Wien Konzerte

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Murnau: Faust. Eine deutsche Volkssage (1926)

Filmcasino / Akkordeon Festival 23.2. 2014

Tino Klissenbauer: Akkordeon
Florian Wagner: Gitarre

Das Akkordeon Festival ist inzwischen auch eine wichtige Bereicherung der Wiener Filmszene, werden doch Jahr für Jahr wieder Stummfilme mit Livemusikbegleitung gebracht. Den Auftakt heuer machte Murnaus Faustverfilmung. Wie Murnau diesen Klassiker mit den filmischen Mitteln der zwanziger Jahre in Szene setzt, ist visuell beeindruckend. Ebenfalls sein freier Umgang mit dem Stoff. Von Goethes Faust nimmt der Regisseur vor allem die Gretchengeschichte, die er teils unglaublich werkgetreu (Spinnrad) teils völlig frei interpretiert. Fausts Beschwörung des Mephisto wird hier nicht durch individuelle Verzweiflung und Weltekel motiviert, sondern durch die Pest, welche die Bewohner seiner Stadt dahin rafft. Faust will ihnen helfen und beschwört deshalb aktiv das Böse, während Mephisto bei Goethe Faust bekanntlich buchstäblich zuläuft. Das Intellektuelle tritt bei Murnaus Faust deutlich zurück. Das Studierzimmer des Gelehrten, in dem die sich Bücher wie Müll stapeln, setzt das drastisch ins Bild.
Musikalisch setzten die beiden Musiker viel auf Elektronik. Während die Pestszenen von einer starken Rhythmik beherrscht waren, trat diese am Ende sehr zurück. Insgesamt schaffen es die beiden aber, den Film ästhetisch sehr zu unterstützen, speziell was dessen Emotionalität betrifft. Ein sehr erfreuliches Erlebnis.

Klangforum Wien: Ein Abend für Mantegna

Konzerthaus 10.10. 2013

Ein Abend für Mantegna
Aureliano Cattaneo – Parole di settembre I-III

Donatienne Michel-Dansac, Sopran
Daniel Gloger, Countertenor
Otto Katzameier, Bariton
Arotin & Serghei, Visuals
Dirigent: Michael Wendeberg

Es war auf mehreren Ebenen ein außergewöhnliches Konzert. Zum einen fand es ausnahmsweise im Großen Saal des Wiener Konzerthauses statt. Einerseits wohl aus Respekt, weil es dem im September gestorbenen Hans Landesmann gewidmet war, dessen Salzburger Konzertprogramm für die Festspiele ich in den neunziger Jahren viele Entdeckungen verdankte. Andererseits weil Parole di settembre von der Videoinstallation Infinite Screen begleitet war, die auf eine riesige Leinwand hinter dem Orchester projiziert wurde. Sie interagierte mit der Musik, speziell mit den drei Vokalisten und bot ansonsten einen abwechslungsreichen abstrakten Kommentar. Immer wieder wurden Werke des Renaissance-Künstlers Andrea Mantegna einbezogen.

Hier gibt es auch einen Konnex zum siebzigminütigen Stück des Aureliano Cattaneo, in dem die Madrigalform immer wieder deutlich hörbar zitiert wird. Grundlage für die gebotene Vokalkunst der drei Solisten sind die Parole di settembre des vor drei Jahren verstorbenen italienischen Dichters Edoardo Sanguinetti. Die Lyrik bezieht sich auf Bilder des Andreas Mantegna, womit sich der thematische Kreis schließt.

Freilich vertont Cattaneo Sanguinetti nicht wie Schubert die Gedichte des Wilhelm Müller. Cattaneo greift Teile heraus und gibt seinen Sängern auch viel Gelegenheit für averbale Laute, zuvörderst Seufzer. Seine Musik wird auch nur selten laut, sondern lotet Klangräume an deren Rändern aus und an der Hörbarkeitsgrenze aus.

Musikalisch interpretierte das Klangforum Wien das Werk erwartungsgemäß makellos. Eine solche Perfektion findet man musikalisch in Wien nur selten.

Hagen Quartett

Wiener Konzerthaus 30.1. 2013

«Beethoven-Zyklus»

Ludwig van Beethoven:

Streichquartett a-moll op. 132 (1825)
Streichquartett e-moll op. 59/2 (1805-1806)

Es ist nicht das erste Beethoven-Konzert des Hagen Quartetts, aber der berühmte Funke will und will nicht überspringen. Im Vergleich zu anderen mir gut bekannten Interpretationen, etwa des Alban Berg oder des Emerson String Quartetts, kommt mir ihre Herangehensweise an Beethovens Kammermusik oberflächlich vor. Ich formuliere das bewusst vorsichtig. Vielleicht überhöre ich ja was?

