Kulturveranstaltungen

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Mahler: Symphonie Nr. 7

Wiener Musikverein am 15. September 2001
Chicago Symphony Orchestra
Daniel Barenboim

Barenboim ein Mahler-Dirigent? Barenboim ein Mahler-Dirigent! Zumindest gelang es ihm, eine solide, eigenständige Interpretation dieses für mich nach wie vor rätselhaften Orchesterwerks vorzulegen. Einerseits war ein deutliches Bemühen um Transparenz wahrzunehmen, die kleinsten klanglichen Details wurden schön herausgearbeitet, teilweise mit interessanten Akzenten versehen (Gitarre im zweiten Nachtstück).
Trotz des Bemühens um Klarheit war die Aufführung nicht so analytisch wie etwa bei Pierre Boulez. Allerdings steht Barenboim diesem Stil näher als dem expressionistischen Verständnis eines Bernstein oder Ozawa.

Am Rande sei noch bemerkt, dass die klangliche Differenz zum vorgestern gehörten Gustav Mahler Jugendorchester enorm war, es ist eben doch ein weiter Weg zurückzulegen, bis das Prädikat Spitzenorchester angemessen ist.

Mahler: Symphonie Nr. 8

Wiener Musikverein am 13. September 2001
Gustav-Mahler-Jugendorchester
Wiener Singverein
Prager Philharmonischer Chor
St. Florianer Sängerknaben
Elizabeth Whitehouse, Hillevi Martinpelto, Martina Jankova, Yvonne Naef, Jadwiga Rappe, Herbert Lippert, Peter Weber, Andreas Macco
Dirigent: Franz Welser-Möst

Eingangs sei erwähnt, dass ich die Achte von Mahler für seine problematischste Symphonie halte. Meine Bedenken sind ästhetischer Natur, nämlich ob es musikalisch plausibel ist, möglichst große emotionale Wirkung durch einen möglichst großen Klangapparat hervorzurufen.

Heute weiß ich: Es funktioniert. Zwar hörte ich alle Mahler-Symphonien mehrfach in Konzertsälen, gespielt von den unterschiedlichsten Orchestern. Die Achte war nie darunter, der Aufwand einer Aufführung mit drei großen Chören und zahlreichen Solisten ist enorm. Der Klangeindruck ist buchstäblich überwältigend, und es nötigt Respekt ab, mit welcher Kompromisslosigkeit Mahler seine „Gedankenmusik“ in realen Klang verwandelte und mit welchem Kunstwillen er diese Klangmassen bändigte.

Franz Welser-Möst hatte damit einige Probleme. Vor allem bei den lautesten Stellen im ersten Teil (Hymnus) türmten sich die Klangberge ziemlich willkürlich und unstrukturiert auf, das konnte Bernstein in seiner letzten Einspielung (Salzburger Festspiele) besser, d.h. auch diese Teile waren nuancenreicher.

Es gab aber auch brillante Stellen, vor allem der Anfang des zweiten Teils, also der Beginn der Vertonung der Schlussszene des Faust II. gelang kongenial, fein differenziert näherte sich das Orchester dem ersten Einsatz des Chors. Die Chöre waren durchgehend hervorragend, die jungen Musiker überwiegend.
Ein gelungener und beeindruckender Konzertabend.

Thomas Bernhard: Alte Meister – dramatisiert

Akademietheater Wien 8.9. 2001

Endlich war es mir gelungen eine der begehrten Karten für „Die Möwe“ in der Inszenierung Luc Bondys zu bekommen. Zu früh gefreut: Jutta Lampe erkrankte und als Ersatz wurde eine dramatisierte Fassung von Bernhards „Alte Meister“ gegeben (Regie und Dramaturgie: Stephan Müller, Claudia Hamm).

Vier Schauspieler schlüpften in die Rolle des Erzähler Atzbachers bzw. Regers und verwandelten den Roman in plausibel choreographiertes Sprechtheater. Kein Ersatz für Tschechow, nichtsdestotrotz ein gelungener Theaterabend.

Bemerkenswerterweise wurden Regers Ausführungen über Heidegger besonders wohlwollend vom Wiener Publikum zur Kenntnis genommen:

Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem pervesen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat

[…]

Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet hat und darauf jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen.

Mythos Großstadt

Ausstellung im Wiener Kunstforum

Ziel der Ausstellung ist die Dokumentation der urbanen Entwicklungen zwischen 1890 und 1937 in Zentraleuropa. Das gelingt auch überzeugend: Ein Teil widmet sich der Urbanitätstheorie, wo verschiedenste Konzepte aufeinander treffen, teilweise in Form von Regulierungsplänen. Während Otto Wagner überzeugende urbanistische Visionen vertrat, von denen einige auch umgesetzt wurden, gab es auch abwegige Ideen, beispielsweise dörfliche Strukturen als Vorbild für urbanes Leben heranzuziehen.

Der zweite Teil stellt die Entwicklung verschiedener Städte (Wien, Budapest, Zagreb, Prag…) gegenüber und macht den Besucher mit den originellsten Ideen der damaligen Avantgarde vertraut.

El Greco

Kunsthistorisches Museum Wien

Bei meinem vierten Besuch gestern ist es mir zum zweiten Mal gelungen, ein paar Gemälde in Ruhe zu betrachten, was angesichts des erstaunlichen Besucheransturms nur selten möglich ist. Besonderes Augenmerk richtete ich auf die vier Portraits an, von denen das des Fray Hortensio Félix Paravicino zurecht am berühmtesten ist. Paravicino war ein mit El Greco befreundeter Gelehrter, der von dem Bild so beeindruckt war, dass er ein Dankgedicht verfasste, das in der Ausstellung ebenfalls zu lesen ist.

