19. Jhd. (Klassiker)

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Goethe: Hermann und Dorothea

Erstmals 1797 gedruckt und kurz vorher geschrieben wird Hermann und Dorothea zu Lebzeiten Goethes und auch darüber hinaus nach dem Werther sein populärstes Buch. Lässt es sich doch hervorragend als eine epische Heroisierung des Bürgertums lesen und enthält auch eine brave Brise Patriotismus, was zur Zeit der Kriege mit den Franzosen natürlich dem Erfolg nicht schadet.

Den ästhetischen Reiz bezieht das kurze Buch durch die Verwendung des Hexameters für eine bürgerliche Liebesgeschichte. Dazu gibt es in der deutschen Literatur bereits Vorbilder, etwa die Luise des Johann Heinrich Voß. Im Gegensatz zu Voß schafft es Goethe aber, eine der Gattung Epos gemäßes existenzielles Element einzubeziehen: Krieg und Vertreibung. Seit Goethe von der Vertreibung der Protestanten aus Salzburg las, war dieser Stoff bei ihm mental für ein Werk vorgemerkt. Die Revolutionskriege gaben ihm nun ein aktuelleres Beispiel an die Hand.

Manche Passagen klingen beinahe apokalyptisch:

Um den Vorteil der Herrschaft
Stritt sich ein verderbtes Geschlecht, unwürdig das Gute zu schaffen.
Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen
Nachbarn und Brüder, und sandten die eigennützige Menge.
Und es praßten bei uns die Obern, und raubten im Großen,
Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen.

Diese riskante Kombination einer idyllischen Liebesgeschichte mit dem Grauen von Krieg und Flucht gelingt Goethe erstaunlich gut.

Liest man Hermann und Dorothea heute, drängt sich natürlich noch das Flüchtlingsthema auf, wo Goethe – als klassischer Gutmensch – im hohen Ton Humanität und Unterstützung für die Vertriebenen einfordert:

Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet“.

Hermann lernt das Flüchtlingsmädchen Dorothea ja auch kennen als er Hilfsgüter an die Kriegsopfer verteilt. Das ist für mich ein schöner Kontrapunkt zur Verklärung des Bürgerlichen (Geschlechterrollen!) und macht das Epos auch heute noch lesenswert.

Tocqueville: Democracy in America

Im Frühjahr denke ich, dass 2016 ein ideales Jahr wäre, um diesen berühmten Klassiker zu lesen. Steht im Mittelpunkt doch das amerikanische politische System und die Gesellschaft der USA in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung. Der 1805 geborene Franzose Alexis-Charles-Henri Clérel de Tocqueville reiste 1831 mit seinem Freund Gustave de Beaumont nach Amerika. Offiziell um sich mit dem dortigen Gefängnissystem zu beschäftigen. Bekannt wurde der Autor aber nicht für seinen Gefängnisbericht, sondern durch die Publikation des ersten Bandes seiner Democracy in America im Jahr 1835. Ein solches Buch hatte die Welt bisher noch nicht gesehen: Eine systematische und philosophisch reflektierte Beschreibung der politischen Institutionen der ersten modernen Demokratie von beeindruckender Ausführlichkeit. Damit begründet Tocqueville im Alleingang die politische Soziologie. 1840 erschien der zweite Band, welcher völlig unterschiedlich konzipiert ist, nämlich als philosophische Reflexion über die Auswirkungen eines demokratischen Systems auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche, von der Literatur zum Militär.

Was Literatur angeht, stößt der Franzose auf sie an unerwarteten Orten:

There is hardly a pioneer’s hut that does not contain a few odd volumes of Shakespeare. I remember that I read the feudal drama „Henry V“ for the first time in a log cabin.

Liest man das Buch heute, sind sehr unterschiedliche Aspekte spannend. Die bereits erwähnte Begründung einer neuen beschreibenden Methode ist ebenso darunter wie der Quellenwert über die frühe Geschichte der Vereinigten Staaten. Vieles ist aus heutiger Sicht natürlich anachronistisch. Damals wurde beispielsweise der Senat noch nicht vom Volk gewählt, was die ausführlichen Reflexionen dazu irrelevant macht. Tocquevilles intelligente und skeptische Analysen sind allerdings allgemein eine Lesefreude. Vieles ist bis heute gültig, etwa seine Reflexionen über Kriege und Demokratien. Am faszinierendsten für Leser aus dem 21. Jahrhundert ist freilich seine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Stärken und den Schwächen der Demokratie. Gerade letztere sind mit der Wahl Trumps zum nächsten amerikanischen Präsidenten derzeit ja so offensichtlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

If ever the free institutions of America are destroyed, that event may be attributed to the omnipotence of the majority, which may at some future time urge the minorities to desperation and oblige them to have recourse to physical force. Anarchy will then be the result, but it will have been brought about by despotism.

