17. Jhd. (Geschichte)

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Yuval Noah Harari: Sapiens – A Brief History of Humankind

Ein kluges Buch über weltgeschichtliche Zusammenhänge, das ein internationaler Bestseller wird, stimmt optimistisch. So wichtig detaillierte historische Studien von Einzelphänomenen für die Wissenschaft sind, so unverzichtbar sind solche gelungenen Überblicksdarstellungen für die persönliche Bildung. Harari hat sich nun ein aus der Perspektive von akademischen Historiker freches Projekt vorgenommen: Den Ablauf der Weltgeschichte dadurch verständlich zu machen, dass er die grundlegenden Mechanismen ihres Wirkens beschreibt. Das klingt geschichtsphilosophisch nicht ungefährlich und bringt auch das eine oder andere intellektuelle Problem mit sich. Insgesamt gelingt Harari sein Vorhaben aber vorzüglich.

Anders als der noch umfassendere Ansatz Big History fokussiert Harari auf die Geschichte unserer Spezies seit der kognitiven Revolution, die etwa 70.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung stattfand. Er beschreibt die Erklärungshypothesen für diesen kulturellen Entwicklungsschub ausführlich. Überhaupt ist das erste Drittel des Buches mit Abstand das Beste, weil es zur Prähistorie in den letzten Jahrzehnten spannende neue Forschungsergebnisse gab, die Harari ausführlich referiert. Etwa wenn er den Lebensstandard des durchschnittlichen Jägers und Sammlers mit denen der ersten Bauern vergleicht. Den Bauern ging es fast in jeder Dimension schlechter, angefangen bei der Gesundheit wegen ihrer eintönigen Ernährung und ihrer schweren körperlichen Arbeit bis hin zur täglichen Arbeitszeit. Während Bauern ja fast bis heute rund um die Uhr schuften müssen, kamen Jäger und Sammler vermutlich mit vier bis fünf „Arbeitsstunden“ pro Tag aus, um für ihre sehr abwechslungsreiche Ernährung zu sorgen. Warum es trotzdem zu dieser für das Individuum offenbar verschlechternden Agrarrevolution kam, beleuchtet Harari ebenfalls aus unterschiedlichen Facetten.

Während Jared Diamond in seiner hervorragenden weltgeschichtlichen Studie Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies der Geographie eine maßgebliche Rolle zuweist, konzentriert sich Harari mehr auf kulturelle Faktoren und sieht vor allem den Mythos bzw. die Gesellschaft zusammenhaltende Erzählungen als entscheidenden Faktor der menschlichen Zivilisationsgeschichte an. Damit meint er die nicht nur die ersten Religionen und Mythen, sondern geht dabei bis in die Gegenwart, wo für ihn das Geld eine der grundlegenden, unhinterfragten Erzählungen ist. Eine Fiktion, an die alle Menschen glaubten.

People easily understand that „primitives“ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.

Anthropologisch hat sich der Mensch in den letzten 70.000 Jahren kaum verändert. Auch die soziokulturellen und sozialpsychologischen Mechanismen sind grundlegend dieselben. Diese Erkenntnis stringent zu vermitteln, ist eine der größten Stärken von Sapiens. Wie bereits Jared Diamond räumt er mit zahlreichen weit verbreitenden romantischen Mythen über unsere Vorfahren auf:

But the historical record makes Home sapiens look like an ecological serial killer.

Die Erklärungskraft des Buches nimmt in der zweiten Hälfte merklich ab. Die Welt wird immer komplexer, was seine Vereinfachungen etwas unplausibler macht als bei der Vorgeschichte. Trotzdem führt auch hier Hararis Ansatz der Modellbildung – die Wirklichkeit also zu vereinfachen, um sie besser verstehen zu können – zu lesenswerten Analysen. Speziell weil manche davon auf den heutigen Leser sicher provokant und damit Gedanken anregend wirken, wenn er etwa ausführlich die großen Vorzüge der Imperien im Verlauf der Weltgeschichte beschreibt.

Insgesamt also ein intellektuell sehr anregendes Lesevergnügen. Das liegt nicht zuletzt an Hararis gut lesbaren Stil. Gedanken werden klar herausgearbeitet und gut formuliert anstatt sie in akademischem Jargon zu ertränken.

Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind [Deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert

Rezension geschrieben für die Ö1-Sendung Kontext am 7. November 2014

Was wäre unser Alltag ohne den persönlichen Terminkalender? Nur sehr beneidenswerte Menschen sind heutzutage in der Lage, ihr Leben ohne einen Kalender zu führen. Sei es ganz altmodisch in Papierform oder elektronisch am Smartphone. Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, seit wann und warum dieser unverzichtbare Alltagsgegenstand unser Leben beherrscht, finden Sie die Antwort bei Achim Landwehr: In seiner „Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“ dient dem Historiker die Entstehung des modernen Kalenders als Beispiel für eine umfassende Änderung des Zeitverständnisses in allen Bevölkerungsschichten. Landwehr beschreibt diesen Wandel aus vielen unterschiedlichen Perspektiven und versucht eine theoretische Fundierung der Fakten. Sie alle illustrieren einen großen Schritt in Richtung unseres modernen Zeitverständnisses:

