Literaturwissenschaft

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Ein Klassiker wird besichtigt

Erschienen in „Literatur und Kritik“ September 2017

Robert Musil – eine neue Gesamtausgabe und ein neues Handbuch

Robert Musil zählt nicht zu den meist gelesenen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Auch für Verleger gab es immer schon lukrativere Autoren. Während Thomas Mann oder Thomas Bernhard aufwändig gemachte Werkausgaben bekamen, mussten wir Freunde des Mann ohne Eigenschaften uns lange mit jahrzehntealten Ausgaben begnügen. Die letzte Gesamtausgabe erschien 1978 und wurde seitdem immer wieder editorisch kritisiert. Wir nahmen die mangelnde Lesefreundlichkeit ebenso hin, wie die für Leser sehr verwirrende Anordnung des Nachlasses. Zwar gibt es für die Literaturwissenschaft seit 2009 die mit viel editorischem Sachverstand neu herausgegebene digitale Klagenfurter Ausgabe. Doch dieser neue Textstand wurde bis jetzt nicht gedruckt.

Dank des Jung & Jung Verlags hat sich diese Situation nun grundlegend geändert. Seit Herbst 2016 erscheint dort eine auf dem wissenschaftlich abgesichertem Klagenfurter Text eine neue Edition in Buchform. Sie ist auf zwölf Bände angelegt, wobei angesichts des riesigen Textkonvoluts zu erwarten ist, dass sich die Briefe nicht in einem einzigen Band unterbringen lassen werden. Bis jetzt sind die ersten drei Bücher erschienen, die sich alle, wie auch noch die nächsten, ausschließlich dem „Mann ohne Eigenschaften“ widmen. Rowohlt war für dieses Prestigeprojekt übrigens nicht zu gewinnen, und ließ damit einen seiner wichtigsten Klassiker im Stich. Auch andere bekannte Verlage zierten sich. Mit Jochen Jung hat das Projekt erfreulicherweise einen der engagiertesten deutschsprachigen Verleger auf seiner Seite.

Die Salzburger Ausgabe ist als „Hybridausgabe“ angelegt. Begleitend zur Buchausgabe steht unter musilonline.at eine digitale Anlaufstelle zu Verfügung. Dort wird man nicht nur den kompletten Text finden, sondern auch Entwürfe und Faksimiles der ca. zehntausend Manuskripte aus dem Nachlass. Letztere werden als Bilddateien allen Interessierten zur Verfügung stehen. Geplant ist auch eine neue Form des Kommentars, der sowohl vom Umfang als auch von der Art der Präsentation her viel mehr Möglichkeiten als ein gedruckter Kommentarband bietet. Beispielsweise ist ein interaktives Wiki angedacht.

Für die ambitionierte Musil-Leserin ist fast gleichzeitig mit der neuen Salzburger Ausgabe ein umfangreiches Musil-Handbuch erschienen. Auf über tausend Seiten dokumentiert die Musil-Forschung darin ihre bisherigen Ergebnisse. Die Herausgeber Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf entschieden sich für die Umsetzung eines ungewöhnlich innovativen Ansatzes. Während sich die meisten vergleichbaren Nachschlagewerke auf Leben, Werk und Wirkung konzentrieren, legt das Musil-Handbuch einen überproportionalen Fokus auf den Kontext. Zu erwartende Informationen über die Zeitgeschichte oder die Moderne sind ausführlich vertreten. Artikel über Natur- und Technik/Ingenieurwissenschaften oder Mathematik, Logik, Geometrie, Wahrscheinlichkeitstheorie sind ebenso enthalten wie beispielsweise einer über Kriminologie und Rechtswissenschaft. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Diese Entscheidung der Herausgeber ist aus mehreren Gründen sehr erfreulich. Einerseits spiegelt die Vielfalt der abgehandelten Themengebiete den einzigartigen geistigen Kosmos der Werke Musils wider, speziell des „Mann ohne Eigenschaften“. Dieser Roman ist eine beeindruckende geistige Bestandaufnahme des frühen 20. Jahrhunderts, weshalb er ohne die Handbuch-Beiträge über Stadt, Krieg oder Mode nicht zu verstehen wäre. Aber auch die Essays behandeln eine ungewöhnlich große Vielfalt an Themen.
Andererseits scheut man sich vor Grenzüberschreitungen zurück. Die Musil-Forschung selbst kann ja unmöglich ein so weites Themenspektrum abdecken, weshalb man diverse Fachleute zur Mitarbeit ersuchte, die wiederum keine Musilexperten sind. Das ergibt oft frische Perspektiven auf den Autor. Hervorzuheben ist auch, dass die Autoren am Ende eines Artikels etwaige Forschungslücken thematisieren. Diese Fülle an Forschungswünschen wird noch viele Generationen von Nachwuchs-Germanisten mit literaturwissenschaftlichen Arbeitsvorschlägen versorgen.

