Wien Oper

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La Boheme

Wiener Staatsoper 14.3.18

Dirigentin: Speranza Scappucci
Regie und Bühnenbild: Franco Zeffirelli

Rodolfo: Jean-François Borras
Mimì: Anita Hartig
Marcello: Orhan Yildiz
Musetta: Valentina Nafornita
Schaunard: Igor Onishchenko
Colline: Jongmin Park
Benoit: Marcus Pelz
Alcindoro: Marcus Pelz

Musikalisch makellos in einer peinlich verstaubten Inszenierung. Mehr ist nicht zu sagen.

Ariadne auf Naxos

Wiener Staatsoper 29.11. 17

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Sven-Eric Bechtolf
Der Haushofmeister: Peter Mati?
Ein Musiklehrer: Markus Eiche
Der Komponist: Rachel Frenkel
Der Tenor (Bacchus): Stephen Gould
Zerbinetta: Erin Morley
Die Primadonna (Ariadne): Lise Davidsen

Ein intelligentes Libretto ist bei Opern leider keine Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt deshalb stellt die Zusammenarbeit des Richard Strauss‘ mit Hugo von Hofmannsthal einen Höhepunkt des Genres dar. Ariadne auf Naxos ist ihr drittes Gemeinschaftsprojekt und entstand kurz nach dem Rosenkavalier. Sie ist als Kammeroper konzipiert, weshalb der Orchestergraben der Wiener Staatsoper halb leer ist. Was die Oper so ungewöhnlich macht, ist die umfassende ästhetische Reflexion. Es werden nicht nur die Produktionsbedingungen in einer feudalistischen Gesellschaft kritisch reflektiert, sondern auch die formale und emotionale Wirkung eines Werks.

Schon zu Beginn des Stücks wird das Setting klar: Einer der reichsten Menschen der Stadt beauftragt zur Unterhaltung eine Opera seria, die der junge Komponist mit Ariadne auf Naxos als eine düstere Allegorie auf die existenzielle menschliche Einsamkeit anlegt. Deshalb ist er naturgemäß empört als er vernimmt, dass nach seinem Stück noch eine komische Opera buffa gegeben werden soll. Die Botschaft ist klar: Die Kunst wird hier durch den Mäzen stark kompromittiert. Es kommt aber noch übler: Kurz vor Beginn bildet sich der Auftraggeber ein, beide Stücke gleichzeitig innerhalb einer Stunde aufzuführen. Schließlich beginne das Feuerwerk um 9 Uhr. Nach einer Schockstarre arrangieren sich die Künstler damit, kann doch niemand auf das Honorar verzichten. Damit ist das Vorspiel beendet.

Der zweite Teil besteht nun in der Doppelaufführung der Stücke. In der Inszenierung Bechtolfs findet sie buchstäblich vor einem kleinen Zuschauerraum statt auf dem die Aristokraten sitzen. Auf der Metaebene findet jetzt die Auseinandersetzung zwischen Tragik und Komik statt und man wird zur Reflexion über Genregrenzen quasi gezwungen.

Musikalisch wird das exzellent vorgetragen. Kein Wunder angesichts der hochkarätigen Besetzung. Auch Bechtolfs Inszenierung unterstreicht die Thematik durch einige Einfälle gut (zerstörte Klavierflügel als Dekoration im zweiten Teil). Ein makelloser Opernabend.

Verdi: La Traviata

Wiener Staatsoper 27.9. 17

Dirigent: James Gaffigan
Regie: Jean-Francois Sivadier
Violetta Valéry: Olga Peretyatko
Flora Bervoix: Ilseyar Khayrullova
Annina: Bongiwe Nakani
Alfredo Germont: Jean-François Borras
Giorgio Germont: Paolo Rumetz
Gaston: Carlos Osuna

