Klassiker

Joseph Roth: Radetzkymarsch

Burgtheater 18.12. 17

Regie: Johan Simons

Bezirkshauptmann, Baron Franz von Trotta und Sipolje, Sohn des Helden von Solferino; Falk Rockstroh
Trotta, Leutnant Carl Joseph von Trotta, sein Sohn; Philipp Hauß
Kaiser Franz Joseph I.; Moser, Maler, ein Freund des Bezirkshauptmanns: Johann Adam Oest
Slama Kapellmeister, Wachtmeister; Zoglauer, Major; Tattenbach, Rittmeister: Daniel Jesch
Frau Slama, Katharina Frau des Kapellmeisters, Geliebte von Carl Joseph von Trotta; Eva, Frau des Regimentsarztes; Valérie von Taußig, Freundin des Grafen Chojnicki, Geliebte von Carl Joseph von Trotta: Andrea Wenzl
Junger Slama, Infanterist: Christoph Radakovits
Jaques, Diener des Bezirkshauptmanns; Onufrij, Diener von Carl Joseph von Trotta; Skowronnek, Arzt und Schachpartner des Bezirkshauptmanns: Merlin Sandmeyer: Max Demant, Regimentsarzt; Chojnicki, Graf, ein Adliger: Steven Scharf
Wagner, Hauptmann: Martin Vischer

In längeren Abständen muss sich das Burgtheater aus mir unbekannten Gründen einen großen Fehlgriff erlauben: Dieser Radetzkymarsch ist so missglückt, dass ich nach fünfzig Minuten die Flucht aus meiner Loge ergreife. Die Schwierigkeiten, einen Roman in ein Theaterstück zu transponieren, liegen auf der Hand. Am besten funktioniert das für dialog- oder monologlastige Prosawerke (Thomas Bernhard!); am schlechtesten bei Texten, die sehr viel auf Beschreibungen und Reflexionen setzen. Ausnahmen wie die hervorragenden Tolstoi-Abende im Kasino widerlegen diese grundsätzliche Beobachtung nicht.

Erlebte Rede oder gar Erzählerkommentare in Dialoge zu verwandeln, ruiniert sowohl den Dialog als auch den narrativen Fluss. Der ästhetische Gehalt des Radetzkymarsch‘ wird auch dadurch zerstört, dass man sich auf der Bühne primär auf die Beziehungsgeschichten konzentriert. Die Regieidee, alle Beteiligten hinten auf der leeren Bühne sitzen und dann die unterschiedlichen Protagonisten spielen zu lassen, funktioniert in der Praxis gar nicht. Man meint der Theaterprobe einer Provinzbühne beizuwohnen. Selbst die von Roth so fesselnd geschilderte Handlung produziert in dieser Form nur gähnende Langweile. Ein Literaturverbrechen.

Shakespeare: Measure for Measure

Shakespeares einziges Stück, das in einem fiktiven Wien spielt, darf hier natürlich nicht fehlen. Measure for Measure zählt zu den schwieriger zu verstehenden Dramen des Autors. Traditionell wurde es gerne zu den Komödien gezählt, heute bezeichnet man es oft als „problem play“, weil es auf eine interessante Weise auch Elemente der Tragödie enthält. Vieles weist bereits auf die Stücke des Spätwerks voraus. Trotzdem ist der Text leichter zugänglich, weil er einen auf Spannung angelegten Plot hat.

