Wien Theater

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Aischylos: Orestie

Burgtheater 25.3. 17

Regie: Antú Romero Nunes

Chor
Sarah Viktoria Frick
Maria Happel
Caroline Peters
Barbara Petritsch
Aenne Schwarz
Irina Sulaver
Andrea Wenzl

Klytaimestra: Caroline Peters
Agamemnon: Maria Happel
Kassandra: Andrea Wenzl
Aigisthos/Amme: Barbara Petritsch
Orestes: Aenne Schwarz
Elektra: Sarah Viktoria Frick

Das erste Drama Europas auf die Bühne zu bringen ist auch für das Burgtheater eine Herausforderung. Antú Romero Nunes entschied sich für eine radikale Inszenierungsidee: Sieben Burgschauspielerinnen geben die gesamte Trilogie. Wobei „Trilogie“ insofern in die Irre führt als der Abend nur gut zwei Stunden dauert. Der Text wurde also radikal gekürzt, was speziell für den dritten Teil gilt, die Eumeniden. Sprachlich bleibt der Abend allerdings erfreulicherweise nah am Original: in der bühnentauglichen Übersetzung des Peter Stein.

Die sieben Schauspielerinnen geben gleichzeitig den Chor, die Erinnyen und die jeweiligen Hauptfiguren. Gekleidet sind sie in fahle, schäbige Kostüme, passend zur Stimmung der Inszenierung, die auf einer weitgehend leeren Bühne stattfindet und durch wenige spektakuläre Effekte kontrastiert wird, etwa einen langsam von hinten nach vorne laufenden Blutstrom nach der Ermordung des Agamemnon.

Grundsätzlich finde ich Nunes‘ Ansatz gelungen. Er scheitert allerdings an zu starken Differenzen auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen sind nicht alle der Damen in gleichem Maße tragödientauglich. Zu meiner Überraschung bietet die üblicherweise als Ulknudel eingesetzte Maria Happel eine sehr überzeugende Leistung als Agamemnon. Barbara Petritsch dagegen mit ihrem ausgeprägten Wiener Akzent nimmt man weder den Aigisthos noch die Amme ab. Selbst die von mir sehr geschätzte Sarah Viktoria Frick tut sich stellenweise schwer mit dem tragischen Pathos. Zum anderen findet der Regisseur einige unglaublich starke Theaterbilder. Hier wäre etwa die famose Schlussszene zu nennen. Dagegen fallen andere Abschnitte des Abends so weit ab, dass der Gesamteindruck darunter leidet. Eine auf hohem Niveau scheiternde Inszenierung also.

Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij: Eiswind

Akademietheater 16.2. 2017

Regie: Árpád Schilling

Ilona: Lilla Sárosdi
Frank: Falk Rockstroh
János: Zsolt Nagy
Judith: Alexandra Henkel
Felix: Martin Vischer
Levente: András Lukács

Das Stück steckt voller löblicher Absichten. Árpád Schilling ist als kritischer Theatermacher in Ungarn nicht mehr gerne auf einer Bühne gesehen. Schön also, dass ihm das Akademietheater diese Möglichkeit bietet. Auch die Idee, ungarische Schauspieler gleichzeitig mit Ensemblemitgliedern zu beschäftigen, gefällt. Ihr Text wird durch Übertitel übersetzt. Schilling will seinen eigenen Aussagen nach mit dem Stück die mentalen Auswirkungen des Aufstiegs von Orban kommentieren. Er wählt dazu das Zusammentreffen einer reichen deutschen Akademikerfamilie mit einer aus dem ungarischen Mittelstand in einer entlegenen Waldhütte. Es entwickelt sich schnell eine faschistoide Dynamik.

Das größte Problem dieser Produktion ist das Niveau des literarischen Textes. Die vorgeführte Eskalation ist nämlich für den Zuseher völlig unplausibel. Die Entwicklung der Charaktere im Stück erscheint willkürlich und nicht hinreichend motiviert. Die Figuren sind auch voller Klischees, was teilweise wegen des komischen Effekts willen Absicht ist, und auch selbstironisch kommentiert wird.

Bis auf den Schluss überzeugt dagegen die Inszenierung und die schauspielerische Leistung. Die beklemmende Atmosphäre wird gut auf die Bühne übersetzt, speziell die Sturmszene wird kreativ und originell mit Komparsenmusikern in Szene gesetzt. Die schauspielerische Leistung ist bei allen Beteiligten bemerkenswert. Wäre der Text besser, hätte das ein hervorragender Theaterabend sein können.