Tocqueville beschreibt ausführlich die Probleme, welche die „Allmacht der Mehrheit“ für Minderheiten grundsätzlich mit sich bringt. Laut seinen Eindrücken setzt in den USA seiner Zeit die Mehrheit via Legislative nämlich hemmungslos die eigenen Interessen durch, auch wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit oder auf Kosten von Minderheiten gehen. Er betont immer wieder plausibel, dass sich Demokratie und Unfreiheit nicht notwendigerweise ausschließen. Aus heutiger Sicht entbehrt das nicht der Ironie, haben sich die USA in den letzten Jahrzehnten doch zu einer Oligarchie entwickelt, wo die Mehrheit regelmäßig gegen ihre ureigenen Interessen abstimmt. Dieser Kontrast ist frappant und ist für mich bei der Lektüre sehr fesselnd.

Anders als Platon kritisiert er die Demokratie allerdings nicht als dessen Feind, sondern will als kritischer Befürworter:

But I am of the opinion that if we do not succeed in gradually introducing democratic institutions into France, if we despair of imparting to all the citizens those ideas and sentiments which first prepare them for freedom and afterwards allow them to enjoy it, there will be no independence at all, either for the middle classes or for the nobility, for the poor or for the rich, but an equall tyranny over all.“

Herausragend sind auch die im Großen und Ganzen sehr emphatischen Kapitel über die Sklaven und die Ureinwohner des Kontinents. Natürlich ist auch Tocqueville nicht frei von rassistischen Stereotypen, aber er entwickelt einen klaren Blick auf die Grausamkeiten gegen beide Gruppen und urteilt deutlich:

Oppression has, at one stroke, deprived the descendants of the Africans of almost all privileges of humanity.

Für mich bestätigt die Lektüre von Democracy in America einmal mehr, dass die großen alten Bücher der Geistesgeschichte die Gegenwart oft besser ausleuchten als die Flut an schlecht durchdachten „Analysen“ mit denen wir täglich medial zugeschüttet werden.

Alexis Tocqueville: Democracy in America [in unterschiedlichen Ausgaben gelesen]

Goethe: Torquato Tasso

Burgtheater 28.9. 2016

Regie: Martin Laberenz

Alfons der Zweite, Herzog von Ferrara: Ignaz Kirchner
Leonore von Este, seine Schwester: Andrea Wenzl
Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano: Dorothee Hartinger
Torquato Tasso, Hofdichter: Philipp Hauß
Antonio Montecatino, Staatssekretär: Ole Lagerpusch
Musiker: Friederike Bernhardt

Als ich das Stück zur Vorbereitung auf den Theaterabend wieder einmal lese, wirkt der Beginn behäbiger als ich ihn in Erinnerung hatte. Das Drama gewinnt freilich rasant an Fahrt als der Streit zwischen Tasso und Antonio ausbricht. Antonio sieht in Tasso einen verweichlichten Drückeberger vor dem harten Alltag des Lebens und lässt ihn das mit deutlichen Worten wissen. Tasso zieht provoziert sein Schwert, ein Sakrileg am Hof in Belriguardo, worauf ihn sein Herzog und Mäzen in sein Zimmer verbannt. Zusätzlich ist das Stück durch das unterdrückte Begehren getrieben, welches die beiden Damen am Hofe für den Dichter empfinden.

Für den Goethefreund ist das Stück natürlich eine Fundgrube, denn als Minister am Weimarer Hof kannte der Geheimrat selbstverständlich beide Seiten des Lebens, die künstlerisch-kreative wie die politisch-administrative.

Das Drama lebt vom klassischen Versmaß sowie seinen sprachlichen und intellektuellen Subtilitäten. Goethe bezeichnete seinen Tasso lange als „theaterscheu“, weil er dessen Ästhetik für die Bühne ungeeignet fand.

