Klassiker

Neue Biographie über Montaigne

Eine neue Biographie über Montaigne kann an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben. Sie ist von mir auch bereits vorbestellt: Philippe Desan: Montaigne. A Life. Diese Neuerscheinung nimmt Adam Gopnik wiederum zum Anlass für einen ausführlichen Essay über Montaigne im New Yorker, betitelt Montaigne on Trial. What do we really know about the philosopher who invented liberalism?. Desan scheint sich also als kritischer Biograph profilieren zu wollen. Der Text Gopniks ist jedenfalls sehr lesenswert.

Die Reise in den Westen

Reclam macht sich einmal mehr sehr um die Klassikerpflege verdient. Zum ersten Mal überhaupt ist mit Wu Chengs Reise im Westen einer der wichtigsten chinesischen Klassiker vollständig auf Deutsch erschienen. Zu verdanken ist dieser Gewaltakt Eva Lüdi Kong, welche das Riesenwerk in zehnjähriger Arbeit übersetzte. Die schön aufgemachte Ausgabe umfasst nämlich 1320 Seiten. Kenner vergleichen den Roman gerne mit Cervantes oder Rabeleis, aber selbst bei einem ersten Hineinlesen stellt man schnell fest, dass dies nur behelfsmäßige Analogien sein können. Mehr als hineingelesen, habe ich bisher auch noch nicht. Eine ausführliche Lektüre ist aber geplant.

Kafka: Das Schloß

Über Kafka zu schreiben ist gleichzeitig schwierig und leicht. Schwierig, weil bereits alles geschrieben zu sein scheint. Leicht, weil man scheinbar alles über Kafka schreiben kann. Der größte Teil der Kafka-Forschung beruht auf einem großen Missverständnis über das Wesen literarischer Texte. Sie versucht, einen mehrdeutigen (polyvalenten) Text in einen eindeutigen Text zu übersetzen und nimmt ihm damit seine wichtigste literarische Eigenschaft weg. Deshalb zeugen fast alle traditionellen Kafka-Interpretationen von einem grundsätzlichen Unwissen darüber, wie Literatur in Wahrheit funktioniert. Alle theologischen, juristischen und die vielen anderen Ansätze der Kafka-Forschung können nun zwar interessante Puzzlesteine zum Verständnis seiner Werke sein, werden aber nie eine umfassende Sicht auf dieses faszinierenden Oeuvre erreichen. Der richtige literaturwissenschaftliche Ansatz wäre dagegen zu beschreiben, warum und wie Kafkas Texte diese Bedeutungsfülle generieren. Das ist die Kurzfassung meiner literaturwissenschaftlichen Diplomarbeit zu eben diesem Thema.
Nicht-akademischen Kafka-Lesern empfehle ich, sich von diesem Hermeneutikzirkus weitgehend fern zu halten und die Rätselhaftigkeit dieser faszinierenden Wortwelt mit seinen jeweils eigenen Erfahrungen zu erleben. Das Schloß ist noch rätselhafter als Der Prozeß, weil es ein weniger stringentes Handlungszentrum und gleichzeitig als Fragment kein Ende hat. Laut Max Brod wollte Kafka K. am Ende genau dann sterben lassen, wenn er die Aufenthaltsgenehmigung für das Dorf erhält.

Was mich bei der erneuten Lektüre des Romans am meisten fasziniert, ist die von Anfang bis Ende beklemmende Atmosphäre und die beschämende Behandlung der Familie Barnabas. Es sei kurz in Erinnerung gerufen, dass diese Familie im Schloss und im Dorf völlig in Ungnade fällt, weil Tochter Amalia sexuell schmierige Avancen eines Schloßboten zurückweist. Selbst als sich die Familie danach mit dem Versuch finanziell ruiniert, die Gnade des Schlosses wieder zu erlangen, bleibt sie bei ihrer aufrechten Haltung. Damit ist Amalia der aufrichtigste Mensch im Roman und zeigt am meisten Zivilcourage. Die Schilderung Olgas, wie die Barnabas in diese Notlage gekommen sind, gehört nicht nur zu den beklemmendsten Passagen des Romans, sie steht auch prototypisch für die Unterdrückungsmechanismen und opportunistische Kollaboration in autoritären Machtsystemen. Die vom Leser erwartete Reaktion wäre Empörung und Rebellion der Unterdrückten, am besten noch mit einem happy ending. Statt dessen folgt deren schwer erträgliche Unterwürfigkeit und Selbstdemütigung, was die Lektüre noch unangenehmer macht. Amalias Schwester Olgas prostituiert sich schließlich an niedrige Schloßbeamte, damit ihre Familie überhaupt überleben kann. Fast alle Autoritätsfiguren, mit denen K. in Kontakt kommt, verhalten sich inhuman und herablassend.