Auf einer philosophischen und anthropologischen Ebene liefert das Werk Shakespeares immer noch jede Menge aktueller Erkenntnisse. Neben den sprachlichen und formalen Qualitäten der Hauptgrund für den Kultstatus des Klassikers. Measure for Measure ist aber auch in einem viel oberflächlicheren Sinn hochaktuell, gerade in diesen Monaten. Im Mittelpunkt des Stücks steht nämlich politische Korruption und Heuchelei, kombiniert mit versuchtem sexuellen Missbrauch. Vincentio, der Herzog Wiens, will einen seiner Höflinge testen, den als Tugendbolzen bekannten Angelo. Dazu wird er für eine vermeintliche Abwesenheit des Herzogs zu dessen Stellvertreter mit allen Rechten ernannt. Vincentio verkleidet sich als Mönch, entscheidet sich für seinen Beobachtungsbetrug also für eine klerikale Ausstattung. Strukturell geschickt lässt Shakespeare auf die erste Szene, die am Hof im Zentrum der Macht spielt, ein Bordell als Handlungsort folgen, ein Wechsel vom höchsten sozialen Rang zum niedrigsten. Katalysator für die weitere Handlung ist das Todesurteil gegen den jungen Claudio aufgrund eines lange nicht mehr exekutierten Gesetzes: Er schwängert unverheiratet eine Frau. Als seine Schwester, die Nonne Isabella, bei Angelo für das Leben Claudios bittet, wandelt sich dieser zum Bösewicht. Eine Nacht mit ihm, und er würde Claudio begnadigen, was Isabella empört zurückweist. Wer fühlt sich da nicht an die heutigen Heuchler in der Politik erinnert, die strenge Moral predigen, aber privat ständig dagegen verstoßen? Wie kürzlich ein bekannter amerikanischer Abtreibungsgegner, der seine Freundin zu einer Abtreibung zwingen wollte? Nicht wenige der Intrigen finden danach im Kloster statt, was auch ein hübscher impliziter Kommentar über die Moralität vermeintlich heiliger Orte ist.

Die mehrfach verschachtelte moralische Ambivalenz zwingt den Leser bzw. Zuseher eine ausführliche ethische Reflexion auf. Jede der Hauptfiguren stolpert in mindestens ein moralisches Dilemma hinein für das es keine einfache Lösung gibt. Besser wird Weltliteratur nicht.

William Shakespeare: Measure for Measure. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Frank Günther (ars vivendi)

Ein Klassiker wird besichtigt

Erschienen in „Literatur und Kritik“ September 2017

Robert Musil – eine neue Gesamtausgabe und ein neues Handbuch

Robert Musil zählt nicht zu den meist gelesenen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Auch für Verleger gab es immer schon lukrativere Autoren. Während Thomas Mann oder Thomas Bernhard aufwändig gemachte Werkausgaben bekamen, mussten wir Freunde des Mann ohne Eigenschaften uns lange mit jahrzehntealten Ausgaben begnügen. Die letzte Gesamtausgabe erschien 1978 und wurde seitdem immer wieder editorisch kritisiert. Wir nahmen die mangelnde Lesefreundlichkeit ebenso hin, wie die für Leser sehr verwirrende Anordnung des Nachlasses. Zwar gibt es für die Literaturwissenschaft seit 2009 die mit viel editorischem Sachverstand neu herausgegebene digitale Klagenfurter Ausgabe. Doch dieser neue Textstand wurde bis jetzt nicht gedruckt.

Dank des Jung & Jung Verlags hat sich diese Situation nun grundlegend geändert. Seit Herbst 2016 erscheint dort eine auf dem wissenschaftlich abgesichertem Klagenfurter Text eine neue Edition in Buchform. Sie ist auf zwölf Bände angelegt, wobei angesichts des riesigen Textkonvoluts zu erwarten ist, dass sich die Briefe nicht in einem einzigen Band unterbringen lassen werden. Bis jetzt sind die ersten drei Bücher erschienen, die sich alle, wie auch noch die nächsten, ausschließlich dem „Mann ohne Eigenschaften“ widmen. Rowohlt war für dieses Prestigeprojekt übrigens nicht zu gewinnen, und ließ damit einen seiner wichtigsten Klassiker im Stich. Auch andere bekannte Verlage zierten sich. Mit Jochen Jung hat das Projekt erfreulicherweise einen der engagiertesten deutschsprachigen Verleger auf seiner Seite.

Die Salzburger Ausgabe ist als „Hybridausgabe“ angelegt. Begleitend zur Buchausgabe steht unter musilonline.at eine digitale Anlaufstelle zu Verfügung. Dort wird man nicht nur den kompletten Text finden, sondern auch Entwürfe und Faksimiles der ca. zehntausend Manuskripte aus dem Nachlass. Letztere werden als Bilddateien allen Interessierten zur Verfügung stehen. Geplant ist auch eine neue Form des Kommentars, der sowohl vom Umfang als auch von der Art der Präsentation her viel mehr Möglichkeiten als ein gedruckter Kommentarband bietet. Beispielsweise ist ein interaktives Wiki angedacht.

