18. Jhd. (Klassiker)

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Cellini / Goethe: Das Leben des Benvenuto Cellini

Aus drei guten Gründen empfiehlt sich die Lektüre der Lebensgeschichte des Benvenuto Cellini: Erstens ist sie literatur- und mentalitätsgeschichtlich spannend, weil sie die autobiographische Rekonstruktion eines Renaissancemenschen zeigt. Zweitens enthält man faszinierende sozialgeschichtliche Einblicke in die italienische Kunstszene des 16. Jahrhunderts. Drittens schließlich übersetzte Goethe das umfangreiche Werk, allerdings nicht aus dem toskanischen Original, sondern anhand der englischen Übersetzung.

Benvenuto Cellini (1500 – 1571) gilt als einer der besten Goldschmiede und Skulpteure des 16. Jahrhunderts, wovon sich jeder in Wien im Kunsthistorischen Museum selbst überzeugen kann, wo seine berühmte Saliera steht. Seine Lebensbeschreibung schreibt Cellini zwischen 1558 und 1566. Erschienen ist sie allerdings erst 1728. Als Kind setzt er sich gegen seinen Vater durch, der ihn gerne als Musiker gesehen hätte, und wird Goldschmied. Seine große Begabung verschafft ihm schnell reiche Gönner, darunter Adlige und Päpste. Zwei Jahre lang ist er in Paris für König Franz I. tätig, verlässt aber vor Fertigstellung seines Auftrags entnervt Frankreich, weil ihn die Hofschranzen quälen.

Wer nun die Autobiographie eines wohl erzogenen Höflings erwartet: Weit gefehlt! Cellini ist ständig in Händel und Abenteuer verwickelt. Besonderes Vergnügen findet er an Raufereien und dem einen oder anderen Totschlag. Keine Überraschung also, dass er zwei Mal in vatikanischen Gefängnissen landet. Die Beschreibung dieser Ereignisse scheinen dem Autor mehr Spaß zu machen als die Beschreibung seiner Kunstwerke. Freilich schildert er die Rivalitäten unter den damaligen Künstlern ebenso extensiv. Es wird heftig um Aufträge und den Rang in der Künstler-Hackordnung gestritten. Es öffnet sich ein faszinierendes Panorama des 16. Jahrhunderts.

Damit ist diese Künstlerautobiographie ein einzigartiges Dokument. Kein Wunder, dass Goethe dafür ein so großes Interesse entwickelt:

Ich bin bei dieser Gelegenheit auch wieder an die des Cellini Lebensbeschreibung geraten; es scheint mir unmöglich, einen Auszug daraus zu machen, denn was ist das menschliche Leben im Auszuge? Alle pragmatische biographische Charakteristik muß sich vor dem naiven Detail eines bedeutenden Lebens verkriechen. Ich will nun den Versuch einer Übersetzung machen, die aber schwerer ist, als man glaubt.
[An Johann Heinrich Meyer am 8. Februar 1796]

Er übersetzt das Buch 1796 freilich in ein Werk Goethes. Vom rauen Charme des toskanischen Originals bleibt in dieser stilistisch polierten Fassung nichts mehr übrig. Goethefreunde werden diese Übersetzung natürlich lesen. Ansonsten sollte entweder ein solides kunsthistorisches Interesse oder Freude an Kuriositäten vorhanden sein, wenn man diese Lebensbeschreibung zur Hand nehmen will.

Cellini / Goethe (Übersetzer): Das Leben des Benvenuto Cellini (Münchner Ausgabe)

Laurence Sterne: Leben und Meinungen des Tristram Shandy, Gentleman.

