Leo Perutz
St. Petri-Schnee. Roman. (dtv)
Bisher hatte ich nichts von Leo Perutz gelesen, was sich jetzt als Fehler herausstellt. St. Petri-Schnee (1933) wählte ich zufällig aus, und ich war sehr beeindruckt von Perutz’ Erzählkunst. Er schafft nämlich das seltene Kunststück, an der Oberfläche eine leicht lesbare, spannende Geschichte zu erzählen und trotzdem mehrere doppelte Böden einzubauen. Diese Kombination gelingt nur wenigen Autoren, da die erzähltechnisch Anspruchsvolleren meist auch zu einem hermetischeren Stil tendieren (was nicht negativ gemeint ist).
Sehr raffiniert ist die Erzählperspektive! Als Leser weiß man eigentlich während des gesamten Romanes nicht, ob der Berichterstatter, ein junger Arzt namens Dr. Arnberg, diese haarsträubende Geschichte wirklich erlebt hat, oder sie in seinem Krankenhauszimmer nach einem Unfall einfach zusammen fantasiert. Perutz wandert selten geschickt auf dem Pfad der erzählontologischen Verunsicherung.
Die Geschichte greift auch sehr intelligent philosophische und geistesgeschichtliche Fragen auf. Der Schurke des Buchs, Freiherr von Malchin, arbeitet an einem grotesken Projekt: Er will in seinem Labor eine Droge synthetisieren, welche die Massen wieder in religiöse Verzückungszustände versetzt. Das wirft nicht nur die Frage, nach der Existenzursache von Religion auf, sondern gibt auch eine für die damalige Zeit quasi avantgardistische naturwissenschaftliche Pseudoerklärung dafür ab.
St. Petri-Schnee ist ein intelligenter, unterhaltsamer und raffiniert konstruierter Roman. Was will man mehr?
Thomas Mann in Erstausgaben
Der Sammler Hans-Peter Haack hat laut NZZ einen wunderschönen Bibliographischen Atlas vorgelegt, welcher die Erstausgaben der Werke Thomas Manns illustriert vorstellt. Mit 119 Euro aber leider kein Schnäppchen.
Joseph Roth
Die Flucht ohne Ende. Ein Bericht
Der 1927 erschienene Roman ist ein Beispiel dafür, dass selbst die schlechten Bücher des Joseph Roth besser sind, als so manches “gute” seiner Zeitgenossen. Der Untertitel spricht von einem “Bericht”. Diese Kompositionsidee kann Roth aber nicht durchhalten. Zu Beginn wird tatsächlich ein (mehr oder weniger) berichtender Stil angeschlagen, später kippt Roth aber in seinen “klassischen” Romanstil: Neben fulminanten Beschreibungen, wird er auch sehr boshaft und sarkastisch, etwa wenn er rhetorisch über das Sonntagsleben einer deutschen Stadt am Rhein herfällt. Das führt zu einem strukturell und stilistisch sehr divergenten Roman, ohne dass es einen ästhetischen Mehrwert hätte.
Trotzdem lesen sich die Abenteuer des Franz Tunda sehr interessant. Er bleibt Ende des zweiten Weltkriegs als Revolutionär in Russland hängen und erlebt dort eine Menge Abenteuer, bevor er sich zur Rückkehr nach Wien entschließt. Es besucht seinen Bruder, einen berühmten Dirigenten, in Deutschland. Diese Kapitel samt Beschreibung der besseren Gesellschaft jener Provinzstadt gehören zu den besten des Buches.
Jean Paris
James Joyce. (rororo monographie) [2.]
