Kulturveranstaltungen

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Himmlisch! Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel

Winterpalais 22.1. 2017

Mir war der Barockkünstler Johann Georg Pinsel bisher unbekannt. Ein Fehler! Die kleine, aber feine Ausstellung im Winterpalais zeigt einen ästhetisch ausgesprochen innovativen Kopf. Das zeigt sich weniger in den „manierierten“ Körperhaltungen seiner Skulpturen – nicht ungewöhnlich im Barock -, sondern in seiner avantgardistischen Gestaltung der Kleidung. Die Bekleidung mancher Skulpturen wirkt so abstrakt, dass man diese Kunstwerke bei oberflächlicher Betrachtung auch ins 20. Jahrhundert stecken könnte. Ein ausgesprochen bemerkenswerter Personalstil für einen aus der Provinz (in der Nähe Lembergs) stammenden Künstler. Bis 12.2.

Arthur Miller: Hexenjagd

Burgtheater 4.1. 2016

Regie: Martin Kusej

Reverend Parris: Philipp Hauß
Abigail Williams: Andrea Wenzl
Ann Putnam: Sabine Haupt
Thomas Putnam: Dietmar König
Bettry Parris: Irina Sulaver
Mary Warren: Marie-Luise Stockinger
Giles Corey: Martin Schwab
Reverend John Hale: Florian Teichtmeister
John Proctor: Steven Scharf
Rebecca Nurse: Barbara de Koy
Elisabeth Proctor: Dörte Lyssewski
Herrick: Daniel Jesch
Richter Harthorne: Ignaz Kirchner
Danforth, Stellvertreter des Gouverneurs: Michael Maertens
Tituba: Barbara Petritsch
Susanna Walcott: Lena Kalisch
Mercy Lewis: Christina Cervenka

Wäre es nach mir gegangen, würde derzeit Martin Kusej als einer der besten zeitgenössischen Regisseure das Burgtheater leiten. Immerhin ist er inzwischen nach längerer Zeit wieder als Regisseur präsent.

Millers Hexenjagd ist ein passendes Stück, um das Jahr 2016 abzuschließen, steht doch die Anfälligkeit der Menschen für Unvernunft & Paranoia im Mittelpunkt. Anfang 1953 uraufgeführt war es von Miller als Auseinandersetzung mit der irrationalen Kommunistenjagd der McCarthy-Ära angelegt. Als Analogie wählte der Dramatiker die in die amerikanische Geschichte eingegangene Hexenhysterie in Salem Ende des 17. Jahrhunderts. Ironischerweise ist das Religionsthema heutzutage aktueller als zur Zeit McCarthys, weshalb der indirekte Aspekt stärker als bei der Uraufführung in den Vordergrund rückt.

Kaum ein Klassiker zeigt besser, was passiert, wenn religiöser Fanatismus auf menschliche Feigheit trifft. Das Bühnenbild bringt das sehr gut auf den Punkt: Ein Wald überdimensionaler Kruzifixe ragt in den Himmel. In ihm spielt sich symptomatisch ein großer Teil der Handlung ab. Kusej inszeniert das Drama mit einer beklemmenden Langsamkeit, weshalb der Abend auch dreieinhalb Stunden dauert. Die dramatische Dehnung ist an der Grenze des Erträglichen, funktioniert theatralisch aber deutlich besser als von mir erwartet. Das Ensemble ist ohne Ausnahme stark, speziell Steven Scharf als John Proctor sei hervorgehoben. Auch die hetzerische Schmierigkeit des Reverend Parris wird von Philipp Hauß grandios auf die Bühne gebracht.

Es mag sein, dass diese Wiener Hexenjagd nicht Kusejs beste Inszenierung ist. Das reicht aber, um besser zu sein als fast alles, was in Wien am Theater sonst so zu sehen ist.

Ludwig II. – nach dem Film von Visconti

Akademietheater 22.12. 2016

Regie: Bastian Kraft

Ludwig: Markus Meyer

Elisabeth: Regina Fritsch

Wagner: Johann Adam Oest

Selten habe ich bisher einen so grandiosen Einsatz von Videotechnik auf einer Theaterbühne gesehen. Bastian Kraft bricht den Einsatz von Videobildern auf mehreren Ebenen, unter anderem durch die Montage eines schrägen riesigen Spiegels, der drehbar über der gesamten Bühne hängt. Der Rhythmus, die Choreographie und das Zusammenspiel mit den hervorragenden Schauspielern ist von einer makellosen Präzision. Man sitzt im Zuschauerraum und bestaunt diese theatralische Handwerkskunst. Gleichzeitig quält mich die Frage: Warum?

