20. Jhd. (Geschichte)

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Der Erste Weltkrieg

Alle Medien beschäftigen sich jubiläumsbedingt derzeit mit dem Ersten Weltkrieg. Wer dieser deutschsprachigen Nabelschau eine internationale Perspektive entgegen setzen will, ist mit dieser ausführlichen Sammelrezension in der New York Review of Books gut beraten. R.J.W. Evans stellt die wichtigsten englischsprachigen Neuerscheinungen zum Thema vor:

Er geht dabei auf die Forschungsgeschichte ein:

The first phase of reflection culminated in a long work of scholarship, published in 1942–1943, by the Italian politician and journalist Luigi Albertini. Silenced by the Fascist regime, Albertini immersed himself in all the sources, and added more of his own by arranging interviews with survivors. That lent an immediacy to his wonderfully nuanced presentation of the individuals who actually made (or ducked) the fateful decisions. Albertini’s magnum opus eventually made its mark in the 1950s, when it appeared in English translation.3 As the fiftieth anniversary of Sarajevo approached, the verdict seemed clear: the road to war, an immensely complex and protracted process, was paved with shared culpability.

At that point the learned consensus was shattered, and earlier assumptions seemed corroborated in a new perspective. The Hamburg historian Fritz Fischer issued a series of works incriminating the German side in a premeditated “bid for world power.”4 By the time of his closest examination of pre-war diplomacy, in Krieg der Illusionen (1969),5 he argued that Kaiser Wilhelm II and his ministers more or less single-mindedly provoked the conflict out of a combination of expansionist ambition and a desire to distract and discipline socialists and other increasingly insubordinate elements in domestic German society. The resultant “Fischer controversy” had its roots in intellectual instabilities of the then Federal Republic of Germany, including ambivalent attitudes toward the recent National Socialist past, in its relation to the course of German history as a whole, and in a vogue for socioeconomic explanations of political behavior. In any event, it brought influential confirmation that the much-maligned drafters of the Versailles settlement might not have been so far wrong after all.

Iran – Rückblick und aktuelle Entwicklung

Im Mai werde ich drei Wochen den Iran bereisen, weshalb mich die Iran-Berichterstattung derzeit besonders interessiert. Jessica T. Mathews schreibt in der New York Review of Books einen exzellenten Artikel darüber, wie sich die Beziehung zwischen dem Iran und der USA entwickelten, um danach auf die aktuelle Situation einzugehen.

Sie weist auch auf die Risiken eines militärischen Angriffs hin:

Even the strongest proponents of air strikes against Iran’s known nuclear facilities do not argue that the result would guarantee anything more than a delay—perhaps two years or somewhat longer—in Iran’s program. Facilities can be rebuilt and physicists and engineers would continue to have the expertise needed to make nuclear weapons. After years of effort, Iran can now make at home most of what it needs to build a bomb.

When the program is rebuilt after an attack there would be no IAEA inspectors and no cameras to monitor its advance, since monitoring depends on cooperation. As outsiders attempted to track the reconstituted program and prepare for another round of attacks, they would know far less than we do today about the scale, scope, and location of what is happening.

The political consequences would be longer lasting. An attack is likely to unite the country around the nuclear program as never before. The hardest of Iran’s ideological hard-liners would be strengthened against those who had advocated restraint and reconciliation, thereby radicalizing and probably prolonging clerical rule. Following air strikes, it would be easy for Iranian leaders to make the case that the country faces unrelenting international enmity and must acquire nuclear weapons in order to deter more attacks.