Meine Opernsaison eröffnet eine unerwartet makellose La Traviata. Statt auf das übliche italienische Stimmenspektakel setzen alle Beteiligten sehr überzeugend auf die lyrische Seite von Verdis Musik. Die leisen Töne werden differenziert statt effekthascherisch gesungen – und das auf durchgehend hohem Niveau. Besonders herausragend gab Paolo Rumetz den Widersacher der Violetta. Auch der Chor phrasiert deutlich präziser als bei meinen letzten Besuchen.
Weniger überzeugend finde ich die Inszenierung, welche viel mit vom Bühnendach herabgelassenen Bildern wie Wolken arbeitet. Der semiotische Mehrwert vieler dieser Ensembles war in meinen Augen nicht schlüssig bzw. teilweise sogar widersprüchlich.

Donizetti: Don Pasquale

Staatsoper 14.6. 27

Dirigent: Speranza Scappucci
Regie: Irina Brook
Don Pasquale: Michele Pertusi
Ernesto: Antonino Siragusa
Malatesta: Gabriel Bermúdez
Norina: Danielle de Niese
Notar: Mihail Dogotari

Die Oper fällt ins komische Fach. Obwohl das Libretto einige feministische Tendenzen aufweist, weil eine kluge junge Frau dem notgeilen alten Don Pasquale seine patriarchalischen Grenzen aufzeigt, ist mir der Stoff insgesamt zu albern. Speziell, wenn man das Stück (vielleicht etwas unfair) mit Figaros Hochzeit vergleicht. An dem schauspielerischen Talent des Michele Pertusi liegt es auch nicht, der legt nämlich eine durchaus komische Performance an den Tag und kassiert immer wieder Lacher.
Musikalisch wird wenigstens meisterhaftes Belcanto geboten. Mir persönlich ist die Stimme des Antonino Siragusa etwas zu „metallisch“, weshalb sie auch nicht optimal mit der von Pertusi harmonierte. Das Wiener Staatsopernorchester ist passabel in Form, und es ist immer noch eine positive Überraschung, wenn einmal eine Dirigentin ans Pult tritt.

Aribert Reimann: Medea

Wiener Staatsoper 21.4. 17

Dirigent:Michael Boder
Regie: Marco Arturo Marelli
Medea: Claudia Barainsky
Kreusa: Stephanie Houtzeel
Gora: Monika Bohinec
Kreon: Norbert Ernst
Jason: Adrian Eröd
Herold: Daichi Fujiki

Mehr als sieben Jahre ließ sich die Staatsoper Zeit, diese Neuproduktion von Reimanns Medea wieder einmal ins Programm zu nehmen. Völlig unverständlich angesichts des hohen musikalischen und inszenatorischen Niveaus dieser Aufführung. Wer daran zweifelt, dass die „alte“ Wiener Staatsoper auch zeitgenössisches Musiktheater auf höchstem Niveau auf die Bühne bringen kann, wird hier eines besseren belehrt.
Musikalisch bewegt sich Reimann im üblichen Formkanon der neuen Musik, bringt diesen aber hervorragend mit dem Medea-Stoff zusammen. Dieser Mythos von der ausgestoßenen „barbarischen“ Frau aus einer fremden Kultur ist in Europa ja leider wieder so aktuell wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Das auf eine Felslandschaft reduzierte Bühnenbild mit einem in der Luft hängenden Quader als Palast Kreons und die mit symbolischen Farben arbeiteten Kostüme passen ausgezeichnet zu dem Stoff. Die Aufführung entfaltet eine Wucht, wie man sie etwa von Richard Strauß Elektra kennt. Alle Sänger sind in Bestform und auch das Orchester hat sich die Partitur vorbildlich erarbeitet. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Staatsoper mehr auf Zeitgenössisches setzt.

