Renaissance (Klassiker)

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Neue Biographie über Montaigne

Eine neue Biographie über Montaigne kann an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie ist von mir auch bereits vorbestellt: Philippe Desan: Montaigne. A Life. Diese Neuerscheinung nimmt Adam Gopnik wiederum zum Anlass für einen ausführlichen Essay über Montaigne im New Yorker, betitelt Montaigne on Trial. What do we really know about the philosopher who invented liberalism?. Desan scheint sich also als kritischer Biograph profilieren zu wollen. Der Text Gopniks ist jedenfalls sehr lesenswert.

Montaigne analysiert die Griechenlandkrise

Die Untertanen eines im Geben maßlosen Fürsten werden maßlos im Fordern. Nicht die Billigkeit machen sie zu ihrer Richtschnur, sondern das Beispiel. Wir hätten oft wahrhaftig allen Grund, über unsre Unverschämtheit zu erröten […]

Schon im Wort „Freigebigkeit“ schwingt ja „Freiheit“ mit. Ginge es nach uns, hätten wir nie genug: Das Empfangene zählt nicht mehr – man liebt Freigebigkeit nur im Futur. Je mehr sich deshalb ein Fürst im Schenken verausgabt, desto ärmer wird er an Freunden.

Wie könnte er auch Wünsche jemals befriedigen, die mit ihrer Erfüllung wachsen? Wer seine Gedanken nur auf das Nehmen richtet, hat keinen mehr übrig für das, was er genommen hat. Nichts kennzeichnet die Begehrlichkeit so sehr wie Undank.“
[Drittes Buch, Über Wagen]

Svend Gade, Heinz Schall: Hamlet (1921)

Filmcasino 9.3. 2014

Heidelinde Gratzl: Akkordeon
Jovan Torbica: Kontrabass

Dieser Hamlet war für mich eine völlige Überraschung: Hamlet wurde nicht nur von Asta Nielsen gespielt, sondern war auch in der Geschichte in Wahrheit eine Frau. Gertrude brachte nämlich ein Mädchen zur Welt, gab es aber als Jungen aus, um die Thronfolge zu sichern. Das löst dann tatsächlich auch ein Geschlechterchaos aus, weil Ophelia nun als Geliebte nicht mehr in Frage kommt, dafür die Männer für Hamlet plötzlich attraktiv werden. Diese Interpretation basiert auf dem Buch The Mystery of Hamlet (1881) des amerikanischen Shakespeare-Forschers Edward P. Vining.

Das wirkt noch heute verstörend irritierend, weil – abgesehen von einigen bei Shakespeare nicht enthaltenden Szenen – der Kern des Dramas beibehalten wird. Inklusive der Entlarvung durch eine Theateraufführung. Der freie Umgang mit den Geschlechterrollen überrascht mich sehr, obwohl ich natürlich weiß, dass die zwanziger Jahre gerade in Berlin sehr freizügig waren. Ein spannendes Filmerlebnis, zumal die gelungene Livemusikbegleitung zusätzlich für Atmosphäre sorgte.

Cäsar muss sterben

Filmcasino 3.2. 2013

Italien 2012

Regie: Paolo und Vittorio Taviani

Es ist ja immer so leicht gesagt, dass kaum jemand besser als Shakespeare die menschliche Natur ins Mark getroffen hat und seine Werke deshalb so zeitlos und universell gültig sind. Cäsar muss sterben zeigt grandios, was damit gemeint ist. Eine Gruppe Schwerverbrecher in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis probt den Julius Caesar und man merkt sofort, wie der Stoff, die Figuren und vor allem die Sprache sie trifft. Filmästhetisch ist das erstklassig umgesetzt, überwiegend in schwarz-weiss mit vielen (extremen) Nahaufnahmen. Shakespeare packt die Knackis und das Shakespeare-Spiel der Knackis packt die Kinobesucher. Der junge Italiener neben mir vergaß nach einiger Zeit sogar die volle Popcorntüte in seiner Hand. Vermutlich der beste Shakespeare-Film, den ich bisher sah. Der Goldene Löwe auf der letzten Berlinale ist hoch verdient.