Das jüdische Wien und Richard Wagner

Jüdisches Museum 5.1. 2014

Diese Ausstellung verdanken wir natürlich noch dem Wagnerjahr und, wie alle Ausstellungen des Hauses in den letzten Jahren, ist sie sehr solide zusammengestellt. Zwar gibt es für Wagnerwissende nur bedingt Neues, aber man trifft doch viele alte Bekannte wieder. Die Wiener Aufführungsgeschichte hätte ich mir etwas ausführlicher gewünscht. Allerdings wurden Mahlers Inszenierungen mit Alfred Roller für die Wiener Hofoper schon oft thematisiert. Einiges dazu ist zu sehen, auch die Opernzettel früher Aufführungen. Man wird mit den Wiener Wagnervereinen ebenso bekannt gemacht wie mit diversen Kuriositäten: So gab es Firmen, die mit Hilfe des Parsifal Nahrungsmittel an den Wiener bringen wollten.
Selbstverständlich wird der Antisemitismus Wagners rezeptionsgeschichtlich aufgearbeitet, speziell die Wirkungsgeschichte bei den Nationalsozialisten. Erschreckend der Videozusammenschnitt mit der Rechtfertigung der Winifried Wagner, dieses fürchterlichen Weibes. Am Ende der Schau steht die Diskussion in Israel.
Exemplarisch herausgearbeitet ist ebenfalls der Einfluss von Wagners Werk auf die Popkultur. Zu sehen sind deshalb Filmausschnitte aus Star Wars und dem Lord of the Rings. Für mich eine gelungene verspätete Abrundung des Jubiläumsjahres.
(Bis 16.3.)

Ryszard Kapuscinski: König der Könige

Äthiopien steht als herbstliches Reiseziel derzeit ganz oben bei meinen Lesethemen und eines der berühmtesten Äthiopien-Bücher ist König der Könige. Ryszard Kapuscinski porträtiert darin die Amtszeit und den Militärputsch des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Was nach einem Spezialtitel klingt, ist aber wesentlich mehr, nämlich die literarische Darstellung einer weltgeschichtlich kaum zu überschätzenden Staatsform: der Monarchie.

Der gebildete Durchschnittseuropäer denkt bei Monarchie an die glanzvollen Höfe des Absolutismus, mit Ludwig XIV. als Prototyp, an deren Prachtbauten, deren Machtgier und deren Kriege. In Wahrheit waren Monarchien zu einem überwiegenden Teil kleinteilige Reiche. König war schnell jemand mit ein paar Untertanen. Viele Königreiche der Antike gingen heute kaum als Bezirk durch, wobei selbstverständlich die kleinen Könige oft Untertanen mächtigere Könige waren.

Nun war das Äthiopien des Haile Selassie zwar geographisch kein kleines Königreich, was allerdings Armut und mangelnde Aufklärung angeht, kann man es aber versuchsweise einmal als Muster gelten lassen. Kapuscinski schafft es nun, die Abstrusität dieser Staatsform durch eine völlig neue Form darzustellen. Er besuchte nach dem Putsch 1974 Palastangehörige und bat sie von ihren alltäglichen Erfahrungen zu berichten. Er gibt deren Zeugnisse allerdings nicht dokumentarisch wieder, sondern gestaltete sie literarisch. Man lauscht den absurden und kafkaesken Vorgängen im Palast. Es entfaltet sich ein Bild der Korruption, Eitelkeit und Machtgier in Kombination mit geistiger und menschlicher Kleinlichkeit, das seinesgleichen in Buchform sucht. Ich bin nach der Lektüre ja immer noch skeptisch, ob die auftretenden Menschen wirklich immer so dachten und handelten, so unglaublich liest sich manches.

Entstanden ist ein universelles Kompendium menschlicher Niedrigkeit, veranschaulicht am Beispiel des Palastlebens in Addis Abeba. Die ethische Entmenschlichung, wenn man in absoluter Abhängigkeit dienen muss, liest sich stellenweise wie ein Anthropologie-Porno. In abgeschwächter Form findet man diese Verhaltensweisen und Eitelkeiten bis heute in vielen anderen sozialen Verhältnissen wieder, vom autoritären Familienverband bis hin zu Firmen. Ein Buch, an dem Misanthropen viel Freude haben werden.