Der Tristram Shandy ist einer der raffiniertesten Romane der Weltliteratur. Veröffentlicht wurde er in neun Bänden zwischen 1759 und 1767. Bereits der erste Band macht seinen Verfasser berühmt. Er zählt zu den komischsten Büchern der Literaturgeschichte und ist ein Höhepunkt des britischen Humors. Wer verstehen will, aus welcher Tradition der abartige Humor Monty Pythons stammt, muss ebenfalls diesen verrückten Roman kennen. Ich las ihn eben zum dritten Mal, und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Laurence Sternes Verfahren lässt sich leicht beschreiben: Er ist einer der größten Meister der Metafiktionalität. Das heißt er verwendet die Methoden der Romankunst und spielt diese gegen sich selbst aus. Klingt kompliziert, ist aber einfach. Das grundlegende Verfahren ist sein Spielen mit der Erzählzeit versus erzählter Zeit. Tristram Shandy will sein Leben beschreiben und brav konventionell mit seiner Geburt beginnen. Es kommen ihm aber so viele Ablenkungen und Abschweifungen dazwischen, dass der fiktive Autor bereits jahrelang hunderte Seiten schrieb und immer noch nicht bei seiner Geburt angelangt ist, die erst im dritten Buch stattfindet. Sterne spielt furios mit den Lesererwartungen auf allen Ebenen. Alle Erfahrungen, die man bisher beim Lesen von Romanen machte, werden über den Haufen geworfen. Es gibt leere Seiten, nicht-schriftliche Einschübe, abgebrochene Kapitel. Figuren werden mitten im Satz unterbrochen und dürfen ihn erst viele Kapitel später zu Ende sprechen. Nichts ist so wie es scheint! Wie grandios Sterne das beherrscht, zeigt sich daran, dass er selbst heute noch uns belesene zeitgenössische Bücherfreunde zu überraschen vermag. Obwohl wir postmoderne und damit formal hoch verspielte Romane kennen. Ein Nebeneffekt dessen ist, dass literaturwissenschaftlich unvorgebildete Leser auf den Präsentierteller geliefert bekommen, wie Literatur funktioniert. Selbstverständlich hatte Sterne Vorläufer wie Cervantes oder Rabelais, aber niemand trieb es so auf die Spitze wie der Engländer.

Sternes berühmtes Buch besteht also ausschließlich aus Abschweifungen aller Art sowie einigen der schrulligsten Figuren, welche die Weltliteratur hervorgebracht hat. Vater Walter Shandy steckt voll der verrücktesten gelehrten Ideen, vertritt die abstrusesten Hypothesen und liest die schrägsten Bücher, die immer wieder auch ausführlich zitiert werden. Nebenbei bekommen wir hier eine Gelehrten-Satire serviert, die sich gewaschen hat. Der durch und durch gutmütige Onkel Toby geht mit Hilfe seines Dieners Trims seiner Besessenheit mit Belagerungen nach und baut auf einem Feld eingekreiste Städte nach. Kurz, auf uns Leser wartet ein Exzentrikerkabinett erster Güte.

Insgesamt betrachtet, ist die Gesamtkonstruktion des Romans nicht so makellos, wie dessen Digressionsästhetik. So wirkt der siebte Band mit der Frankreichreise als struktureller Fremdkörper. Man könnte auch den Einwurf erheben, Tristram Shandy sei sehr artifiziell und in Wahrheit nur eine raffinierte Spielerei. Dagegen würde ich einwenden, dass erstens in der Kunst nichts gegen gelungene zwecklose Raffinesse zu sagen ist und zweitens, der Roman durchaus eine tragische Seite hat. Unter der komischen Decke lauern nicht nur die geschilderten Alltagskatastrophen, sondern gerade die besten satirischen Kapitel machen einen doch sehr nachdenklich über den Zustand der Welt und der Menschen.

Laurence Sterne: Leben und Meinungen des Tristram Shandy, Gentleman (Manesse)

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga

Darf ein deutschsprachiger Autor nach dem famosen Lenz des Georg Büchner eine weitere Erzählung über J.M.R. Lenz schreiben? Selbstverständlich! Vor allem, wenn es sich um ein Sprachtalent wie Gert Hofmann handelt. Hofmanns Erzählung setzt dort ein, wo Büchner aufhört, und beschreibt Lenz‘ Rückkehr nach Riga zu seiner Familie. Er trifft dort nach vielen Jahren auf seinen pedantischen, harten Vater und dieser auf seinen überdrehten, dem Wahnsinn nahen Sohn. Hofmann setzt das sprachlich zurückhaltend (also im Vergleich zu Büchner unexpressiv) in Szene, ist dabei aber höchst präzise. Rückblenden arbeiten die vergangenen Erlebnisse des jungen Lenz auf, wobei auch hier der Schwerpunkt auf der Vater-Sohn-Beziehung liegt.

