Doderers literarischer Kommentar zur Psychoanalyse
Ganz bescheiden im Gefolge Tlopatsch’s war auch Fräulein Wiesinger, die Pianistin, erschienen, kurzsichtig und stupsnäsig
[...]
Sie war jedoch nicht dumm, nur ganz und gar verschroben, unheilbar aber erst durch den Umstand geworden, daß sie einmal einem Psychoanalytiker in die Hände geraten war, nach dazu als Halbwüchsige, und obendrein: der Mann war imstande gewesen, ihr wirklich zu helfen. Hierdurch also war sie unheilbar geworden, denn sie erhielt nun für alles in der Welt, was immer ihr am Mitmenschen auffiel, einen gutpassenden Schlüssel, erschloß damit alsbald den Sachverhalt und fand richtig drinnen eine Benennung irgendwelcher Art sozusagen schon vorbereitet liegen. Mit solcher Magie der Namensgebung glücklich und zufrieden, glaubte sie sich allen Ernstes im Besitze tiefer Einsichten, und das war für ihren an sich nicht schlechten, doch immerhin bescheidenen Verstand denn doch zu viel. Sie schnappte über, das heißt, sie verlor das Gleichgewicht und wurde eingebildet und anmaßend, ganz in der Art, wie es ein richtig von Geburt her völlig Blöder zu sein pflegt. Man kann sagen, sie war, statt aller früheren Übel, nunmehr endgültig und für immer an der Psychoanalyse selbst erkrankt; für eine Heilwissenschaft jedenfalls ein beachtenswertes Resultat. Sie blieb auch dauernd in ‘Behandlung’, durch die vielen Jahren hindurch, opferte einen großen Teil ihres schwer verdienten Geldes dafür und tut das, wie ich neulich erst hörte, heute als alte Dame noch. (dtv 1993, S. 432f.)
Lutz-W. Wolff: Heimito von Doderer
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Von der Lektüre “Der Dämonen” angeregt, las ich zum zweiten Mal diese solide Einführung in Doderers Leben & Werk. Beides wird in einem ausgewogenen Verhältnis behandelt und Doderes ästhetische Vorstellungen kommen dabei nicht zu kurz. Als Auftakt für eine ausführlichere Beschäftigung mit dem Autor sehr geeignet.
Heimito von Doderer: Die Dämonen
Die letzte Woche meines Urlaubs war rund um dieses Mammutwerk organisiert. Der enorme Zeitaufwand für die Lektüre hat sich allerdings gelohnt, trotz einiger Einwände, die Doderers literarische Leistung nur wenig schmälern.
Diese besteht vor allem in der Schaffung eines riesigen doppelbödigen fiktionalen Kosmos samt mehreren Dutzend höchst lebendig geschilderten Charakteren und der Verknüpfung der verschiedensten Handlungsstränge, in die sie involviert sind. Hier setzt jedoch ein erster Kritikpunkt ein, denn diese Verknüpfung beschränkt sich überwiegend auf semantische Elemente und bleibt dadurch gewissermaßen an der Oberfläche der Handlung angesiedelt. Andere ästhetisch-strukturelle Mittel setzt Doderer nur sehr sporadisch ein – im Gegensatz zur “Strudlhofstiege”, das als Kunstwerk gelungener ist, auch wenn “Die Dämonen” sprachlich ebenfalls positiv von der Sprachmacht des Autors profitieren.
Disparatheit ist für einen Roman der Moderne nichts Ungewöhnliches, aber modern in diesem Sinn sind “Die Dämonen” nicht, da entsprechende Erzähltechniken nur sehr begrenzt Verwendung finden. Disparat im inhaltlichen Sinn sind die politischen Bedeutungsebenen des Werks, die durch die lange Entstehungsgeschichte bedingt sind, während der sich Doderers politisches Weltbild wandelte. Neben konservativen Elementen – so wird für den Brand des Justizpalastes das Subproletariat verantwortlich gemacht, nicht die “richtigen” Arbeiter – gibt es eine humanistische Utopie: Leonhard Kakabsa, entdeckt als Arbeiter die Bildung, eignet sich autodidaktisch Latein an und betritt nach und nach die Welt des Geistes.