Ryszard Kapuscinski: König der Könige. Eine Parabel der Macht (Serie Piper)

Neuzugang: The New York Review Abroad

Regelmäßige Leser wissen, dass ich ein großer Freund der New York Review of Books bin. Warum? Das kann man in dieser Empfehlung nachlesen.

Zum 50. Geburtstag dieses grandiosen intellektuellen Projekts ist nun eine Anthologie erschienen: The New York Review Abroad. Fifty Years of International Reportage.

Möge die Zeitschrift viele Abonnenten und das Buch viele Käufer finden.

[Aus dem Archiv] Adolf Hitler: Mein Kampf

An alle Nazis, die tatsächlich Google bedienen können: Geht euer Hirn suchen.

Es war die wohl anstrengendste Lektüre meines Lebens, handelt es sich doch um eines der schlechtest geschriebensten Bücher deutscher Sprache. Mein Kampf ist allerdings ein Druckwerk, das ständig in vielen Kontexten erwähnt wird, aber außer von ein paar Historikern und ein paar alphabetisierten politischen Idioten von niemandem gelesen wird. Es dauerte mindestens ein halbes Jahr bis ich das Buch in kleinen Portionen zu Ende hatte. Ich halte hier einige meiner Leseeindrücke fest.

Oft war ich angeekelt, aber immer wieder auch verblüfft, mit welcher instrumentalen Intelligenz Hitler bei der Umsetzung seiner Ideologie zu Wege ging. Je dümmer und abstoßender die Ideen, desto pragmatischer und perfider seine Pläne. Stil und Anlage von Mein Kampf zeugen freilich auf allen Ebenen von mangelnder intellektueller Disziplin: Die Themen in den Kapiteln werden lose assoziativ aneinander gereiht, so wie sie Hitler anscheinend gerade in den Kopf kamen. Begriffe werden oft falsch und inkonsequent verwendet. Bilder sind schief und klischeehaft. Der Stil ist ein seltsames Amalgam aus archaischem Deutsch und wüster Polemik. Die Struktur des Buches entbehrt dessen, was er für deutsche Jungen so wortreich fordert: Disziplin.

Hitler als dummen Spinner zu verniedlichen greift aber zu kurz. Diese Schublade dient in erster Linie dazu, eine Auseinandersetzung mit dem politischen Phänomen Hitler zu vermeiden.

Hitler beschreibt nach Elternhaus und Kindheit seine Zeit in Wien als Hilfsarbeiter auf dem Bau und muss bereits früh seinen Zeitgenossen gehörig auf den Senkel gegangen sein:

Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch über ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst herunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien. zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu folgen.

Man stelle sich den Verlauf des 20. Jahrhunderts vor, hätte der brave Bauarbeiter dem jungen Adolf tatsächlich einen Schubs gegeben…

Erstaunlich ist, wie besessen Hitler von Österreich ist. Bereits im zweiten Satz des ersten Kapitels ist vom wünschenswerten Anschluss an Deutschland die Rede. Die beiden folgenden Kapitel sind Wien gewidmet, an dem er als die Hauptstadt eines Vielvölkerreiches natürlich kein gutes Haar lässt.

Aber: Nicht alles an Wien sei schlecht! Hitler wäre heute beispielsweise ebenso empört wie die ÖVP, erführe er von der Eliminierung des „Dr.-Karl-Lueger-Rings“:

Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen Bürgermeisters erwachte die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben. Der letzte große Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, zählte offiziell nicht zu den sogenannten „Staatsmännern“; aber indem dieser Dr. Lueger als Bürgermeister der „Reichshaupt- und Residenzstadt“ Wien eine unerhörte Leistung nach der anderen auf, man darf sagen, allen Gebieten kommunaler Wirtschafts- und Kulturpolitik hervorzauberte, stärkte er das Herz des gesamten Reiches und wurde aber diesen Umweg zum größeren Staatsmann, als die sogenannten „Diplomaten“ es alle zusammen damals waren.