Ein gutes Beispiel für diese methodische Offenheit ist Werner Michlers Artikel über Biologie/Tiere. Damit kommt mit den Animal Studies ein neuer interdisziplinärer Ansatz zu Wort. Der Interessierte erfährt nicht nur viel Konkretes über Musils biologisches Weltbild und seine „darwinistischen“ Lektüren, sondern erhält gleichzeitig einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven, welche das Thema aufwirft. Zusätzlich zu den bei Musil nachweisbaren klassischen literarischen Verwendungsarten von Tieren, die wie in Fabeln zur ethischen Reflexion anregen, setzt Musil Tiere auch immer wieder zur metaphorischen Figurencharakterisierung ein.

Das Handbuch räumt auch mit einer Reihe von Klischees auf, die sich teilweise bis heute halten. Ein Beispiel ist die Mär von Musil als unpolitischem Schriftsteller. Klaus Amann arbeitet in seinem Beitrag „Politik und Ideologie“ prägnant heraus, dass es sich dabei um ein großes Missverständnis handelt. Die Ursache desselben liegt im Kern darin, dass Musil den Begriff „unpolitisch“ in ästhetischen Zusammenhängen synonym mit „autonom“ verwendet. Tatsächlich spricht er sich literaturtheoretisch für eine Trennung von Politik und Literatur aus: „Schlechte Kunst wird durch gute Tendenz nicht besser“, schreibt er einmal in sein Tagebuch. Übersehen wird dabei, dass seine Autonomie und analytische Distanz zu den Ideologien aller Couleur ebenso eine dezidierte politische Haltung ist, wie sein anthropologisches Theorem der menschlichen Gestaltlosigkeit, mit dessen Hilfe er das weite Spektrum der menschlichen Verhaltensmuster von der Barbarei zur Philanthropie zu beschreiben versucht. Gerade in unserer Zeit, in der unterschiedliche Lager wieder virtuell und real in gegenseitigem Hass schwelgen, wirkt Musils Forderung nach geistiger Unabhängigkeit und klarer Analyse als ein sehr modernes politisches Statement.

Robert Musil: Gesamtausgabe in 12 Bänden. Herausgegeben von Walter Fanta. (Jung und Jung)

Birgit Nübel / Norbert Christian Wolf (Herausgeber): Robert-Musil-Handbuch (De Gruyter)

Die ersten Bände der neuen Robert-Musil-Ausgabe

Auf die neue Gesamtausgabe der Werke Musils wies ich bereits an anderer Stelle hin. Hier nur der kurze Hinweis, dass nun die ersten beiden dicken Bände erschienen sind. 38 Jahre nach der letzten Edition!

Mann ohne Eigenschaften 1: Erstes Buch, Kapitel 1-75

Mann ohne Eigenschaften 2: Erstes Buch, Kapitel 76-123

Vom großzügigen Satzspiegel her sicher die bisher best lesbare Buchausgabe dieses grandiosen Romans.

Die neue Robert-Musil-Ausgabe ab Herbst 2016

2009 erschien die im Wesentlichen von Walter Fanta erarbeitete Klagenfurter Musil-Gesamtausgabe. Sie hat aus Sicht der Leser allerdings einen maßgeblichen Schönheitsfehler: Es handelt sich um eine DVD. So erfreulich die Verfügbarkeit eines zuverlässigen Textes für die Literaturwissenschaft auch sein mag, eines der wichtigsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts muss auch in Buchform verfügbar sein. Diesen Wunsch äußerte ich bereits 2010 in meiner Rezension der digitalen Ausgabe.

Nun ist es endlich soweit! Im Salzburger Jung und Jung Verlag erscheint ab dem Herbst 2016 eine zwölfbändige neue Leseausgabe. Nach meinen Recherchen veröffentliche ich diese Informationen hier exklusiv zum ersten Mal.