Puccini: La Fanciulla del West

Wiener Staatsoper 30.11. 2016

Regie und Licht: Marco Arturo Marelli
Dirigent: Mikko Franck

Marco Arturo Marelli | Bühnenbild
Dagmar Niefind | Kostüme

Minnie: Eva-Maria Westbroek
Sheriff Jack Rance: Tomasz Konieczny
Dick Johnson (Ramerrez): José Cura
Nick: Joseph Dennis
Ashby: Alexandru Moisiuc

Ein Western als italienische Oper? Puccini wagt dieses Experiment. Gewöhnungsbedürftig ist es auf jeden Fall, passt der italienische Operngesang mental doch so gar nicht zum Wilden Westen, wo wir spätestens seit dem Italowestern wortkarge Antihelden erwarten. Dieser Kontrast macht natürlich den großen Reiz des Werks aus. Wie schon in Madame Butterfly spielt Puccini hier gekonnt die Karte des Exotischen aus. Viele Elemente des Wilden Westens sind großzügig vertreten: Whisky, Goldsucher, Sheriff & Banditen, eine Wirtin mit Herz. Angereichert ist das Libretto freilich noch mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Narrativ ist das für eine Oper durchaus gekonnt zu Papier gebracht.

Die Inszenierung zählt zu den gelungensten, die derzeit in der Staatsoper zu sehen sind. Sie setzt auf einen gemäßigten Realismus (auch in den Kostümen), was gut zur Atmosphäre des Stückes passt. Musikalisch ist der Abend ebenfalls hervorragend. Speziell Konieczny kannte ich bisher nur als exzellenten Wagnersänger und hätte nicht gedacht, dass er auch im italienischen Fach so gut glänzen kann.

Turandot

Wiener Staatsoper 7.9. 2016

Dirigent: Marco Armiliato
Regie: Arturo Marelli

Turandot: Lise Lindstrom
Timur: Dan Paul Dumitrescu
Calaf: Marcello Giordani
Liù: Olga Bezsmertna

Puccini starb, bevor er Turandot abschließen konnte. Das Ende der Oper ist auch deshalb kein Glanzstück, weil die plötzliche Wandelung der grausamen und kaltherzigen Prinzessin Turandot in eine heißblütige Julia völlig unglaubwürdig ist. Überhaupt ist das Libretto mit seiner Mischung aus Märchen und Brutalität stellenweise misslungen. Dieses Misslingen transponiert Arturo Marelli in seine Inszenierung, wo zirkushafte Einlagen mit Clowns und Akrobaten so gar nicht zu den prominent platzierten abgeschlagenen Köpfen passen wollen.

Vokal war der Abend hervorragend. Das Wiener Staatsopernorchester war dagegen hörbar noch in der Sommerpause. Auch der Chor neigte zur klanglichen Schwammigkeit. Insgesamt aber ein akzeptabler Opernabend.

Janácek: Jenufa

Wiener Staatsoper 20.5. 2016

Dirigent: Ingo Metzmacher
Inszenierung: David Pountney

Laca Klemen: Christian Franz
Stewa Buryjia: Marian Talaba |
Die Küsterin Buryja: Angela Denoke
Jenufa: Dorothea Röschmann

Traditionellerweise lieben Opern „große“ Stoffe: Gerne mythologischer oder historischer Natur. Die bevorzugten Helden der klassischen Oper ist die bessere Gesellschaft. Ausnahmen sind einige komische Opern, aber selbst Figaros Hochzeit spielt ja trotz des namensgebenden Titelhelden in Adelskreisen. Im Theater ändert sich diese Präferenz für das Drama in der zweiten Hälfte, man denke nur an Büchner oder Ibsen.

Die 1904 uraufgeführte Jenufa passt gut in diese Reihe, steht doch der Mord an einem unehelichen Kind im Mittelpunkt der Oper. Sozialkritisch werden die konservativen Wertvorstellungen in der tschechischen Provinz hinterfragt. Musikalisch fand Janácek eine noch heute modern klingende Ausdrucksform für dieses düstere Drama. Die Wiener Staatsoper bringt es in der gewohnten Qualität auf die Bühne. An der orchestralen Leistung ist ebenso wenig etwas auszusetzen als an der vokalen. Einzig Christian Franzs stimmliche Dominanz bringt das Ensemble ab und an aus dem akustischen Gleichgewicht. Das karge Bühnenbild passt gut zur Handlung. Eine Bereicherung des Repertoires.

