Wien Theater

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Goethe: Torquato Tasso

Burgtheater 28.9. 2016

Regie: Martin Laberenz

Alfons der Zweite, Herzog von Ferrara: Ignaz Kirchner
Leonore von Este, seine Schwester: Andrea Wenzl
Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano: Dorothee Hartinger
Torquato Tasso, Hofdichter: Philipp Hauß
Antonio Montecatino, Staatssekretär: Ole Lagerpusch
Musiker: Friederike Bernhardt

Als ich das Stück zur Vorbereitung auf den Theaterabend wieder einmal lese, wirkt der Beginn behäbiger als ich ihn in Erinnerung hatte. Das Drama gewinnt freilich rasant an Fahrt als der Streit zwischen Tasso und Antonio ausbricht. Antonio sieht in Tasso einen verweichlichten Drückeberger vor dem harten Alltag des Lebens und lässt ihn das mit deutlichen Worten wissen. Tasso zieht provoziert sein Schwert, ein Sakrileg am Hof in Belriguardo, worauf ihn sein Herzog und Mäzen in sein Zimmer verbannt. Zusätzlich ist das Stück durch das unterdrückte Begehren getrieben, welches die beiden Damen am Hofe für den Dichter empfinden.

Für den Goethefreund ist das Stück natürlich eine Fundgrube, denn als Minister am Weimarer Hof kannte der Geheimrat selbstverständlich beide Seiten des Lebens, die künstlerisch-kreative wie die politisch-administrative.

Das Drama lebt vom klassischen Versmaß sowie seinen sprachlichen und intellektuellen Subtilitäten. Goethe bezeichnete seinen Tasso lange als „theaterscheu“, weil er dessen Ästhetik für die Bühne ungeeignet fand.

Martin Laberenz versucht dieses Dilemma durch eine Art Abstraktheit zu lösen. So besteht das Bühnenbild teilweise aus geometrischen Formen und bleibt räumlich im Vagen. Erfreulicherweise behält er die gebundene Sprache Goethes bei, lässt sie aber oft so schnoddrig „alltäglich“ sprechen, dass sie oft mehr gequält als gebunden wirkt. Tasso und Antonio mit zwei gleichaltrigen Männern zu besetzen, nimmt die für das Stück wichtige Altersdynamik aus der Inszenierung heraus. Das Artifizielle dieser Aufführung hat zu wenig inneren Bezug zum Text, um mich zu überzeugen. Die bunten Fantasiekostüme passen wiederum nicht zum abstrakten Bühnenbild. Die neue Burgtheatersaison beginnt also mäßig.

Joël Pommerat: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Akademietheater 9.6. 2016

Regie: Peter Wittenberg

mit
Frida-Lovisa Hamann
Dorothee Hartinger
Sabine Haupt
Dörte Lyssewski
Petra Morzé
Markus Hering
Daniel Jesch
Dirk Nocker
Martin Reinke

Ich betrete angesichts der Bezeichnung „Erfolgsstück“ das Akademietheater ziemlich skeptisch. Wie das Burgtheater erlaubt man sich hier ja ab und zu auch, die Grenzen zum Boulevard zu überschreiten. Meine Befürchtung ist aber unbegründet, Die Wiedervereinigung der beiden Koreas ist eine intelligente und originelle Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Facetten der Liebe. Pommerat wählte die Form des Episodendramas: Ähnlich wie in Schnitzlers Reigen handelt es sich um die Aneinanderreihung von zwanzig höchst unterschiedlichen Szenen. Dabei wird die gesamte Gefühlsskala durchdekliniert, von komisch-anekdotisch bis zu tragisch-dramatisch. Anders als bei Schnitzler fehlen allerdings strukturelle Bezüge zwischen den Episoden, welche über das verbindende abstrakte Thema hinausgehen. Durch eine intelligente Verknüpfung der einzelnen Geschichten hätte das Stück noch sehr gewonnen.