Ein Teil des Beklemmungsgefühls entsteht einerseits durch erzählerische Mittel, wie die „enge“ personale Erzählperspektive und die oft „bürokratische“ Sprache. Andererseits durch den raffinierten Rahmen des Romans: Eine hypermodern und totalitär agierende anonyme Bürokratie in einem idyllisch-feudalem Setting. Das gequälte, hilflose Individuum einem unverständlich und unmenschlich agierendem Machtapparat gegenüberstehend, ist wohl jener Aspekt, welcher die Leser seit jeher am meisten anspricht, wofür auch die Bedeutung des beliebten „kafkaesk“ spräche. Das Quälende ist immer präsent, wenn im Schloß auch deutlich indirekter als in der brutalen Strafkolonie.

Dieser in einen scheinbar normalem Alltag eingebettete aggressive Anti-Individualismus eines Verwaltungsapparates macht den Kern der Kafkaschen Dystopie aus, und zählt deshalb sicher zum politisch hellsichtigsten, was im 20. Jahrhundert geschrieben wurde. Kafka wird aufgrund der tiefen anthropologischen Verankerung seiner literarischen Autopsie der Moderne auch dann bei seiner Leserschaft noch Beklemmung verursachen, wenn die Dystopien Orwells und Huxleys technisch längst überholt sind.

Goethe: Hermann und Dorothea

Erstmals 1797 gedruckt und kurz vorher geschrieben wird Hermann und Dorothea zu Lebzeiten Goethes und auch darüber hinaus nach dem Werther sein populärstes Buch. Lässt es sich doch hervorragend als eine epische Heroisierung des Bürgertums lesen und enthält auch eine brave Brise Patriotismus, was zur Zeit der Kriege mit den Franzosen natürlich dem Erfolg nicht schadet.

Den ästhetischen Reiz bezieht das kurze Buch durch die Verwendung des Hexameters für eine bürgerliche Liebesgeschichte. Dazu gibt es in der deutschen Literatur bereits Vorbilder, etwa die Luise des Johann Heinrich Voß. Im Gegensatz zu Voß schafft es Goethe aber, eine der Gattung Epos gemäßes existenzielles Element einzubeziehen: Krieg und Vertreibung. Seit Goethe von der Vertreibung der Protestanten aus Salzburg las, war dieser Stoff bei ihm mental für ein Werk vorgemerkt. Die Revolutionskriege gaben ihm nun ein aktuelleres Beispiel an die Hand.

Manche Passagen klingen beinahe apokalyptisch:

Um den Vorteil der Herrschaft
Stritt sich ein verderbtes Geschlecht, unwürdig das Gute zu schaffen.
Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen
Nachbarn und Brüder, und sandten die eigennützige Menge.
Und es praßten bei uns die Obern, und raubten im Großen,
Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen.

Diese riskante Kombination einer idyllischen Liebesgeschichte mit dem Grauen von Krieg und Flucht gelingt Goethe erstaunlich gut.

Liest man Hermann und Dorothea heute, drängt sich natürlich noch das Flüchtlingsthema auf, wo Goethe – als klassischer Gutmensch – im hohen Ton Humanität und Unterstützung für die Vertriebenen einfordert:

Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet“.

Hermann lernt das Flüchtlingsmädchen Dorothea ja auch kennen als er Hilfsgüter an die Kriegsopfer verteilt. Das ist für mich ein schöner Kontrapunkt zur Verklärung des Bürgerlichen (Geschlechterrollen!) und macht das Epos auch heute noch lesenswert.