Für die ambitionierte Musil-Leserin ist fast gleichzeitig mit der neuen Salzburger Ausgabe ein umfangreiches Musil-Handbuch erschienen. Auf über tausend Seiten dokumentiert die Musil-Forschung darin ihre bisherigen Ergebnisse. Die Herausgeber Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf entschieden sich für die Umsetzung eines ungewöhnlich innovativen Ansatzes. Während sich die meisten vergleichbaren Nachschlagewerke auf Leben, Werk und Wirkung konzentrieren, legt das Musil-Handbuch einen überproportionalen Fokus auf den Kontext. Zu erwartende Informationen über die Zeitgeschichte oder die Moderne sind ausführlich vertreten. Artikel über Natur- und Technik/Ingenieurwissenschaften oder Mathematik, Logik, Geometrie, Wahrscheinlichkeitstheorie sind ebenso enthalten wie beispielsweise einer über Kriminologie und Rechtswissenschaft. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Diese Entscheidung der Herausgeber ist aus mehreren Gründen sehr erfreulich. Einerseits spiegelt die Vielfalt der abgehandelten Themengebiete den einzigartigen geistigen Kosmos der Werke Musils wider, speziell des „Mann ohne Eigenschaften“. Dieser Roman ist eine beeindruckende geistige Bestandaufnahme des frühen 20. Jahrhunderts, weshalb er ohne die Handbuch-Beiträge über Stadt, Krieg oder Mode nicht zu verstehen wäre. Aber auch die Essays behandeln eine ungewöhnlich große Vielfalt an Themen.
Andererseits scheut man sich vor Grenzüberschreitungen zurück. Die Musil-Forschung selbst kann ja unmöglich ein so weites Themenspektrum abdecken, weshalb man diverse Fachleute zur Mitarbeit ersuchte, die wiederum keine Musilexperten sind. Das ergibt oft frische Perspektiven auf den Autor. Hervorzuheben ist auch, dass die Autoren am Ende eines Artikels etwaige Forschungslücken thematisieren. Diese Fülle an Forschungswünschen wird noch viele Generationen von Nachwuchs-Germanisten mit literaturwissenschaftlichen Arbeitsvorschlägen versorgen.

Ein gutes Beispiel für diese methodische Offenheit ist Werner Michlers Artikel über Biologie/Tiere. Damit kommt mit den Animal Studies ein neuer interdisziplinärer Ansatz zu Wort. Der Interessierte erfährt nicht nur viel Konkretes über Musils biologisches Weltbild und seine „darwinistischen“ Lektüren, sondern erhält gleichzeitig einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven, welche das Thema aufwirft. Zusätzlich zu den bei Musil nachweisbaren klassischen literarischen Verwendungsarten von Tieren, die wie in Fabeln zur ethischen Reflexion anregen, setzt Musil Tiere auch immer wieder zur metaphorischen Figurencharakterisierung ein.

Das Handbuch räumt auch mit einer Reihe von Klischees auf, die sich teilweise bis heute halten. Ein Beispiel ist die Mär von Musil als unpolitischem Schriftsteller. Klaus Amann arbeitet in seinem Beitrag „Politik und Ideologie“ prägnant heraus, dass es sich dabei um ein großes Missverständnis handelt. Die Ursache desselben liegt im Kern darin, dass Musil den Begriff „unpolitisch“ in ästhetischen Zusammenhängen synonym mit „autonom“ verwendet. Tatsächlich spricht er sich literaturtheoretisch für eine Trennung von Politik und Literatur aus: „Schlechte Kunst wird durch gute Tendenz nicht besser“, schreibt er einmal in sein Tagebuch. Übersehen wird dabei, dass seine Autonomie und analytische Distanz zu den Ideologien aller Couleur ebenso eine dezidierte politische Haltung ist, wie sein anthropologisches Theorem der menschlichen Gestaltlosigkeit, mit dessen Hilfe er das weite Spektrum der menschlichen Verhaltensmuster von der Barbarei zur Philanthropie zu beschreiben versucht. Gerade in unserer Zeit, in der unterschiedliche Lager wieder virtuell und real in gegenseitigem Hass schwelgen, wirkt Musils Forderung nach geistiger Unabhängigkeit und klarer Analyse als ein sehr modernes politisches Statement.