Eine aktuelle rororo monographie über James Joyce gibt es nicht. [Siehe Kommentare unten!] Ich hatte in meiner Bibliothek noch die inzwischen vergriffene des Jean Paris stehen und las sie anläßlich meiner Zweitlektüre des Ulysses ebenfalls zum zweiten Mal. Eine Lektüre-Empfehlung kann ich allerdings nicht aussprechen. Zwar hat Jean Paris durchaus interessante Einsichten in Joyce’ Werke, etwa wenn er über das Menschenbild im Ulysses schreibt. Das Buch krankt aber nicht nur an einer zu geschwurbelten Sprache. Auch die teils wenig reflektiert aus der damaligen Forschungslandschaft referierten Deutungen (sechziger Jahre), sind eine mühsame Lektüre. Was das Biographische angeht, so erfährt man die wichtigsten Fakten aus dem Leben des James Joyce. Diese sind aber so in Paris’ Deutungssermon eingewoben, dass man sie erst zusammensuchen muss, wenn man sich in erster Linie dafür interessiert. Relativ ausführlich beschreibt der Autor die Publikationsprobleme. Über die Dubliners etwa:
Nicht nur behandelte Joyce Themen, die die viktorianische Zensur für tabu erklärt hatte: die Profanierung (The Sisters), die sexuelle Perversion (An Encounter), die Zuhälterei (Two Gallants), er wagte es auch, mit jeder Überlieferung zu brechen und lebende Personen bloßzustellen. Dabei trieb er die Frechheit soweit, ihren Namen, ihren Beruf, ja selbst ihren Wohnsitz mitzuteilen. [S. 79]
Lesen sollte diese rororo monographie nur, wer für hermeneutisches Geschwurbel viel Geduld aufbringt, oder wer einen Einblick bekommen will, wie sich die Nachkriegs-Literaturwissenschaft mit der literarischen Avantgarde auseinandersetzte.
James Joyce: Ulysses [2.]
Viele Literaturkenner halten den Ulysses für einen der besten Romane der Weltliteratur. Viele ambitionierte Leser haben aufgrund der vermeintlichen oder tatsächlichen “Schwierigkeit” einen großen Respekt vor dem Buch. Immer wieder höre ich, man hätte die Lektüre mehrmals versucht – und abgebrochen. Tatsächlich setzt ein Verständnis des Ulysses eine beachtliche intellektuelle Anstrengung voraus. Vergleichbar vielleicht mit dem Bereisen eines fremden Landes. Man muss sich einerseits gut vorbereiten, damit man seine Reiseerlebnisse richtig einordnen kann. Andererseits kommt man ohne Offenheit und Mut zum Fremden nicht weiter.
Joyce schrieb 1914-1921 an dem Roman, beschäftigte sich aber bereits vorher mit Geschichten und Motiven, die in das Buch Eingang fanden. Die Publikation war aufgrund der “rücksichtslosen” Darstellung (auch der erotischen Eskapaden) seiner Figuren schwierig. In Irland war der Roman von der Zensur lange verboten. Ich las den Roman zum zweiten Mal und ließ mir einige Monate Zeit dazu.
Was den Ulysses zu keiner einfachen, aber desto anregenderen Lektüre macht, ist Joyce erzählerischer Formenreichtum. Jedes der achtzehn Kapitel hat seine eigene Sprache. Üblicherweise versteht man nach den ersten 30 bis 50 Seiten die Machart eines Romans: Man durchschaut die Form, den Stil, die Erzählperspektive. Man hat sich “eingelesen”. Anders hier: Jedes Kapitel verlangt diese Anstrengung aufs Neue, und ich vermute, das ist einer der Hauptgründe, warum viele die Lektüre abbrechen. Das Werk ist eine literarische Dauerirritation. Das ist schade, liefert Joyce doch einen enzyklopädischen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Literatur. Im Ulysses findet man so gut wie jede denkbare Erzählperspektive, vom allwissenden auktorialen Erzähler über den unzuverlässigen personalen Erzähler bis hin zu Passagen aus der Ich-Perspektive. Innere Monologe, stream of consciousness und Dialoge in Dramenform wären weitere Beispiele. Stilistisch spielt Joyce ebenfalls mit allen Möglichkeiten. Kaum eine Textart, die er nicht benutzt, viele davon parodistisch. Journalistenprosa, Juristenfachjargon, Bibelsprache, Werbesprache, okkultes Raunen, Fachsprachen, Slang in allen Formen usw.