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts gewinnt Gegenwart einen eigenständigen Stellenwert, eine eigene Identität, die unabhängig von anderen Kategorien wahrgenommen werden kann. Vergangenheit und Zukunft können von der Gegenwart abgekoppelt, ja als im eigentlichen Sinn nicht existent konzipiert werden. Allein die Gegenwart gibt es, und von ihr aus werden die Zeithorizonte Vergangenheit und Zukunft entworfen.
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Vor dem Leser entfaltet sich nach und nach ein Panoptikum dieser Veränderung. Landwehr gibt in vielen kurzen Abschnitten einen faszinierenden Einblick in das Leben der frühen Neuzeit. Zu Beginn der betrachteten Epoche ist das Weltbild der meisten Menschen noch durch Stabilität gekennzeichnet. Die eigene Position in der Gesellschaft ist ebenso fixiert wie jene im Universum. Während die Kleiderordnungen regeln, wie man sich statuskonform anzuziehen hat, erklärt die Kirche, wie die eigene Zukunft aussehen wird. Es herrscht die feste Überzeugung, dass die Apokalypse, und damit das Ende der Welt, unmittelbar bevor stünde. Endzeitpropheten haben Hochkonjunktur. Dieser apokalyptischen Zukunft steht eine idyllische Vergangenheit gegenüber: Früher war nämlich alles besser und das Optimum war selbstverständlich das Paradies der Bibel. Wie sicher die Zukunft für die Menschen damals war, zeigen die beliebten Jahreskalender. Selbst das Wetter konnte man zwölf Monate im Voraus nachlesen. Für ein Verständnis der Gegenwart in unserem modernen Sinne bleibt zwischen dieser utopischen Vergangenheit und der vorher bestimmten Zukunft kein Platz.
Plakativ illustriert das der Kalender des Grafen Johann Maximilian IV. Emanuel von Preysing-Hohenaschau aus dem Jahr 1717. Dieser Kalender hat nämlich bereits eine Spalte für eigene, private Einträge. Der Graf weiß allerdings noch nichts mit dieser Gegenwart anzufangen und lässt sie leer.
Die Wertschätzung alles Alten illustriert Landwehr mit zahlreichen Beispielen. Die damalige Gerichtspraxis sieht etwa folgendermaßen aus: Grenz- und Besitzstreitigkeiten wurden dadurch geklärt, indem man möglichst viele alte Menschen als Zeugen befragt. Diese Praxis nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts immer weiter ab. Ein weiterer Aspekt ist die zunehmende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit: Ehemals als Tabu geltende tabuisierte Fragen wie der nach dem Alter der Erde werden kontrovers diskutiert. Selbst die Genealogien von Adelshäusern werden historisch exakter. Sogar die bis vor kurzem unbezweifelbare Autorität der antiken Historiker gerät ins Wanken. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ist die berühmte Querelle des Anciens et des Modernes aus dem Jahr 1688.
Eine der wichtigsten Ursachen für diese Entwicklungen, nämlich die wissenschaftliche Revolution der frühen Neuzeit, streift Landwehr leider nur am Rande.
Die Entstehung der Presse unterstreicht und verstärkt den neuen Umgang mit der Zeit. Nicht nur ist die Gegenwart plötzlich so wichtig, dass man sich regelmäßig mit ihr beschäftigt. Der regelmäßige Erscheinungsrhythmus der Zeitungen verändert die Bedeutung der Inhalte:

Zeitungen und andere mediale Weltvermittler erscheinen in bestimmten Abständen immer wieder, unabhängig davon, ob etwas Berichtenswertes passiert oder nicht. (…) Es geht also in den periodisch erscheinenden Medien nicht darum, dann etwas zu berichten, wenn etwas passiert ist, sondern regelmäßig etwas zu berichten, unabhängig davon, was gerade passiert. Dadurch wird das Hier und Jetzt, wird die Gegenwart als Gegenwart zum Thema gemacht.
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Diese und viele anderen Beispiele belegen Landwehrs These, dass die Geburt der Gegenwart tatsächlich im 17. Jahrhundert stattfand. Warum gerade damals?

Meine These ist, (…) dass es zum Aufstieg der Gegenwart im 17. Jahrhundert kam, weil auf der einen Seite die jüngere Vergangenheit seit der Mitte, überdeutlich jedoch seit Ende des 16. Jahrhunderts stark an Überzeugungskraft eingebüßt hatte. Dieser Prozess setzte sich europaweit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts fort, insofern diese Zeit von blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen, massiven wirtschaftlichen Nöten, Klimaverschlechterung, Seuchen oder die Verfolgung von Randgruppen und Minderheiten geprägt war.
[196/197]

Landwehrs Leistung besteht nicht zuletzt darin, dass er den Spagat zwischen der geistesgeschichtlichen und der sozialgeschichtlichen Dimension seines anspruchsvollen Themas exzellent bewältigt.

Achim Landwehr: Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert (S. Fischer)

Monika Gronke: Geschichte Irans

Für mich sind die kleinen Bücher aus der Reihe C.H. Beck Wissen gute Reisebegleiter. Zu dem Zweck erwarb und las ich auch diese Einführung in die Geschichte des Iran. Monika Gronke ist Orientalistin an der Universität Köln und hat sich als Landesspezialisten einen guten Ruf erschrieben. Ihre Darstellung setzt mit Mohammed und der Islamisierung ein und geht bis in die Gegenwart. Mit der Zeit davor beschäftigt sich Das frühe Persien.
Gronke packt viel in wenige Seiten und gibt einen soliden Überblick über die komplexe Geschichte des Landes. Besonders hervorheben möchte ich ihre anschauliche Darstellung der Abspaltung der Schiiten. Sie beschreibt ausführlich die historischen Hintergründe dieser verhängnisvollen Entwicklung. Was sich gerade im Irak abspielt, kann man nur verstehen, wenn man den historischen Kontext dazu kennt.

Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamierung bis zur Gegenwart (C.H. Beck Wissen)

Äthiopien – Eine Reise in die Vergangenheit

Publiziert in „Literatur und Kritik“ Mai 2014.

Oktober / November 2013

Einige Tage bin ich bereits in einem Geländewagen auf teils abseitigen Wegen im Hochland Äthiopiens unterwegs. Wenn ich an meine Ankunft in Addis Abeba zurückdenke, kann ich eigentlich nicht mit dem brandneuen Dreamliner der Ethiopian Airlines angekommen sein, sondern mit dem TARDIS des Dr. Who. Bei keiner meiner bisherigen Reisen hatte ich so sehr das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. In den meisten Ländern muss man geistige Energie aufbringen, um die archäologischen und historischen Monumente in eine lebendige Vergangenheit zu verwandeln. In Äthiopien überhebt einem der gelebte Alltag von diesem Aufwand.

Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, welchen Zeitpunkt in der Vergangenheit man ansetzt. Die Menschen fristen ihr Leben wie vor fünfhundert oder wie vor tausendfünfhundert Jahren: Fast alle arbeiten mit den primitivsten Mitteln in der Landwirtschaft. Von Ochsen gezogene Holzpflüge sah ich auch in anderen Ländern, aber in Äthiopien wird zusätzlich per Hand geerntet und mit archaischen Mitteln gedroschen. Wer Esel für den Transport des Geernteten besitzt, ist privilegiert. Ansonsten tragen Frauen, Kinder und manchmal auch Männer die Getreidebündel in waghalsigen Konstruktionen auf dem Kopf nach Hause. Kinder arbeiten von klein auf selbständig in der Landwirtschaft oder als Hirten. Nicht nur das Wie, auch das Was des Anbaus ist archaisch. Gesät wird wie seit vielen Jahrhunderten Teff. Diese Grasart wirkt im Gegensatz zum Weizen zart, und die Körner pro Halm sind schütter verteilt. Ohne Zweifel lieferte ein modernes Hochleistungsgetreide einen mehrfachen Ertrag. Aber die Äthiopier können sich ebenso wenig vorstellen, auf ihr traditionelles Fladenbrot Inschera zu verzichten wie die Wiener auf ihr Schnitzel. Während im sicheren Wien besorgte Helikopter-Eltern noch ihre Zwölfjährigen fürsorglich zur Schule bringen, hüten in der Provinz Tigre Fünfjährige bereits alleine kleine Herden. Kinderarbeit ist omnipräsent. Gingen sie zur Schule, würde so manches Dorf wirtschaftlich zugrunde gehen.
Fehlender Strom und das fehlendes Wasser sind ubiquitär. Ab und an sieht man moderne Brunnen, aber der überwiegende Teil des Wassers wird von traditionellen Wasserstellen geholt. Satellitenschüsseln sind, im Gegensatz zu vielen anderen armen Ländern, immer noch eine Seltenheit. In niedrigen Lagen sind drei Ernten pro Jahr möglich, in den höheren Regionen des Hochlands nur noch eine Ernte – bei weitem zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Das größte Elend sehe ich deshalb über 3000 Meter in der grandiosen Landschaft des Simien-Nationalparks. An den atemberaubenden Aussichten haben freilich nur wir Touristene eine Freude. Für die Dorfbewohner der Gegend muss es wirken als hätte sich die Geographie mit ihnen hier einen grausamen Scherz erlaubt.

Generell fällt es mir schwerer als auf meinen früheren Reisen, mich auf die Kultur und Geschichte des Landes zu konzentrieren. Das liegt nicht an den Reisestrapazen. Zweitausend Kilometer in knapp zwei Wochen im Geländewagen durch das Hochland zu fahren, heißt angesichts der oft desaströsen Straßenverhältnisse: Tagesetappen von mindestens zwölf Stunden. Auf der Fahrt werden wir aber permanent vom schwierigen Alltag der Äthiopier eingeholt. Selbst in entlegenen Gebieten bedeutet jeder Stopp: Kinder. Nach ein paar Minuten sind die Land Cruiser von kleinen Äthiopiern umringt. Manche sehen uns skeptisch, manche sehen uns neugierig und manche sehen uns verzweifelt an mit den paar Fetzen, die sie noch am Leib haben. Konkret helfen kann man nicht, man müsste mit einem Lastwagenkonvoi unterwegs sein, um die Nachfrage zu befriedigen. „Mister, give me pen / shirt“ ist der häufigste Wunsch. So schiebt sich das oft mit erstaunlicher Würde getragene Elend immer wieder vor intellektuelle Reflexionen.