Robert Musil: Gesamtausgabe in 12 Bänden. Herausgegeben von Walter Fanta. (Jung und Jung)

Birgit Nübel / Norbert Christian Wolf (Herausgeber): Robert-Musil-Handbuch (De Gruyter)

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen

Wie immer besteht ein Teil meiner Reisevorbereitungen in der Auseinandersetzung mit der Literatur des Landes. So beschäftige ich mich seit dem Herbst immer wieder mit japanischen Klassikern. Der berühmteste, Murasaki Shikibus mittelalterlicher The Tale of Genji, ist ein Langzeitprojekt. Sehr bekannt in Nippon ist auch Ryunosuke Akutagawa, einer der einflussreichsten Erzähler der japanischen Moderne und ein Zeitgenosse von Musil, Kafka und Joyce. Freilich war Akutagawa ästhetisch nicht so modern, wie seine Kollegen in Europa. „Modern“ in Japan meint in dieser Zeit primär westlich, und der Autor schlägt in seinen Erzählungen viele Brücken zwischen dem traditionellen und dem modernen Japan. Die Modernisierung des Landes nach der Meiji Restauration 1868 innerhalb weniger Jahrzehnte zählt überhaupt zu einer der spannendsten Perioden der Weltgeschichte.

Akutagawa gelingt diese Überbrückung, indem er eine Reihe von bekannten historischen Stoffen, teilweise aus der Sagenwelt, in moderner Prosa neu erzählt. Er bringt damit traditionelle Inhalte in eine westliche Form und reichert sie zusätzlich noch mit einer individualistischen Psychologie an. Statt auf überlieferte Werte zu setzen, stehen Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven im Mittelpunkt seiner Prosa. Seine erste Kurzgeschichte, Rashomon, ist wegen ihrer Düsterheit gleich eine seiner besten und im Westen vor allem durch den gleichnamigen Film Kurosawas bekannt, der sie gemeinsam mit der Erzählung Im Dickicht zu einem der berühmtesten Klassiker der Filmgeschichte verarbeitete.

Die im dicken Sammelband – 450 eng gesetzte Seiten – enthaltenen 26 Prosawerke lesen sich trotz aller stilistischen Gemeinsamkeiten sehr abwechslungsreich. Ein Interesse an japanischer Kultur und Geschichte sollte man für die Lektüre aber mitbringen.

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen (Sammlung Luchterhand)

Ibsen: Die Wildente

Theater an der Josefstadt 30.6. 17

Regie: Mateja Koležnik

Großhändler Håkon Werle: Michael König
Gregers Werle, sein Sohn: Raphael von Bargen
Der alte Ekdal: Siegfried Walther
Hjalmar Ekdal, sein Sohn, Fotograf: Roman Schmelzer
Gina Ekdal, Hjalmars Frau: Gerti Drassl
Hedvig, beider Tochter: Maresi Riegner
Frau Sørby, Werles Haushälterin: Susa Meyer
Relling, Arzt: Peter Scholz
Molvik, ehemaliger Theologe: Alexander Absenger

Die Wildente in achtzig Minuten? Bekanntlich schätze ich Texttreue im Theater sehr: Wenn ein Regisseur einen Klassiker zu sehr kürzt, bin ich erst einmal sehr skeptisch. Diese Inszenierung ist aber ein Beispiel dafür, dass es keine absoluten Kriterien für gelungene Kunstwerke gibt: Sie funktioniert nämlich überraschend gut. Das Bühnenbild besteht aus einer großen Treppe, die von links unten nach rechts oben führt, und auf der sich die komplette Handlung abspielt. Zu sehen ist noch der Zugang zum Dachboden in dem das titelgebende Federvieh residiert.