Die Beteiligten des Burgtheaterensembles nutzen selbstverständlich diese Gelegenheit, um ihre Schauspielkunst von allen Seiten zu zeigen. Die Inszenierung ist wohltuend zurückhaltend und trennt die einzelnen Szenen deutlich mit Hilfe von hell leuchtenden Lichtstäben, die beim Wechsel quasi die alte Episode wegwischen.

Tschechow: Drei Schwestern

Burgtheater 23.4. 2016

Regie: David Bösch

Andrej Segerjewitsch Prosorow: Philipp Hauß
Natalja Iwanowa, seine Braut: Stefanie Dvorak
Olga, seine Schwester: Katharina Lorenz
Irina, seine Schwester: Marie-Luise Stockinger
Mascha, seine Schwester: Aenne Schwarz
Kulygin, Fjedor Iljitsch, Gymnasiallehrer, Maschas Mann: Dietmar König
Werschinin, Alexander Ignatjewitsch, Kommandeut der Artilleriegarnison: Fabian Krüger
Soljony, Wassilij Wassiljewitsch, Hauptmann im Stab: Michael Masula
Tusenbach, Nikolaj Ljowitsch, Baron, Leutnant: Martin Vischer
Tschebutykin, Iwan Romanowitsch, Militärarzt: Falk Rockstroh
Anfissa, Njanja: Elisabeth Augustin

Heute arbeiten sich die Eliten zu Tode. Selbst Milliardäre hetzen sich von einem Projekt zum anderen. Ganz anders die Eliten vor dem 20. Jahrhundert: Sie langweilten sich zu Tode. Für das Theater hat diesen Ennui niemand besser auf die Bühne gebracht als Tschechow. In diesem Stück langweilen sich die titelgebenden drei Schwestern, welche sich nach dem Tod ihres Vaters aus ihrer öden Provinzstadt vergeblich nach Moskau sehnen. Dynamik gewinnt die Handlung erst als ihr vom hoffnungsvollen Intellektuellen zum spielsüchtigen Provinzler herabgesunkener Bruder eine gehässige und intrigante Provinzlerin aus der Stadt ehelicht.

Tschechow ist ein Autor der mit der Behutsamkeit des gesprochenen Wortes arbeitet und mehr als andere Dramatiker auf den Dialog setzt. David Bösch bringt erfreulicherweise den Mut auf, die Drei Schwestern als klassisches Literaturtheater auf die Bühne zu bringen, und verzichtet deshalb auf zwanghaft originelle Regieeinfälle. Die Schauspieler danken es ihm durch eine sehr erfreuliche Leistung. Eine Empfehlung für alle Freunde der Weltliteratur.

Ibsen: John Gabriel Borkman

Akademietheater 17.4. 2016

Regie: Simon Stone

John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Gunhilds Zwillingsschwester: Caroline Peters
Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Dieser Theaterabend lädt zu einigen grundsätzlichen Überlegungen über die Beziehung von Klassikern und deren Aktualisierungen im Theater ein. Wer meine Theaternotizen kennt, weiß, dass ich prinzipiell ein Freund des modernen Regietheaters bin. Allerdings funktionieren nur wenige dieser Inszenierungen wirklich gut, weil vielen Regisseuren inzwischen der persönliche Bezug zu den Klassikern fehlt. Freilich gibt es einige Theatertalente wie Andrea Breth oder Martin Kusej, denen überdurchschnittlich oft herausragende Inszenierungen gelingen. Diesen „John Gabriel Borkman“ zähle ich nicht zu den gelungenen Beispielen. Der Text und die Figuren weichen nämlich so weit vom Original ab, dass Ibsens ästhetische Ideen grundsätzlich in Frage gestellt werden. Während Ibsen Gunhild Borkman als vor Scham isolierte alte Frau charakterisiert, ist sie hier dank des Internet mit der Welt vernetzt: Google und Facebook spielen in den ersten Szenen eine prominente Rolle.
Ein wesentlicher Reiz bei der Rezeption von Klassikern ist jedoch die intellektuelle Aktualisierungsarbeit: Was hat der Roman oder das Stück mit der Gegenwart zu tun? Es finden sich immer eine Vielzahl von direkten und indirekten Bezügen. Transponiert man einen Klassiker zu plump in die Gegenwart, nimmt man einerseits dem Publikum dieses grandiose kognitive Vergnügen, und erklärt es andererseits implizit für zu dumm, diese Geistesarbeit überhaupt noch zu erbringen. Deshalb ziehe ich Theatermenschen wie Andrea Breth vor, welche den Text möglichst unangetastet lassen.

