Eigenschaften 2 (Herbst 2016)
Band 3 – Der Mann ohne Eigenschaften 3 (Frühjahr 2017)
Band 4 – Der Mann ohne Eigenschaften 4 (Herbst 2017)
Band 5 – Der Mann ohne Eigenschaften 5 (Frühjahr 2018)
Band 6 – Der Mann ohne Eigenschaften 6 (Herbst 2018)
Band 7 – Selbstständige Veröffentlichungen (Frühjahr 2019)
Band 8 – Unselbstständige Veröffentlichungen 1 (Herbst 2019)
Band 9 – Unselbstständige Veröffentlichungen 2 (Frühjahr 2020)
Band 10 – Fragmente aus dem Nachlaß (Herbst 2020)
Band 11 – Tagebuchhefte (Herbst 2021)
Band 12 – Briefe von und an Robert Musil (Herbst 2022)

Ergänzt werden die Bücher durch zahlreiche Online-Informationen wie einer Konkordanz und einem Stellenkommentar.

Die Preise pro Band sind noch nicht bekannt.

Neue Thomas-Mann-Ausgabe als Taschenbuch

Viel war hier die Rede von der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA) der Werke Thomas Manns, die ich seit Beginn subskribierte. Wer etwas scrollen nicht scheut, kann das unter dem Schlagwort Thomas Mann nachlesen. Deshalb darf nun die Nachricht nicht fehlen, dass S. Fischer die teuren Bände nun auch als Taschenbuch bringt. Aber Achtung: Als Taschenbücher erscheinen nur die unkommentierten Texte der GKFA. Details sind im aktuellen Fischer Klassik Prospekt zu finden, den es auch als PDF zum Lesen gibt.

Arthur Schnitzler historisch-kritisch

Eine historisch-kritische Ausgabe ist eine Art Aufnahme in den Autoren-Adelsstand durch die Germanistik. Für die Forschung sind die Apparate dieser Editionen nach wie vor sehr wichtig. Nun gelangt also Arthur Schnitzler in diesen Editionshimmel. Der erste Band ist Lieutenant Gustl. Eine Besprechung liefert die NZZ.

Karl Kraus digital – Drei neue Editionen

Im letzten halben Jahr schien der Literaturbetrieb alle Versäumnisse bezüglich des editorisch stiefmütterlich behandelten Karl Kraus auf einmal nachholen zu wollen: Drei neue Editionen sind zu vermelden. Den Auftakt machte die Österreichische Akademie der Wissenschaften, indem sie sämtliche 922 Nummern der „Fackel“ für alle zugänglich ins Internet stellte. Wer lieber offline in dieser Fundgrube der scharfen Polemik schmökert, dem steht die im Frühjahr bei Zweitausendeins erschienene DVD zur Verfügung. Sollte trotz dieser gewaltigen Textmasse noch zusätzlicher Bedarf an Spitzzüngigkeiten gegeben sein, dem kann die Anfang Mai erschienene Werkausgabe in der Digitalen Bibliothek abhelfen, die auf den zwanzig bei Suhrkamp erschienenen Bänden basiert. Diese Publikationsflut verdankt sich nun nicht einem plötzlich exponentiell angestiegenen Interesse an Karl Kraus, sondern dem Urheberrecht: Seit dem 1. Januar 2007 sind dessen Werke „gemeinfrei“.

Die mannigfaltigen Möglichkeiten der neuen Medien rückt die altehrwürdige Disziplin der Editionswissenschaft in den Mittelpunkt einer ebenso spannenden wie kontroversen Diskussion. Jahrzehntelang erstellte man aufwändige historisch-kritische Ausgaben, um die Texte der Klassiker den Philologen variantenreich zur Verfügung zu stellen. Von diesen für den normalen Leser unerschwinglichen und unverständlichen Ausgaben ausgehend, erstellte man dann Studien- und Leseeditionen. Dies ging zwar nicht ohne heftige Kontroversen ab (welcher „Apparat“ etwa der beste sei), doch steckte die Form der Edition, nämlich gedruckte Bücher, die Grenzen des Machbaren ab.