Als Einstieg kann man sich durchaus einzelne Kapitel vornehmen, das schüchtert weniger ein als der Vorsatz, alles in einem Zug zu lesen.
Nun drängt sich die Frage auf: Wie kann diese Fülle der formalen Mittel in einem Einzelwerk funktionieren? Meine Antwort darauf wäre: Die hohe struktuelle und semantische Dichte hält den Roman zusammen. Damit meine ich die unglaubliche Fülle an symbolischen Bezügen, welche den Roman auf mehreren Ebenen zusammenhalten. Ein Strukturalist würde hier von einer Vielzahl von Isotopien sprechen. Eine Analogie zur Musik: Der Ulysses ist (was die Dichte angeht) etwas Ähnliches wie Wagners Ring der Nibelungen für die Musik. Ein Riesenwerk, das Genregrenzen sprengt, und eine völlig eigenständige Ästhetik entwickelt, damit es als Werk funktionieren kann. Man sagte Joyce nach, dass er ein ungewöhnliches gutes Gedächtnis hatte. Ein solches ist auch bei der Lektüre des Romans hilfreich, um auch nur in Ansätzen diesen Bezügen folgen zu können.
Umstritten in der Forschung ist, wie wichtig die Folie der Odyssee ist, die dem Ulysses einen zusätzlichen Rahmen gibt. Literaturtheoretisch ist das eine sehr spannende Frage, denn diese Folie wird quasi von außen über den Roman gestülpt. Im Roman selbst wird das Werk Homers kaum thematisiert. Die Figuren sind sich dieser Parallelen also nicht bewusst. Joyce steuert damit aber die Erwartungshaltung seiner Leser und man zieht zusätzlichen Gewinn aus der Lektüre, wenn man die Irrfahrten des Odysseus im Hinterkopf hat.
Dicht ist der Text auch, was die Themenvielfalt betrifft. Jedes Kapitel hat mindestens ein Thema, das aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet wird: Geschichte, Medizin, Politik, Literatur und Musik sind nur einige davon. Kurz: Ulysses ist ein enzyklopädisches Werk. Joyce versucht die Komplexität der Realität in ästhetische Komplexität zu übersetzen – und das gelingt ihm kongenial. So ist es auch kein Zufall, dass Shakespeare im Roman eine wichtige Rolle spielt. Joyce hatte durchaus den Anspruch, es Shakespeare gleich zu tun, und die Welt literarisch neu zu erschaffen.
Sein Blick auf die Figuren ist ein analytischer, wenn nicht zynischer. Joyce schickt seinen Leopold Bloom und die anderen Figuren am 16. Juni 1904 wie Versuchstiere durch Dublin und registriert schonungslos jede ihrer Regungen. Die Abgründe, in die er seine Figuren und damit seine Leser führt, zeigen einen schonungslosen und kritischen Blick auf seine Artgenossen. Das macht Joyce auch zu einem der großen Aufklärer der Weltliteratur.
Ich las den Roman abwechselnd in der kommentierten Ausgabe der Wollschläger-Übersetzung und im Original. Die kommentierte Ausgabe läßt einen zwiespältigen Eindruck zurück. Das hat nichts mit der guten Qualität des Kommentars zu tun, der immer wieder sehr nützlich ist, sondern mit dem Leseerlebnis: Ist der Romantext vom Kommentar buchstäblich eingekreist, lenkt das sehr von der eigentlichen Lektüre ab. Meine Empfehlung wäre, sich die Übersetzung auch unkommentiert zu kaufen (wer nicht ohnehin im Original liest) und diese als Leseausgabe zu verwenden. Die kommentierte Ausgabe zusätzlich zum Nachschlagen.
James Joyce: Ulysses. Kommentierte Ausgabe (Suhrkamp Verlag) [2.]