Der Editionsplan sieht folgendermaßen aus:

Band 1 – Der Mann ohne Eigenschaften 1 (Herbst 2016)
Band 2 – Der Mann ohne Eigenschaften 2 (Herbst 2016)
Band 3 – Der Mann ohne Eigenschaften 3 (Frühjahr 2017)
Band 4 – Der Mann ohne Eigenschaften 4 (Herbst 2017)
Band 5 – Der Mann ohne Eigenschaften 5 (Frühjahr 2018)
Band 6 – Der Mann ohne Eigenschaften 6 (Herbst 2018)
Band 7 – Selbstständige Veröffentlichungen (Frühjahr 2019)
Band 8 – Unselbstständige Veröffentlichungen 1 (Herbst 2019)
Band 9 – Unselbstständige Veröffentlichungen 2 (Frühjahr 2020)
Band 10 – Fragmente aus dem Nachlaß (Herbst 2020)
Band 11 – Tagebuchhefte (Herbst 2021)
Band 12 – Briefe von und an Robert Musil (Herbst 2022)

Ergänzt werden die Bücher durch zahlreiche Online-Informationen wie einer Konkordanz und einem Stellenkommentar.

Die Preise pro Band sind noch nicht bekannt.

Dichter beschimpfen Dichter

Wessen Interesse an der Weltliteratur sich auch auf deren Autoren erstreckt, wird schnell konstatieren: Es gab schon immer viel Neid und Bosheit im Literaturbetrieb. Wer das bezweifelt, kann sich in der inzwischen zehn Jahre alten Anthologie Dichter beschimpfen Dichter ein beeindruckendes Bild machen. Jörg Drews war beim Zusammensuchen der Zitate federführend. Angeordnet sind sie nach Autorennamen, unter Goethe findet man also alle Beschimpfungen über Goethe. Ab und zu findet man eine weitere Untergliederung nach Werken.

Einige Beispiele:

Die Bachmann is a arrogante Gurkn.
– H.C. Artmann

Seine Eloquenz ist lendenlahm und brüchig.
– Brutus über Cicero

Langweilige Limonade.
– Döblin über Hesse

Prosa wie aus einem oberbayerischen Landratsamt. Brei auf Stelzen.
– Deschner über Jünger

Bei Goethe ist der Roman keine Kunstform, sondern eine Rumpelkiste: gewaltsam aneinander gepappte, divergente Handlungsfragmente, hineingestreute übel an den Hauptfaden verknüpfte Novellen, Aphorismen, einander widersprechende Erziehungsmaximen, allgemeine Waidsprüchlein (totsicher den ungeeignetsten Personen in den Mund gelegt: was läßt er zum Beispiel Ottilie für onkelhaft weltkundige „Gedankensplitter“ in ihr Tagebuch schreiben! – vom fragwürdigen Wert mancher Bemerkungen noch ganz zu schweigen!).
– Arno Schmidt

Kurz: Eine sehr vergnügliche Lektüre!

Jörg Drews (Hrsg.): Dichter beschimpfen Dichter. Ein Alphabet harter Urteile (Haffmans)

Bill Bryson: Shakespeare. The World as Stage

Über kaum einen Autor wurde mehr geschrieben als über Shakespeare. Egal wie esoterisch das Thema: Man findet gleich mehrere Bücher dazu. Angesichts dieser Flut an Sekundärliteratur ist nichts schwieriger als eine gute Einführung zu schreiben. Genau das gelingt Bill Bryson in diesem schmalen Büchlein. Er neigt weder zur Hagiographie noch zur übertriebenen Originalitätssucht – bekanntlich zwei sehr populäre Verfehlungen unter Shakespeare-Autoren. Ihm gelingt es im Gegenteil gerade die düstere biographische Quellenlage und die exotischsten Theorien über den Autor auf einer Metaperspektive darzustellen. Dieses Claimants betitelte Kapitel über angebliche Autoren der Werke Shakespeares ist einer der Höhepunkte des Buches. Ein gut geschriebenes, geistreiches kleines Buch.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (als Hörbuch)