Das Tempo ist naturgemäß hoch, was den Fokus sehr auf die sich entwickelnde Familientragödie legt, und auf Kosten der von Ibsen intendierten Symbolik (Wildente!) geht. Für die semantische Aufladung der Symbole ist die Zeit schlicht zu knapp. Schauspielerisch ist das Niveau ohne Ausnahme sehr hoch. Ein empfehlenswerter Theaterabend.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam

Stefan Zweig gehörte noch nie zu meinen Lieblingsklassikern. Manche seiner Bücher wie Maria Stuart kann ich wegen der stilistisch grauenvoll schnörkelhaften Sprache gar nicht lesen. Brillant dagegen ist seine Autobiographie Die Welt von gestern. Angeregt durch den Film Vor der Morgenröte, der Zweigs Exilzeit gelungen thematisiert, greife ich zu seinem 1934 erschienenen Buch Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam.

Auf den ersten Blick schließt es an seine erfolgreichen Werke über diverse Geistesgrößen und die Sternstunden der Menschheit an. Die Metabene des Textes ist aber noch spannender als der eigentliche Inhalt. Sie kreist primär um die Frage: Wie soll sich ein Intellektueller in einer historischen Krisensituation moralisch verhalten? Was für Erasmus von Rotterdam die Reformation war, war für Zweig der Nationalsozialismus. Wie Erasmus tat sich Zweig lange schwer, konkret Stellung zu beziehen. Alles, was Zweig in dieser Sache über Erasmus schreibt, liest sich wie eine ausführliche Selbstrechtfertigung:

Die Vernunft, sie, die ewige und still geduldige, kann warten und beharren. Manchmal, wenn die anderen trunken toben, muß sie schweigen und verstummen.
[S. 23]

Der Geistige darf nicht Partei nehmen, sein Reich ist die Gerechtigkeit, die allenthalben über jedem Zwiespalt steht.
[S. 111]

Manche Passagen des Buches lesen sich dagegen heute so aktuell wie seit den Dreißigern nicht mehr:

Bei den durchschnittlichen Naturen fordert auch der Haß sein düsteres Recht neben der bloßen Liebesgewalt, und der Eigennutz des einzelnen will von jeder Idee auch rasche persönliche Nutznießung. Immer wird der Masse das Konkrete, das Greifbare eingängiger sein als das Abstrakte, immer darum im Politischen die Parole am leichtesten Anhang finden, die statt eines Ideals eine Gegnerschaft proklamiert, einen bequem faßbaren, handlichen Gegensatz, der gegen eine andere Klasse, eine andere Rasse, eine andere Religion sich wendet, denn am leichtesten kann der Fanatismus seine frevlerische Flamme am Hass entzünden.
[S. 15]

Erst der Fanatismus, dieser Bastard aus Geist und Gewalt, der die Diktatur eines, und zwar seines Gedankens, als der einzig erlaubten Glaubens- und Lebensform dem ganzen Universum aufzwingen will, zerspaltet die menschliche Gemeinschaft in Feinde oder Freunde, Anhänger oder Gegner, Helden oder Verbrecher, Gläubige oder Ketzer; weil er nur sein System anerkennt und nur seine Wahrheit wahrhaben will, muß er zur Gewalt greifen, um jede andere innerhalb der gottgewollten Vielfalt der Erscheinungen zu unterdrücken. Alle gewaltsamen Einschränkungen der Geistesfreiheit, der Meinungsfreiheit, Inquisition und Zensur, Scheiterhaufen und Schafott hat nicht die blinde Gewalt in die Welt gesetzt, sondern der starrblickende Fanatismus, dieser Genius der Einseitigkeit und Erbfeind der Universalität, dieser Gefangene einer einzigen Idee, der in sen Gefängnis immer die ganze Welt zu zerren und zu sperren versucht.
[S. 90]

Tatsächlich ist des Erasmus Versuch, in einer vom Fanatismus geprägten Zeit, eine objektive Sicht beizubehalten, bis heute eine vorbildliche intellektuelle Haltung. Zweig porträtiert Erasmus sehr anschaulich und spitzt in seiner typischen Art den Konflikt zwischen Erasmus und Luther so zu, dass ein spannendes Narrativ entsteht. Was Erasmus philosophische Positionen angeht, bleibt er freilich populär an der Oberfläche.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (Fischer-TB)

John Williams: Butcher’s Crossing

Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle wie sehr mich Williams Roman Stoner beeindruckt. So sehr, dass ich schnell einen zweiten Roman des Autors lesen wollte.