Diese Situation änderte sich grundlegend als Personalcomputer omnipräsent wurden und mit der CD-ROM ein neues Trägermedium für Texte zur Verfügung stand. Ein passendes Beispiel wäre die 2003 bei K.G. Saur erschienene „Fackel“ auf CD-ROM. Gleichzeitig wurde dank des World Wide Webs auch der Hypertext populär. Ein Klick auf ein Wort führt zu einem anderen Text, was nicht nur sehr bequem ist, sondern auch die Kommentierungstechniken nachhaltig veränderte. Parallel dazu gab es auch innerhalb der Editorenzunft umstrittene Neuerungen. Faksimile-Ausgaben wie die Frankfurter Kafka Ausgabe (FKA) versetzen konservative Editoren in Rage: Basisdemokratischer Zugriff auf die „Originale“ könne einen nach allen Regeln der Kunst erstellten Text nicht ersetzen.

Mit der Computerphilologie beschäftigt sich ein eigenes Fach mit Theorie und Praxis elektronischer Editionen. (1)

Die konkreten Vorteile einer digitalen Edition sind schnell aufgezählt: Es gibt erstens keine Platzbeschränkung. Die am Klagenfurter Musil-Institut entstehende elektronische Gesamtausgabe wäre wegen des exorbitanten Nachlassmaterials in Buchform nicht finanzierbar. Die Verbreitung kann zweitens aufgrund der günstigen Herstellungskosten über Wissenschaftsbibliotheken hinaus auch an jeden interessierten Leser erfolgen. Eine DVD ersetzt Dutzende dicke Bände. Neben der bereits erwähnten besseren Kommentierbarkeit, kann man drittens zusätzlich die Faksimiles der Originale anbieten. Hier setzt nun auch ein wichtiger theoretischer Unterschied an: Die klassische Edition nimmt die vorhandenen Dokumente (Autographen, Drucke) und konstruiert nach klaren Kriterien einen Text. Die Dokumente selbst bleiben für den Rezipienten unzugänglich. Walter Gabler analysiert in „Das wissenschaftliche Edieren als Funktion der Dokumente“ (2) dieses geänderte Verhältnis von Dokumenten zu Texten. Statt die Faksimiles nur als Illustration einzusetzen, solle man den Text aber auch konzeptuell aus ihnen ableiten:

„Operationalisiert für die Edition im elektronischen Medium folgt daraus: wir strukturieren die wissenschaftliche Ausgabe für die Zukunft so, dass wir in ihren Mittelpunkt und an den hierarchischen Scheitelpunkt ihrer relational verknüpften Diskurse die virtuelle Präsenz der Dokumente stellen. Von dort leiten wir edierte Texte ab, als je aktualisiertes Funktionspotential der Dokumente, und in dynamischer Rückbindung an sie.“ (3)

Diese Forderung erschließt sich, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Originaldokument durch diverse Kontexte zahlreiche Bedeutungen hat, die über den Text hinausgehen. Das gilt nicht nur für die Art der Handschrift (z.B. sorgfältig geschrieben oder schnell hingekritzelt) oder mittelalterliche Codices (z.B. Text A nur auf Innendeckel des Textes B), sondern auch für gedruckte Materialien. „Die Fackel“ ist hier ein ausgezeichnetes Beispiel, denn Karl Kraus legte größten Wert auf die druckgraphische Gestaltung der Hefte. Schriftgröße, Art der Hervorhebungen, Trennungssymbole und die Zahl der Spalten wären als Beispiele dafür nennen. Sogar um die unterschiedlichen Rottöne der einzelnen Ausgaben kümmerte Kraus sich persönlich. Auch abgedruckte Dokumente sind in der Fackel keine Seltenheit. Im Dezember 1915 findet sich unter der Überschrift „Die letzte Wahrheit über den Weltkrieg“ die Todesanzeige des Landsturmannes Wilhelm Berdux der „Den Heldentod fürs Vaterland“ erlitt. (4)

Die Bedeutung der Auswahl und die zeitgeschichtliche Relevanz der Fremd- und Eigenanzeigen auf den Umschlagseiten sind ohnehin evident. Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der digitalen Krausausgaben wird demnach sein, ob sie diesen semantischen Mehrwert auch transportieren. Weiters wird zu prüfen sein, ob die Kommentierungsmöglichkeiten des Mediums genutzt werden. Entscheidend für den Erfolg jeder Edition ist natürlich die Qualität des präsentierten Textes.