Truman Capote: In Cold Blood

Es kommt selten vor, dass mich ein Film zur Lektüre eines Klassikers motiviert. Aber nachdem ich Capote (2005) sah, das gelungene Regiedebut des Bennett Miller, wollte ich sofort das Buch lesen, dessen Entstehungsgeschichte der Film beeindruckend ins Bild setzt. 1965 wurde der Titel publiziert nachdem, er im New Yorker vorabgedruckt wurde, und war schnell ein Riesenerfolg. Es wird oft als Roman bezeichnet, obwohl ihm diese Bezeichnung fehlt. Der Untertitel lautet A True Account of a Multiple Murder and its Consequences. Es handelt sich also um Dokumentarliteratur, denn Capote setzt zahlreiche literarische Stilmittel ein. Er selbst sprach von einer „nonfiction novel“. Vieles wird so detailreich geschildert, dass es trotz der vielen Quellen, auf die der Autor Zugriff hatte, nur fiktional sein kann. Diese Ambiguität der Gattung trägt einen großen Teil zum ästhetischen Reiz des Buches bei. Auch sonst lebt es von seiner Vielschichtigkeit, wie das bei allen Klassikern der Fall ist. An der Oberfläche liest sich In Cold Blood sich wie eine brutale Mördergeschichte, in der selbst Splatterelemente nicht fehlen.

1959 wird im idyllischen Westkansas eine angesehene Farmerfamilie, die Clutters, von zwei Einbrechern ermordet. Das fehlende Motiv verblüfft die Bewohner des verunsicherten Städtchens Holcomb nicht weniger als die Polizei. Schließlich werden zwei Verdächtige verhaftet: Perry Smith und Richard Hickock. Das Buch erzählt auf dieser Ebene also die Begehung des Verbrechens und dessen Aufklärung. Damit hätten wir einen passablen Kriminalroman vor uns – nicht mehr. Capote transzendiert diese Handlung aber, indem er Holcomb und die Protagonisten benutzt, um ein fulminantes Porträt des ruralen Amerika zu schaffen. Das Ergebnis ist ein Psychogramm und ein Soziogramm des Nachkriegsamerikas und ergänzt damit beispielsweise Updikes Rabbit-Romane über diese Zeit hervorragend. Er erreicht das nicht nur durch seine gewissenhaft recherchierten und detailreichen Beschreibungen, sondern vor allem auch durch die narrative Konzentration auf die beiden Mörder. Capote gibt den beiden Männern viel Raum. Ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Verbrechen werden ausführlich geschildert. Ebenfalls ihre überwiegend schreckliche Kindheit und Jugend. Capote bemüht sich hier merklich um Objektivität, was eine gewisse Identifikation des Lesers mit den beiden zulässt. Damit erhält das Leseerlebnis zusätzlich eine paradoxe Note.

Schließlich lässt sich In Cold Blood noch aus philosophischer Perspektive lesen, weil sich jede Menge an grundsätzlichen Fragen über Schuld und Sühne sowie das Wesen des Bösen aufdrängen. Insgesamt also eine sehr beeindruckende Lektüre, die jedem Klassikerfreund nur empfohlen werden kann.

Truman Capote: In Cold Blood (Penguin Modern Classics)

Tocqueville: Democracy in America

Im Frühjahr denke ich, dass 2016 ein ideales Jahr wäre, um diesen berühmten Klassiker zu lesen. Steht im Mittelpunkt doch das amerikanische politische System und die Gesellschaft der USA in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung. Der 1805 geborene Franzose Alexis-Charles-Henri Clérel de Tocqueville reiste 1831 mit seinem Freund Gustave de Beaumont nach Amerika. Offiziell um sich mit dem dortigen Gefängnissystem zu beschäftigen. Bekannt wurde der Autor aber nicht für seinen Gefängnisbericht, sondern durch die Publikation des ersten Bandes seiner Democracy in America im Jahr 1835. Ein solches Buch hatte die Welt bisher noch nicht gesehen: Eine systematische und philosophisch reflektierte Beschreibung der politischen Institutionen der ersten modernen Demokratie von beeindruckender Ausführlichkeit. Damit begründet Tocqueville im Alleingang die politische Soziologie. 1840 erschien der zweite Band, welcher völlig unterschiedlich konzipiert ist, nämlich als philosophische Reflexion über die Auswirkungen eines demokratischen Systems auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche, von der Literatur zum Militär.