Martin Laberenz versucht dieses Dilemma durch eine Art Abstraktheit zu lösen. So besteht das Bühnenbild teilweise aus geometrischen Formen und bleibt räumlich im Vagen. Erfreulicherweise behält er die gebundene Sprache Goethes bei, lässt sie aber oft so schnoddrig „alltäglich“ sprechen, dass sie oft mehr gequält als gebunden wirkt. Tasso und Antonio mit zwei gleichaltrigen Männern zu besetzen, nimmt die für das Stück wichtige Altersdynamik aus der Inszenierung heraus. Das Artifizielle dieser Aufführung hat zu wenig inneren Bezug zum Text, um mich zu überzeugen. Die bunten Fantasiekostüme passen wiederum nicht zum abstrakten Bühnenbild. Die neue Burgtheatersaison beginnt also mäßig.

Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch

Es ist beinahe ein Klischee, dass sich die Weltliteratur mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt. Wie alle Klischees, trifft es ab und zu ins Schwarze. So ist Der Tod des Iwan Iljitsch (1886) sicher einer der eindringlichsten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Tod. Nicht mit dem Tod im Allgemeinen oder mit dem Tod als Faktor der Geschichte, wie bei Shakespeare, sondern mit dem privaten, individuellen Tod und der damit zusammenhängenden Frage nach dem Sinn des Lebens.

Iwan Iljitsch wird wegen eines banalen Haushaltsunfalls in seinem fünfundvierzigsten Lebensjahr aus seinem erfolgreichen Leben als Gerichtsbeamter gerissen, und fängt jetzt auf seinem Sterbebett erstmals an, grundsätzlich über sein Leben zu reflektieren. Er erkennt nach und nach die Banalität seiner Biographie und die Oberflächlichkeit seiner Beziehungen – auch innerhalb der Familie. Diese Oberflächlichkeit spiegelt Tolstoi durch die Banalität, mit der sein Sterben im Haushalt gesehen wird, nämlich als ungebührliche Belästigung, die hoffentlich bald vorbei sein wird. Als strukturellen Kontrast verwendet Tolstoi den Diener Gerasim, einen jungen Bauernburschen, der als Einziger den Tod als normales Naturphänomen bewertet und Iwan Iljitsch naiv-treu zur Seite steht.

Räumlich und zeitlich engt sich der Raum der Erzählung immer weiter ein, vom Gerichtsgebäude und Rückblenden bis hin zum Sterbebett und einer intensiven Gegenwart. Wie Tolstoi den Verfallsprozess des Kranken schildert, vom ersten Unwohlsein nach dem Unfall bis hin zur dreitägigen Agonie vor dessen Tod, ist literarische Weltklasse. Ursprünglich wollte Tolstoi aus der Ich-Perspektive erzählen, entschied sich dann aber doch zu einer überwiegend personalen Erzählperspektive. Ein genialer Kunstgriff, da er auf den Leser objektivierend wirkt, und sich damit die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens noch eindringlicher während der Lektüre stellt.

Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch (Gesammelte Erzählungen, Insel)

Flaubert: Briefwechsel mit Louise Colet

Literaturferne Menschen stellen sich ja gerne vor, dass Schriftsteller ihre Bücher vom Genius geküsst, in einer Art Rausch herunter schreiben. In Einzelfällen trifft das auch zu, speziell bei Kurzgattungen wie der Lyrik. In der Regel entsteht Weltliteratur aber durch hartes und regelmäßiges Arbeiten. Die Literaturgeschichte belegt das an unzähligen Beispielen. Es gibt zwei Arten von Quellen, welche dieses Ringen mit dem Wort belegen: Die unterschiedlichen Stufen von Manuskripten und deren oft zahlreiche Korrekturen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite zeigen diesen Sachverhalt biographische Informationen auf. Sei es das streng geregelte Schreibleben eines Thomas Mann oder die vielen durch geschriebenen Nächte eines Franz Kafka.

In die letzte Kategorie fällt auch Flauberts Briefwechsel mit seiner langjährigen Freundin Louise Colet. Zwischen 1845 und 1854 schrieben sich die beiden eine Vielzahl von Briefen. In der von mir gelesenen Ausgabe ist überwiegend die Korrespondenz Flauberts abgedruckt, ergänzt durch wenige Briefe Colets und einige ihrer Tagebucheinträge. Sobald Flaubert mit seiner Madame Bovery anfängt, wird sein Ringen mit dem Text ausführlich beschrieben. Sein literarisches Qualitätsbewusstsein nimmt masochistische Züge an, wenn er wochenlang um kurze Passagen ringt oder mehrere Tage um die Formulierung von ein paar Sätzen. Selten wurde der Kampf um literarischen Ausdruck anschaulicher beschrieben:

Mir dreht sich der Kopf, vor Ärger, Entmutigung, Erschöpfung! Ich habe vier Stunden verbracht, ohne einen Satz zustande zu bringen. Ich habe heute nicht eine Zeile geschrieben oder habe vielmehr an die hundert ausprobiert! Welch grausame Arbeit! Was für ein Verdruß! Oh! die Kunst! Was ist das nur für eine wütende Chimäre, die uns das Herz zerfrißt, und warum? Es ist verrückt, sich so zu plagen! Ah! die Bovary, daran werde ich noch denken.
– 12. September 1853

Fest steht, daß ich manchmal versucht bin, alles hinzuschmeißen, und zwar die „Bovary“ zuallererst. Was für eine verdammt verfluchte Idee von mir, ein solches Sujet zu nehmen! Ah! Ich werde sie kennengelernt haben, die Qualen der Kunst.
– 17. Oktober 1853

Ich dagegen bin wie die alten Äquadukte. Am Rand meines Denkens liegt so viel Schutt, daß es langsam dahinfließt und nur Tropfen für Tropfen von meiner Federspitze fällt.
– 29. November 1853

Was den Abschluß der Bovary angeht, so habe ich mir schon so viele Termine gesetzt und mich so oft getäuscht, daß ich nicht nur davon zu sprechen, sondern auch daran zu denken. – Daß Gott erbarm! Ich begreife nichts mehr! Das wird fertig werden, wann es will, und müßte ich auch darüber sterben vor Kummer und Ungeduld, was mir vielleicht passieren könnte, ohne die Besessenheit, die mich aufrechthält.
– 13. Januar 1854

Wer sich also für die – ein Marxist würde sagen – Produktionsbedingungen von Weltliteratur im 19. Jahrhundert interessiert, wird nur wenige bessere Beispiele finden.

Der Briefwechsel ist aber auch noch in einer anderen Hinsicht aufschlussreich: Es belegt einmal mehr, dass große Künstler oft kleine Menschen sind. Wie selbstbezogen Gustave mit seiner Louise umspringt, ist vor allem im ersten Viertel der Korrespondenz oft schwer erträglich. Wie sehr sie darunter leidet, wird implizit durch die Briefe Flauberts klar, in denen er sie zu beruhigen versucht. Zu seiner Verteidigung muss man allerdings anführen, dass er Louise von Anfang an immer vor sich selbst und seinen Prioritäten (Literatur!) warnt. Trotzdem gibt er an diesen Stellen charakterlich oft ein jämmerliches Bild ab. Das geht auch über die Beziehung zu Colbert hinaus. Es finden sich manch fragwürdige Passagen, die das rassistische nicht nur streifen. Man kann das einerseits mit Zeitgenossenschaft schön reden. Andererseits war Flaubert für seine Zeit aber ein wirklich unabhängiger Kopf und bei vielen dieser Punkte war der von ihm oft gepriesene Montaigne geistig bereits weiter. Man denke nur an dessen Essay über den Kannibalismus. Viele Leser neigen dazu, ihre Schriftsteller zu vergöttern. Dieser Briefwechsel ist dazu ein gelungenes Gegengift.

Insgesamt gesehen überwiegen freilich die zahlreichen treffenden Beobachtungen und Gedanken. Viele Briefe könnte man in kleine Zitatsammlungen zerlegen. Viele Sätze sind glänzend formuliert.

Gustave Flaubert: Die Briefe an Louise Colet (Haffmans)

Büchner: Dantons Tod

Burgtheater 31.10. 2014

Regie: Jan Bosse

Bühne: Stéphane Laimé

George Danton: Joachim Meyerhoff
Camille Desmoulins: Peter Knaack
Lacroix: Daniel Jesch
Thomas Payne/Richter: Ignaz Kirchner
Robespierre: Michael Maertens
St. Just: Fabian Krüger
Julie, Dantons Gattin: Adina Vetter
Lucile, Gattin des Camille Desmoulins: Aenne Schwarz

Zwei Stars beherrschen diesen Theaterabend: Joachim Meyerhoff und die Bühnentechnik des Burgtheaters. Stéphane Laimé ließ eine aufwändige Drehbühne konstruieren, die fast pausenlos in Bewegung bleibt, und auf zwei Ebenen unterschiedliche Schauplätze zeigt, die aber jeweils nur kurz benutzt werden. Darunter sehr hübsch ein Haufen konfiszierter Kruzifixe. Die Choreografie der Bühne selbst sowie der körperliche Einsatz der Schauspieler führen zu einem beeindruckendem Theatererlebnis: Es gibt fast keinen Moment der Ruhe. Selbst ein Kinderchor wird intelligent in das Gesamtensemble einbezogen.