Beethovens Spätwerk war eine der größten Kreativitätsexplosionen der Kulturgeschichte. Das Hagen Quartett spielt nun gerade die stillen Passagen aber mit einer solchen Routine herunter, dass dieses Aufregende der Musik in meinen Ohren völlig verloren geht. Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, dass sich der Hagen-Quartett-Zyklus und ich Ende dieser Saison einvernehmlich scheiden lassen. Das Sorgerecht für Beethoven werde in diesem Falle jedoch ich beanspruchen!

Klangforum Wien

Konzerthaus 30.10. 2012

Dirigent: Johannes Kalitzke

Programm «Österreich»

Peter Jakober: Dort
Klaus Lang: der dünne wal.
Bernhard Lang: Monadologie XII

Österreichische Komponisten standen im Mittelpunkt des letzten Konzerts des Klangforum Wiens, und es war erfreulich zu hören, in welcher Vielfalt in diesem Land neue Musik komponiert wird. Dort von Peter Jakober und Klaus Langs der dünne wal hatten bei aller Unterschiedlichkeit eine ästhetische Gemeinsamkeit: beide Stücke bildeten einen Klangteppich, auf dem sich dann die solistischen Ideen abspielten. Stille oder Pausen gab es kaum.
Ganz anders das Kompositionsverfahren des Bernhard Lang: Er schrieb nach eigenen Angaben zuerst ein Konzertstück für Trompete, Saxophon und Klarinette, die er dann nach diversen Verfahren „monadisierte“. Fünfundvierzig klangfarblich sehr abwechslungsreiche Minuten waren das Resultat.

Hagen Quartett

Konzerthaus 12.10. 2012

«Beethoven-Zyklus»

Ludwig van Beethoven:

Streichquartett D-Dur op. 18/3 (1799)
Streichquartett A-Dur op. 18/5 (1799)
Streichquartett Es-Dur op. 127 (1822-1825)

Mein erstes Livekonzert mit dem Hagen Quartett. Nun reicht ein Konzert nicht aus, um prinzipielle Schlüsse über die Interpretationsweise eines Ensembles zu ziehen. Mir kam ihre Spielweise aber sehr unprätentiös vor. Oft profilieren sich Kammerensembles ja durch eine besonders originelle (z.B. „aggressive“) Spielweise, was durchaus gut funktionieren kann. An diesem Abend stand aber Beethovens grandiose Streichquartettmusik im Mittelpunkt, nicht die Musiker. Eine Wohltat im aktuellen Konzertbetrieb. Bin auf die weiteren Konzerte gespannt und werde berichten, ob sich der erste Eindruck bestätigt.

Klangforum Wien

Konzerthaus 1.10. 2012

Dirigent: Enno Poppe

Programm «Spanien»

Hèctor Parra: Moins qu’un souffle, à peine un mouvement de l’air
Alberto Posadas:L a lumière du noir
Elena Mendoza: Fragmentos de teatro imaginario (2009)
Francisco Guerrero Marín: Anemos C (1975)

Der Auftakt des neuen Zyklus war von gewohnt erstklassigem Niveau. Das erste Konzert war spanischen Komponisten gewidmet. Francisco Guerrero Marín etwa ist in Spanien ein bekannter Komponist (insofern zeitgenössische Komponisten „bekannt“ sein können), allerdings in Mitteleuropa nur selten zu hören. Was seine Kompositionen so interessant macht, ist sein abstrakter Ansatz, Natur und Kunst zusammenzubringen, und zwar nicht durch naturähnliche Laute, sondern durch die mathematische Beschreibung der Natur inspiriert. Eine Art naturwissenschaftlicher Tonsetzer, wenn man so will. „Anemos“ bedeutet denn auch Wind und die Besetzung mit Schlagzeugen und Blasinstrumenten passt konzeptuell hervorragend.

Hèctor Parras Stück wurde von Marie NDiayes Roman Drei starke Frauen angeregt, wie man in einer ausführlichen Erläuterung im Programmheft nachlesen kann. Höchst abwechslungsreiche Klangfarben bot Elena Mendozas Stück Fragmentos de teatro imaginario, die mit musikalischen Elementen arbeitet als seien es Schauspieler.

Altenberg Trio

Musikverein 27.3. 2012

Schubert: Sonate (Allegro) für Klavier, Violine und Violoncello, B-Dur D 28
Brahms: Trio Nr. 3 für Klavier, Violine und Violoncello, op 101
Brahms: Trio Nr. 1 für Klavier, Violine und Violoncello, op 8 (Erstfassung 1889)

Während Schuberts fünfzehnjährige Mitzöglinge Pubertäres an die Wände des Wiener Konvikts kritzelten, schrieb Franz dort den Trio-Satz D 28, der sich zwar formal noch sehr an klassischen Vorbildern orientiert, aber in vieler Hinsicht bereits den „späteren“ Schubert enthält, und auf das B-Dur Trio D 898 voraus weist. Schön, dass das Altenberg Trio auch Raritäten zu Gehör bringt.