Insgesamt ist Butcher’s Crossing (1960) leider eine große Enttäuschung. Das liegt nicht an der grundsätzlich guten Idee des Romans: Der dreiundzwanzigjährige Andrews verlässt abenteuerlustig seine Eliteuniversität im Osten und bricht auf der Suche nach Selbsterkenntnis und einem besseren Verständnis seines Landes Richtung Westen auf. Eine Art in den wilden Westen verlegter Bildungsroman also. Dort finanziert er – entgegen allen Warnungen – eine wagemutige Buffallo-Jagdpartie. Gemeinsam mit drei schrägen Typen suchen sie eine in den Bergen versteckte Herde, veranstalten einen soliden Massenmord, werden eingeschneit und kommen erst nach vielen Entbehrungen wieder nach Butcher’s Crossing zurück. Erfolglos sei angemerkt, weil sie ihre Felle in einem reißenden Fluss bei der Rückkehr ebenso verlieren wie einen ihrer Jagdkameraden.

Die größte Leistung des John Williams ist sicher, den Mythos des Wilden Westens durch eine naturalistische Schilderung zu ersetzen. Die Strapazen, der Dreck, die mangelnde Hygiene oder der Leichengestank werden ausführlich beschrieben. Diese ausführlichen Beschreibungen sind auch das größte ästhetische Problem: Williams klebt an jedem Detail. Anders als bei Stoner induziert diese Schreibweise weder eine symbolische Lesart noch einen formal spannenden Erzählrhythmus. Ohne diese zusätzliche Bedeutungsebene bleibt Butcher’s Crossing ein solides Stück Literatur, ist aber weit entfernt von der Multidimensionalität, welche einen guten Klassiker auszeichnet.

John Williams: Butcher’s Crossing (Vintage Classics)

Natsume Soseki: Kokoro

Wenn ich mich auf eine Studienreise vorbereite, beschäftige ich mich meistens auch mit der Literatur eines Landes. Über meinen Erstkontakt mit Haruku Murakami berichtete ich bereits. Ein ganz anderes literarisches Kaliber ist Natsume Soseki, der als einer der wichtigsten Klassiker seines Landes gilt. 1867 geboren wird er Zeitzeuge der wohl größten Revolution in der japanischen Geschichte: Die gezielte Ausrichtung auf den Westen. Innerhalb weniger Jahrzehnte kopiert Japan das westliche „Erfolgsmodell“, einer der beeindruckendsten Modernisierungsschübe der Weltgeschichte. Soseki ist auch persönlich davon betroffen, wird er doch von seiner Regierung nach England zur weiteren Ausbildung geschickt. Die Zeit in London (1901-1903) sind eine schwere Zeit für ihn. Er verbringt sie die meiste Zeit lesend und lernt intensiv die westliche Literaturtradition kennen.

Zeiten starker Veränderung produzieren nicht selten große Kunst. Sosekis Werke belegen diese kulturgeschichtliche Beobachtung. Kokoro zeigt die kulturelle Veränderung Japans auf eine sehr subtile Art und Weise. Im Mittelpunkt steht eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die im asiatischen Raum zu den wichtigsten sozialen Beziehungen zählt. Der junge Ich-Erzähler ist ein Student und sucht die Beziehung zu einem älteren Herrn, den er zufällig trifft und „Sensei“ nennt, ein respektvoller Titel für einen älteren Lehrer. Es stellt sich schnell heraus, dass dieser Sensei, der völlig zurückgezogen mit seiner Frau lebt, ein Misanthrop ist. Die Ursache dieser Misanthropie liegt in Erlebnissen seiner Vergangenheit. Alle Versuche seines jungen Freundes, diese Geheimnisse zu ergründen, scheitern zu Beginn.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich primär mit dem jungen Ich-Erzähler, der aus Tokio zu seinem sterbenden Vater zurückkehrt, und durch diese Erfahrung emotional und intellektuell reift. Er bekommt einen dicken Brief seines Sensei, welcher die Lebensbeichte seines Lehrers enthält und den letzten Teil des Romans bildet. Wir werden darin nicht nur Zeuge, wie der Sensei in seiner Jugend durch einen betrügerischen Onkel um einen großen Teil seines Erbes gebracht wird, sondern sehen ebenfalls eine tiefe Freundschaft wegen einer jungen Frau in einem tragischen Suizid enden. Soseki löst hier geschickt viele Anspielungen aus dem ersten Teil des Romans auf.