Das Ergebnis ist eine sehr runde Erzählung. Sie erschien erstmals 1984 und wurde kürzlich von der kleinen Edition Kammweg wieder aufgelegt.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga. (Edition Kammweg) [leider vergriffen, daher noch ein Link zur Reclam-Ausgabe]

Choderlos des Laclos: Gefährliche Liebschaften

Anzügliche Literatur war zur Zeit der französischen Aufklärung nichts Ungewöhnliches, kaum ein Buch erreichte allerdings den Bekanntheitsgrad der Gefährlichen Liebschaften. Das Anzügliche ist bei des Laclos nämlich nur eine Beigabe zu einem beißenden Gesellschaftsporträt der Aristokratie des Ancien Regime. Der Briefroman erschien 1782 anonym und wurde mit erfolgsversprechender Entrüstung aufgenommen. Die 175 Briefe des Romans zeigen als zentrale Figuren hoch intelligente Adlige, welche ihren Intellekt ausschließlich zu zwei Zwecken einsetzen: Maximierung ihres Sexuallebens und dem Schaden ihrer Mitmenschen. Diesen amoralische Zynismus setzt Laclos höchst spektakulär ins Werk: Da werden ebenso Mädchen vergewaltigt und hörig gemacht wie die Karrieren Pariser Offiziere durch erotische Fallen ruiniert. Wenn man an die New Yorker Abenteuer des Dominique Strauss-Kahn denkt, scheinen die Franzosen ja immer noch eine Vorliebe für derartige Geschichten zu haben.

Die beiden Schurken des Romans sind die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont. Beide tauschen sich in ihrer Korrespondenz in erfrischender Offenheit über ihre erotischen und intriganten Heldentaten aus. Die Marquise hat es durch intelligente Schauspielkunst erreicht, dass sie der Pariser Gesellschaft als tugendhafte Witwe gilt, während sie im Hintergrund als eine Art weiblicher Don Giovanni reüssiert. In diese Schublade passt auch der Vicomte, dem wir gerne einen Leporello als Assistent in Sachen Damenbuchhaltung zur Seite stellten. Traut man der sehr gut lesbaren neuen Übersetzung des Wolfgang Tschöke werden diese Taten in klassischem Hochfranzösisch beschrieben, was natürlich einen hübschen Kontrast zum Inhalt bildet.

Am besten sind die Briefe der beiden Hauptfiguren zu lesen. Es sind selbstverständliche auch jene Schreiben vom fiktiven Herausgeber abgedruckt, welche die Intrigen weitertreiben. Beim x.ten Liebesbrief des Vicomte an die Tugendapostelin de Tourvel kann sich allerdings Ermüdung einstellen. Aber Überblättern ist ja immer erlaubt.

Gefährliche Liebschaften wirft ein kaltes Licht auf adelige Moral und ist als Roman viel komplexer als es den ersten Anschein hat. Misanthropen werden seinen Zynismus schätzen, Mentalitätshistoriker das Fehlen jeglicher Moral und Fortschrittsfreunde finden viele Gründe für die Französische Revolution. Aber so ist das nun mal bei Klassikern.