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie

Erschienen in „Literatur und Kritik“ Mai 2016

Die meisten Leser Thomas Bernhards kennen dessen Leben aus seinen autobiographischen Schriften, die in fünf Teilen zwischen 1975 und 1982 veröffentlicht wurden. Nicht in chronologischer Reihenfolge: Die frühesten Erinnerungen erscheinen unter dem Titel „Ein Kind“ erst als letztes Buch der Reihe. Bereits während meines Germanistikstudiums in Salzburg versuchte Hans Höller in den neunziger Jahren, Fakten und Fiktion in der Autobiographie des Autors zu unterscheiden und publizierte 1993 schon früh eine Rowohlt Monographie über ihn. Eine weit umfangreichere Arbeit legt nun der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer vor, der sich auch durch die Herausgabe einiger Bände in der kürzlich abgeschlossenen Werkausgabe des Suhrkamp-Verlags Verdienste um den Autor erwarb und ein wichtiger Protagonist der Bernhard-Forschung ist. Leicht wurde ihm sein Projekt nicht gemacht: Der Nachlass-Verwalter Peter Fabjan und Stiefbruder Bernhards verbot ihm bedauerlicherweise aus unveröffentlichten Briefen zu zitieren, oder die mit Fabjan geführten Gespräche zu verwenden. Mittermayer war deshalb auf die öffentlich zugänglichen Quellen angewiesen. So greift er oft auf die Nachlass-Publikation „Meine Preise“ zurück.

Wer die Ästhetik Thomas Bernhards verstehen will, kann anhand der Autobiographie bereits ein Kernelement kennenlernen: Bernhard gibt der Fiktion immer Priorität über die Fakten, wenn es seine Literatur künstlerisch besser macht. Überhaupt inszeniert er sein Autorenleben gerne für das Publikum, ganz so als sei es eines seiner Theaterstücke. Mittermayer bringt dafür zahlreiche Beispiele aus allen Lebensphasen des Autors.

Ein wichtiges Ereignis im Leben des jungen Thomas Bernhard war etwa der Wechsel vom Salzburger Staatsgymnasium am Grünmarkt zu einer Kaufmannslehre in der berüchtigten Scherzhauserfeldsiedlung. Was wissen wir über die Fakten? Die schulischen Leistungen des Jungen waren nicht die besten, er musste die zweite Klasse nach einer verpatzten Latein-Nachprüfung wiederholen. Zusätzlich waren die ökonomischen Umstände seines Vormunds Emil Fabjan angespannt. Nachdem sich die Leistung nicht besserte, erfolgte die Abmeldung vom Gymnasium am 1. April 1947. Fiktional in „Der Keller“ verarbeitet macht der Autor daraus eine spontane, autonom getroffene existenzielle Entscheidung des Jungen: „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung, diesen Begriff in die entgegengesetzte Richtung hatte ich mir auf dem Weg in das Arbeitsamt immer wieder vorgesagt, immer wieder in die entgegengesetzte Richtung…“. Aus dieser – in seiner üblichen Manier übertriebenen – literarischen Entgegensetzung zwischen der bürgerlichen Welt des Gymnasiums und der Welt der Außenseiter in der Scherzhauserfeldsiedlung wird ein wichtiges strukturelles Grundprinzip des Buches. Eine schlichte Wiedergabe der Fakten hätte diesen ästhetischen Effekt nie erzeugen können.

Bernhard hat dieses Grundprinzip seines Schaffens nicht verschwiegen. Mittermayer unterbricht die Lebensbeschreibung immer wieder, um Bernhards Literaturauffassung zu schildern. Die zentralen Zeugnisse davon werden ausführlich zitiert. So zum wichtigen Begriff der Künstlichkeit im von Ferry Radax 1970 gedrehten Film „Drei Tage“: „In meinen Büchern ist alles künstlich, das heißt, alle Figuren, Ereignisse, Vorkommnisse spielen sich auf einer Bühne ab, und der Bühnenraum ist total finster.“

Ein Beispiel für Bernhards Selbststilisierung aus einer viel späteren Zeit ist seine Film-Aussage 1984 zu Krista Fleischmann: „Ich hab‘ immer aus eigenem Antrieb gelebt, hab‘ nie eine Subvention g’habt, es hat sich um mich nie jemand gekümmert, bis heute nicht.“ Mittermayer widerlegt diese Aussage mühelos anhand belegbarer staatlicher Förderungen.

Eine Stärke der Biographie Mittermayers ist es, diese Bezüge zwischen Biographie, Ästhetik und Rezeption regelmäßig herauszuarbeiten. Er stützt damit seine zu Beginn des Buches formulierte Auffassung: „Bernhards Literatur ist ohne Bezugnahme auf die Biografie nicht zu verstehen – Bernhards Literatur jedoch ist aus seiner Biographie nicht zu erklären“.

Speziell die Wirkungsgeschichte ist Mittermayer immer wieder ein Anliegen. Den Werkbeschreibungen, egal ob es sich um einen Prosatext oder um eine Theateraufführung handelt, folgt eine kurze Rezeptionsgeschichte. Dafür greift der Biograph nicht nur auf die Rezensionen der führenden Blätter zurück, sondern verweist immer wieder auch auf die literarische Wirkung Bernhards. Am Ende der Lektüre ist man also auch darüber im Bilde, welche Autoren im In- und Ausland Bernhard maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst hat. Zu nennen wären hier etwa William Gaddis oder Don DeLillo.