Dieser Burgtheaterbühnendauerbetrieb hat allerdings einen gravierenden Nachteil: Er passt so gar nicht zum intellektuellen Duktus von Dantons Tod. Die ausgesprochenen Gedanken bedürfen eines ruhigen Resonanzraums und verlieren viel, wenn sie von einem im Kreis laufenden Meyerhoff gerufen werden. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass Büchners intellektueller Anspruch bereits auf Musils Die Schwärmer voraus weist. Es hilft auch nicht, dass die Aufführung mit zusätzlichen Büchnertexten angereichert ist. Von Briefausschnitten bis zum Märchen im Woyzeck. Meyerhoffs Leistung ist freilich wie immer auf hohem Niveau und man merkt, dass er sich intensiv mit jedem Satz auseinandersetzte. Maertens steht ihm da als Robespierre um nichts nach, und spielt den Tugendterroristen mit einer subtilen salafistischen Schmierigkeit. Der Rest des Ensembles spielt ausnahmelos auf hohem Niveau.

Jan Bosses Inszenierung scheitert also auf so hohem Niveau, dass sie trotzdem sehr sehenswert ist.

Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court

Die Lektüre dieses legendären Romans von Mark Twain lässt mich zweifelnd zurück. Er hat viele starke Seiten, ist aber im Vergleich etwa zu den subtilen narrativen Strategien eines Huckleberry Finn mit der Brechstange geschrieben. Der Kern der Handlung ist schnell erzählt: Ein Ingenieur des 19. Jahrhunderts, Hank Morgan, wird wundersam ins 6. Jahrhundert an den Hof und in die Welt des König Arthurs transferiert. Es gelingt ihm dort dank seines Zukunftswissens schnell eine zentrale Machtfigur zu werden und sich als mächtiger Zauberer zu etablieren, sehr zum Ärger Merlins. Morgan erwirbt sich einen passenden Ritternamen: The Boss.

Twains rhetorisch brillante Empörung über die politischen und wirtschaftlichen Zustände des frühen Mittelalters gehören zum Besten des Buches. Er fällt über Adel und Kirche her wie eine republikanische Furie und verteidigt deshalb auch die Französische Revolution:

There were two „Reigns of Terror“, if we would but remember it and consider it; the one wrought murder in hot passion, the other in cold blood; the one lasted mere months, the other had lasted a thousand years; the one inflicted death upon ten thousand persons, the other upon hundred millions; but our shudder are all for the „horrors“ of the minor Terror, the momentary Terror, so to speak; whereas, what is the horror of swift death by the axe, compared with lifelong death from hunger, cold, insult, cruelty, and heart-break? What is the swift death by lightning compared with the death by slow fire at the stake?

I will say this much for the nobility: that, tyrannical, murderous, rapacious, and morally rotten as they were, they were deeply and enthusiastically religious.

In diesem kämpferischen und aufklärerischen Geist ist der gesamte Roman geschrieben: Als Gegenbild eines republikanischen Amerikas. Nun ist Hank Morgan natürlich nicht mit Mark Twain identisch, und ich werde bei der Lektüre den Eindruck nicht los, dass Twain auch sein implizites Amerikabild satirisch überhöht, und damit eine zusätzliche, nicht offensichtliche kritische Ebene dazu kommt. Das Massaker mit Maschinengewehren an zehntausenden Rittern am Ende spricht ebenfalls für sich. Das ändert aber nichts daran, dass sich A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court auch als Hymne auf das neue Amerika in Abgrenzung gegen das feudalistische Europa liest und entsprechend rezipiert wurde.

Zu dieser historisch-politischen Dimension kommt noch eine literaturgeschichtliche: Das Werk ist auch eine beißende Satire auf die romantisch-abenteuerlichen Ritterromane von Walter Scott und deren Nachfolger. Abfällige Äußerungen Mark Twains zu diesem Genre sind überliefert, derer es angesichts des beißenden Spotts in diesem „historischen“ Roman aber gar nicht bedürfte. Hochkomisch etwa, wenn Hank Morgan erstmals in seiner Ritterrüstung auf Reisen geht und die unerträgliche Unbequemlichkeit derselben ausführlich beschreibt. Dieses Konzept ist freilich nicht neu und hat mit dem Don Quijote einen der besten Romane der Weltliteratur hervor gebracht.