Pierre-Ambroise-Francois Choderlos des Laclos: Gefährliche Liebschaften oder Briefe gesammelt in einer Gesellschaft und veröffentlicht zur Unterweisung einiger anderer (Carl Hanser)

Robinson Crusoe – Projekt einer Insel

Burgtheater 4.5. 2012

Regie: Jan Bosse
Bühnenbild: Stéphane Laimé

mit
Ignaz Kirchner
Joachim Meyerhoff

Auf Joachim Meyerhoffs Initiative entstand dieser schräge Abend zu einem der berühmtesten Klassiker der Weltliteratur. Der Aufwand für diese Inszenierung ist enorm: Die Zuschauer sitzen auf der umgebauten Bühne, während sich Meyerhoff und Kirchner im Zuschauerraum austoben. Das darf durchaus wörtlich verstanden werden, wird doch ein Teil des Zuschauerraums, der als Insel figuriert, durch Robinsons Zivilisierungsaktivitäten zerlegt. Es werden Sitze aufgeschlitzt, Türen ausgehängt, Armlehnen abgebrochen. Dem naiveren Teil des amüsiert-entsetzten Publikums sei gesagt: Zu diesem Behufe wurde extra ausrangierte Sitze montiert. Es wurde also nur Sperrmüll beschädigt.

Die Idee, das Burgtheater konkret als Insel zu nehmen, trägt gut. Der Abend erhält dadurch eine zusätzliche Dimension, nämlich die Auseinandersetzung mit Theater und Hochkultur, was auch explizit thematisiert wird.

Insgesamt wirkt der Abend wie eine Mixtur aus brutalem Naturalismus, so hüpft Meyerhoff als Robinson mit langem Bart auch mal splitternackt durch den Saal, Monty Python und Loriot. Die Waage neigt sich aber sehr zu Monty Python, zumal der Naturalismus an Monty Python and the Holy Grail erinnert, und viel Absurd-Groteskes zu sehen ist. Ignaz Kirchner unterstützt Meyerhoff furios als Vater und Freitag.

Eine sehr originelle Angelegenheit. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, dass Meyerhoff solche Projekte nur deshalb macht, damit er in 10 Jahren wieder lustigen Stoff für weitere Teile seiner Autobiographie hat.

Der große Religionskritiker Jean Meslier (1664-1729)

Eine meiner größten Buchentdeckungen der letzten Jahre ist das furiose Testament des Jean Meslier. Zwar kannte ich ihn dem Namen nach schon seit meiner Studienzeit als Vertreter der französischen Frühaufklärung, zu einer näheren Beschäftigung mit ihm inspirierten mich aber erst Philipp Bloms Böse Philosophen.

Die erste Überraschung: Eine der brillantesten Religionskritiken der Geistesgeschichte wurde von einem Pfarrer geschrieben! Welche großartige Ironie! 1664 geboren schlug Meslier eine klassische klerikale Karriere ein. Obwohl er von seinem Bischof mehrmals wegen Aufsässigkeiten bestraft wurde, übte er Zeit seines Lebens brav sein Amt aus. So nachlässig wie möglich, wie er in seinen ketzerischen Memoiren betont. Er ist ein brillanter Kopf und durchschaut das Kirchen- und Adelswesen, welches die Armen in Frankreich gemeinsam unter der Knute hält. Ab 1719 setzt er sich bis zu seinem Tode 1729 fast jeden Abend hin und schreibt sein Memoir of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier nieder. Das Ergebnis ist ein hochgradig intelligenter und origineller Text, wie ihn die Geistesgeschichte bis dahin noch nicht kannte. Ein Geistesverwandter war Montaigne, dessen Essais er oft zitiert und dessen Art des Schreibens und Denkens ihn sehr beeinflusste.

Das Faszinierende an dem knapp sechshundert Seiten langen Buch ist seine Vielfalt: Scharfsinnige philosophische Argumente wechseln sich mit furioser Polemik ab. Das Tempo variiert. Man spürt in jeder Zeile die Empörung des Jean Meslier über die argen Zustände in der Welt. Trotz dieses Ärgers ist sein Denken scharf wie ein Rasiermesser. Das Testament ist eine Enzyklopädie der Religionskritik. Alle bis heute gültigen Argumente gegen Religion im allgemeinen sowie gegen das Christentum im speziellen werden mustergültig dargelegt: Die zahllosen textimmanenten Widersprüche in der Bibel und die gescheiterten Versuche der Theologen, diese weg zu interpretieren. Die zahlreichen schamlosen Übernahmen des Christentums aus anderen Religionen und das Abstreiten dieser Diebstähle. Die abstrusen Dogmen. Die verlogene Ethik. Die unzähligen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis.

