Kulturveranstaltungen

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Ibsen: Die Wildente

Theater an der Josefstadt 30.6. 17

Regie: Mateja Koležnik

Großhändler Håkon Werle: Michael König
Gregers Werle, sein Sohn: Raphael von Bargen
Der alte Ekdal: Siegfried Walther
Hjalmar Ekdal, sein Sohn, Fotograf: Roman Schmelzer
Gina Ekdal, Hjalmars Frau: Gerti Drassl
Hedvig, beider Tochter: Maresi Riegner
Frau Sørby, Werles Haushälterin: Susa Meyer
Relling, Arzt: Peter Scholz
Molvik, ehemaliger Theologe: Alexander Absenger

Die Wildente in achtzig Minuten? Bekanntlich schätze ich Texttreue im Theater sehr: Wenn ein Regisseur einen Klassiker zu sehr kürzt, bin ich erst einmal sehr skeptisch. Diese Inszenierung ist aber ein Beispiel dafür, dass es keine absoluten Kriterien für gelungene Kunstwerke gibt: Sie funktioniert nämlich überraschend gut. Das Bühnenbild besteht aus einer großen Treppe, die von links unten nach rechts oben führt, und auf der sich die komplette Handlung abspielt. Zu sehen ist noch der Zugang zum Dachboden in dem das titelgebende Federvieh residiert.

Das Tempo ist naturgemäß hoch, was den Fokus sehr auf die sich entwickelnde Familientragödie legt, und auf Kosten der von Ibsen intendierten Symbolik (Wildente!) geht. Für die semantische Aufladung der Symbole ist die Zeit schlicht zu knapp. Schauspielerisch ist das Niveau ohne Ausnahme sehr hoch. Ein empfehlenswerter Theaterabend.

Shakespeare: Sturm

Akademietheater 23.6. 17

Regie: Barbara Frey
Dramaturgie: Joachim Lux
Prospero: Johann Adam Oest
Caliban: Maria Happel
Ariel: Joachim Meyerhoff

Die zehnjährige Jubiläumsaufführung dieser Inszenierung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich bereits angetan. Dieser Eindruck bestätigt sich auch heute noch. Trotz der radikalen Kürzung des Textes funktioniert der Theaterabend gut, weil Johann Adam Oest als Prospero immer wieder einmal aus der Rolle fällt und die gekürzten Ereignisse als Erzähler zusammenfasst. Manchmal berichten auch die anderen Figuren vom Geschehen. Dass alle Protagonisten von nur drei (grandiosen!) Schauspielern gegeben werden, gibt der Inszenierung gleichzeitig ein witziges wie improvisiertes Element.

Der Sturm ist bekanntlich eines der eigenwilligsten Stücke Shakespeares. Die meisten seiner Dramen setzen auf eine spannende Dramaturgie, um die Besucher des Globe Theatre bei Laune zu halten. Ganz anders hier: Es ist fast von Anfang an klar, dass die auf der Insel gestrandeten Feinde Prosperos keine Chance gegen diesen magischen Superhelden haben werden. Deshalb bezieht der Text seine Faszination primär aus dem märchenhaften Setting, den „unmenschlichen“ Figuren (Ariel, Caliban) und der großartigen Sprache des späten Shakespeare.

Möge die Inszenierung noch lange auf dem Spielplan bleiben.

Donizetti: Don Pasquale

Staatsoper 14.6. 27

Dirigent: Speranza Scappucci
Regie: Irina Brook
Don Pasquale: Michele Pertusi
Ernesto: Antonino Siragusa
Malatesta: Gabriel Bermúdez
Norina: Danielle de Niese
Notar: Mihail Dogotari

Die Oper fällt ins komische Fach. Obwohl das Libretto einige feministische Tendenzen aufweist, weil eine kluge junge Frau dem notgeilen alten Don Pasquale seine patriarchalischen Grenzen aufzeigt, ist mir der Stoff insgesamt zu albern. Speziell, wenn man das Stück (vielleicht etwas unfair) mit Figaros Hochzeit vergleicht. An dem schauspielerischen Talent des Michele Pertusi liegt es auch nicht, der legt nämlich eine durchaus komische Performance an den Tag und kassiert immer wieder Lacher.
Musikalisch wird wenigstens meisterhaftes Belcanto geboten. Mir persönlich ist die Stimme des Antonino Siragusa etwas zu „metallisch“, weshalb sie auch nicht optimal mit der von Pertusi harmonierte. Das Wiener Staatsopernorchester ist passabel in Form, und es ist immer noch eine positive Überraschung, wenn einmal eine Dirigentin ans Pult tritt.