Ein anderer Teil des Alltagslebens ist tief in der Vergangenheit verwurzelt: Die Religion. In der äthiopischen Geistesgeschichte gibt es nichts der europäischen Aufklärung vergleichbares, weshalb das christlich-religiöse Leben anmutet wie im europäischen Mittelalter. Vorab sei daran erinnert, dass die eigenständige äthiopisch-orthodoxe Kirche zu den ältesten überhaupt zählt und ihre theologische Eigenständigkeit seit dem Konzil von Calzedon (451) erfolgreich behauptet. Die Lehrmeinung ist monophysitisch, das heißt sie erkennt nur die göttliche Natur Christi an.
Auch die Religionspraxis hat eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen. So gibt es das Amt des Debtera. Üblicherweise ungeweiht, ist er für die Kirchenmusik zuständig. Die Ausbildung dafür dauert über dreißig Jahre, was alleine schon bemerkenswert ist. Ihr Gesang wird über Lautsprecher an die Gemeinde übertragen. Das erinnert ebenso an Muezzine wie die Art und der Duktus der Musik. Auf europäische Ohren wirkt diese Ästhetik sehr fremd, es gibt orientalische und indische Anleihen. Als alte Kirche findet man ebenfalls noch viele Anleihen beim Judentum, vom Schweinefleischverbot bis zu Beschneidungen.
Der Einfluss der Priester auf den Alltag der Menschen ist im Hochland Äthiopiens enorm: Es gibt unzählige Verhaltensregeln. Hundertachtzig Fastentage sind für Laien einzuhalten, zweihundertfünfzig für Priester. Dann ist es nicht nur verboten, Fleisch, Eier und Milchprodukte zu essen, sondern auch jeglicher Geschlechtsverkehr. Kleriker sind verehrte Respektspersonen. Ich sehe auf der Reise sogar gut ausgebildete, mehrsprachige Äthiopier, die sofort das Kreuz küssen, welches ihnen ein Priester hinhält. Die äthiopische Regierung erkennt inzwischen, dass die Feiertagsflut der Wirtschaft und dem Wohlstand abträglich ist, und versucht in den Dorfschulen zaghaft gegen den kirchlichen Einfluss anzulehren.
Wie der katholische Gott, benötigt auch der äthiopische Gott ständig Geld. Wenn ich als Reisender eine Kirche betrete, egal ob eine der legendären Felskirchen in Lalibela oder ein normales Gotteshaus, beginnt immer dasselbe Ritual: Der Priester stellt sich stolz in seinem Ornat zum Fotografieren auf, wofür er pro Fotografierenden 10 Birr (40 Cent) kassiert. Ein unwürdiges Schauspiel, das die Autoritäten inzwischen angeblich verboten haben.
Der hygienische Zustand dürfte in den mittelalterlichen europäischen Kirchen nicht anders gewesen sein: Oft ist es in den Gotteshäusern olfaktorisch herausfordernd und man fängt sich dort unweigerlich Flöhe ein.

Meine Mitreisenden und ich nehmen diese Zustände freilich gerne in Kauf angesichts der grandiosen Architektur der äthiopischen Felskirchen. Im nach dem Kaiser Lalibela benannten Ort besichtige ich beide im 12./13. Jahrhundert errichteten Gruppen, die weltweit einzigartig sind und den Höhepunkt dieses Genres bilden. Die meisten sind buchstäblich mit einem enormen Aufwand und einer erstaunlichen Präzision direkt aus den Felsen herausgeschlagen. Immer wieder fühle ich mich an Petra erinnert, auch wenn ein direkter Vergleich mit den Nabatäerbauten unzulässig ist. Als ich das Labyrinth dieser Kirchen durchschreite muss ich unwillkürlich mich an die Hell- und Dunkelkontraste bei Caravaggio oder Rembrandt denken. Mir leuchtet auch die Legende ein, dass diese Bauwerke nur mit der Hilfe von Engeln aus den Felsen geschlagen werden konnten.
Faszinierend ist ebenso die äthiopische Kirchenmalerei. Die besten Beispiele dafür sind allerdings nicht in Lalibela zu finden. Wie beim religiösen Leben entwickelte sich bei der Dekoration ein völlig eigenständiger Stil. Als ich in der durchgehend bemalten Debre Berhan Selassie in Gondar stehe fühle ich mich vom Eindruck her an die wesentlich größere Sixtinische Kapelle erinnert. die visuelle Wirkung ist stark und das ikonographische Programm ist anspruchsvoll. So ist auf der Nordwand die äthiopische Marienlegende in fünfunddreißig Bildern dargestellt. Die Figuren treten plastisch hervor, was nicht zuletzt an deren überproportional großen Augen liegt, eines der wichtigsten Stilmerkmale. Diese finden sich ebenso in den zahlreichen illuminierten Handschriften, die es in jeder der bekannteren Kirchen gibt. Viele davon sind freilich aus dem 19. Jahrhundert und werden als spirituelle Alltagsgegenstände behandelt, anders als die Museumsstücke in europäischen Bibliotheken.
Auffallend ist die Explizität mit der Grausamkeit dargestellt wird, am liebsten anhand von Märtyrerszenen. Da wird verbrannt, gespießt und zerstückelt wie in Computerspielen für Erwachsene. Ich werde den Verdacht nicht los, dass dies in erster Linie der Einschüchterung der Gläubigen dienen soll und das bis heute passabel funktioniert.

Selbst ein kursorischer Überblick über die kulturellen Höhepunkte, wäre unvollständig, ohne die vorchristliche Zeit zu erwähnen. Die antike Hauptstadt Axum ist ein besseres Dorf mit einer riesigen Kathedrale. Die Straßen und selbst der Hauptplatz sind ungeteert. Das Zentrum des Ortes teilen sich einträchtig die Tiere mit den Menschen. Mein erster Besuchspunkt ist selbstverständlich der berühmte Stelenpark, dessen Exemplare zu den größten je gebauten gehören und von den Axumiten als Schmuck für Gräber aufgerichtet worden sind. Die größte Stele ist 520 Tonnen schwer und umgestürzt, falls sie überhaupt je aufgerichtet werden konnte. Die moderne Kathedrale Maryam Sion ist ein Prachtbau, der in einem frappanten Kontrast zum Dreck des Hauptplatzes steht. Dort werde ich Zeuge einer Taufe und einer Hochzeit. Eine hübsch geschmückte Braut und einen hübsch herausgeputzten Bräutigam, die eine auffallende Gemeinsamkeit aufweisen: Beide machen eine todunglückliche Miene, während die anwesenden alten Menschen mit dem Arrangement sehr zufrieden zu sein scheinen.
Ein paar Schritte davon entfernt steht das größte Heiligtum des Landes: Der Bau in dem laut Überlieferung die Bundeslade und die Originaltafel des Moses mit den zehn Geboten aufbewahrt wird. Praktischerweise darf sie außer einem auf Lebenszeit ernannten Wächter niemand sehen.
Sehr beeindruckt bin ich einige Tage später auch von der alten Kaiserstadt Gondar. Die im 17. und 18. Jahrhundert sukzessive errichtete Palastanlage ist für afrikanische Verhältnisse exzellent erhalten und beeindruckt durch die kluge architektonische Anlage. So mancher europäische Palast aus dieser Zeit wirkt provinziell dagegen.