Shakespeare im British Museum

Hier darf der Hinweis auf die große neue Ausstellung des British Museum nicht fehlen: Shakespeare: Staging the World. Sähe ich sehr gerne, werde aber bis Ende November wohl nicht nach London kommen, und begnüge mich deshalb mit den Ausstellungsberichten, etwa in der NZZ und im The Economist.

Frank Kermode: The Age of Shakespeare

Kermodes übersichtliches Werk über einen meiner Lieblingsklassiker ließ ich mir als Hörbuch vorlesen. Man kategorisiert The Age of Shakespeare am besten als Einführung. Kermode macht den Leser auf eine erfreulich unprätentiöse Weise mit den wichtigsten Fakten bekannt, die man wissen sollte, wenn man sich mit Shakespeares Dramen beschäftigt. Kermode erläutert den historischen Kontext ebenso wie die Verhältnisse in London damals und den zeitgenössischen Theaterbetrieb. Für meinen Geschmack hätte er ausführlicher auf geistes- und literaturgeschichtliche Themen eingehen können. Dafür behandelt er die Stücke für den knappen Rahmen sehr ausführlich, ohne sich auf wilde hermeneutische Spekulationen einzulassen. Insgesamt also eine verlässliche, wenn auch keine sehr inspirierte Angelegenheit.

Frank Kermode: The Age of Shakespeare (Modern Library)

Montaigne: Essais

Diese Notizen schrieb ich im Frühjahr 2006 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Ein gutes Beispiel für meine in den Bibliomanen Betrachtungen beschriebenes Leseverhalten sind derzeit die berühmten “Essais” des Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592). Ich lese seit gut einem Monat an der von Hans Stilett übersetzten Gesamtausgabe und nähere mich langsam erst der Hälfte. Dabei handelt es sich um keine neue Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Autor. Die erste Bekanntschaft verdanke ich einer Auswahlausgabe als insel taschenbuch. Nun also der Vorsatz einer vollständigen Lektüre.

Montaignes “Versuche” zogen Generationen von Lesern in den Bann. Diese Faszination ist leicht nachzuvollziehen, schwieriger ist es dagegen, den Ursachen für dieses Interesse auf die Spur zu kommen. Im einleitenden Absatz der Britannica heißt es treffend:

Michael Eyquem de Montaigne wrote, in his Essais, one of the most captivating and intimate self-portraits ever written, on a par with Augustine’s and Rousseau’s. Living, as he did, in the second half of the 16th century, he bore witness to the decline of the intellectual optimism that had marked the Renaissance. The sense of immense human possibilities, stemming from the discoveries of the New World travellers, from the rediscovery of classical antiquity, and from the opening of scholary horizons through the works of the humanists, was shattered in France when the advent of the Calvenistic Reformation was followed closely by religious persecution and by the Wars of Religion (1562-98). These conflicts, which tore the country asunder, were in fact political and civil as well as religious wars, marked by great excesses of fanaticism and cruelty. At once deeply critical of his time and deeply involved in its preoccupations and its struggles, Montaigne chose to write about himself […] in order to arrive at certain possible truths concerning man and the human condition, in a period of ideological strife and division when all possibility of truth seemed illusory and treacherous.