Shakespeare: Komödie der Irrungen

Burgtheater 4.2. 2017

Regie und Bühne: Herbert Fritsch

Antipholus von Ephesus, Antipholus von Syrakus, Zwillingsbrüder und Söhne des Ägeon: Sebastian Blomberg
Dromio von Ephesus, Dromio von Syrakus, Zwillingsbrüder und Sklaven der Antipholus-Zwillinge: Simon Jensen
Adriana, Frau des Antipholus von Ephesus: Dorothee Hartinger
Luciana, ihre Schwester: Stefanie Dvorak
Angelo, Ein Goldschmied: Falk Rockstroh
Ein Kaufmann, Freund des Antipholus: Hermann Scheidleder
Ein Kerkermeister: Merlin Sandmeyer
Lucie, ihre Kammermädchen: Marta Kizyma
Ägeon, ein Kaufmann aus Syrakus: Klaus Pohl
Solinus, Herzog von Ephesus: Michael Masula
Kurtisane: Mavie Hörbiger
Ämilia, Äbtissin in Ephesus und Frau des Ägeon: Petra Morzé
Doktor Zwick, ein Schulmeister: Dirk Nocker

Herbert Fritschs Blödelinszenierungen haben ihre Freunde, was auch der brave Applaus am Ende belegt. Sie sind handwerklich passabel gemacht: Die Schauspieler, die Kostüme und das Bühnenbild bringen den erwünschten Klamaukeffekt kompetent auf die Bühne. Klamauk ist für eine gute Shakespeare-Inszenierung aber nicht hinreichend, auch nicht für eine seiner verrückteren Komödien. Diese bezieht ihre Komik zwar primär durch die diversen Verwechselungen der beiden Doppel-Zwillingspaare, stellt dem Zuschauer aber auch tiefgründigere Fragen zum Thema Identität. Fritsch‘ Inszenierungen sind nun mit jeder Form der Subtilität inkompatibel. Er sollte sich auf Blödelstoffe beschränken und die Finger von Klassikern lassen.

Arthur Miller: Hexenjagd

Burgtheater 4.1. 2016

Regie: Martin Kusej

Reverend Parris: Philipp Hauß
Abigail Williams: Andrea Wenzl
Ann Putnam: Sabine Haupt
Thomas Putnam: Dietmar König
Bettry Parris: Irina Sulaver
Mary Warren: Marie-Luise Stockinger
Giles Corey: Martin Schwab
Reverend John Hale: Florian Teichtmeister
John Proctor: Steven Scharf
Rebecca Nurse: Barbara de Koy
Elisabeth Proctor: Dörte Lyssewski
Herrick: Daniel Jesch
Richter Harthorne: Ignaz Kirchner
Danforth, Stellvertreter des Gouverneurs: Michael Maertens
Tituba: Barbara Petritsch
Susanna Walcott: Lena Kalisch
Mercy Lewis: Christina Cervenka

Wäre es nach mir gegangen, würde derzeit Martin Kusej als einer der besten zeitgenössischen Regisseure das Burgtheater leiten. Immerhin ist er inzwischen nach längerer Zeit wieder als Regisseur präsent.

Millers Hexenjagd ist ein passendes Stück, um das Jahr 2016 abzuschließen, steht doch die Anfälligkeit der Menschen für Unvernunft & Paranoia im Mittelpunkt. Anfang 1953 uraufgeführt war es von Miller als Auseinandersetzung mit der irrationalen Kommunistenjagd der McCarthy-Ära angelegt. Als Analogie wählte der Dramatiker die in die amerikanische Geschichte eingegangene Hexenhysterie in Salem Ende des 17. Jahrhunderts. Ironischerweise ist das Religionsthema heutzutage aktueller als zur Zeit McCarthys, weshalb der indirekte Aspekt stärker als bei der Uraufführung in den Vordergrund rückt.