Mark Twains ästhetische Strategie besteht darin, den Realismus des 19. Jahrhunderts als Kontrastfolie zum Aberglauben des Frühmittelalters zu verwenden, und zwar sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Andererseits konterkariert Twain diesen Realismus dadurch, dass er das England des sechsten Jahrhunderts in einigen Jahren bereits „amerikanisiert“ (Fabriken! Telefone!), was in diesem kurzen Zeitraum natürlich unmöglich gewesen wäre.

Als politisch-historische Polemik und als literaturgeschichtliche Satire kann ich den Roman gelten lassen. Für ein literarisches Meisterwerk fehlt ihm die narrative Raffinesse und die notwendige ästhetische Subtilität.

Mark Twain: A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court (Kindle)

Wie liest man Balzac?

In der dritten New-York-Review-of-Books-Ausgabe dieses Jahres schreibt Geoffrey O’Brien einen klugen Essay über Balzac. Er erläutert dabei auch seine eigenen Leseerfahrungen, die den meinen durchaus ähnlich sind:

Yet even after taking so much from those books I felt as if I were reading Balzac against the grain, wanting him to be a different sort of writer than he was, faulting him for long-windedness and digression, tuning out his extended riffs on animal magnetism or Swedenborgian doctrine and his monarchist political editorializing, reacting unhappily to what seemed abrupt or haphazard plot developments. I wanted him to hurry it along, tidy it up, bring it to a neat and emotionally satisfying conclusion; if possible I wanted to mainline the gist of what Balzac knew of the world without having to make my way through the ramifications of his paragraphs.

Meine Balzac-Notizen finden sich hier.

Mark Twain: The Innocents Abroad

1867 brach Mark Twain zu einer großen Europa- und Orientreise auf. Diese von ihm so genannte „Great Pleasure Excursion“ auf dem Schiff Quaker City hatte auch viele Pilger an Bord, deren wichtigsten Ziel Israel war. Das Arrangement erinnert durchaus an organisierte Studienreise dieser Tage, wenn man einmal von der mehrmonatigen Dauer des Projekts absieht. Es war freilich keine Kreuzfahrt: Die Teilnehmer verließen oft für Wochen das Schiff, um durch die besuchten Länder zu reisen.

Twain schickte von der Reise regelmäßig Beiträge an Zeitungen und brachte schließlich 1869 seine Reiseerlebnisse als Buch heraus: The Innocents Abroad. Ein beachtlicher Wälzer von 700 Seiten und Zeit seines Lebens sein bestverkauftes Buch.

Heute gelesen, begibt man sich auf eine Achterbahn: Twain ist ein Reisender des 19. Jahrhunderts und ihm fehlen zwei grundsätzliche Eigenschaften für einen modernen Reisenden: Toleranz und Verständnis. In Kombination mit seiner frechen Schnauze ergibt das immer wieder ausgesprochen boshafte bis beleidigende Beschreibungen. Wenn er Dreck, Unbildung und Aufdringlichkeit erlebt, platzt ihm schnell der Kragen. Er ist ebenfalls schnell bei der Hand mit Pauschalisierungen. So schreibt er über den osmanischen Sultan, den Twain in Paris sieht als dieser Napoleon III. besucht:

Abdul-Aziz, the representative of a people by nature and training filthy, brutish, ignorant, unprogressive, superstitious – and a government whose Three Graces are Tyranny, Rapacity, Blood. Here in brillant Paris, under this majestic Arch of Triumph, the First Century greets the Nineteenth!

Rags, wrechtedness, poverty and dirt, those symbols that indicate the presence of Moslem rule more surely than the crescent-flag, itself, abound.

Wobei man gleich einschränkend dazu sagen muss, dass er mit Italienern oder Griechen nicht viel zimperlicher umgeht. Eine der Lektürefrüchte ist also, dass man die Welt mit dem Augen eines ebenso eloquenten wie arroganten Amerikaners aus dem 19. Jahrhundert bereist: Eine Lektion in angewandtem Imperialismus. Twain formuliert brillant und selbst seine polemischsten Ungerechtigkeiten lesen sich amüsant. Der tiefere Grund für Twains Unverständnis scheint mir in seiner mangelnden Ursachenforschung zu liegen. Zwar macht er etwa die türkische Regierung für die miesen Zustände in Syrien und Israel verantwortlich, trotzdem gibt er vor allem den Einzelnen die Schuld. Wenn jemand arm, schmutzig und aufdringlich ist, sieht er darin vor allem die Folgen eines schlechten Charakters.