Doch selbst die Aktualisierung geht in diesem Fall schief: Borkman selbst ist im Stück ein verknöcherter, verbitterter Ex-Bankdirektor, der wegen Finanzbetrugs fünf Jahre im Gefängnis saß. Ein arroganter Anzugträger. Hier wird er zu einem Clown mit pennerähnlichen Zügen degradiert. Von der Handlung her gesehen gibt es in Zeiten der Finanzkrisen kein aktuelleres Ibsendrama. Die Vorstandsetagen der Banken sind voller machtgieriger und sich selbst überschätzender Borkmans. Hier den Fokus auf eine clowneske Lächerlichkeit zu legen, ist eine vertane Chance.

Von diesen grundsätzlichen Erwägungen abgesehen, funktioniert der Abend intrinsisch einwandfrei. Das Ensemble ist schauspielerisch grandios und die mit Kunstschnee tief bedeckte Bühne gibt die Gelegenheit für so manche Gags. Sehenswert also, wenn man sich keinen Ibsen-Klassiker erwartet.

Peter Handke: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

Burgtheater 19.3. 2016

Regie: Claus Peymann

„Ich“ im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“:
Christopher Nell

Die Unschuldigen, nicht wenige:

Krista Birkner
Fabian Stromberger
Franz J. Csencsits
Anatol Käbisch
Hans Dieter Knebel
Benedikt Paulun
Hermann Scheidleder

Der Wortführer der Unschuldigen oder: Häuptling / Capo
Martin Schwab

unter ihnen mein Doppelgänger:
Felix Strobel
Fabian Stromberger

Die Wortführerin der Unschuldigen oder: Häuptlingsfrau/Häuptlingin/Frau:
Maria Happel

Die Unbekannte von der Landstraße:
Regina Fritsch

Claus Peymann inszeniert Peter Handke am Burgtheater! Eine Ankündigung, welche die Wiener Theaterfreunde naturgemäß aufhorchen ließ. Wer weiß, was Peter Handke in den letzten Jahren (eigentlich: Jahrzehnten) für einen gequirlten Quatsch zusammenschrieb, war weniger aufgeregt. Tatsächlich schlachtet auch das neue Stück Handkes sein Unbehagen an der Moderne weidlich aus. „Ich“ sucht sich ein entlegenes romantisches Stück einer Landstraße aus, in das er mystisch-poetische Qualitäten projiziert, und wo er sich niederlässt. Den vorbeikommenden Pöbel, welcher die hehre Dichterseele belästigt, nennt er die „Unschuldigen“. Das einzig Positive, was ich über den Text sagen kann: Im Dialog mit den Unschuldigen klingt ab und zu etwas wie Selbstkritik an der eigenen Pose an. Es überwiegt freilich die Publikumsbeschimpfung.

Claus Peymann setzt nun sein ganzes Talent in Bewegung, um ein schlechtes Stück in gutes Theater zu verwandeln. Selbstverständlich helfen dabei auch die grandiosen Burgschauspieler, vor allem Maria Happel happelt wieder ganz hervorragend. Hervorzuheben ist auch die gewaltige Leistung des Christopher Nell (und damit meine ich nicht nur den Umfang des teils monströsen Textes). Peymann bemüht besonders den Bühnenapparat, um die Zuschauer am Einschlafen zu hindern. Es blitzt und knallt regelmäßig und auch die Windmaschinen haben mehr zu tun als sonst. Am Ende ergibt das tatsächlich eine sehenswerte Inszenierung.