Kaum ein Klassiker zeigt besser, was passiert, wenn religiöser Fanatismus auf menschliche Feigheit trifft. Das Bühnenbild bringt das sehr gut auf den Punkt: Ein Wald überdimensionaler Kruzifixe ragt in den Himmel. In ihm spielt sich symptomatisch ein großer Teil der Handlung ab. Kusej inszeniert das Drama mit einer beklemmenden Langsamkeit, weshalb der Abend auch dreieinhalb Stunden dauert. Die dramatische Dehnung ist an der Grenze des Erträglichen, funktioniert theatralisch aber deutlich besser als von mir erwartet. Das Ensemble ist ohne Ausnahme stark, speziell Steven Scharf als John Proctor sei hervorgehoben. Auch die hetzerische Schmierigkeit des Reverend Parris wird von Philipp Hauß grandios auf die Bühne gebracht.

Es mag sein, dass diese Wiener Hexenjagd nicht Kusejs beste Inszenierung ist. Das reicht aber, um besser zu sein als fast alles, was in Wien am Theater sonst so zu sehen ist.

Ludwig II. – nach dem Film von Visconti

Akademietheater 22.12. 2016

Regie: Bastian Kraft

Ludwig: Markus Meyer

Elisabeth: Regina Fritsch

Wagner: Johann Adam Oest

Selten habe ich bisher einen so grandiosen Einsatz von Videotechnik auf einer Theaterbühne gesehen. Bastian Kraft bricht den Einsatz von Videobildern auf mehreren Ebenen, unter anderem durch die Montage eines schrägen riesigen Spiegels, der drehbar über der gesamten Bühne hängt. Der Rhythmus, die Choreographie und das Zusammenspiel mit den hervorragenden Schauspielern ist von einer makellosen Präzision. Man sitzt im Zuschauerraum und bestaunt diese theatralische Handwerkskunst. Gleichzeitig quält mich die Frage: Warum?

Warum soll ich mir die Theaterfassung eines Filmklassikers ansehen, der Elemente des Films stark gekürzt via Video reproduziert? Als Vorbereitung sah ich mir Viscontis Film in Wagnerlänge nach vielen Jahren wieder einmal an. Dessen kompromisslose Ästhetik hat ebenso ihre Verdienste, wie die implizite und explizite Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Politik & Kunst. Als Anlass für eine furiose Videoinszenierung hätte es jede Menge interessanterer Stoffe gegeben. Kraft baut zaghaft eine weitere Ebene in seine Inszenierung ein, indem er in den Videos ab und zu das Drehen des Films selbst thematisiert, was für mich keinen Mehrwert hat und gewollt gekünstelt wirkt.

Wem eine furiose Videoinszenierung für einen Theaterbesuch ausreicht, wird einen tollen Abend haben.

Ayad Akhtar: Geächtet

Burgtheater 27.11. 2016

Regie: Tina Lanik

Amir: Fabian Krüger
Emily: Katharina Lorenz
Issac: Nicholas Ofczarek
Jory: Isabelle Redfern
Abe: Christoph Radakovits

Ein schwieriger Theaterabend. Das liegt weder am exzellent agierendem Ensemble noch am plausibel reduziertem Bühnenbild. Auch die Inszenierung leistet gute Arbeit, obwohl das teils langsame Tempo nicht immer zu diesem schnellen Genre passt.

Es ist das Stück selbst, mit dem ich ein Problem habe. Es setzt sich provokant mit dem Islam auseinander, was natürlich den großen internationalen Erfolg erklärt. Ein sehr erfolgreicher New Yorker Anwalt, der ursprünglich als Moslem aus Pakistan kam, verleugnet sowohl seine Herkunft als auch seine Religion zugunsten der Karriere. Er ist mit einer islamophilen amerikanischen Künstlerin verheiratet, während er den Islam radikal kritisiert. Ins Spiel kommt dann mit Isaac noch ein jüdischer Galerist und schon haben wir die dramaturgisch gewünschte explosive Mischung.

Das Drama ist ein Konversationsstück und steht in der Tradition von Who is afraid of Virgina Woolf?, erinnert aber ebenso an die Bühnenerfolge der Yasmina Reza. Wobei Geächtet nicht an einem Abend spielt, sondern sich zeitlich länger erstreckt. Der Ablauf ist aber derselbe: Hier ist es Amir, dessen Leben am Ende völlig ruiniert ist. Als Zuseher stellt man sich nun die Frage, nach dem Grund für diesen moralischen und nervlichen Zusammenbruch und hier drängt sich – auch dank der Wortspenden Isaacs – eine unerfreuliche Interpretation auf: Der lange verleugnete „barbarische“ Moslem bricht in ihm durch. Frei nach dem Motto: Einmal Moslem, immer Moslem. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass sich Amirs junger Verwandter Abe parallel zu einem Islamisten wandelt. Das Stück wandelt damit auf einem unerfreulich schmalen Grat zwischen (sehr!) berechtigter Islamkritik und populistischer Islamophobie.