Jean Meslier verwendet in erster Linie simple Logik zur Entlarvung. Dabei argumentiert er, trotz seiner Wut, mit einer intellektuellen Sorgfalt, die bewundernswürdig ist. Viele seiner Argumente setzen von innen an: Er greift religiöse Behauptungen auf und widerlegt sie intrinsisch. Er baut kein atheistisches Kartenhaus daneben auf, sondern zieht solange die Karten aus dem religiösen Kartenhaus, bis es zusammenstürzt. Ein weitere Strategie ist eine historische: Er stellt das Christentum in den geschichtlichen Kontext mit anderen Religionen und geschichtlichen Entwicklungen. Schließlich zeigt er immer wieder überzeugend auf, welchen wahren Interessen die Religion dient und wie diese zur Machterhaltung von Monarchen und Tyrannen systematisch verwendet wird.

Das Testament ist sorgfältig systematisch aufgebaut. Meslier beginnt mit seiner grundsätzlichen Hypothese:

All religions are nothing but errors, illusion, and imposture.
[Kapitel 3]

Das insgesamt 97 Kapitel umfassende Buch besteht nun aus acht Beweisen, die Meslier in extenso ausführt. Er fängt immer allgemein mit einer These an und belegt diese dann, in dem er in den Folgekapiteln immer mehr ins Detail geht. Seine acht „Beweise“ sind:

First Proof: Of the vanity and falsity of religions, which are all human inventions.

Second Proof: Of the vanity and falsity of said religion: Faith, which is blind belief that serves as the foundation of all religions, is only a principle of errors, illusions and impostures.

Third Proof: Of the vanity and falsity of religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called visions and divine revelations.

Fourth Proof: Of the vanity and falsity of said religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called prophecies of the Old Testament.

Fifth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion drawn from the errors of its doctrine and morality.

Sixth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion, taken from the abuse, the unjust persecutions, and the tyranny of the rulers, which it tolerates or authorizes.

Seventh Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the falsity of the opinion of men concerning the so-called existence of gods.

Eighth Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the men’s opinion about the spirituality and immortality of their souls.

Das Ergebnis ist eine umfassende Entlarvung der Religion an sich und gleichzeitig ein gewaltiges Plädoyer für Humanität, Aufklärung und Vernunft. Kein Wunder also, dass die Kirche das Buch mit aller Macht verfolgte. Voltaire gab eine auf seine Auffassungen hin völlig verfälschte Kurzausgabe heraus. Ansonsten zirkulierte das Testament lange in Form illegaler Kopien. So manche Aufklärer bedienten sich großzügig aus seinem intellektuellen Fundus, ohne Quellenangabe versteht sich. Erst 1864 erschien eine vollständige Ausgabe, herausgegeben von Rudolf Charles. Ich las die 2009 bei Prometheus Books erschienene, erste vollständige Übersetzung ins Englische. Es gab in den letzten vierzig Jahren zwei deutschsprachige Ausgaben, die aber nur noch sehr teuer antiquarisch zu bekommen sind. Eine Neuauflage wäre dringend überfällig!

Jean Meslier zählt zu den größten Aufklärern der abendländischen Geschichte. Bevor Kant noch geboren war lebte er dessen Maxime „Sapere aude!“ allein und einsam in der französischen Provinz und schrieb eines der fulminantesten Enthüllungsbücher der Geistesgeschichte.