Das ist stilistisch auf hohem Niveau geschrieben und kombiniert eine tragische Lebensgeschichte gekonnt mit den kulturellen Veränderungen Japans in dieser Zeit. Mein einziger ästhetische Einwand wäre, dass der Roman mit dem Ende des Briefes abbricht, was die Geschichte des Schülers strukturell unbefriedigend offen lässt. Das tut der literarischen Größe Kokoros aber keinen Abbruch und angesichts der hohen literarischen Qualität ist es erstaunlich, warum Natsume Soseki im Westen nicht viel mehr Leser hat.

Natsume Soseki: Kokoro (Manesse)

John Williams: Stoner

Bis zum Jahr 2013 dauerte es, bis die Literaturwelt John Williams Roman Stoner erneut entdeckte. The Greatest American Novel You’ve Never Heard Of titelte etwa der New Yorker. Es dauerte weitere vier Jahre, bis ich nun selbst das Buch las, und eine Entdeckung ist dieser Klassiker zweifellos.

Als Stoner 1965 erschien gab es eine kurze Rezension und er war nach einem Jahr wieder vom Buchmarkt verschwunden. Auf den ersten Blick ist der Roman tatsächlich ziemlich unscheinbar. Nicht nur handelt er von einem eigentlich völlig uninteressanten durchschnittlichen Provinzprofessor, sondern er ist formal auch anspruchslos: Eine realistisch erzählte Geschichte. Von literarischen Mitteln der Moderne kaum eine Spur.

Trotzdem entwickelt die Lektüre sofort einen Sog, obwohl die Handlung kaum Elemente hat, die man üblicherweise als „spannend“ klassifizierte. Der erste Teil ist primär ein Bildungsroman. Der aus ärmlichen Farmer-Verhältnissen Junge William Stoner wird für das Studium der Agrarwissenschaften an ein College geschickt. Die Unterkunft bei Verwandten muss er sich durch die Arbeit als Knecht verdienen. In einem einführenden Kurs entdeckt er plötzlich die Literatur: Ein literarisches Erweckungserlebnis. Er ist so begabt, dass er schließlich als Professor dort sein gesamtes Leben verbringen wird, was Williams gleich am Beginn des Buches so beschreibt:

He did not rise above the rank of assistant professor, and few students remembered him with any sharpness after they had taken his courses.

Garniert ist das Ganze mit einer problematischen Ehe sowie beruflichem Mobbing.

Was Stoner zu großer Literatur macht, ist, dass der Roman diese Themen mit einer Leichtigkeit transzendiert, die man bei realistischer Literatur nur selten findet. Williams gelingt es etwa, Stoners Geistesleben so lebendig zu schildern, dass man seine Erweckungserlebnisse – Musil würde hier vom „anderen Zustand“ schreiben – mit großer Intensität versteht. Der Text transformiert Stoners Leben in ein symbolisches Lehrstück der Vergänglichkeit und bekommt dadurch beinahe etwas Nihilistisches.

John Williams: Stoner: A Novel (Vintage)

Aischylos: Die Orestie

Gleich zwei Anlässe habe ich, die Orestie wieder einmal zu lesen. Zum einen die bei Reclam in einem schönen bibliophilen Band erschienene Neuübersetzung durch Kurt Steinmann. Zum anderen die neue Inszenierung der Trilogie im Burgtheater.