Es war die schlechte Textqualität, welche die erste elektronische Ausgabe der Fackel auf CD-ROM schnell in Verruf brachte. Andreas Weigel belegt das ausführlich in seinem kritischen Aufsatz über diese Edition. (5) Um verifizieren zu können, ob die neuen Ausgaben weniger Fehler aufweisen, greife ich im Folgenden auf einige seiner Beispiele zurück. So finden sich auf der CD-ROM zahlreiche Scanfehler, die nicht lektoriert wurden: „Zeltgefühl“ statt „Zeitgefühl“; „erlordern“ statt „erfordern“ etc.

Für die Fackel im Internet ergeben diese und weitere Stichproben, dass sich die Akademie derartige Schlampereien erfreulicherweise nicht leistete. Auch die DVD verschont ihre Leser mit dieser peinlichen Fehlerkategorie. Die Digitalisierung beider Texte ist also mit großer Sorgfalt erfolgt.

Für die Fackel-Ausgabe im Internet gilt, dass alle Seiten der Fackel als Faksimile zur Verfügung stehen. Damit erhält man buchstäblich direkten Einblick in jedes Heft. Zusätzlich gibt es eine Textversion. Wechseln zwischen Text und „Original“ ist ebenso möglich wie das parallele Anzeigen (links der Text, rechts das Bild). Damit sind auch wissenschaftliche Recherchen ausgezeichnet möglich. Sogar den unterschiedlichen Rottönen kann man problemlos nachgehen, da auch alle Umschläge als Foto vorhanden sind.

Auf diese Farben muss der Benutzer der DVD verzichten, hier sind die Faksimiles nur in Schwarzweiß abrufbar. Von dieser Einschränkung abgesehen, ist auch bei dieser Ausgabe die komplette Zeitschrift als Faksimile anzusehen. Die digitalisierte Ausgabe des Suhrkamp-Verlags erhält ebenfalls eine Auswahl aus der Fackel, allerdings ohne Faksimiles. Immerhin sind alle 529 Abbildungen der Bücher in digitaler Form enthalten.

Eine klassische Kommentierung gibt es bei keiner der drei Ausgaben. Damit lässt man eine der größten Vorzüge einer digitalen Edition ungenutzt. „Die Fackel“ mit adäquaten Anmerkungen zu versehen, wäre allerdings eine gewaltige Arbeitsleistung. Wir haben hier also zwei Leseausgaben vor uns. Die Internetversion ist mit einigen begleitenden Texten versehen, „Paratexts“ genannt. Seltsamerweise sind nicht nur die „Editoral Notes“ auf Englisch, obwohl ein des Deutschen nicht mächtiger dieses Angebot ohnehin nicht nutzen kann. Deutlich großzügiger gibt sich die DVD-Ausgabe. Auch hier sucht man zwar einen Textkommentar vergeblich, allerdings werden knapp 450 Seiten bibliographische Informationen mitgeliefert. Es handelt sich dabei um ein von Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher erstelltes Verzeichnis, das jedes Heft kurz kommentiert (zum Teil auch inhaltlich, allerdings sehr knapp). (6) Der Band der Digitalen Bibliothek wartet nur mit den Anhängen zu den Buchausgaben auf (ohne Verlinkungen)nebst einem zweiseitigen Einführung von Christian Wagenknecht.

Als letztes Bewertungskriterium noch ein Blick auf die verwendete Technik. Die Navigation der Online-Fackel ist auf den ersten Blick ungewöhnlich (und führt unter Umständen zur Notwendigkeit des seitlichen Scrollens, wenn man beispielweise Ergebnisliste, Text und Faksimile neben einander hat). Man gewöhnt sich aber schnell daran und kann das Angebot bald effizient nutzen. Die DVD-Ausgabe der „Fackel“ sowie die Suhrkamp-Ausgabe greifen auf die inzwischen sehr ausgereifte Software der „Digitalen Bibliothek“ zurück (Version 4), die über komplexe Suchmöglichkeiten verfügt. Ein großer Vorteil gegenüber der Internetversion sind die Möglichkeiten, Textstellen mit Kommentaren zu versehen bzw. diese farblich hervorzuheben.