Oscar Wilde als Altphilologe und Leser
Die New York Review of Books stellt in ihrer Ausgabe 17/2010 zwei interessante neue Bücher zu Oscar Wilde vor:
- Oscar Wilde: The Women of Homer (The Oscar Wilde Society)
- Thomas Wright: Built of Books: How Reading Defined the Life of Oscar Wilde (John Macrae/Holt)
Daniel Mendelsohn schrieb eine ausführliche Rezension. Ein Auszug:
He had, after all, shown a remarkable flair for the classics from the start. At the Portora Royal School, where he’d been sent in the autumn of 1864, just before his tenth birthday, he won the classical medal examination with his extempore translations from Aeschylus’ Agamemnon (the tragedy he loved above all others) and the Carpenter Prize for his superior performance on the examination on the Greek New Testament. Later, at Trinity College, Dublin, he took a first in his freshman classical exams and went on to win the Berkeley Gold Medal for his paper on a subject that was, perhaps, not without augury: the Fragmenta comicorum graecorum, “Fragments of the Greek Comics,” the great scholarly edition by the early-nineteenth-century German philologue Augustus Meineke. (According to his friend Robert Sherard, he occasionally pawned the medal when he needed money, but managed always to redeem it, keeping it until the end of his life.)
After transferring to Magdalen College, Oxford, in the autumn of 1874, Wilde scored highest marks on his entrance exams, and finished by taking a prestigious double first in “Greats,” the relatively recent, classics-based curriculum officially known as literae humaniores.
Joseph Roth
Die Rebellion (Kiepenheuer & Witsch)
Wenn man Romane gerne in Schubladen sortiert, könnte man diesen als sozialkritischen Bildungsroman einordnen. Im Mittelpunkt steht der staats- und regierungstreue Andreas Pum, 45 Jahre alt. Im ersten Weltkrieg für ein verlorenes Bein ausgezeichnet, tritt er mit der Erwartungshaltung in den Nachkriegsalltag, seine Regierung würde sich deshalb um ihn kümmern. Diese hat aber nicht einmal eine Prothese für ihren Helden übrig, so dass sich Andreas mit Tricks eine Leierkastenlizenz besorgt. Sein Leben nimmt eine Wende zum Besseren als er wider Erwarten eine Frau zum Heiraten findet, die den “Krüppel” freilich nach dem ersten Konflikt gegen einen schmucken Unterinspektor vertauscht.
Jetzt setzt die Abwärtsspirale ein, die Joseph Roth furios mit seiner Erzählkunst in Szene setzt. Er ist ein Meister der personalen Erzählperspektive und läßt uns die Welt mit den Augen des Andreas Pum sehen. Nach einem unverschuldeten Gefängnisaufenthalt kommt es in der Straßenbahn zu einem “Showdown” mit einem Unternehmer, der Andreas Pum mit Schmähungen überzieht. Der Streit eskaliert und wir finden unseren Weltkriegshelden im Gefängnis wieder. Inzwischen hat er nicht nur den Glauben an seine Regierung verloren, auch von Gott will er nun nichts mehr wissen:
Ich möchte Dich leugnen, Gott, wenn ich lebendig wäre und nicht vor Dir stünde. Da ich Dich aber mit meinen Augen sehe und meinen Ohren höre, muß ich Böseres tun als Dich leugnen: Ich muß Dich schmähen! Millionen meinesgleichen zeugst Du in Deiner fruchtbaren Sinnlosigkeit, sie wachsen auf, gläubig und geduckt, sie leiden Schläge in Deinem Namen, sie grüßen Kaiser, Könige und Regierungen in Deinem Namen, sie lassen sich von Kugeln eiternde Wunden in die Leiber bohren und von dreikantigen Bajonetten in die Herzen stechen, oder sie schleichen unter dem Joch Deiner arbeitsreichen Tage, sonntägliche, saure Feste umrahmen mit billigem Glanz ihre grausamen Wochen, sie hungern und schweigen. Ihre Kinder verdorren, ihre Weiber werden falsch und häßlich, Gesetze wuchern wie tückische Schlingpflanzen auf ihren Wegen, ihre Füße verwickeln sich im Gestrüpp Deiner Gebote, sie fallen und flehen zu Dir, und Du hebst sie nicht auf. Deine weißen Hände müssen rot sein. Dein steinernes Angesicht verzerrt, Dein gerader Leib gekrümmt, wie die Leiber meiner Kameraden mit Rückenmarkschüssen. [XIX]
Robert Musil – Die Edition für das 21. Jahrhundert
Unter den Autoren der Moderne zählt Robert Musil zu den größten editorischen Herausforderungen. Die jahrzehntelange Arbeit am unvollendeten Mann ohne Eigenschaften hinterließ ein gewaltiges Manuskriptkonvolut. Als wären viele tausend Blätter an Entwürfen nicht genug, muss man noch diverse Bearbeitungsstufen berücksichtigen – die Kapitelentwürfe sind nur die Spitze des Eisbergs. Zusätzlich gibt es Korrekturen, spätere ergänzende Notizblätter zu diesen Entwürfen und Musils Kommentare zu seinen Kommentaren.