Um das Thema Unverständnis abzuschließen: Twains Ignoranz erstreckt sich auch auf das Gebiet der Kunst. Er bereist Italien, ohne auch nur einen Hauch von Kunstverständnis mitzubringen. Das garantiert natürlich Komik, weil Twain aus diesem Mangel keinen Hehl macht und sich gleichzeitig über jene Touristen lustig, die Verständnis heucheln, indem sie Phrasen aus Reiseführern nachplappern.

Damit ist man bei einem der besten Aspekte des Buches angelangt: Bei Twains Skeptizismus. Er vergleicht seine Eindrücke und Erlebnisse mit den damals populären Orientreisebüchern und stellt fest: Die Wirklichkeit ist völlig anders als darin beschrieben. Während zeitgenössische Reiseautoren von der Romantik, den Abenteuern und der grandiosen Landschaft schwärmen, schimpft er über Dreck, Unbequemlichkeiten und die Hässlichkeit der Szenerie:

Of all the lands there are for dismal scenery I think Palestine must be the prince. The hills are barren they are dull of color they are unpicturesque in shape. The valleys are unsightly deserts fringed with a feeble vegetation that has an expression about it of being sorrowful and despondent. The Dead Sea and the Sea of Galilee sleep in the midst of a vast stretch of hill and plain wherein the eye rests upon no pleasant tint no striking object no soft picture dreaming in a purple haze or mottled with the shadows of the clouds. Every outline is harsh every feature is distinct there is no perspective distance works no enchantment here. It is a hopeless dreary heart broken land.

Zu Hochform läuft Twain ebenfalls auf, wenn es um Religion geht. Als kritischer Kopf macht er sich selbstverständlich über die kirchliche Reliquienwirtschaft in Europa ebenso lustig, wie über die vielen „wahren“ Geschichten im Heiligen Land. Seine Ironie ist in diesen Passagen grandios, etwa wenn er über das legendäre Schweißtuch der heiligen Veronika meint:

The strangest thing about the incident that has made her name so famous is that when she wiped the perspiration away the print of the Saviour’s face remained upon the handkerchief a perfect portrait and so remains unto this day. We knew this because we saw this handkerchief in a Cathedral in Paris in another in Spain and in two others in Italy. In the Milan cathedral it costs five francs to see it and at St Peter’s at Rome it is almost impossible to see it at any price. No tradition is so amply verified as this of St Veronica and her handkerchief.

Immer wieder gibt es brillante Geistesblitze. Als ein mitreisender Arzt im Orient plötzlich zu heilen anfängt, löst dies einen enormen Zulauf bei den Einheimischen aus. Der Arzt kann sich vor Andrang nicht retten. Twain sieht sofort den historischen Kontext:

Christ knew how to preach to these simple, superstitious, disease-tortured creatures: He healed the sick. They flocked to our poor human doctor this morning when the fame of what he had done to the sick child went abroad in the land, and they worshiped him with their eyes…

Schließlich finden sich in The Innocents Abroad immer wieder literarische Kleinode eingestreut. Im Rom-Kapitel beispielsweise beschreibt Twain einen Gladiatorenkampf hochkomisch im Stile einer New Yorker Theaterrezension. Trotz der Komik geht nichts von der Barbarei verloren. Ein kleiner Ausschnitt:

The opening scene last night the broadsword combat between two young amateurs and a famous Parthian gladiator who was sent here a prisoner was very fine. The elder of the two young gentlemen handled his weapon with a grace that marked the possession of extraordinary talent.
[…]
However he was killed. His sisters who were present expressed considerable regret. His mother left the Coliseum. The other youth maintained the contest with such spirit as to call forth enthusiastic bursts of applause. When at last he fell a corpse his aged mother ran screaming with hair disheveled and tears streaming from her eyes and swooned away just as her hands were clutching at the railings of the arena. She was promptly removed by the police. Under the circumstances the woman’s conduct was pardonable perhaps but we suggest that such exhibitions interfere with the decorum which should be preserved during the performances and are highly improper in the presence of the Emperor.

Ein vielschichtiges, problematisches, amüsantes Buch. Wer, wie ich, die meisten beschriebenen Orte selbst bereist hat, liest Twains Beschreibungen natürlich noch einmal mit anderen Augen.

Mark Twain: The Innocents Abroad (Dover)

Balzac: Verlorene Illusionen

Meine Balzac-Lektüre ist in den Notizen nur in einem sehr kleinen Ausschnitt dokumentiert. Las ich doch eine Vielzahl seiner Romane in den neunziger Jahren, also bevor ich meine Lektüre in dieser Form hier festhielt. Mein Verhältnis zu dem Franzosen ist zwiespältig. Ich schätze seine literarische Schaffenskraft, speziell den Einfallsreichtum seiner Geschichten und Figuren. Ich wundere mich aber auch, wie schlampig viele seiner Werke komponiert sind. Man sieht ihn förmlich an seinem Pariser Schreibtisch sitzen, wo er – literweise Kaffee trinkend – seine Bücher so schnell wie möglich niederschreibt.