Es lässt sich das Fazit ziehen, dass alle drei elektronischen Ausgaben die wichtigste Aufgabe, den analogen Text weitgehend fehlerfrei in ein elektronisches Format zu bringen, sehr gut bewältigt haben. Dass zusätzlich bei beiden Fackelvarianten ein komplettes Faksimile zur Verfügung steht, ist sehr begrüßenswert. Allerdings lässt sich die von Gabler geforderte enge konzeptuelle Verknüpfung zwischen Faksimile und Text noch nicht einmal ansatzweise finden. Mangels Kommentierung handelt es sich bei allen drei Editionen um nützliche Leseausgaben bzw. zuverlässige Rechercheinstrumente. Besonders hervorzuheben ist selbstverständlich, dass nun eines der größten monomanischen Publizistikprojekte des letzten Jahrhunderts entweder gratis im Internet oder für bescheidene zwanzig Euro als DVD zur Verfügung steht. Bisher mussten sich Interessierte mühsam antiquarisch einen der Nachdrucke beschaffen.

Die Resonanz auf die Veröffentlichungen war entsprechend groß und ging nicht ohne gedankliche Kurzschlüsse ab. So wurde Karl Kraus mit Aplomb von der Bloggerszene als berühmter Ahne adoptiert. Nun mag es wenige Qualitätsblogs geben, die hohen sprachlichen und (medien)kritischen Anforderungen genügen. Kraus hätte sich aber schön bedankt, mit den hunderttausenden ebenso schlecht geschriebenen wie gedachten Elaboraten dieses Sprachkosmos in Verbindung gebracht zu werden.

(1) Im deutschsprachigen Raum ist das Forum Computerphilologie der wichtigste Anlaufpunkt.
Es gibt auch das „Jahrbuch für Computerphilologie“ heraus.

(2) http://computerphilologie.tu-darmstadt.de/jg06/gabler.html

(3) Ebenda Absatz [17]

(4) Fackel Nr. 413-417 S. 86

(5) Andreas Weigel: „Brille ohne Gläser.“ Mustergültig misslungene CD-ROM-Edition von Karl Kraus‘ Zeitschrift „Die Fackel“.

(6) Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher in Zusammenarbeit mit Volker Kahmen (Hrsg.): Der ›Fackel‹-Lauf. Bibliographische Verzeichnisse: ›Die Fackel‹ als Verlagserzeugnis 1899-1936 – Verlag Jahoda & Siegel, Wien 1905-1935 – Zeitschriften, die sich an der ›Fackel‹ entzündeten: Vorbilder, Schmarotzer und Blätter aus dem Geist der ›Fackel‹. Ein Jahrhundertphänomen. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1999. (Beiheft 4 zum Marbacher Katalog 52). S. 11-111.

Veröffentlicht in Literatur und Kritik November 2007.

Robert Musil – Die Edition für das 21. Jahrhundert

Unter den Autoren der Moderne zählt Robert Musil zu den größten editorischen Herausforderungen. Die jahrzehntelange Arbeit am unvollendeten Mann ohne Eigenschaften hinterließ ein gewaltiges Manuskriptkonvolut. Als wären viele tausend Blätter an Entwürfen nicht genug, muss man noch diverse Bearbeitungsstufen berücksichtigen – die Kapitelentwürfe sind nur die Spitze des Eisbergs. Zusätzlich gibt es Korrekturen, spätere ergänzende Notizblätter zu diesen Entwürfen und Musils Kommentare zu seinen Kommentaren.

Früher hätten es Germanisten mit einer historisch-kritischen Rekonstruktion versucht, die dann mit den anderen Klassiker-Ausgaben in den Bibliotheken der Germanistik-Institute verstaubt wäre. Das Klagenfurter Robert-Musil-Institut entschied sich für den moderneren Weg einer digitalen Edition. Bereits 1992 gab es einen ersten Anlauf auf CD-ROM, der sich allerdings aufgrund des hohen Preises und den schnell veralteten technischen Voraussetzungen nicht durchsetzen konnte.
Die Herausgeber sehen die neuen elektronischen Möglichkeiten als unverzichtbar für die zukünftige Editionswissenschaft an:

Das Medium Buch bringt diese Beziehungen in einfache (oder vereinfachte) lineare Relationen, womit dem Inhalt oft Gewalt angetan wird. Verweissysteme, die in Büchern verwendet werden, haben etwas von Notlösungen an sich und bilden komplexe Relationen immer nur unvollständig und unvollkommen ab. Erst in elektronischen Editionen können komplexe Relationen in Texten und zwischen Texten identisch, gleichsam synchron abgebildet werden.