Bei der Lektüre spürt man (vor allem im ersten Teil) die eine oder andere Länge und fragt sich, ob diese oder jene gesellschaftliche Zusammenkunft wirklich so ausführlich hatte geschildert werden müssen. Angesichts der anderen Qualitäten nimmt man sie aber gerne in Kauf.
Doderer: Die Dämonen (dtv)
Neue Thomas-Mann-Ausgabe
Wie konnte mir das entgehen: Ab Herbst erscheint eine neue Ausgabe der Werke Thomas Manns, die “Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher” (GKFA). Als Auftakt sollen die “Buddenbrooks” publiziert werden. Geplant sind 58 Bände.
Hier Links zu weiterführenden Informationen:
Thomas Bernhard: Alte Meister – dramatisiert
Akademietheater Wien 8.9. 2001
Endlich war es mir gelungen eine der begehrten Karten für “Die Möwe” in der Inszenierung Luc Bondys zu bekommen. Zu früh gefreut: Jutta Lampe erkrankte und als Ersatz wurde eine dramatisierte Fassung von Bernhards “Alte Meister” gegeben (Regie und Dramaturgie: Stephan Müller, Claudia Hamm).
Vier Schauspieler schlüpften in die Rolle des Erzähler Atzbachers bzw. Regers und verwandelten den Roman in plausibel choreographiertes Sprechtheater. Kein Ersatz für Tschechow, nichtsdestotrotz ein gelungener Theaterabend.
Bemerkenswerterweise wurden Regers Ausführungen über Heidegger besonders wohlwollend vom Wiener Publikum zur Kenntnis genommen:
Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer auf seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem pervesen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat
[...]
Heidegger hatte ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, sagte Reger, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, sagte Reger, die auf der deutschen Philosophie geweidet hat und darauf jahrzehntelang ihre koketten Fladen fallen gelassen hat im Schwarzwald. Heidegger war sozusagen ein philosophischer Heiratsschwindler, sagte Reger, dem es gelungen ist, eine ganze Generation von deutschen Geisteswissenschaftlern auf den Kopf zu stellen.
Ein “geflickter Lumpenkönig”
In einem bisher unbekannten Brief von 1933 übt Thomas Mann Kritik an Hitler
(APA) Frankfurt/Main – Einen bisher unbekannten, gegen das Naziregime gerichteten Brief des Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahr 1933 hat die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” am Dienstag veröffentlicht. Darin setzt sich Mann kritisch mit der veränderten politischen Lage nach Hitlers Machtergreifung 1933 auseinander. Unter anderem bezeichnet er Hitler als einen “geflickten Lumpenkönig”, der “schauerliche Geschichtsfälschungen…ins Mikrophon bellen darf”. Die Deutschen seien so “märchenthöricht”, sich das gefallen zu lassen.
Mann schrieb den Brief am 4. Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung, an den Historiker Eugen Fischer-Baling. Dieser, ebenfalls ein Hitler-Kritiker, hatte sich in seinem 1932 erschienenen Buch “Volksgericht” mit den historischen Hintergründen des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Der Schriftsteller brach eine Woche nach Verfassen des Briefes zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris auf. Anders als geplant kehrte er von dieser Reise nicht nach Deutschland zurück; sie führte ihn ins Exil in die Schweiz und später in die USA.
Der Brief stammt nach Angaben von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners aus dem Nachlass des 1964 gestorbenen Fischer-Baling und war bisher nicht veröffentlicht worden. Die ersten bisher bekannten Äußerungen Manns gegen das Dritte Reich stammen aus einem Brief von 1937.
John Updike: Unter dem Astronautenmond
Der zweite Teil der Rabbit-Tetralogie ist ästhetisch komplexer als sein Vorgänger. Ein Grund dafür ist die explizite politische Dimension des Werks. Implizit ist ein Roman als fiktionale Darstellung von Wirklichkeit natürlich immer politisch (wenn man den Begriff nicht zu eng fasst).