Die Verlorenen Illusionen sind eine Ausnahme und wohl in ästhetischer Hinsicht Balzacs bester Roman – zumindest was seine Wälzer betrifft und wenn man die Erzählungen einmal ausklammert. Das Buch kombiniert zwei populäre Genres des 19. Jahrhunderts, den Entwicklungsroman und den Gesellschaftsroman. Die Entwicklung des jungen Lucien Chardon, welcher sich später adelsanmaßend Lucien de Rubempré nennen wird, läuft allerdings völlig schief. Während der junge Wilhelm Meister seinen Entwicklungsroman als eine im humanistischen Sinn reifere Persönlichkeit verlässt, endet Lucien als unmoralischer, desillusionierter Zyniker.
Dabei beginnt alles so vielversprechend in der Provinz, wo der erste Teil der Verlorenen Illusionen spielt. Mit seinem bescheidenen Talent gilt er der provinziellen Oberschicht der beteiligten Kleinstädter natürlich als Genie. Er findet in Naïs de Bargeton, die in Angoulême in der Gesellschaft den Ton angibt, eine Förderin, in die er sich trotz des Altersunterschieds natürlich sofort verlieben muss. Die beiden fliehen nach Paris. Balzac stellt Lucien in der Provinz strukturell geschickt seinen Freund David Séchard zur Seite. Ähnlich begabt wie der eingebildete Lucien ist er ihm charakterlich entgegengesetzt, was einen hübschen Kontrast ergibt.

Paris fügt dem Roman eine weiteren strukturellen Kontrast hinzu: Metropole gegen Kleinstadt. Ohne an dieser Stelle zu sehr auf den Inhalt eingehen zu wollen: Lucien blamiert sich bei seinem ersten Auftritt in der Oper, seine Gönnerin lässt ihn auf Rat einer einflussreichen höfischen Verwandten fallen, ja wird Lucien letztendlich durch eine fein gesponnene Intrige ruinieren.
Lucien gerät nun durch Vermittlung eines skrupellosen Vertreters seiner Zunft in die Kreise von Journalisten. Auch hier stellt Balzac wieder ein Kontrastbild gegenüber: eine hochanständige Gelehrtengruppe. Anständig ist nämlich bei den Journalisten gar nichts. Da werden Kampagnen gefahren, Artikel gekauft, Freunde hoch geschrieben, Feinde herunter gemacht. Kurz: Es regiert die Korruption. Wie der Zufall spielt, las ich parallel Ryan Holidays Trust me, I’m lying, in dem er jede Menge unmoralische Methoden der Blogszene beschreibt (zur Notiz). Die Medientechnik ändert sich, die miesen Qualitätsstandards sind dieselben!
Balzac thematisiert auch den Literaturbetrieb wenig schmeichelhaft. Wie heute noch, kommen Bücher oft auf einem Weg zustande, der nichts mit Qualität und viel mit Kommerz und Beziehungen zu tun hat. Mit dieser Ebene bekommt Verlorenen Illusionen eine Selbstreferenzialität, welche einen wesentlich Beitrag zur literarischen Qualität des Buches leistet: Literatur, welche explizit über ihre Entstehungsbedingungen reflektiert. Es sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, dass Luciens Freund David in der Provinz eine Druckerei betreibt, und damit auch dieser Teil des Buchgeschäfts die entsprechende Aufmerksamkeit erhält. Diese Ebene ist nur eine von sehr vielen Themenfeldern, die Balzac kongenial verknüpft abdeckt. Neben der besten Pariser Gesellschaft, treffen wir auf armes studentisches Milieu oder auch die Theater- und Schauspielerszene. Letztere wieder inklusive sämtlicher korrupter Machenschaften von Kritikern.

Trotz der vielen unterschiedlichen Themen ist die Architektur des Romans viel ausgewogener als bei den meisten anderen Büchern Balzacs. Zusätzlich ist er einer der überzeugendsten klassischen Gesellschaftsromane, dessen Vielfalt ebenso beeindruckt wie die Lebendigkeit seines Personals. Doch Vorsicht: Wer mit diesem Buch in Balzacs Welt einsteigt, könnte von seinen anderen Werken dann enttäuscht sein!

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen (insel taschenbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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