Unterschieden werden für diese Ausgabe fünf Relationstypen: Verweise zwischen den Texten Musils, Verweise auf Visuelles (Faksimiles), Verweise auf andere Texte, Verweise auf den Kontext und Verweise auf Metainformationen aller Art. Die Kombination dieser Bezüge sowie die globale Suchfunktion macht die ungewöhnliche Reichhaltigkeit dieser Edition aus.

Sie enthält eine komplette Leseausgabe in 20 Bänden, die neben den literarischen Werken auch die Reden, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die Tagebuchhefte und die Korrespondenz umfasst.
Zum Lesetext gibt es einen Stellenkommentar, der sich auf Personennamen, Werktitel, Orte usw. beschränkt, und damit wichtige Fakten zum Kontext bietet, ohne die Grenze zur Interpretation zu überschreiten. Manchmal wird auch das historische oder biographische Umfeld zur Erläuterung herangezogen. Selbstverständlich fehlen ebenfalls umfangreiche Erläuterungen zur Ausgabe und deren Vorgeschichte nicht.

Zusätzlich enthält die DVD den gesamten digitalisierten Nachlass. Dabei handelt es sich um 56 Mappen in acht Gruppen. Es wurden alle Blätter als Faksimiles integriert und jedes Blatt wurde sorgfältig transkribiert. Damit schließt die Ausgabe an die unter Editionsphilologen in den letzten Jahren breit diskutierte Praxis an, die Manuskripte selbst zu publizieren – man denke etwa an die Frankfurter Kafka-Ausgabe des Stroemfeld Verlags. Erstmals hat damit die an Musil interessierte Leserschaft die Gelegenheit, sich selbst ein Bild über die Nachlass-Situation zu verschaffen. Zumal die Klagenfurter Ausgabe mit 149 Euro wohlfeil zu haben ist.
Man kann die Nachlass-Mappen in Ruhe zu Hause am Computer durchblättern, anstatt sich in der Wiener Nationalbibliothek um die entsprechende Genehmigung bemühen zu müssen. Druckte man das gesamte enthaltende Material wären dafür etwa 50.000 Seiten notwendig.

Walter Fanta war als Projektleiter der Kopf hinter der Klagenfurter Ausgabe. Er verbrachte unzählige Stunden mit dem Nachlass in der Nationalbibliothek und legte bereits eine Reihe von zum Teil sehr umfangreichen Publikationen zum Thema vor.

Die Editionsgeschichte geht fast bis zum Tode Musils zurück. Seine Gattin Martha Musil gab bereits 1943 einen dritten Band des Mann ohne Eigenschaften heraus mit ausgewählten Kapiteln des Nachlasses. Ganze tausend Exemplare wurden von dem Buch gedruckt. Knapp zehn Jahre danach nahm sich Adolf Frisé der Publikationsfrage an und prägte dann über Jahrzehnte hinweg die Edition der Musilschen Werke. 1952 erschien im Rowohlt Verlag die erste von ihm zusammengestellte Ausgabe des großen Romans. Die nachgelassenen Kapitel wurden dabei als quasi „natürliche“ Fortsetzung der veröffentlichten Teile verstanden. Die oben beschriebene Komplexität des Materials wurde von Frisé erst viel später erkannt. Die Bedeutung dieser Buchveröffentlichung lag denn vor allem darin, Musils Hauptwerk vor dem Vergessen zu bewahren.