Doch ich lasse ihn das Testament am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen. Gegen Mesliers Aufruf zur Empörung im letzten Kapitel seines Buches, zitiert ist nur der Anfang, wirkt das Pamphlet des Stéphan Hessel wie der Text eines schüchternen Schulbuben:

All these arguments are as conclusive as they can be: it is enough to pay just a little attention to see the evidence. And so it cleary demonstrated, by all these arguments I have put forth above, that all religions of the world are, as I said at the beginning of this writing, only human inventions, and that everything they teach us or make us believe are only errors, illusions, lies, and impostures invented by scoffers, swindlers, and hypocrites to deceive men, or by shrewd and crafty politicians to hold men in check and do whatever they want to the ignorant people (who blindly and foolishly believe everything they are told comes from God) and claim that it is useful and expedient to make men believe in the same thing, on the pretext, as they say, that is „necessary that the common man not know very many truths and that he believe in many falsehoods.
And since these kind of errors, illusions, and impostures are the source and cause of countless evils, abuses, and viciousness in the world, and that even the tyranny, which makes so many people groan on the earth, also tries hard to hide itself under this attractive but false and detestable pretext of religion, I am very right to say that this hodgepodge of religion and political laws, such as there are at present, were in fact only mysteries of iniquity.
[Kapitel 96]

Jean Meslier: Testament. Memoirs of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier (Prometheus Books)
[Die am besten zugängliche und lieferbare Ausgabe]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier (Suhrkamp 1976)
[Hochpreisig antiquarisch zu bekommen]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier. Herausgegeben von Hartmut Kraus (Hintergrund)
[Lizenzausgabe der Suhrkamp-Ausgabe durch einen Kleinverlag]

Faust

Filmcasino 13.1.

Russland 2011
Regie: Alexander Sokurow

Ein Faust-Film, der den Goldenen Löwen nebst vielen Vorschusslorbeeren erhält, machte mich selbstverständlich so neugierig, dass ich gleich die erste Aufführung besuchte. Auch so mancher Burgschauspieler konnte es offenbar nicht erwarten und saß im Publikum.

Eines ist gleich zu Beginn festzuhalten: Es ist keine Goethe-Verfilmung. Zwar gibt es viele Bezüge und Zitate zu Goethes opus magnus, allen voran die im Zentrum stehende Gretchentragödie, sowie einige wenige der berühmten Zitate; ansonsten bewegt sich die Handlung aber sehr frei dem Text entlang. Mephisto tritt als Mauritius in einem grotesk verzerrten Körper auf. Der zweite Teil wird nur kurz durch die Homunculus-Geschichte gestreift.

Ästhetisch ist dieser Faust einer der ungewöhnlichsten Filme, die ich je sah, von radikalen Avantgardeproduktionen einmal abgesehen. Allerdings kenne ich die anderen Filme Sokurows nicht. Die historische Szenerie ist zu Beginn in einem Naturalismus gehalten, der an Monty Python and the Holy Grail erinnert: Es regiert die Unappetitlichkeit. Als der Teufel schließlich dem Doktor Gesellschaft leistet, der die Szenerie übrigens nicht als Pudel, sondern als Pfandleiher betritt, setzt Sokurow formal diverse verfremdende Mittel ein. Durch optische Verzerrungen fühlt man sich manchmal an die Malweise El Grecos erinnert. Die verwendete Bildfilter und die Farbpalette (Pastelle, Erdfarben, Monochromie) verstärken ebenso den surrealen Eindruck wie die Anleihen an die Stummfilmästhetik. Das grandiose Ende spielt in Islands grotesker Geysirszenerie, wo Faust seinen Widersacher zwar besiegt, aber dann in Richtung eines Gletschers weiterzieht.

Den Film durchzieht eine düster-klaustrophobe, pessimistische Stimmung. Menschen sind fast durchwegs unsympathisch. Hunger, Elend, Gewalt, Krieg, Dreck und Gier prägt diese Welt. Faust schnippelt auf der Suche nach der Seele malerisch an Leichnamen herum. Die Intellektualität des Goetheschen Faust spielt so gut wie keine Rolle. So ist es nur konsequent, dass die Gretchengeschichte am ausführlichsten inszeniert wird.

Wer die russische Literatur kennt, der wird sich nicht wundern, dass ausgerechnet ein russischer Regisseur einen so (im besten Sinn des Wortes:) seltsamen Film produziert.