Aischylos ist aus vielen Gründen einer der wichtigsten antiken Klassiker. Nicht nur begründet er mit der Tragödie eine der bis heute einflussreichsten Kunstformen. Auch ästhetisch setzt er mit seinen strukturellen und sprachlichen Elementen ein wichtiges Fundament für die Weltliteratur. So führt er als erster einen zweiten Schauspieler ein und erfindet damit den Dialog. Gleichzeitig sind seine Dramen Dokumente aus einer der spannendsten Epochen der europäischen Geschichte, weil Aischylos sie kurz nach der Einführung der Demokratie in Athen schreibt. In einer Phase also, in der diese revolutionäre Regierungsform noch von vielen Seiten unter Druck steht, nicht zuletzt durch die angreifenden Perser. Aischylos nimmt vermutlich selbst an der Schlacht von Marathon teil. Seine berühmten Perser zeigen die Niederlage aus deren Sicht, was für diese Zeit ein beachtliches Maß an ästhetischer Empathie und dramaturgischer Raffinesse bedeutet.

Ganze sieben der schätzungsweise neunzig Stücke des Autors sind überliefert. Die Orestie ist die einzige komplett erhaltene Trilogie und erzählt einen wichtigen Teil der berühmt-berüchtigten Geschichte der Atriden. Wegen einer Schandtat des Tantalos verflucht, geschehen in jeder Generation grausame Verbrechen. So opfert Agamemnon wegen günstiger Winde nach Troia seine Tochter Iphigenie. Der erste Teil der Orestie trägt den Titel Agamemnon und handelt von dessen Rückkehr und Ermordung durch seine Frau Klytaimestra. Teils aus Rache für den Tod ihrer Tochter, teils aus Geilheit für ihren Geliebten Aigisthos. Wegen des klugen Aufbaus des Stücks, der effektiven Bildsprache und Chorszenen sowie des komplexen Charakters der rachesüchtigen Klytaimestra, zählt diese Tragödie zu einem Höhepunkt dieser antiken Gattung überhaupt.

Das Rachemotiv steht auch im Mittelpunkt Choephoren. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Chor des Stücks, einer Gruppe Frauen, die ein Opfer an Agamemnons Grab darbringen, und dabei schließlich gemeinsam mit seiner Schwester Elektra auf Orest treffen. Im Mittelpunkt steht wieder eine Gewalttat: Orest ermordet aus Rache seine Mutter Klytaimestra. Gejagt von den Rachegeistern der Eumeniden finden wir im gleichnamigen Abschluss der Trilogie Orest beim Schrein des Apollo in Delphi wieder. Auf Befehl des Orakels muss sich Orest einem Bürgergericht in Athen stellen. Die Erinnyen sind effektive Ankläger, Apollo sein göttlicher Verteidiger. Als die Stimmen der Bürger ein Unentschieden ergeben, greift Athena persönlich ein und stimmt für den Freispruch Orests. Damit verarbeitet Aischylos theatralisch einen wichtigen zivilisatorischen Schritt der Menschheitsgeschichte, nämlich die Ablösung der Blutrache durch ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren. Aischylos wird damit wie Herodot ein wichtiger geistesgeschichtlicher Kronzeuge vom Übergang des mythologischen in ein rationaleres Zeitalter.

Dank der sorgfältigen Übersetzung Kurt Steinmanns kann man die ästhetische Brillanz der Orestie sehr gut auf der sprachlichen und semantischen Ebene nachvollziehen, ziehen sich Teile der Motivik und Metaphorik doch durch die gesamte Trilogie. Diese Mittel des ästhetischen Zusammenhalts prägen Bühnenwerke seit den Jahrtausenden bis heute. Die Ausgabe ist durch den Kommentar zur Übersetzung, den Anmerkungen zum Text sowie die sorgfältige Ausstattung (Lesebändchen!) eine vorbildliche Klassikerausgabe. Es wäre zu wünschen, wenn Reclam viele gebundene Ausgaben in dieser Qualität brächte.

Aischylos: Die Orestie. Neuübersetzung von Kurt Steinmann (Reclam)

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets