Wien Oper

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Verdi: La Traviata

Wiener Staatsoper 27.9. 17

Dirigent: James Gaffigan
Regie: Jean-Francois Sivadier
Violetta Valéry: Olga Peretyatko
Flora Bervoix: Ilseyar Khayrullova
Annina: Bongiwe Nakani
Alfredo Germont: Jean-François Borras
Giorgio Germont: Paolo Rumetz
Gaston: Carlos Osuna

Meine Opernsaison eröffnet eine unerwartet makellose La Traviata. Statt auf das übliche italienische Stimmenspektakel setzen alle Beteiligten sehr überzeugend auf die lyrische Seite von Verdis Musik. Die leisen Töne werden differenziert statt effekthascherisch gesungen – und das auf durchgehend hohem Niveau. Besonders herausragend gab Paolo Rumetz den Widersacher der Violetta. Auch der Chor phrasiert deutlich präziser als bei meinen letzten Besuchen.
Weniger überzeugend finde ich die Inszenierung, welche viel mit vom Bühnendach herabgelassenen Bildern wie Wolken arbeitet. Der semiotische Mehrwert vieler dieser Ensembles war in meinen Augen nicht schlüssig bzw. teilweise sogar widersprüchlich.

Donizetti: Don Pasquale

Staatsoper 14.6. 27

Dirigent: Speranza Scappucci
Regie: Irina Brook
Don Pasquale: Michele Pertusi
Ernesto: Antonino Siragusa
Malatesta: Gabriel Bermúdez
Norina: Danielle de Niese
Notar: Mihail Dogotari

Die Oper fällt ins komische Fach. Obwohl das Libretto einige feministische Tendenzen aufweist, weil eine kluge junge Frau dem notgeilen alten Don Pasquale seine patriarchalischen Grenzen aufzeigt, ist mir der Stoff insgesamt zu albern. Speziell, wenn man das Stück (vielleicht etwas unfair) mit Figaros Hochzeit vergleicht. An dem schauspielerischen Talent des Michele Pertusi liegt es auch nicht, der legt nämlich eine durchaus komische Performance an den Tag und kassiert immer wieder Lacher.
Musikalisch wird wenigstens meisterhaftes Belcanto geboten. Mir persönlich ist die Stimme des Antonino Siragusa etwas zu „metallisch“, weshalb sie auch nicht optimal mit der von Pertusi harmonierte. Das Wiener Staatsopernorchester ist passabel in Form, und es ist immer noch eine positive Überraschung, wenn einmal eine Dirigentin ans Pult tritt.

Aribert Reimann: Medea

Wiener Staatsoper 21.4. 17

Dirigent:Michael Boder
Regie: Marco Arturo Marelli
Medea: Claudia Barainsky
Kreusa: Stephanie Houtzeel
Gora: Monika Bohinec
Kreon: Norbert Ernst
Jason: Adrian Eröd
Herold: Daichi Fujiki

Mehr als sieben Jahre ließ sich die Staatsoper Zeit, diese Neuproduktion von Reimanns Medea wieder einmal ins Programm zu nehmen. Völlig unverständlich angesichts des hohen musikalischen und inszenatorischen Niveaus dieser Aufführung. Wer daran zweifelt, dass die „alte“ Wiener Staatsoper auch zeitgenössisches Musiktheater auf höchstem Niveau auf die Bühne bringen kann, wird hier eines besseren belehrt.
Musikalisch bewegt sich Reimann im üblichen Formkanon der neuen Musik, bringt diesen aber hervorragend mit dem Medea-Stoff zusammen. Dieser Mythos von der ausgestoßenen „barbarischen“ Frau aus einer fremden Kultur ist in Europa ja leider wieder so aktuell wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Das auf eine Felslandschaft reduzierte Bühnenbild mit einem in der Luft hängenden Quader als Palast Kreons und die mit symbolischen Farben arbeiteten Kostüme passen ausgezeichnet zu dem Stoff. Die Aufführung entfaltet eine Wucht, wie man sie etwa von Richard Strauß Elektra kennt. Alle Sänger sind in Bestform und auch das Orchester hat sich die Partitur vorbildlich erarbeitet. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Staatsoper mehr auf Zeitgenössisches setzt.