Die Leistung der deutschsprachigen Schauspieler – Johannes Zeiler als Faust! – ist durchweg großartig. Die Qualität des Films liegt in seiner Radikalität und Ambiguität.

Philipp Blom: Böse Philosophen

Zu dem Buch schrieb ich bereits Ende Juli eine Notiz, die beim Umzug der Notizen leider verloren ging.

Blom will dem interessierten Lesepublikum ein wenig bekanntes Kapitel der Geistesgeschichte näher bringen: Die radikale Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Als konzeptueller Ausgangspunkt eignet sich dafür bestens der Salon des kultivierten Baron d’Holbach in dem sich die unabhängigsten Geister dieser Zeit versammelten, allen voran Denis Diderot, dem die meiste Aufmerksamkeit Bloms gilt.

Warum wissen heute nur noch Fachleute von diesem Zirkel? Schuld daran ist die Rezeptionsgeschichte. Jean-Jacques Rousseau richtet einen Teil seiner paranoiden Energie auf den Baron und seine Freunde. Er startet einen furiosen publizistischen Rachefeldzug. David Hume bekam als Kollateralschaden später auch noch seine Prügel ab. Bis heute wirkt diese Propagandakampagne nach, weshalb sich Philipp Blom zum Ziel setzte hier aufklärend zu wirken. Bloms Buch ist damit auf zwei Ebenen aufklärerisch: Es beleuchtet eine im Dunkeln liegende Ecke der Philosophiegeschichte und schildert gleichzeitig deren Argumente mit so viel Verve, dass deren Aktualität sichtbar wird. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der Religionsdummheiten weltweit wieder großen Schaden anrichten.

Aus akademischer Sicht kann man Blom natürlich mangelnde Objektivität und diverse Ungenauigkeiten vorwerfen, aber das geht an der Intention des Autors vorbei. Ziel des Buches war keine geistesgeschichtliche Habilitationsarbeit, sondern ein parteiisches Portrait. So macht denn Blom keinen Hehl, wem seine Sympathie gehört. Die historische Darstellung ist allerdings hervorragend recherchiert. Man erfährt bei der Lektüre viel über das Frankreich der zweiten Jahrhunderthälfte.

Eines der spannendsten Sachbücher, die ich seit längerer Zeit las. Möge es viele Leser finden.

Philip Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Auflärung (Hanser)

Rousseau in Romanform

Jean-Jacques Rousseau ist nicht nur einer der einflussreichsten Denker des 18. Jahrhunderts, sondern auch einer der problematischsten. Damit meine ich nicht seine fragwürdigen Lebensentscheidungen, wie etwa pädagogische Bücher zu schreiben und gleichzeitig die eigenen fünf Kinder in ein Findelheim abzuschieben. Viel schlimmer ist, dass er intellektuell großen Schaden anrichtete. Sein soziopathischer Rachefeldzug gegen Vertreter der radikalen Aufklärung (Diderot, Holbach, Hume…) samt Verleumdungen in seiner berühmten Autobiographie. Sein durch und durch irrationaler Naturenthusiasmus. Karl-Heinz Ott wählte nun diesen spannenden Stoff für seinen neuen Roman: Wintzenried. Eine sehr ausführliche Besprechung gibt in der NZZ zu lesen.

Goethe und Zelter: Briefwechsel

Goethes Briefwechsel mit Schiller zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Trotzdem las ich erst jetzt die berühmte zweite Korrespondenz mit dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter (1758-1832). Eine Grund dafür war der Umfang: Die beiden wechselten 30 Jahre lang Briefe, was in der Münchner Ausgabe einen 1200seitigen Band ergibt. Dazu kommt ein ebenso dicker wie kenntnisreicher Kommentarband.