Montaigne setzt in “An den Leser” zu einer Erläuterung seines Projekts an:

Wäre es mein Anliegen gewesen, um die Gunst der Welt zu buhlen, hätte ich mich besser herausgeputzt und käme mit einstudierten Schritten daherstolziert. Ich will jedoch, daß man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungene Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte […] Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buchs: Es gibt keinen vernünftigen Grund, daß du deine Muße auf einen so unbedeutenden, so nichtigten Gegenstand verwendest.”
[S.5]

Obwohl Montaigne seine Leser gerne mit einem Augenzwinkern auf falsche Fährten führt, kann man diesen Auftakt durchaus ernst nehmen. Die “Essais” sind eines der erstaunlichsten Selbstportraits der Weltliteratur. Die meisten Versuche beginnen mit dem Wörtchen “Über”, über die Traurigkeit, über den Müßiggang, über die Lügner, über die Schulmeisterei …

Oft spielen diese Themen dann nur eine untergeordnete oder indirekte Rolle. Montaigne schreibt über seine Erfahrungen, seine Gedanken und sein Leben. Ein weiterer roter Faden sind zahlreiche aus seinen Bücher bezogene Beispiele, Geschichte und Geschichten, welche den einen Punkt belegen, dem anderen Aspekt widersprechen, kurz zu verschiedensten rhetorischen Zwecken eingesetzt werden. Wobei es Montaigne mit dem Zitieren nicht übermäßig genau nimmt. Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und ab und zu sogar gegen ihre ursprüngliche Intention verwendet, wenn man sich den Kontext des eingefügten Textschnippsels ansieht.

Das Ergebnis dieses von Montaigne entwickelten Kompositionsverfahrens ist ein vielschichtiges, originelles und bedenkenswertes Werk. Vorweg geschickt sei noch, dass die Neuübersetzung von Hans Stilett (1998) vorzüglich gelungen ist. Ein großartiges Übersetzungsprojekt. Allerdings passt diese großformatig-protzige Prachtausgabe so gar nicht zum Text. Inzwischen gibt es noch eine Auswahlausgabe dieser Übersetzung sowie eine Gesamtausgabe als Taschenbuch.

Sich systematisch Montaigne zu nähern, ist schwierig. Diese Autobiographie in Versuchen schließt das Scheitern im Denken ein. Nicht selten wird ausprobiert, weshalb man zu vielen Fragen keine konsistenten Antworten erwarten darf. Montaigne führt eher eine Art des Denkens vor, die sich nicht nur durch Skeptizismus auszeichnet, sondern auch durch große Freiheit. Leider gibt es, wie bei anderen Denkern, auch bei ihm eine große Ausnahme: der katholische Glaube. Davon wird später noch die Rede sein.

Den Auftakt zum ersten Buch bilden eine Reihe von besonders kurzen Essais. Die für seine Zeit beachtliche Vorurteilslosigkeit zeigt sich im elften Stück “Über die Zukunftsdeutungen”. Während bei vielen Intellektuellen der Renaissance die Astrologie ein hohes Ansehen genießt, unterzieht Montaigne diesen Humbug, “ein vielsagendes Beispiel für die wahnsinnige Neugierde Menschennatur” [S. 26], einer nüchternen Betrachtung:

Tatsächlich mit eigenen Augen gesehen aber habe ich, daß bei öffentlichen Wirren die durch solche Heimsuchung verstörten Menschen sich wie auf jeden anderen Aberglauben auch auf den stürzen, im Himmel die Ursachen und Androhungen ihres Unglücks ausfindig zu machen zu können […] Ein leichtes Spiel bietet ihnen aber besonders der dunke, vieldeutige und verstiegne prophetische Jargon, dem seine Urheber nie einen klaren Sinn geben, damit die Nachwelt den ihr jeweils passenden hineinlegen könne.
[S. 27]

Bis auf den heutigen Tag verstehen das viele Menschen nicht, was der Erfolg diverser hanebücherner Entschlüsselungsbücher (Bibelcode und Co.) hinreichend belegt. Hübsch auch, dass Montaigne bereits mit Statistik argumentiert, die heute noch bei der Entlarvung esoterischen Unsinns große Dienste leistet. Er bringt ein Beispiel aus der Antike:

Als Diagoras, den sie den Atheisten nannten, auf der Insel Samothrake weilte, zeigte ihm im Tempel einer die zahlreichen Bilder und Votivtafeln, und fragte ihn: “Du meinst also, daß die Götter sich nicht um menschliche Angelegenheit kümmern? Was aber sagst du nun dazu, daß so viele Menschen durch ihre Gnade gerettet wurden?” “Der Eindruck täuscht”, antwortet er, “denn die Ertrunknen, deren weit mehr waren, sind ja nicht mitgemalt!”
[S. 27]

Ein zentraler Essay ist Nr. 20 “Philosophieren heißt sterben lernen”. Das Thema des Todes und des Sterbens zieht sich fast leitmotivisch durch das Buch:

Berauben wir [den Tod] seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge. Fragen wir uns beim Stolpern eines Pferdes, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich immer wieder sogleich: “Wie, könnte das nicht der Tod persönlich sein?”. Reißen wir uns dann zusammen, spannen wir die Muskeln!
[S. 48]

Angesichts der Neuartigkeit der “Essais” überrascht es nicht, dass Montaigne in regelmäßigen Abständen seine Vorgehensweise erläutert. Er “erzieht” seine Leser:

Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich scheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz – stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen, ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten.
[S. 59]

Gute drei Monate beschäftigten mich nun die “Essais” des Montaigne. Jedes Buch verlangt nach einer eigenen Lesegeschwindigkeit und diese Texte entfalten sich am besten bei einer geduldigen Herangehensweise. Die vielfältigen Bezüge, die zahlreichen Anspielungen und die raffinierte Komposition bedürfen einer ruhigen Betrachtungsweise.

Mit guten Gründen zählt man die “Essais” zu den zentralen Werken der Weltliteratur. Die intellektuelle Komplexität ist faszinierend und kann durch eine erste Lektüre nicht annährend ausgeschöpft werden. Aus analytischen Gründen kann man zwei zentrale Themenbereiche unterscheiden: Die “Essais” als geistige Biographie eines faszinierenden Menschen der frühen Neuzeit und das Mosaik höchst unterschiedlicher Inhalte. Inwieweit “Mosaik” eine passende Metapher darstellt, darüber scheiden sich die Geister. Während Vertreter der Postmoderne ihre seltsame Denkschablone dahin gehend über den armen Montaigne stülpen, dass er angeblich ein inkomprehensibles Textsammelsurium hinterlassen hat, weisen Vertreter der traditionelleren Gelehrsamkeit auf die rekonstruierbare subtile Komposition der “Essais” hin.

Ich tendiere zur letzten Position, allerdings müßte man dieser These ausführlich literaturwissenschaftlich zu Leibe rücken. Die thematischen Stränge der Essais zu verfolgen und in eine Zusammenschau zu bringen, bedürfte mindestens einer soliden Magisterarbeit.

Angesichts der verschmitzten Klugheit des Autors sollte man seine zahlreichen Aussagen, er schreibe gedächtnis- und planlos ins Blaue hinein, keinesfalls ernst nehmen. Zumindest verfolgt er ein “pädadagogisches” Anliegen und will seine Leser zum kritischen Denken erziehen. Es ist kein Zufall, dass Sokrates einer von Montaignes Geisteshelden ist, auf den er immer wieder referenziert.

Die “Essais” sind nach dieser “autobiographischen” Sichtweise also das Zeugnis einer bemerkenswerten Persönlichkeit. Das gilt nicht zuletzt für deren Widersprüchlichkeit. So könnte man seitenweise Zitate von einer erstaunlichen Modernität über Erziehung, Strafrecht, Folter, amerikanische Ureinwohner, Prügelstrafe, Hexen, Aberglauben etc. zusammen stellen, die Montaigne weit über den intellektuellen “common sense” seiner Zeit hinaushebt. Das gilt auch für seinen erkenntnistheoretischen Skeptizismus und Empirismus.

Auf der anderen Seite ist er nicht nur ein offensiver Verfechter des Katholizismus und Konservativer. Er begründet diese Haltung vor allem mit seiner erkenntnistheoretischen Position: Da keine menschliche Erkenntnis möglich sei, brauche man Gott schon aus epistemologischen Gründen.