Puccini: La Fanciulla del West

Wiener Staatsoper 30.11. 2016

Regie und Licht: Marco Arturo Marelli
Dirigent: Mikko Franck

Marco Arturo Marelli | Bühnenbild
Dagmar Niefind | Kostüme

Minnie: Eva-Maria Westbroek
Sheriff Jack Rance: Tomasz Konieczny
Dick Johnson (Ramerrez): José Cura
Nick: Joseph Dennis
Ashby: Alexandru Moisiuc

Ein Western als italienische Oper? Puccini wagt dieses Experiment. Gewöhnungsbedürftig ist es auf jeden Fall, passt der italienische Operngesang mental doch so gar nicht zum Wilden Westen, wo wir spätestens seit dem Italowestern wortkarge Antihelden erwarten. Dieser Kontrast macht natürlich den großen Reiz des Werks aus. Wie schon in Madame Butterfly spielt Puccini hier gekonnt die Karte des Exotischen aus. Viele Elemente des Wilden Westens sind großzügig vertreten: Whisky, Goldsucher, Sheriff & Banditen, eine Wirtin mit Herz. Angereichert ist das Libretto freilich noch mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Narrativ ist das für eine Oper durchaus gekonnt zu Papier gebracht.

Die Inszenierung zählt zu den gelungensten, die derzeit in der Staatsoper zu sehen sind. Sie setzt auf einen gemäßigten Realismus (auch in den Kostümen), was gut zur Atmosphäre des Stückes passt. Musikalisch ist der Abend ebenfalls hervorragend. Speziell Konieczny kannte ich bisher nur als exzellenten Wagnersänger und hätte nicht gedacht, dass er auch im italienischen Fach so gut glänzen kann.

Turandot

Wiener Staatsoper 7.9. 2016

Dirigent: Marco Armiliato
Regie: Arturo Marelli

Turandot: Lise Lindstrom
Timur: Dan Paul Dumitrescu
Calaf: Marcello Giordani
Liù: Olga Bezsmertna

Puccini starb, bevor er Turandot abschließen konnte. Das Ende der Oper ist auch deshalb kein Glanzstück, weil die plötzliche Wandelung der grausamen und kaltherzigen Prinzessin Turandot in eine heißblütige Julia völlig unglaubwürdig ist. Überhaupt ist das Libretto mit seiner Mischung aus Märchen und Brutalität stellenweise misslungen. Dieses Misslingen transponiert Arturo Marelli in seine Inszenierung, wo zirkushafte Einlagen mit Clowns und Akrobaten so gar nicht zu den prominent platzierten abgeschlagenen Köpfen passen wollen.

Vokal war der Abend hervorragend. Das Wiener Staatsopernorchester war dagegen hörbar noch in der Sommerpause. Auch der Chor neigte zur klanglichen Schwammigkeit. Insgesamt aber ein akzeptabler Opernabend.

Janácek: Jenufa

Wiener Staatsoper 20.5. 2016

Dirigent: Ingo Metzmacher
Inszenierung: David Pountney

Laca Klemen: Christian Franz
Stewa Buryjia: Marian Talaba |
Die Küsterin Buryja: Angela Denoke
Jenufa: Dorothea Röschmann

Traditionellerweise lieben Opern „große“ Stoffe: Gerne mythologischer oder historischer Natur. Die bevorzugten Helden der klassischen Oper ist die bessere Gesellschaft. Ausnahmen sind einige komische Opern, aber selbst Figaros Hochzeit spielt ja trotz des namensgebenden Titelhelden in Adelskreisen. Im Theater ändert sich diese Präferenz für das Drama in der zweiten Hälfte, man denke nur an Büchner oder Ibsen.

Die 1904 uraufgeführte Jenufa passt gut in diese Reihe, steht doch der Mord an einem unehelichen Kind im Mittelpunkt der Oper. Sozialkritisch werden die konservativen Wertvorstellungen in der tschechischen Provinz hinterfragt. Musikalisch fand Janácek eine noch heute modern klingende Ausdrucksform für dieses düstere Drama. Die Wiener Staatsoper bringt es in der gewohnten Qualität auf die Bühne. An der orchestralen Leistung ist ebenso wenig etwas auszusetzen als an der vokalen. Einzig Christian Franzs stimmliche Dominanz bringt das Ensemble ab und an aus dem akustischen Gleichgewicht. Das karge Bühnenbild passt gut zur Handlung. Eine Bereicherung des Repertoires.

Richard Strauss: Elektra

Wiener Staatsoper 25.11. 2015

Dirigent: Peter Schneider
Regie: Uwe Eric Laufenberg

Klytämnestra: Anna Larsson
Elektra: Nina Stemme
Chrysothemis: Regine Hangler
Orest: Iain Paterson
Aegisth: Herbert Lippert

Elektra ist ein Stoff, der gut in unsere emotional aufgeladenen Zeiten passt. Wie fest verwurzelt das Bedürfnis nach Rache im Menschen ist, kann man in diesen Wochen in Paris beobachten, wo sich das Militär nach den Anschlägen vor Freiwilligenmeldungen gar nicht retten kann.

