19. Jhd. (Geschichte)

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Eine Kulturgeschichte der Datscha

Geschrieben von Stephen Lowell: Summerfolk: A History of the Dacha, 1710-2000. Rezensiert* von Orlando Figes in der New York Review of Books 1/2004:

Lovell is particularly good at highlighting the interactions between social practice and literary representation. As he demonstrates, the dacha’s social informality made it something of an ideal scene for nineteenth-century novels and stories—allowing as it did for the unexpected visits and encounters that were so essential for the plot development of socially complex works like those of Dostoevsky and Chekhov. The dacha setting of Part 2 of The Idiot, for example, was perfect for Dostoevsky to recreate the intense, almost claustrophobic, atmosphere in which Myshkin, having come for rest to recover from his epileptic fit, finds no peace from scores of impromptu visitors.

* Der Artikel ist Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

Gordon Brook-Shepherd: Österreich

„Eine tausendjährige Geschichte“ (Zsolnay)

Mit diesem Buch wollte ich eine kleine historische Auffrischung unternehmen. Wer könnte dafür geeigneter sein als ein britischer Historiker, der sich aus der Außenperspektive mit Österreich befasst? Der neue Zsolnay Verlag fiel bis jetzt auch nicht durch die Publikation besonders schlechter Bücher auf.

Meine Überraschung stieg von Seite zu Seite als klar wurde, dass Brook-Shepherd ein stramm konservativer Historiker ist, der aus seinen ideologischen Präferenzen keinen Hehl macht. Das wird vor allem bei seiner Schilderung der Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich. Der Titel des Buches ist ohnehin Irre führend: 900 Jahre Geschichte werden auf 150 Seiten abgehandelt, der Rest beschäftigt sich mit dem letzten Jahrhundert.

Brook-Shepherd wird von einem Problem gequält: der patriotischen Identität der Österreicher. Ist einer der historischen Akteure in den Augen des Autors ein guter österreichischer Patriot, sind ihm seine Sympathien sicher. Den Politiker des Roten Wien in den zwanziger Jahren wirft Brook-Shepherd vor, sie hätten sich besser um nationale Belange kümmern sollen, als um Sozialpolitik…

Kurz, das Buch ist ein Ärgernis. Lesen sollte man es nur, wenn man genügend Metainteresse aufbringt, um sich mit konservativer Geschichtsbeschreibung beschäftigen zu wollen. Dass dieses Buch ausgerechnet bei Zsolnay erschienen ist, ist kein verlegerisches Ruhmesblatt.

Protestantismus oder Nationalismus?

Eine nach wie vor geschätzte Theorie über die Entstehung des modernen Kapitalismus ist jene Max Webers, der viele Schlüsselprozesse dieser Entwicklung auf den Einfluss des Protestantismus zurückführt.

Eine alternative Erklärung schlägt Liah Greenfeld in „The Spirit of Capitalism: Nationalism and Economic Growth“ vor: Der Nationalismus sei die treibende Kraft gewesen. Robert Skidelsky vergleicht* diese beiden Erklärungsansätze in der Nr. 4/2003 der New York Review of Books und zeigt die Schwächen von Greenfelds Überlegungen auf. Sein erstes Argument sei zitiert:

First, it is far from clear how nationalism is supposed to produce the individual behavior necessary for economic growth. Weber’s theory of the Protestant ethic postulates a functional relationship between frugality (self-denial) and capital accumulation

[…]

Why should nationalism make people more systematically frugal or, for that matter, enterprising – as opposed to more systematically warlike? Greenfeld herself admits it does not have to.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Ric Burns u.a.: New York

„Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute“
Frederking & Thaler bzw. Knopf Paperback (Amazon Partnerlink)

Ein Drittel des Buches las ich als Vorbereitung für meine kleine New-York-Reise im November, den Rest danach. Der großformatige Band ist 600 Seiten stark und nach der Lektüre hat man einen umfassenden Überblick über die Geschichte New Yorks. Die zahlreichen Abbildungen sind klug gewählt und ergänzen den Text ausgezeichnet.
Die Geschichte New Yorks wird paradigmatisch als Geschichte der Moderne erzählt. Keine Stadtgeschichte eignet sich besser für dieses Unterfangen. Die Autoren folgen den Höhen und Tiefen dieser Entwicklung, wobei die Schattenseiten (etwa die elenden Slums und Arbeitsbedingungen der Millionen von Emigranten) nicht zu kurz kommen.

Staunend steht man vor den zahlreichen Superlativen dieser Stadt und versteht, warum diese Hochburg des Kommerzes und der Aufklärung, der Massenmedien und der Multikulturaltität, der geballten Kreativität und Brutalität, von den Gegnern der Moderne als Zentrum des Bösen angesehen werden muss, spricht sie doch alleine durch die geistige Vielfalt (auf den unterschiedlichsten Ebenen) allen ideologischen Fundamentalismen Hohn.

Für die 50 Euro [der deutschsprachigen gebundenen Ausgabe] bekommt man also einiges geboten, nebenbei auch eine kleine Auffrischung der Geschichte der USA und einen Einblick in Prozesse der Stadtplanung.

Russische Kulturgeschichte

Wenn man diversen Rezensionen glauben darf, legte Orlando Figes mit Natasha’s Dance. A Cultural History of Russia (Metropolitan Books/Penguin/Picador) eine brauchbare Kulturgeschichte Russlands vor.

Dass die Literatur des 19. Jahrhunderts dabei nicht zu kurz kommt, deutet schon der Titel an, der auf eine Szene aus „Krieg und Frieden“ anspielt.

Ibsen: Die Wildente

Theater in der Josefstadt 23.11.02
Regie: Dietmar Pflegerl
Gregers: Herbert Föttinger
Hjalmar Ekdal: Peter Scholz
Hedwig Ekdal: Gertrud Dassl

Für die Nicht-Wiener: Das Theater in der Josefstadt (das angesichts des Gesundheitszustandes des Publikums wohl bald in „Sanatorium in der Josefstadt“ umbenannt wird) ist die konservativste Bühne der Stadt. Erstaunlich deshalb, dass ausgerechnet dort derzeit die besten Aufführungen in Wien zu sehen sind (vom Akademietheater einmal abgesehen). Peinlichkeiten wie den Cyrano de Bergerac am Burgtheater gibt es in der Josefstadt nicht.

Geboten wird dort klassisches literarisches Schauspiel auf sehr hohem Niveau, eine Kunst also, die angesichts avancierterer Regie-Ästhetiken antiquiert wirken mag, trotzdem für das Überleben des Theaters unverzichtbar ist.

Vielfalt sollte das Motto sein, und es ist schön in einer Stadt zu leben, wo beides in ansprechender Qualität geboten wird (und, nebenbei bemerkt, in einer Stadt, in der mehr Menschen in die Theater als in die Fußballstadien gehen :-)
„Die Wildente“ ist eines der interessantesten Stücke Ibsens, markiert es doch einen wichtigen Wendepunkt seines Schaffens. Im Gegensatz zu früheren Werken (die „Gespenster“ etwa) bricht der Autor hier den idealistischen Standpunkt: Der „Aufklärer“ Gregers Wehrle nimmt seinem Jugendfreund Hjalmar Ekdal seine Lebenslüge mit dem Ziel, eine wahre, auf Aufrichtigkeit gegründete Ehe zu stiften. Das Ergebnis führt in die Katastrophe. Idealismus ohne Rücksicht auf menschliche Schwächen stiftet mehr Schaden, denn Nutzen, so das skeptische Resümee.

Stoffgeschichtlich ist das Stück aufschlussreich, weil erstmals im europäischen Theater eine kleinbürgerliche Familie die Hauptrolle spielt und das Ende von einem düsteren Pessimismus zeugt. Die Inszenierung ist „klassisch“ im besten Sinn des Wortes. Die schauspielerischen Fähigkeiten sind beeindruckend (ab und zu vielleicht einen Hauch zu pathetisch).

Eine dringende Empfehlung!

Italienische Reisen

Österreichische Gemäldegalerie im Belvedere

Die Wiener Kunstsammlungen sind meist in architektonisch ansprechenden Ambiente zu sehen, so auch die Österreichische Gemäldegalerie im Oberen Belvedere, erbaut von Lukas von Hildebrand 1721-23, und eine der schönsten Barockanlagen ihrer Art.

Die Ausstellung versammelt italienische Landschaftsbilder österreichischer und ungarischer Maler, die zwischen 1770 – 1830 entstanden sind. Die Anordnung der Bilder folgt verschiedenen Kriterien, meist hängen sie nach geographischen Gesichtspunkten (Rom, Venedig, Neapel). Seltener sind thematische Räume, wie der Saal mit den Vesuvausbrüchen, der allerdings in schönem Kontrast mit den Beginn der Ausstellung steht, an dem arkadische Naturidyllen gezeigt werden.

Geschichte des Deutschen Buchhandels

Georg Jäger und seine Mitherausgeber haben den ersten Teilband der „Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert“ publiziert. Lutz Hagestedt schrieb eine ausführliche Rezension darüber.

James M. McPherson: Southern Comfort

The New York Review of Books 6/2001

Geschichtslügen scheinen eine solide anthropologische Basis zu besitzen, offenbar gibt es kaum eine Gesellschaft, die ohne sie auskäme. Ein mir bis heute unbekanntes Beispiel ist die Lost-Cause-Ideologie in der Folge des amerikanischen Bürgerkriegs. McPherson bespricht* einige Neuerscheinungen zu diesem Thema. Bereits kurz nach dem Krieg begannen Südstaatler die eigentliche Kriegsursache zu leugnen: Nicht die Abschaffung der Sklaverei sei ursächlich gewesen, sondern der Kampf für „states‘ rights“, also Verfassungsangelegenheiten. Diese Geschichtsverfälschung ist in gewissen Kreisen der USA immer noch sehr populär, so bei den Sons of Confederate Veterans. Eigenartige Vereine scheint es nicht nur in Österreich und Deutschland zu geben :-)

Ansonsten erfährt man so manches darüber, wie komfortabel sich die Sklavenbesitzer vor der Wahl Abraham Lincols in den amerikanischen Verfassungsinstitutionen eingenistet hatten.

* Die Rezension ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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