Früher hätten es Germanisten mit einer historisch-kritischen Rekonstruktion versucht, die dann mit den anderen Klassiker-Ausgaben in den Bibliotheken der Germanistik-Institute verstaubt wäre. Das Klagenfurter Robert-Musil-Institut entschied sich für den moderneren Weg einer digitalen Edition. Bereits 1992 gab es einen ersten Anlauf auf CD-ROM, der sich allerdings aufgrund des hohen Preises und den schnell veralteten technischen Voraussetzungen nicht durchsetzen konnte.
Die Herausgeber sehen die neuen elektronischen Möglichkeiten als unverzichtbar für die zukünftige Editionswissenschaft an:
Das Medium Buch bringt diese Beziehungen in einfache (oder vereinfachte) lineare Relationen, womit dem Inhalt oft Gewalt angetan wird. Verweissysteme, die in Büchern verwendet werden, haben etwas von Notlösungen an sich und bilden komplexe Relationen immer nur unvollständig und unvollkommen ab. Erst in elektronischen Editionen können komplexe Relationen in Texten und zwischen Texten identisch, gleichsam synchron abgebildet werden.
Unterschieden werden für diese Ausgabe fünf Relationstypen: Verweise zwischen den Texten Musils, Verweise auf Visuelles (Faksimiles), Verweise auf andere Texte, Verweise auf den Kontext und Verweise auf Metainformationen aller Art. Die Kombination dieser Bezüge sowie die globale Suchfunktion macht die ungewöhnliche Reichhaltigkeit dieser Edition aus.
Sie enthält eine komplette Leseausgabe in 20 Bänden, die neben den literarischen Werken auch die Reden, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die Tagebuchhefte und die Korrespondenz umfasst.
Zum Lesetext gibt es einen Stellenkommentar, der sich auf Personennamen, Werktitel, Orte usw. beschränkt, und damit wichtige Fakten zum Kontext bietet, ohne die Grenze zur Interpretation zu überschreiten. Manchmal wird auch das historische oder biographische Umfeld zur Erläuterung herangezogen. Selbstverständlich fehlen ebenfalls umfangreiche Erläuterungen zur Ausgabe und deren Vorgeschichte nicht.
Zusätzlich enthält die DVD den gesamten digitalisierten Nachlass. Dabei handelt es sich um 56 Mappen in acht Gruppen. Es wurden alle Blätter als Faksimiles integriert und jedes Blatt wurde sorgfältig transkribiert. Damit schließt die Ausgabe an die unter Editionsphilologen in den letzten Jahren breit diskutierte Praxis an, die Manuskripte selbst zu publizieren – man denke etwa an die Frankfurter Kafka-Ausgabe des Stroemfeld Verlags. Erstmals hat damit die an Musil interessierte Leserschaft die Gelegenheit, sich selbst ein Bild über die Nachlass-Situation zu verschaffen. Zumal die Klagenfurter Ausgabe mit 149 Euro wohlfeil zu haben ist.