Richard Strauss: Elektra

Wiener Staatsoper 25.11. 2015

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Uwe Eric Laufenberg

Klytämnestra: Anna Larsson
Elektra: Nina Stemme
Chrysothemis: Regine Hangler
Orest: Iain Paterson
Aegisth: Herbert Lippert

Elektra ist ein Stoff, der gut in unsere emotional aufgeladenen Zeiten passt. Wie fest verwurzelt das Bedürfnis nach Rache im Menschen ist, kann man in diesen Wochen in Paris beobachten, wo sich das Militär nach den Anschlägen vor Freiwilligenmeldungen gar nicht retten kann.

Richard Strauss sprengte 1909 nicht nur die Grenzen der Tonalität um die Wucht dieser Rachegeschichte auf die Opernbühne zu bringen. Nina Stemme ist in Wien nicht nur eine großartige Brünnhilde, sondern eine ebenso exzellente Elektra. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Leichtigkeit sie die schwierige Partie singt. Auf diesem Niveau mitzuhalten ist für die anderen auf der Bühne nicht einfach, die musikalische Qualität des Abends ist aber durchgehend hoch.

Die Inszenierung ist für Wiener Verhältnisse sehr modern. Gleich zu Beginn ist etwa eine nackte Frau auf der Bühne, und es gibt trotzdem keine Ohnmachtsanfälle der anwesenden Hofratswitwen. Das Bühnenbild erinnert an einen Gefängnishof und ein Paternoster bringt die handelnden Figuren in und aus dem Haus. Nach dem Finale dient der altmodische Aufzug zum Transport diverser Leichen.

Mussorgski: Chowanschtschina

Wiener Staatsoper 30.9. 2015

Dirigent: James Conlon
Regie: Lev Dodin

Iwan Chowanski: Dmitry Belosselskiy
Andrei Chowanski: Christopher Ventris
Golizyn: Herbert Lippert
Schaklowity: Evgeny Nikitin
Dossifei: Ain Anger
Marfa: Elena Maximova
Schreiber: Norbert Ernst

Für mich war Chowanschtschina die unerwartete Entdeckung eines düsteren Meisterwerks, das hervorragend in unsere Zeitläufte passt. Russische Warlords, Verzeihung: Fürsten, treiben ihr kompetitives Unwesen mit den kriegsüblichen Begleiterscheinungen: Morde und Vergewaltigungen, angetrieben von Machtgier und Dummheit.
Musikalisch setzt das Mussorgski beeindruckend in Szene: Neben ausdrucksstarken Individualstimmen, überzeugen vor allem die vielen Chorszenen, die ein weites Spektrum von klagenden Gesängen bis zu sakralartigen Chorälen einsetzen. Vokal wird ausnahmelos auf hohem Niveau gesungen. Instrumental tangiert der Komponist immer wieder wirkungsstarke Disharmonien.

Die Inszenierung ist eine der besten, die derzeit an der Wiener Staatsoper zu sehen ist. Die düstere Thematik wird durch entsprechende Lichtregie ergänzt. Die Figuren bewegen sich auf einem mehrstöckigen Gerüst, dass dank der Bühnentechnik im Boden versenkbar ist. Das ist an sich schon symbolträchtig, wird durch die wilden Verzierungen aber noch verstärkt, mit der sich religiöse Symbolik assozieren lässt: Neben eindeutigen Kreuzen sind viele windschiefe, kreuzähnliche Strukturen zu sehen. Überhaupt ist die Religion ein wichtiges Handlungselement, endet die Handlung doch mit einem rituellen Massenselbstmord.

Chowanschtschina sollte mindestens so oft auf den Opernspielplänen zu finden sein wie der viel bekanntere Boris Godunow. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich diesen Wiener Opernglücksfall nicht entgehen lassen.

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(5. Januar 2013)

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