Neben dieser “biographischen” Leseweise, ist das Buch zusätzlich angefüllt mit einer unglaublichen Themenfülle. Philosophische Fragen aller Art stehen neben Politik, Erziehung, Geschichte, Reisen, Alltag etc. Sie alle stehen in Bezug zu zeitgenössischen und antiken Autoren, die Montaigne las. Jahrelang benötigte man, um dieses Knäuel an Fäden aufzudröseln. Die Montaigneforschung scheint mir ein höchst spannendes und diversifiziertes Feld zu sein.

Sich diesem Buch zu nähern ist eine intellektueller Herausforderung im besten Sinn. Man braucht neben viel Zeit ein offenes Auge für die zahlreichen Feinheiten. Man wird es – wie alle großen Bücher – oft zur Hand nehmen müssen und sich ein solides Verständnis erarbeiten. Dazu ist die erste Lektüre nur ein kleiner Schritt.

War Montaigne ein Philosoph? Um diese scheinbar einfache Frage zu beantworten, empfiehlt sich eine Unterscheidung. “Philosoph” ist ein ausgesprochen vager Begriff. Ich unterscheide (grob vereinfachend) zwei Kategorien von Intellektuellen, die Anspruch auf diese Bezeichnung erheben: Die literarischen und die “echten” Philosophen. Zu den letzteren zähle ich diejenigen, welche das Ziel der Wahrheit als Regulativ nie aus dem Auge verlieren und methodisch-systematisch denken, kurz sich an die Logik halten und methodologisch reflektieren. Als empirisches Fundament greifen sie auf die Naturwissenschaften zurück, die aus erkenntnistheoretischen Gründen die bestmöglichen “Fakten” liefern. Im 20. Jahrhundert fand man diesen Philosophentypus vor allem (aber nicht nur) in der analytischen Philosophie. Er findet sich aber auch schon in der Antike, etwa bei den alexandrinischen Naturphilosophen.
Davon kann man den literarischen Philosophen unterscheiden, der sich oft mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzt, diese aber unsystematisch behandelt. Im Zweifelsfall wird einer brillanten Formulierung der Vorzug gegenüber einem klaren Gedanken gegeben. Den Naturwissenschaften stehen sie oft mit Unverständnis und Ablehnung gegenüber. “Literarisch” nenne ich sie deswegen, weil sich ihre Bücher meist mehr durch ästhetische als philosophische Verdienste auszeichnen. Prototyp des Literatenphilosophen ist Nietzsche. Ein vorzüglicher und vergnüglich zu lesender Stilist. Leider schreibt er ebenso geistreich wie er unsystematisch denkt. Es spräche einiges dafür, den Deutschen Idealismus in diese Schublade zu stecken. Viele dunkel raunende Bücherschreiber passten ebenfalls gut dazu.

Mir ist die brüske Binarität dieser Einteilung bewusst, und es gibt sicher viele Zwischenstufen, aber als heuristische Orientierung ist sie durchaus nützlich. Besser wäre es wohl für die zweite Gruppe nicht “Philosoph” als Bezeichnung zu verwenden.
Montaigne erfüllt nun viele Kriterien, um ihn zu den Literaten zu zählen. Nicht nur entwickelt er keine systematischen Theorien, er widerspricht sich auch in vielen Fragen und ist sich dieser Widersprüche auch bewusst. Zu Beginn preist er etwa die systematische Beschäftigung mit dem Tod als wichtigste philosophische Tätigkeit an, während er am Ende seines Buches in Frage stellt, ob man sich überhaupt damit auseinandersetzen sollte.

