19. Jhd. (Geschichte)

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Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler

Das Fehlen großer Staatsmänner und politischer Persönlichkeiten wird dieser Tage oft beklagt. Deshalb mutet es tatsächlich seltsam an, dass eines der größten politischen Talente Österreichs weitgehend unbekannt ist. Man kennt selbstverständlich seinen Namen und verbindet mit ihm die Entstehung der hiesigen Sozialdemokratie, aber dann wird das Wissen über Adler schnell sehr dünn.

Robert Misik will diesem Skandalon mit seinem kleinen Büchlein abhelfen. Es handelt sich um kein klassisches Sachbuch, eher um ein persönliches Porträt, dessen Kapitel auf unterschiedliche Aspekte von Viktor Adlers Lebensleistung fokussieren. Die durch seine Philanthropie verursachten finanziellen Dauerprobleme werden ebenso thematisiert wie seine Beziehungen zu den anderen Größen der internationalen Arbeiterbewegung. Beeindruckend ist auch aus heutiger Sicht, wie sich Victor Adler von ideologischen Extremen fernhält, und immer dafür kämpft, Fanatismus durch Pragmatismus zu ersetzen.

Sehr hübsch auch die vielen treffenden Zitate Adlers, welche Misik immer wieder einstreut:

Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.

An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.

In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht.

Das Buch macht tatsächlich Lust darauf, sich intensiver mit Victor Adler zu beschäftigen. Allerdings hätte es gut und gerne den doppelten Umfang haben können.

Robert Misik: Ein seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler (Picus)

Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Tocqueville: Democracy in America

Im Frühjahr denke ich, dass 2016 ein ideales Jahr wäre, um diesen berühmten Klassiker zu lesen. Steht im Mittelpunkt doch das amerikanische politische System und die Gesellschaft der USA in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung. Der 1805 geborene Franzose Alexis-Charles-Henri Clérel de Tocqueville reiste 1831 mit seinem Freund Gustave de Beaumont nach Amerika. Offiziell um sich mit dem dortigen Gefängnissystem zu beschäftigen. Bekannt wurde der Autor aber nicht für seinen Gefängnisbericht, sondern durch die Publikation des ersten Bandes seiner Democracy in America im Jahr 1835. Ein solches Buch hatte die Welt bisher noch nicht gesehen: Eine systematische und philosophisch reflektierte Beschreibung der politischen Institutionen der ersten modernen Demokratie von beeindruckender Ausführlichkeit. Damit begründet Tocqueville im Alleingang die politische Soziologie. 1840 erschien der zweite Band, welcher völlig unterschiedlich konzipiert ist, nämlich als philosophische Reflexion über die Auswirkungen eines demokratischen Systems auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche, von der Literatur zum Militär.

Was Literatur angeht, stößt der Franzose auf sie an unerwarteten Orten:

There is hardly a pioneer’s hut that does not contain a few odd volumes of Shakespeare. I remember that I read the feudal drama „Henry V“ for the first time in a log cabin.

Liest man das Buch heute, sind sehr unterschiedliche Aspekte spannend. Die bereits erwähnte Begründung einer neuen beschreibenden Methode ist ebenso darunter wie der Quellenwert über die frühe Geschichte der Vereinigten Staaten. Vieles ist aus heutiger Sicht natürlich anachronistisch. Damals wurde beispielsweise der Senat noch nicht vom Volk gewählt, was die ausführlichen Reflexionen dazu irrelevant macht. Tocquevilles intelligente und skeptische Analysen sind allerdings allgemein eine Lesefreude. Vieles ist bis heute gültig, etwa seine Reflexionen über Kriege und Demokratien. Am faszinierendsten für Leser aus dem 21. Jahrhundert ist freilich seine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Stärken und den Schwächen der Demokratie. Gerade letztere sind mit der Wahl Trumps zum nächsten amerikanischen Präsidenten derzeit ja so offensichtlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

If ever the free institutions of America are destroyed, that event may be attributed to the omnipotence of the majority, which may at some future time urge the minorities to desperation and oblige them to have recourse to physical force. Anarchy will then be the result, but it will have been brought about by despotism.