“Rabbit Redux” zeigt die Umwälzungen der amerikanischen Gesellschaft Ende der sechziger Jahre aus der Sicht eines Kleinbürgers, dessen Leben befristet aus den Fugen gerät. Updikes Leistung besteht darin, diese Bedeutungsschichten so in den Roman einzubetten, dass sie als integraler Bestandteil der Handlung wirken, keinesfalls aufgesetzt wie so oft in politischen Thesenromanen. Zudem konfrontiert Updike den Leser mit einer Vielzahl von Perspektiven und unorthodoxen Meinungen, die erst kombiniert ein Gesamtbild ergeben.
Literarisch ist das Buch von erstaunlicher Perfektion: Von der komplexen Metaphorik über die personale Erzähltechnik bis hin zur Zeitstruktur, Updike beherrscht sein Handwerk. Motivation genug, sich nach und nach durch sein Gesamtwerk zu lesen.
John Updike: Unter dem Astronautenmond (rororo)
Thomas Bernhard: Amras
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1964 geschrieben ist diese Erzählung aufschlussreich für Bernhards literarische Entwicklung. So finden sich eine Vielzahl von thematischen Motiven, die für seine späteren Werke konstitutiv sind: die Beschäftigung der Figuren mit Geistesfragen (hier Naturwissenschaften und Musik), sein schonungsloser Blick auf die österreichische Provinz (hier Tirol), die Zurückgezogenheit der Protagonisten von der Welt (hier ein Turm), das Zerbrechen von Geistesmenschen an der Welt.
Bernhards zukünftiger Stil klingt bereits an, er unterscheidet sich aber deutlich von seinem “reifen” Romanstil. Seine spätere Übertreibungskunst relativiert seine Kritik durch Ironie, ohne sie zu entkräften. In “Amras” ist wenig davon enthalten, so dass das schmale Werk einen viel düsteren Eindruck auf den Leser macht als seine Hauptwerke.
Nabokov: Pnin
rororo (Amazon Partnerlink)
Es ist erfreulich, dass die von Dieter E. Zimmer sorgfältige übersetzte und kommentierte Werkausgabe nach und nach als Taschenbuch erscheint, zumal Rowohlt sich in der letzten Zeit nicht durch verlegerische Großtaten auszeichnet.
Bis jetzt konnte ich mich zu keinem endgültigen Urteil über “Pnin” durchringen, dazu ist der Roman in meinen Augen ästhetisch zu ambivalent. Vor allem die intendiert eigenartige Erzählperspektive bedürfte einer ausführlichen Analyse. Auf den ersten Blick schildert ein Ich-Erzähler Ausschnitte aus dem Leben eines schrulligen russischen Professors, der als Exilant an einer amerikanischen Provinzuniversität lehrt.
Das Erzählte ist wesentlich detaillierter als dem Ich-Erzähler bekannt sein könnte, der Vorwurf eines fehlerhaft konstruierten allwissenden Ich-Erzählers läge nahe. Selbstverständlich macht ein Nabokov keine solchen Fehler, sondern verfolgt mit dieser Struktur bestimmte Ziele, nämlich einerseits den Leser zu verunsichern, andererseits (mindestens) eine zusätzliche Ebene in den Roman einzuführen: Die Beziehung zwischen der fiktiven Figur Pnin und dem fiktiven Erzähler, dem es nicht gelingt, Pnin so kauzig darzustellen, wie beabsichtigt. Letztendlich setzt sich Pnin gegen seinen Schöpfer durch und gewinnt die Sympathie des Lesers. Man könnte auch sagen, Nabokov verbündet sich als Autor mit seiner Figur gegen seinen Erzähler.
Trotzdem (oder deshalb?) wirkt der Roman auf mich sehr artifiziell im negativen Sinn des Wortes. Vor allem die existenzielle Dimension in Pnins Biographie kommt zu kurz, aber auch Pnins Intellektualität hätte mehr geistigen Raum verdient.
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