Im Flugzeug zurück nach Frankfurt denke ich dann vor allem an die Menschen in Äthiopien und das unverdiente Privileg, in Europa geboren worden zu sein.

Exzellente Einführung in die englische Geschichte

Regelmäßige Notizenleser kennen meine Wertschätzung für das Angebot der Great Courses. In den letzten Monaten hörte ich einerseits Jennifer Paxtons Vorlesung über das England des Mittelalters und sah mir die 48 Teile des großen Englandkurses von Rupert Buchholz an. Beide sind didaktische Referenz, was spannende Geschichtsvermittlung angeht, ohne sachlich Kompromisse einzugehen.

Jennifer Paxton: Story of Medieval England: From King Arthur to the Tudor Conquest (TTC Audio Lectures, 18h)

Rupert Bucholz: History of England from the Tudors to the Stuarts (TTC Video Lectures, 24h)

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

Wo Jesus Meerschweinchen verspeist

Eine Reise durch Peru und Bolivien [Oktober/November 2011]

Als Francisco Pizarro Lima als Hauptstadt Perus gründete, suchte er sich am Pazifik ausgerechnet einen Platz aus, der neun Monate pro Jahr von einer trüben Dunstglocke eingenebelt wird. Lima ist die erste Station meiner Peru-Erkundung und eine prototypische Stadt Lateinamerikas. Die meisten der siebeneinhalb Millionen Einwohner leben in wenig ansprechenden Wohnblöcken. Die wohlhabende Minderheit findet man in hübschen modernen Stadtvierteln am Meer, wo die Bobo-Dichte ähnlich hoch ist wie in den Wiener Innenstadtbezirken. Die Slums wiederum schlängeln sich malerisch die Hügel hinauf.

Die Altstadt Limas zeigt das koloniale Machtgefüge bis heute: Regierungspalast und Kathedrale liegen am zentralen Platz. Unweit davon die Klöster der Dominikaner und der Franziskaner, die von Beginn an in einem heftigen Konkurrenzverhältnis bei der Verbreitung des Seelenheils standen. Diese bauliche Konstellation findet man in den meisten Städten Südamerikas.

Abgesehen von der Altstadt gibt es an Sehenswürdigkeiten noch einige Museen, allen voran das archäologische Museum. In Europa ist man zwar mit den Inka gut vertraut. Diese Zivilisation stand allerdings erst am Ende einer unglaublich vielfältigen Kulturentwicklung. Ich versuchte vor der Reise, mich einzulesen, aber angesichts einer zweistelligen Zahl an unterschiedlichen Prä-Inka-Kulturen, war das ein vergebliches Unterfangen. Erst als ich im Museum vor den unterschiedlichen Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen stehe, lichtet sich langsam der Nebel im Kopf.

Machu Picchu

Von Lima aus reise ich mit einem Zwischenstopp zum Traum aller Touristen: Machu Picchu. Der bequemste Weg ist mit dem Zug zur kleinen Stadt unterhalb der Stätte zu fahren. Die Lok schlängelt sich durch ein beeindruckendes Andental und man durchkreuzt in knapp neunzig Minuten mehrere Klimazonen. Die Alternative wäre eine mehrtägige Wanderung auf dem berühmten Inka-Trail, wo heutzutage allerdings so viel los ist wie auf der Einkaufsstraße einer Großstadt. Beim Bahnhof besteigt der Kulturtourist dann den Bus, der langsam den Berg hinauf kriecht. Die Zahl der Besucher ist auf dreitausend pro Tag limitiert. Auf dem Ticket steht deshalb Datum und Name. Am Eingang wird der Pass kontrolliert. Je berühmter die Sehenswürdigkeit, desto skeptischer bin ich vor einem Besuch. Machu Picchu wird aber zu Recht gerühmt. Die spektakuläre Lage legt sämtliche Schalter um, die ein durchschnittlich sozialisierter Mitteleuropäer in Sachen Naturerlebnis eingebaut bekommen hat: Romantisch! Mystisch! Grandios! Die Archäologen streiten seit der Entdeckung – genauer wäre: Bekanntmachung – Machu Picchus durch Hiram Bingham über die Funktion der Stadt. Ich schlendere durch die Ruinen und versuche mir ein eigenes Bild zu machen. Die beliebteste Theorie derzeit ist, dass es sich um die Sommerresidenz des Inka-Herrschers Pacha Kutiq handelte. Vor den gewaltigen der Landwirtschaft dienenden Terrassen der Bergstadt stehend, frage ich mich allerdings, ob sie zu einem Herrscherlandsitz passt. Pacha Kutiq konnte sich Lebensmittel aus dem ganzen Reich liefern lassen. Wieso sollte er ausgerechnet ein paar Meter von seinem Sommerpalast entfernt einen so störenden Betrieb gestatten?
Das Inka-Reich ist die einzige mir bekannte Zivilisation, wo Planwirtschaft exzellent funktionierte. Trotz der Millionenbevölkerung war die Nahrungsmittel-Logistik so ausgereift, dass es vor der Ankunft der Spanier kein Wort für „Hunger“ gab. Auf der Hochebene zwischen Cusco und dem Titacacasee liegt Raqchi, eine alte Tempelanlage aus der Prä-Inka-Zeit, wo man eine große Menge dieser Getreidespeicher besichtigen kann. Selbstverständlich hatten die Priester dort als Machtinstrument ihre Hände auf den gehorteten Lebensmitteln.