Man kann die Nachlass-Mappen in Ruhe zu Hause am Computer durchblättern, anstatt sich in der Wiener Nationalbibliothek um die entsprechende Genehmigung bemühen zu müssen. Druckte man das gesamte enthaltende Material wären dafür etwa 50.000 Seiten notwendig.
Walter Fanta war als Projektleiter der Kopf hinter der Klagenfurter Ausgabe. Er verbrachte unzählige Stunden mit dem Nachlass in der Nationalbibliothek und legte bereits eine Reihe von zum Teil sehr umfangreichen Publikationen zum Thema vor.
Die Editionsgeschichte geht fast bis zum Tode Musils zurück. Seine Gattin Martha Musil gab bereits 1943 einen dritten Band des Mann ohne Eigenschaften heraus mit ausgewählten Kapiteln des Nachlasses. Ganze tausend Exemplare wurden von dem Buch gedruckt. Knapp zehn Jahre danach nahm sich Adolf Frisé der Publikationsfrage an und prägte dann über Jahrzehnte hinweg die Edition der Musilschen Werke. 1952 erschien im Rowohlt Verlag die erste von ihm zusammengestellte Ausgabe des großen Romans. Die nachgelassenen Kapitel wurden dabei als quasi „natürliche“ Fortsetzung der veröffentlichten Teile verstanden. Die oben beschriebene Komplexität des Materials wurde von Frisé erst viel später erkannt. Die Bedeutung dieser Buchveröffentlichung lag denn vor allem darin, Musils Hauptwerk vor dem Vergessen zu bewahren.
Frisés Ziel war es, eine umfassende Ausgabe der Werke bei Rowohlt zu veröffentlichen. Ihm gelang dies schließlich in den Jahren 1976-1981. Diese Texte prägen bis heute maßgeblich die Musil-Rezeption, sind sie doch die einzigen gedruckten Editionen auf dem Buchmarkt. Im Beiheft der Klagenfurter Ausgabe wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese zweite Edition des Mann ohne Eigenschaften durch Frisé die textphilologischen Fehler seines ersten Versuches vermeidet. Durch den nicht erläuterten Status der entgegen der Chronologie angeordneten Nachlasstexte, sei aber der Ruf des Romans entstanden, niemand hätte ihn je zu Ende gelesen.
Deshalb entschied man sich jetzt bei der neuen Leseausgabe des Romans für eine Aufteilung in vier Bände. Während die ersten beiden Teile die autorisierte Druckfassung wiedergeben, konzentriert sich der dritte auf die Fortsetzung des Romans. Die zahlreichen Vorstufen, welche die Lesbarkeit der bisherigen Ausgaben so erschwerten, wurden in einen vierten Band ausgelagert.
Die Langwierigkeit eines solches Editionsprojekt bringt es mit sich, dass Entscheidungen für eine bestimmte Software unabsehbare Konsequenzen haben. Die Herausgeber entschieden sich für Folio Views, das die besten Verknüpfungsmöglichkeiten und die besten Suchfunktionen biete. Die Benutzerführung ist praktikabel und die Verweise funktionieren so, wie man das aus dem Web gewohnt ist. Die Oberfläche wirkt aber im Vergleich zu aktueller Software etwas antiquiert. Dürfte man einen Wunsch äußern, so wäre dies die Exportmöglichkeit in ein Format, das kompatibel mit Ebook-Lesegeräten ist (ePub oder PDF). Dann könnte man sich die Bände der Leseausgabe auf eines der neuen Geräte laden, die ein einigermaßen bequemes elektronisches Lesen erlauben.
Ab und an findet man kleine Fehler. So stößt man etwa in Über die Dummheit auf Seite 8 auf eine fehlerhafte Verlinkung. Aber die Herausgeber kündigen ein Update für Februar 2011 an, wo nicht nur derartige Kleinigkeiten behoben werden, sondern auch die Kommentar- und Hyperlinkstruktur ergänzt werden wird.