Richard Strauss sprengte 1909 nicht nur die Grenzen der Tonalität um die Wucht dieser Rachegeschichte auf die Opernbühne zu bringen. Nina Stemme ist in Wien nicht nur eine großartige Brünnhilde, sondern eine ebenso exzellente Elektra. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Leichtigkeit sie die schwierige Partie singt. Auf diesem Niveau mitzuhalten ist für die anderen auf der Bühne nicht einfach, die musikalische Qualität des Abends ist aber durchgehend hoch.

Die Inszenierung ist für Wiener Verhältnisse sehr modern. Gleich zu Beginn ist etwa eine nackte Frau auf der Bühne, und es gibt trotzdem keine Ohnmachtsanfälle der anwesenden Hofratswitwen. Das Bühnenbild erinnert an einen Gefängnishof und ein Paternoster bringt die handelnden Figuren in und aus dem Haus. Nach dem Finale dient der altmodische Aufzug zum Transport diverser Leichen.

Mussorgski: Chowanschtschina

Wiener Staatsoper 30.9. 2015

Dirigent: James Conlon
Regie: Lev Dodin

Iwan Chowanski: Dmitry Belosselskiy
Andrei Chowanski: Christopher Ventris
Golizyn: Herbert Lippert
Schaklowity: Evgeny Nikitin
Dossifei: Ain Anger
Marfa: Elena Maximova
Schreiber: Norbert Ernst

Für mich war Chowanschtschina die unerwartete Entdeckung eines düsteren Meisterwerks, das hervorragend in unsere Zeitläufte passt. Russische Warlords, Verzeihung: Fürsten, treiben ihr kompetitives Unwesen mit den kriegsüblichen Begleiterscheinungen: Morde und Vergewaltigungen, angetrieben von Machtgier und Dummheit.
Musikalisch setzt das Mussorgski beeindruckend in Szene: Neben ausdrucksstarken Individualstimmen, überzeugen vor allem die vielen Chorszenen, die ein weites Spektrum von klagenden Gesängen bis zu sakralartigen Chorälen einsetzen. Vokal wird ausnahmelos auf hohem Niveau gesungen. Instrumental tangiert der Komponist immer wieder wirkungsstarke Disharmonien.

Die Inszenierung ist eine der besten, die derzeit an der Wiener Staatsoper zu sehen ist. Die düstere Thematik wird durch entsprechende Lichtregie ergänzt. Die Figuren bewegen sich auf einem mehrstöckigen Gerüst, dass dank der Bühnentechnik im Boden versenkbar ist. Das ist an sich schon symbolträchtig, wird durch die wilden Verzierungen aber noch verstärkt, mit der sich religiöse Symbolik assozieren lässt: Neben eindeutigen Kreuzen sind viele windschiefe, kreuzähnliche Strukturen zu sehen. Überhaupt ist die Religion ein wichtiges Handlungselement, endet die Handlung doch mit einem rituellen Massenselbstmord.

Chowanschtschina sollte mindestens so oft auf den Opernspielplänen zu finden sein wie der viel bekanntere Boris Godunow. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich diesen Wiener Opernglücksfall nicht entgehen lassen.

Wagner: Der Ring des Nibelungen

Wiener Staatsoper

Musikalische Leitung: Simon Rattle
Regie: Sven-Eric Bechtolf

Das Rheingold 16.5. 2015

Wotan: Tomasz Konieczny
Loge: Herbert Lippert
Fricka: Michaela Schuster
Erda: Janina Baechle
Alberich: Richard Paul Fink
Fafner: Mikhail Petrenko
Mime: Herwig Pecoraro

Die Walküre 17.5. 2015

Siegmund: Christopher Ventris
Hunding: Mikhail Petrenko
Sieglinde: Martina Serafin
Wotan: Tomasz Konieczny
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Fricka: Michaela Schuster

Siegfried 20.5. 2015

Siegfried: Stephen Gould
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Der Wanderer: Tomasz Konieczny
Alberich: Richard Paul Fink
Mime: Herwig Pecoraro
Erda: Janina Baechle
Fafner: Mikhail Petrenko