Wünschenswert wäre freilich, wenn Peymann sein Talent zukünftig nicht mehr an Handke verschwendet.

Maja Haderlap: Engel des Vergessens

Akademietheater 17.3. 2016

Regie: Georg Schmiedleitner

Großmutter: Elisabeth Orth
Mutter: Petra Morzé
Vater: Gregor Bloéb
Ich 1: Alina Fritsch
Ich 2: Alexandra Henkel

Dieses Stück steht vor zwei heiklen Herausforderungen: Einen Roman auf die Bühne zu bringen und das heikle Thema des Konzentrationslagers zu inszenieren. Beides gelingt leider nur in Ansätzen. Das Beste des Abends ist die Sprache. Maja Haderlapp hat sich den Bachmann-Preis für ihren ersten Roman 2011 redlich verdient. Er beschreibt anhand einer slowenischen Familie in Kärnten die Zeit des zweiten Weltkriegs. Die Szenen springen zwischen unterschiedlichen chronologischen Punkten, die schließlich ein Gesamtbild ergeben.

Die Inszenierung hat einige starke Szenen. Etwa wenn Elisabeth Orth als Großmutter ihrer Enkelin von ihren Erfahrungen im KZ Ravensbrück berichtet. Die erste Hälfte des Abends wirkt auf mich immer wieder sehr belanglos bis hin zur Langeweile. Die zweite Hälfte ist dann deutlich besser, weil auch die Geschichte fesselnder wird. Georg Schmiedleitner hat viele gute Regieideen, die sich aber nie zu einem überzeugenden Ganzen formen und oft mehr als Pflichtübungen erscheinen.

Moliere: Der eingebildete Kranke

Burgtheater 18.1. 2016

Regie: Herbert Fritsch

Argan: Joachim Meyerhoff
Toinette, Argands Dienstmädchen: Markus Meyer
Bélinde, dessen zweite Frau: Dorothee Hartinger
Angélique, Argans Tochter: Marie-Luise Stockinger
Louision, ihre kleine Schwester: Marta Kizyma
Cléanthe: Laurence Rupp
Dr. Diafoirus: Ignaz Kirchner
Thomas Diafoirus, dessen Sohn: Simon Jensen
Dr. Purgon, Argans Arzt: Johann Adam Oest
Fleurant, Apotheker: Hermann Scheidleder
Herr de Bonnefois, Notar: Hermann Scheidleder

Nach eineinhalb Stunden verließ ich das Burgtheater in der Pause. Nicht, weil die Inszenierung so fürchterlich war, sondern weil der Inszenierungsstil nicht zur Länge des Abends passt. Es ist nicht einfach, die artifizielle Inszenierungsart des Herbert Fritsch zu beschreiben: Die Figuren sind grotesk gekleidet und bewegen sich dazu passend unnatürlich. Der beste Vergleich sind vermutlich die am meisten verblödelten Monty-Phyton-Sketche. Keiner dieser Sketche ist zehn Minuten lang. Die meisten sind mit guten Gründen viel kürzer, weil diese alberne Überdrehtheit nur in der Kürze funktioniert. Daran kann selbst ein oft sehr komischer Meyerhoff als Argan nichts ändern.

Schwab: Die Präsidentinnen

Akademietheater 26.11. 2015

Regie: David Bösch

Erna, Mindestpensionistin: Regina Fritsch
Grete, Pensionistin: Barbara Petritsch
Mariedl: Stefanie Dvorak

Auf der Bühne ist ein ins Groteske erhöhtes Gemeindebaustilleben zu sehen, in dessen Mitte die drei sehr unterschiedlichen Damen des skatologischen Stückes sitzen und ihr furioses Redefeuerwerk abfackeln. Als es vor 25 Jahren uraufgeführt wurde, feierten viele Feuilletons Werner Schwab als neuen Dramatikerstar. Im neuen Jahrtausend ist es relativ ruhig um ihn geworden. Auf mich wirken Die Präsidentinnen heute in einem kruden Sinn mehr komisch als sozialkritisch, ähnlich wie South Park, wo ebenfalls gerne mit Fäkalhumor provoziert wird.