Tocqueville beschreibt ausführlich die Probleme, welche die „Allmacht der Mehrheit“ für Minderheiten grundsätzlich mit sich bringt. Laut seinen Eindrücken setzt in den USA seiner Zeit die Mehrheit via Legislative nämlich hemmungslos die eigenen Interessen durch, auch wenn diese auf Kosten der Allgemeinheit oder auf Kosten von Minderheiten gehen. Er betont immer wieder plausibel, dass sich Demokratie und Unfreiheit nicht notwendigerweise ausschließen. Aus heutiger Sicht entbehrt das nicht der Ironie, haben sich die USA in den letzten Jahrzehnten doch zu einer Oligarchie entwickelt, wo die Mehrheit regelmäßig gegen ihre ureigenen Interessen abstimmt. Dieser Kontrast ist frappant und ist für mich bei der Lektüre sehr fesselnd.

Anders als Platon kritisiert er die Demokratie allerdings nicht als dessen Feind, sondern will als kritischer Befürworter:

But I am of the opinion that if we do not succeed in gradually introducing democratic institutions into France, if we despair of imparting to all the citizens those ideas and sentiments which first prepare them for freedom and afterwards allow them to enjoy it, there will be no independence at all, either for the middle classes or for the nobility, for the poor or for the rich, but an equall tyranny over all.“

Herausragend sind auch die im Großen und Ganzen sehr emphatischen Kapitel über die Sklaven und die Ureinwohner des Kontinents. Natürlich ist auch Tocqueville nicht frei von rassistischen Stereotypen, aber er entwickelt einen klaren Blick auf die Grausamkeiten gegen beide Gruppen und urteilt deutlich:

Oppression has, at one stroke, deprived the descendants of the Africans of almost all privileges of humanity.

Für mich bestätigt die Lektüre von Democracy in America einmal mehr, dass die großen alten Bücher der Geistesgeschichte die Gegenwart oft besser ausleuchten als die Flut an schlecht durchdachten „Analysen“ mit denen wir täglich medial zugeschüttet werden.

Alexis Tocqueville: Democracy in America [in unterschiedlichen Ausgaben gelesen]

Joseph J. Ellis: The Founding Brothers. The Revolutionary Generation

Diese Monographie über die amerikanische Gründergeneration begleitete mich einige Wochen als Hörbuch. Es unterscheidet sich von der Vielzahl der Bücher über Jefferson & Co. dadurch, dass sich Ellis primär auf die Beziehungen & Konflikte der „founding fathers“ konzentriert. Im Mittelpunkt stehen Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, John Adams, Alexander Hamilton, James Madison und Aaron Burr, deren politische und emotionale Interaktionen anhand von sechs Beispielen erzählt werden. Im Rückblick erscheint diese Periode als eine Art notwendige Vorgeschichte des Aufstiegs der Vereinigten Staaten. Eine der Stärken des Buches ist es aber, die unsichere und schwebende Situation für die Beteiligten einzufangen. Der Ausgang des Experiments war damals bekanntlich noch völlig offen. Den Mittelpunkt der meisten beschriebenen Konflikte bildet die zukünftige Rolle der Bundesregierung in Washington. Eine starke Zentralregierung? Oder doch besser nur der Kopf einer starken Föderation? Wie hoch die Emotionen persönlich gingen zeigt exemplarisch das vor Hamilton tödliche Duell mit Burr, welchem das erste Kapitel gewidmet ist.

Wer sich für die Entstehung der USA interessiert, ist mit The Founding Brothers gut beraten, weil Joseph J. Ellis ein ausgewiesener Fachmann für diese Epoche ist. Man sollte aber bereits über die politischen und historischen Grundzüge Bescheid wissen, damit man die hier beschriebenen „Details“ richtig einordnen kann.