Religion und Kunst

Peru und Bolivien sind zwei Reiseländer, die einem viele Einblicke in das Funktionieren von Religion ermöglichen. Nach der für die Einheimischen verhängnisvollen Ankunft der Spanier gründeten die Franziskaner und Dominikaner ihre Bekehrungsfabriken. Die Franziskaner setzten auf Quantität: Möglichst viele sollten möglichst schnell getauft werden. Die Dominikaner wählten als Hunde des Herrn eine dogmatischere Vorgehensweise und wollten gewisse theologische Mindeststandards nicht unterschreiten. Deutlich später traten die Jesuiten in Aktion. Sie gingen erst buchstäblich bei den Indianern zur Schule. Nachdem sie deren Weltbild und Religion verstanden hatten, entwickelten sie ein maßgeschneidertes Bekehrungsprogramm. Es entstanden so riesige, von Jesuiten dominierte Gebiete, dass es die spanische Regierung mit der Angst zu tun bekam, und 1767 den Orden dort verbot.
Schon sehr früh setzten die Orden die kirchliche Kunst zu Missionierungszwecken ein. Die Marketingstrategie war eine zweifache: Erstens wollte man die Einheimischen durch Prunk beeindrucken. Dazu wurden die Kirchen mit viel Gold ausgestattet. Ich stehe immer wieder vor in barocker Fülle glänzenden Altären, die teils lange vor dem europäischen Barock geschaffen wurden, aber eine ähnliche Wirkung haben. In der Religion der Inka spielte Gold ebenfalls eine überragende Rolle, so konnte man hier mit Hilfe eines Materials eine Brücke zwischen zwei völlig inkompatiblen Weltanschauungen schlagen. Raffinierter war die zweite Variante, nämlich die Anpassung der christlichen Ikonographie an die indianische Kultur. Die Missionsverantwortlichen gingen dabei mit einem erstaunlichen Pragmatismus zu Werk. Nichts veranschaulicht das besser, als die Innenausstattung der Kathedrale von Cusco, der ehemaligen auf dreitausendsechshundert Meter Höhe gelegenen Inka-Hauptstadt. Mehr als dreihundertfünfzig Gemälde sind in der Kirche zu sehen und ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Malschule von Cusco. Bereits ab 1580 wurden Elemente des italienischen Manierismus übernommen und die länglich-gestreckt gezeichneten Figuren entsprachen praktischerweise sehr dem indianischen Formempfinden. Weniger subtil war die Anpassung der Sujets: Auf der berühmten Darstellung des letzten Abendmahls liegt vor Jesus ein detailreich gemaltes gegrilltes Meerschweinchen – bis heute das Gericht der Wahl bei feierlichen Anlässen. Ich ließ mir eines Abends in Cusco ein Meerschweinchen servieren und empfehle allen Mitteleuropäern hiermit dringend, auf dieses kulinarische Experiment zu verzichten. Jesus bewirtete seine Jünger in einem andinischen Ambiente ferner mit Papayas, Avocados und Maisbrot.
Madonnen-Skulpturen sind durch geschickten Einsatz der Kleidung unten oft sehr breit und laufen zum Kopf hin spitz zu. Es gehört wenig Fantasie dazu, bei dieser Form einen Berg zu assoziieren. Kein Zufall selbstverständlich: Berge und speziell Vulkane spielten im Glauben der Inka eine überragende Rolle. Die Skulpturen erinnerten die Missonierungsopfer an Pachamama, die Mutter Erde. Die von den Ordensleuten überzeugten Peruaner nannten Pachamama also „Maria“ und alle waren mit dieser Farce zufrieden.
Religionswissenschaftler nennen die Verschmelzung zweier Glaubensrichtungen bekanntlich Synkretismus und im Andenraum ist das bis in die Gegenwart der vorherrschende Glaube. Selbst im Gespräch mit Angehörigen des (kleinen) Mittelstands begreift man schnell, wie tief diese alten Vorstellungen wurzeln, welche vom Katholizismus so weit entfernt sind wie der Titicacasee vom Traunsee. Der Vatikan klassifiziert diese Länder mit der ihm eigenen Chuzpe natürlich als hochkatholisch.