Frisés Ziel war es, eine umfassende Ausgabe der Werke bei Rowohlt zu veröffentlichen. Ihm gelang dies schließlich in den Jahren 1976-1981. Diese Texte prägen bis heute maßgeblich die Musil-Rezeption, sind sie doch die einzigen gedruckten Editionen auf dem Buchmarkt. Im Beiheft der Klagenfurter Ausgabe wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese zweite Edition des Mann ohne Eigenschaften durch Frisé die textphilologischen Fehler seines ersten Versuches vermeidet. Durch den nicht erläuterten Status der entgegen der Chronologie angeordneten Nachlasstexte, sei aber der Ruf des Romans entstanden, niemand hätte ihn je zu Ende gelesen.

Deshalb entschied man sich jetzt bei der neuen Leseausgabe des Romans für eine Aufteilung in vier Bände. Während die ersten beiden Teile die autorisierte Druckfassung wiedergeben, konzentriert sich der dritte auf die Fortsetzung des Romans. Die zahlreichen Vorstufen, welche die Lesbarkeit der bisherigen Ausgaben so erschwerten, wurden in einen vierten Band ausgelagert.

Die Langwierigkeit eines solches Editionsprojekt bringt es mit sich, dass Entscheidungen für eine bestimmte Software unabsehbare Konsequenzen haben. Die Herausgeber entschieden sich für Folio Views, das die besten Verknüpfungsmöglichkeiten und die besten Suchfunktionen biete. Die Benutzerführung ist praktikabel und die Verweise funktionieren so, wie man das aus dem Web gewohnt ist. Die Oberfläche wirkt aber im Vergleich zu aktueller Software etwas antiquiert. Dürfte man einen Wunsch äußern, so wäre dies die Exportmöglichkeit in ein Format, das kompatibel mit Ebook-Lesegeräten ist (ePub oder PDF). Dann könnte man sich die Bände der Leseausgabe auf eines der neuen Geräte laden, die ein einigermaßen bequemes elektronisches Lesen erlauben.

Ab und an findet man kleine Fehler. So stößt man etwa in Über die Dummheit auf Seite 8 auf eine fehlerhafte Verlinkung. Aber die Herausgeber kündigen ein Update für Februar 2011 an, wo nicht nur derartige Kleinigkeiten behoben werden, sondern auch die Kommentar- und Hyperlinkstruktur ergänzt werden wird.

Trotz der Entwicklung hin zum elektronischen Lesen, bleibt für Musil-Freunde das wichtigste Desiderat: Die druckfertige elektronische Leseausgabe sollte von Rowohlt so schnell wie möglich in eine gute Buchausgabe verwandelt werden. Robert Musil war angesichts seines Ranges in den letzten Jahren viel zu wenig auf dem Buchmarkt präsent.

Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften. Herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt: Robert Musil-Institut der Universität Klagenfurt. DVD-Version 2009

Informationen und Bestellmöglichkeit:

Musil-Edition

[Literatur und Kritik September 2010]

Christoph Martin Wieland historisch-kritisch

Mark-Georg Dehrmann setzt sich in einem Artikel für Literaturkritik.de ausführlich mit der historisch-kritischen Wieland-Ausgabe auseinander.

Buchgeschichte: Kleist-Ausgaben

Auch ein Beitrag zur Buchhandelsgeschichte: Doris Fouquet-Plümacher untersucht einen wenig beachteten Aspekt der bürgerlichen Klassikerrezeption, die sogenannten Klassiker-, Lese- oder Volksausgaben, dargestellt am Beispiel von Heinrich von Kleist.

Mehr im Boersenblatt.

Hölderlin Ausgabe

Bei 2001 gibt es die 12 Bände der Hölderlin Ausgabe von Dietrich E. Sattler mit knapp 3000 Seiten jetzt für 69 statt 144 Euro. Nur virtuell erhältlich.

Goethe: Münchner Ausgabe

Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe

Vor kurzem sah ich, dass es meine Lieblingsausgabe von Goethe seit einiger Zeit bereits als vergleichsweise günstige Sonderausgabe gibt. Die Stärke dieser Ausgabe liegt in der chronologischen Anordnung der Werke, so dass man auf einen Blick sehen kann, was Goethe etwa zur Zeit der Französischen Revolution geschrieben hat. Hinzukommt ein exzellenter, jargonfreier Kommentar. Die sehr schönen Bände der gebundenen Ausgabe gibt es auch einzeln zu kaufen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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