Warum soll ich mir die Theaterfassung eines Filmklassikers ansehen, der Elemente des Films stark gekürzt via Video reproduziert? Als Vorbereitung sah ich mir Viscontis Film in Wagnerlänge nach vielen Jahren wieder einmal an. Dessen kompromisslose Ästhetik hat ebenso ihre Verdienste, wie die implizite und explizite Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Politik & Kunst. Als Anlass für eine furiose Videoinszenierung hätte es jede Menge interessanterer Stoffe gegeben. Kraft baut zaghaft eine weitere Ebene in seine Inszenierung ein, indem er in den Videos ab und zu das Drehen des Films selbst thematisiert, was für mich keinen Mehrwert hat und gewollt gekünstelt wirkt.

Wem eine furiose Videoinszenierung für einen Theaterbesuch ausreicht, wird einen tollen Abend haben.

Georgia O’Keeffe

Kunstforum Wien 11.12. 16

Ich nutze die Gelegenheit dieser Retrospektive, um mich erstmals etwas ausführlicher mit Georgia O’Keeffe zu beschäftigen. Bisher war ihr Werk in Europa noch nicht oft zu sehen, weshalb dieses Ausstellungsprojekt sehr zu begrüßen ist. Vor Wien war die Schau in der Tate Modern in London zu sehen und zog dort 340.000 Besucher an. Ihre Arbeiten sind im wörtlichen Sinne regional, also durch ihre unterschiedlichen Wohnorte geprägt. Zu Beginn etwa durch ihr Leben in Texas. Danach durch ihren Aufenthalt in New York und in der Sommerfrische am Lake George. Später verbrachte sie viel Zeit in New Mexico, dessen Landschaft sie faszinierte und inspirierte.

Als eine der ersten Frauen, die sich in den USA als Avantgarde-Künstlerin etablieren konnte, erregt sie Zeit ihres Lebens immer wieder großes Aufsehen. Ihre Beziehung und spätere Heirat mit dem Galeristen Alfred Stieglitz, gleichzeitig einer der wichtigsten Fotografen seiner Zeit, war kreativ für beide Beteiligte sehr fruchtbar. Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über alle Phasen ihres Schaffens, von den frühen Zeichnungen bis zur späteren Landschaftsmalerei. Mich persönlich sprechen ihre berühmten Blumenbilder am wenigsten an, wohingegen mich ihre abstrakten Werke durchaus faszinieren. Wie alle großen Kreativen entwickelt sie einen unverkennbaren ästhetischen Personalstil über alle ihre Genres hinweg.

Alles in allem eine sehr solide und kompetent kuratierte Ausstellung. Zu sehen ist auch ein instruktiver Dokumentarfilm mit der etwa 90-jährigen Künstlerin. (Bis 26.3.)

Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer: During the Night

Kunsthistorisches Museum 8.12. 2016

Zwei Mal bin ich in den letzten Monaten kurz durch den Raum gegangen und konnte wenig mit der Ausstellung anfangen. Der Grund ist einfach: Man muss sich intensiv mit de Waals Konzept auseinandersetzen, um die von ihm kuratierte Schau zu verstehen. Ohne Audioguide (englische Version, wenn möglich!) oder Führung wird man nämlich nur eine willkürliche Zusammenstellung von Kunstwerken aus dem KHM wahrnehmen.

Ausgehend von einem Albtraum Dürers gestaltet de Waal diverse Vitrinen, welche um das semantische Feld der Nacht kreisen, das der Künstler freilich assoziativ in unterschiedliche Richtungen erweitert. Das Dunkle, Geheimnisvolle, Angsterregende sind Themen. Den Reiz der Ausstellung macht nicht nur dieser intellektuelle Gesamtzusammenhang aus, sondern auch die höchst unterschiedlichen Werke, die sich de Waal herauspickte. Für jedes Werk gibt es von ihm dazu eine eigene kleine Geschichte. Fasziniert ist er nicht zuletzt von unterschiedlichen Materialien und ihrer Bearbeitung.