Ferdinand Schmalz: der herzerlfresser

Akademietheater 25.11. 2016

Regie: Alexander Wiegold

gansterer andi: Merlin Sandmeyer

acker rudi: Johann Adam Oest

fauna florentina: Irina Sulaver

pfeil herbert: Sebastian Wendelin

fußpflege irene: Peter Knaack

Mental eingestellt und vorbereitet bin ich auf Shakespeares Coriolan als ich im Akademietheater erfahre, dass sie wegen des Bühnenunfalls eines der Protagonisten vom Vortag als Ersatz Schmalz‘ herzerlfresser spielen. Ein unerwarteter vierhundertjähriger Sprung in die österreichische Gegenwartsdramatik also.

Die Handlung des Stücks spielt in der (steirischen?) Gegenwart, knüpft aber an eine gespenstische Mordserie an, welche das Mürztal vor knapp 250 Jahren heimsuchte, wobei der Titel schon die Pointe verrät: Es treibt ein kannibalistischer Frauenmörder sein Unwesen. In der Gegenwart finden die Morde kurz vor der Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums statt, weshalb der Bürgermeister die Taten zu vertuschen versucht. Gleichzeitig werden die teils seltsamen Liebesbeziehungen der fünf Protagonisten ausgelotet. Die Trostlosigkeit der Provinz darf als Topos der österreichischen Literatur natürlich auch nicht fehlen.

So eine Inhaltsangabe wird dem Theaterabend aber nicht gerecht, weil die Ästhetik stark auf Artifizialität beruht. Nicht nur ist die Sprache eine Kunstsprache und werden manche Figuren ins Groteske überhöht. Auch das Bühnenbild, welches ausschließlich aus herabhängenden „Glitzerlianen“ besteht, verstärkt diese Abstraktheit.

Insgesamt ein erfreulicher Theaterabend, was nicht zuletzt an der überzeugenden schauspielerischen Leistung liegt.

Carl Laufs, Wilhelm Jacoby: Pension Schöller

Burgtheater 30.10. 2016

Regie: Andreas Kriegenburg

Philipp Klapproth: Roland Koch
Ulrike Sprosser, Witwe, seine Schwester: Alexandra Henkel
Ida, ihre Tochter: Alina Fritsch
Franziska, ihre Tochter: Marta Kizyma
Alfred Klapproth: Tino Hillebrand
Ernst Kissling, Maler, Alfreds Freund: Martin Vischer
Fritz Bernhardy: Michael Masula
Josephine Krüger, Schriftstellerin: Christiane von Poelnitz
Schöller, ehemaliger Musikdirektor: Bernd Birkhahn
Amalie Pfeiffer, seine Schwägerin: Sabine Haupt
Friederike, ihre Tochter: Aenne Schwarz
Eugen Rümpel: Max Simonischek
Gröber, Major a.D.: Dietmar König
Jean, Zahlkellner: Sabine Haupt

Etwa alle zwei Jahre gibt das Burgtheater einer Zwangsneurose nach, nämlich leichte Kost auf die große Bühne zu bringen. Ebenso regelmäßig entsteht dadurch keine Theaterkunst, sondern eine Theaterkatastrophe. Ich ergreife deshalb in der Pause nach deutlich über zwei Stunden die Flucht.

Diese Mal verwendet man zu diesem Behufe einen modern modifizierten Schwank-Klassiker aus dem Jahr 1890. Die üblichen Mittel der Boulevardkomödie werden reichlich eingesetzt, von Sprachfehlern über Verwechslungsgags bis hin zu skatologischem und sexistischem Humor. Weniges davon ist wirklich komisch. Am besten sind noch die Burgschauspieler, die dreieinhalb Stunden ihren Unfug und Slapstick treiben dürfen, was sie durchaus auf hohem Niveau machen.

Ansonsten ein schwer zu rechtfertigender Burgtheater-Missbrauch. Dass sich Andreas Kriegenburg für diese niveaulose Trottelei nicht zu schade war, wird seinem Ruf schaden.

