20. Jhd. (Geschichte)

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Ric Burns u.a.: New York

„Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute“
Frederking & Thaler bzw. Knopf Paperback (Amazon Partnerlink)

Ein Drittel des Buches las ich als Vorbereitung für meine kleine New-York-Reise im November, den Rest danach. Der großformatige Band ist 600 Seiten stark und nach der Lektüre hat man einen umfassenden Überblick über die Geschichte New Yorks. Die zahlreichen Abbildungen sind klug gewählt und ergänzen den Text ausgezeichnet.
Die Geschichte New Yorks wird paradigmatisch als Geschichte der Moderne erzählt. Keine Stadtgeschichte eignet sich besser für dieses Unterfangen. Die Autoren folgen den Höhen und Tiefen dieser Entwicklung, wobei die Schattenseiten (etwa die elenden Slums und Arbeitsbedingungen der Millionen von Emigranten) nicht zu kurz kommen.

Staunend steht man vor den zahlreichen Superlativen dieser Stadt und versteht, warum diese Hochburg des Kommerzes und der Aufklärung, der Massenmedien und der Multikulturaltität, der geballten Kreativität und Brutalität, von den Gegnern der Moderne als Zentrum des Bösen angesehen werden muss, spricht sie doch alleine durch die geistige Vielfalt (auf den unterschiedlichsten Ebenen) allen ideologischen Fundamentalismen Hohn.

Für die 50 Euro [der deutschsprachigen gebundenen Ausgabe] bekommt man also einiges geboten, nebenbei auch eine kleine Auffrischung der Geschichte der USA und einen Einblick in Prozesse der Stadtplanung.

Russische Kulturgeschichte

Wenn man diversen Rezensionen glauben darf, legte Orlando Figes mit Natasha’s Dance. A Cultural History of Russia (Metropolitan Books/Penguin/Picador) eine brauchbare Kulturgeschichte Russlands vor.

Dass die Literatur des 19. Jahrhunderts dabei nicht zu kurz kommt, deutet schon der Titel an, der auf eine Szene aus „Krieg und Frieden“ anspielt.

Was geschah in Camp David?

Wies Arafat im Sommer 2000 tatsächlich ein ungemein großzügiges Angebot Baraks zurück und verschuldete dadurch die Zuspitzung des Konflikts? Oder war die Offerte gar nicht so generös, wie heute ständig behauptet wird?

Dieser Frage widmet sich die ausführliche Debatte in der New York Review of Books. Erfreulicherweise entschloss sich die Redaktion, alle Beiträge online zu stellen. Es begann mit dem langen, skeptischen Aufsatz Camp David von Hussein Agha und Robert Malley (der im US Team am Verhandlungsort war) und wird in der aktuellen Ausgabe (10/2002) mit einem von Benny Morris kommentierten Barak-Interview fortgesetzt. Auch eine A Reply to Ehud Barak findet man dort. Eine Weiterführung der Debatte ist angekündigt.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

Zweig wird – ähnlich wie später Heinrich Böll – gerne in die Schublade „moralisch lobenswert, ästhetisch uninteressant“ gesteckt, weshalb heute von professionellen Lesern vor allem noch seine Autobiographie gelesen wird, weniger die Novellen und Erzählungen, die sich bei einer breiten Leserschaft nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen.

In der Tat schreibt Zweig oft sehr manieriert, seine nicht nur mit Adjektiven vollgepackten Sätze können einem leicht auf die Nerven gehen. Andererseits ist er ein guter Beobachter, und er entwirft ein teilweise fulminantes Porträt seiner Zeit. Besonders geschickt arbeitet er mit diversen konstrastierenden Motiven.
Ein ausgewogenes, objektives Bild seiner Zeit hat Zweig nicht anzubieten, aber die ihm bekannte Sphäre des jüdischen Bürgertums in Wien, die Kunstbesessenheit seiner Schulfreunde, die moralische Verlogenheit der Zeit, seine intellektuellen Freunde werden mit großem Schwung beschrieben. Über das Elend der Arbeiterschaft im Wien der Jahrhundertwende ist demgegenüber kaum etwas zu lesen, aber woher sollte der junge, aus wohlhabender Familie stammende Zweig es kennen?

Die Qualität des Buches liegt in der Kombination des meist geglückten Zeitporträts mit Zweigs tragischer Lebensgeschichte. Als einer der wenigen liberalen, europäisch eingestellten Intellektuellen hat er auch zu Beginn des ersten Weltkriegs nicht den Kopf verloren. Sein Weg vom höchst erfolgreichen Schriftsteller ins Exil und in den Freitod dürfte manchen nachdenklicher stimmen als die Lektüre eines historischen Werkes.

Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers (Fischer TB)

Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen

„Die Erinnerungen 1914-1933“

Büchergilde Gutenberg / Deutsche Verlagsanstalt bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Um mit einem Nebenaspekt anzufangen: Haffner vertritt in seinem 1939 entstandenen Buch zukunftsweisende methodologische Ansichten, was die Bedeutung des privaten Lebens für die Geschichtsschreibung betrifft. Die deutsche Geschichte zwischen 1914-1933 durch die Linse (s)einer privaten Biographie bündelnd zu veranschaulichen ist Haffners Intention. Das gelingt ausgezeichnet, auch wenn man dem Buch anmerkt, dass es aus dem Nachlass heraus veröffentlicht wurde.

Haffner wuchs in einem klassischen bildungsbürgerlichen Umfeld auf. Das Nazitum lehnte er von Anfang an quasi-instinktiv ab, der Text ist eine eigenartig gelungene Mischung aus Empörung einerseits, plausiblen analytischen Ansätzen andererseits. Meisterhaft beschreibt er die Hilflosigkeit angesichts der nazistischen „Revolution“. Viele Nazigegner dürften ähnliches erlebt und gefühlt haben, so dass dieses Buch durchaus exemplarischen Charakter hat.

Geschichte des Deutschen Buchhandels

Georg Jäger und seine Mitherausgeber haben den ersten Teilband der „Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert“ publiziert. Lutz Hagestedt schrieb eine ausführliche Rezension darüber.

Robert Malley & Hussein Agha: Camp David

„The Tragedy of Errors“

The New York Review of Books 13/2001

Die NYRB begleitet seit vielen Jahren den Nahost-Konflikt mit klugen Beiträgen. Beide Autoren waren an den gescheiterten Verhandlungen in Camp David beteiligt und werfen neues Licht auf die damaligen Vorgänge. Dass man den Palästinensern zu Unrecht den schwarzen Peter zugeschoben hat, ist hier ebenso nachzulesen, wie die „skurrile“ Verhandlungstaktik Baraks, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

James M. McPherson: Southern Comfort

The New York Review of Books 6/2001

Geschichtslügen scheinen eine solide anthropologische Basis zu besitzen, offenbar gibt es kaum eine Gesellschaft, die ohne sie auskäme. Ein mir bis heute unbekanntes Beispiel ist die Lost-Cause-Ideologie in der Folge des amerikanischen Bürgerkriegs. McPherson bespricht* einige Neuerscheinungen zu diesem Thema. Bereits kurz nach dem Krieg begannen Südstaatler die eigentliche Kriegsursache zu leugnen: Nicht die Abschaffung der Sklaverei sei ursächlich gewesen, sondern der Kampf für „states‘ rights“, also Verfassungsangelegenheiten. Diese Geschichtsverfälschung ist in gewissen Kreisen der USA immer noch sehr populär, so bei den Sons of Confederate Veterans. Eigenartige Vereine scheint es nicht nur in Österreich und Deutschland zu geben :-)

Ansonsten erfährt man so manches darüber, wie komfortabel sich die Sklavenbesitzer vor der Wahl Abraham Lincols in den amerikanischen Verfassungsinstitutionen eingenistet hatten.

* Die Rezension ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

Ian Buruma: The Emperor’s Secrets

„Hirohito and the Making of Modern Japan“ by Herbert P. Bix

(The New York Review of Books 5/2001)

Vergangenheitsbewältigung auf Japanisch; Ian Buruma diskutiert* anläßlich des neuen Buches von Bix, inwieweit Hirohito Schuld an der Beteiligung Japans am zweiten Weltkrieg trägt. Buruma lehnt zwar radikale „Verschwörungstheorien“ ab, weist aber auf diverse Verlogenheiten der Nachkriegszeit hin, auch auf die unrühmliche Rolle der amerikanischen Japanpolitik nach dem Krieg. Interessant ebenfalls die Passagen über Hirohitos eigenartiges Selbstverständnis, die japanische Monarchie und Religion wissenschaftlich legitimieren zu können. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wie eng sich Ideologien an die Wissenschaft anzulehnen versuchen.

Update 22. April 2001: Inzwischen wurde bekannt, dass Herbert P. Bix für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.

* Der Artikel befindet sich nun im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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