Ein wohltuend „anderes“ Ausstellungskonzept. (Bis 29.1.)

Puccini: La Fanciulla del West

Wiener Staatsoper 30.11. 2016

Regie und Licht: Marco Arturo Marelli
Dirigent: Mikko Franck

Marco Arturo Marelli | Bühnenbild
Dagmar Niefind | Kostüme

Minnie: Eva-Maria Westbroek
Sheriff Jack Rance: Tomasz Konieczny
Dick Johnson (Ramerrez): José Cura
Nick: Joseph Dennis
Ashby: Alexandru Moisiuc

Ein Western als italienische Oper? Puccini wagt dieses Experiment. Gewöhnungsbedürftig ist es auf jeden Fall, passt der italienische Operngesang mental doch so gar nicht zum Wilden Westen, wo wir spätestens seit dem Italowestern wortkarge Antihelden erwarten. Dieser Kontrast macht natürlich den großen Reiz des Werks aus. Wie schon in Madame Butterfly spielt Puccini hier gekonnt die Karte des Exotischen aus. Viele Elemente des Wilden Westens sind großzügig vertreten: Whisky, Goldsucher, Sheriff & Banditen, eine Wirtin mit Herz. Angereichert ist das Libretto freilich noch mit einer dramatischen Liebesgeschichte. Narrativ ist das für eine Oper durchaus gekonnt zu Papier gebracht.

Die Inszenierung zählt zu den gelungensten, die derzeit in der Staatsoper zu sehen sind. Sie setzt auf einen gemäßigten Realismus (auch in den Kostümen), was gut zur Atmosphäre des Stückes passt. Musikalisch ist der Abend ebenfalls hervorragend. Speziell Konieczny kannte ich bisher nur als exzellenten Wagnersänger und hätte nicht gedacht, dass er auch im italienischen Fach so gut glänzen kann.

Ayad Akhtar: Geächtet

Burgtheater 27.11. 2016

Regie: Tina Lanik

Amir: Fabian Krüger
Emily: Katharina Lorenz
Issac: Nicholas Ofczarek
Jory: Isabelle Redfern
Abe: Christoph Radakovits

Ein schwieriger Theaterabend. Das liegt weder am exzellent agierendem Ensemble noch am plausibel reduziertem Bühnenbild. Auch die Inszenierung leistet gute Arbeit, obwohl das teils langsame Tempo nicht immer zu diesem schnellen Genre passt.

Es ist das Stück selbst, mit dem ich ein Problem habe. Es setzt sich provokant mit dem Islam auseinander, was natürlich den großen internationalen Erfolg erklärt. Ein sehr erfolgreicher New Yorker Anwalt, der ursprünglich als Moslem aus Pakistan kam, verleugnet sowohl seine Herkunft als auch seine Religion zugunsten der Karriere. Er ist mit einer islamophilen amerikanischen Künstlerin verheiratet, während er den Islam radikal kritisiert. Ins Spiel kommt dann mit Isaac noch ein jüdischer Galerist und schon haben wir die dramaturgisch gewünschte explosive Mischung.

Das Drama ist ein Konversationsstück und steht in der Tradition von Who is afraid of Virgina Woolf?, erinnert aber ebenso an die Bühnenerfolge der Yasmina Reza. Wobei Geächtet nicht an einem Abend spielt, sondern sich zeitlich länger erstreckt. Der Ablauf ist aber derselbe: Hier ist es Amir, dessen Leben am Ende völlig ruiniert ist. Als Zuseher stellt man sich nun die Frage, nach dem Grund für diesen moralischen und nervlichen Zusammenbruch und hier drängt sich – auch dank der Wortspenden Isaacs – eine unerfreuliche Interpretation auf: Der lange verleugnete „barbarische“ Moslem bricht in ihm durch. Frei nach dem Motto: Einmal Moslem, immer Moslem. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass sich Amirs junger Verwandter Abe parallel zu einem Islamisten wandelt. Das Stück wandelt damit auf einem unerfreulich schmalen Grat zwischen (sehr!) berechtigter Islamkritik und populistischer Islamophobie.