Joseph J. Ellis: The Founding Brothers. The Revolutionary Generation. [als Hörbuch]

Sex in Wien & Chapeau

Wien Museum 25.10. 2016

Den Absperrungsbändern nach gibt es für Sex in Wien üblicherweise einen großen Andrang. Bei meinem werktäglichen Besuch ist die Schau von einer Handvoll Pensionisten und ein paar kichernden Mädchen bevölkert. Der neue Direktor Matti Bunzl will seine Ära offenbar um jeden Preis mit einem Publikumserfolg starten. Dabei ist das Thema ein wiengeschichtlich durchaus Interessantes. Obwohl in die Ausstellung nur Erwachsene dürfen, hält sich der Voyeurismus in Grenzen. Die Wiener Sexualgeschichte wird thematisch ausgebreitet und aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Auch sozialkritische Faktoren fehlen nicht, etwa kirchliche Missbrauchsskandale, Ehepolitik und Empfängnisverhütung. Wie verkrampft man mit dem Thema in den sechziger Jahren umging zeigen hübsch zeitgenössische ORF-Beiträge. Mich amüsiert auch die dort zu hörende Philippika gegen Freud von einem seiner weiblichen Opfer. Ansonsten reiht sich die Ausstellung in Sachen akzeptabler Qualität gut in die bisherige Reihe der kulturgeschichtlichen Wienausstellungen des Hauses ein. (Bis 22.1.)

Eine ungewöhnliche historische Perspektive nimmt auch Chapeau ein. Das Ziel verrät der Untertitel: Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes. In thematischen Gruppen werden die semantischen und sozialen Implikationen von Hüten aller Art dargestellt. Von revolutionären Kappen bis hin zu Uniformhelmen. Durchaus erhellend. (Bis 30.10.)

Salzburger Ausstellungen

Museum der Moderne 15.8. 2016
Salzburg Museum 16.8. 2016

Salzburg ist mit sich selbst beschäftigt. Mit seiner Kulturgeschichte setzt sich das Museum der Moderne in Anti:modern auseinander. Die Ausstellung versucht, die städtische Kulturszene der Stadt in die Entwicklung der Moderne einzubetten. Um einen Kontext zu bieten, wird der Zuseher anhand teils pittoresk antiquierter statistischer und geographischer Schautafeln in den Kontext der Moderne eingeführt, etwa der Stadtentwicklung. Danach geht es (mehr oder weniger) chronologisch weiter. Salzburg gilt nicht zu Unrecht als eine konservative, antimoderne Stadt. Die Festspiele waren lange ein ästhetisches Bollwerk gegen die Avantgarde. Diese Seite der Stadt wird nicht ausgeblendet, aber ihr werden progressivere Tendenzen gegenübergestellt, so dass man am Ende ein differenziertes Bild hat. Diese Differenzierung geht bis in die Sozialgeschichte hinein: So kann man Interviews mit ehemaligen Halleiner „Tschikweibern“ hören, die damals in Hallein in einer Tabakfabrik arbeiteten und damit gegen viele soziale Konventionen verstießen. Eine kuratorisch gelungene Angelegenheit.

Enttäuscht verlasse ich dagegen die Am Schauplatz des Salzburg Museums. In einem einzigen Raum, werden acht Orte der Salzburger Geschichte präsentiert. Das ist prinzipiell keine schlechte Idee, aber die Rezeption sieht so aus, dass man sich die Erklärungen des Mediaguides anhört und die wenigen Fotos ansieht. Dazu hätte man keine Ausstellung machen müssen, zumal die chronologische Zeitleiste auch kein sehr innovatives Mittel ist. Deutlich interessanter dort ist die Schatzkammer Salzburg wo temporär aus Salzburg gestohlene Kunstwerke zurückgeholt wurden. Darunter auch mehrere wertvolle frühe Handschriften, die man sonst nicht sehr oft zu sehen bekommt.

Kaiser Franz Joseph: Die Jubiläumsausstellungen

Aktualisiert am 2. Oktober 2016.

In fünf Ausstellungen wird des 100. Todestags des Kaiser Franz Joseph‘ gedacht. Vier davon habe ich mir inzwischen angesehen, die fünfte ist außerhalb Wiens im Schloss Niederweiden. Ich werde diese Notiz nach einem Ausflug dorthin aktualisieren.