Trotz der Entwicklung hin zum elektronischen Lesen, bleibt für Musil-Freunde das wichtigste Desiderat: Die druckfertige elektronische Leseausgabe sollte von Rowohlt so schnell wie möglich in eine gute Buchausgabe verwandelt werden. Robert Musil war angesichts seines Ranges in den letzten Jahren viel zu wenig auf dem Buchmarkt präsent.
Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften. Herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt: Robert Musil-Institut der Universität Klagenfurt. DVD-Version 2009
Informationen und Bestellmöglichkeit:
[Literatur und Kritik September 2010]
Apple zensiert James Joyces’ “Ulysses”
Es ist seit längerer Zeit kein Geheimnis mehr, dass Apple in seinem App Store mit rigider Hand Zensur ausübt. Betroffen sind davon nicht nur nackte Brüste, die bekanntlich in Amerika im Gegensatz zu Gewalt aller Art als großes moralisches Übel gelten. Auch Religionskritik oder politische Karikatur wurde verboten. Einen Überblick hat die n-tv Onlineredaktion zusammengestellt.
Jetzt ist davon auch die Web-Comic-Adaption eines der besten je geschriebenen Bücher betroffen, was hier nachzulesen ist. Höchste Zeit für alle Leser, sich von den Produkten dieses Konzerns zu verabschieden.
Vincent van Gogh
Anläßlich der neuen sechsbändigen und illustrierten Ausgabe der Briefe van Goghs, schreibt Richard Dorment in der New York Review of Books ein vorzügliches Portait über den Künstler:
Alienated and depressed, Vincent knew exactly what had gone wrong with his life. “Like everyone else, I have need of relationships of friendship or affection or trusting companionship….” The only person who would ever succeed in fulfilling these needs did so by letter. Theo and Vincent wrote to each other so frequently because the two brothers rarely met, and when they did Vincent’s personality put intolerable strains on their relationship. For all his neediness and affectionate nature, he could also be hectoring and thin-skinned, easily wounded and unable to stand contradiction. Out of necessity, not choice, therefore, this profoundly lonely man lived apart from his family and friends. “If I should have to continue trying to keep further and further out of other people’s way…then I’m overcome by a feeling of sorrow and I must struggle against despair.” By writing letters Vincent was able to converse easily, to marshal his thoughts, to clarify, to revise, and to argue a point without losing his temper—in effect to conduct by post the relationships he couldn’t sustain face to face.
Viel wichtiger ist aber, dass Dorment anhand der Briefe mit den vielen romantischen Mythen aufräumt, die sich um van Gogh ranken. So ist es blanker Unsinn zu behaupten, van Gogh hätte in emotionalem, unreflektierem Schaffensrausch seine Bilder gemacht. In Wahrheit war er ein gebildeter und sehr belesener Künstler, der seine Werke genau plante und darüber reflektierte:
Van Gogh turned his rage upon himself, sliced off his ear with a razor, and handed it to a prostitute. This was the onset of the recurring bipolar illness in which he experienced aural and visual hallucinations, with periods of exaltation alternating with self-harm.
Because of this Vincent is still popularly seen as an inspired madman who wielded his paintbrush instinctively, as though it were a conduit for the feelings roiling through his tormented soul. In this reading of his work, his breakdowns in some way fueled his genius. But the letters show that the exact opposite happened. His mental illness, far from driving his career forward, interrupted it by stopping his ability to paint; and if you didn’t know anything about the artist who painted the pictures during the year he spent in the asylum in Saint-Rémy, I don’t think you would guess that ill health stopped him from working for months at a time. Unlike the schizophrenic Richard Dadd, whose pictures are symptomatic of his madness, it would be hard to detect any trace of Van Gogh’s bouts of insanity in his art.
Die Rezension des Guardian. Interessant darin der Hinweis auf die Webseite Vangoghletters.org, wo man alle Briefe online findet.
Hätte diese Briefausgabe natürlich sehr gerne in meiner Bibliothek, aber 600 Dollar sind doch zu viel des Guten.




Letzte Kommentare