Was Literatur angeht, stößt der Franzose auf sie an unerwarteten Orten:

There is hardly a pioneer’s hut that does not contain a few odd volumes of Shakespeare. I remember that I read the feudal drama „Henry V“ for the first time in a log cabin.

Liest man das Buch heute, sind sehr unterschiedliche Aspekte spannend. Die bereits erwähnte Begründung einer neuen beschreibenden Methode ist ebenso darunter wie der Quellenwert über die frühe Geschichte der Vereinigten Staaten. Vieles ist aus heutiger Sicht natürlich anachronistisch. Damals wurde beispielsweise der Senat noch nicht vom Volk gewählt, was die ausführlichen Reflexionen dazu irrelevant macht. Tocquevilles intelligente und skeptische Analysen sind allerdings allgemein eine Lesefreude. Vieles ist bis heute gültig, etwa seine Reflexionen über Kriege und Demokratien. Am faszinierendsten für Leser aus dem 21. Jahrhundert ist freilich seine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Stärken und den Schwächen der Demokratie. Gerade letztere sind mit der Wahl Trumps zum nächsten amerikanischen Präsidenten derzeit ja so offensichtlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

If ever the free institutions of America are destroyed, that event may be attributed to the omnipotence of the majority, which may at some future time urge the minorities to desperation and oblige them to have recourse to physical force. Anarchy will then be the result, but it will have been brought about by despotism.

Tocqueville beschreibt ausführlich die Probleme, welche die „Allmacht der Mehrheit“ für Minderheiten grundsätzlich mit sich bringt. Laut seinen Eindrücken setzt in den USA seiner Zeit die Mehrheit via Legislative nämlich hemmungslos die eigenen Interessen durch, auch wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit oder auf Kosten von Minderheiten gehen. Er betont immer wieder plausibel, dass sich Demokratie und Unfreiheit nicht notwendigerweise ausschließen. Aus heutiger Sicht entbehrt das nicht der Ironie, haben sich die USA in den letzten Jahrzehnten doch zu einer Oligarchie entwickelt, wo die Mehrheit regelmäßig gegen ihre ureigenen Interessen abstimmt. Dieser Kontrast ist frappant und ist für mich bei der Lektüre sehr fesselnd.

Anders als Platon kritisiert er die Demokratie allerdings nicht als dessen Feind, sondern will als kritischer Befürworter:

But I am of the opinion that if we do not succeed in gradually introducing democratic institutions into France, if we despair of imparting to all the citizens those ideas and sentiments which first prepare them for freedom and afterwards allow them to enjoy it, there will be no independence at all, either for the middle classes or for the nobility, for the poor or for the rich, but an equall tyranny over all.“

Herausragend sind auch die im Großen und Ganzen sehr emphatischen Kapitel über die Sklaven und die Ureinwohner des Kontinents. Natürlich ist auch Tocqueville nicht frei von rassistischen Stereotypen, aber er entwickelt einen klaren Blick auf die Grausamkeiten gegen beide Gruppen und urteilt deutlich:

Oppression has, at one stroke, deprived the descendants of the Africans of almost all privileges of humanity.

Für mich bestätigt die Lektüre von Democracy in America einmal mehr, dass die großen alten Bücher der Geistesgeschichte die Gegenwart oft besser ausleuchten als die Flut an schlecht durchdachten „Analysen“ mit denen wir täglich medial zugeschüttet werden.

