John Gray
Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia (Penguin)
(Deutsche Ausgabe)
Als “Professor for European Thought” an der London School of Economics ist John Gray natürlich ein Kenner der Geistesgeschichte. Diese Kenntnisse von der Antike bis zur Gegenwart führt er ins Feld, um die These seines neuen Buches zu belegen: Selbst scheinbar säkulare Theorien und Weltanschauungen seien in Wahrheit tief vom Christentum und speziell von den apokalyptischen Elementen dieser Religion geprägt. Diese Prägung sei schuld an fast allen politischen Katastrophen der Moderne.
Das klingt vergleichsweise krude. Gray schafft es jedoch eine plausible Indizienkette zu erstellen. Sein berechtigter Ausgangspunkt: Das Christentum führt erstmals in der Geistesgeschichte die Idee ein, es gäbe einen zielgesteuerten Fortschritt in der menschlichen Geschichte (Teleologie), ein Gedanke, der den antiken Philosophen fern lag. Diese Idee des Fortschritts führte zur Entstehung des utopischen Denkens in diversen Ausprägungen. Gray zählt auch die Aufklärung dazu. Unter “Utopie” versteht Gray eine Zukunftsvorstellung, welche aufgrund unrealistischer und überzogener Erwartungen an die Natur des Menschen unmöglich in die Praxis umzusetzen ist:
Aristotle and Aquinas held to a teleological view of the world that modern science has rendered obsolete. Each viewed the cosmos as a system in which everything has a purpose. Since Darwin, this view of the natural world has ceased to be available. Nature is ruled by chance and necessity, and natural laws are regularities rather than prescriptions for the good life. If there is a realm of value behind beyond the physical world it cannot be reached by human reason. (186)
Nimmt man noch die seit der Französischen Revolution in Europa eingeführte “Methode” hinzu, solche Utopien mit Gewalt und Terror erzwingen zu wollen, so hat man das Rezept für die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in der Hand. Es erübrigt sich zu schreiben, dass Gray Kommunismus und Nationalsozialismus für politische Religionen hält, was er in zwei Kapiteln begründet. “Modern revolutionary movements are a continuation of religion by other means.” (3)
Ich kann Gray nicht an jedem einzelnen Punkt seiner Argumentation folgen. Seine Kritik der Teleologie reiht ihn jedenfalls selbst in die Reihe der Aufklärer ein. Tatsächlich gibt es keine Belege dafür, dass sich die Menschheit mit einer Art naturgesetzlichen Sicherheit fortschrittlich entwickelt. Lebensbedingungen, Technik etc. entwickeln sich rasant weiter und werden ebenso rasant für Verbrechen in neuen Dimensionen eingesetzt, wie ein Blick auf das letzte Jahrhundert zeigt.
In einigen Kapiteln begibt sich Gray dann in die politische Gegenwart und klopft die amerikanische Außenpolitik der letzten zehn Jahre, die Neokonservativen und -liberalen sowie die Politik des Tony Blair erfolgreich nach diese irrationalen Elementen ab. Am Schluss des Buches beschreibt Gray völlig illusionslos die Natur des Menschen ohne religiösen und metaphysischen Überbau. Das Ergebnis ist wenig erfreulich.
Ein provokantes, aufklärerisches, lesenswertes Buch.
I Claudius (BBC Verfilmung)
Nach der Lektüre von I Claudius lag es nahe, mir auch noch die dreizehnteilige Verfilmung anzusehen, welche die BBC 1976 ausstrahlte, und die auf DVD erhältlich ist.
Zu Beginn dauert es einige Zeit bis man sich daran gewöhnt hat, dass die römischen Celebritäten alle im wunderbarsten britischen Theaterenglisch sprechen. Nimmt man diese Rezeptionshürde, bekommt man historische Unterhaltung auf hohem Niveau präsentiert. Das Drehbuch hält sich eng an Robert Graves Roman, der sich wiederum nicht immer an die historische Fakten hält (halten kann!) bzw. Vermutungen zu historischen Tatsachen befördert. Legitim, wenn man einen Roman schreibt, aber man sollte es beim Ansehen doch im Hinterkopf behalten.
Die geschilderten Ereignisse über mehrere Generationen hinweg kommen einer TV Adaptierung entgehen: Intrigen, Giftmorde, Bösewichte und Helden sind hinreichend unterhaltsam. Schauspielerisch ist das bestes klassisches britisches Theater und schon deshalb sehenswert. I Claudius war eine der erfolgreichsten von der BBC je produzierten Serien. Anspruchsvoller Stoff und Erfolg schließen sich also nicht aus, liebe Intendanten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.
Archäologische Entdeckungen 2009
Das Archaeological Institute of America hat wie jedes Jahr die Top 10 Discoveries of 2009 zusammengestellt. Plausible Auswahl.
Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum 29.11.
Dem ambitionierten Herzog von Burgund ist diese gelungene Ausstellung gewidmet. Durch die enge Verbindung mit den Habsburgern waren eine Reihe von passenden Kunstwerken bereits in Wien vorhanden. Ergänzt werden sie durch die “Burgunderbeute”, die quasi erstmals ausserhalb der Schweiz zu sehen ist.
