Wien Literatur

Ignanz Kirchner liest den „Mann ohne Eigenschaften“

Jeden ersten Sonntag eines Monats wird Ignanz Kirchner aus Musils großartigem Roman Der Mann ohne Eigenschaften im Foyer des Burgtheaters vorlesen. Der erste Termin ist am 6. Oktober.

Zu meiner MoE-Notiz.

Kakanien – Neue Heimaten (Folge 1)

Kasino des Burgtheaters 29.3. 2012

Joachim Meyerhoff
Miljenko Jergovic
Anne-Kathrin Godec

Joachim Meyerhoff war der Gastgeber des Abends. Das Konzept: Ein Schauspieler lädt Gäste zum Thema Kakanien ein, dem berühmten Spottbegriff über das Habsburgerreich, den Robert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften (Notiz) prägte.

Den in Zagreb lebenden bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergovic wählte Meyerhoff als Gast, der wiederum Anne-Kathrin Godec mitbrachte, eine nach Kroatien emigrierte Kölnerin, die dort ein Literaturhotel betreibt. Der Abend begann etwas zaghaft, lief dann aber nach und nach zur Hochform auf, was nicht zuletzt den beiden von Meyerhoff vorgelesenen Texten zu verdanken war. Der erste war ein Essay Jergovics, der anhand seines bei der bosnischen Eisenbahn tätigen polyglotten Großvaters qua Schienennetz das alte Europa wieder auferstehen ließ. Der andere war eine – inzwischen gewohnt witzig-profunde – textliche Auseinandersetzung zum Thema Heimat, die Meyerhoff selbst für den Abend geschrieben hatte. Musikalisch abgerundet wurde die Veranstaltung durch Jelena Poprzan und Rina Kacinari. Man nahm einige Denkanstöße mit nach Hause.

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch

Akademietheater 25./26.2. 2002

Teile 1-6:

Amerika, Zuhause in der Psychiatrie, Die Beine meiner Großmutter, Theorie und Praxis, Heute wärst du zwölf, Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Seit Joachim Meyerhoff Mitglied des Burgtheater-Ensembles ist, schätze ich ihn als großartigen Schauspieler. Ich gehe sogar so weit, ihn zu den besten Könnern seines Faches zu zählen, die ich je auf der Bühne sah. Während sich viele Schauspieler Spezialgebiete suchen, ist Meyerhoff von ungewöhnlicher Wandlungsfähigkeit. Sein Mephisto etwa war brillant.

Alle Toten fliegen hoch war ein am Burgtheater von Meyerhoff ins Leben gerufenes „Privatprojekt“, nämlich die Auseinandersetzung mit seiner Biographie in theatralischer bzw. literarischer Form. Als originelles Format wählte er eine Variante der szenischen Lesung. Ab und zu spielt Meyerhoff eine Szene oder greift zu illustrierenden „Requisiten“ aus seinem Leben. Den ersten Teil gibt es auch als Buch: Amerika. Das nächste Buch ist in Arbeit. Als Abschluss konnte man nun alle sechs Teile an einem Wochenende im Akademietheater sehen: Knapp 12 Stunden lang.

Das Ergebnis ist frappant! Meyerhoff ist nicht nur ein ausgesprochen begnadeter Erzähler, der über viele Stunden sein Publikum mit seinen lebenssatten Schilderungen fesselt, sondern auch ein Humorist ersten Ranges. Die Funken, die er aus seiner Biographie schlägt, sind oft hochgradig komisch. Es gibt freilich auch viele tragische und groteske Momente. Am Ende fühlt man sich fast als Teil seiner Familie. Seine scheinbar ausschließlich privaten Anekdoten transzendieren diese Privatheit, wenn er über die Krankheiten und das Sterben von Angehörigen erzählt.

Ich habe mich schon lange nicht mehr über so viele Stunden auf so hohem Niveau unterhalten gefühlt. Es bleibt zu wünschen, dass sich Joachim Meyerhoff weitere literarische Projekte vornimmt.

Die “Gefahren der Vielseitigkeit” – Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag

Jüdisches Museum 7.11.

Eine sehr schöne Ausstellung über Torberg haben die Kuratoren Marcus G. Patka und Marcel Atze zusammengestellt. Gezeigt werden Dokumente über Leben und Werk, darunter viele, gut ausgewählte Original-Briefe von und an Torberg. Allen Büchern sind einzelne Vitrinen gewidmet und natürlich wird auch seine umstrittene publizistische Arbeit im Nachkriegsösterreich sehr gut dokumentiert. An mehreren Stationen kann man Video- und Audiomaterial ansehen bzw. -hören. Literaturausstellungen in dieser Qualität, würde man sich öfters in Wien wünschen.

Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen – Der Nachlass

Ausstellung in der Wiener Nationalbibliothek

Viele interessante Dokumente aus dem Nachlass, nicht zuletzt die bis jetzt nur ansatzweise transkribierten Notizbücher und Korrespondenzen seines Großvaters, Johannes Freumbichler. Darunter befindet sich einiges auch literarhistorisch aufschlussreiches, so ein Brief des Wiener Paul Zsolnay Verlags vom 25. Juni 1938 über ein eingesandtes Manuskript:

Zwar ist man sich wie das bei Ihnen, hochverehrter Freumbichler, ja selbstverständlich ist, völlig einig über die literarische Bedeutung und die stilistischen Schönheiten Ihres neuen Werkes. Doch glauben wir eine ganze Reihe von Stellen, die uns in einer Zeit wie der heutigen, in der man von jedem Schriftsteller gewisse Stellungnahmen zu weltanschaulichen Problemen als abwegig betrachtet, als für den Vertrieb des Werkes schädlich ansehen zu müssen. Wenn z.B. gesagt wird „dass aus der Vermischung der Rassen nicht nur die intelligentesten sondern auch die apartesten Menschenkinder hervorzugehen pflegen“ so ist das zweifellos eine Stellungnahme zu einem Thema über das im heutigen Deutschland nicht mehr diskutiert werden kann. [Zitiert nach dem Faksimile des Ausstellungskatalogs, S. 51]

Ansonsten viele klug ausgewählte Fotos und eine sehenswerte Dokumentation, die aus chronologisch zusammengeschnittenen Ausschnitte aus Porträts und Lesungen des Autor besteht. Alles in allem eine der besten Literatur-Ausstellungen, die ich sah. Der Katalog ist eine wichtige eigenständige Publlikation zur Biographie Thomas Bernhards. Als Herausgeber fungieren Martin Huber, Manfred Mittermayer und Peter Karlhuber.

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Kategorien

Tweets