Auf abstraktere Ebene widerspricht sein theoretischer Skeptizismus, wie er ihn in der “Apologie” wortgewaltig verkündet, seiner schriftstellerischen Praxis. Das klassische Dilemma jedes radikalen Relativisten: Wie kann man sinnvollerweise seine Theorie vertreten, wenn man die Fundamente des rationalen Diskurses prinzipiell in Frage stellt? Nimmt man sein Plädoyer für eine gepflegte systematische Diskussionskultur hinzu oder seine Ablehnung der Lüge, wird der radikale Skeptizismus noch absurder.
Auch nach dem Maßstäben des späten 16. Jahrhunderts wäre Montaigne also ein handwerklich “schlechter” Philosoph (was er sicher als Kompliment verstanden hätte).
Deshalb liest man ihn besser als geistreichen Literaten denn als Philosophen.

Montaigne hat viel Kluges über Menschen, Kultur & Geschichte, Leben & Sterben zu sagen. Er widerspricht sich ab und an und gibt uns damit einen Einblick in die Entwicklung seines Denkens. Er läßt uns Zeuge seines Denkens werden anstatt uns die Resultate mundfertig zu präsentieren.

Montaigne: Essais (Eichborn)

Shakespeare: Richard II.

Burgtheater 7.6.
Eine Produktion des Berliner Ensembles

Regie: Claus Peymann

Herzogin von Gloster, ein Fräulein, Herzogin von York: Maria Happel
Herzog von Gant, Bischof von Carlisle: Martin Schwab
Heinrich Bolingbroke, sein Sohn: Veit Schubert
König Richard II.: Michael Maertens
Königin Isabel: Dorothee Hartinger

Das Burgtheater hatte in den letzten Jahren keine gute Hand mit Shakespeare-Inszenierungen. So ist es bezeichnend, dass der beste Shakespeare seit langem eine Gastproduktion des Berliner Ensembles ist. Es handelt sich um eine „Wiener Produktion“ mit Burgschauspielern, die regulär auf dem Spielplan steht. Peymann gehört zu den Regisseuren, die einen genuinen Zugang zur Literatur haben. Bekanntlich ist das nicht mehr bei allen Theaterleuten der Fall heutzutage.

Dieser Richard II. ist Literaturtheater im besten Sinn. Peymann setzt auf die Wirkung von Shakespeares Sprache (in einer guten Übersetzung von Thomas Brasch). Monologe und Szenen, speziell die mit Richard II., werden deshalb meist sehr geruhsam ausgespielt. Gerade bei diesen „langsamen“ Szenen bleibt die Spannung trotzdem sehr stark. Maertens legt seinen Richard II. interessant an: Einerseits als etwas hilflosen Tolpatsch (durchaus mit komischen Elementen), andererseits spielt er den existenziell-tragischen Part sehr gut aus. Die Inszenierung arbeitet mit einigen Stilisierungen (weiß geschminkte Gesichter), aber die Gesamtwirkung ist durchaus stimmig. Ab und an gute Inszenierungen von anderen Häusern zu übernehmen, ist jedenfalls eine exzellente Idee, die das Wiener Theaterleben bereichert.

Harold Bloom

The Western Canon The Books and School of the Ages. (Riverhead Books)

Bloom ist ein großer Kenner, wenn es um Klassiker geht. Seine von der Psychoanalyse inspirierten literaturtheoretischen Vorstellungen sind aber sehr fragwürdig. Man liest Bloom also am besten als Leser und als Polemiker, nicht als Literaturwissenschaftler. Polemiker deshalb, weil er an der postmodernen Umgestaltung der Literaturinstitute in den USA kein gutes Haar läßt, und sogar das Ende des substanziellen Literaturunterrichts in den USA ausruft.

The Western Canon ist deshalb als eine Art Nachruf auf den Kanon konzipiert. Der Anhang enthält eine umfangreiche Empfehlungsliste mit Klassikern der Weltliteratur. Im Zentrum des Kanons steht für Bloom Shakespeare, der als Bezugspunkt implizit und explizit immer präsent ist. Blooms Klassikerlektüre ist immer dann sehr interessant, wenn es um konkrete Beobachtungen und das Herstellen von Bezügen geht. Je mehr er in (s)eine Form des Interpretierens hineinrutscht, desto fragwürdiger werden die Kapitel. Meine Empfehlung wäre, diese Passagen einfach zu überblättern, und sich die Perlen aus den jeweiligen Kapiteln herauszusuchen.