Ferdinand Schmalz: der herzerlfresser

Akademietheater 25.11. 2016

Regie: Alexander Wiegold

gansterer andi: Merlin Sandmeyer

acker rudi: Johann Adam Oest

fauna florentina: Irina Sulaver

pfeil herbert: Sebastian Wendelin

fußpflege irene: Peter Knaack

Mental eingestellt und vorbereitet bin ich auf Shakespeares Coriolan als ich im Akademietheater erfahre, dass sie wegen des Bühnenunfalls eines der Protagonisten vom Vortag als Ersatz Schmalz‘ herzerlfresser spielen. Ein unerwarteter vierhundertjähriger Sprung in die österreichische Gegenwartsdramatik also.

Die Handlung des Stücks spielt in der (steirischen?) Gegenwart, knüpft aber an eine gespenstische Mordserie an, welche das Mürztal vor knapp 250 Jahren heimsuchte, wobei der Titel schon die Pointe verrät: Es treibt ein kannibalistischer Frauenmörder sein Unwesen. In der Gegenwart finden die Morde kurz vor der Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums statt, weshalb der Bürgermeister die Taten zu vertuschen versucht. Gleichzeitig werden die teils seltsamen Liebesbeziehungen der fünf Protagonisten ausgelotet. Die Trostlosigkeit der Provinz darf als Topos der österreichischen Literatur natürlich auch nicht fehlen.

So eine Inhaltsangabe wird dem Theaterabend aber nicht gerecht, weil die Ästhetik stark auf Artifizialität beruht. Nicht nur ist die Sprache eine Kunstsprache und werden manche Figuren ins Groteske überhöht. Auch das Bühnenbild, welches ausschließlich aus herabhängenden „Glitzerlianen“ besteht, verstärkt diese Abstraktheit.

Insgesamt ein erfreulicher Theaterabend, was nicht zuletzt an der überzeugenden schauspielerischen Leistung liegt.

Wie alles begann – Von Galaxien, Quarks und Kollisionen

Naturhistorisches Museum 2.11. 2016

Eine kleine, aber feine Ausstellung. Sie führt den Besucher nicht nur in wichtige kosmologische, astrophysikalische Themen ein, sondern auch in die Teilchenphysik. Optisch und didaktisch ist die Darstellung sehr ansprechend. Nicht nur werden beeindruckende Hubble-Aufnahmen hübsch präsentiert. Es gibt auch die Videosimulation einer „Reise“ durch das Weltall, in der man beispielsweise die Milchstraße durchquert. Auch der Urknall ist so zugänglich dargestellt, wie das für ein so komplexe Ereignis möglich ist: Man kann an der Entstehung des Universums quasi entlang entgehen. Das CERN bekommt ebenfalls eine ausführliche Station. (Bis 1.5.)

Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr

Unteres Belvedere 1.11. 2016

Die neue Herbstausstellung im Unteren Belvedere versucht, einen anderen Blick auf die Epoche des Biedermeier zu werfen. Es ist ja überhaupt fraglich, inwieweit „Biedermeier“ ein adäquater kunsthistorischer Epochenbegriff ist. Im angelsächsischen Raum bevorzugt man für diese Periode bekanntlich „realism“. Die Schau zeigt anhand vieler Werke, dass in dieser Epoche nicht nur jene Idyllen gemalt wurden, welche man als Klischee dem Biedermeier gerne zuschreibt. Freilich finden sich auch solche darunter, etwa die brave Familie im biederen Heim. Das Schaffen des Ferdinand Georg Waldmüller steht im Mittelpunkt, dem wohl wichtigsten österreichischen Maler dieses Zeitraums. Man wagt aber auch einen Blick über den Tellerrand: Maler der benachbarten Kronländer sind ebenso präsent. Auch ausgewählte Möbelstücke fehlen nicht.

Die Werkauswahl ist durchaus gelungen. Die Ausstellung scheitert aber daran, ihre Ausgangsthese plausibel zu machen. Diese wird nämlich außer im Titel und in den Begleitinformationen nirgends explizit thematisiert. So wirkt das Thema mehr als Vorwand, gute Bilder an die Wand zu hängen, denn als genuine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. (Bis 12.2.)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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