Millionaires of Time. Roma in der Ostslowakai

Volkskundemuseum Wien 11.6. 17

Die Ausstellung versucht, den Roma in der Ostslowakei ein individuelles Gesicht zu geben. Das gelingt mit wenigen Fotos, welche in zwei Räumen hängen sowie einem Stapel Fotos, den man durchblättern kann. Der Kern des Projekts sind allerdings viele Interviews, weshalb man zu Beginn einen MP3-Player in die Hand gedrückt bekommt. Einen direkten Bezug zwischen den Fotos und dem Gehörten gibt es nicht. Eine Kuratorenentscheidung, sagt man mir. Trotzdem kann man nicht wenige der Sprechenden leicht identifizieren. Zu hören sind Roma aus Košice, genauer aus dem dortigen Ghetto Luník IX, und aus Šaca, einer Stadt in der Nähe der ukrainischen Grenze. Diese geschilderten Lebenswelten sind teilweise sehr fesselnd. Auch die Spannungen werden ausführlichen thematisiert bzw. direkt durch Aussagen vorgeführt.

Die Betrachtung der Fotos ist schnell abgeschlossen. Danach setze ich mich in den sonnigen Garten des Palais Schönborn und höre mir die gut zwei Stunden langen Interviews an. Das ist angenehm, zeigt aber doch, dass das Konzept der Ausstellung verfehlt ist. Würde man die Audiodateien zum Download anbieten und die Fotos ins Netz stellen, wäre derselbe Zweck erreicht gewesen. (Bis 24.9.)

René Pollesch: Carol Reed

Akademietheater 21.5. 2017

Regie: René Pollesch

mit
Tino Hillebrand, Birgit Minichmayr, Irina Sulaver, Martin Wuttke

Das Stück und die Inszenierung wirkt an der Oberfläche witzig und geistreich. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch schnell, dass dem Text jegliche Substanz fehlt. Pollesch tut sich sichtlich schwer, diese bescheidenen achtzig Bühnenminuten zu füllen. Das Ergebnis ist völlig belangloser postmoderner Boulevard, eine Art Löwinger-Bühne für Pseudointellektuelle. Das Publikum ist also naturgemäß begeistert. Achtzig Minuten verschwendete Lebenszeit.

Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Jüdisches Museum Wien 21.5. 2017

Wieder hat sich das Jüdische Museum ein sozialgeschichtliches Thema für seine neue Sonderausstellung ausgesucht: Die Geschichte der jüdischen Kaufhäuser in Wien. Anders als in vergleichbaren Großstädten begann der Wiener Kaufhausboom erst Ende des 19. Jahrhunderts. Viele jüdische Kaufleute nützten die neuen ökonomischen Freiheiten und gründeten imposante Konsumtempel. Vom „Arbeiterkaufhaus“ am Brunnenmarkt bis zu Edeltextilgeschäften in der Innenstadt wurde das gesamte demographische Spektrum angesprochen.
Im Fokus der Schau sind die Besitzer der Warenhäuser und deren Familien, weniger wirtschaftsgeschichtliche Perspektiven, obwohl man dazu auch einige interessante Informationen erhält. Die Blüte dieser jüdischen Geschäftskultur nimmt mit Hitlers Anschluss natürlich ein jähes Ende und die lukrativen Firmen werden schnell arisiert. Der geschäftliche Wiederaufbau nach dem Krieg wird ausführlich dokumentiert. Ich empfehle, sich alle Videos mit den Zeitzeugen anzusehen, weil sie das Gezeigte mit einem individuellen Kontext versehen. (Bis 19.11.)