Spannend ebenfalls das Toledo-Bild, weil hier die Modernität des Stils El Grecos offensichtlich wird. Die digitalen Reproduktion hier dienen nur der lexikalischen Illustration, Farben und Helligkeit unterscheiden sich deutlich von den Originalen.
Schließlich noch das (vermutliche) Selbstportrait. Dieser zurückhaltend wirkende Mann, der einem hier entgegentritt, steht in einem seltsamen Kontrast zur Strahlkraft seiner Gemälde. Ich musste an Bruckner denken, dessen monumentale Symphonien ebenfalls nur wenig zum zögerlichen Charakter des Komponisten zu passen scheinen.

Karl Schönherr: Glaube und Heimat

Burgtheater am 25. März 2001
Regie: Martin Kusej
Werner Wölbern, Michael Peter, Martin Schwab, Sylvie Rohrer u.a.

Gerade aus dem Burgtheater kommend, stehen zwei Dinge fest (einmal abgesehen davon, dass man Kinder nicht zum Theatergehen zwingen soll, weil sie dann ständig herumquengelnd neben mir sitzen):

1. Das Stück ist drittklassig.

2. Besser als Martin Kusej hätte man es nicht inszenieren können. Der Bühnenboden verwandelt sich nach und nach in eine Kloake, Massenszenen sind eindrucksvoll choreografiert, für viele Szenen findet Kusej starke theatralische Bilder. Die Einladung zum Berliner Theatertreffen ist durchaus verständlich.

Es drängt sich jedoch eine Frage: Warum zwingt man einen der besten zeitgenössischen Regisseure, Tiroler Bauerntheater für Fortgeschrittene zu inszenieren? Trotz mehrerer literaturkritischer Rettungsversuche, einige davon finden sich naturgemäß im Programmheft, haftet dem Stück ein widerlicher Geruch nach Scholle an, kein Wunder, dass es vor 60 Jahren ohne viele Umstände in den Blut-und-Boden-Kanon integriert werden konnte.

Ein Talent wie Kusej sollte Gelegenheit bekommen mit den besten Schauspielern Sophokles, Shakespeare, Schiller, Ibsen oder Beckett auf die Bühne zu bringen, anstatt ihn zur „Rettung“ von Stücken zu missbrauchen, die besser dort bleiben, wo sie bisher waren: In Vergessenheit.

Ibsen: Rosmersholm

3 SAT, Burgtheater Wien

Seit Monaten versuche ich für diese Inszenierung im Wiener Akademietheater Karten zu bekommen – vergeblich. Gestern schließlich eine Aufzeichnung im Fernsehen. Peter Zadek inszeniert zurückhaltend, läßt sich ruhig auf die Dialoge ein, verläßt sich auf die Gestaltungskraft der Schauspieler Gert Voss (Johannes Rosmer), Angela Winkler (Rebecca) und Peter Fitz (Dr. Kroll). Ein Beleg dafür, wie spannend „klassische“ Inszenierungen auch in Zeiten des Regietheaters sein können. Beide Inszenierungesstile ergänzen sich optimal, das Gegenwartstheater braucht beide Varianten.

Alban Berg Quartett (Berg, Beethoven)

Alban Berg: Lyrische Suite für Streichquartett
Beethoven: Streichquartett a-moll op. 132
Wiener Konzerthaus am 27. April 2001

Der Abschluss des diesjährigen Konzertzyklus mit dem Alban Berg Quartett. Das erforderliche breite Spektrum an Klangfarben in der Lyrischen Suite wurde ebenso brillant gemeistert, wie die zahlreichen musikalischen Herausforderung des letzten Beethoven-Streichquartetts. Als Zugabe ein langsamer Satz aus einem Haydn-Streichquartett. Offenbar ist die Zeit immer noch nicht reif eine Zugabe, die einem Werk des 20. Jahrhunderts entnommen wäre …

Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen – Der Nachlass

Ausstellung in der Wiener Nationalbibliothek

Viele interessante Dokumente aus dem Nachlass, nicht zuletzt die bis jetzt nur ansatzweise transkribierten Notizbücher und Korrespondenzen seines Großvaters, Johannes Freumbichler. Darunter befindet sich einiges auch literarhistorisch aufschlussreiches, so ein Brief des Wiener Paul Zsolnay Verlags vom 25. Juni 1938 über ein eingesandtes Manuskript:

Zwar ist man sich wie das bei Ihnen, hochverehrter Freumbichler, ja selbstverständlich ist, völlig einig über die literarische Bedeutung und die stilistischen Schönheiten Ihres neuen Werkes. Doch glauben wir eine ganze Reihe von Stellen, die uns in einer Zeit wie der heutigen, in der man von jedem Schriftsteller gewisse Stellungnahmen zu weltanschaulichen Problemen als abwegig betrachtet, als für den Vertrieb des Werkes schädlich ansehen zu müssen. Wenn z.B. gesagt wird „dass aus der Vermischung der Rassen nicht nur die intelligentesten sondern auch die apartesten Menschenkinder hervorzugehen pflegen“ so ist das zweifellos eine Stellungnahme zu einem Thema über das im heutigen Deutschland nicht mehr diskutiert werden kann. [Zitiert nach dem Faksimile des Ausstellungskatalogs, S. 51]

Ansonsten viele klug ausgewählte Fotos und eine sehenswerte Dokumentation, die aus chronologisch zusammengeschnittenen Ausschnitte aus Porträts und Lesungen des Autor besteht. Alles in allem eine der besten Literatur-Ausstellungen, die ich sah. Der Katalog ist eine wichtige eigenständige Publlikation zur Biographie Thomas Bernhards. Als Herausgeber fungieren Martin Huber, Manfred Mittermayer und Peter Karlhuber.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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