Cusco

Das Zentrum der Inka-Hochkultur lag rund um Cusco, weshalb die Zahl archäologischer Stätten dort besonders hoch ist. Obwohl die Spanier nach ihrer Ankunft vieles aufschrieben, was sie beobachteten, gibt es noch viele Rätsel. So viel wir über das Weltbild der Inka und über das Funktionieren ihrer Gesellschaft wissen, desto weniger ist über wichtige Details bekannt. Die Bautechnik beispielsweise wirft viele Fragen auf. Ich fahre deshalb bei blauem Himmel und dünner Luft nach Saqsaywaman, das über Cusco thront. Die meisten Archäologen halten die Anlage für eine Festung. Dafür sprechen die riesigen, mehrfach gestaffelten Mauerwälle. Allerdings gab es offenbar auch Räumlichkeiten, die nicht militärisch genutzt wurden, und der Ort liegt an einer Seite, von der eigentlich keine Angriffe zu erwarten waren. Ich gehe die Überreste der Mauer entlang und bestaune die Felsblöcke, deren schwerster über hundert Tonnen wiegt. Die Inka verwendeten das Rad nicht und selbst der Einsatz von Hebeltechniken war beschränkt. Zehntausende Einheimische mussten diese Bergbrocken mit Muskelkraft bewegt haben. Plötzlich fällt mir ein, was ich in den Anden schon die ganze Zeit beobachtet, aber bisher noch nie auf den Punkt gebracht hatte: Es ist bis heute eine Träger-Gesellschaft. Obwohl es keinen Mangel an Fahrzeugen aller Art gibt, sieht man jede Menge Menschen zu Fuß, die auf dem Rücken Lasten schleppen. Ich konnte mich nicht erinnern, auch nur eine Schub- oder Sackkarre gesehen zu haben. Auf dem Hinflug nach Lima saß ich neben einem jungen Belgier unterwegs zu seiner fünften Trekkingreise in Peru. Auch er berichtete beeindruckt, wie mühelos die Träger seiner Touren selbst große Lasten trugen. Ich stehe vor den Felsblöcken von Saqsaywaman, blicke auf die Ebene hinter mir und stelle mir tausende von Indianern vor, die mit Seilen riesige Gewichte bewegen. Aber wie konnte man in Zeiten ohne Megaphone unzählige Arbeiter gleichzeitig koordinieren? Jedenfalls hatten die Inka-Herrscher aufgrund ihrer ausgefeilten Administration die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Tagen hunderttausende ihrer Untertanen zur Arbeit oder zum Krieg zu mobilisieren.

In der Nähe des berühmten Plaza de Armas, auf dem man früher Mumien der verblichenen Inka-Herrscher in Prozessionen herum trug, liegt die Stadtbibliothek. Im Gegensatz zu Klagenfurt lässt sich die Stadtverwaltung Cuscos nicht lumpen, und stellt ihren Einwohnern ein Haus des Wissens zur Verfügung. Die Größe ist bescheiden und die alten Zettelkästen passten mehr ins neunzehnte als ins einundzwanzigste Jahrhundert. Dafür gibt es einen Raum mit Internetstationen. Die Leseplätze sind überfüllt. Junge und Alte drängen sich um die Pulte und bilden teils kleine Menschentrauben. Die zerlesenen Zeitschriften sind besonders begehrt. Wer verstehen will, welche Hoffnungen Menschen auf Bildung setzen können, der besuche Bibliotheken in Entwicklungsländern.

Titicacasee

Von Cusco aus fahre ich weiter zum Titicacasee. Die Hochebene liegt auf knapp viertausend Meter. Die Klimazonen sind nach oben verschoben, weil unterhalb der Berge der Dschungel liegt. Die Bäume Perus machen sich über unsere mitteleuropäischen Baumgrenzen lustig und versammeln sich in dieser Höhe noch zu Wäldern. Spektakuläre Wolkenformationen sind zum Greifen nahe. Darunter sehe ich dasselbe Schauspiel wie in vielen anderen armen Ländern, die ich besuchte. Immer wenn ich auf Reisen sehe, wie sich die Kleinbauern mit ihren armseligen Mitteln für ihren noch armseligeren Lebensunterhalt abplagen, sei es in Zentralchina, sei es in Nordindien, sei es in Kasachstan, drängt sich mir die Frage auf, ob die Menschen nicht doch besser Jäger und Sammler geblieben wären, statt sich auf das mühselige Landwirtschaftsabenteuer einzulassen. In einem armen Land ohne Sozialhilfe ist der Kampf um das tägliche Überleben selbstverständlich für viele Millionen Menschen an der Tagesordnung.

Trist ist auch die Stadt Puno, die direkt am Titicacasee liegt. Das Erklimmen eines Hotelstockwerks ist auf dieser Höhe bereits eine sportliche Großtat. War Cusco das machtpolitische Zentrum der Inka, so ist der Titicacasee das mythologische. Die Vorfahren der Inka sollen von der Sonneninsel dort stammen. Mit einem Durchmesser von fünfundsechzig Kilometer ist der See breiter als das Land Israel an vielen Stellen. Beinahe zweihundert Kilometer lang und bis zu dreihundert Meter tief wirkt der Titicacasee wie ein Binnenmeer. Haupttouristen-Attraktion sind die aus Schilf gebauten Inseln der Uros-Indianer. Sie zogen ursprünglich auf den See, um den Kriegszügen der Inka zu entgehen. Als ich eine dieser Do-it-yourself-Inseln betrete, wird mir aber schnell klar, dass sie heute nur noch ein Erlebnispark für Touristen sind.
Authentischer ist die Insel Taquile auf der noch tausendfünfhundert Einheimische wohnen. Die vielen bereits fertigen und noch in Bau befindlichen neuen soliden Häuser zeigen uns, dass wir Tagestouristen auch dort die Wirtschaft ordentlich ankurbeln. Trotz der Rucksack- und Kulturreisenden ist die Insel noch nicht am Stromnetz angeschlossen. Auch fließendes Wasser in den Häusern ist eine Seltenheit.