Es ist eine seltsame Mischung, was einem insgesamt geboten wird. Als ich durch die vier thematisch unterschiedlichen Schauen schlendere, interessiert mich vor allem auch, wie Österreich im Jahr 2016 mit seiner habsburgischen Geschichte umgeht. Den Medien entnahm ich bereits vorher, dass man ein kritisches Bild zeigen wolle. Auch der Audioguide der Hauptausstellung im Schloss Schönbrunn – Mensch und Herrscher – betont das bereits zu Beginn. Das Ausstellungsdesign ist klassisch (ein höfliches Wort für „altmodisch“). In einer Mischung aus chronologischen und thematischen Stationen wird anhand von Schautafeln und diversen Exponaten das private und politische Leben aufgearbeitet. Abgesehen von sehr spärlich gesäten Monitoren mit Videomaterial, gibt es keine multimedialen Komponenten. Die zahlreichen Möglichkeiten der modernen Ausstellungsdidaktik werden kaum genutzt. Selbst der Audioguide ist nicht so professionell, wie man das von anderen Wiener Institutionen her kennt. Zum einen ist die länge der Beiträge unvorhersehbar unterschiedlich, von wenigen Sätzen für die sich das Tippen der Nummer kaum lohnt, bis hin zu sehr langen Beiträgen. Diese wurden im Nachhinein zusammengeschnitten, so dass die Beiträge oft am Ende abgeschnitten wirken. Eine dezidiert kritische Note, welcher Art auch immer, konnte ich aber nicht feststellen. Offenbar wird von Kuratoren ein Mindestmaß an historischer Objektivität bereits als kritisches Verdienst verbucht. (Bis 27.11.)

Mit Fest & Alltag beschäftigt sich im Rahmen der Reihe das Hofimmobiliendepot. Höfische Repräsentation wird mit dem Arbeitsalltag des Kaisers verglichen, der bekanntlich persönlich kein großer Freund des Luxus war. Trotzdem gab es zu offiziellen Anlässen (Staatsbankette, Bälle, Festivitäten…) den notwendigen habsburgischen Prunk. Anhand von Schaustücken und Gemälden kann sich hier einen guten Eindruck über das Hofzeremoniell verschaffen. Im Gegensatz dazu stand Franz Joseph quasi bürgerlicher Alltag, was etwa seinen Schreibtisch und dessen Utensilien angeht. Das wird auch in der ersten Ausstellung thematisiert, aber solche Doppelgleisigkeit sind bei so einem Projekt natürlich unvermeidlich. (Bis 27.11.)

Zu Beginn verwirrend finde ich Repräsentation & Bescheidenheit in der kaiserlichen Wagenburg. Die Sonderausstellung ist kaum ausgeschildert und betritt man dann den Hauptraum, sieht man auf den ersten Blick keinen Unterschied zur sonstigen Dauerausstellung. In der Mitte der Halle beginnt dann mit einer Schautafel die erste Station. Die Schau besteht vor allem darin, dass man vorhandenen Gegenständen eine neue Audioguide-Nummer gab und zusätzlich noch ein paar Bilder und Kleidungsstücke zeigt. Ein Besuch lässt sich in einer guten halben Stunde erledigen. Dieses Leichtgewicht als eine von vier „großen“ Franz-Joseph-Ausstellungen zu vermarkten, entbehrt nicht der Chuzpe. Die paar zu sehenden Objekte wie die von Franz Joseph verwendeten Fahrzeuge sind freilich durchaus interessant. (Bis 27.11.)

Außerhalb der vier „offiziellen“ Ausstellungen gibt es eine fünfte im Prunksaal der Nationalbibliothek. Sie ist mit Der ewige Kaiser. Franz Joseph I. 1830–1916 betitelt und beschäftigt sich mit der Ikonographie des Kaisers. Die Sammlung der ÖNB umfasst nämlich eine fünfstellige Zahl an entsprechenden Materialien. Zu sehen sind nicht nur thematisch-chronologisch angeordnete Schaukästen mit Erklärungstafeln, sondern vor allem auch eine zehn Meter lange Bildgalerie mit 86 Porträts aus 86 Lebensjahren. Wer sich die Frage stellt, warum Franz Josef bei vielen seiner Untertanen so bekannt und beliebt war, findet hier einige interessante Antworten. (Bis 27.11.)