Das triste Leben der drei Protagonisten tritt dem Theaterbesucher in Form erzählter Geschichten entgegen. Speziell die Beziehungen der Drei bezeugen die Abgründe des menschlichen Zusammenlebens. Ein echtes Gespräch kommt selten zustande, es sei denn man streitet. Was den Theaterabend so furios macht sind die drei Burgschauspielerinnen, welche jede eine Glanzleistung liefern. Die ästhetische Idee Werner Schwabs, die Frauen in einem künstlichen, teilweise komischen Idiom sprechen zu lassen statt naturalistisch, ist das Kernelement des Dramas.

Gorki: Wassa Schelesnowa

Burgtheater 30.10. 2015

Regie: Andreas Kriegenburg

Wassa Petrowna Schelesnowa: Christiane von Poelnitz
Anna, ihre Tochter: Andrea Wenzl
Semjon, ihr Sohn: Martin Vischer
Pawel, ihr Sohn: Tino Hillebrand
Natalja, Semjons Frau: Frida-Lovisa Hamann
Ljudmila, Pawels Frau: Aenne Schwarz
Prochor Schelesnow: Peter Knaack
Michailo Wassiljewitsch, Verwalter: Dietmar König

Bevor ich nach zwei Stunden in der Pause endlich das Burgtheater verlassen kann, langweilte ich mich beinahe zu Tode. Das lag weder an dem Stück Gorkis, noch an der schauspielerischen Leistung, sondern an der missglückten Inszenierung Kriegenburgs. Er setzt auf eine hohe Artifizialität, die er vor allem durch eine Verlangsamung auf allen Ebenen erreicht. Das könnte eine gute Regieidee sein, entzöge sie nicht dem Stück und den Dialogen jegliche Spannung und jegliche Energie. Gelungen und symbolträchtig ist die als Bühnenbild eingesetzte dynamische Ebene. Aber wer geht schon des Bühnenbildes wegen ins Theater?

Ewald Palmetshofer: die unverheiratete

Akademietheater 29.10. 2015

Regie und Bühne: Robert Borgmann

die Junge: Stefanie Reinsperger
die Mittlere: Christiane von Poelnitz
die Alte: Elisabeth Orth

Palmetshofer bringt in seinem Stück drei Frauengenerationen auf die Bühne, von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart. Neben Alltags- und Lebensproblemen der Protagonisten kreist die Handlung um die angeblich bewusste Denunziation eines jungen Deserteurs im April 1945 durch die Alte. Kurz vor Kriegsende wird der Junge noch standrechtlich erschossen. Später steht die Alte dann dafür vor Gericht und wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Angeregt wurde der Autor durch eine historische Begebenheit, die er selbst recherchiert hat. Angesichts der Länge hätte dem Stück trotzdem ein größere Inhaltsdichte gut getan.

Der Handlungsminimalismus wird allerdings durch den furiosen Umgang mit den unterschiedlichen Zeitebenen mehr als wettgemacht. Palmetshofer nutzt die semantischen Gemeinsamkeiten von Gefängnis- und Krankenhausaufenthalt ebenso wie die beiden unterschiedlichen Gerichtsverfahren, um den Zuseher zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Verwirrend wird es trotzdem nie. Die Symbolik wirkt ab und zu etwas zu aufdringlich (beispielsweise das Bildfeld rund um Sehen und Blindheit). Dass der Text in Jamben geschrieben ist, verstärkt den strukturellen Verfremdungseffekt positiv.

Die Inszenierung von Borgmann findet oft die passenden Bilder für diese vielschichtigen Ebenen. Mit der auf dem Bühnenboden verteilten Erde lassen sich einige starke Szenen generieren. Schauspielerisch zeigt das Burgtheater-Ensemble (Elisabeth Orth!) einmal mehr seine Qualitäten.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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