Alexis Tocqueville: Democracy in America [in unterschiedlichen Ausgaben gelesen]

Goethe: Torquato Tasso

Burgtheater 28.9. 2016

Regie: Martin Laberenz

Alfons der Zweite, Herzog von Ferrara: Ignaz Kirchner
Leonore von Este, seine Schwester: Andrea Wenzl
Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano: Dorothee Hartinger
Torquato Tasso, Hofdichter: Philipp Hauß
Antonio Montecatino, Staatssekretär: Ole Lagerpusch
Musiker: Friederike Bernhardt

Als ich das Stück zur Vorbereitung auf den Theaterabend wieder einmal lese, wirkt der Beginn behäbiger als ich ihn in Erinnerung hatte. Das Drama gewinnt freilich rasant an Fahrt als der Streit zwischen Tasso und Antonio ausbricht. Antonio sieht in Tasso einen verweichlichten Drückeberger vor dem harten Alltag des Lebens und lässt ihn das mit deutlichen Worten wissen. Tasso zieht provoziert sein Schwert, ein Sakrileg am Hof in Belriguardo, worauf ihn sein Herzog und Mäzen in sein Zimmer verbannt. Zusätzlich ist das Stück durch das unterdrückte Begehren getrieben, welches die beiden Damen am Hofe für den Dichter empfinden.

Für den Goethefreund ist das Stück natürlich eine Fundgrube, denn als Minister am Weimarer Hof kannte der Geheimrat selbstverständlich beide Seiten des Lebens, die künstlerisch-kreative wie die politisch-administrative.

Das Drama lebt vom klassischen Versmaß sowie seinen sprachlichen und intellektuellen Subtilitäten. Goethe bezeichnete seinen Tasso lange als „theaterscheu“, weil er dessen Ästhetik für die Bühne ungeeignet fand.

Martin Laberenz versucht dieses Dilemma durch eine Art Abstraktheit zu lösen. So besteht das Bühnenbild teilweise aus geometrischen Formen und bleibt räumlich im Vagen. Erfreulicherweise behält er die gebundene Sprache Goethes bei, lässt sie aber oft so schnoddrig „alltäglich“ sprechen, dass sie oft mehr gequält als gebunden wirkt. Tasso und Antonio mit zwei gleichaltrigen Männern zu besetzen, nimmt die für das Stück wichtige Altersdynamik aus der Inszenierung heraus. Das Artifizielle dieser Aufführung hat zu wenig inneren Bezug zum Text, um mich zu überzeugen. Die bunten Fantasiekostüme passen wiederum nicht zum abstrakten Bühnenbild. Die neue Burgtheatersaison beginnt also mäßig.

Apologie des Sokrates

Sokrates Apologie zählt zu jenen Lieblingsklassikern, die ich regelmäßig immer wieder lese. In dieser Verteidigungsrede gegen jene verächtliche Anklage aus dem Jahre 399 BCE, die schließlich zu seinem berühmten Tod durch den Schierlingsbecher führt, finden sich viele geistige Schlüsselelemente für die europäische Entwicklung. Zuvörderst sind das die Autonomie des Individuums kombiniert mit dessen Kritikfähigkeit, Wahrheitsliebe sowie Gedanken- und Redefreiheit. Sokrates steht seinen Anklägern als freier Mann gegenüber und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er könnte wie die meisten Angeklagten rhetorisch taktieren, stattdessen spricht er uneingeschüchtert die Wahrheit über seine Anklage aus, nämlich dass sie ein leicht zu durchschauender Vorwand seien, und widerlegt die einzelnen Anklagepunkt schnell mit seinem scharfen Verstand.

Alle sokratischen Dialoge kreisen um das Thema Wahrheitssuche: Sokrates versucht durch geschicktes Befragen seinen Gesprächspartnern zu zeigen, dass ihre Theorien und Konzepte einer konstruktiven Kritik nicht standhalten. Gleichzeitig gab der Athener Jugend mit seiner Methode ein Werkzeug an die Hand, die „Allwissenheit“ der Erwachsenen anzuzweifeln. Das war sicher einer der versteckten Gründe für die Anklage:

So kommt es denn, daß die von ihnen [der Jugend] Überführten gegen mich voller Zorn sind und statt gegen sich selber und von einem gewissen Sokrates reden, einem gottlosen Menschen und Verführer der Jugend.