Interessant auch, wie sehr Hitlers Populismus dem aktueller Hetzer gleicht. Vergleicht man Hitlers Obsessionen etwa mit jenen des Heinz-Christian Strache, konstatiert man bald: Es sind immer dieselben thematischen Leerstellen, welche diese politischen Bauernfänger füllen. Beklagt Hitler die „Tschechisierung“ und die „Verjudung“ Wiens sind es bei der FPÖ die Türken und die Islamisierung, welche Wien ruinieren. Schimpft Hitler auf die „gemischtsprachliche Gefahrenzone“, verlegt die FPÖ dieses „Problem“ in die Wiener Klassenzimmer.

Hitler fordert ein „ein rassereines Volk, das sich seines Blutes bewußt ist“, Strache plakatiert „Mehr Mut für unser ‚Wiener Blut'“. Man könnte eine hübsche Seminararbeit über die Gemeinsamkeiten des Wienbildes in Mein Kampf mit dem der FPÖ verfassen.

Nach dem Kapitel über Wien, „die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande“, schwärmt Hitler über München als Gegenpol:

Eine deutsche Stadt!! Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden. Am meisten aber zog mich die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek usw. an.

Man könnte seitenweise über Hitlers wirres Weltbild und dessen Herkunft schreiben. Wenn er sich in Furor gegen die Demokratie redet, geht das Spektrum von Aspekten, die Platon im Staat anspricht bis hin zu Polemiken, die man auch heute noch an Stammtischen hört.

Die Frage, wie Hitler seine schäbige Ideologie so erfolgreich in die Praxis umsetzen konnte, beantworten zu einem Teil jene Passagen, die sich mit politischer Organisation und Propaganda beschäftigen. Was mich vor allem verblüffte ist, dass man viele von Hitlers Empfehlungen auch heute noch in Marketing-Lehrbüchern lesen kann. Warum? Weil sie funktionieren:

Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiet des Geschäftes oder der Politik liegen, trägt den Erfolg in der Dauer und gleichmässigen Einheitlichkeit ihrer Anwendung.

Er schreibt davon, wie wichtig simple Botschaften sind, die lange und dauerhaft gehämmert werden. Politische Propaganda soll sich immer am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren. Ähnlich handhaben das die FPÖ und andere Rechtspopulisten bis heute für ihre Wahlkampfslogans.

Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herrchen laufend interessante Abwechslung zu verschaffen, sondern zu überzeugen, und zwar die Masse zu überzeugen. Diese aber braucht in ihrer Schwerfälligkeit immer eine bestimmte Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen bereit ist, und nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr Gedächtnis schenken.

Kurz: Auch ein Trottel muss es noch verstehen können. Das bringt mich zu einem weiteren frappanten Aspekt des Buches: Hitlers Verachtung der Masse. Mein Kampf ist voll von abschätzigen Bemerkungen über die Dummheit des Volkes. Wenn man bedenkt, dass jedes Hochzeitspaar ein Exemplar des Buches geschenkt bekam, in dem sie als „Massenvertreter“ oft explizit als Dummköpfe ersten Ranges bezeichnet werden, entbehrt das nicht der Ironie.

Erwähnenswert ist auch, dass Hitler die katholische Kirche in vielen Belangen immer wieder als vorbildlich preist. Wie die Kirche an ihren Dogmen will Hitler unbeirrt an seinen nationalsozialistischen Grundsätzen festhalten:

Auch hier hat man an der katholischen Kirche zu lernen. Obwohl ihr Lehrgebäude in manchen Punkten, und zum Teil ganz überflüssigerweise, mit der exakten Wissenschaft und der Forschung in Kollision gerät, ist sie dennoch nicht bereit, auch nur eine kleine Silbe von ihren Lehrsätzen zu opfern. Sie hat sehr richtig erkannt, daß ihre Widerstandskraft nicht in einer mehr oder minder großen Anpassung an die jeweiligen wissenschaftlichen Ergebnisse liegt, die in Wirklichkeit doch ewig schwanken, sondern vielmehr im starren Festhalten an einmal niedergelegten Dogmen, die dem Ganzen erst den Glaubenscharakter verleihen.