Götterdämmerung 25.5. 2015

Siegfried: Stephen Gould
Hagen: Falk Struckmann
Brünnhilde: Evelyn Herlitzius
Gunther: Boaz Daniel
Gutrune: Caroline Wenborne
Alberich: Richard Paul Fink

Simon Rattle hatte nur wenige Male den Parsifal in der Wiener Staatsoper dirigiert. Eine gute Entscheidung des damaligen Direktors Ioan Holenders, denn Rattle ist ein maximal mittelmäßiger Wagner-Dirigent. Beim Rheingold finde ich seine musikalische Herangehensweise noch interessant: Er setzt auf hohe Transparenz und langsame Tempi, was mich manchmal an Celibidache, manchmal sogar an Leonard Bernstein erinnert. Bei der Walküre funktioniert dieses zerfaserte Musizieren nur noch stellenweise und der Feuerzauber des Finales war an Fadesse kaum zu überbieten. Das Ende der Götterdämmerung ditto. Bei manchen Orchesterpassagen hatte ich die ernsthafte Befürchtung, Rattle würde während des Dirigierens einschlafen. Diese Art der Interpretation erzeugt im Idealfall eine unerträgliche Spannung, hier ist sie nur langweilig. Franz Welser-Möst brachte das vor zwei Jahren um Welten besser hin.

Vokal ist dieser Ring dagegen deutlich besser als orchestral. Höhepunkte sind hier Rheingold, wo es wenig auszusetzen gibt, und Siegfried. Sängerisch mein bisher bester dritter Teil des Rings. Das liegt nicht zuletzt an der phänomenalen Form des Stephen Gould, der am Ende der vier Stunden noch so frisch und energiereich sang als sei er eben auf die Bühne getreten. Evelyn Herlitzius als Brünnhilde überzeugt mich dagegen nicht restlos. Sie hat zwar eine enorme Bühnenpräsenz, weil sie ein für die Oper ungewöhnliches schauspielerisches Talent mitbringt. Ihr Stimmvolumen ist ebenfalls beeindruckend. Sie klingt allerdings in den lautesten Passagen für meinen Geschmack zu schrill. Auch die Götterdämmerung bezog ihre musikalische Qualität vor allem von Gould und Herlitzius.

Der berühmte erste Aufzug der Walküre ist auf hohem Niveau enttäuschend. Christopher Ventris singt zwar technisch einwandfrei, ist aber anscheinend nicht wirklich bei der Sache, während Mikhail Petrenko als Hunding und Martina Serafin als Sieglinde ihm deutlich überlegen sind. Michaela Schuster als Fricka liefert immer eine herausragende Leistung ab. Tomasz Konieczny Wotans ist ausnahmelos sehr kraftvoll und treffend, allerdings irritiert seine seltsame Vokalfärbung. Ohne diese wäre er der perfekte Wagner-Wotan.

Über die misslungene Inszenierung habe ich mich ja schon mehrmals ausgelassen, beispielsweise hier.

Puccini: Madama Butterfly

Staatsoper 22.4. 2015

Dirigent: Philippe Auguin
Regie: Josef Gielen

Cio-cio-san, genannt Butterfly: Hui He
B.F.Pinkerton: Jorge de Leon
Sharpless: David Pershall
Suzuki: Monika Bohinec
Kate Pinkerton: Lydia Rathkolb
Goro: Thomas Ebenstein
Yamadori: Peter Jelosits
Onkel Bonze: Alexandru Moisiuc
Kaiserlicher Kommissär: Yevheniy Kapitula

Madame Butterfly zählt nicht zu meinen bevorzugten Puccini-Opern, obwohl sie interessante historische Dimensionen eröffnet. Die vom amerikanischen Offizier Pinkerton arrangierte Scheinehe mit einer ehemaligen japanischen Geisha spricht in Sachen Kolonialismus ohnehin für sich. Sie konvertiert für ihn sogar zum Christentum und wird dafür von einem aufgebrachten Bonzen samt Mob zur Rede gestellt: Ein deutlicher Seitenhieb auf religiöse Intoleranz. Gleichzeitig entspricht das treue und geduldige Warten der Butterfly auf die vermeintliche Rückkehr ihres Mannes auch heute noch dem Frauenbild in unaufgeklärten Gesellschaften.

Musikalisch war der Abend hoch erfreulich. Hui He ist nicht nur stimmlich beeindruckend, sondern auch schauspielerisch auf der Höhe ihrer Rolle. Vokale Schwächen gibt es auch bei den anderen Beteiligten nicht. Auch das Staatsopernorchester liefert ein differenziertes Klangspiel.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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