Er kündigt seinen Richtern und den anwesenden Athenern an, dass er sich nie ändern wird:

Solange ich noch Atem und Kraft habe, werde ich nicht aufhören, der Wahrheit nachzuforschen und euch zu mahnen und aufzuklären und jedem von euch, mit dem mich der Zufall zusammenführt, in meiner gewohnten Weise ins Gewissen zu reden“.

Bis heute eine unverzichtbare Charaktereigenschaft für freie Gesellschaften.

Die ersten Bände der neuen Robert-Musil-Ausgabe

Auf die neue Gesamtausgabe der Werke Musils wies ich bereits an anderer Stelle hin. Hier nur der kurze Hinweis, dass nun die ersten beiden dicken Bände erschienen sind. 38 Jahre nach der letzten Edition!

Mann ohne Eigenschaften 1: Erstes Buch, Kapitel 1-75

Mann ohne Eigenschaften 2: Erstes Buch, Kapitel 76-123

Vom großzügigen Satzspiegel her sicher die bisher best lesbare Buchausgabe dieses grandiosen Romans.

Koestler: Sonnenfinsternis

Dieser deutsche Roman, der 1940 zuerst auf Englisch unter dem Titel Darkness at Noon erschien, ist ein Klassiker des politischen Romans und gehört damit in eine Reihe mit Orwells 1984 und Huxleys Brave New World. Auch in Sonnenfinsternis stehen die Auswirkungen des Totalitarismus im Zentrum des Romans, allerdings jener der Gegenwart. Der fiktive Rubaschow war während der russischen Revolution eine wichtige Figur und findet sich plötzlich, wie viele seiner prominenten Kollegen, auf Anordnung Stalins im Gefängnis wieder. Die Handlung kreist um die Vorbereitung seines Schauprozesses. Zuerst verhört in ein alter Bekannter, der dann selbst in die Mühle der stalinistischen Säuberungen gerät. Danach ein amtseifriger jüngerer Fanatiker. Körperlich gefoltert wird er nicht – im Gegensatz zu einem Kronzeugen gegen ihn. Allerdings arbeiten seine Peiniger mit Schlafentzug. Hier gerät nun eine wichtige Ebene des Romans in den Fokus, nämlich was eine totalitäre Ideologie im Kopf eines Menschen anrichtet. Schon die Zeitgenossen wunderten sich über die vielen „freiwilligen“ Geständnisse im Gerichtssaal. Wie es zu dieser „Freiwilligkeit“ kommen kann, führt Koestler in seinem Buch im Detail aus: Zentral ist die Überzeugung auch in diesem Moment noch einen Beitrag für die gute Sache des Kommunismus leisten zu müssen. Das Individuum demütigt sich für eine Utopie und opfert sich selbst für einen vermeintlich höheren Zweck. Psychologisch sind hier ganz ähnliche Muster am Werk wie bei islamistischen Selbstmordattentätern. Die Enttarnung dieser Mechanismen brachte Koestler nach der Veröffentlichung den Hass vieler Kommunisten ein.

Erzählerisch ist Sonnenfinsternis ebenfalls gelungen. Koestler gelingt es nicht nur die psychischen Prozesse seiner Hauptfigur überzeugend darzustellen. Er macht den Charakter Rubaschows auch durch gut ausgewählte Rückblenden plausibel.

An der Oberfläche wird der Roman aktuell bleiben, so lange politische Gefangene in Gefängnisse gesteckt werden, wie in diesen Wochen Zehntausende in Erdogans Türkei. Ein Klassiker bleibt das Buch, weil es das Wesen des Totalitarismus und der menschlichen Psyche seziert – gültig auch für die nächsten Zeitalter der Menschheit.

Ich las eine ältere antiquarische Ausgabe. Letztes Jahr wurde erfreulicherweise ein neues frühes Manuskript des Romans gefunden. Die Details können in folgendem Artikel der New York Review of Books nachgelesen werden: A Different ‚Darkness at Noon‘.

Sonnenfinsternis Roman (Europaverlag)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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