Bolivien

Am tiefblauen Titicacasee entlang, hinter dem sich schneebedeckte Sechstausender erheben, fahre ich Richtung bolivianische Grenze weiter. Im sonst verschlafenen Grenzort war aufgrund eines Marktes Hochbetrieb. Kaum hatte ich mich auf der peruanischen Seite zu den grotesken Grenzformalitäten vorgeschoben, gibt es ein neues Hindernis: Eine Wasserleiche treibt friedlich auf dem Fluss und die zum bolivianischen Grenzübergang führende Brücke war vollgestopft mit enthusiasmierten Schaulustigen.

Auf dem Weg nach La Paz bietet sich ein Zwischenstopp in Tiwanaku an, auch wenn von der einst monumentalen Kultstätte nur noch rekonstruierte Reste zu sehen sind. Die Ruinen dienten über Jahrzehnte als Steinbruch für neue Bauprojekte. Der Grundriss der Akapana-Pyramide gibt eine Vorstellung über die Größe der Anlage. Das erhaltene Sonnentor von Tiwanaku zählt zu den wichtigsten erhaltenen Denkmälern des gesamten Andenraums.

Eine gute Stunde Fahrzeit später, vorbei an der gespenstisch wirkenden Millionenstadt El Alto, wo unzählige unverputzte Häuser eine ebenso trostlose wie spektakuläre Landschaft zieren, und ich stehe über La Paz, die gleich mehrere Superlative für sich beanspruchen darf. Sie ist auf dreitausendsechshundert Meter die höchst gelegene Hauptstadt der Welt. Passionierte Radfahrer sollten die Stadt allerdings meiden: Vom tiefst bis zum höchst gelegenen Viertel sind neunhundert Höhenmeter zu überwinden. Hat man Geld, wohnt man im Tal, wo man die eisigen Winde des Hochlands weniger spürt und die Temperatur bis zu zehn Grad wärmer ist als auf den Höhen Laz Paz‘. Geld mit Touristen wird in La Paz noch direkter verdient als an anderen Orten: Auf dem bunten Bauernmarkt der Stadt nehmen mir Könner ohne Federlesens mein Smartphone ab. La Paz hebt die Fremdheit der Andenkultur auf eine neue Stufe. Das Rätsel, wie sie funktioniert, kann ein kurzer Besuch dort nicht lösen. Die an den Läden baumelnden getrockneten Alpacaföten werde ich jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Der Artikel ist als Kulturbrief in Literatur und Kritik Juli 2012 erschienen.

Nächste Station war Buenos Aires.

Friedrich Weissensteiner

Die großen Herrscher des Hauses Habsburg. 700 Jahre europäische Geschichte (Serie Piper)

Ich wollte mein Wissen um die Habsburger auffrischen und bin bei meiner Recherche auf das Buch des Hofrats (!) Friedrich Weissensteiner gestoßen. Es enthält vierzehn kaiserliche Portraits von Rudolf von Habsburg, dem Begründer der Dynastie, zu Karl I. der nach dem ersten Weltkrieg abdanken musste. Diese biographischen Skizzen sind solide geschrieben, was leider das Beste ist, das man vom dem Buch sagen kann. Es stellt zwar die wesentlichen Informationen zusammen, ist aber sonst denkbar uninspiriert. Es gibt keine Abwechslung, keine methodischen Überraschungen, kurz es fehlt an Geist. Weissensteiner ist sicher ein Kenner der Materie und hat enorm viel Material verarbeitet. Das Ergebnis ist aber leider ein höchst durchschnittliches Sachbuch.

Prinz Eugen – Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Belvedere 14.3.

Philosoph? So mag sich mancher angesichts des Untertitels der Ausstellung im Unteren Belvedere fragen, die dem Bauherrn dieses schönen architektonischen Ensembles gewidmet ist. In den einschlägigen Philosophiegeschichten jedenfalls ist Prinz Eugen zurecht nicht vertreten, was die Kuratoren der Schau aber offenbar nicht stört.

Wobei wir gleich beim Schwachpunkt des Projekts angekommen wären: Es handelt sich um eine Huldigung. Kritische Aspekte der Biographie wie etwa Prinz Eugens Umgang mit Aufständischen werden höchstens am Rande gestreift. Die Räume sind überwiegend chronologisch angeordnet. Dort finden sich Gemälde, die dem familiären und historischen Umkreis zeigen, sowie viele Devotionalien, die mit dem Prinzen in Verbindung zu bringen sind. Das ist alles „state of art“, birgt aber keinerlei Überraschung.

Das ändert sich, wenn man die Orangerie betritt, welche zwei Schwerpunkte hat: Prinz Eugens Gemäldegalerie und dessen Bibliothek. Die ursprüngliche Hängung der Gemälde wurde an die Wand gemalt und die noch vorhandenen Bilder aus der Sammlung an den korrekten Stellen angebracht, während die fehlenden von Zeichnungen repräsentiert werden. Das gibt einen schönen Eindruck über die damalige Anordung der Bilder.

Prinz Eugens Büchersammlung war einer der Grundstöcke der Österreichischen Nationalbibliothek. Leihgaben zeigen eine repräsentative Auswahl. Es sind eine Menge schöner und schön illustrierter Bücher dabei, was alleine den Ausstellungsbesuch rechtfertigt. Erwähnt sei, dass Prinz Eugen den Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Schriften legte. Das zeigt wie vielseitig interessiert er war. So meinte er hübsch auf die Zeit seiner Pensionierung angesprochen: „(…) und ich besitze einen hinreichenden Vorrath guter Bücher, um mich nicht zu langweilen.“

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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