Ein weiterer Vorzug sind die unprätentiösen Beschreibungen der Werke Bernhards. Es gibt ja nicht wenige Lebensbeschreibungen, die sich stilistisch lesen als hätte sie der Beschriebene selbst verfasst. Mittermayers sachlicher Stil setzt dagegen einen wohltuenden Kontrapunkt zum Hyperbolismus Bernhards. Das gilt auch für die Interpretationen des Germanisten: Sie bewegen sich immer nahe am Text und sind nie literaturtheoretisch überladen. Damit zeigen sie auch dem literaturwissenschaftlich nicht vorbelasteten Leser, wie man sich der Komplexität der Texte so nähern kann, dass man Erkenntnisgewinne erzielt. Erfreulich auch, dass Mittermayer auf noch nicht publizierte Texte aus dem Nachlass eingeht. Ab 1957 arbeitet Bernhard etwa an dem Prosatext „Schwarzach Sankt Veit“ zu dem sich ein 296 Seiten langes Typoskript findet. Die Geschichte zweier Brüder enthält zahlreiche Bezüge auf Bernhards Jugend. David ist Gerichtsreporter in Salzburg, war vorher Kaufmannslehrling und will Sänger werden, ganz so wie der junge Thomas Bernhard. Man kann nur hoffen, dass aus dem unveröffentlichtem Nachlass bald ein veröffentlichter wird.

Komplexität und Stilisierung sind ebenfalls wichtige Stichworte für Bernhards Sozialleben. Das vom Autor gerne gezeichnete Selbstbild des einsamen Einzelgängers, der sich in seinem Ohlsdorfer Vierkanthof von der gehassten Außenwelt abschottet, hat zwar einen wahren Kern. Richtig ist aber ebenso, dass Bernhard während seines Lebens immer intensiv für ihn wichtige soziale Beziehungen pflegt. Das beginnt mit dem idolisierten Großvater Johannes Freumbichler, der als gescheiterter Heimatschriftsteller seine Familie als Patriarch tyrannisiert. Bernhards Start ins Leben war in vielen Dimensionen schwierig: Er war arm, krank und hatte in der Familie kaum Unterstützer. Bereits als jungem Menschen gelang es ihm aber, sich ein nützliches Netzwerk im Kulturbetrieb aufzubauen. Carl Zuckmayer fördert ihn schon früh. Etwas später kommt dann noch das Ehepaar Lampersberg hinzu, das Bernhard in die österreichische Avantgardeszene einführt, und die er dann viel später mit seinem Roman „Holzfällen“ zu einer Klage provoziert. Der wichtigste Lebensmensch für ihn war Hedwig Stavianicek, 36 Jahre älter als er und zu Beginn auch ein Ersatz für die früh gestorbene Mutter. Sie lernten sich Anfang der fünfziger Jahre kennen als sich Bernhard wegen seiner Tuberkolose in der Lungenheilstätte St. Veit aufhält. Mittermayer beschreibt in seiner Biographie ausführlich weitere Bekanntschaften Bernhards und deutet an einer Stelle auch an, dass sich Bernhards sexuelle Vorlieben nicht nur auf Frauen beschränken, ohne das allerdings näher auszuführen.

Die große Leistung von Mittermayers Buch ist es, dass sie uns einen soliden Vergleich zwischen dem Menschen Thomas Bernhard und dem Schriftsteller Thomas Bernhard ermöglicht. Wer bisher nur Bernhards Werk und das darin entworfene Selbstbild kennt, wird über viele Tatsachen seines Lebens erstaunt sein, speziell was seine Kindheit und seine ersten Schritte als Journalist und Autor in Salzburg angeht.

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biographie (Residenz)

Yale-Vorlesung über den „Don Quijote“

Kürzlich wies ich in Allgemeinbildung auf You Tube darauf hin, dass diese beliebte Videoplattform auch eine Fundgrube für hochwertiges Material ist. Unter den zahlreichen dort zu findenden Yale Courses interessiert mich einer besonders: Die vierundzwanzigstündige Vorlesung von Prof. Roberto González Echevarría über den Don Quijote. Warum ich das Buch besonders schätze, kann man in dieser Notiz nachlesen.