Oder wenn er über die für ihn wichtige Einbindung der Masse des Volkes schreibt:

Hier kann die katholische Kirche als vorbildliches Lehrbeispiel gelten. In der Ehelosigkeit ihrer Priester liegt der Zwang begründet, den Nachwuchs für die Geistlichkeit statt aus den eigenen Reihen immer wieder aus der Masse des breiten Volkes holen zu müssen. Gerade diese Bedeutung des Zölibats wird aber von den meisten gar nicht erkannt. Sie ist die Ursache der unglaublich rüstigen Kraft, die in dieser uralten Institution wohnt. Denn dadurch, daß dieses Riesenheer geistlicher Würdenträger sich ununterbrochen aus den untersten Schichten der Völker heraus ergänzt, erhält sich die Kirche nicht nur die Instinkt-Verbundenheit mit der Gefühlswelt des Volkes, sondern sichert sich auch eine Summe von Energie und Tatkraft, die in solcher Form ewig nur in der breiten Masse des Volkes vorhanden sein wird. Daher stammt die staunenswerte Jugendlichkeit dieses Riesenorganismus, die geistige Schmiegsamkeit und stählerne Willenskraft.

Hier dürfte einer der Schlüssel dafür liegen, warum sich der Vatikan mit Hitler im Zweifelsfall immer so wunderbar verstanden hat.

Eine Leseempfehlung für das Buch spreche ich nicht aus, obwohl man aus ihm jede Menge über politischen Fanatismus lernen kann. Warum man sich vor Mein Kampf so sehr fürchtet, dass man es vom Buchmarkt fern hält, leuchtet mir allerdings nicht ein. Dieses riesige Konvolut an schlecht geschriebenen Sätzen läsen heute ebenso viele Menschen wie zu Hitlers Lebzeiten, wo es in jedem Haushalt stand: niemand. Die Dummheit und Bosheit springt einem auf jeder Seite entgegen, insofern sollte man ihm als Abschreckung eigentlich möglichst viele Leser wünschen.

Mein Kampf ist übrigens nicht verboten, es wird mit Hilfe des Urheberrechts unter Verschluss gehalten, was man in Zur Rechtslage von »Mein Kampf« von Giesbert Damaschke nachlesen kann.

Alle MESCHUGGE? Jüdischer Witz und Humor

Jüdisches Museum Wien 29.4. 2013

Die Wiener Kulturgeschichte wäre ohne Juden eine ausgesprochen armselige gewesen. Die lange Liste der prominenten Namen ist bekannt. Weniger bekannt für Nicht-Wiener ist vermutlich, wie sehr das Judentum auch den Wiener Schmäh prägte. Einen exzellenten und hoch amüsanten Überblick über dieses Phänomen gibt die Ausstellung Alle MESCHUGGE? Jüdischer Witz und Humor. Zwar geht der Horizont der Schau weit über Wien hinaus (vom Berliner Kabarett über Hollywood zu Sacha Baron Cohen), aber am Interessantesten fand ich die vielen Beispiele mit Wienbezug. Es gibt jede Menge Ton- und Filmmaterial zu hören, so dass man sich problemlos mehrere Stunden damit beschäftigen kann: Fritz Grünbaum, Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner und Georg Kreisler kommen ausführlich zu Wort.

Ein berühmtes Beispiel:

(Bis 8.9.)