Zelter war Goethes Ansprechpartner für Musikalisches. Er vertonte regelmäßig dessen Lyrik und lieferte jede Menge Auftragskompositionen nach Weimar, nicht zuletzt für das von Goethe geleitete Theater. Die Musik ist damit der Generalbass des Briefwechsels. So ist es kein Zufall, dass Goethes Schilderung seines einzigen Zusammentreffens mit Beethoven für Zelter geschieht. Schnell entwickelt sich eine enge Brieffreundschaft. Zu Beginn ist Zelter hier natürlich der sich geschmeichelt Fühlende und auch der um die Gunst des berühmten Freundes buhlende Briefpartner. In Laufe der Jahre emanzipiert sich die Beziehung allerdings, wenn Zelter auch nie auf intellektueller Augenhöhe wie Schiller mit Goethe kommuniziert.

Erwartungsgemäß sind die Briefe eine biographische Fundgrube für an Goethe Interessierte. Die Hauptfigur der Korrespondenz ist aber Zelter. Wir lernen einen Berliner Intellektuellen der Goethe-Zeit in seinem Umfeld kennen: Seine musikalischen Projekte, seine Erfolge und Niederlagen als Kulturmanager, seine zahlreichen privaten Tragödien, seine Selbstzweifel am eigenen Werk, seine finanziellen Probleme. Als Zugabe bekommt man das Berliner Kulturleben durch einen kompetenten Beobachter geschildert. Und welchen Beobachter! Zelter schildert etwa Berliner Theateraufführungen mit einem brillanten süffigen Sarkasmus, aufgrund dessen man seine Kritiken sogar über heute völlig vergessene Stücke gerne liest. Damit entwickelt er sich rasch zu Goethes privaten Kulturkorrespondenten aus dem großen Berlin. Gleichzeitig stellt er die Versorgung des Freundes mit den unverzichtbaren Teltower Rübchen sicher, die pünktlich jeden Herbst nach Weimar expediert werden.

Ein weiterer Höhepunkt ist Zelter als Reiseschriftsteller. Gerade im Alter reist er öfters durch Deutschland und unterhält Goethe und uns mit großartigen Berichten. Als Beispiel Auszüge über seinen Aufenthalt in Wien im Sommer 1819:

Man sieht hier recht warum dies Volk nicht politisch ist. Es will jede Minute leben und genießen und das tuts. Die Politik kommt von der langen Weile und geht zur langen Weile […]

Das österreichische Volk ist von der gefälligsten Naivität und scheidet sich so rein ab von den sogenannten höheren Ständen, daß diese im eigentlichen Nachteil erscheinen. Wenn z.E. das österreichische Deutsch kein gutes Deutsch wäre, so ist es doch gewiß eine Sprache worin man sich mit einer Leichtigkeit bewegt wie der Fisch im Wasser […]

Letzhin ist Bethofen in sein Speisehaus gegangen; so setzt er sich an den Tisch, vertieft sich und nach einer Stunde ruft er den Kellner: Was bin ich schuldig? – Ewr. Gnaden haben noch nichts gessen, was soll ich denn bringen? – Bring was Du willst und laß mich ungeschoren! – […]

In Wien kann man alles finden nur keine Langeweile. Wer sich hergeben will findet die wahre Menschheit […] Die Bevölkerung ist unendlich: viele geistliche Orden, alle Nationen, alle Frauen alles alles, Alt und jung ist überall, man weiß nicht wo die Menschen alle herkommen, hingehen und doch geht jedes seinen Gang. Die Kirchen sind den ganzen Tag voll. Sonnabend war das Leopoldsstädter Theater so angefüllt daß man die Füße nicht setzen konnte […]

Von der Schönheit der griechischen Frauen welche man hier nicht selten sieht wäre viel zu sagen: es ist das Edelste was meine Augen gesehn haben. Die vollkommenste Klarheit der Karnation; Gliederbau, Embonpoint, Portement – alles das sind Worte, man muß es sehen. Und Augen – ja da kriegt man Augen. Dafür sehn denn die Kerls aus wie große Spanferkel. Daß solch ein Kerl solch ein Weib unter sich haben soll!

Goethe ließ die Reisebriefe immer wieder ins Reine schreiben und als Broschüren binden. Ich habe es sehr genossen, die Sommermonate in Gesellschaft von Goethe und Zelter zu verbringen. Für Klassikerfreunde eine Pflichtlektüre.

Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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