Aribert Reimann: Medea

Wiener Staatsoper 21.4. 17

Dirigent:Michael Boder
Regie: Marco Arturo Marelli
Medea: Claudia Barainsky
Kreusa: Stephanie Houtzeel
Gora: Monika Bohinec
Kreon: Norbert Ernst
Jason: Adrian Eröd
Herold: Daichi Fujiki

Mehr als sieben Jahre ließ sich die Staatsoper Zeit, diese Neuproduktion von Reimanns Medea wieder einmal ins Programm zu nehmen. Völlig unverständlich angesichts des hohen musikalischen und inszenatorischen Niveaus dieser Aufführung. Wer daran zweifelt, dass die „alte“ Wiener Staatsoper auch zeitgenössisches Musiktheater auf höchstem Niveau auf die Bühne bringen kann, wird hier eines besseren belehrt.
Musikalisch bewegt sich Reimann im üblichen Formkanon der neuen Musik, bringt diesen aber hervorragend mit dem Medea-Stoff zusammen. Dieser Mythos von der ausgestoßenen „barbarischen“ Frau aus einer fremden Kultur ist in Europa ja leider wieder so aktuell wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Das auf eine Felslandschaft reduzierte Bühnenbild mit einem in der Luft hängenden Quader als Palast Kreons und die mit symbolischen Farben arbeiteten Kostüme passen ausgezeichnet zu dem Stoff. Die Aufführung entfaltet eine Wucht, wie man sie etwa von Richard Strauß Elektra kennt. Alle Sänger sind in Bestform und auch das Orchester hat sich die Partitur vorbildlich erarbeitet. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Staatsoper mehr auf Zeitgenössisches setzt.

Ausstellungen in Wien

Zwei sehenswerte Ausstellungen gibt es derzeit in der Albertina: Egon Schiele & Eduard Angeli. Es gibt ja kaum ein Wiener Museum, das nicht einen größeren Bestand an Schiele-Werken hätte, aber die Sammlung an Zeichnungen in der Albertina ist herausragend. Schön, dass sie ihren Bestand wieder einmal in großem Umfang ausstellen. Angeordnet sind die Bilder chronologisch. Einige davon waren mir im Original neu, etwa seine Zeichnungen, die während seines Gefängnisaufenthalts entstanden sind. (Bis 18.6.)
Im Keller ist anlässlich seines 75. Geburtstags eine umfangreiche Retrospektive der Gemälde Eduard Angelis zu sehen, die so ganz anders sind, als man es von der Gegenwartskunst gewöhnt ist: Gegenständlichkeit mit subtilen Widerhaken. Angeli beschäftigt sich mit Räumen und ihre (oft düsteren) Atmosphäre. Menschen interessieren ihn nicht. (Bis 25.6.)

Das Künstlerhaus Wien ist wegen Umbauarbeiten in die Siebenbrunnengasse 26 im fünften Wiener Gemeindebezirk umgezogen und fand eine temporäre Bleibe in dem Stockwerk der ehemaligen Altmann’schen Textilfabrik. Der loftartige Ausstellungsraum eignet sich sehr gut für diesen Zweck. Zu sehen ist dort Das bessere Leben eine politische Konzeptausstellung, die sich mit Problemen der Gegenwart auseinandersetzt, darunter die Flüchtlingskrise. Eingeladen wurden primär Künstler, die einen Bezug zu diesen Themen haben. Prinzipiell bin ich kein großer Freund von „Politik-Kunst“, weil das Ergebnis oft auf Kosten der ästhetischen Qualität geht. Hier gibt es aber eine Reihe von Werken, die Ästhetik mit politischem Anspruch sehr gut verbinden. (Bis 20.5.)

Beide Ausstellungen im Wien Museum sind sehenswert. In der hübsch betitelten Schau Brennen für den Glauben. Wien nach Luther gehen die Kuratoren der protestantischen Phase Wiens nach. Wiens Bevölkerung war nach der Reformation einmal mehrheitlich protestantisch. Viele Stationen zeigen diese Entwicklung und deren spätere Unterdrückung. Es ist sehr viel schönes Druckwerk aus dieser Zeit zu sehen, etwa einer der seltenen Originaldrucke von Luthers 95 Thesen. (Bis 14.5.)
Einen Stock höher setzt man sich mit der Darstellung Wiens aus der Luft auseinander: Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick. Sie zeigt nicht nur historische Pläne und Fotos, sondern beschäftigt sich auch mit der kulturgeschichtlichen Interpretation dieser unterschiedlichen Sichtweisen. (Bis 17.9.)