Tom Standage: History of the World in 6 Glasses

Wer sich für Getränke interessiert, wird an diesem Buch seine Freude haben. Standage hatte nämlich die originelle Idee, eine Weltgeschichte aus der Perspektive der jeweils wichtigsten Flüssigkeiten zu schreiben. Auftakt macht das Bier, das in Mesopotamien und Ägypten eine herausragende Rolle spielte und sogar als Währung Verwendung fand. Standage beschreibt jeweils die Entstehung und Verwendung des Getränks, um dann Bezüge zur (Kultur-)geschichte der jeweiligen Epoche herzustellen. Eines sei aber gleich klar gestellt: Wer geschichtlich bewandert ist, der wird nichts Neues erfahren. Geboten wird eine solide und präzise Zusammenfassung. Viele Fakten rund um die Getränke waren mir allerdings völlig neu.

Nach dem Bier kommt der Wein an die Reihe und damit die Griechen und die Römer. Der Abschnitt über die Spirituosen beschäftigt sich zu einem überwiegenden Teil mit der Rolle des Hochprozentigen (Rum!) während der Entdeckungsreisen und danach. Beim Kaffee stellt Standage die Aufklärung und die Entstehung der modernen Geschäftswelt in London in den Mittelpunkt, während der Tee sich natürlich mit China, Indien und dem britischen Empire beschäftigt.

Sehr aufschlussreich ist der letzte Teil des Buches über die Entstehung und Verbreitung von Coca-Cola quer durch die Welt. Nicht nur beschreibt Standage zu Beginn die schräge Welt der „Medizin“getränke im 19. Jahrhundert, sondern es gelingt ihm auch gut, den symbolischen Wert dieser koffeinhaltigen Flüssigkeit für die USA und den Rest der Welt herauszuarbeiten. Mit welchem Aufwand Coca-Cola während des Zweiten Weltkrieges an die amerikanischen Soldaten verteilt wurde, ist kaum zu glauben. Nach dem Krieg war Coca-Cola Teil des Kulturkampfes. So warnten die österreichischen Kommunisten dringend für der ersten Abfüllanlage in Österreich. Sie könne jederzeit in eine Atombombenfabrik umgewandelt werden!

Ein informatives, unterhaltsames Sachbuch. Allerdings kein historisches Meisterwerk.

Tom Standage: History of the World in 6 Glasses (Frank R Walker Co)

Gillo Pontecorvo: La Battaglia di Algeri (1966)

Was mich beim Ansehen am meisten faszinierte war weniger die ästhetisch und handwerklich hervorragende Umsetzung des Films oder die intelligenten Anleihen an den Expressionismus, sondern die unglaubliche Aktualität des Films.
Die Geschichte erzählt den Aufstand in Algier gegen die französische Besatzungsmacht. Obwohl die Brutalitäten der Franzosen ausführlich gezeigt werden, inklusive einiger unter George W. Bush wieder zu neuen Ehren gekommenen Foltertechniken, werden die Franzosen nicht plump dämonisiert. Die Pariser Perspektive der Ereignisse kommt nicht zu kurz. Ausbalanciert wird die Handlung weiter dadurch, dass die Terrorakte der FLN gegen die Zivilbevölkerung ebenso auf die Leinwand kommen. Dass die Protagonisten beider Seiten als Menschen statt als politische Strohpuppen charakterisiert werden, verschärft die Wirkung der moralischen Kalamitäten. Kurz: Ein narrativ sehr intelligenter Film.
Die Tragödie entfaltet sich fast stereotyp und der Vergleich zum Irak oder zu Afghanistan drängt sich auf. Hätte man amerikanischen Politikern und Militärs diesen Film rechtzeitig gezeigt: Vielleicht hätten sie es sich doch noch einmal anders überlegt.

Armenien

Eine Reise im Mai 2012

Armenien zählt zu jenen Ländern über die ich von Reisenden fast ausschließlich Positives zu hören bekam. Womit selbstverständlich nicht gemeint war, dass es dort keine sozialen und wirtschaftlichen Probleme gäbe – das Gegenteil ist richtig. Armenienreisende preisen Land & Leute aus kulturellen Gründen.