Goethe: Torquato Tasso

Burgtheater 28.9. 2016

Regie: Martin Laberenz

Alfons der Zweite, Herzog von Ferrara: Ignaz Kirchner
Leonore von Este, seine Schwester: Andrea Wenzl
Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano: Dorothee Hartinger
Torquato Tasso, Hofdichter: Philipp Hauß
Antonio Montecatino, Staatssekretär: Ole Lagerpusch
Musiker: Friederike Bernhardt

Als ich das Stück zur Vorbereitung auf den Theaterabend wieder einmal lese, wirkt der Beginn behäbiger als ich ihn in Erinnerung hatte. Das Drama gewinnt freilich rasant an Fahrt als der Streit zwischen Tasso und Antonio ausbricht. Antonio sieht in Tasso einen verweichlichten Drückeberger vor dem harten Alltag des Lebens und lässt ihn das mit deutlichen Worten wissen. Tasso zieht provoziert sein Schwert, ein Sakrileg am Hof in Belriguardo, worauf ihn sein Herzog und Mäzen in sein Zimmer verbannt. Zusätzlich ist das Stück durch das unterdrückte Begehren getrieben, welches die beiden Damen am Hofe für den Dichter empfinden.

Für den Goethefreund ist das Stück natürlich eine Fundgrube, denn als Minister am Weimarer Hof kannte der Geheimrat selbstverständlich beide Seiten des Lebens, die künstlerisch-kreative wie die politisch-administrative.

Das Drama lebt vom klassischen Versmaß sowie seinen sprachlichen und intellektuellen Subtilitäten. Goethe bezeichnete seinen Tasso lange als „theaterscheu“, weil er dessen Ästhetik für die Bühne ungeeignet fand.

Martin Laberenz versucht dieses Dilemma durch eine Art Abstraktheit zu lösen. So besteht das Bühnenbild teilweise aus geometrischen Formen und bleibt räumlich im Vagen. Erfreulicherweise behält er die gebundene Sprache Goethes bei, lässt sie aber oft so schnoddrig „alltäglich“ sprechen, dass sie oft mehr gequält als gebunden wirkt. Tasso und Antonio mit zwei gleichaltrigen Männern zu besetzen, nimmt die für das Stück wichtige Altersdynamik aus der Inszenierung heraus. Das Artifizielle dieser Aufführung hat zu wenig inneren Bezug zum Text, um mich zu überzeugen. Die bunten Fantasiekostüme passen wiederum nicht zum abstrakten Bühnenbild. Die neue Burgtheatersaison beginnt also mäßig.

Joël Pommerat: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Akademietheater 9.6. 2016

Regie: Peter Wittenberg

mit
Frida-Lovisa Hamann
Dorothee Hartinger
Sabine Haupt
Dörte Lyssewski
Petra Morzé
Markus Hering
Daniel Jesch
Dirk Nocker
Martin Reinke

Ich betrete angesichts der Bezeichnung „Erfolgsstück“ das Akademietheater ziemlich skeptisch. Wie das Burgtheater erlaubt man sich hier ja ab und zu auch, die Grenzen zum Boulevard zu überschreiten. Meine Befürchtung ist aber unbegründet, Die Wiedervereinigung der beiden Koreas ist eine intelligente und originelle Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Facetten der Liebe. Pommerat wählte die Form des Episodendramas: Ähnlich wie in Schnitzlers Reigen handelt es sich um die Aneinanderreihung von zwanzig höchst unterschiedlichen Szenen. Dabei wird die gesamte Gefühlsskala durchdekliniert, von komisch-anekdotisch bis zu tragisch-dramatisch. Anders als bei Schnitzler fehlen allerdings strukturelle Bezüge zwischen den Episoden, welche über das verbindende abstrakte Thema hinausgehen. Durch eine intelligente Verknüpfung der einzelnen Geschichten hätte das Stück noch sehr gewonnen.

Die Beteiligten des Burgtheaterensembles nutzen selbstverständlich diese Gelegenheit, um ihre Schauspielkunst von allen Seiten zu zeigen. Die Inszenierung ist wohltuend zurückhaltend und trennt die einzelnen Szenen deutlich mit Hilfe von hell leuchtenden Lichtstäben, die beim Wechsel quasi die alte Episode wegwischen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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