Nestroy: Liebesgeschichten und Heiratssachen

Burgtheater 15.4. 17

Regie: Georg Schmiedleitner

Florian Fett, ehemals Fleischselcher, jetzt Particulier: Gregor Bloéb
Fanny, dessen Tochter: Marie-Luise Stockinger
Ulrike, entfernt mit Herrn von Fett verwandt: Stefanie Dvorak
Lucia Distel, ledige Schwägerin des Herrn von Fett: Regina Fritsch
Anton Buchner, Kaufmannssohn: Martin Vischer
Marchese Vincelli: Dietmar König
Alfred, dessen Sohn: Christoph Radakovits
Nebel: Markus Meyer
Philippine, Stubenmädchen bei Fett: Alexandra Henkel
Der Wirt zum Silbernen Rappen: Peter Mati
Die Wirtin: Elisabeth Augustin
Kling, Kammerdiener des Marchese / Georg, Bedienter bei Fett / Schneck, ein Landkutscher / Ein Wächter: Robert Reinagl

Ich bin kein großer Freund des Wiener Volkstheaters. Speziell nicht, wenn es tolpatschig inszeniert wird. Schmiedleitner schlägt erfreulicherweise einen komplett anderen Regieweg ein: Er nimmt das Stück als Welttheater ernst. Die Drehbühne mit ihren paar Stationen ist abstrakt gehalten. Der permanent auf die Bühne geblasene Theaternebel sorgt nicht nur für zahlreiche Hustenanfälle beim Publikum, sondern schafft auch eine seltsame Atmosphäre. Ein Streichquintett begleitet live immer wieder die Bühnenhandlung, und zwar mit einer Kammermusik, die mehr an Schostakowitsch als an Wiener Folklore erinnert.

Gleichzeitig liefern die Schauspieler eine hochkomische Performance ab. Bei mir treffen sie genau jenen Punkt, den ich lustig finde, was bei Theaterkomödien nur selten vorkommt. Das gilt auch für die diversen Spleens und Neurosen der einzelnen Figuren. Die verschachtelte intrigante Handlung wird grandios in Szene gesetzt. Könnte mich nicht erinnern, dass ich in Wien je eine bessere Nestroy-Inszenierung gesehen hätte.

Allan Sekula: Okeanos & Edward Burtynsky: Wasser

Thyssen-Bornemisza Art Contemporary 2.4. 17
Kunst Haus Wien 16.4. 17

Zwei Gegenwartskünstler mit ähnlichen Themenschwerpunkten sind derzeit mit ihren Werken in Wien zu sehen. Der 2013 verstorbene Allan Sekula beschäftigt sich in seinen Arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven mit den Weltmeeren und deren Zerstörung. Die TBA21 gibt einen Einblick in seine unterschiedlichen Werkgruppen. Zu sehen sind primär Fotos, allerdings auch drei seiner Videoarbeiten. Sekulas Film über den Fischmarkt in Tokyo sehe ich mir zur Gänze an und fühle mich an meinen Besuch chinesischer Märkte erinnert: Auch dort wird mit Tieren umgegangen als seien sie Gegenstände und keine Lebewesen. (Bis 14.5.)

Fotografien stehen auch im Mittelpunkt des Schaffens von Edward Burtynsky. Er benutzt für seine hochauflösenden Bilder eine 60 Megapixel Kamera (inzwischen 100 Megapixel) und bevorzugt Luftaufnahmen, wofür er Helikopter oder auch eine Drohne einsetzt. Das Ergebnis sind im klassischen Sinn schöne Kunstwerke, von denen einige nicht zufällig an die Meister romantischer Kunst wie Turner oder Spitzweg erinnern. Das Provokante an Burtynskys Arbeiten ist, dass er oft sehr Hässliches und Zerstörtes in dieser wunderschönen Manier dokumentiert. Man ist damit gezwungen sich geistig vom ästhetisch oberflächlich Schönen zum objektiv Hässlichen vorzuarbeiten. Ich sehe mir auch den fünfundsiebzig Minuten langen in Wien gehaltenen Vortrag des Künstlers an, der als Video gezeigt wird. Darin erklärt er kurz seinen künstlerischen Werdegang und geht ausführlich auf die gezeigten Fotos ein. (Bis 27.8.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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