Das Pathos, mit dem Bloom die Lektüre von Klassikern preist, ist mir naturgemäß nicht unsympathisch. Von den gängigen postmodernen Literaturtheorien halte ich genausowenig wie Bloom, was sich in meinem Essay Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie nachlesen läßt. Bei seiner Kanonauswahl dominieren, wenig überraschend, angelsächsische Klassiker. Insgesamt ein für Klassikerfreunde sehr anregendes Buch, wenn man Bloom nicht jede interpretatorische Eskapade durchgehen läßt.

Mark Lilla über Montaigne

Für die New York Review of Books No. 5 verfasste Mark Lilla einen exzellenten Essay über Montaigne. Anlass ist die auch hier kürzlich besprochene Einführung der Sarah Bakewell. Einleitend beklagt Lilla wie schlecht heutzutage über Klassiker geschrieben wird, was man Wort für Wort unterstreichen kann:

The art of the introduction is dying. It used to be that when you opened, say, a Penguin or Oxford classic you’d find a short, engaging tour d’horizon, quirky in the English style and focused on essentials. It predisposed you to give the author an even break. Today you bang your knee instead against belabored essays by scholars who think “foreground” and “background” are verbs. They lecture you on the narrow historical context they’ve banished the book to and its ordained place in the author’s development; then it’s on to mind-numbing debates about which manuscript or folio or annotated edition or critical commentary (their own) is to be preferred.

What they never tell you is why you should read the book. Doesn’t it occur to publishers that while this scholarly detritus may have a place in footnotes and appendices, it does not constitute an introduction, whose function is, well, to introduce? When any of us presents someone or something to another person, the first thing we try to convey is why he, she, or it might matter. You must try this, you must meet her. But apparently publishers have concluded that appeals to taste or pleasure or (why not) truth are bad for the college market, so we are left with these grim checkpoints guarding the border between the us and the author, protecting him from any embrace. I forbid my students to read them.

In der Mitte des Textes kommt Lilla dann sehr instruktiv auf einen Punkt zu sprechen, den Bakewell in ihrem Buch vernachlässigt, nämlich die nahe liegende religionskritische Lesart der Essays:

For instance, Bakewell seriously misleads her readers when she says that “the Essays has nothing to say about most Christian ideas,” as if silence about certain things isn’t sometimes the loudest way to speak. And what are we to make of the remark that Montaigne shows no interest in Jesus Christ, that “he writes about the noble deaths of Socrates and Cato, but does not think to mention the crucifixion alongside them”?

Let me submit that the Essays, which Montaigne began the year of the St. Bartholomew’s Day Massacre and finished while his Catholic and Protestant neighbors in Bordeaux were still slitting each other’s throats, are about little else but Christian ideas, and that it’s unlikely that the passion, death, and resurrection of Our Lord and Savior slipped his mind. Countless tales he tells mock Christian ideals, though they are prudently set in ancient or foreign settings.

Instead of expressing his disgust with Christian martyrdom—and, implicitly, the crucifixion—he tells us about the Sicilian father who killed his daughters to keep them from marauding Turks, the Portuguese Jews who threw their children into a well rather than let them be converted, the Roman wives who killed themselves when their husbands fell out of favor, and the men of Astapa, Spain, who burned to death everyone in their besieged city, then threw themselves onto the pyre. And instead of attacking directly the cruelty of monastic self-discipline, he dismisses as futile similar efforts by unnamed “Stoics,” of whom there were only an educated handful at his time. Montaigne’s contemporary readers would have had no trouble discerning the real target of these stories, and certainly the Catholic Church didn’t. It placed the Essays on the Index of Prohibited Books in 1676 and didn’t remove them until 1854.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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