Zu sehen gibt es eine klassische, mitgefilmte Yale-Lehrveranstaltung samt Studenten. Zwei Dinge verblüffen mich: Erstens wurde keine der einzelnen Vorlesungen 6000 Mal angesehen, obwohl sie schon Jahre online sind. Die meisten bewegen sich zwischen 3000 und 4000 Views. Angesichts des riesigen You Tube Publikums und der Seherzahlen für andere Videos heißt das: Intellektuell hochwertige Gratisbildung wird kaum nachgefragt.

Zweitens bin ich – vermutlich naiverweise – über die Mittelmäßigkeit des Gebotenen überrascht. Yale fehlt ja in keinem Ranking der besten Hochschulen der Welt. Geboten wird zwar eine sachlich solide Information über den Klassiker, in Sachen Inspiration hätte ich von einer Top-Universität aber deutlich mehr erwartet. Echevarría stellt einige Male erhellende überraschende Bezüge her – etwa zur zeitgenössischen Malerei – beschränkt sich aber sonst auf einen chronologischen Lektürekommentar. Die von mir besuchten Literaturvorlesungen an der Universität Salzburg, die in jedem Top-Ranking fehlt, konnten mit diesem Niveau nicht nur mithalten: Viele von ihnen waren geistig deutlich anregender als was hier in Yale geboten wird.

Für Freunde der Weltliteratur sind diese vierundzwanzig Stunden trotzdem gut investiert.

Kindlers Literaturlexikon

Der Kindler ist das umfangreichste deutschsprachige Lexikon der Weltliteratur, dessen dritte und vorläufig letzte Auflage 2009 erschienen ist. Wem die 2400 Euro damals zu teuer waren, der bekommt die 18 Bände jetzt in einer Sonderausgabe für 999 Euro.

Eine Biographie des Romans

Knapp 1200 Seiten benötigt Michael Schmidt für seine neue Biographie des Romans. Entsprechend schwergewichtig ist das Buch, von dem ich mir bewusst nicht die Kindleversion bestellte. Obwohl ich es noch nicht las, beeindruckt mich Schmidts Ambition, alleine eine Geschichte des Romans anzugehen. Eine sehr ausführliche Rezension schreibt William Deresiewicz für The Atlantic:

Schmidt’s account is chronological, but loosely so. Early chapters flash forward to the present or near-present, so that Aphra Behn shares quarters with Zora Neale Hurston, Daniel Defoe with Capote and Coetzee. Schmidt is weaving threads, picking out lines of descent: the Gothic, the exotic, the vernacular, the journalistic; manners, genres, voices, verisimilitude. Through Mandeville and Foxe’s „Book of Martyrs“ and „The Pilgrim’s Progress“, we see the novel (or rather, its precursors) find a sense of form, coalesce from a sequence of incidents into a coherent structure. Through Defoe and Richardson and Fielding, the 18th-century emergence, we see it becoming the novel.

[…]

Note the breadth of Schmidt’s attention, the variety of angles from which he’s able to approach a book. He has his favorites (Fielding, Conrad, Naipaul, Amis), as well as those he thinks are overrated (Thomas Pynchon, Ian McEwan, Paul Auster), but he takes each one on his own terms, and in his own times. He doesn’t expect Dos Passos, with his political engagement and documentary style, to look like Nabokov, the avatar of aestheticism. He doesn’t ask the writers of the past (or the present) to affirm his social views. Some get a couple of paragraphs, a few get 10 pages or more, but each is seen as if intensely spotlit; they are their own story, as well as part of a greater one.

Der gefährliche „Ulysses“

Völlig zu Recht nennt Kevin Birmingham seine literaturgeschichtliche Studie The Most Dangerous Book: The Battle for James Joyce’s “Ulysses”. Darin geht er der peinlichen Publikationsgeschichte dieses großen Romans nach. Wie sehr ich das Buch schätze, kann man in meiner Ulysses-Notiz nachlesen. Eine kenntnisreiche Rezension der Neuerscheinung liefert The Economist:

Mr Birmingham’s descriptions of the fight between these moral crusaders and the people defending Joyce’s work are thrilling. Joyce came under pressure to finish the book, in part because of the looming threat of legal action against it. With the eye of a novelist Mr Birmingham enlivens his story with details about these forgotten characters: how the judge who ultimately overturned the ban in America wore a tie when playing tennis and how the British lawyer who declared that the novel was “filthy, and filthy books are not allowed to be imported into this country” disliked cars, even as late as the 1950s.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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