Wer dieser Tage nach Jerewan fliegt, der kommt aus fluglogistischen Gründen meist in tiefer Nacht an. Um drei Uhr ist am Flughafen dort ein ähnlicher Betrieb wie in Wien um acht Uhr morgens. Die erste Überraschung nach der Ankunft ist die Hauptstadt, welche mit 1,2 Millionen Einwohnern das kleine Land – nur um ein Drittel größer als Niederösterreich – dominiert. Das Zentrum ist, trotz einiger heruntergekommener Ecken, so modern, dass viele Plätze mit schicken Boutiquen und Restaurants ebenso in einer westeuropäischen Großstadt liegen könnten. Verblüffend auch die Hauptstadtbewohner, deren Mentalität eine Mischung aus skandinavischer und südländischer zu sein scheint. Südländisch, was das Straßenleben angeht. Selbst nach Mitternacht sind noch Familien mit kleinen Kindern unterwegs. Skandinavisch, was vornehme Zurückhaltung angeht. So ist der Straßenverkehr so chaotisch wie in Neapel, allerdings wird kaum gehupt. Auf Kreuzungen bilden die Autos pittoreske anarchische Knoten, die sich friedlich in Stille wieder auflösen. Ein aufdringlicher Armenier ist mir während der gesamten Reise nicht begegnet.

Die alltägliche Armut in Jerewan spielt sich in den heruntergekommenen Plattenbauvierteln um das Zentrum ab. Der bauliche Zustand vieler davon ist deplorabel. Einen dieser Stadtteile haben die Jerewaner deshalb liebevoll „Bangladesh“ getauft. Wirtschaftlich hängt das Land am Tropf der Diaspora. Seien es reiche amerikanische Verwandte, die Geld schicken. Sei es der Familienvater, der in Russland als Gastarbeiter tätig ist und nur wenige Male pro Jahr nach Hause kommt. Selbst die Infrastruktur lebt von ausländischen Devisen. Reiche Exilarmenier finanzieren lebensnotwendige Straßenverbindungen oder investieren in kulturelle Institutionen. Davon gibt es viele im kleinen Armenien und mehr als in den meisten Ländern steht die Literatur und Sprache im Mittelpunkt. Die Armenier sind ein durch und durch literarisches Volk. Und damit meine ich nicht die Intellektuellen, sondern die enge Beziehung des „normalen“ Armeniers zu seiner Sprache, seiner Schrift und seiner Dichtung. Mesrop Mashtots schuf zu Beginn des fünften Jahrhunderts das armenische Alphabet und ist im ganzen Land gegenwärtig. Am prominentesten wohl in der Statue vor dem Matenadaran in Jerewan. Dort werden 14.000 der 30.000 überlieferten armenischen Manuskripte aufbewahrt. Exemplarische Beispiele aller Kategorien sind in Schauräumen für Besucher zu besichtigen. In erster Linie ist der Matendaran jedoch ein Forschungsinstitut, das von Armenienkenner aus der ganzen Welt besucht wird.