Karl der Kühne ist nicht nur durch seine Rolle beim Aufstieg der Habsburger interessant. Er gründete z.B. seine Herrschaftsmythologie ungewöhnlicherweise auf antike Stoffe. Die Ausstellung ist abwechslungsreich gestaltet und setzt multimediale Inhalte zur Erläuterung nicht nur der komplexen dynastischen Zusammenhänge ein. Die Exponate sind plausibel ausgewählt und an dieser Stelle seien besonders die vielen alten Bücher erwähnt. Die Buchmalerei alleine lohnte den Besuch. (Bis 10.1.)
Karl der Kühne im Kunsthistorischen Museum
Die NZZ hat einen sehr informativen Artikel über die aktuelle Ausstellung im KHM veröffentlicht.
Dominique Vivant Denon
Im Blog der New York Review of Books ist ein Beitrag über Dominique Vivant Denon, dem ersten Direktor des Louvre und seine Zeichnungen, die während Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 anfertigte.
Reise-Notizen Zentralanatolien: Kappadokien
Die Landschaft rund um Nevsehir ist eine geologische Berühmtheit und zieht viele Touristen an. Die grotesk wirkenden Tuffkegel-Landschaften lassen vielfältige Assoziationen zu. Man sieht in den Städten und Dörfern immer noch einige der in die Höhlen hineingebaute Wohnungen. Inzwischen gibt es auch Luxushotels, die einen in Höhlenzimmern schlafen lassen, wenn man diese Erfahrung denn unbedingt machen will.
Wesentlich beeindruckender fand ich allerdings die unterirdischen Städte dort, die man teilweise noch besichtigen kann. Ich war in Derinkuyu, die bis zu 20.000 Menschen aufnehmen konnte. In den Gängen kann man sich teilweise nur arg gebückt vorwärts bewegen, die Mühen lohnen sich allerdings. Mit der Errichtung wurde in der Römerzeit begonnen und Zweck der Anlagen war das Verstecken vor Feinden. Die Ingenieurleistung ist beachtlich. Nicht nur was die Statik angeht (bis zu 20. Stockwerke unterirdisch), sondern auch was die heute noch perfekt funktionierende Belüftung betrifft. Bedenkt man, dass das Überleben als Bauern damals schon schwierig genug war, kann man nur verblüfft vor der unvorstellbaren Arbeitsleistung stehen, die zur Anlage dieser unterirdischen Städte notwendig war.
Ebenfalls sehenswert ist der Felskirchenkomplex von Göreme. Nicht nur wünscht einem dort eine Computerstimme beim Eingang auf Deutsch “Viel Spass”, man bekommt auch spektakuläre Fresken aus dem 10. und 11. Jahrhundert zu sehen.
Als Religionskritiker nimmt man amüsiert zur Erkenntnis, dass die Kleriker von Göreme ein hervorragendes Business-Modell entwickelt haben: Die begehrten “heiligen” Grabplätze dort wurden auf ein Jahr vermietet. Damit vermied man, dass die Gräber voll wurden und sorgte für stetigen Profit.
Reise-Notizen Zentralanatolien: Hethiter
Wie unschwer zu erkennen, wenn man meine Reise-Notizen der letzten Jahre liest, bin ich gerne auf den Spuren alter Kulturen unterwegs. Bei dieser Studienreise (Oktober 2009) waren die Hethiter einer der Schwerpunkte. Sie gehören nicht zu den bekanntesten antiken Völkern und sind meist nur durch ihre Konflikte mit den Ägyptern bekannt. Etwa die berühmte Schlacht bei Kadesch (1274 BCE), wo Ramses II. eine Beinahe-Katastrophe in einen Sieg uminterpretierte, deren Darstellung auf den altägyptischen Monumenten noch heute allgegenwärtig ist.
Die Hethiter waren damals ein Großreich mit der Hauptstadt Hattusa, deren Überreste ca. 200km östlich von Ankara besichtigt werden können. Die archäologischen Ausgrabungen sind über mehrere Hügel verstreut und man tut gut daran, sich motorisiert von Station zu Station zu bewegen. Auch wenn die berühmtesten Momumente wie das Löwen- und Königstor über die Jahrtausende vom Kontinentalklima arg mitgenommen wurden, bekommt man doch einen sehr guten Eindruck von der monumentalen Anlage der Stadt. Speziell Teile der riesigen Stadtmauer (inklusive Ausfallstunnel) sind noch gut erhalten. Wenn man unten am Hügel vor der riesigen Stadtmauer steht, leuchtet unmittelbar ein, dass Eroberer vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe standen.
Was die Hethiter interessant macht, ist nicht nur deren geopolitische Bedeutung im Machtgefüge der Imperien vor 3500 Jahren. Nach allem, was man heute weiß, scheinen sie eine mehrsprachige und multikulturelle Gesellschaft gewesen zu sein. Außerdem spielen sie auch bei den jüngeren Spekulationen rund um Troia eine nicht unwichtige Rolle.




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