Welches Fazit lässt sich insgesamt ziehen? Österreich geht vergleichsweise unverkrampft mit seiner kaiserlichen Geschichte um. Aus dieser Perspektive ist die oft provinziell wirkende Machart der Ausstellungen sympathisch. Man bemerkt das Bemühen um historische Sachlichkeit. Der habsburgische Mythos jedenfalls wird kaum gefüttert. Auch der Kaiserkitsch hält sich – abgesehen vom Franchising natürlich – in Grenzen. Freilich begibt man sich auch nie auf eine intellektuelle Metaebene, um dieses Verhältnis explizit zu hinterfragen. Eine akademischere Heransgehensweise statt der gewählten „historisch naiven“ wäre sehr wünschenswert gewesen.

25. September 2016

Herbst ist es geworden, bevor ich mir die letzte dieser Jubiläumsausstellungen ansehe: Jagd & Freizeit. Sie findet etwa 40km außerhalb Wiens im ehemaligen kaiserlichen Jagdschloss Niederweiden statt. Die Schau ist mit etwa 100 Exponaten vergleichsweise klein und bietet eigentlich keine Überraschungen. Der soziale und gesellschaftliche Aspekt der Jagd wird adäquat beleuchtet. Im Gegensatz zur unkritischen Präsentation der monarchischen Jagdleidenschaft in der Kaiservilla in Bad Ischl, fällt der aus dem Skeletten von Jagdtieren errichtete „Pavillon“ beinahe schon als kritische Provokation auf. Die Architektur und Infrastruktur der Anlage ist mindestens ebenso interessant wie die Ausstellung selbst.

Die Universität. Eine Kampfzone

Jüdisches Museum 29.11. 2016

Die Wiener Universität feiert dieses Jahr ihre Gründung vor 650 Jahren und das Jüdische Museum beleuchtet ein besonders unschönes Kapitel in deren Geschichte: Den Umgang mit jüdischen Studierenden und Lehrenden. Die gab es in nennenswerter Anzahl freilich erst im 19. Jahrhundert, die Ausstellung geht historisch aber bis ins Mittelalter zurück.

Am bedrückendsten sind naturgemäß antisemitischen Eskapaden ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis nach dem zweiten Weltkrieg. Die Universität war schon vor der Übernahme durch die Nazis fest in antisemitischen Händen, und die in der Ausstellung dokumentierten Tiraden gegen jüdische Studenten und Professoren sind von einer abgrundtiefen Gehässigkeit. Leider ist diese zeitlos, wie man dank der zahlreichen Hasspostings über Flüchtlinge in den sozialen Medien hinreichend demonstriert bekommt. Insofern dient die Ausstellung auch als Warnung, wohin irrationaler Hass und Verrohung der Sprache letzthin führen wird. Jüdische Studenten wurden schon früh von ihren deutschnationalen Kommilitonen regelmäßig misshandelt. Jüdische Studentinnen hatten es nach der Zulassung von Frauen zum Studium in Wien besonders schwer, wie ein entsprechender Schwerpunkt zeigt.

Die Vergangenheitsbewältigung dieses trüben Kapitels begann erst lange nach dem zweiten Weltkrieg. Walter Weiss, mein ehemaliger Germanistikprofessor in Salzburg, erzählte mir einmal, dass seine Berufung noch 1965 wegen seines Judentums auf diverse Widerstände gestoßen sei.
(Bis 28.3.)

Ringstraße. Ein jüdischer Boulevard

Jüdisches Museum 7.4. 2015

150 Jahre Wiener Ringstraße! Selbstverständlich ein Anlass für diverse Ausstellungen und Veranstaltungen. Das Jüdische Museum arbeitet einen wichtigen Aspekt der Prachtstraße in seiner aktuellen Schau auf: Ohne eine Beteiligung des jüdischen Bürgertums wäre die Straße nämlich nie das geworden, was sie heute ist. Das gilt nicht nur für die zahlreichen Palais, die auf einer übersichtlichen Karte und in Fotos präsentiert werden, sondern auch für die Ringstraßenkultur. Diese Palais waren in Form von Salons oft wichtige intellektuelle Treffpunkte. Gleichzeitig prägten die jüdischen Bauherrn auch die Innenarchitektur der Ära. Auch dazu finden sich interessante Ausstellungsstücke.

Selbstverständlich werden dem die unerfreulichen Seiten der Medaille gegenübergestellt: Von der Wohnungsmisere für die Armen bis hin zum Antisemitismus des Wiener Kleinbürgertums.
(Bis 4.10.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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