In gewohnt exzellenter Qualität musizierten die drei Herren auch das erste und dritte Klaviertrio von Brahms. Während Nr. 3 das Genre formal aufgrund der hohen Kondensation zu einer Art Endpunkt führt, bietet die gespielte Erstfassung aus dem Jahr 1889 einen guten Einblick in die selbstkritische Arbeitsweise des Komponisten. Die üblicherweise gespielte letzte Fassung enthält nämlich eine Fülle von Änderungen zum ersten Wurf.

Klangforum Wien

Wiener Konzerthaus 15.2. 2002

Dirigent: Jean Deroyer
Flöte: Eva Furrer

«Vexationen»
Pierre Boulez: Mémoriale (… explosante-fixe … Originel) (1985)
Morton Feldman: Instruments II (1975)
Olga Neuwirth: … miramondo multiplo … (2007)
Beat Furrer: Time out (1995)
Friedrich Cerha: Bruchstück, geträumt (2009)

Wie viele Städte weltweit gibt es, in denen große Konzertsäle bis auf den letzten Platz mit einem avantgardistischen Musikprogramm gefüllt werden? Wien zählt ohne Zweifel zu diesem elitären Kreis. Das Klangforum Wien ist freilich auch eines der weltbesten Ensembles für moderne klassische Musik und genießt in dieser ästhetisch wichtigen Nische einen ähnlichen Rang wie die Wiener Philharmoniker beim klassischen Repertoire.

Dieses Konzert zeigte das einmal mehr sehr deutlich. Nicht nur war die Stückauswahl exzellent, die konzentrierte Präzision der Musiker war beeindruckend. Wie der Titel Vexationen bereits andeutet, lag der Schwerpunkt auf einer ruhigen, ab und zu schrägen Klangfläche, wofür ja speziell Morton Feldmann berühmt ist, nur selten unterbrochen durch größere Dynamik. Die exzellente Wiener Komponistin Olga Neuwirth glänzte in ihrer Komposition mit ironischen Anklängen an die klassische Tradition.

Altenberg Trio

Musikverein 20.12.

Johannes Brahms
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 H – Dur, op. 8; 1. Fassung 1854 Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 H – Dur, op. 8; 1. Fassung 1854

Franz Schubert
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Es – Dur, D 929; ungekürzte Fassung des Autographs Trio für Klavier, Violine und Violoncello Es – Dur, D 929; ungekürzte Fassung des Autographs

Das Altenberg Trio versteht es meisterlich, aus bekannten Werken neue Funken zu schlagen, ohne sich zu weit vom musikalischen Gehalt zu entfernen. Brahms komponierte die erste Fassung des Werks 1854 und überarbeitete sie 1891 noch einmal. Die vier Sätze sind ausgesprochen abwechslungsreich.

Spannend war an diesem Abend aber vor allem Schuberts berühmtes Klaviertrio D 929, welches meiner Meinung zu den schönsten musikalischen Werken überhaupt zählt, und das ich nun erstmals in dieser ungekürzten Fassung hörte. Etwa 55 Minuten lang, wirkte vor allem der letzte Satz noch stärker als in der kürzeren Fassung. Das Spätwerk von Schubert halte ich für eine der großartigsten ästhetischen Leistungen der gesamten Kulturgeschichte. Die Interpretation des Altenberg Trios ist höchst empfehlenswert.

Klangforum Wien

Konzerthaus 5.12.

Dirigent: Sylvain Cambreling
Sopran: Tora Augestad

Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du Temps (1940-1941)
Gérard Grisey: Quatre Chants pour franchir le Seuil (1997-1998)

Zwei dem Tod gewidmete Werke standen auf dem letzten Programm des Klangforum Wiens. Olivier Messiaen komponierte dieses Quartett im Kriegsgefangenlager Görlitz. Die Instrumente richteten sich also nach der Verfügbarkeit anderer Musiker vor Ort, und das waren ein Klarinettist, ein Geiger und ein Cellist. Messiaen selbst war am Klavier. Entstanden ist ein höchst eindrucksvolles Werk, das man auch ohne das religiöse Programm rein musikalisch würdigen kann. Jede Instrumentenstimme bekommt gleichberechtigt einen großen Tonraum zur Verfügung, so dass man von eingebetteten Soli bzw. Duetten sprechen könnte. Die vier Mitglieder des Klangforums spielten das Stück in bester kammermusikalischer Manier: eindringlich und makellos.

Nur knapp 15 Jahre alt war die zweite Komposition des Abends: Gérard Grisey kurz vor dessen Tod fertig gestellte Gesangskomposition. Die von Tora Augestad mit wunderbarem Nachdruck gesungen Texte stammen aus sehr divergenten Quellen, darunter Inschriften aus ägyptischen Sarkophagen und Stellen aus dem Gilgamesh-Epos. Grisey entfaltet ein weites Spektrum an Klängen, von quasi-harmonischen Passagen, die an geistliche Musik erinnern, bis zu dynamischen, kakophonen Ausbrüchen. Das Klangforum glänzte wie immer mit technischer Präzision und Cambreling mit interpretatorischer Schlüssigkeit.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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