Sprache und Schrift ist eines der wichtigsten Distinktionsmerkmale für die Armenier. Ein weiteres ist die armenische Religion, geführt von einer institutionell eigenständigen Kirche. Pikanterweise legitim älter als die sich für allein seligmachend stilisierende katholische Kirche, was dem Vernehmen nach bis heute zu einem historischen Unwohlsein im Vatikan führen soll, wenn die Sprache auf die Armenier kommt. Die armenische Religion vereint Archaisches mit Pragmatischem. So werden bei diversen Gelegenheiten Tiere geopfert, wie im Alten Testament beschrieben. Vor Kirchen und Klöstern sieht man die Opferaltäre. Ganz modern ist der Klerus dagegen in Sachen Seelsorge. Gemeindepriester müssen (!) eine Familie mitbringen. Das dürfte die Zahl der begrapschten Ministranten im Vergleich zu katholischen Gemeinden ebenso signifikant reduzieren wie das Alltagswissen der Seelsorger erhöhen. Das Zölibat ist nur für die höheren Stufen der klerikalen Karriereleiter vorgesehen. Von einem Priesterseminar-Jahrgang entscheidet sich etwa ein Drittel für Ehelosigkeit. Die Restlichen suchen sich Frau & Kind für eine Gemeindestelle.
Archaisch wiederum das alttestamentarisch anmutende Patriarchat. Pater Minas, der Leiter des Priesterseminars am Sewansee, der mehr an seinem Handy als an seinem Glauben zu hängen scheint, setzt ein breites Grinsen auf als wir ihn zum Frauenthema befragen. Er verweist auf das berühmte (und vermutlich apokryphe) Pauluszitat, dass das Weib in der Kirche zu schweigen habe. Ein konservativer Katholik ginge im Vergleich als radikaler Feminist durch. Dazu passt, dass es Frauen in den Kirchen strikt verboten ist, den Altarbereich zu betreten. Sollte es trotzdem zu einem derartigen Sakrileg kommen, gibt es dafür allerdings eine pragmatische Lösung: Man weiht die Kirche neu.

Der Genozid an den Armeniern durch die Türken am Ende des ersten Weltkriegs ist auf mehreren Ebenen präsent. Realpolitisch durch die geschlossenen Grenzen zur Türkei, die das alte armenische Kulturgebiet künstlich trennt, sowie durch die Geopolitik der Region, etwa die Achse Türkei – Aserbaidschan. Ironischerweise gibt es dafür ein herzliches Verhältnis mit dem Iran, was auf einen jahrhundertelangen Multikulturalismus zurückgeht. Symbolisch durch das große Genozidmahnmal in Jerewan, das in mancher Hinsicht an Yad Vashem erinnert. Hinter vorgehaltener Hand erzählen Armenier von der Konkurrenzpolitik Israels, das angeblich seine diplomatischen Beziehungen dafür einsetze, befreundete Staaten von der offiziellen Qualifizierung des Massenmords an den Armeniern als Genozid abzuhalten. Im offiziellen Selbstverständnis des Staates nimmt der Genozid in Armenien jedenfalls denselben hohen politisch-historischen Stellenwert ein wie der Holocaust in Israel.

Wie sich der Gott Israels entschieden hat, seinem auserwählten Volk den einzigen Landstreifen des Nahen Ostens anzuweisen, der kein Erdöl hat, so benachteiligt auch der armenische Gott sein Volk geographisch: Das benachtbarte Georgien ist eine Kornkammer, Aserbaidschan weiß nicht wohin mit dem ganzen Gas und Erdöl. Armenien liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von 1800 Metern, weshalb Landwirtschaft nur bedingt möglich ist. Rohstoffe muss man ebenfalls mit der Lupe suchen. Ossip Mandelstam beschrieb Armenien treffend als „Land der Steine“ und tatsächlich sah ich auf keiner meiner bisherigen Reise so viele Steine wie im Südkaukasus. Der ästhetische Gewinn ist direkt proportional zur wirtschaftlichen Nutzlosigkeit der Landschaft. Die Hirten mit ihren Herden in den Hochtälern sind ebenso pittoresk wie die karge Landschaft grandios.
Eingebettet in sie sind die berühmten armenischen Kirchen. Wer je vor bombastischen Barockkirchen, gigantischen Tempelanlagen und riesigen Mausoleen stand, den wird das Understatement der armenischen Architektur überwältigen. Die Kirchen und Klöster sind das Gegenteil von religiösem Bauprotz: klein und elegant fügen sie sich in die Landschaft ein. Sie stehen einsam in Hochtälern, in geologisch spektakulären Schluchten, an Berghänge angeschmiegt, in tiefen Märchenwäldern oder über dem riesigen Sewansee. Ich bin versucht, dafür den Begriff der „Land Art“ zu missbrauchen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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