19. Jhd. (Geschichte)

Friedrich Weissensteiner

Die großen Herrscher des Hauses Habsburg. 700 Jahre europäische Geschichte (Serie Piper)

Ich wollte mein Wissen um die Habsburger auffrischen und bin bei meiner Recherche auf das Buch des Hofrats (!) Friedrich Weissensteiner gestoßen. Es enthält vierzehn kaiserliche Portraits von Rudolf von Habsburg, dem Begründer der Dynastie, zu Karl I. der nach dem ersten Weltkrieg abdanken musste. Diese biographischen Skizzen sind solide geschrieben, was leider das Beste ist, das man vom dem Buch sagen kann. Es stellt zwar die wesentlichen Informationen zusammen, ist aber sonst denkbar uninspiriert. Es gibt keine Abwechslung, keine methodischen Überraschungen, kurz es fehlt an Geist. Weissensteiner ist sicher ein Kenner der Materie und hat enorm viel Material verarbeitet. Das Ergebnis ist aber leider ein höchst durchschnittliches Sachbuch.

Dominique Vivant Denon

Im Blog der New York Review of Books ist ein Beitrag über Dominique Vivant Denon, dem ersten Direktor des Louvre und seine Zeichnungen, die während Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 anfertigte.

Steinerne Zeugen. Relikte aus dem Alten Wien

Hermesvilla / Wien Museum 30.3.

Wer sich für Skulpturen und/oder Wien interessiert, und wer tut das nicht, sollte sich auf den Weg zum Lainzer Tiergarten machen, in dessen Mitte die Hermesvilla liegt. Franz Joseph schenkte sie seiner Sissi und ließ sie in der Mitte des ehemaligen kaiserlichen Jagdgebiets errichten.
Jetzt dient sie als Dependence des Wien Museums, wo nun restaurierte Stücke aus dem Lapidarum zu sehen sind. Zur Slideshow.

Ausgestellt sind Kunstwerke aus Stein, die dazu dienten, Bauwerke zu verzieren. Die meisten davon landeten in Depots als die Häuser abgerissen wurden und können deshalb einen guten Eindruck über den historischen Städtebau in Wien vermitteln. Der Überblick ist allerdings kursorisch, man hätte sich mehr Exponate gewünscht. Allerdings findet man sehr charmante Stücke darunter. Angeordnet sind sie thematisch (Bürgerhäuser, Adelspalais etc.).

Ganz unten

Wienmuseum 11.10.

Deutlich deprimierender als die ironischen Liebesspiele in der Kunsthalle ist die noch bis Ende Oktober zu sehende Ausstellung über das Subproletariat europäischer Städte um 1900. Die Ausstellung beginnt mit den ersten literarischen und künstlerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zum Thema, etwa die in Slums spielenden Romane Dickens oder die Milieustudien Zolas samt ihren emotionalisierenden Illustrationen. Im Kern der insgesamt etwas zu knapp gehaltenen Schau steht die Ikonographie des Elends, die damals die Sozialdebatte bestimmte. So gab es in Wien diverse Reporter wie Max Winter, die durch Reportagen und Fotos aus dem Wiener Untergrund (was man wörtlich verstehen darf, viele Obdachlose hausten in den Kanälen unter der Stadt) lange vor Wallraff Furore machten. Das Rote Wien nahm sich dieser Slums dann durch die berühmten Gemeindebauten an, die nach dem 1. Weltkrieg entstanden sind.

Jacques Gernet: Die chinesische Welt

Insel Verlag (Amazon Partnerlink)

Diese Buch begleitete mich mit Pausen die letzten drei Monate. Gernet bewältigt mit diesem Sachbuch eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Die Geschichte Chinas in einem Buch abzuhandeln. Zugegebenermaßen ist es ein langes Buch mit mehr als 700 engbedruckten Seiten. Wer jedoch die Vielfalt und den Stoffreichtum der chinesischen Geschichte kennt, wird diese Leistung zu würdigen wissen.

Das wäre freilich noch nicht ausreichend, um sich das Prädikat „brillant“ zu verdienen. Ein Grund für dieses Urteil ist auch die Art der Vermittlung. Klugerweise setzt Gernet wenig Vorwissen voraus. Er nimmt den Leser von Anfang an mit, ohne jedoch im schlechten Sinne populär zu werden. So weit ich das beurteilen kann, ist „Die chinesische Welt“ auf einem sehr soliden akademischen Fundament errichtet. Gernet vertritt durchaus eigenständige Thesen und weist auch immer wieder auf die Forschungslage hin.

Es sei nur eine seiner (vielen) interessanten Thesen angeführt: Die Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts verdanke wesentlich mehr dem chinesischen Einfluss (es gab damals eine Menge Bücher über China) als das in der traditionellen Geistesgeschichtsschreibung anerkannt werde.

Das Buch ist didaktisch ausgezeichnet geliedert. Neben der chronologischen Vorgehensweise zielt Gernet immer vom Allgemeinen ins Spezielle. Er fängt mit einem einführenden Überblick an, und geht dann systematisch ins Detail. Dabei kommen klassische Themen wie Politik- und Wirtschaftsgeschichte nicht zu kurz, es wird aber auch ausdrücklicher Wert auf Wissenschaft, Technik, Kultur und Philosophie gelegt.

Wie man die Sache nun dreht und wendet: Es ist ein ausgezeichnetes Sachbuch. Dass es bereits 20 Jahre alt ist, schadet nichts, denn der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte von der Antike bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Wer sich speziell für die Geschichte der Volksrepublik interessiert, käme etwas zu kurz und greift besser zusätzlich zu anderen Titeln.

Bernard Lewis: Stern, Kreuz und Halbmond

Untertitel: „2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens“

Piper (Amazon Partnerlink)

Lewis gilt als Kenner des Nahen Ostens, weshalb ich mich bei meiner Buchauswahl für ihn entschied. Auf gut 500 Seiten eine Geschichte dieses ereignisreichen geographischen Raums zu verfassen, ist ein mutiges Unterfangen. Eine rein chronologische Abhandlung vorzulegen, wäre die naheliegende Vorgehensweise gewesen. Lewis entschied sich jedoch für unterschiedliche Darstellungsformen und gliederte sein Buch in vier große Teile:

Die „Vorgeschichte“ liefert den historischen Rahmen vor Christentum und Islam. Daran schließen die „Anfänge und Höhepunkte des Islams“ an, wobei die Frühgeschichte nicht zu kurz kommt. Dem folgen Lewis‘ „Querschnitte“ (Staat, Wirtschaft, Eliten, Volk, Religion und Gesetz, Kultur). „Die Herausforderung der Moderne“ ist der Titel des letzten Teils und führt (fast) bis an die Gegenwart.

Der Leser erhält auf diese Weise einen umfangreichen Einblick in den Nahen Osten. Der Autor führt den Interessierten von der Blüte der islamischen Kultur und Gelehrsamkeit bis hin zum langsamen, aber stetigen Niedergang des osmanischen Reiches. Einen der Hauptgründe für den Untergang sieht Lewis im mangelnden Interesse für Europa. Was sollten diese Ungläubigen schon zu bieten haben? Mit dieser Einstellung bekam man kaum etwas von der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert oder der späteren industriellen Umwälzung mit. Als durch verlorene Kriege nach und nach der technische Rückstand augenscheinlich wurde, war es für ein eigenständiges Aufholen zu spät. Bis in die Gegenwart sind diese Mängel ja zu beobachten, etwa fehlende herausragende naturwissenschaftliche Leistungen in dieser Weltgegend.

Interessant fand ich einen Teilaspekt der Erklärung, warum der Islam im Mittelalter Europa weit überlegen war. Lewis weist auf die große Bedeutung der Pilgerreise nach Mekka hin. Während in Europa die meisten Normalsterblichen selten ihr Dorf oder ihre Stadt verließen, brachen unzählige Muslime jedes Jahr zu einer langen Reise nach Mekka auf. Nun haben Reisen bekanntlich eine Reihe von intellektuellen Nebenwirkungen: Man lernt andere Kulturen kennen, trifft sich auf andere Menschen, fördert den Handel, kurz man erweitert den Horizont. Reiche Pilger pflegten übrigens auf die Reise eine Reihe von Sklaven mitzunehmen, die sie dann unterwegs zur Befüllung ihrer Reisekasse nach und nach verkauften: Sklaven als mittelalterliche traveller checks.

Das Buch liefert willkommene Hintergrundinformationen für die aktuellen Debatten und ist nicht nur deshalb der Lektüre wert.

Bernard Wasserstein: Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt

C.H. Beck (Amazon Partnerlink)

Die große Rolle ist bekannt, die Jerusalem in der internationalen Politik der letzten 150 Jahre spielte. Eine „Diplomatiegeschichte“ darüber zu schreiben, ist also nahe liegend. Wasserstein stellt sich dieser Aufgabe und gibt einen ausführlichen Überblick über die Jerusalemfrage. Der Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert, aber auch das 19. kommt nicht zu kurz. Die Westmächte setzten das gesschwächte Osmanische Reich nach allen Regeln der Kunst unter Druck, um das beste für ihre Klientel in der Stadt herauszuholen. Nach der Gründung des Staates Israel und der Besetzung Ostjerusalems beschreibt der Historiker umfassend die daraus resultierende diplomatische Krise.

Wasserstein läßt auch die Rivalitäten der einzelnen Religionsgruppen Revue passieren. Immer wieder überlagern die Feindseligkeiten der christlichen Konfessionen untereinander jene der zwischen Juden, Moslems und Christen. In guter Erinnerung ist mir eine Prügelei zwischen katholischen und orthodoxen Mönchen.

Man wünscht sich bei der Lektüre des öfteren, dass Wasserstein expliziter auf die symbolische Bedeutung der Stadt zu sprechen kommt und die Angelegenheit aus kultureller Perspektive betrachtet, zumal er das in der Einleitung ankündigt. Alles in allem eine solide, lesenswerte, aber uninspirierte Abhandlung zu diesem interessanten Thema.

Dietrich Schwanitz: Bildung. Die Geschichte Europas

3 CDs, Hörbuch

Angesichts der hohen Verkaufszahlen dieses Machwerks kam mir beim Anhören der drei Stunden regelmäßig das Gruseln. Im besten Fall reiht Schwanitz Klischees und Gemeinplätze aneinander und gibt eine Art historischen Märchenonkel, der über keinerlei kritische Reflexionsfähigkeiten verfügt. Es versteht sich, dass diese Vorgehensweise schon jeder Bildung Hohn spricht, besteht diese doch vor allem auch im qualifizierten Hinterfragen von angeblichen Selbstverständlichkeiten. Fehler finden sich eine ganze Menge, von Industriebetrieben im Mittelalter bis zu Platon, der die Metaphysik erfunden habe. Hochgradig peinlich der Abschnitt über den Holocaust, wo eine Linie zwischen dem angeblichen Gottesmord der Juden und den Genozid der Deutschen gezogen wird.

Römersteinbruch St. Margareten

2.5.

Nur ein paar Kilometer von Rust entfernt, ist einer der ältesten Steinbrüche Europas zu besichtigen. Das Gelände ist imposant, nicht zuletzt die Freilicht-Bühne, auf der regelmäßig Opern zu sehen sind, die aber auch zu Passionsspielen missbraucht wird: „Die Kreuzigung findet links auf dem Hügel statt“ wird man von einer Schautafel unterrichtet…

Nicht nur die Römer bezogen hier ihre Steine, auch viele berühmte Wiener Gebäude wurden mit Hilfe der burgenländischen Steine errichtet: Stephansdom, Karlskirche, Burgtheater u.v.m.

“In No Man’s Land”

Diesen Titel gab der Renaissance-Kenner Anthony Grafton seinem Artikel über die Wechselwirkungen zwischen jüdischer und „traditioneller“ europäischer Geistesgeschichte in der The New York Review of Books 3/2004. Man dürfe diese intellektuelle Beziehung keinesfalls unterschätzen:

Still, the opening of the Jewish tradition caused an intellectual earthquake, and the seismic tremors it sent out shook everything from the structures of theological education to the practice of natural philosophy. Isaac Newton was only the most famous of the several influential thinkers who found inspiration in the Kabbalah for their most radical ideas about nature and society.

Wie immer in der NYRB sind der Anlass zu weitreichenderen Überlegungen zwei neue Bücher zum Thema. Adam Sutcliffs „Judaism and Enlightenment“ (Cambridge University Press) sowie Maurice Olenders „The Languages of Paradise. Aryans and Semites, am Match made in Heaven“ (Other Press).

The authors of these short, packed, and cogent books deserve praise and attention on many counts. They have illuminated lost worlds of passionate and engaged discussion, demonstrated the central part that Judaism played in Christians‘ efforts at self-definition, and teased out the ambiguities of Enlightenment and historicism. Not least of all, they have shown how much we still don’t know about the no man’s land in which learned Jewish and Christian armies struggled, over the centuries, by night.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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